Erster Teil (Auf Diskette): NOT

There is a flower
Within my heart,
Daisy, Daisy!
Planted one day
By a glancing dart,
Planted by Daisy Bell!
Whether she loves me
Or loves me not,
Sometimes it's hard to tell;
Yet I am longing to share the lot -
Of beautiful Daisy Bell!

Harry Dacre: Daisy Bell (A Bicycle Built for Two), 1892

jan-apr.doc

Nein. Wenn das hier wirklich Sinn machen soll, muß ich mit einem Ex­kurs über das Anfan­gen beginnen. Ich fand das nämlich von je­her die schwierig­ste aller Handlungen. Zie­le ab­stecken, mir et­was vor­nehmen, geht noch ganz gut von der Hand – ob­wohl es als Grundlage eines jeden Beginnens bereits den Druck zur Umset­zung aus­übt. Schon eher sel­ten kann ich mich dazu durch­ringen, die Ent­scheidung über den Aktions-Zeitpunkt zu fäl­len. Ist jedoch diese Hürde genommen & der Moment da, das Vorhaben zur Tat werden zu lassen – überredet mich der Gedan­ke an mög­liche Aus­wirkungen, lieber ganz die Fin­ger davon zu las­sen.
Ein mittleres Wunder also, daß ich hier sitze: in der kühlen Um­armung dieses unferti­gen Steinkörpers, der nicht über die Stadt­mauergrenze hinaus­wachsen durfte, es meinen Ge­danken aber er­laubt, in geschützter Freizügigkeit durch die Nacht zu springen; daß ich hier, inmitten des Dunkels der Ka­thedrale, meinen Adlerf­inger wirklich über die Tasta­tur kreisen & bei Entde­ckung einer Buch­stabenbeute her­abstoßen lasse, um damit die Worte zusam­menzustellen, die soeben auf dem Bildschirm er­scheinen...
Es ist wirklich ein Wunder, daß ich einfach so weitermache. Denn im Schluß machen wiederum bin ich ziemlich gut.
Zum Beispiel als Kind auf dem Spielplatz, als ich mich mal wie­der mit Karl Koschel im Sand prügelte (ohne ange­fangen zu haben!), da rief Mutter von der Bank herüber:
–Roland! Jetzt aber Schluß!
Schon ließ ich es. Nicht aus Ver­nunft oder Reue, son­dern weil es mir, einmal auf die Idee ge­bracht, leichter fiel, als den nächs­ten Hieb zu platzieren. Karl hat mir dann – hämisch grin­send über mein Stillehalten – noch ordentlich zwei auf die Lippe gege­ben, bevor mein Vater dazwischen ging.
Oder als wir die obligatorische Mutprobe unter uns Jun­gen machten & ich beim Überqueren der Autobahn plötzlich ste­hen blieb… All die Fragment gebliebenen Hausaufgaben, Seminarar­beiten, Zeitungs-Reporte… Die vorzeitigen Abreisen… das Verlas­sen der Theater in den Pausen… Die ab­gebrochenen Kon­takte…
Die Not zur Tugend verklärend, gab ich mich irgendwann als Sa­tanist aus – das ver­schaffte den Leuten eine plausible Erklä­rung & mir ein wenig Re­spekt.
So ist das nun mal: Ich kann dem mächtigen Impuls nicht wi­derstehen, wenn sich eine Gelegenheit zur Beendi­gung bietet – & weil das oft zu bösen Verletzungen führt, habe ich gelernt, äu­ßerst vorsichtig mit dem Anfan­gen von etwas zu sein.
Naja egal:

Nach dem letzten Mal vor sechs Jahren wagte ich wieder einen Ver­such, mich in das Herz meiner Jugend­liebe zu stehlen. Ich war schon knapp drei­&dreißig, aber immer noch nur einsneun&­siebzig lang, Ca­rola Oleg [Name ge­ändert] etwas größer & eineinhalb Jahre jünger. Sie hatte antilopige Beine & roch wie Pflau­menknödel im Herbst.
Auch diesmal wieder, auf dem mitterweile zum jährlichen Ritual ge­wordenen Silvesterumtrunk auf Olivers Hof draußen im Grünen, hatte ich sie gleich an ihrem Geruch wiedererkannt, noch bevor ich sie sah: als sie sich, meiner nicht gewahr, vor das Fenster schob, gegen das draußen der Schnee wirbelte & in der Berüh­rung mit dem beheizten Glas zu Wassertrop­fen verglühte, die meinen Ausblick ins schwarzwei­ße Nichts verschwimmen lie­ßen.

Daß ich schon so weit gelangt bin, bis auf die dritte Seite – es muß wirklich mit ges­tern zu tun haben, Arni. Endlich wird mein Neu­jahres-Vor­satz zur Tat: mein Le­bens-Alltag, der immer nur an mir vor­beizog & sich in Erinnerung auflö­ste, in eine Schrift ge­bannt für die Zukunft... Um die nächs­te Nie­derlage vielleicht eher kommen zu se­hen, aus dem ver­gangenen Gesche­henen vorhersag­en zu können. Um vor­bereitet zu sein. Nicht wie an Sil­vester blind in die Falle zu tappen.
Jetzt rede nicht drumherum und geh endlich an, was du dir da­mals vorgenommen hattest...

Oh nein. Ich schreibe von mir, als würde ich selbst spre­chen, dabei ist je­des Wort, das ich hier eintippe, einer Ent­scheidung ent­sprungen, die von etwas stammt, das ich sagt, aber un­möglich mich meinen kann, da doch gera­de hierin meine Schwäche liegt; schon fühle ich, wie mich Läh­mung be­schleicht, wie ich aufzuhören plane, was mir viel leich­ter fällt, als wei­terzumachen – das steht ja schon ge­schrieben.

Es läßt sich nicht wegschreiben, der Zwang zum Schluß ma­chen reckt seine Ellbogen vor. Ich muß ein Zu­geständnis machen.

***

jan-apr.doc (2)

Zweiter Versuch. Wieder aufs Rad steigen. Sich einen Schuß Kirschli­kör setzen. Tiefer in die wärmende Decke verkriechen, dem einzigen Schutz vor dem kalten Ausmaß dieses Schattenge­mäuers, das eintausendsieben­hundertzwei-&siebzig auf den Über­resten ei­ner kon­stantinischen & lateini­schen Basili­ka – danach ei­ner karo­lingischen Kathe­drale – erbau­t worden war, ge­weiht den Märty­rern Justus & Pas­tor, in seiner Höhe übertroffen nur von den Kir­chen von Be­auvais, Amiens & Metz...
Nicht alles auf einmal wollen. Zu­nächst ein­mal den Beginn des Tagebuchs genau­er bezeich­nen:

Zweiter Mai Zweitausendeins (Null Uhr Fünf&zwanzig):

& nicht so­fort alles preisgeben!
Sich einer Überschrift unterordnen – Erinnerung an die Spiegel-Ti­tel eines Jahresdrittels als Ideen-Katalysator:

»Das Universum im Kopf – Joschkas wilde Jahre – Zurück zur Scholle – Preußen – das zwiespältige Erbe – Das Ge­spenst der Siebziger – Ich – Die große Rentenreform – Die Milliardenfalle – Neue Heimat Süden – Verschwunde­ne Kinder – Droge Macht – High-Tech-Welt Zweitausend­eins – Was fühlen Tiere – Was sollen Kinder lernen – Zu­rück zur Familie – Auf den Spuren der Königin von Saba.«

Zu marktschreierisch für die Banalität der zugehöri­gen Geschich­ten; un­tauglich für mein Projekt, mein bescheidenes Le­ben...
Hier allerdings, in der Sakristei der Ka­thedrale, zwei Wandtep­piche aus Aubus­son: Sieg Davids über Goliath & Besuch der Königin von Saba bei König Salomon... Ein Bekann­ter von mir aus der Haupt­stadt, Ar­chäologiestudent, gräbt gerade die Palast­stadt der Königin in Jemen aus – selt­sames Zu­sammentreffen zweier Parallelen, das nur im ge­krümmten Raum möglich ist?
War soetwas auch gestern geschehen?
Jedenfalls: Lieber doch keine Überschrift. Erst hinterher festle­gen, im Über­blick über die heimliche Ordnung der Dinge.
Diese Kopfschmerzen! Die Schulter, die Hüfte, sie melden sich wieder. Wäre ich gestern doch nicht gerannt wie ein aufge­scheuchtes Huhn, blind für das Drumherum...
Flucht in Assoziationsketten: Mein Ge­burtstag. Der Drei&drei­ßigste. Schnapszahl. Asbach Uralt. Verfallsdatum abgelaufen seit ei­ner hal­ben Stunde. Der richtige Zeit­punkt. Child in Time. End­lich auf der Spur, den Plan in die Tat um­zusetzen. Von. Nun. An: Ge­schnetzeltes. Der Maschi­ne (Pro­metheus, Golem, Ho­munkulus, Frankensteins Mon­ster...) Le­ben einhäm­mern.

Arni, ich kann bereits mit mehr als nur einem Finger. Alles eine Fra­ge der Übung. Jetzt sind es schon zwei!

Der Gedankenstraße also einfach vertrauen. Sanft vom Boden ab­stoßen. Nicht um­sehen. Noch nicht in die Pedale treten! Erst­mal anrollen lassen. Konzentra­tion auf die Monotonie des Mittelstrei­fens statt auf die turbulente Um­gebung.
Ich werde beim ich bleiben, solange es geht; solange ich vom jetzt schreibe. Jenes ich aber, das mich hergeführt hat…
Es wird ein Wechsel nötig sein, keine Frage: Dritte Person Sin­gular, Präteri­tum. Nur mit diesem Schutzhelm auf dem Kopf, die­ser Weste am Körper – ich nicht als ich –, kann man die Stützräd­er abschrauben. Die Füße auf die Pe­dale – & los!

Silvester Zweitausend/Zweitausendeins: Sie studierte Psychologie – also erhoffte er sich von ihr nicht nur Aufklärung über die Untiefen der weiblichen Existenz, sondern auch Analyse & The­rapie seiner beiden größten Pro­bleme: der Endigungs-Sucht – & des je­nem Naturell wider­sprechenden Dranges, etwas mit einer Frau (ihr!) anzu­fangen...
Mein Gott, sie trug noch immer diese leicht angehobene Spitznase & den Sommerspros­sen-Kranz um die Augen herum!

Der Gang greift, die Übersetzung stimmt, die Kette reißt nicht. Wun­derbar. Das Kugellager rattert kontinuierlich, während das Rad die Straße hinab­rauscht.
Nicht darüber nachdenken, wie man das Gleich­gewicht hält. In Fahrt bleiben. Vielleicht entdeckt man dabei unerwartete Nach­barschaften, wird einem die unverhofft zusammenhängende Geo­graphie der Gedanken geoffenbart?
Für dich Arni, meine Adresse. Mein Unbe­wußtes hatte dich längst einkalku­liert – die Finger nur deshalb ohne Störfall gelenkt, weil es bereits wußte, daß seine Worte sich an niemand beliebi­gen richteten… Warum an dich & nicht Oliver? Naja, nach dem Verlauf des letzten Gesprächs... Er war der beste Freund meiner Taten, du bist der meiner Pläne. Das hier würde er auch gar nicht verstehen. Du mußt mir jetzt einfach den Spie­gel halten, Kron­tastmittel mei­nes Lebens-Werk sein, tut mir Leid.
Lieber Arni, Bestreiter der germa­nistischen & philosophis­chen Se­minare wie ich & nun vielleicht bald sogar Romancier; du Zwil­ling aber auch Anti­pode – dein scharfes Auge be­achte die Worte, die No­stradamus uns hin­terließ, als er ein ein­ziges Mal so hell­sichtig war, vor dem Mißbrauch sei­ner Vierzeiler zu war­nen:

»Wer diese Verse liest, der möge sie reiflich prü­fen! Gott­lose & Unwissende sollen sich nicht damit befas­sen! Alle ‚Astro­logen’, To­ren, alle Barbaren sollen sich fernhalten! Wer sich nicht dar­an hält, der sei nach hei­ligem Ritus ver­flucht!«

Aus­schneiden. Einfügen. Alles auswäh­len &: Lö­schen.

***

jan-apr.doc (3)

Silvester Zweitausend/Zweitausendeins: Nach dem letzten Mal vor sechs Jahren wagte er wieder einen Ver­such, sich in das Herz seiner Ju­gendliebe zu stehlen. Er war schon knapp drei­&dreißig, aber immer noch nur einsneun&­siebzig lang, Ca­rola Oleg [Name ge­ändert] etwas größer & eineinhalb Jahre jünger. Sie hatte antilopige Beine & roch wie Pflau­menknödel im Herbst.
Auch diesmal wieder, auf dem mitterweile zum jährlichen Ritual ge­wordenen Silvesterumtrunk auf Olivers Hof draußen im Grünen, hatte er sie gleich an ihrem Geruch wiedererkannt, noch bevor er sie sah: als sie sich, seiner nicht gewahr, vor das Fenster schob, gegen das draußen der Schnee wirbelte & in der Berüh­rung mit dem beheizten Glas zu Wassertrop­fen verglühte, die seinen Ausblick ins schwarzweiße Nichts verschwimmen lie­ßen.
Sie studierte Psychologie – also erhoffte er sich von ihr nicht nur Aufklärung über die Untiefen der weiblichen Existenz, sondern auch Analyse & Therapie seiner beiden größten Pro­bleme: der Endigungs-Sucht – & des jenem Naturell widersprechenden Dranges, etwas mit ei­ner Frau (ihr!) anzufangen...
Mein Gott, sie trug noch immer diese leicht angehobene Spitznase & den Sommerspros­sen-Kranz um die Augen herum!
Das war schon ihr Kennzeichen als Schulkamera­din auf dem Graf-Müns­ter-Gymnasi­um in Bayreuth gewesen, einer neusprach­lich-mathe­matischen Schule, die er nur des­halb be­sucht hatte, weil sie über die günstigste Busverbin­dung zu Niederschißritz verfügte, dem fünfhun­dert-Seelen-Mei­ler seines Her­anwachsens, sechs Kilo­meter vor dem Stadt­rand der ober­fränkischen Kapitale. Hier hatte ihn nichts gehalten: we­der die Bayreuther Universität, die vor ge­rade ein­mal sechs­&zwan­zig Jahren gebaut worden war (Roland liebte das Altertümliche), noch die gemütlichen fränkischen Hügel – außer eben Carola: die ihm jetzt, ihr unbeabsichtigtes Eindringen in seine Einsamkeit vor dem Fenster bemer­kend, leicht schielend vom Al­kohol ins Gesicht sah, ihn auch gleich wiedererkannte, die Brau­en & Backen nach oben zog, im Ansatz, ihn anzusprechen, offenbar so­gar wegen einer Idee, die ihr gerade ge­kommen war, einer offensicht­lich genialen, – & schon von einer Trau­be Freundinnen weitergescho­ben wurde...
Carola... Sie war nicht wie er & vie­le ande­re zu Be­ginn des Studi­ums in eine Groß­stadt außer­halb Frankens gezogen, son­dern hier, in der Tal­sohle zwi­schen Frän­kischer Schweiz & Fich­telgebirge ge­blieben. Seit sei­nem Umzug nach der Hauptstadt & an die Ernst-Humboldt war die einzige Gele­genheit, sie wiederzusehen: wenn er mal wieder zu Be­such bei den El­tern weilte – was er entgegen aller Vernunft ziemlich oft tat. Er spürte also am eigenen Leib, warum die alten Dichter der Seele-Kör­per-Gespaltenheit so viele Lie­der gewidm­et hatten.
Er versäumte keine Einladung zu den Ehemaligen-Treffen, machte jedes­mal alles möglich, um von Berlin herunter zu kom­men. & wenn sie sich dann hier inmitten der Anderen begegneten, wie jetzt… hatte sie seine Blicke an ihr vorbei immer falsch gedeutet, seine Sprachlosig­keit nie­mals auf sich bezogen. Sein Werben war in stil­ler Distanz ver­blieben. Er hatte einfach nie etwas mit ihr anfangen können...

Be­vor ich vergesse, das zu meinem gestrigen Ge­burtstag aufzu­schreiben – ja, Arni, ich muß es hier klar artiku­lieren, Roland A. Iobst (das A. steht für Ansgar, was ich gern unterschlag­e), erklär­ter Satanist & großer Gnostiker, läßt sich sonst nicht ganz verste­hen: dieses Datum hatte nicht nur mein Verhält­nis zu dem Land ge­prägt, dem ich soeben nach Süd­frankreich entron­nen bin, son­dern war auch der tiefere Grund für Bil­dung & Be­ruf. Es hat mich für überschriebe­ne Zeitschich­ten sen­sibel ge­macht, die man hin­ter dem Heute entdecken kann wie auf einem Palimps­est.
Wenn man am ersten Mai geboren ist, lernt man schnell mit trauriger Komik zu leben. Das wich­tigste Ereig­nis des Jahres, die feierli­che Be­gehung der eigenen Einzig­artigkeit, an der man übli­cherweise als einzi­ger das Recht erhält
– sich stundenlang alte Buck-Rogers-, Flash-Gordon- & Raumpatrouille Orion-Fol­gen auf Video anzu­sehen, als Raum­schiffe noch an Ny­lonfäden hin­gen & von Wun­derkerzen an­getrieben wurden;
– stundenlang die alten Sierra- & Lucas-Arts-Adventu­res zu spie­len, unter­brochen nur von ein paar Freuden­stab-Rüttelor­gien in den Summer- & Winter-Games: al­les via Datasette auf dem seit Kin­dertagen gehüteten Commodore Vier&sechzig;
– einen Spaziergang zu den Spiel­plätzen zu un­ternehmen, wo man das erste Weitpin­keln ver­anstaltet oder sich die erste Ge­hirnerschütterung ein­gefangen hatte, um den Kindern dort stun­denlang die Kletter­burg streitig zu ma­chen;
dies verliert am Tag der Arbeit seine anarchische Exklusivität.
Man muß dieses Quantum öffentlich legitimierter Faul­heit je­doch nicht nur mit allen anderen Mitbür­gern tei­len, son­dern in Zwangsehe mit ei­nem Anachronismus:
Die Mehrheit der Arbei­terklasse genießt heute doch die Vorzü­ge von Arbeits­zeitkonten, Gleit­zeit & Ab­bau von zwei Milliar­den Über­stunden im Jahr – wer Arbeit hat, macht sich davon frei –, wäh­rend die Netz-Pioniere meiner Generation als freie Mit­arbeiter, Auf­tragsinformatiker oder selbstän­dige Webdesig­ner die Tren­nung von Arbeit & Privat­leben längst auf­gegeben & ein neu­es Zeitalter der Erwerbstätigk­eit ein­geläutet haben, in dem ausgefeilte Spei­chertechniken den Men­schen endgültig seines kol­lektiven Ge­dächtnisses berau­ben wer­den:
Man wird den schma­len Grad zwischen Gestern & Mor­gen stetig ver­breitern, car­pe diem rund um die Uhr. Die Erinnerungsar­beit wird ausgela­gert zugunsten eines taglaunischen Lebens ohne Ur­sprung & Hori­zont – der Tag der Arbeit also nur noch als Eti­kett für eine be­stimmte Dosis In­stant-Frei­zeit aus dem staatli­chen Ser­vicepaket herhalten. Histo­risch gewachsene Tatsachen, wie die Ur­sprünge dieses Feier­tages, werden keine Rolle mehr spielen.

Silvester Zweitausend/Zweitausendeins: Diesmal jedoch, seit ihrer Be­gegnung vor dem Fenster, war etwas anders: seine vorsichtigen Blicke trafen auf jemand­en, der sie her­ausforderte.
Die debattierenden Gäste befanden sich in einem schnelleren Raum-Zeit-Kontinuum als Carola & er: Während jene ein neues Zeitalter des Spiels mit dem Authentischen heraufdämmern sahen, weil nämlich am Vortag, nach hun­dertsechs Tagen Le­ben im Kamera-Contai­ner, diese schamlose drei&zwanzigjährige Ju­rastudentin das Finale der zweiten Big-Brother-Staffel gewonnen hatte (woran knapp ein Zehntel der Bundesbürger Anteil ge­nommen & da­mit dem Pro­duzenten ein paar Tränen in die Augen ge­trieben hatten), schien sie ebensow­enig bei der Sache zu sein wie Roland. Eindeutig suchte sie immer wie­der seinen Blick aus den Men­schentrauben heraus.
Was konnte ge­schehen sein? Es wußte doch niemand von sei­ner Lei­denschaft außer dem Gastgeber, seit Kin­destagen sein eng­ster Ken­ner; wußte noch jemand, wie oft Roland vergeblich versucht hatte, an Carol­a heranzukommen: wenn sie zum Beispiel in den Semes­terferien für die Festspiele arbeitete – als Verkäuferin von Schwarz­marktkarten oder als Be­treuerin der Besu­cher, denen im histor­ischen Zuschauer­raum we­gen der fehlenden Kli­matisierung schlecht ge­worden war?
Kein Zwei­fel: Carola wollte ihn auf ein Ansinnen hin­weisen, das dem seinen ähnlich zu sein schien. So wie sie sich immer an der eng­sten Stelle zwischen ihm & den an­deren Gästen hindurch­zwängte, dabei ihr grandioser, von einem Angorapulli verhüllter Ober­körper seine Arme entlang streifend, knisternd vor Rei­bungselektrizität…
Er hätte also vielleicht darauf verzichten können, sich Ent­schlußkraft anzu­trinken. Er war aber eben trotz seines Alters noch nie von einer beansprucht worden. Auch half der Schleier des Kirschlikörs, die in ei­ner Gehirnwin­dung schrillen­de Alarm­sirene zu überde­cken, die ihn hartnäckig an das er­innern wollte, was die anderen stets von ihr be­haupteten. Sein & Er­scheinen lägen nicht immer direkt bei­sammen...
Aber er kannte sie besser. Er hatte etwas gesehen, was keiner gese­hen hatte, ihr wahres Wesen damals am See – & er hatte den Plan, in sechs Jahren gereift: ihr ei­n Gedicht zuzustecken. Es war zwar nur aus einer Laune heraus entstanden, wäh­rend eines langweiligen Frühge­schichte-Se­minars, auf dem neuen elektronischen Notizbuch – aber Ro­land dachte pragma­tisch, daß es passend wäre, ihr sein Di­lemma zu veran­schaulichen, ohne daß er dafür in prekäre Details ge­hen müß­te:

FUßNOTEN ZUM PLAN DER BESCHREIBUNG DES TROJA­NISCHEN KRIEGES

Von Helena & Paris will ich künden
Deren lasterhafte Sünden
Beschworen den Krieg von Troja

Von Agamemnon & Odysseus
Die als Streiter des Zeus
Trugen den Krieg gen Troja

Von Kassandra & Andromache
Den Frauen die mit ach! & weh!
Warnten vorm Krieg in Troja

Von Priamos & Hekuba
Die als töricht Königspaar
Einließen den Krieg nach Troja

Von Hektor & Achill
Die um der Götter Will
Fochten im Krieg um Troja

Von einer List will ich singen
Die nach blutigem Ringen
Entschied den Krieg von Troja

Aber mit welchen Worten beginnen?

Er kam nicht dazu, die Überzeugungskraft seiner Metapho­rik auf die Probe zu stellen, denn... Hui, wie das tanzt & sich dreht... Zack!

Kurz war er weggedriftet & unsanft auf dem Boden gelandet, aber er hatte sich wundersam wieder aufgerappelt & hinter das Zielob­jekt ge­hängt, plötz­lich sehr Taten-tollkühn: gerade woll­te er ihr den gefaltet­en Computer­ausdruck in die lin­ke Gesäßta­sche schie­ben – sie bog sich ei­ner Freun­din entgegen, um sie unter dem Lärm bes­ser hören zu kön­nen; ihr herrli­ches Rückgrat, vom Angora­pulli befreit, drückte sich leicht durch das lilafarbene Top –, da dreh­te sie ihm ihr Champagner-Lächeln zu & hauchte etwas, das von der Mu­sik ver­schluckt wurde, aber wie ein tief-fränkisches, herzliches –End­lichasdsgschnalld! aussah.
Sie hatte ihn angesprochen! Ob sie nur auf den ersten Moment ge­wartet hatte, in dem er aus der Deckung kam?
Kein Vergleich könnte den Schre­cken & die Emphase beschreiben, der ihn in jenem Mo­ment gleichzeitig durchfuh­ren. Die Knie begannen sich selbständig zu machen, er spürte ihn etwas am Arm pa­cken & hin­ter sich herzieh­en, hörte helles La­chen, seine Schritte auf dem Pflaster – & fand sich mit ihr einige Häu­serblocks wei­ter in einer Küche wieder; die anderthalb Liter Mut drückten all­mählich auf die Blase.

Entschuldigung, vorhin wurde ich etwas zu leidenschaftlich in meiner Wortwahl. Du weißt warum, Arni: Die zwölf Semester Stu­dium der Ge­schichte, Germa­nistik & Philo­sophie haben uns einen Jargon eingeimpft, mit dem wir glaubten jenseits der lingua fran­ca gegen den Ver­fall des deut­schen Wortschatzes an­kämpfen zu können – nicht als anglopho­be Reak­tionäre, son­dern aus Liebe zu den mikrosko­pischen Fä­higkeiten unserer Sprache.
Jetzt aber scheinen mir diese Wörter ih­ren Gegen­stand nicht mehr zu treffen. Die Zeit ist schneller als die Wörter.
Ich habe kein Übung im Idiom der gegenwärtigen Palaver-Diar­rhöe, der Prosa der Pauscha­lisierer & Pizza­lieferanten, die im Netz neuerdings gepflegt wird. Kein Wunder, wirst du jetzt sagen, du beugst dich ja lieber über Truppenaufstell­ungen aus dem dreißig­jährigen Krieg, Ein­kaufslisten Pari­ser Mägde wäh­rend der Schwei­nepest oder Pamphlete aus dem fünfzehnten Jahrhundert (die statt der vier Körpersäf­te Blut, Phleg­ma, Gel­ber & Schwar­zer Gal­le die Drei­heit von Was­ser, Blut & Sperma preisen – Beweis der göttlic­hen Ab­stammung des Men­schen, weil die Zahl Drei dem Schöpfer kosmologisch näher stehe, als die auf den Element­en beruhende, also irdisch zu interpretierende Vier...).
Stimmt Arni. Ich habe immer geglaubt, die Langsamkeit der Wör­ter sei et­was Gutes.
Stil ist der Mensch selbst, würdest du antworten. Du kannst nicht aus deiner Sprache, also warum versuchst du das Unmögli­che? Du würdest ja so­wieso gleich wieder aufhören damit.
Immer ist der Dämon der Beendigung am Werk... Gera­de jetzt probiert er es aufs Neue. Selbst Flucht vor ihm ist Teil seiner Strate­gie. Ich habe eine echte Behin­derung – man halte mir die gekennzeichneten Parkplätze frei!
Ich kann den Mahr, der schon wieder zum Sprung auf meinen Bauch ansetzt, nur abschütteln, indem ich die Tastat­ur wei­ter be­hämmere, dem Computer alles anver­traue, was der Gang der Ge­danken mir eingibt, den Regeln eines noch zu formu­lierenden postsur­realistischen Dog­mas automati­schen Schreibens ge­mäß: weiter die Straße entlang, sich nicht aufhal­ten las­sen, hö­her schalten, den Blick immer nach vorne, nur nicht an Hindernis­se, falsche Abzweigungen, plötzlich kreuzende Passanten denken…

Silvester Zweitausend/Zweitausendeins: Sie bemerkte den Blick, mit dem er sich umschaute, um her­auszufinden, wo er war, wie & warum gerade hier, sie hatte ihn doch nicht etwa zu sich mit nach Hause ge­nommen, um ihm erneut zu demonstrieren, daß sie die Toch­ter eines Vor­standsvorsitzenden war?
Bevor er noch selbst darauf kam, an was ihn der Anblick des Gas­herds & des WMF-In­strumentariums erinnerte, kam die Fra­ge aus ei­nem Neben­zimmer, in das sie soeben gehüpft war:
–Ob er Biolek gucke (die Kü­che sei der Sendung nachemp­funden) & ob er den Witz kenne, wie Cunni­lingus bei den Grünen ge­nannt werde.
Er ver­neinte zweimal, was von einem wenig damen­haften Ki­chern quittiert wurde, machte einen Aus­fallschritt, um nicht ta­tenlos herum­zustehen – & lief ihr ge­radewegs in die Arme.
Sie war aus der Abendgarderobe ge­schlüpft, nackt bis auf einen teu­ren Seidenslip – sogar um die Brustwarzen wa­ren ein paar Sommer­sprossen auf kleine Satelliten­umlaufbahnen ver­streut –, hielt mit der einen Hand eine Cham­pagnerflasche & fuhr ihm mit der anderen über die Haare lang­sam ab­wärts bis zur verbotenen Zone, ihr Blick verriet ein dringendes Anliegen... Mitter­nacht stand kurz bevor, sechs&fünfzig Prozent der Bundes­bürger erwarteten opti­mistisch das neue Jahr, nach­dem die deutsche Wirtschaft zuletzt mit dreikommaeins Prozent den größten Anstieg seit der Wiedervereini­gung verzeichnet hatte.
Während er in Bestürzung über ihre Berüh­rung ein Mahn­mal an den zweiten Weltkrieg zu imi­tieren schien (& noch immer mit seinem Bla­senproblem kämpfte), köpfte sie den Champa­gner, ließ sich seine hell­gelben Per­len den Hals her­ab rinnen, während der Eß­tisch genügend Platz bot, sich so zu rä­keln, wie sie es den Blondinen aus den Spätfil­men im Kabel­fernsehen ab­geschaut hatte.
Schließlich forderte sie ihn zum Koitus auf: indem sie ihm mit ei­nem Bein den Slip ins Gesicht schleu­derte & mit Siegeszeichenhalt­ung ihres Un­terleibs (V – Die Außerirdischen Besucher kommen, erinnerst du dich, Arni?) das Lachs­fleisch zwischen den Schenkeln ent­blößte.
–Schnell schnell, drängte sie, –Um null Uhr wolle sie zum Höhe­punkt kom­men. We­nigstens das. Wenn sie schon den eigentli­chen & wah­ren Jahrtausend­wechsel in die­sem Kaff, dieser ganzen Scheiße hier ver­bringen müsse. Er sei doch schon lange spitz, sie habe sich bei Oli­ver nach ihm erkundigt... Damals am See, das sei doch er gewesen, nicht war? Ja, sie habe ihn durchaus bemerkt, aber erst, als er davonzu­schleichen ver­sucht hatte – hier wäre jetzt seine Chance…
Wie um die merkwürdige Verzweiflung ihres Wunsches noch zu un­terstreichen, tippte sie mit einer flin­ken Handbewe­gung auf eine nahe­liegende Fernbe­dienung. Ir­gendwo sprang eine Stereoan­lage an & spiel­te Wer bist du, kühner Knabe aus Wag­ners Nibelun­genzyklus.
Die­sem Weib war er nicht gewachsen. Man verlangte eine Entschei­dung von ihm. Er hatte getrunken, das verwässert oben den Kopf & will unten wieder heraus. Der Pennäler hing also beharrlich herab, ein lebloser Blut­egel, da ließ sich nichts ma­chen. Ein schamhaft zusammen­gepreßter Mund war alles, wo­mit er ihr ent­gegenkommen konnte.
Da war noch dieser Ausdruck auf ihrem Ge­sicht, der die ganze Skala von Säuerlichkeit über Enttäu­schung bis zur Verachtung durchlief – & die Tatsache, daß sie ihm hektisch die Hose aufknöpfte, alle Tricks anwendete, die sie in der Bravo gelernt & über die Jahre des in-die-Dreißiger-Kommens an zahlreichen Test­personen perfektio­niert hatte...
Er ließ es mit sich geschehen, al­le Kraft ausgelaufen, flüssige Butter. Zwecklos – an Roland zerschellte ihre sexuelle Meisterschaft wie die Titanic am Eisberg.
Aufhören! dachte er. Warum hört es nicht auf?

Hierher nach Narbonne bin ich also ge­flüchtet: zu meiner größten Obses­sion, den Katharern, den gnos­tischen Ketzern – dir, Arni, muß ich dazu ja nichts sagen...
Geburtstagsgratulationen erwar­te ich sowieso keine. Am ersten Mai läßt man mich in Ruhe, weil ich seit Jah­ren an ei­nem falschen Datum, am ersten August feiere – da hab ich meine Ruhe, weil sich alle die Bäuche an einem Mittelmeer-Strand braten las­sen...
Endlich auch einmal etwas anderes sehen, nicht wahr Arni, als die olle Plattenbauwoh­nung: ein ZKB, zwei&fünfzig qm, zentrale Lage am Rande von Ber­lin-Mitte (naja eigentlich Friedrichshain) – nahe Karl-Marx-Al­lee & Alexander­platz, sechster Stock, Balkon, Fünf­hundertsieben&neun­zig DM warm... Einer dieser al­ten DDR-Käs­ten, in denen die westdeut­schen Ge­nerationen Golf & Guido, aber auch die ost­deutsche Künstleravantgar­de die Kontrolle über­nommen haben, um mit dem Schick des Kargen zu ko­kettierten…
Auf dem An­rufbeantworter dort kann man jetzt er­fahren, daß ich mir ein paar Tage Urlaub (den ersten!) von Marx gön­ne – im Dienste des ersten Auftrags meiner Ich-Agen­tur Past&PR – Ar­chivmanagement, Geschichts-Marketing, Eventrecherche [Name ge­ändert]. Ja Arni, ich habe es wahr gemacht & bin jetzt mein eige­ner Herr...

Neujahr Zweitausendeins: Er­wachen im alten Kinderzim­mer bei den Eltern. Bilder tanzen auf öligem Wasser. Auf der Zunge Geschmack von Ameisenkot. Im Spiegel das Bildnis des Dorian Gray. Gän­sehaut. Blaugelbe Muster auf die Lenden gestickt. War er doch noch standhaft ge­worden, hatte den Sieg nach Hause getragen?
Schnappschüsse: Carolas Rasen & Wü­ten, Carola beschimpft ihren Vater (wieso?), Ca­rola greift sich eine seiner Biolek-Pfeffermühlen als erektiven Ersatz – & gibt endgültig auf. Roland schleicht stumm auf die Toilette & wird endlich den Wein los, geräuschvolle drei Minuten. An­ruf bei Freundinn­en. Tränen & Gelächter. Blick zu ihm, der mit ausge­rissenen Fäden vor dem Klo zusam­mengeklappten Marionette. Stum­mes Geleit zur Haus­tür.
Er hatte Carolas Kavalier sein wollen & war nun ihr Narr gewor­den. Er hatte ihr eine Ballade geschrieben, sie aber wollte nur auf seiner Flöte spielen. Er hatte ihr Feen-Bild in seinen Louvre gehängt & sie hatte sich als Walküre ent­puppt.
Wie es seine Natur war, hatte das Erlebnis ungefähr die Wir­kung ei­ner Zahnwurzelbe­handlung: Er hörte sofort auf, für Ca­rola zu schwär­men, ihre Nähe suchen zu wollen, ja Frauen überhaupt als den platoni­schen Heu­haufen zu betrachten, in dem man das Nadel­öhr suchte, das als einziges mit dem eigenen Faden etwas an­fangen konnte.
Apropos Anfangen. Etwas an­fangen war meistens problemat­isch, aber et­was mit Frau­en anfan­gen war un­möglich.
Gleich nach dem Aufwachen, da & dort zwackte es noch im Gehirn, pfiff es noch im Ohr, schwankte es noch beim Gehen, beschloß er den guten Vor­satz, daß das Ereignis, um weitreichen­de Folgen auf sein Ge­müt zu minimie­ren, am besten in der schriftli­chen Nie­derlegung zu be­wältigen sei – wobei man auch gleich seine zukünfti­gen Erlebnisse tage­buchmäßig festhalten könnte.
Es blieb, soviel ist schon be­kannt, bei der Planung des Vorhabens.
Nun aber war es vier Monate spä­ter, der erste Ta­g sei­nes vier&dreißigs­ten Le­bensjahrs: er hatte sich in die Nachmitternachts-Stille einschließen lassen & saß auf ei­nem der einhundert­ein&dreißig handgeschnitzten Chorgestühl-Plätze der Ca­thédrale St-Just-et-St-Pas­teur von Nar­bonne, der altrömischen Stadt im Her­zen des Ka­tharer-Lan­des... Ja, er saß wirklich hier – & hatte, den Blick auf die Kopie von Raffaels Verklärung Christi gerich­tet, das Gesicht blau bestrahlt von den Flüssig­kristallen seines Notizbuch-Bild­schirms, doch noch mit seiner Chronik begonn­en.

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jan-apr.doc (4)

Jeder andere wäre unter irgendeinem Vorwand abge­reist, um im einsa­men Exil Tröstung zu su­chen. Roland (also ich) zog es vor, bei den El­tern zu überwin­tern. Ei­gentlich war es kom­plizierter: Er konnte sich nicht zwischen Bleiben & Verschwind­en ent­scheiden. Al­so blieb er.
Oliver Gebhard [Name geändert], der wie er aus Nieder­schißritz stamm­te & mit ihm das Graf-Münster-Gymnasi­um be­sucht hatte – wo ihn alle Hardi gerufen hatten –, woll­te wissen, was vor­gefallen sei.
Ro­land erzählte es ihm & Oliver (zu klug, um die fal­schen richtigen Worte zu sagen oder aus einem anderen Grund?) nickte nur & klopfte ihm auf die Schultern. –Er müsse sich leider auch schon wieder verab­schieden. Sähe so aus, als ob das House Of Lords in zwei Wochen das Therapeutische Klonen erlaube. Das könne hierzulan­de einige Diskus­sionen auslösen. Man dürfe da nicht die Kontrolle über die öf­fentliche Meinung verlie­ren. Deshalb habe man ihn zurückgepfif­fen. Sie wür­den ihr Gespräch später in der Hauptstadt vertiefen.
& schon war er wieder weg: Oliver, der gute Oliver, der noch in der neunten Klasse der größte Geschichts-Legastheniker & Nachrichten-Nichtgucker ge­wesen war, den er kannte, ausgerechnet er hatte nach dem Abitur ein Sti­pendium für London erhalten & dort überaus erfolg­reich Politikwis­senschaften studiert, war nun als Großbritannien-Ex­perte im Deut­schen Außenmi­nisterium tätig & zudem Erbe des urgroß­mütterlichen Hofs, Ort der rituellen Silvester-Feierlichkeiten. Oliver, sein bester Freund, er hatte Roland an Carola verraten...

Wettervorhersage: Abendnebel & von Wes­ten kommende Cirrustrati deuteten einen Temperaturanstieg an – & wirklich war der Sil­vester-Schnee bald wieder ange­taut & hat­te tropfende Zweige & brau­nen Matsch hinterlas­sen. Richtige Winter gab es nicht mehr, also sah Ro­land dem Frühling entgegen. Wenigstens bis zum Bayreuther Fa­sching woll­te er bleiben. Sollte keiner sagen, er besäße keinen Humor...
Während aus den umliegenden Höfen die ersten BSE-ver­seuchten Rin­der zur Notschlachtung abtranspor­tiert wurden & auf den Straßen ein paar Bauern prote­stieren gingen, ver­brachte er die Tage damit, an die De­cke zu star­ren & dabei zu­zusehen, wie vereinzelte Staubflu­sen klei­nen Spiralnebeln, Milchstraßen & Galaxien gleich fun­kelnd in den Strahlen der Korblampe auf sein Gesicht her­abschwebten & durch sei­nen pneu­matischen Atem wieder in die Höhe kata­pultiert wurden.
(»Dringlichste Frage aber, / Ich bring zuletzt sie vor, ist – O Du Wunder – / Bist du ein Mädchen oder nicht? / Kein Wunder, Herr, / Doch si­cherlich ein Mädchen.«)
Erha­benheit lag in der Verhinderung, daß sich etwas so Kleines & All­gegenwärtiges auf seiner Haut niederlas­sen konn­te, & bog sein Rückgrat durch.
Gelegentlich gelang es, daß ein Staubteilchen bis an die Decke des Zimmers ge­schleudert wurde & dort haften blieb. Die Regel aber bil­dete das Beschreiben einer Si­nuskurve, die aus dem Ein­flußbereich der Wind­kräfte hinausf­ührte & in chaoti­schen Trudel über­ging, mit dem der Fall Rich­tung Erde ein­geschlagen wurde. Wenigstens die Phy­sik war verläß­lich. Sta­tistisch ge­sehen.

Auf dem Fensterbrett in der Küche entdeckte er eine Fliege, die rück­lings im Ster­ben lag. Alle paar Minu­ten ru­derte sie mit den Flügeln & wanderte dadurch ein wenig das Brett entlang, als sei es ein Morseco­de, mit dem sie immer wieder um Euthanasie bat.
–Hallo, sagte er zu der Fliege, –Wie er denn heiße: Johnny got his gun? Ob Johnny Beistand benötige in seinem letzten Kampf heute Nacht? Was er wohl glaube, wie viele Zentimeter er sich mit sei­nen Zu­ckungen bis zum finalen Seufzer noch erarbeiten könne?
Die Fliege erwiderte nichts.
–Sei es schon soweit – nichteinmal Zuckun­gen mehr? Dann aber her­aus mit der Beichte, bevor das Fliegenfege­feuer herannahe…
Roland beugte sich herab & hielt sein Ohr so nahe, daß es ganz dun­kel um die Fliege herum wurde.
–Er habe ja allerhand auf dem Kerbholz, spielte Oliver Erstaunen.
Versteh das nicht falsch, Arni – Roland wollte nicht etwa häßliche Neigungen ausleben, indem er dem Tier eine rasche Beendigung seiner Qualen ver­wehrte. Es war auch nicht so, daß er keiner Fliege etwas zu lei­de hätte tun kön­nen – er fand sich nur nicht befugt, dem armen Ding sein ohnehin kleines Leben noch mehr zu verkürzen: weil ihn von dem Insekt nur die dreifa­che Zahl Erbein­heiten trennte, ein paar hundert mehr als von der Maus, der schmale Grat zwi­schen Kafka & Kä­fer…
Stattdessen half er Johnny auf & stellte ihn auf seine dünnen Bein­chen. Der hum­pelte noch ein kurzes Stück, bis ihn sein Fliegenge­wicht wieder zu Boden warf, nicht ohne dabei wieder auf dem Rücken zu lan­den. Ein Fall­hinfliegchen. Um Vier Uhr Drei&zwanzig Mitteleuro­päischer Zeit konsta­tierte er den Ge­hirntod & vollzog, John­nys letz­ten Willen ge­mäß, die Wasser­bestattung in der Toilette.

Während er weiter versuchte, an etwas Bestimmtes nicht zu denken, kam er auf den Gedanken, mit sei­nem Na­men ana­grammatische Spiele zu trei­ben, Neo­logismen & Assoziationen daraus zu zaubern.
[Da auch der Name Ro­land Iobst von mir gefälscht wurde, kann der fol­gende Abschnitt nur sinngemäß wiedergegeben wer­den:]
Obst, Ob, St! Oder bei Obi, TS-Boi (Tele­fon-Sex?), BS-Toi (bizarrer Sex?), Ronald, Donald, Nothalt, Land, And, Or, Not, L.A. Nord, Ola(la)! Ro(h), Rand, Rost, Bar, Dorn, Last, Rast, Star, Band, Roi, Sol, Narb, Land­obst, Obst­ler, Ro­land's Iob DT (Deutsches Theater?), Ro­land's TB Iod (Tuberkulose?)...
Eine Auswahl weiterer Gedankenspiele: Was sich wohl leich­ter lese, das mit frischer Druckerschwär­ze parfümierte Buch oder das mit der Blume von Antiquariatmo­der? Ob je­der, der im Zug neben einem Poli­zisten saß, sein Le­ben nach unentdeck­ten Verbre­chen durchkämmte? Wie sich die heute Dreißigjähri­gen wohl ohne Was-Ist-Was, Yps & Peter Mossleitners Interessantes Magazin entwi­ckelt hätten? Ob diejeni­gen, die zur Zeit der Tscher­nobyl-Wol­ke – das el­terliche Außer-Haus-Spiel­verbot mißachtend – weiterhin & wegen der Sommerhitze in nichts außer kurzen Hosen auf der Straße gespielt & sich mit durch die Röhrchen gequetschter Sunkist-Li­monade gegen­seitig naßgespritzt hat­ten, Folge­schäden davongetra­gen hätten – wie er selbst?

Seine Eltern hatten Neunzehnhundertsechs&achtzig erst die Gemüse­beete & den Kom­posthaufen, dann gleich den ganzen Vorgar­ten einen viertel Meter hoch abgetragen. Die herbstli­chen Fichtelgebirgsaus­flüge zum Kiefernzapfen- & Pilze­sammeln wi­chen der täglichen Geigerzäh­lerkontrolle der Wohnungseinricht­ung. Das Ge­rät, eine Kreuzung zwi­schen einem Erbstück aus dem letz­ten Krieg & dem ver­worfenen Ent­wurf ei­nes Raumschiff-Enterprise-Kom­munikators, wurde zum hei­ligen Götzen der letzten Tage. Der Va­ter hatte es auf dem Floh­markt erstan­den, wo sich aller­hand Tand ähnlichen Designs zu tum­meln pflegte.
Sel­ten war so eine Aufregung im Hause Iobst. Der plötz­liche Aktio­nismus seiner Eltern war Ro­land willkom­mene Bereicher­ung des Nie­derschißritzer Alltags, auch wenn er da­für die Un­ter-Quaran­täne-Stel­lung zahlreicher Jugend­freuden auf sich nehmen mußte. Er opferte die Schimmelpilzsamm­lung (Haupt­sache seine aus den Beständen der bei­den Antiqua­riate neben der Stadtkir­che & dem Al­ten Schloß zusam­mengemopste Büchersamm­lung blieb unangetastet), ließ sich auf Drän­gen der Mutter vom Uro­logen die fortbesteh­ende Zeugungsfähig­keit versi­chern & durfte nur ausgeh­en, wenn es sich nicht vermeiden ließ.
(»Sie sind Zentauren von der Hüfte ab­wärts, / Wenn auch noch weib­lich oberhalb. / Nur bis zum Gürtel wohnen mehr die Götter. / Darun­ter herrscht der Teufel: Hölle, Dunkelheit, / Dort ist der Schwe­felpfuhl, Verbrühn, Vebrennen, / Gestank, Verwesung! Pfui, pfui, pfui! Bah! Bah!«)
Er war fast volljährig, hielt sich al­so keines­wegs dar­an.
Er hätte sich gewünscht, daß al­les noch ein bißchen mehr aus der Bahn geriet, daß es zu Hause so aussehen würde, wie am Schluß von E.T., al­les mit Plastik verhängt & voller Männer mit Atemmasken & in weißen Schutz­anzügen. Aber nach einigen Monaten glaubten die El­tern, alles in ih­rer Macht Stehende ge­tan zu haben. Die Dinge gingen wieder den gewohnten Gang.

[Die Zitate in Klammern stammen von Sha­kespeare (Lear, Tempest, gleich folgt der Hamlet)…]

Der Vater lag im Krankenhaus. Prostatakrebs. Viel­leicht war er deshalb geblieben. Die Mutter überließ Ihn sei­nen Abschweifung­en & wich ih­rem Mann nur von der Seite, wenn die Stationss­chwester den aufsehen­den Arzt zur Hilfe rief.
Erwin & Elke Iobst [Namen geändert] hat­ten nicht nur außerge­wöhnlich gewöhnliche Vornamen. Sie waren außer­gewöhnlich langsam in ihren Handlun­gen (vorsichtig & über­legt, würde die Mutter sagen) & au­ßergewöhnlich einfach in ih­ren Interessen (mit sich selbst zufrie­den, wür­de der Vater sagen). Eine vom Aussterben be­drohte Ras­se, aber gerade wegen dieser Ei­genschaften nicht so schnell & so leicht klein zu kriegen. Stammwäh­ler in Telesocken, mit denen er gut aus­kam, denn sie lie­ßen ihn bei fast al­lem gewähren. Die Ausnahme der physikalis­chen Regel waren sie, voneinander angezogen nicht wegen ihrer Ge­gensätze, sondern wegen einer Eigen­schaft, die durch den Auf­einanderprall des Iden­tischen sich dem Sohn gleich doppelt vererbt hatte: Sie wa­ren bereits über vier­zig, als sich ihr Zeugungsverhalten, alle Risiken ignorie­rend, end­lich doch noch dazu durchringen konnte, für Nach­wuchs zu sorgen.
Als Revanche für die Verzöge­rung seines Auf­tritts auf der Bühne der Welt raubte ihnen der neue Zeit­geist die Autori­tät. Mit der digita­len Revolution der Achtzi­ger konn­ten sie nicht mehr mit­halten.
Es gab also auch kei­ne Vorwürfe, daß er nur gele­gentlich den Vater be­suchen kam, mit dem es offensichtlich zu Ende ging. Nicht weil er ihm nicht beistehen wollte, son­dern weil er fürch­tete, sich von seinem Siechtum end­gültig aus dem Konzept brin­gen zu lassen. Jede Wahl führte ir­gendwann ins Grab, also gab es keine. Wozu sich dann über­haupt ent­scheiden, nicht gleich al­les beenden?
(Yea, von der Erinnerung Tafel werd ich / All die trivialen, dummen Zeichen löschen, / Alles an Bücherwis­sen, Formen, Bildern, / Die Ju­gend & Beobachtung dort eintrug. / & einzig deine Instruktion soll herrschen / Innerhalb von Buch & Einband meines Hirns, / Mit Niedri­gerem unvermischt. Ja, Ja, beim Himmel. / O du verderblich Weib!)
Arni, du hast doch auch schon einmal an Selbst­mord ge­dacht, die Über­legung wird ja wohl noch erlaubt sein, neunhundert dau­erhafte Diskussionsteilnehmer auf www.wer­thersfreitodforum.de se­hen das ähnlich – gebt Gedank­enfreiheit!
Roland war ge­wiß der letzte, der auch zur Tat, der schwersten Ent­scheidung über­haupt, fähig wäre.

***

jan-apr.doc (5)

So ging es nicht weiter, tagtäglich. Irgend etwas mußte getan werden. Sich antizyklisch verhalten, antithetisch sein! Da waren doch noch Ro­lands Antithesen zu Adornos Thesen gegen den Okkultismus, die ihr­en Antrieb einem ita­lienischen Profes­sor verdankten, dessen Romane bei ihm & seinen Kommilito­nen außer­ordentlich beliebt waren. Während eines trägen Phi­losophie-Se­minars hatte er sich mit dem Verfassen die­ses Es­says abgelenkt, der mit der Be­hauptung schloß, daß

Adorno sich selbst in den Diskurs der Okkultisten [be­gibt], den er mit seinem Aufsatz zu kri­tisieren versucht. Indem er nicht sagt, was er meint, um der rationalen Dialektik zu ent­gehen, liefert er sich der okkultisti­schen Deutung aus, die nach ver­steckten Botschaften sucht. Die Ähnlichkeiten, die Adorno zwi­schen den Strukturen des Okkultismus & den Strategien der Warenwelt ent­deckt, verführen ihn zu dem Urteil, bei­de würden sich aus derselben Quelle näh­ren. Dabei ver­fällt er selbst je­nem ver­simplifizierenden Ana­logieprinzip, das die Okkulti­sten anwen­den, um ihre künstlichen Kau­salnetze zu weben.
Adornos dunkler Stil fällt der philosophischen Tra­dition anheim, die um ein mysteriöses Unsagbares kreist, & in­tensiviert nicht die selbst propagierte Ge­nauigkeit der Analyse des Alltäglichen in der Beleuch­tung von Mi­krostrukturen, son­dern erhöht nur die Ver­rätselung der Mythen des Alltags. Er setzt nicht den her­meneutischen Zirkel des Er­kennens in Gang, son­dern die un­endliche In­terpretation abdriftender Be­deutungen. Das Schrei­ben in Widersprüchen ist am Be­sten geeig­net, die Differenz des Daseins in ein Pseudo-Kohären­tes zu überführen.
Kein Satz ist totalitärer, fordert weniger als die global­e Unter­werfung unter sein Verdikt, als die Be­hauptung, daß das »Gan­ze das Unwahre« sei. Ador­nos neun Thesen zum Okkultis­mus er­geben, diesem Postu­lat fol­gend, kei­nen Diskurs ohne Selbst­widerspruch, der in Verbindung mit einem Jargon, der um so dog­matischer wirkt, je mehr er verschleiert, ei­nen schalen Nachge­schmack er­zeugt. Selbst die vorsichtigste In­terpretation kann nicht aus dem hermetischen Bannkreis der Ador­noschen Prosa ent­kommen, ist zum Raunen verdammt, das Geheimnis, das der Text um sich selbst macht, nur vergrößernd.
Entweder begibt Adorno sich unwissentlich in die Gefahr, von den falschen Leuten mißverstanden zu werden, oder er bedient sich bewußt der okkultisti­schen Tarnung durch pseudowissen­schaftliche Selbst­angriffe.

Ein schönes Beispiel Germanistendeutsch. Seine Studienzeit lag nun schon eine Weile zurück; vieles, was er in dieser Zeit angestellt hatte, lag unter einem Berg muffiger Alltags-Lumpen. Dieses kleine Gedan­kenspiel aber hatte sich in ihm fest­gesetzt & zu wuchern be­gonnen wie ein Geschwür. Sein Augenmerk, vom Selbstwider­spruch der Thesen auf den Weg gebracht, galt jetzt dem ge­samten Werk, in welchem die Thesen nur einen Ab­schnitt abga­ben, Adornos Minima Moralia.

PROJEKT: SPUR DES DOPPELT & DREIFACH (I)

Komposition der Minima Moralia sicher zahlenmystisch zu deu­ten: drei Tei­le umschließen hundertdrei&fünfzig Kapi­tel. Diese Zahl läßt sich nur durch drei Faktoren – Eins, Drei & Sieb­zehn – teilen, die Quersumme ergibt Neun, also dreimal Drei. Aus­gabe endet auf Seite Dreihundert­vier&dreißig. Fehler des Ver­lags? Allerdings: addiert man die Inhalts­angabe & zieht da­von die Marginalien (Titel & Impress­um) ab, läßt also nur den Haupt­text gelten, gelangt man zur Drei­hundertdrei&dreißig...

Thomas Mann übrigens, im kalifornischen Exil le­bend, wendet sich we­gen musikali­scher Fragen, die bei der Arbeit am Dr. Faustus aufgekommen waren, an Adorno. Ein Brief­wechsel zur Jahr­eswende Neunzehnhundertfünf&vierzig/sechs&­vierzig führt sogar zu persönli­cher Be­gegnung! Mann bestä­tigt, Ad­orno habe an den Kapi­teln über die beiden bedeutend­sten mu­sikalischen Kompositio­nen seiner Hauptfi­gur Adrian Lever­kühn, dem Dr. Fausti Weheklag & der Apokalypsis Cum Fi­guris, »konge­nial mitgear­beitet.« Er widmet ihm ein Exemplar mit der In­schrift: »Dem wirklichen geheimen Rat.«
Folgerung: Adorno also Geheim­bündler, sein Werk ein stegano­graphischer Steinbruch für den, der den Schlüs­sel besitzt…

Enthalten die Minima Moralia selber den Code zu ih­rer wahren Lesart? Unwahrscheinlich. Aber sie enthüllen dem aufmerksa­men Le­ser den möglichen Ort: die Apokalypsis Cum Fi­guris in Manns Roman. Titel Latein wie die Moralia, be­steht aus drei Wör­tern, worauf Kapite­leinteilung & Sei­tenzahlen der Minima hinwei­sen (dem Dreidrei­drei mangelt nur der Faktor Zwei, um zum Zei­chen des Tieres – Satan! – aus der Offenbarung Drei­zehn, Vers Sechzehn bis Achtzehn sowie der An­zahl der Sitze im Bun­destag zu gelan­gen), & er­gibt mit dem zweiwortigen Minima-Ti­tel die Zahl Fünf, oder auch, neben­einandergestellt: Drei&zwan­zig – die Königs­zahl al­ler Ver­schwörungen!

Die Tatsache verfluchend, daß er seine Faustus-Aus­gabe nicht zur Hand, sondern in Berlin zurückgelas­sen hat­te, das weitere Nachprüfen seiner Theorie also aufgescho­ben werden mußte, kam ihm sein Silves­ter-Vorsatz in den Sinn.

Sollte es endlich gelingen, es anzugehen, mußte die Umge­bung stim­men. Die Vorhänge zugezogen, Duftkerzen angezünd­et, Musik ange­stellt, Bach natürlich, so wie auch du, lieber Arni, ihn liebst, eine alte Ka­rajan-Aufnahme auf LP (wer, der Musik mag, hört schon CDs?), den Ar­beitsplatz mit einem Teller tro­ckener Weih­nachtskeksen-Reste neben dem elektronischen Notiz­buch ein­gerichtet, begann er zu arbeiten.

…& formu­lierte das dramatis personae eines Bühnen­stücks, in dem ein Theater­ensemble nach dem vermeintli­chen Tod sei­nes Intendanten – in Wahrheit die infame In­trige eines wegen schlechter Kritiken im Keller & hinter ei­ner Maske sich verber­genden Theater­dichters –, führerlos eine alternative Ge­schichte der Menschheit zu proben ver­sucht. Das Demokratie­prinzip wird eingeführt, scheitert aber an den Anforderun­gen des künst­lerischen Prozesses & an ei­nem unfreiwilligen Handlan­ger des Theaterdich­ters, der die Proben tödlich sa­botiert, um vom Spie­ler zum Spielleiter auf­steigen zu können (aber selbst im Strudel der Er­eignisse sein Leben lassen muß, als er er­kennt, wem er ge­dient hat). Am Ende stapeln sich die Särge auf der Bühne und der Mas­kierte sieht sich am Ziel: den Sieg über den Erz­feind, den ahnungslosen Intendanten. Der aber, den das Ensemble niemals zu Ge­sicht bekam, von sei­nen Sekretä­rinnen alarmiert, steigt aus seinem Büro he­rab auf die Bühne, ver­treibt den nun demaskier­ten Thea­terdichter & animiert die einzi­gen Überle­benden (ein Liebes­paar, das sich bar seiner Klei­dung im Zu­schauerraum ver­steckt hatte) ein neues Ensemblege­schlecht zu zeugen.

Personen
Der Intendant
Raphaela, Gabriela, Michaela, seine sexy Sekretärinnen
Der Maskierte, verstoßener Theaterdichter
Spielleiterstephan
Dramaturgdieter
Alter Harry, Regieassistent & Inspizient
Paul, Schauspieler
Lene, Pauls Geliebte, Schauspielerin
Mara, Pauls Mutter, Souffleuse
Arnold, Schauspieler
Bertold, Arnolds Bruder, Schauspieler
Evchen, Arnolds Geliebte, Bühnenputze
Gerring, Kostümier
Gebbels, Beleuchter
Gemmler, Requisiteur
Ein Kritischer Zuschauer
Gefangenenchor

Raumzeit
Eine Bühne. Ein Tag.

Er verbrachte noch einige Zeit mit der Niederschrift ver­streuter Passa­gen, um sich in Dialogen zu üben. So verging der Ja­nuar. Der Plan blieb Plan, die Zeit war vertan, der Vater lebte noch – Roland reiste ab.

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Ein Knacken. Rasch klappe ich den Bildschirm ein, da­mit drau­ßen nie­mandem das Glimmen des Flüssigkristallichts hin­ter den Kir­chenfenstern auffallen kann.
Zu spät sehe ich den Fehler an dieser Re­flex-Handlung: Die Sin­ne werden aufmerksam am ehesten auf die Veränderung; das Beständi­ge wird leicht übersehen. Sollte also je­mand in der Nä­he sein, wird das schnelle Löschen des Lichts ihn neugierig machen.
Ich ver­harre, lausche & nehme, ohne den Kopf zu be­wegen, die Um­gebung genauer in Augenschein. Der Rhythmus des Blu­tes poch­t mir Einszweieinszweieinszwei! in den Oh­ren, untermalt vom Pfeifton nasa­len Schnaufens, das ich vergeblich zu kontrollieren versuch­e. Schulter & Hüfte, durch das gestrige Ereignis in Mitlei­denschaft gezo­gen, klop­fen wieder. Kopf­schmerz. Die Phan­tasie meines Blicks nistet sich in den Schatten des Al­tars & der Apsi­denwinkel ein, bemüht, die Kontu­ren des darin lau­ernden Grau­ens herauszuschä­len...
Das Ge­mäuer er­widert meine Aufre­gung mit Gleichgül­tigkeit. Die Nacht liegt sanft über dem Gottes­haus. Die Chimären ver­schwinden. Es war wohl das Gestühl­holz ge­wesen, dessen jahr­hundertalte Leben­digkeit gearbei­tet hatte.
Das muß ich aufschreiben.

Das erinnert mich daran: Einem Mitschüler war einmal im Schulgottes­dienst, ge­rade als der Pfar­rer in seiner Predigt die rhetorische Pause mach­te, mit einem Knall, der dem Aufplatzen einer Hülsen­frucht nicht un­ähnlich war, die aufgestau­ten Verdauungsga­se ent­wichen.
Du, lieber Arni, wirst dir jetzt vorstel­len, daß alle in lan­ganhaltende Lachkanona­den verfallen wären & den Fortgang der Pre­digt be­hindert hätten. Aber nein: Carola, der Roland bereits heimliche Bli­cke zuwarf, rollte nur mit den Augen & schnalzte mit der Zunge. Oliver ki­cherte leise, hörte aber sofort auf, als ihn sein Ban­knachbar anstupste. & Ro­land – erklärter Satanist & wie der Geist, der stets ver­neint, für al­les, was dagegen war – blickte aufmunternd zu Moritz her­über, ohne ein Wort. & auch der ganze Rest der Bande be­dachte den zufälligen Kom­mentar zu den selten geistreichen Aus­führungen des Geistlichen mit Schweigen – was soviel wie Zustimmung bedeutete, einen stummen Protest, der Ghandi zur Ehre gereicht hätte...
Wenigstens zwei oder drei Lehr­kräfte im­merhin wandten sich ob der überraschenden postfla­tulenzischen Stille um, mit gespiel­ter Enttäu­schung den Kopf schüt­telnd. Veiti, so nannten wir Mo­ritz Vei­tinger [Name geändert], den Jun­gen mit dem geschäf­tigen Darm, Veiti also blieb unent­deckt & vor Strafe verschont.
(Fußnote: Bei uns wurden wie so oft Spitzna­men durch ein an den Nachnah­men an­gehängtes i ge­bildet; Rolands hätte demzufolge Iobsti lauten müs­sen; stattdessen bilde­te er die un­rühmliche Aus­nahme & wurde, weil er im­mer mit Har­di unter­wegs war, meistens Laurel ge­rufen – nach dem Nachnamen des Dünn-Dummen von Dick & Doof: Stan Laurel, des Kollegen von Oliver Hardy).
Eine offene Unterstüt­zung des kleinen Manifests – das hätte sich keiner von uns zur Bravheit abgerichteten getraut: das Er­eignis wurde nachher auf dem Weg zur Klasse nur noch mal herumgeraunt & an­schließend unter an­deren Gedanken begraben...
Größere Bedeutung gewann die Ge­schichte erst, als Veiti, von der Konse­quenzlosigkeit des Vorfalls angesta­chelt, es sich zur Regel werden ließ, einmal im Jahr beim Abschlußgottes­dienst seinen Pro­test gegen das Schulsystem lautstark her­auszupressen. Der Lehrkörper hielt mit Igno­rieren dagegen, während es Veiti über die Jahre zu immer größerer dra­maturgischer Fertig­keit im Hinblick auf die Pla­zierung sei­nes klei­nen Trompetene­insatzes brachte.
Expe­rimentelle Anordnungen be­stimmter Mahl­zeiten sowie Testrei­hen mit dem Zeitpunkt der Nah­rungszuführung vor dem Kirchgang sollten den idealen Darmwindkatal­ysator herauszufinden helfen, wobei sich die Kombina­tion Linsen­suppe (Vorspeise) – Chili con Car­ne (Hauptger­icht) – Lein­samenjoghurt (Nachtisch), einge­nommen gegen drei&zwan­zig Uhr am Vortag, bald als am ergiebigsten er­wies.
Wir anderen beneideten Veitis Mut, kürten ihn zu un­serem Sparta­kus, sehnten uns das Ende des Jahres immer dringlicher her­bei, da die Gottesdienste zu kleinen Lehr­stunden in Span­nungserzeugung ge­rieten, die sich durch­aus mit dem Finale von Hitchcocks Der Mann der zuviel wußte messen konn­ten.
Was würde passieren, wenn nach einer erstaunlichen Ouvert­üre durch Moritz Veitinger, mit dem Tristanakkord be­ginnend & in eini­gen atonalen Clustern mündend, der Rei­he nach alle Schüler aufstün­den & gemeinsam in ein concerto grosso einfielen? Sicherlich hätte man uns immer noch mit Mißachtung strafen können – aber mit dem kollek­tiv erzeug­ten Schwefelwasserstoff-Nebel hätte man sicher wenigs­tens den einen oder anderen Lehrer aus der Kirche getrie­ben.
Natürlich war so etwas nie geschehen, der Lehr­körper mit seiner Taktik in dem Moment erfolg­reich ge­worden, als wir mit dem Abitur aus der Schule ent­lassen wurden – nicht ohne je­doch im Angesicht der Frei­heit end­lich den Schritt zu einem letz­ten Aufbe­gehren zu wagen, uns mit Veitis jahre­langem Solo solida­risch zu er­klären... Wir hatten ihn mit der Abschlußrede be­traut – & wie er­wartet gab er eine letzte gran­diose Vorstellung:
Zunächst ging nur ein Raunen durch einige Reihen, die Quel­le des Übels war nicht sofort ausgemacht, war doch die Rede all­gemein in warmen Ton gehalten & hätte man sich so eine Im­pertinenz nie & nimmer vorstellen wollen. Dann stellten die ers­ten den Zusammenhang zwischen den Mief­wellen & ge­wissen etwas lauter & auch mit röterem Kopf gesprochenen Einschüben des Redners her, womit jener das Dampf-Ablassen zunächst noch zu verbergen suchte. Die In­szenierung des Abends sah je­doch sowieso vor, daß er bald nicht mehr mit sei­nen Zuhörern Verstecken zu spielen brauchte. Er ging also schließlich zu offe­nen & gezielt auf die Nase gerichte­ten Salven über, immer im Ein­klang mit seinem zunehmend agitatorischer werdenden Vor­trag, dessen Bestandteile nun deutlich einer Leninre­de aus Ro­lands Antiquariat nachemp­funden waren:
–Leidensgenossen! (FFFTT!) Knapp zwei Jahre habe nun der Noten­kampf gewütet. & mit jedem weiteren Monat, mit jedem wei­teren Tage des Kampfes sei es für die Schülermassen immer klarer geworden, daß die Phrasen von der »notwendigen Härte« & dem »Lernen fürs Le­ben« & dergleichen nichts als (FFFTT!) Betrug gewesen wären. Daß es eigentlich nur ein Kampfe der Lehrenden unter sich selbst wäre. Der großen Räuber. Die darüber stritten, welcher von ihnen der Gebildete­re wäre, wer die meisten Stunden abhalten müsse & wie weitere Schü­ler-Generatio­nen unter­jocht werden könnten. Vor zwei Jahren – als es schon klar gewesen sei, daß der Kampf käme – habe ein einziger Junge eine Warnung ertö­nen lassen: Das Moritzsche Manifest. Das stumm aber einstimmig von den Schülerparteien der ganzen Stadt angenom­men worden sei. Es habe diese Wahrheiten offen ausgesprochen. (FFFTT!) Daß näm­lich der Kampf gegen unsere Nächsten, dieses Ein­ander mit Noten an­gehen, das größte Verbrechen darstelle. Daß die Schuld an diesem Kampfe die Direktoren- & die Lehrendenklasse aller Gymnasien trügen. Daß aber die furchtbaren Schrecken des Kampfes & die Empörung der Schüler dagegen zu einer scholaren Revolution mit Notwendigkeit führen müßten. (FFFTT!) Aber er wolle ihnen vorlesen, was der populäre Schülersprecher eines mit ihnen konkurrierenden Gymnasiums, der Ein­ser-Schüler Eugen Debbs schreibe: »Ich bin kei­neswegs strebsamer & folgsamer als ihr. Nein, ich bin ein scholarer Re­volutionär. Ich will nicht zur regulären Armee der Philister gehören, wohl aber zur irregulären Ar­mee der Autodidakten. Auch ich weigere mich, (FFFTT!) in den Kampf zu ziehen bloß für die Interessen der Lehrenden­klasse. Ich bin gegen jeden Kampf außer einem, für diesen stehe ich aber mit meiner ganzen Seele – & das ist der stadtweite Kampf für die scholare Revolution.« So also schreibe ihnen ausgerech­net der Streber & wenn daß nicht wirklich beweise, daß in allen Schu­len der Stadt die Sammlung von Kräften der Schülerklasse sich vorbe­reite... (FFFTT!) Ja, die Schrecknisse & Leiden im Kampfe wären furchtbar. Aber die Schüler dürften nicht mit Verzweiflung in die Zu­kunft schauen. Die Hunderte von Opfern der Klausuren & Prüfungen, sie hätten nicht umsonst gelit­ten. Die Verwiesenen. Die Abspicker & Einsager. Die Strafarbeiter (FFFTT!) Sie alle hätten ja auch Kräfte ge­sammelt. (FFFTT!) Ihren Willen gestählt (FFFTT!) & wären zu immer klarerer re­volutionärer Ein­sicht gekommen. (FFFTT!) Der wachsende Unwille der Masse, die wachsende Gärung (FFFTT! FFFTT!), dies alles gehe auch in anderen Gymna­sien der Stadt vor sich. (FFFTT!) & das gäbe ihnen die Gewähr (FFFTT!), daß irgendwann nach dem Abitur die scholare Revolution gegen die bayerische Gymnasial-Bildung mit Sicherheit komme…
Die Rede steigerte sich schließ­lich bis zu einem fast lautmale­rischen Getöse, das gleichsam ex­pressionistisches Gedicht wie Neue Musik hät­te darstellen können. Es hätte wirk­lich nur noch der Ein­satz der ande­ren Hörner gefehlt, um das Kunstwerk perfekt zu machen.
Seine Wirkung erreichte es auch so. Die Lehrer blieben – ganz die al­ten Preußen – beim Aus­sitzen, immerhin würde man uns bald los sein. Die Eltern hingegen bekamen end­lich Wind von unseren wahren Ge­fühlen: Wir saßen am Ende mit unseren Aus­bildern alleine im Raum, eingenebelt von Schwefel, als wäre der Leibhaftige erschienen.
Die Zeitung titelte: »Synästhetische Abiturrede am Graf-Münster-Gymnasium – Schüler demonstriert, was ihm stinkt.«
Danach hat nie wieder jemand et­was von ihm gehört. So wie er uns erst aufgefallen war, als er seinen Hintern zum Instru­ment erkor, war unser Heiliger Moritz zum Himmel gefahren.

Es ist zurück wie der Terminator. Das Geräusch meine ich. Nun hat es auch einen Ort. Er liegt über mir, hoch oben im Kopf der Ka­thedrale. Lieber Ge­wißheit erlangen oder weiter verharren, bis der Gegner sich zu erkennen gibt?
Mit dem Wissen, daß langes Zö­gern mich lähmt, kratzte ich einen Kiesel aus der Schuhsole & werfe ihn in die Rich­tung.
Dem Aufprall folgen luf­tige Schlä­ge, mit denen eine Taube ih­ren jäh at­tackierten Aufenthalts­ort wechselt...
Manchmal steckt hinter schlimmen Befürch­tungen nur ein für tot er­klärter Demiurg, der aus Überkompensation die Men­schen mit be­müht wir­kenden Tricks in Aufregung zu versetzen versucht. Schaut man dann ge­nauer hin, verpufft der Zauber im Erken­nen seiner Struk­tur…
Aber lehren uns nicht unsere Hor­rorfilm-Erfah­rungen, daß jeder Finte genau dann eine echte Attacke fol­gen muß, wenn das Spiel der Täuschungen durch­schaut & langweilig zu werden be­ginnt?
Immerhin, es erinnert mich an den Likör. Das wärmt. Hätte ich nicht vorhin schon mit einigen be­herzten Schlu­cken dar­aus meine papierene Kehle geschmiert, das Tosen im Bauch weichge­spült, die falschen Gedanken ver­klumpt, so daß sie durch keine Nerven­bahnen mehr paßten, wäre ich viel­leicht gar nicht hier & schon gar nicht vor der Tastatur. Also noch ein­mal nachge­laden.

Man muß etwas für seine Beruhigung tun. Dem Apple-Arbeitsge­rät, dem elektronischen Zettelkasten & Rechenkünstler, der bis­her so treu seinen Dienst leistet, sollte man vielleicht einen ge­bührenden Namen verpassen: Muhammadmusa – so taufe ich dich, Meister des Al-gabr wal-mukab­alah & AND OR NOT. As-salāmu 'alaikum!
Du brauchst nicht zu antworten. Ich weiß, ich bin der Ungläubi­ge, der Besitzer der Schrift. Du darfst mir keinen Frieden zurück­wünschen. Aber du trägst jetzt die Verantwortung: Wärme meine zwei Zeigefinger Fe­der & Schwert, ohne sie kann ich weder be­schleunigen noch bremsen. Meinem Rad mußt du die Zügel hal­ten, damit es nicht ausbricht; es an­schieben, wenn mir die Kraft ausgeht, Muhammadmusa! Sing für mich, wenn ich einzuschlafen drohe, sing Daisy Bell. Vielleicht nehme ich dich dann einmal ein Stück auf dem Gepäckträger mit…

[Muhammad ibn Musa al-Chwarizmi war ein bedeutender Mathemati­ker um 800 n. Chr. Er führte die Ziffer Null (»sifr«) aus dem indischen in das arabische Zahlensystem ein & begrün­dete die Dezimalen. Die la­teinische Fassung seines Rechenbuchs hieß »Dixit algorizmi« (»Al­gorizmi hat gesprochen.«). Gemeinsam mit dem griechischen Wort »arithmos« (für Zahl) leitet sich daraus der »Algorithmus« ab, in der Folge für die Bezeichnung solcher Re­chenbücher verwendet.]

Was geschah im Februar, Muhammadmusa? Rechne dich durch die Alternativen & verrate mir, welche wahrscheinlich wahr ist. Handle dem Photo gemäß, das unseren mittlerweile ins Ge­rede gekom­menen & zu einem Untersuchungsausschuß vor­geladenen Außenminis­ter auf der Weltausstel­lung zeigt, wo uns aus dem Hintergrund vielsa­gend der auf eine Wand projizierte Satz entge­gen leuchtet: »Every man discovers the mystery of his own life.«

Ob das auch in den Hirnen mancher der ein­skommafünf Millio­nen eu­ropäischen Rindviecher im Moment ihrer Keulung kurz aufgeflackert sein mag? Welchen Sinn hat eigentlich das Le­ben eines Zucht-Rindes, das nach sei­nem Ableben nicht mehr als Hack-Fladen zwischen zwei Brötchenhälf­ten verputzt werden kann? Das hat­ten Camus & Sartre wahrscheinlich ge­meint: man muß sie sich trotzdem als glückliche Kühe vor­stellen... Jedenfalls – der Seuche war mittlerweile nur noch mit ei­nem Mas­sentötungsprogramm beizukom­men.
Mutter berichtete in ihrem Schreiben (das wie jeden Mo­nat pünkt­lich eintraf), wie die Schißritzer Bauern nun regel­mäßig unangemeldet mit Spruch­bändern durch die Straßen zo­gen, während in den Fleische­reien die Mas­sen für Hamster­käufe anstanden, aus Angst vor einer Ex­plosion des Fleisch­preises. Nichts ändere sich, schrieb sie, das al­les habe sie so ähnlich schon vor, während & nach dem Krieg er­lebt.

Vater, wie bereits erwähnt nicht so leicht kleinzukriegen, wurde am sie­ben&­zwanzigsten Februar aus dem Kranken­haus entlas­sen, einen Tag bevor die UNO veröffentli­chen lies, daß sie im Jahr zweitausendfünfzig ei­ne Weltbevölke­rung von neun­kommadrei Milli­arden Men­schen er­warte, ge­lobt sei das westli­che Gesundheits­system. Erleich­tert über die Nach­richt wagte er ein Telefonge­spräch:
–Wie es ihm gehe.
–Ach ein Ge­schlecht von Nil­pferden wä­ren sie ja.
–Hörmal. Es tue ihm leid, daß er es nicht mehr ge­schafft habe, ihn noch mal im Krankenhaus –
–Seine Mutter glaube, es gäbe da ei­ne Mädchenge­schichte, unter­brach der Vater, –Warum er das denn verschweige. Sein Junge. Müsse schließlich doch endlich ein­mal in Fahrt kom­men. Et­was be­wegen. Es zu etwas bringen. Ihm & der Mutter ein paar Bambinos schenken. Wie er das schaffen wolle als Selbständiger. Er halte das nicht für beson­ders... –Gut, lenkte er ab, –Sie unter­stützten ihn wo sie könn­ten. Von ihm aus kriege er auch seinen Erbe als Start­kapital vorges­chossen. Aber dies­mal den Arsch zu­sammenkneifen dafür! Sein Junge. Ir­gendwann komme für je­den die Zeit der Konsequenzen...
Vaters Krebstod war unaufhaltsam, ließ sich mit ärztli­cher Hilfe aber noch ein wenig steuern, wie der Ab­sturz der abgeta­kelten russi­schen Raum­station Mir über dem Atlan­tik (Frie­den im Welt­raum...).

Man begann auch wieder von staatli­cher Sterbehilfe & der Erschaffung eines neu­en Menschen zu sprechen, der sich selbst aus dem Katalog der Gene zu­sammenstellt... Ein Gremium, das niemand um sei­ne Meinung gefragt hatte, erklärte die »National befrei­te Zone« zum Unwort des Jahres & der Altkanzl­er verweigerte vor ei­nem anderen, sehr wohl im Mittelpunkt stehenden Gremi­um, zum dritten Mal seine Aus­sage.
Klar, daß Roland da nicht im Traum daran dachte, an diese be­stimmte Sache zu denken.
Die Hauptstadt lag im Karnevalstau­mel, in den selbst die Bagger & Baukräne einfielen – aber auch diesmal verei­telte Köln als Prinzessin des Narren­tums den plum­pen Versuch der einst­mals geteilten Metro­pole, auch noch diesen Titel an sich zu reißen. Nach­dem er an keinem der Anti­fa-Demonstra­tionen zum sechs&­fünfzigs­ten Jahrestag der Auschwitz-Befreiung teil­genommen hatte, sah er jedenfalls keine Schan­de darin, auch die Umzüge & Mas­kenbälle zu meiden.
–Spielverderber! –Langweiler! –Hast wohl keinen Humor! wurde er von Freunden gescholten. Spaßfanatiker! Tütendreher! Oberflä­chen-glattgeschmirgelte! dachte er bei sich.

Er kümmerte sich lieber um seine Ge­schichtsagentur. Wenn er nicht ge­rade in der Bertold-Brecht-Bibliothek im Rathaus Mitte auf einem Korbstuhl saß. Nicht um kostenlos Zeitung zu lesen – für Nachrichten konsultierte er das Netz –, son­dern um sich auf der Suche nach zitier­barem Material durch den kleinen Bestand zu arbeiten. Eine Gewohn­heit, die ihm sein Studium eingebrockt hatte. Da & dort ließ er auch schon mal ein Buch mitgehen, ohne nachher beim Mit­tagessen im Be­triebsrestaurant ein schlechtes Gewissen zu haben.
Irgendwie schaffte er es trotzdem, alle Papiere zur Geschäftsgrün­dung zusammenzubekommen. Schon wollte er die er­sten Behördengän­ge angehen – als ihm aufgrund der Fülle der zusammeng­etragenen Ex­zerpte einfiel: eine Enzyklopädie des nutzlosen Zitats ausarbeiten... ja das wäre doch ein Projekt!
Kurze Zeit später hatte er ein erstes Eintei­lungssystem & für je­de Kategorie ein Beispiel. Er lernte die Liste auswendig, um sie für alle Le­benslagen parat zu haben:

Zitate von Bundespräsidenten: Über der Verän­derung liegt stets ein Hauch von Unbe­greiflichkeit. (Carl Fried­rich von Weiz­säcker). Tierfabelzitate: Der Fuchs wech­selt den Balg, nicht den Charakter. (Sue­ton). Zita­te aus & über Franken: Zuviel Vertrauen ist häufig ei­ne Dumm­heit, zu­viel Miß­trauen im­mer ein Un­glück. (Jean Paul). Zitate mit Selbstzerstörungsautoma­tik: Hamlet heute: Sein, ohne zu sein, oder seiend nicht sein? Keine Frage. (Stanislaw Jerzy Lec). Vernöstlich-esoterische Zi­tate: Wenn du in Eile bist, mache einen Um­weg. (Zen-Buddhis­mus). Sim­pelzitate: Erziehung ist Beispiel & Lie­be (Friedrich Wil­helm August Fröbel). Zitate über Dia­lektik: Diese Welt ist eine Welt zweier Göt­ter. Es ist ei­ne Welt des Auf­baus & des Zerfalls zu­gleich. In der Zeitlichkeit erfolgt diese Auseinander­setzung, & wir sind daran beteiligt. (Alfred Döb­lin). Schillerzita­te: Durch diese hohle Gasse muß er kom­men! (Friedrich Schil­ler). Konterzwillinge: Gott würfelt nicht. (Albert Einstein). Alles spricht dafür, daß Gott ein unverbesser­licher Spieler ist. (Ste­phen W. Hawking). Zi­tate dieser Kategorie: Viel­leicht ist die uni­versale Ge­schichte die Ge­schichte von ein paar Me­taphern. (Jorge Luis Bor­ges). Zitate mit kleinen Flügeln: Der hat die Leh­ren des Lebens nicht begrif­fen, der nicht täglich ei­ne Angst überwindet. (Ralph Waldo Emerson). Etceteraetceter­aetcetera: Do you know not­hing? Do you see not­hing? Do you remem­ber not­hing? (T.S. Eli­ot).

Die Arbeit an der Enzyklopädie half, sich zu vergewissern, daß er nicht mehr liebte. Daß der Geist im Stande war, das Gefühl kaltzuma­chen.
Roland hatte den Zustand schillerscher Erhabenheit erlangt – er stand über dem Drama der Welt. Seinem Neu­jahrsvorsatz kam er des­halb auch nur mit einigen Notizen nach. Es sollte An­fang März wer­den, bis sich ihm wieder ins Bewußtsein drängte, daß er extra frü­her nach Ber­lin zurückgefahren war, um seine Adornotheo­rie an Tho­mas Mann zu überprü­fen, & daß er Oli­ver hätte anrufen sollen.

***

jan-apr.doc (7)

–Gebhard!?
Die Stimme des Freundes kam förmlich aber druck­voll aus dem Hö­rer. Er hatte Respekt vor diesem perfekt ausbalancier­ten Klangkör­per, der in den Höhen kristallen, den Tiefen fett & den Mitten angenehm zu­rückhaltend war. Sei­ne Stereo­anlage war nicht besser ausgesteuert.
–Iobst.
Seine Stimmbänder waren aus porösem Gummi, die akusti­schen Schwingungen, die sie erzeugten, dünn, über­haucht, krä­henhaft.
Oli­ver, der den Freund gleich erkann­te, wechselte den Tonfall vom Ge­schäftlichen (Ganz­töne in tieferer Lage, Staccato & Fermate, Basso continuo) zum Privaten (Halbtöne in höherer Lage, Legato & Ritar­dando, Quart­sprünge ):
–Ah. Er habe sich schon gefragt, ob es ihm besser gin­ge.
Olivers guten Manieren waren unerträglich, weil ansteckend. Aber er kannte eine Gegenstra­tegie.
–Er kenne doch noch ihren Jugendspruch: Roland der Weise & Oli­ver der Kühne, der ein des andern Süh­ne, waten gemeinsam durch die Scheiße… Er habe erst jetzt Zeit für den Anruf gefunden. Viel um die Ohren gehabt – die ersten Hür­den zur Selb­ständigkeit ge­nommen, ne­benbei noch ein paar Travestien ver­faßt. Es laufe alles sehr gut.
Er erzählte ihm von seiner Enzyklopädie, von dem Figu­reninventar für ein ungeschriebenes Theaterstück & von der ok­kultistischen Ver­bindung von Adorno & Mann. Eine kleine Pau­se trat ein.
–Aber ob er über die Sache mit Carola hin­weg sei.
Roland hätte nicht gedacht, daß Oliver sich trauen würde, direkt zu dem Punkt zu kommen, der auch für ihn selbst gefährlich werden könnte. Wahr­scheinlich lag darin das Geheimnis seines Er­folgs. Daß es aber auch bedeu­tete, sich mit der Rück­sichtnahme & dem Feingefühl eines außer Kontrolle ge­ratenen Schnee­pflugs zu verhalten...
–Mit der sei er fertig.
–Wirklich nicht darüber reden?
Aha, er wollte sie beichten, seine kleine Verschwörung mit ihr...
–Nein.
–Sicher?
Oliver verbiß sich in die Angelegenheit mit der Beharrlichkeit eines fiesen Flußkrebs.
–Ja-a!
–Warum dann der Anruf?
–Naja, er habe halt sein Versprechen halten wollen, reagierte Roland überrascht auf die Frage.
–Na dann (Ganztöne in tieferer Lage, Staccato & Fermat­e, Basso continuo): Er sei sehr beschäftigt. Wenn er et­was mehr Zeit habe, könnten sie sich ja mal wieder...
Oliver, Oli­ver Geb­hard wollte ihn hängen lassen, schon wieder...
–Ja? Mal wieder ein Videoabend? fragte Oliver auf Rolands Schwei­gen hin trocken nach. –Aber bitte nicht schon wieder Star Trek.
–Er habe Star Trek doch immer gemocht...
Schnaufen am anderen Ende der Leitung.
–Er möge Star Trek: Next Generation, aber nicht Spock & Kirk vor Pappmaché-Felsen. & Außerdem: bei den meisten von Ro­lands Interes­sen, da kön­ne er halt einfach nicht mehr mitreden.
So hatte Oliver noch nie losgelegt!
–Wie es denn so im Ministerium laufe? versuchte Roland, sich nichts anmerken zu lassen.
–Abgesehen von MKS gera­de die heiße Phase im Wahlkampf wegen der anstehenden Neuwahlen. Außerdem wä­ren die Briten sehr interes­siert, wie­ viele Stei­ne genau der deutsche Außen­minister damals nun ei­gentlich geworfen habe & wie lange er sich noch im Amt halten könne.
–& das Therapeuti­sche Klonen?
–Zweihundertzwölf gegen zwei&neunzig Stimmen. Klar, daß die das durchwinken würden.
–Etwas Neues an der Beziehungs­front?
Roland biß sich auf die Lippen. In seinem Eifer, die unverfänglichen Fragen am Laufen zu halten, hatte er das falsche Stichwort geliefert.
–Naja..., kam es plötzlich merkwürdig privat zurück.
–Nicht einmal eine kleine Praktikantin? blieb Roland beim Thema, um Oliver nicht erst Recht auf die gute Gelegenheit zu stoßen.
–Käme gar nicht in Frage! Er sei nämlich... bisexuell & habe end­lich ange­fangen, auch die anderen fünfzig Prozent auszuprobie­ren.
Einmalig – keinerlei Vibrato in Olivers Stimme noch beim kin­dischsten Scherz. Eigentlich hatte er mit etwas anderem gerechnet, so einer Art Offenbarung, daß er auch etwas von Carola...
–Deshalb also habe er ihm – im Jungenklo, vor dem Pissoir – im­mer auf die Hose gestarrt, versuchte Roland den Spaß aufzunehmen.
–Er meine es ernst, (& Olivers Ton unterstrich das), –Zudem müsse er noch gestehen, daß er Crossdresser sei. Kurz: er habe Spaß daran, sich in Frauenkleidern vorm Spiegel zu sehen – aber nur heimlich.
Kamerafahrt nach vorne, auf Rolands verknotete Gehirnzell­en, bei gleichzeitigem Zoom rückwärts. Traumbilder: Oliver als Balleri­na, fe­derleicht vor einem Spie­gel herumhüpfend, Schamhaare auf der Brust.
–Er wolle eine Frau sein? Seit wann?
–Kein Transsexueller – Crossdresser! Das sei er schon seit der sieb­ten Klasse. Wirklich mit Männern tue er es aber erst seit kurzem.
Fall eine Wendeltrep­pe hin­ab, das Zimmer mit der ausgestopften Mutter hinter sich lassend, in einen Swimmingpool voller Perücken. Die vier apokalypti­schen Reiter werfen mit Parfüm­flakons.
–Das sei ekelhaft.
Roland konnte es auch: Ganztöne in tieferer Lage, Stac­cato & Fer­mate, Basso continuo.
–Er werde sein bester Freund bleiben...
–Schon bei einem Arzt gewesen?
Roland machte soeben eine außerordentliche Erfahrung – er ge­wann Oberhand. Er war wütend & ent­täuscht & das mit jedem Recht der Welt & erhielt hier ge­rade eine gute Ge­legenheit.
–Er werde gemein, kam es bitter von Oliver.
–Wer denn damit angefangen habe...
–Er solle aufhören.
–Schließlich hätte er wohl –
–Er solle aufhören.
–Ein Recht darauf gehabt, es als erster zu erfah­ren!
Roland, beflügelt von seinem Triumph, war immer lau­ter ge­worden.
–Er habe doch erst jetzt den Mut aufgebracht, es sich selbst einzuge­stehen, klang Oliver angeschlagen, –Wie er es da jemand Ande­rem –
–Er habe also all die Jahre geschwin­delt.
Pause. & dann wurde plötzlich auch Oliver laut:
–Jetzt solle er einmal die Luft anhalten. Man­ches Jahr & man­chen Tag hätten sie gemeinsam verbracht & dabei immer des anderen Mei­nung nicht nur toleriert, sondern sogar zu Wis­sen ge­fordert, um sich gegenseitig auf Kurs zu halten; aber diese Zeit sei lange schon vor­über, ihre Bahnen verliefen heute nicht mehr parallel... Das sei Nie­mandes Schuld, jedoch eine traurige Tatsache. Nun gut, er hätte nicht immer jede Meinung geäußert – aber er habe dabei nur Rücksicht auf Rolands Gefühle nehmen wol­len. Nun aber, nach­dem er mit sich selbst reinen Tisch gemacht & Ro­land noch einmal be­wiesen habe, wie weit er sich mittlerweile entfernt habe, könne er es ja tun: Weder was Zeitpunkt, Ort & Art sei­ner Liebesoffenba­rung, noch was das Objekt seiner Be­gierde betreffe – seine Esclarmon­de, wie er sie so lächerlich rufe –, habe Oliver ein glückliches Händ­chen gehabt. Er habe ja nie auf ihn hören wollen – was sich nun als dop­pelt töricht er­weise, da Metrosexu­elle bekanntlich Fachmänn­er in solchen Angeleg­enheiten seien... Eine andere Schlacht, wenn man sich früh auf sie konzentriert hätte, hätte man bestimmt clever ge­schlagen, die mit Carola aber sei von vorne her­ein & bis heute zum Scheitern verurteilt gewe­sen! Da­von habe er sich persönlich überzeugt, als sie ihn letztes Silvester über­raschend an­sprach & er ihr, um dem Drama endlich ein Ende zu machen, alles er­zählte. Ja, er habe ihn verpfiffen, aber aus gu­ter Ab­sicht & sie habe nur merkwürdig geschaut, als habe sie es immer schon gewußt & sei schließlich davongerauscht. Diesen hartnäckigen Teufel habe Roland selber ge­rufen. Hätte er wenigstens einmal ein Vorha­ben konse­quent um­gesetzt – das Tagebuchschreiben zum Beispiel – es hätte ihm sicher frü­her zu der Er­kenntnis seines ver­geblichen Strebens verhol­fen; Schmach über den Säumi­gen... Stattdes­sen sei er ein Fliehen­der, ins Reich der Grimms & Hum­boldts & wie sie alle hießen; ge­wiß nie­mand, der zu Selbst­distanz Iro­nie Sati­re fähig wäre. Ein Eskapist & Hermetiker vor dem Herrn. Er sollte doch ein­mal persön­lich ins Land sei­ner Ka­tharer-F­reunde rei­sen & sehen, was von ih­nen noch üb­rig sei, die Got­tes Werk für ver­pfuscht gehalten & sich damit selbst einen ganz feinen Freibrief ausgestellt hät­ten... Nicht nur, daß Ro­lands Le­ben ne­ben der Spur ver­laufe & er nicht den Mumm auf­bringe, ins Lenk­rad zu greifen; er besä­ße auch noch die Dreistig­keit, diejenigen zu be­leidigen, die ihm die Hand reichten... Da­mit wer­de ein schweres Scheiden nö­tig, näh­me ih­re jah­relange Waffen­brüderschaft wohl oder übel ein Ende. Er werde sich also von Ro­land zurückzieh­en, der sich erst wieder melden solle, wenn er bereit sei, Hil­fe anzu­nehmen.
Aufgelegt.

***

jan-apr.doc (8)

PROJEKT: SPUR DES DOPPELT & DREIFACH (II)

Mann gibt sich wirklich einige Mühe mit dem Versteck. Mir aber springt der Hin­weis sofort ins Auge: Das XXXIV. Kapi­tel be­schreibt Leverkühns Kompo­sition Apokalypsis Cum Fi­guris. Viel­leicht also Zäh­lung der Moralia-Ausga­be doch kor­rekt, die drei­hundertvier&drei­ßig Sei­ten als Hinweis auf das vier&drei­ßigste Kapitel des Faustus zu deuten? Ist nämlich als einziges in der gan­zen Erzäh­lung selbst wieder in drei Teile geglie­dert: XX­XIV, XXXIV (Fortsetzung) & XXXIV (Schluß) – da­mit wäre auch die erste Drei der dreihundertd­vier&­dreißig Moralia-Seiten er­klärt. Ist also Ab­sicht, daß es nicht drei­hundertdrei&reißig sind!
Der Faustus besitzt sieben&sechzig Kapi­tel. Zählt man aber die anderen Teile des vier&­dreißigsten Kapi­tels hinzu, er­gibt das Neun&sech­zig, al­so Drei&­zwanzig mal Drei. Ka­pitel XXXIV (Fortsetzung) be­findet sich nach dieser korri­gierten Zäh­lung ge­nau in der Mitte des Werkes. Aha...!

Sorgfältige Prüfung der knapp dreizehn Seiten ent­hüllt leider doch kein nennenswertes Ergebnis, dafür in­teressante De­tails über den mögli­chen In­halt der Ver­schwörung:
Um die Wirkung der Apokalypsis Cum Fi­guris auf das Gemüt des Erzählers Serenus Zeitblom zu veranschauli­chen, be­schreibt dieser die soziologischen Voraus­sagen, die im Diskussionszir­kel seiner gelehrten Freunde erörtert werden. Sie zitieren Ale­xis de Tocqueville (wir befin­den uns im Jahr Neunzehnhundertneun­zehn), nach dessen Meinung der Französischen Revo­lution zwei gesellschaftliche Ströme ent­sprungen wären: ei­ner »für die Men­schen zu freien Einrichtun­gen«, »der andere zur ab­soluten Macht.« Letz­tere befinde sich nun leider auf dem Sieges­marsch, weil das Prin­zip der Freiheit zu einem logis­chen Kurz­schluß führe: zu ihrer Selbst­behauptung wäre sie nämlich ge­zwungen, die Freiheit ihrer Geg­ner einzu­schränken...
Als nächstes kommt man auf die Prophetie eines anderen Bu­ches, Sorels Réflexions sur la Violence & dessen Theorie zu spre­chen, daß die Ver­sorgung der Massen mit pseudomythologi­schem Firlef­anz (siehe Adornos Thesen!) die Tradition der parla­mentarischen Diskus­sion ablösen werde.
Dann eine eigentümlich viel­deutige Stelle: Der Erzähler wendet ein, daß ge­rade die geistige Enge & Geschlossen­heit der kirchli­chen Leh­ren im Mittelalter, angenommen als un­verrückbar, zu viel zahlrei­cherer & hem­mungsloserer Tätig­keit der menschli­chen Phan­tasie ge­führt habe, als die Individua­lisierung im bür­gerlichen Zeit­alter. Jenes, so prophezeien nun wieder die ande­ren Gelehrt­en, würde unweiger­lich in ei­ne Epoche umfas­sender Kriege & Revo­lutionen münden & die christliche Zivilisa­tion in eine Zeit zu­rückwerfen, die der zwi­schen Mittelalter & dem Zu­sammenbruch der Antike ähneln werde.

Kein rechter Reim darauf zu machen. Ausführungen fü­gen sich nicht in bisher ent­worfenes Schema. Etwas überse­hen?
Hin­weise auf zwei konkurrieren­de Gesell­schaftsentwürfe, Pro­phetie von Intel­lektuellen, Triumph­zug des Willens zur Macht... Nietz­sche der nächste zu konsultie­rende Autor? Nein, das Netz der Be­züge dürfte zeitlich eng­maschiger sein.
Aber: Akribie, mit der in XXXIV (Fortsetzung) ein zentrales Kom­positionselement der Apokalypsis Cum Fi­guris, das Prin­zip der Klangver­tauschung (Vokalisier­ung des Orche­sters, Instrumentali­sierung des Chors) beschrie­ben wird, läßt aufhor­chen. Ver­tauschung (Temurah), ne­ben Notarikon & Ge­matria doch ei­nes jener drei Prinzipien, mit denen die jüdische Kabbala ope­riert, um den wahren Sinn eines Tex­tes aufzuspü­ren…

Eingebung: Durchblättern des Faustus auf der Su­che nach der Beschreibung Leverkühns zweiter großer Kom­position mit drei Worten im Titel, Dr. Fausti Weheklag.

Fündig im Kapitel XLVI! Die dreihundertvier&dreißig Seiten der Moralia spielen nicht nur auf die drei Ab­schnitte des Kapi­tels Vier&dreißig, sondern auch, unter Anwendung des Vertaus­chungsprinzips & Addition der ersten Drei – letz­teres von der Tatsa­che angeregt, daß sich die zwei großen Kompositio­nen Le­verkühns inhaltlich & formal ergänzen – auf das sechs­&vier­zigste Kapitel (Drei&vier­zig plus Drei) des Faustus an. Raf­finiert!
Hier wirklich die nächste Verbindung: Me­lodik des Dr. Fausti Weheklag basier­t auf dem fünftöni­gen Grundmotiv h, e, a, e, es. In der Welt des Ro­mans steht dieses Buchsta­benfolge für »he­taera esmeralda«, jene Hure, die Adrian Lever­kühn in sei­nem ersten Ge­schlechtsakt mit dem Gift des Satans infi­ziert...
Nach Blick ins Litera­turlexikon Bestätigung des Ver­dachts: Die Töne verweisen (erneut aufgrund einer Vertauschung, diesmal der letz­ten zwei Lettern – das Ganze ergänzt um fünf Konso­nanten) auf niemand anderen als

h e RM a NN H es S e!

Kein Wunder – Hesses Glasperlenspiel ist Thomas Mann ja wäh­rend der Nieder­schrift des Faustus zugegangen...
Erinnerung an ein Relikt aus der Pfadfinderzeit. Oliv­er hatte es dort bis zum Holzabzeichen für Gruppenleiter ge­bracht, ich war nach zwei Jahren wegen dramatischen Dauer-Durchfalls auf den Zeltlager-Exkursionen wieder ausgetreten...
Nachspielen der Melodie auf der verstaubten Gitarre, erregt wie lange nicht mehr – darum steht das zweite h für (h)esse nicht in der Tonreihe & das e vor dem es: weil es viel besser klingt...

Verdichtung des Phantastischen, dem ich auf der Spur bin – of­fenbar ein Netz von Bezügen in­nerhalb der Werke deutscher Au­toren, das immer weiter in die Vergangen­heit reicht, um dem Findigen irgendwo dort ein Ge­heimnis zu enthüllen. Nur zwei Möglichkeiten, wie ein sol­ches System zu­stande kam:
1. Jeder der Beteiligten hat zufällig im Werk eines Äl­teren den Hinweis auf das Werk eines Weiter­en entdeckt & anschließend die literarische Stafette nur weitergerei­cht, als er in einem sei­ner Werke den Hin­weis darauf versteckte.
2. Alle beteiligten Autoren waren Initiierte. Der Reihe nach wurden die jüngeren von den äl­teren einge­weiht & dazu ver­pflichtet, in eines ih­rer Wer­ke den nächsten Hinweis einzubau­en. Hesse wurde so zu Manns Lehr­meister & Mann zu Adornos.
Wer von ihnen hatte Kenntnis von dem Geheimnis, das am Grund der Be­züge lag? Alle, wenige, keiner? Offen­bar wollten sie, daß das es entdeckt wird, wozu sonst die Stafette? Wer sollte es letztlich lüften? Wie tief reicht alles zurück – bis in eine »Epoche zwischen Antike & Mittel­alter«? Welche Rolle spielen die zwei Ströme zur »Macht« & zu »freien Einrichtun­gen«? Wie paßt die Mythologie, wie die Pro­phetie hin­ein?
Vor allem: Wer war der erste Autor?

***

jan-apr.doc (9)

Die Hauptstadt roch wie immer nach Katzenscheiße, als er aus den Tie­fen des Bahnhofs Alexanderplatz ans Tageslicht stieg. Er kam gerade vom Finanzamt & war auf dem Weg zum Rathaus Mitte, um seinen Gewer­beschein ab­zuholen & seinen Förde­rantrag abzuge­ben, als er be­merkte, daß ihm jemand nach­stellte.
Er schlug einen Haken zurück in den Untergrund, als hätte er etwas vergessen, kaufte eine Morgenpost, versuchte im Strom der von U- auf S-Bahn um­steigenden Massen un­terzutauchen. Es half nichts. Er wählte ruhige Nebenwege & kaum bekannte Ab­kürzungen, es än­derte nichts: jemand wandelte in seinem Schat­ten. Es ver­sagte der Mut, sich umzu­drehen, dem Un­bekannten eine Falle zu stellen, um in sein Gesicht se­hen zu können... Im­merhin war er nun neugierig genug, dem Verfolger nicht mehr zu erschweren, auf der Spur zu bleiben. Er wollte ihm nicht ver­raten, daß er seinen Atem im Nacken spürte.
Gelegent­lich schi­en es, als sei der Mann be­reit zum Zugriff, immer dann, wenn Ro­land den Schritt ver­langsamte & Zeichen gab, stehenzu­bleiben. Aber bevor es zur Konfron­tation kam, war Roland be­reits hin­ter die Glastür ei­nes Ge­schäftes ge­schlüpft, als kaufe er et­was.
An der Oberfläche dann, den Alex hinter sich lassend, an der Imbiß-Oase in der Karl-Marx-Allee, ließ er den Anderen heran­kommen. Hier mußte das Versteckspiel enden, denn gleich hin­ter dem Rathaus & dem International lag sei­ne Wohnung.
Er war ein fahrig wirkender Kerl seines Alters. Er erkannt­e ihn nicht gleich, da er anders aussah, als er ihn in Erinne­rung hatte: abgemagert, haarfettig, augenringig.
–Hey Iobst.
Es war Marwin Heggert, ein Freund Olivers, der in Bayreuth stu­diert hatte & sich im Journalismus versuchte. Eine der grauen Eminen­zen bei den Sil­vesterfeierlichkeiten auf Olivers Hof. Er & Heg­gert hat­ten dort in den üblichen Ritualen Fachwissen ge­tauscht.
–Noch immer dem medialen Ruhm der jungen Hauptstadt erlegen?
–Er sei auf Recherche...
–Jaja, wären sie alle... Er sehe übrigens beschissen aus.
Er konnte es nicht leiden, wenn jemand ohne Vorwar­nung in sein Revier eindrang. So jemanden wurde man am schnells­ten mit Ehrlich­keit wieder los. Heggert der Idiot nahm es als Scherz.
–Ma­gengeschichte. Er freue sich schon auf die Spiegelung. Sei wie Fruchtwasserschwim­men. Echt ange­nehm. Ein Be­kannter habe einmal behauptet, wer mit Fünf&­dreißig nicht ein Geschwür vorweisen kön­ne, habe im Leben nichts erreicht & werde auch nicht mehr weit kom­men... Naja Betriebswissenschaftler, hehe. Ar­beite heute bei seinem Va­ter in der Werkstatt… & er? Ro­land. Auch einmal Urlaub nötig was? Raus aus Germanien – nach Süd­frankreich vielleicht? Er empfehle Cap d'Ag­de bei Nar­bonne. Parad­ies für FKK & mehr. Sich mal ordent­lich die Wurst braten lassen. Bil­liger als Mallorca. Hey apro­pos: Ro­land habe si­cher Hunger. Er lade ihn ein. Auf ein paar Wiener?
–Lieber Curry. Was Bayreuth so mache.
Worauf wollte Heggert hinaus?
–Wie der Kanzler hehe… Bayreuth? Nicht viel. Er habe von der Ge­schichte mit Carola gehört. Par­ty-Dauerbren­ner gewissermaß­en.
Zurückhaltung üben. Nur nicht aus der Deckung kommen.
–Aber hey: Die habe sich nach­her ganz schön unbeliebt ge­macht, Ro­land richtig eins rein­würgen wol­len. Sei allen auf die Nerven gegan­gen da­mit. Naja sei dann ja nach hinten losgegangen. Er habe ja auch mal was von der ge­wollt, sich aber gleich einen Korb eingefangen. Zu we­nig Lebens­erfahrung, habe sie ihm gesagt… ziemliches Biest. Die werde es noch weit bringen.
–Was genau er recherchiere.
Warum immer alle so gut über Carola Bescheid zu wissen glaub­ten? Letztes Manöver beim Schiffe Versenken, wenn man selbst heftige Tref­fer eingesteckt hat: den Gegner in ein Gespräch verwi­ckeln, bei dem er vielleicht unabsicht­lich etwas über den Stand­ort der Flotte ver­rät.
–Hey, weil sie gerade von Bayreuth sprächen: Ro­land habe doch eine Zeit lang für die Feuil­letons geschrieben. Er sei ja in den Genuß gekommen den Meininger Ring zu se­hen. Die Pre­miere. Vier Abende hintereinander, sechzehn Stunden zusam­men. Das erste mal seit der Ur­aufführung Wagner pur. Das Orches­ter zwar unterbesetzt & bei den Einsätzen gele­gentlich in Gefolgschaftsverwei­gerung, aber ly­risch schlank. Der Dirig­ent, ein acht&zwanzigjähri­ger Novize, habe nach vier Jahren Probe mal richtig den Pomp im Blech dröhnen lassen, aber da & dort auch falsche Fei­erlichkeit abgespeckt. Man habe so­gar mal etwas vom Text verstanden: echtes Wagner-Belcanto in sauberer Dikti­on! Fast al­le Sänger noch schlankes Frischfleisch. & die Regieein­fälle! Die Rheintöch­ter seien in deut­scher Trikolore erschienen, & auf einem schwarz-rot-golde­nem Laken habe sich auch Mutter Erda geräkelt & später auch Siegmund & Sieglinde nach ihrem Inzest (dieser mit viel nack­tem Fleisch angerichtet...), Fawsolt & Fafner hätten die Schä­del von Wag­ner & Ludwig II. getragen, die Walküren drei­ßig Kerle kopf­über an Flei­scherhaken aufgehängt, Hagens Gesellen Fuß­ball gespielt; als Hinter­grund für Rheingold: Ein Nachbau der weißen Barri­kade, auf der Wagner Achtzehnacht&vierzig seine auf­ständische Gesin­nung de­monstriert hätte... Hey aber das Be­ste – der Wurm habe sein Maul auf­reißen & vor ge­malter Festspiel­hauskulisse ausspeien kön­nen: Winifred Wag­ner, Heß, Göring, Goebbels, Kohl & Schreiber. Was für ein Bra­vo! & das drei Mona­te vor Bayreuth, wo man immer noch um die Lei­tungs-Nach­folge verhandle, die der alte Wagner nicht abgeben will... & das alles in diesem Jahr der Jubiläen: Fünf&zwanzig Jahre Richard-Wagner-Museum. Fünfzig Jahre Neues Bay­reuth. Hundert­fünf&zwanzig Jahre Bayreuther Festspiele... Hey, der Ring werde bis Juli dreimal wie­derholt; das solle er sich nicht entge­hen las­sen. Die Karte koste auch nur hun­dertacht­&zwanzig Mark...
Clever, der Kerl. Wich in weitem Bogen aus & zog eine Mauer aus Feuilleton-Palaver hoch. Blieb nur noch die blinde At­tacke:
–Heggert. Er wisse, weshalb er gekommen sei: We­gen Italien, dem unge­klärten Tod sei­nes Schwiegervaters... Ja, Ro­land habe ein paar Ar­tikel für ihn verfaßt, wenn ge­rade wie­der et­was His­torisches in der Öf­fentlichkeit hoch­gekocht sei & über ein paar Theaterabende. Sei aber nicht dabei gewesen, im Italien-Ur­laub. Roland habe sich ja bei den Kollegen un­beliebt gemacht, wegen der vielen Aufträ­ge & seiner politi­schen Haltung. Der Kontakt sei ja schon davor abgebrochen, der Druck nicht mehr auszuhalten ge­wesen. Da habe sich wohl je­mand ein Nachtreten nicht nehmen las­sen... Wer nun Schwindtels Bergsteiger-Ausrüstung so gefährlich manipuliert habe? Auch Ro­land habe einen Ver­dacht: es habe da eine Frau –
Heggert war fort. Roland lehnte am Imbiß & blick­te mit verkniffe­nem Gesicht in den wolkenverhangenen Him­mel, die Pappschachtel mit gestückelter aber unberührter Curry­wurst in der Hand, darüber et­was Ketchup ge­laufen; um ihn herum das nichtssagende Treiben. Die Men­schen pul­sierten kleinen Blutkörper­chen gleich in den Adern der Stadt, ohne daß ein Stillstand ihres Herzens zu erkennen war.
Heggert. War er das ge­wesen? Heggert der Spinner? Der war doch angeblich beim Erklimmen des Montblanc ums Le­ben gekommen... Wie vor ihm sein Schwiegervater an einem anderen Berg.
Heggert galt als verschollen. Seit fast einem Jahr.

[Ich glaube, ich kann an dieser Stelle ver­raten, daß der angeris­sene Handlungszweig um Rolands Arbeit im Schwindtel-Verlag, womit er sich nach dem Studium ein Zeit über Wasser gehalten hatte, im Fort­gang der Geschich­te keine Rolle mehr spielen wird. Man darf Ro­lands Ausführun­gen hierzu glauben. Ich kannte Heggert & seine Neigun­gen & habe kei­ne Veranlassung an den mir bekann­ten Hinter­gründen seines Ablebens zu zweifeln. Es interessiert hier weniger Heggerts Ge­schichte, als die Rolle, die sie in Ro­lands Ge­schichte einnimmt...]

***

jan-apr.doc (10)

Carola hatte gleich mit achtzehn den Führerschein gemacht & ein Auto von den Eltern geschenkt bekommen. Einen Mazda Dreizweidrei in rot. Man fand das ein gutes Omen. Der Mazda war so etwas wie der ja­panische Kadett, aber weniger bieder: wind­schlüpfriger, sportlicher. Da­mit fuhr sie dann zweimal die Woche hin­aus zum Schiß­ritzer Forst, um dort Miß Marple, ihre deut­sche Dogge, spazie­renzuführen.
Der Gesundheitspfad, den sie nahm, führte außer an der Michaels­quelle & den Ausläufern des Forsts auch an jenem Heckenwall vor­bei, hinter dem sich eine von Bäumen & Gebüsch umkränzte Senke ver­barg, die Oliver & Roland früher als Versteck, Stütz­punkt, Lager, Fort, U-Boot & Raumschiff eine Heimat gebo­ten hatte. Vor dort aus konnte man den Blick über das unter ei­nem abfallende Tal schweifen lassen, sich vor gegnerischen Banden verstecken & joggende Pärchen mit Erb­sen blasrohrbeschießen. Mittlerweile war man zwanzig geworden & hatte die­ses Plätzchen lange nicht mehr gesehen, nun aber sich daran er­innert, als man Carolas Mazda auf dem Parkplatz stehen sah.
Nach einigen Tagen des Auflau­erns konn­te man abschätzen, wann ungefähr sie an jener Hecke vorbeikomm­en würde & schlich ihr end­lich einmal im Schutz des Walls hinterher; heute hat­te sie es eilig, da konnte man es wagen, sie schien ein wenig abgelenkt...

Auf der anderen Seite lag jetzt ein Bag­gersee, zu Kinderzeiten hatte es ihn noch nicht gegeben. Dorthin schlug Carola den Weg ein. Es war ein Abend im Spät­herbst, man konnte die tiefstehende Sonne als glü­henden Zigaretten­stummel hinter dem bunten Blattwerk erahnen; ein kühler Wind ging – zu frisch, um sich am See zu vergnügen. Sie waren allein mit den letzten Insekten.
Carola, deren neue Haarfarbe auf den Herbst abgestimmt zu sein schien, ließ Miß Marple von der Leine, streifte sich, Dryade des Wal­des, des falschen Ko­stüms aus der Menschen­welt überdrüssig, Schuhe, Strümpfe, Hose & Slip von einem Kör­per, dessen Fleisch die Berüh­rung der Ele­mente suchte, aus denen er ge­formt war: Erde & Wasser – & ging in den See. Ein Beben ging durch ihre käsigen Hinterba­cken & Gänsehaut ließ den blonden Flaum auf ihren antilopigen Beinen sich auf­richten, als sie die Füße ins Naß tauchte. Bald leistete der Körper keinen Widerstand mehr gegen die Käl­te. Es war eine Waschung & eine Tau­fe, denn sie trug noch den Slip bei sich & tauchte ihn un­ter & wrang ihn & schaufelte sich schließlich etwas Wasser dorthin, wo es mit der Erde chymische Hochzeit zu hal­ten pflegt. Flüche kamen ihr von den Lippen, wäh­rend sie sich & das Höschen aus­wusch. Hätte man sein Herz nicht schon ver­loren, es hüpfte einem jetzt davon, allein die­ses Zorngesichts wegen. Ir­gendwo kläffte Miß Mar­ple, auf der Jagd nach einem Waldbewohner. Vor­sichtig tastete man sich näher heran.
Bevor man mehr von ihr erhaschen konnte, Miß Marples näherkom­mendes Hecheln Zeit für ein Manöver ge­lassen hätte, hatte die Hündin ihrem Namen schon Ehre ge­macht. Sie stand keinen Meter ent­fernt & knurrte & zeigte die Fänge. Der Schwanz wedelte nicht.
Es blieb keine Zeit, die Regeln für das Duell zu verhandeln: schon verrieten zwei Stimmen, daß sich weitere Schaulustige näherten. Die Kraus­smann-Brüder. Natürlich, sie wohnten auf einem Bauernhof in der Nä­he – echte Naturbur­schen, deren liebste Frei­zeitbeschäftigung darin be­stand, anderen Leuten Heuschrecken in die Briefkästen zu ste­cken, im Tante-Emma-Laden (heute eine Edeka-Filiale) Panini-Sammel­bilder für das Album zur Fußball-WM zu klauen oder Roland, obwohl ein halbes Jahrzehnt älter, mit Katzenscheiße zu bewerfen. Schon hat­ten sie die Dryade entdeckt, rannten zu ihren Kleidern & lachten ein La­chen, das nur solche Rüpel beherrschen. –Wenn sie das Ober­teil auch ausziehe (man könne ja bereits ahnen, daß sie nichts mehr darun­ter habe), bekäme sie ihre Sachen wieder. Wenn nicht, wä­ren sie futsch & sie müsse halb­nackt nach Hause.
Miß Marple stand da & knurrte. Carola, wie aus einer Traumwelt gerissen, die Hände rasch vor dem Oberkörper verschränkend, rief:
–Ihr Vater lasse sie bestimmt vor Gericht laden, wenn sie das täten.
–Ihnen doch wurscht. Weil nämlich vorher ihr Vater dem von Caro­la eine aufs große Maul & in den dicken Bauch geben würde...
Carola schien einen Moment lang die Alternativen abzuwägen. Sie zitterte, spürte wahrscheinlich jetzt wieder die Kälte.
–Also gut, kam es schließlich mit kecker Nase von ihr, –Aber dann sollten sie sich auch gleich vor ihr einen von der Palme wedeln & nicht später einsam im Stüberl aus der Erinnerung, das wür­de sie gerne se­hen! Dafür zöge sie nicht nur das Oberteil aus, sondern käme auch ein Stück aus dem Wasser, einen zusätzlichen Einblick ge­während...
Das ließen sich die Brüder nicht zweimal sagen: schon hatten sie an­gefangen, ihre Teile auszupa­cken & daran zu rütteln, wäh­rend die Dryade langsam näher kam.
Man wußte nicht, was tun, wollte einschreiten, hätte dann aber seine eigene Schaulust verraten, konnte auch gar nicht, Miß Marple stand neben einem & knurrte, der Schwanz wedelte nicht.
Da kam der Pfiff. Die alte Detektivin schnellte um die eigene Achse, brach aus dem Gebüsch & stürmte los auf die Brüder, die in ihrem Schreck nicht mehr dazukamen, die Hosen zu schlie­ßen: als sie sich in Bewegung setzten, rutschten sie ihnen die Knie herunter & warfen die beiden ins Laub. Miß Marple verbiß sich in einen Gürtel. Der Junge mußte ihn aufgeben. Beide stol­perten wie sie waren, mit wei­chen Glie­dern, Fesseln an den Füßen & Schweiß auf der Stirn, unter Flü­chen & Rache­schwüren davon.
Die Dryade atmete auf.
Wenn die Brüder gewußt hätten, daß sie – allerdings erst, als sie wirk­lich nicht mehr zu sehen waren – sich doch noch das Oberteil ab­streifte, es mit dem Slip ans Ufer warf & dann begann, ihre Krei­se zu ziehen, Miß Marple ihr hinterher...
Sichtlich genoß sie die Freiheit ihres Körpers, in dem sie sich wohl­fühlte, für den sie sich nicht schämte – aber nicht vor & mit jedem!
Roland schämte sich sogar vor sich selbst – z.B. jetzt gerade wieder...
Bald jedoch schien der Dryade das Wasser kein Vergnügen mehr. Enger wurden die Kreise, wilder das Rudern der Arme. Bald war es ein Kampf mit dem Element, ein Platschen, Springen & Tauchen, als kön­ne sie es besiegen oder als sei sie von einer wilden Energie beherrscht, die sie darin loswerden wollte.
Irgendwann gab sie auf, kam wieder an Land & setzte sich in das Schilf, Roland den Rücken zudrehend. & als Miß Marple sich ne­ben ihr kräftig schüttelte: da begann sie, Nässe & Kälte nicht spürend, zu weinen – & zog den Hund an sich & begrub ihren Kopf in seinem Fell & murmelte etwas in sich hinein.
In ihm schnürte sich etwas zusammen. Sicher war es Koschel, der ihr das, was immer genau, angetan hatte. Man wollte zu ihr, im Verlan­gen, den Arm um sie zu legen, was sich richtig & sehr er­wachsen anfühlte...
Man stahl sich lieber leise da­von, be­vor der Kanide sich wieder des Männ­leins im Walde erin­nerte & das Versteck aufflog.
Man hatte ihre wahre Natur gesehen, eine Waschung mit ihr ge­teilt, die Abschied von der Jungfräulichkeit & Offenbarung ihrer Einsamkeit ge­wesen war: man war ihr endgültig verfallen – nicht, weil sie zur Prieste­rin von Erde & Wasser ge­weiht war, die einen in die Geheimnis­se des Fleisches würde einführen können (man selbst war ja der Ritter von Luft & Feuer, den Elementen des Geistes...) – sondern weil sie die Kraussmann-Brüder, in einem Moment der eigenen Schwachheit, tri­umphal erniedrigt & beleidigt hatte, wie die sonst alle anderen.
Man beschloß, sich ihr bald zu offenbaren.

Sechs Jah­re später wagte man es.
Zwei Wochen lang war man in den Se­mesterferien jeden Tag vor ih­rem Haus auf- & ab­gelaufen, bis man den Finger auf den Knopf gelegt hatte. Man wollte sie zum Essen einla­den & dann...
Der Vater öffnete.
–Carola mache ein Jahr Au-pair-Mäd­chen in den Staaten.

Es sollten weitere sechs Jahre vergehen, bevor man einen zweiten Ver­such unternahm.

***

jan-apr.doc (11)

Wie der Vater es versprochen hatte, war ein Großteil der Erb­masse be­reits auf sein Konto übergegangen. Die Büro­kraten hatte Ro­land entge­gen seiner Er­wartungen keine Schwie­rigkeiten bei seinem Vorhaben ge­macht. Alles war flink & mit verdächtiger Leich­tigkeit vonstatten ge­gangen. Eine selbst erstellte Seite & ein biß­chen Bannerwerbung waren auch schon ins Netz gestellt, die erste Werbe-Netzpost verschickt. So einfach war es also, das Heer der weisungsab­hängigen Malocher & Katzbuckler hinter sich zu lassen & in den Kreis derer mit Richtlinien­kompetenz aufzustei­gen. Nun hieß es: er seine ei­gene Fir­ma, seine eige­ne Dienstlei­stung, sein eigene Unternehmensi­dentität. Aber auch er sein eige­nes Risikokapit­al, seine eigene Auftrags­abhängigkeit, sein eigenes Netzwerk. Die Angel war ausge­worfen in den Teich der zu fan­genden & auszunehmenden Edelh­echte. Blieb zu hof­fen, daß er in den richti­gen Gewäs­sern fischte, ihm keine Haie in die Quere kamen & die Op­fer den Köder anziehend fanden.
Past&PR: Wie hoch könnte die Expansionsquote steigen, wie viel Reichtum der Geld-Fluß ins Haus spü­len, wann könn­te der Börseng­ang sein, die erste Dividendenauss­chüttung...?

[Mit der Agentur Past&PR hatte Roland versucht, nachdem man ihm für eine Stelle auf der Berliner Museumsin­sel abge­sagt hatte, sich als Selb­ständiger auf Un­ternehmensgeschichte zu spezia­lisieren & die Aufarbei­tung & Ver­waltung von Firmen-Archi­ven zu orga­nisieren – gekrönt von der Erstellung einer re­präsentativen Aufberei­tung der Fir­men-Chronik: zum Beispiel in ei­ner Jubi­läums-Fest­schrift. Keine neue Ge­schäftsidee – viel­mehr schossen zu der Zeit viele derartige Dienstleis­ter aus dem Bo­den (der Wunschname Akten&Fakten war schon verge­ben...).
Es ist be­zeichnend, daß Roland kaum ein Wort über seine Auftragsla­ge verliert. Belegt ist le­diglich das Anfrage eines Düssel­dorfer Netzge­schäfts, das drin­gend sein von Gewinn­warnungen, sinken­den Quartals­zahlen & dementsprechend­en Akti­enwert do­miniertes Öffentlichkeits­bild mit ei­ner Bro­schüre über die ei­gene Vor­reiter-Rolle in den Gründer­jahren des Netzes aufpo­lieren wollte­. Roland hat sie aber zu­gunsten von etwas anderem abschlägig beschieden, wie man gleich sehen wird...
]

Die Prognosen-Institute waren die einzigen, die im Moment Hochkon­junktur hatten. Ein regelrechter Überbietungswett­bewerb der Wirt­schaftsprophezeiungen war seit März über das Land gerollt – & alle korrigiert­en ihre Zah­len nach un­ten. Aus Angst vor einer Rezession in den USA re­duzierte das Hamburgische Welt-Wirtschafts-Archiv am vier­zehnten März sei­ne Wachs­tumsprognose für Deutsch­land von zwei­kommasieben auf zwei­kommadrei Prozent. Am dritten April glaubte der Internationale Währungsfond nur nach an zwei Prozent, während die Regierung bei ihrer Zahl von zweikomma­sechs blieb. Am zehnten April legten die sechs füh­renden Wirt­schaftsinstitute ihr gemeinsames Früh­jahrsgutachten vor & ver­änderten ihre Prognose von zweikomma­sieben auf zweikomm­aeins Prozent.
Es ging hinab als Roland hoch hinaus wollte. Über­all bereitet­e man sich auf harte Zeiten vor. Selbst das briti­sche Büro für UFO-Sichtun­gen, seit Neunzehnhundertdrei­&fünfzig tätig, muß­te mangels Meldun­gen geschlossen werden. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft stellte ihre Er­mittlungen gegen den Außenmin­ister & seine angebliche Falschaus­sage ein. Afghanis­tan sprengte prophylaktisch schon mal die über ein­tausendfünfhundert Jahre alten Buddha­statuen von Bamian. Der ehe­malige Schatz­meister ei­ner gro­ßen deut­schen Partei überwies dieser noch schnell eine Milli­on Mark von seinem Privatkonto, Gelder von unbe­kannten Spendern für frostige Zeiten. Die Öffent­lichkeit wandte sich derweil spannenderen Themen zu, zum Bei­spiel, ob man Stolz auf Deutsch­land sein könne. Aufs pompöse Kanzler­amt, für den man den Schloß­platz aufgab, konnte man es; während der Einsatz der deut­schen Friedenstrup­pe in Maze­donien bei­nahe am Parlam­ent ge­scheitert wäre, die Maul– & Klauenseuche weiter die Fleischpreise verdarb & im Se­nat der Haupt­stadt die gro­ße Koalition zu bröckeln anfing.

In solche Zeiten mag es nützlich sein, immer eine Enzyklopädie des nützlichen Zitats parat zu haben:
Alle Kate­gorien: Wer die Weisheit mit Löffeln gefressen hat, muß ge­füttert worden sein. (Roland Iobst).

PROJEKT: SPUR DES DOPPELT & DREIFACH (III)

Das Glasperlenspiel: Lebensbeschreibung Josef Knechts, der in ei­ner von der Au­ßenwelt abgeschotteten Pro­vinz namens Kastali­en zum Magister Ludi, zum Glas­perlenspielmeister aufsteigt… Wie Manns Dr. Faustus vor dem Hinter­grund der poli­tischen Si­tuation Deutsch­lands seit dem Er­sten Welt­krieg & der Entwick­lung wäh­rend der Hitlerei ge­schrieben. Der Gegenwart entge­gengehaltenes & in die Zukunft projiziertes Ideal des Glasper­lenspielerordens gleicht der platonischen Akade­mie, elitäres Ka­stalien ge­mahnt an Goethes pädago­gische Pro­vinz...
Das Glasperlenspiel erfolgt in Ge­heimsprache mit eige­ner Gramma­tik. Stellt die Einheit des Geistes her & bündelt Werte, Künste, Gei­stes– & Naturwissenschaft­en sowie alle Ide­en sämt­licher Kulturen zu einer Synthe­se. Die Erfüllung des gnosti­schen Traums vom Zusammenfall aller Ge­gensätze! Glasper­lenspieler spielen auf dieser weltgeistlichen Kla­viatur wie auf ei­ner gigan­tischen Kir­chenorgel von un­endlicher Schönheit, de­ren Manuale & Pe­dale alle Regis­ter des schöpferischen Univer­sums umfas­sen. Das hatte Mann wohl gemeint, als er behauptet­e, der Roman habe »das Trauliche auf eine neue, geisti­ge, ja re­volutionäre Stufe gehoben«: Glasperlen­spiel = Weltformel!
Knecht selbst ein zwischen »zwei Or­den« bzw. »die beiden Pole« (zwei Kapitelüberschriften) Einge­spannter. Das eine die »Tendenz zum Be­wahren, zur Treue, zum selbstlosen Dienst an der Hierar­chie«, das andere »zum Erwachen, zum Vor­dringen, zum Greifen & Begreifen der Wirklichkeit«. Der einstige Muster­geistliche kehrt mit den Jahren zu jener An­schauung zu­rück, die ihm sein Lehrer Pater Jako­bus nahegebracht hatte: »Wie soll man Ge­schichte treiben, ohne Ord­nung in sie zu brin­gen?« hatte Knecht ihn ge­fragt. »Ge­schichte trei­ben heißt: sich dem Cha­os überlassen & dennoch den Glau­ben an die Ordnung & den Sinn zu bewahr­en«. Die Erkenntnis, daß auch die kastali­sche Geist­lichkeit der Vergäng­lichkeit der Ma­terie unterworfen ist – was sich nicht weiterent­wickelt & ste­henbleibt, ist dem Verfall preisgege­ben – läßt Knecht sein Amt aufgeben. Die In­nere Spaltung wird jedoch erst sein letzter Schü­ler, Tito Desi­gnori, über­winden: Schon bald ereilt Knecht der Tod beim Ba­den in ei­nem Ge­birgssee.

Hier sind sie wieder, die zwei Strömungen, die Antipod­en, de­ren Verschmelzung Hesse & die anderen an­streben… In der Fi­gur Tito Designo­ris sicher Thomas Mann verewigt, in den Hesse seine Hoffnung ge­setzt hat­te... Aber wo steckt der Hinweis?
Nicht in den beiden Kapiteln über die Zweiheit. Auch nicht in ei­nem der drei (!) Lebensläufe im Anhang, Mate­rial aus Knechts Waldzel­ler Schulzeit, in der das Verfassen fik­tiver Selbstbiogra­phien zur Selbsterkenntnis füh­ren sollte (auch hierin aber er­neut das Motiv der Spaltung & Wei­tergabe des Er­bes...).
Noch einmal akribische Analyse der ersten Sei­ten: »Den Mor­genlandfahrern« lautet die Widmung. Hat Hesse nicht schon früher eine ähnlich betitelte Geschichte ver­faßt?

Den kleinen Band Die Morgenlandfahrt schnell im ei­genen Anti­quariat ge­funden. Die Hand zittert, als ich ihn aufschlage...

Nach wenigen Stunden Lek­türe unter Hinzuzie­hung der Sekun­därliteratur endlich die Lö­sung: Die Morgenlandfahrt, fertigge­stellt im April Neunzehnhun­dertein&dreißig, wird als Über­gang zum Glasperlenspiels an­gesehen. Hesse selbst hat fünf Jah­re da­nach no­tiert, die Morgenlandfahrt, »die bei­nahe von niemand­em noch entdeckt wurde«, sei ihm so wich­tig, daß ihm die fünf&fünfzig Jah­re sei­nes Le­bens »bloß als Vor­bereitung zur Morgenland­fahrt« er­schienen. Noch im Jahr der Veröffentli­chung des Glasperlenspiels weitere sieben Jahre später fin­det er diesen Ro­man »nicht so frisch wie die Morgenlandf­ahrt«, & später gefällt ihm manches am Glasperlenspiel gar nicht mehr, wäh­rend »die Morgenland­fahrt sich restlos be­währte«...

Ausgangspunkt ist die Krise des Ich-Erzählers & ehemalig­en Musikers H.H. (natürlich Hesse selbst). Wehmütig denkt er an die Zeit zu­rück, als er Mitglied des »Bundes der Morgenland­fahrer« war, ei­ner Bruder­schaft hohe Geister der Vergangen­heit & Gegenwart, die er nun erloschen glaubt: »ich er­scheine mir wie der überlebende alte Die­ner etwa eines der Paladine Karls des Großen, welcher in seinem Ge­dächtnis eine Reihe von Ta­ten & Wundern be­wahrt«. Die spiritu­elle Wall­fahrt in das Mor­genland, die »Heimat des Lichts«, von man­chen als »Kin­derkreuzzug« be­lächelt, ver­band die Teilneh­mer zu ei­ner geisti­gen Gemein­schaft. Be­dingung für die Auf­nahme: je­des Mit­glied soll­te sein privates Ziel mit der Reise verbind­en. Für H.H. war es »die schöne Prinzessin Fatme zu sehen & womög­lich ihre Lie­be zu gewinnen« (Esclarmonde, so viele Namen...). Die Rei­se führt über Kon­tinente, durch die Menschheitsges­chichte, an die Grabstätte Karls des Großen & andere ge­schichtsträchtige Orte; zurück in die Un­schuld der Kindheit – aber auch zu Irr­tum, Zwei­fel & Ver­zweiflung. Das Verschwinden des Dieners Leo in der Schlucht von »Morbus In­feriore« schließlich zerstreut die Bun­desbrüder. Bald muß H.H. erken­nen, daß nicht die Ge­meinschaft, sondern er es war, den Schwä­che & Zweifel un­treu wer­den lie­ßen. Das hohe Gericht, dem er sich als Selbstanklä­ger stellt, be­trachtet das Ereignis als Prü­fung & spricht ihn frei. Der Die­ner Leo offenbart sich als wahrer Hoch­meister des Bun­des. Er folgt dem Ge­setz vom Die­nen: »Was lange leben will muß die­nen. Was aber herrschen will, das lebt nicht lange.«
Unglaublich – mehrfach ist von einem »Bundesgeheimn­is« die Rede, besie­gelt in einem »Bundesbrief«. Im Bunde­sarchiv steht auf dem Ka­talogzettel zu Andreas Leo: »Cave! Archiepisc. XIX. Dia­con. D. VII. Cornu Ammon. 6 Cave!«

Nach etwas kabba­listischer Arbeit an dieser Stelle sowie der Fi­gurennamen & Symbole den nächst­en Stafettenträger ding­fest ge­macht: Otto Rahns Kreuzzug gegen den Gral, eine aus­führliche Ab­handlung zu den Katha­rern (!), an der dieser wäh­rend Hes­ses Nie­derschrift der Morgenlandfahrt arbeit­ete – er­schienen im Jahre neun­zehnhundertdrei&drei­ßig...

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jan-apr.doc (12)

Migräne. Unsägliche Migräne plagte ihn. Ein Heißluftballon pustete sich im Schädel auf & drückte gegen die Decke. Noch hielt der Kno­chen stand. Schweiß, der nicht salzig schmeckte, drang aus den Po­ren. Eine Frühjahrs­grippe, vielleicht eine Aller­gie? Wie konnte er sich die so plötzlich eingefangen haben? Jedenfalls kein Burnout-Syndrom.

Er nutzte die Gelegenheit, die Wonnen der Betttlägerigkeit wieder­zuentdecken. Sich nach einem Bad mit Fichtelöl, gekleidet in einen ge­waschenen Py­jama, auf ein frisch be­zogenes Pols­ter niederzulegen... Der keimfreien Geruch der Laken, die Geschmeidig­keit der fichtelge­salbten Haut, deren Nervenspitzen von der zarten Käl­te der Pyjamasei­de leicht in wohlige Erregung versetzt wur­den – das war sein Mittel ge­gen die Krankheit, das einzige, dem er vertraute. Die Fenster blieben ge­schlossen, der Briefkasten ungeleert, Arzt oder Apotheker unaufge­sucht. Da war nur er & die Krankheit & ihr Duell beim Durchschauen der Video­sammlung & Wetten gegen die Wettervorhersage (Roland hatte die damals bei den Pfadfindern erlernte Deutung der Wolkenfor­mationen­ & klimatischen Verhältnisse auf einige wenige Kern-Regeln heruntergebrochen – & traf damit überraschend oft ins Schwarze...).
Auf die Idee, die Zeit zu nutzen, seinen Sil­vester-Vorsatz umzuset­zen, kam er nicht. Ein paar Notizen immerhin schafften es auf einige über das Zimmer ver­streue Zettel. Er dach­te nicht weiter darüber nach, warum er das eigentlich tat.

Es träumte ihm. »Knapp Roland kam zum finstern Turm, sein Wort war…«, so das Wort des Armen Tom. Sfumato-Bilder, in denen Zeit & Raum sich zu ei­ner neuen Dimen­sion verdichten, hingen in der Ein­gangshalle. Auch Holbeins Miniatur Salomon empfängt die Königin von Saba neben Mi­chelangelos Re­lief der Kentaurenschlacht. Im Keller aus­ufernde Feier­lichkeiten des deut­schen Autoren­vereins an­läßlich der tri­umphalen Rück­kehr des Geni­tivs. Fahrt durch eine Kellerlu­ke ins Freie & Schwenk in die Hü­gelausläufer der Ceven­nen. Nach ei­nem erneuten Atten­tat gegen die In­quisition in Avigno­net be­ginnen fran­zösische Kö­nigstruppen & Zwangsver­pflichtete sowie heilig­e Milizen der Erzbi­schöfe von Narbon­ne & Albi Montsé­gur zu bela­gern, Kopf & Sitz der verbote­nen Kir­che & letzte Zu­flucht der Ka­tharer auf einem eintau­sendzweihundert Meter ho­hen Berg­kegel. Schnelle Schnitte über­brücken ein Jahr des Leids. Im März darauf Kapitulati­on nach ho­hen Verlu­sten auf beiden Sei­ten. Zweihundertf­ünf&zwan­zig gute Men­schen fin­den den Flam­mentod auf den Scheiter­haufen zu Füßen des Berg­massivs. Die Kamera begleitet ihre in goldgel­be Flam­men geschla­genen Fratzen aus der Frosch­perspektive. Rückblende: Mo­nate zuvor, nachts. Eine klei­ne Zahl Wa­gemutiger stiehlt sich, unbe­merkt von den Belag­erern, aus der Burg heraus. Was versuchen sie in Si­cherheit zu brin­gen? Es ist nicht der hei­lige Gral & auch nicht die Kirchenkass­e, wofür sich zwei par­faits [die Initiierten, die das conso­lamentum erhiel­ten, mit dem sie sich der Askes­e, dem Zölib­at, der Ehr­lichkeit & dem Vegeta­riertum ver­schrieben...] in äußers­te Lebens­gefahr begeben, son­dern sie: Esclar­monde de Foix, die Schwes­ter des Gra­fen von Foix. Esclar­monde die Hohe­priesterin. Black. Vertigo. Tiefer hinab in Mor­pheus’ Arme, Halluzina­tionen in den Schluch­ten ei­nes Ge­hirns, wo zwei Freuds mit­einander um die Herr­schaft rin­gen, der eine im Streben nach freien Einrichtun­gen, der ande­re zur absolu­ten Macht. Ton­spur einer Rede zur Verleih­ung des Nobel­preises an ihn, Iobst, für den Be­weis, daß Schön­heit nichts an­deres ist als ein kur­zer Schwebezu­stand – der Mo­ment, in dem ein geord­netes Sy­stem ins Chaos kippt oder ein chaoti­sches Sy­stem in eine Ordnungsstruktur überführt wird. Kaleido­skopbilder, Frak­tale Muster, Mandelbrot­mengen. Ein Wort wird an die Tafel ge­schrieben: Seltsamer Attraktor. Der mathe­matische Punkt des Kip­pens der Syste­me, Seltsamer Attraktor. Esclar­monde, Fremdartige An­ziehung; gerne wäre ich der Wurm in deinem Ap­fel, die Schlange dei­ner Verfüh­rung. Gog & Magog bit­ten zum Tanz. Die Heere neh­men Stel­lung auf. Auf der