There is a flower
Within my heart,
Daisy, Daisy!
Planted one day
By a glancing dart,
Planted by Daisy Bell!
Whether she loves me
Or loves me not,
Sometimes it's hard to tell;
Yet I am longing to share the lot -
Of beautiful Daisy Bell!
Harry Dacre: Daisy Bell (A Bicycle Built for Two), 1892
Nein. Wenn das hier wirklich Sinn machen soll, muß ich mit einem Exkurs über das Anfangen beginnen. Ich fand das nämlich von jeher die schwierigste aller Handlungen. Ziele abstecken, mir etwas vornehmen, geht noch ganz gut von der Hand – obwohl es als Grundlage eines jeden Beginnens bereits den Druck zur Umsetzung ausübt. Schon eher selten kann ich mich dazu durchringen, die Entscheidung über den Aktions-Zeitpunkt zu fällen. Ist jedoch diese Hürde genommen & der Moment da, das Vorhaben zur Tat werden zu lassen – überredet mich der Gedanke an mögliche Auswirkungen, lieber ganz die Finger davon zu lassen.
Ein mittleres Wunder also, daß ich hier sitze: in der kühlen Umarmung dieses unfertigen Steinkörpers, der nicht über die Stadtmauergrenze hinauswachsen durfte, es meinen Gedanken aber erlaubt, in geschützter Freizügigkeit durch die Nacht zu springen; daß ich hier, inmitten des Dunkels der Kathedrale, meinen Adlerfinger wirklich über die Tastatur kreisen & bei Entdeckung einer Buchstabenbeute herabstoßen lasse, um damit die Worte zusammenzustellen, die soeben auf dem Bildschirm erscheinen...
Es ist wirklich ein Wunder, daß ich einfach so weitermache. Denn im Schluß machen wiederum bin ich ziemlich gut.
Zum Beispiel als Kind auf dem Spielplatz, als ich mich mal wieder mit Karl Koschel im Sand prügelte (ohne angefangen zu haben!), da rief Mutter von der Bank herüber:
–Roland! Jetzt aber Schluß!
Schon ließ ich es. Nicht aus Vernunft oder Reue, sondern weil es mir, einmal auf die Idee gebracht, leichter fiel, als den nächsten Hieb zu platzieren. Karl hat mir dann – hämisch grinsend über mein Stillehalten – noch ordentlich zwei auf die Lippe gegeben, bevor mein Vater dazwischen ging.
Oder als wir die obligatorische Mutprobe unter uns Jungen machten & ich beim Überqueren der Autobahn plötzlich stehen blieb… All die Fragment gebliebenen Hausaufgaben, Seminararbeiten, Zeitungs-Reporte… Die vorzeitigen Abreisen… das Verlassen der Theater in den Pausen… Die abgebrochenen Kontakte…
Die Not zur Tugend verklärend, gab ich mich irgendwann als Satanist aus – das verschaffte den Leuten eine plausible Erklärung & mir ein wenig Respekt.
So ist das nun mal: Ich kann dem mächtigen Impuls nicht widerstehen, wenn sich eine Gelegenheit zur Beendigung bietet – & weil das oft zu bösen Verletzungen führt, habe ich gelernt, äußerst vorsichtig mit dem Anfangen von etwas zu sein.
Naja egal:
Nach dem letzten Mal vor sechs Jahren wagte ich wieder einen Versuch, mich in das Herz meiner Jugendliebe zu stehlen. Ich war schon knapp drei&dreißig, aber immer noch nur einsneun&siebzig lang, Carola Oleg [Name geändert] etwas größer & eineinhalb Jahre jünger. Sie hatte antilopige Beine & roch wie Pflaumenknödel im Herbst.
Auch diesmal wieder, auf dem mitterweile zum jährlichen Ritual gewordenen Silvesterumtrunk auf Olivers Hof draußen im Grünen, hatte ich sie gleich an ihrem Geruch wiedererkannt, noch bevor ich sie sah: als sie sich, meiner nicht gewahr, vor das Fenster schob, gegen das draußen der Schnee wirbelte & in der Berührung mit dem beheizten Glas zu Wassertropfen verglühte, die meinen Ausblick ins schwarzweiße Nichts verschwimmen ließen.
Daß ich schon so weit gelangt bin, bis auf die dritte Seite – es muß wirklich mit gestern zu tun haben, Arni. Endlich wird mein Neujahres-Vorsatz zur Tat: mein Lebens-Alltag, der immer nur an mir vorbeizog & sich in Erinnerung auflöste, in eine Schrift gebannt für die Zukunft... Um die nächste Niederlage vielleicht eher kommen zu sehen, aus dem vergangenen Geschehenen vorhersagen zu können. Um vorbereitet zu sein. Nicht wie an Silvester blind in die Falle zu tappen.
Jetzt rede nicht drumherum und geh endlich an, was du dir damals vorgenommen hattest...
Oh nein. Ich schreibe von mir, als würde ich selbst sprechen, dabei ist jedes Wort, das ich hier eintippe, einer Entscheidung entsprungen, die von etwas stammt, das ich sagt, aber unmöglich mich meinen kann, da doch gerade hierin meine Schwäche liegt; schon fühle ich, wie mich Lähmung beschleicht, wie ich aufzuhören plane, was mir viel leichter fällt, als weiterzumachen – das steht ja schon geschrieben.
Es läßt sich nicht wegschreiben, der Zwang zum Schluß machen reckt seine Ellbogen vor. Ich muß ein Zugeständnis machen.
***
Zweiter Versuch. Wieder aufs Rad steigen. Sich einen Schuß Kirschlikör setzen. Tiefer in die wärmende Decke verkriechen, dem einzigen Schutz vor dem kalten Ausmaß dieses Schattengemäuers, das eintausendsiebenhundertzwei-&siebzig auf den Überresten einer konstantinischen & lateinischen Basilika – danach einer karolingischen Kathedrale – erbaut worden war, geweiht den Märtyrern Justus & Pastor, in seiner Höhe übertroffen nur von den Kirchen von Beauvais, Amiens & Metz...
Nicht alles auf einmal wollen. Zunächst einmal den Beginn des Tagebuchs genauer bezeichnen:
Zweiter Mai Zweitausendeins (Null Uhr Fünf&zwanzig):
& nicht sofort alles preisgeben!
Sich einer Überschrift unterordnen – Erinnerung an die Spiegel-Titel eines Jahresdrittels als Ideen-Katalysator:
»Das Universum im Kopf – Joschkas wilde Jahre – Zurück zur Scholle – Preußen – das zwiespältige Erbe – Das Gespenst der Siebziger – Ich – Die große Rentenreform – Die Milliardenfalle – Neue Heimat Süden – Verschwundene Kinder – Droge Macht – High-Tech-Welt Zweitausendeins – Was fühlen Tiere – Was sollen Kinder lernen – Zurück zur Familie – Auf den Spuren der Königin von Saba.«
Zu marktschreierisch für die Banalität der zugehörigen Geschichten; untauglich für mein Projekt, mein bescheidenes Leben...
Hier allerdings, in der Sakristei der Kathedrale, zwei Wandteppiche aus Aubusson: Sieg Davids über Goliath & Besuch der Königin von Saba bei König Salomon... Ein Bekannter von mir aus der Hauptstadt, Archäologiestudent, gräbt gerade die Palaststadt der Königin in Jemen aus – seltsames Zusammentreffen zweier Parallelen, das nur im gekrümmten Raum möglich ist?
War soetwas auch gestern geschehen?
Jedenfalls: Lieber doch keine Überschrift. Erst hinterher festlegen, im Überblick über die heimliche Ordnung der Dinge.
Diese Kopfschmerzen! Die Schulter, die Hüfte, sie melden sich wieder. Wäre ich gestern doch nicht gerannt wie ein aufgescheuchtes Huhn, blind für das Drumherum...
Flucht in Assoziationsketten: Mein Geburtstag. Der Drei&dreißigste. Schnapszahl. Asbach Uralt. Verfallsdatum abgelaufen seit einer halben Stunde. Der richtige Zeitpunkt. Child in Time. Endlich auf der Spur, den Plan in die Tat umzusetzen. Von. Nun. An: Geschnetzeltes. Der Maschine (Prometheus, Golem, Homunkulus, Frankensteins Monster...) Leben einhämmern.
Arni, ich kann bereits mit mehr als nur einem Finger. Alles eine Frage der Übung. Jetzt sind es schon zwei!
Der Gedankenstraße also einfach vertrauen. Sanft vom Boden abstoßen. Nicht umsehen. Noch nicht in die Pedale treten! Erstmal anrollen lassen. Konzentration auf die Monotonie des Mittelstreifens statt auf die turbulente Umgebung.
Ich werde beim ich bleiben, solange es geht; solange ich vom jetzt schreibe. Jenes ich aber, das mich hergeführt hat…
Es wird ein Wechsel nötig sein, keine Frage: Dritte Person Singular, Präteritum. Nur mit diesem Schutzhelm auf dem Kopf, dieser Weste am Körper – ich nicht als ich –, kann man die Stützräder abschrauben. Die Füße auf die Pedale – & los!
Silvester Zweitausend/Zweitausendeins: Sie studierte Psychologie – also erhoffte er sich von ihr nicht nur Aufklärung über die Untiefen der weiblichen Existenz, sondern auch Analyse & Therapie seiner beiden größten Probleme: der Endigungs-Sucht – & des jenem Naturell widersprechenden Dranges, etwas mit einer Frau (ihr!) anzufangen...
Mein Gott, sie trug noch immer diese leicht angehobene Spitznase & den Sommersprossen-Kranz um die Augen herum!
Der Gang greift, die Übersetzung stimmt, die Kette reißt nicht. Wunderbar. Das Kugellager rattert kontinuierlich, während das Rad die Straße hinabrauscht.
Nicht darüber nachdenken, wie man das Gleichgewicht hält. In Fahrt bleiben. Vielleicht entdeckt man dabei unerwartete Nachbarschaften, wird einem die unverhofft zusammenhängende Geographie der Gedanken geoffenbart?
Für dich Arni, meine Adresse. Mein Unbewußtes hatte dich längst einkalkuliert – die Finger nur deshalb ohne Störfall gelenkt, weil es bereits wußte, daß seine Worte sich an niemand beliebigen richteten… Warum an dich & nicht Oliver? Naja, nach dem Verlauf des letzten Gesprächs... Er war der beste Freund meiner Taten, du bist der meiner Pläne. Das hier würde er auch gar nicht verstehen. Du mußt mir jetzt einfach den Spiegel halten, Krontastmittel meines Lebens-Werk sein, tut mir Leid.
Lieber Arni, Bestreiter der germanistischen & philosophischen Seminare wie ich & nun vielleicht bald sogar Romancier; du Zwilling aber auch Antipode – dein scharfes Auge beachte die Worte, die Nostradamus uns hinterließ, als er ein einziges Mal so hellsichtig war, vor dem Mißbrauch seiner Vierzeiler zu warnen:
»Wer diese Verse liest, der möge sie reiflich prüfen! Gottlose & Unwissende sollen sich nicht damit befassen! Alle ‚Astrologen’, Toren, alle Barbaren sollen sich fernhalten! Wer sich nicht daran hält, der sei nach heiligem Ritus verflucht!«
Ausschneiden. Einfügen. Alles auswählen &: Löschen.
***
Silvester Zweitausend/Zweitausendeins: Nach dem letzten Mal vor sechs Jahren wagte er wieder einen Versuch, sich in das Herz seiner Jugendliebe zu stehlen. Er war schon knapp drei&dreißig, aber immer noch nur einsneun&siebzig lang, Carola Oleg [Name geändert] etwas größer & eineinhalb Jahre jünger. Sie hatte antilopige Beine & roch wie Pflaumenknödel im Herbst.
Auch diesmal wieder, auf dem mitterweile zum jährlichen Ritual gewordenen Silvesterumtrunk auf Olivers Hof draußen im Grünen, hatte er sie gleich an ihrem Geruch wiedererkannt, noch bevor er sie sah: als sie sich, seiner nicht gewahr, vor das Fenster schob, gegen das draußen der Schnee wirbelte & in der Berührung mit dem beheizten Glas zu Wassertropfen verglühte, die seinen Ausblick ins schwarzweiße Nichts verschwimmen ließen.
Sie studierte Psychologie – also erhoffte er sich von ihr nicht nur Aufklärung über die Untiefen der weiblichen Existenz, sondern auch Analyse & Therapie seiner beiden größten Probleme: der Endigungs-Sucht – & des jenem Naturell widersprechenden Dranges, etwas mit einer Frau (ihr!) anzufangen...
Mein Gott, sie trug noch immer diese leicht angehobene Spitznase & den Sommersprossen-Kranz um die Augen herum!
Das war schon ihr Kennzeichen als Schulkameradin auf dem Graf-Münster-Gymnasium in Bayreuth gewesen, einer neusprachlich-mathematischen Schule, die er nur deshalb besucht hatte, weil sie über die günstigste Busverbindung zu Niederschißritz verfügte, dem fünfhundert-Seelen-Meiler seines Heranwachsens, sechs Kilometer vor dem Stadtrand der oberfränkischen Kapitale. Hier hatte ihn nichts gehalten: weder die Bayreuther Universität, die vor gerade einmal sechs&zwanzig Jahren gebaut worden war (Roland liebte das Altertümliche), noch die gemütlichen fränkischen Hügel – außer eben Carola: die ihm jetzt, ihr unbeabsichtigtes Eindringen in seine Einsamkeit vor dem Fenster bemerkend, leicht schielend vom Alkohol ins Gesicht sah, ihn auch gleich wiedererkannte, die Brauen & Backen nach oben zog, im Ansatz, ihn anzusprechen, offenbar sogar wegen einer Idee, die ihr gerade gekommen war, einer offensichtlich genialen, – & schon von einer Traube Freundinnen weitergeschoben wurde...
Carola... Sie war nicht wie er & viele andere zu Beginn des Studiums in eine Großstadt außerhalb Frankens gezogen, sondern hier, in der Talsohle zwischen Fränkischer Schweiz & Fichtelgebirge geblieben. Seit seinem Umzug nach der Hauptstadt & an die Ernst-Humboldt war die einzige Gelegenheit, sie wiederzusehen: wenn er mal wieder zu Besuch bei den Eltern weilte – was er entgegen aller Vernunft ziemlich oft tat. Er spürte also am eigenen Leib, warum die alten Dichter der Seele-Körper-Gespaltenheit so viele Lieder gewidmet hatten.
Er versäumte keine Einladung zu den Ehemaligen-Treffen, machte jedesmal alles möglich, um von Berlin herunter zu kommen. & wenn sie sich dann hier inmitten der Anderen begegneten, wie jetzt… hatte sie seine Blicke an ihr vorbei immer falsch gedeutet, seine Sprachlosigkeit niemals auf sich bezogen. Sein Werben war in stiller Distanz verblieben. Er hatte einfach nie etwas mit ihr anfangen können...
Bevor ich vergesse, das zu meinem gestrigen Geburtstag aufzuschreiben – ja, Arni, ich muß es hier klar artikulieren, Roland A. Iobst (das A. steht für Ansgar, was ich gern unterschlage), erklärter Satanist & großer Gnostiker, läßt sich sonst nicht ganz verstehen: dieses Datum hatte nicht nur mein Verhältnis zu dem Land geprägt, dem ich soeben nach Südfrankreich entronnen bin, sondern war auch der tiefere Grund für Bildung & Beruf. Es hat mich für überschriebene Zeitschichten sensibel gemacht, die man hinter dem Heute entdecken kann wie auf einem Palimpsest.
Wenn man am ersten Mai geboren ist, lernt man schnell mit trauriger Komik zu leben. Das wichtigste Ereignis des Jahres, die feierliche Begehung der eigenen Einzigartigkeit, an der man üblicherweise als einziger das Recht erhält
– sich stundenlang alte Buck-Rogers-, Flash-Gordon- & Raumpatrouille Orion-Folgen auf Video anzusehen, als Raumschiffe noch an Nylonfäden hingen & von Wunderkerzen angetrieben wurden;
– stundenlang die alten Sierra- & Lucas-Arts-Adventures zu spielen, unterbrochen nur von ein paar Freudenstab-Rüttelorgien in den Summer- & Winter-Games: alles via Datasette auf dem seit Kindertagen gehüteten Commodore Vier&sechzig;
– einen Spaziergang zu den Spielplätzen zu unternehmen, wo man das erste Weitpinkeln veranstaltet oder sich die erste Gehirnerschütterung eingefangen hatte, um den Kindern dort stundenlang die Kletterburg streitig zu machen;
dies verliert am Tag der Arbeit seine anarchische Exklusivität.
Man muß dieses Quantum öffentlich legitimierter Faulheit jedoch nicht nur mit allen anderen Mitbürgern teilen, sondern in Zwangsehe mit einem Anachronismus:
Die Mehrheit der Arbeiterklasse genießt heute doch die Vorzüge von Arbeitszeitkonten, Gleitzeit & Abbau von zwei Milliarden Überstunden im Jahr – wer Arbeit hat, macht sich davon frei –, während die Netz-Pioniere meiner Generation als freie Mitarbeiter, Auftragsinformatiker oder selbständige Webdesigner die Trennung von Arbeit & Privatleben längst aufgegeben & ein neues Zeitalter der Erwerbstätigkeit eingeläutet haben, in dem ausgefeilte Speichertechniken den Menschen endgültig seines kollektiven Gedächtnisses berauben werden:
Man wird den schmalen Grad zwischen Gestern & Morgen stetig verbreitern, carpe diem rund um die Uhr. Die Erinnerungsarbeit wird ausgelagert zugunsten eines taglaunischen Lebens ohne Ursprung & Horizont – der Tag der Arbeit also nur noch als Etikett für eine bestimmte Dosis Instant-Freizeit aus dem staatlichen Servicepaket herhalten. Historisch gewachsene Tatsachen, wie die Ursprünge dieses Feiertages, werden keine Rolle mehr spielen.
Silvester Zweitausend/Zweitausendeins: Diesmal jedoch, seit ihrer Begegnung vor dem Fenster, war etwas anders: seine vorsichtigen Blicke trafen auf jemanden, der sie herausforderte.
Die debattierenden Gäste befanden sich in einem schnelleren Raum-Zeit-Kontinuum als Carola & er: Während jene ein neues Zeitalter des Spiels mit dem Authentischen heraufdämmern sahen, weil nämlich am Vortag, nach hundertsechs Tagen Leben im Kamera-Container, diese schamlose drei&zwanzigjährige Jurastudentin das Finale der zweiten Big-Brother-Staffel gewonnen hatte (woran knapp ein Zehntel der Bundesbürger Anteil genommen & damit dem Produzenten ein paar Tränen in die Augen getrieben hatten), schien sie ebensowenig bei der Sache zu sein wie Roland. Eindeutig suchte sie immer wieder seinen Blick aus den Menschentrauben heraus.
Was konnte geschehen sein? Es wußte doch niemand von seiner Leidenschaft außer dem Gastgeber, seit Kindestagen sein engster Kenner; wußte noch jemand, wie oft Roland vergeblich versucht hatte, an Carola heranzukommen: wenn sie zum Beispiel in den Semesterferien für die Festspiele arbeitete – als Verkäuferin von Schwarzmarktkarten oder als Betreuerin der Besucher, denen im historischen Zuschauerraum wegen der fehlenden Klimatisierung schlecht geworden war?
Kein Zweifel: Carola wollte ihn auf ein Ansinnen hinweisen, das dem seinen ähnlich zu sein schien. So wie sie sich immer an der engsten Stelle zwischen ihm & den anderen Gästen hindurchzwängte, dabei ihr grandioser, von einem Angorapulli verhüllter Oberkörper seine Arme entlang streifend, knisternd vor Reibungselektrizität…
Er hätte also vielleicht darauf verzichten können, sich Entschlußkraft anzutrinken. Er war aber eben trotz seines Alters noch nie von einer beansprucht worden. Auch half der Schleier des Kirschlikörs, die in einer Gehirnwindung schrillende Alarmsirene zu überdecken, die ihn hartnäckig an das erinnern wollte, was die anderen stets von ihr behaupteten. Sein & Erscheinen lägen nicht immer direkt beisammen...
Aber er kannte sie besser. Er hatte etwas gesehen, was keiner gesehen hatte, ihr wahres Wesen damals am See – & er hatte den Plan, in sechs Jahren gereift: ihr ein Gedicht zuzustecken. Es war zwar nur aus einer Laune heraus entstanden, während eines langweiligen Frühgeschichte-Seminars, auf dem neuen elektronischen Notizbuch – aber Roland dachte pragmatisch, daß es passend wäre, ihr sein Dilemma zu veranschaulichen, ohne daß er dafür in prekäre Details gehen müßte:
FUßNOTEN ZUM PLAN DER BESCHREIBUNG DES TROJANISCHEN KRIEGES
Von Helena & Paris will ich künden
Deren lasterhafte Sünden
Beschworen den Krieg von Troja
Von Agamemnon & Odysseus
Die als Streiter des Zeus
Trugen den Krieg gen Troja
Von Kassandra & Andromache
Den Frauen die mit ach! & weh!
Warnten vorm Krieg in Troja
Von Priamos & Hekuba
Die als töricht Königspaar
Einließen den Krieg nach Troja
Von Hektor & Achill
Die um der Götter Will
Fochten im Krieg um Troja
Von einer List will ich singen
Die nach blutigem Ringen
Entschied den Krieg von Troja
Aber mit welchen Worten beginnen?
Er kam nicht dazu, die Überzeugungskraft seiner Metaphorik auf die Probe zu stellen, denn... Hui, wie das tanzt & sich dreht... Zack!
Kurz war er weggedriftet & unsanft auf dem Boden gelandet, aber er hatte sich wundersam wieder aufgerappelt & hinter das Zielobjekt gehängt, plötzlich sehr Taten-tollkühn: gerade wollte er ihr den gefalteten Computerausdruck in die linke Gesäßtasche schieben – sie bog sich einer Freundin entgegen, um sie unter dem Lärm besser hören zu können; ihr herrliches Rückgrat, vom Angorapulli befreit, drückte sich leicht durch das lilafarbene Top –, da drehte sie ihm ihr Champagner-Lächeln zu & hauchte etwas, das von der Musik verschluckt wurde, aber wie ein tief-fränkisches, herzliches –Endlichasdsgschnalld! aussah.
Sie hatte ihn angesprochen! Ob sie nur auf den ersten Moment gewartet hatte, in dem er aus der Deckung kam?
Kein Vergleich könnte den Schrecken & die Emphase beschreiben, der ihn in jenem Moment gleichzeitig durchfuhren. Die Knie begannen sich selbständig zu machen, er spürte ihn etwas am Arm packen & hinter sich herziehen, hörte helles Lachen, seine Schritte auf dem Pflaster – & fand sich mit ihr einige Häuserblocks weiter in einer Küche wieder; die anderthalb Liter Mut drückten allmählich auf die Blase.
Entschuldigung, vorhin wurde ich etwas zu leidenschaftlich in meiner Wortwahl. Du weißt warum, Arni: Die zwölf Semester Studium der Geschichte, Germanistik & Philosophie haben uns einen Jargon eingeimpft, mit dem wir glaubten jenseits der lingua franca gegen den Verfall des deutschen Wortschatzes ankämpfen zu können – nicht als anglophobe Reaktionäre, sondern aus Liebe zu den mikroskopischen Fähigkeiten unserer Sprache.
Jetzt aber scheinen mir diese Wörter ihren Gegenstand nicht mehr zu treffen. Die Zeit ist schneller als die Wörter.
Ich habe kein Übung im Idiom der gegenwärtigen Palaver-Diarrhöe, der Prosa der Pauschalisierer & Pizzalieferanten, die im Netz neuerdings gepflegt wird. Kein Wunder, wirst du jetzt sagen, du beugst dich ja lieber über Truppenaufstellungen aus dem dreißigjährigen Krieg, Einkaufslisten Pariser Mägde während der Schweinepest oder Pamphlete aus dem fünfzehnten Jahrhundert (die statt der vier Körpersäfte Blut, Phlegma, Gelber & Schwarzer Galle die Dreiheit von Wasser, Blut & Sperma preisen – Beweis der göttlichen Abstammung des Menschen, weil die Zahl Drei dem Schöpfer kosmologisch näher stehe, als die auf den Elementen beruhende, also irdisch zu interpretierende Vier...).
Stimmt Arni. Ich habe immer geglaubt, die Langsamkeit der Wörter sei etwas Gutes.
Stil ist der Mensch selbst, würdest du antworten. Du kannst nicht aus deiner Sprache, also warum versuchst du das Unmögliche? Du würdest ja sowieso gleich wieder aufhören damit.
Immer ist der Dämon der Beendigung am Werk... Gerade jetzt probiert er es aufs Neue. Selbst Flucht vor ihm ist Teil seiner Strategie. Ich habe eine echte Behinderung – man halte mir die gekennzeichneten Parkplätze frei!
Ich kann den Mahr, der schon wieder zum Sprung auf meinen Bauch ansetzt, nur abschütteln, indem ich die Tastatur weiter behämmere, dem Computer alles anvertraue, was der Gang der Gedanken mir eingibt, den Regeln eines noch zu formulierenden postsurrealistischen Dogmas automatischen Schreibens gemäß: weiter die Straße entlang, sich nicht aufhalten lassen, höher schalten, den Blick immer nach vorne, nur nicht an Hindernisse, falsche Abzweigungen, plötzlich kreuzende Passanten denken…
Silvester Zweitausend/Zweitausendeins: Sie bemerkte den Blick, mit dem er sich umschaute, um herauszufinden, wo er war, wie & warum gerade hier, sie hatte ihn doch nicht etwa zu sich mit nach Hause genommen, um ihm erneut zu demonstrieren, daß sie die Tochter eines Vorstandsvorsitzenden war?
Bevor er noch selbst darauf kam, an was ihn der Anblick des Gasherds & des WMF-Instrumentariums erinnerte, kam die Frage aus einem Nebenzimmer, in das sie soeben gehüpft war:
–Ob er Biolek gucke (die Küche sei der Sendung nachempfunden) & ob er den Witz kenne, wie Cunnilingus bei den Grünen genannt werde.
Er verneinte zweimal, was von einem wenig damenhaften Kichern quittiert wurde, machte einen Ausfallschritt, um nicht tatenlos herumzustehen – & lief ihr geradewegs in die Arme.
Sie war aus der Abendgarderobe geschlüpft, nackt bis auf einen teuren Seidenslip – sogar um die Brustwarzen waren ein paar Sommersprossen auf kleine Satellitenumlaufbahnen verstreut –, hielt mit der einen Hand eine Champagnerflasche & fuhr ihm mit der anderen über die Haare langsam abwärts bis zur verbotenen Zone, ihr Blick verriet ein dringendes Anliegen... Mitternacht stand kurz bevor, sechs&fünfzig Prozent der Bundesbürger erwarteten optimistisch das neue Jahr, nachdem die deutsche Wirtschaft zuletzt mit dreikommaeins Prozent den größten Anstieg seit der Wiedervereinigung verzeichnet hatte.
Während er in Bestürzung über ihre Berührung ein Mahnmal an den zweiten Weltkrieg zu imitieren schien (& noch immer mit seinem Blasenproblem kämpfte), köpfte sie den Champagner, ließ sich seine hellgelben Perlen den Hals herab rinnen, während der Eßtisch genügend Platz bot, sich so zu räkeln, wie sie es den Blondinen aus den Spätfilmen im Kabelfernsehen abgeschaut hatte.
Schließlich forderte sie ihn zum Koitus auf: indem sie ihm mit einem Bein den Slip ins Gesicht schleuderte & mit Siegeszeichenhaltung ihres Unterleibs (V – Die Außerirdischen Besucher kommen, erinnerst du dich, Arni?) das Lachsfleisch zwischen den Schenkeln entblößte.
–Schnell schnell, drängte sie, –Um null Uhr wolle sie zum Höhepunkt kommen. Wenigstens das. Wenn sie schon den eigentlichen & wahren Jahrtausendwechsel in diesem Kaff, dieser ganzen Scheiße hier verbringen müsse. Er sei doch schon lange spitz, sie habe sich bei Oliver nach ihm erkundigt... Damals am See, das sei doch er gewesen, nicht war? Ja, sie habe ihn durchaus bemerkt, aber erst, als er davonzuschleichen versucht hatte – hier wäre jetzt seine Chance…
Wie um die merkwürdige Verzweiflung ihres Wunsches noch zu unterstreichen, tippte sie mit einer flinken Handbewegung auf eine naheliegende Fernbedienung. Irgendwo sprang eine Stereoanlage an & spielte Wer bist du, kühner Knabe aus Wagners Nibelungenzyklus.
Diesem Weib war er nicht gewachsen. Man verlangte eine Entscheidung von ihm. Er hatte getrunken, das verwässert oben den Kopf & will unten wieder heraus. Der Pennäler hing also beharrlich herab, ein lebloser Blutegel, da ließ sich nichts machen. Ein schamhaft zusammengepreßter Mund war alles, womit er ihr entgegenkommen konnte.
Da war noch dieser Ausdruck auf ihrem Gesicht, der die ganze Skala von Säuerlichkeit über Enttäuschung bis zur Verachtung durchlief – & die Tatsache, daß sie ihm hektisch die Hose aufknöpfte, alle Tricks anwendete, die sie in der Bravo gelernt & über die Jahre des in-die-Dreißiger-Kommens an zahlreichen Testpersonen perfektioniert hatte...
Er ließ es mit sich geschehen, alle Kraft ausgelaufen, flüssige Butter. Zwecklos – an Roland zerschellte ihre sexuelle Meisterschaft wie die Titanic am Eisberg.
Aufhören! dachte er. Warum hört es nicht auf?
Hierher nach Narbonne bin ich also geflüchtet: zu meiner größten Obsession, den Katharern, den gnostischen Ketzern – dir, Arni, muß ich dazu ja nichts sagen...
Geburtstagsgratulationen erwarte ich sowieso keine. Am ersten Mai läßt man mich in Ruhe, weil ich seit Jahren an einem falschen Datum, am ersten August feiere – da hab ich meine Ruhe, weil sich alle die Bäuche an einem Mittelmeer-Strand braten lassen...
Endlich auch einmal etwas anderes sehen, nicht wahr Arni, als die olle Plattenbauwohnung: ein ZKB, zwei&fünfzig qm, zentrale Lage am Rande von Berlin-Mitte (naja eigentlich Friedrichshain) – nahe Karl-Marx-Allee & Alexanderplatz, sechster Stock, Balkon, Fünfhundertsieben&neunzig DM warm... Einer dieser alten DDR-Kästen, in denen die westdeutschen Generationen Golf & Guido, aber auch die ostdeutsche Künstleravantgarde die Kontrolle übernommen haben, um mit dem Schick des Kargen zu kokettierten…
Auf dem Anrufbeantworter dort kann man jetzt erfahren, daß ich mir ein paar Tage Urlaub (den ersten!) von Marx gönne – im Dienste des ersten Auftrags meiner Ich-Agentur Past&PR – Archivmanagement, Geschichts-Marketing, Eventrecherche [Name geändert]. Ja Arni, ich habe es wahr gemacht & bin jetzt mein eigener Herr...
Neujahr Zweitausendeins: Erwachen im alten Kinderzimmer bei den Eltern. Bilder tanzen auf öligem Wasser. Auf der Zunge Geschmack von Ameisenkot. Im Spiegel das Bildnis des Dorian Gray. Gänsehaut. Blaugelbe Muster auf die Lenden gestickt. War er doch noch standhaft geworden, hatte den Sieg nach Hause getragen?
Schnappschüsse: Carolas Rasen & Wüten, Carola beschimpft ihren Vater (wieso?), Carola greift sich eine seiner Biolek-Pfeffermühlen als erektiven Ersatz – & gibt endgültig auf. Roland schleicht stumm auf die Toilette & wird endlich den Wein los, geräuschvolle drei Minuten. Anruf bei Freundinnen. Tränen & Gelächter. Blick zu ihm, der mit ausgerissenen Fäden vor dem Klo zusammengeklappten Marionette. Stummes Geleit zur Haustür.
Er hatte Carolas Kavalier sein wollen & war nun ihr Narr geworden. Er hatte ihr eine Ballade geschrieben, sie aber wollte nur auf seiner Flöte spielen. Er hatte ihr Feen-Bild in seinen Louvre gehängt & sie hatte sich als Walküre entpuppt.
Wie es seine Natur war, hatte das Erlebnis ungefähr die Wirkung einer Zahnwurzelbehandlung: Er hörte sofort auf, für Carola zu schwärmen, ihre Nähe suchen zu wollen, ja Frauen überhaupt als den platonischen Heuhaufen zu betrachten, in dem man das Nadelöhr suchte, das als einziges mit dem eigenen Faden etwas anfangen konnte.
Apropos Anfangen. Etwas anfangen war meistens problematisch, aber etwas mit Frauen anfangen war unmöglich.
Gleich nach dem Aufwachen, da & dort zwackte es noch im Gehirn, pfiff es noch im Ohr, schwankte es noch beim Gehen, beschloß er den guten Vorsatz, daß das Ereignis, um weitreichende Folgen auf sein Gemüt zu minimieren, am besten in der schriftlichen Niederlegung zu bewältigen sei – wobei man auch gleich seine zukünftigen Erlebnisse tagebuchmäßig festhalten könnte.
Es blieb, soviel ist schon bekannt, bei der Planung des Vorhabens.
Nun aber war es vier Monate später, der erste Tag seines vier&dreißigsten Lebensjahrs: er hatte sich in die Nachmitternachts-Stille einschließen lassen & saß auf einem der einhundertein&dreißig handgeschnitzten Chorgestühl-Plätze der Cathédrale St-Just-et-St-Pasteur von Narbonne, der altrömischen Stadt im Herzen des Katharer-Landes... Ja, er saß wirklich hier – & hatte, den Blick auf die Kopie von Raffaels Verklärung Christi gerichtet, das Gesicht blau bestrahlt von den Flüssigkristallen seines Notizbuch-Bildschirms, doch noch mit seiner Chronik begonnen.
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Jeder andere wäre unter irgendeinem Vorwand abgereist, um im einsamen Exil Tröstung zu suchen. Roland (also ich) zog es vor, bei den Eltern zu überwintern. Eigentlich war es komplizierter: Er konnte sich nicht zwischen Bleiben & Verschwinden entscheiden. Also blieb er.
Oliver Gebhard [Name geändert], der wie er aus Niederschißritz stammte & mit ihm das Graf-Münster-Gymnasium besucht hatte – wo ihn alle Hardi gerufen hatten –, wollte wissen, was vorgefallen sei.
Roland erzählte es ihm & Oliver (zu klug, um die falschen richtigen Worte zu sagen oder aus einem anderen Grund?) nickte nur & klopfte ihm auf die Schultern. –Er müsse sich leider auch schon wieder verabschieden. Sähe so aus, als ob das House Of Lords in zwei Wochen das Therapeutische Klonen erlaube. Das könne hierzulande einige Diskussionen auslösen. Man dürfe da nicht die Kontrolle über die öffentliche Meinung verlieren. Deshalb habe man ihn zurückgepfiffen. Sie würden ihr Gespräch später in der Hauptstadt vertiefen.
& schon war er wieder weg: Oliver, der gute Oliver, der noch in der neunten Klasse der größte Geschichts-Legastheniker & Nachrichten-Nichtgucker gewesen war, den er kannte, ausgerechnet er hatte nach dem Abitur ein Stipendium für London erhalten & dort überaus erfolgreich Politikwissenschaften studiert, war nun als Großbritannien-Experte im Deutschen Außenministerium tätig & zudem Erbe des urgroßmütterlichen Hofs, Ort der rituellen Silvester-Feierlichkeiten. Oliver, sein bester Freund, er hatte Roland an Carola verraten...
Wettervorhersage: Abendnebel & von Westen kommende Cirrustrati deuteten einen Temperaturanstieg an – & wirklich war der Silvester-Schnee bald wieder angetaut & hatte tropfende Zweige & braunen Matsch hinterlassen. Richtige Winter gab es nicht mehr, also sah Roland dem Frühling entgegen. Wenigstens bis zum Bayreuther Fasching wollte er bleiben. Sollte keiner sagen, er besäße keinen Humor...
Während aus den umliegenden Höfen die ersten BSE-verseuchten Rinder zur Notschlachtung abtransportiert wurden & auf den Straßen ein paar Bauern protestieren gingen, verbrachte er die Tage damit, an die Decke zu starren & dabei zuzusehen, wie vereinzelte Staubflusen kleinen Spiralnebeln, Milchstraßen & Galaxien gleich funkelnd in den Strahlen der Korblampe auf sein Gesicht herabschwebten & durch seinen pneumatischen Atem wieder in die Höhe katapultiert wurden.
(»Dringlichste Frage aber, / Ich bring zuletzt sie vor, ist – O Du Wunder – / Bist du ein Mädchen oder nicht? / Kein Wunder, Herr, / Doch sicherlich ein Mädchen.«)
Erhabenheit lag in der Verhinderung, daß sich etwas so Kleines & Allgegenwärtiges auf seiner Haut niederlassen konnte, & bog sein Rückgrat durch.
Gelegentlich gelang es, daß ein Staubteilchen bis an die Decke des Zimmers geschleudert wurde & dort haften blieb. Die Regel aber bildete das Beschreiben einer Sinuskurve, die aus dem Einflußbereich der Windkräfte hinausführte & in chaotischen Trudel überging, mit dem der Fall Richtung Erde eingeschlagen wurde. Wenigstens die Physik war verläßlich. Statistisch gesehen.
Auf dem Fensterbrett in der Küche entdeckte er eine Fliege, die rücklings im Sterben lag. Alle paar Minuten ruderte sie mit den Flügeln & wanderte dadurch ein wenig das Brett entlang, als sei es ein Morsecode, mit dem sie immer wieder um Euthanasie bat.
–Hallo, sagte er zu der Fliege, –Wie er denn heiße: Johnny got his gun? Ob Johnny Beistand benötige in seinem letzten Kampf heute Nacht? Was er wohl glaube, wie viele Zentimeter er sich mit seinen Zuckungen bis zum finalen Seufzer noch erarbeiten könne?
Die Fliege erwiderte nichts.
–Sei es schon soweit – nichteinmal Zuckungen mehr? Dann aber heraus mit der Beichte, bevor das Fliegenfegefeuer herannahe…
Roland beugte sich herab & hielt sein Ohr so nahe, daß es ganz dunkel um die Fliege herum wurde.
–Er habe ja allerhand auf dem Kerbholz, spielte Oliver Erstaunen.
Versteh das nicht falsch, Arni – Roland wollte nicht etwa häßliche Neigungen ausleben, indem er dem Tier eine rasche Beendigung seiner Qualen verwehrte. Es war auch nicht so, daß er keiner Fliege etwas zu leide hätte tun können – er fand sich nur nicht befugt, dem armen Ding sein ohnehin kleines Leben noch mehr zu verkürzen: weil ihn von dem Insekt nur die dreifache Zahl Erbeinheiten trennte, ein paar hundert mehr als von der Maus, der schmale Grat zwischen Kafka & Käfer…
Stattdessen half er Johnny auf & stellte ihn auf seine dünnen Beinchen. Der humpelte noch ein kurzes Stück, bis ihn sein Fliegengewicht wieder zu Boden warf, nicht ohne dabei wieder auf dem Rücken zu landen. Ein Fallhinfliegchen. Um Vier Uhr Drei&zwanzig Mitteleuropäischer Zeit konstatierte er den Gehirntod & vollzog, Johnnys letzten Willen gemäß, die Wasserbestattung in der Toilette.
Während er weiter versuchte, an etwas Bestimmtes nicht zu denken, kam er auf den Gedanken, mit seinem Namen anagrammatische Spiele zu treiben, Neologismen & Assoziationen daraus zu zaubern.
[Da auch der Name Roland Iobst von mir gefälscht wurde, kann der folgende Abschnitt nur sinngemäß wiedergegeben werden:]
Obst, Ob, St! Oder bei Obi, TS-Boi (Telefon-Sex?), BS-Toi (bizarrer Sex?), Ronald, Donald, Nothalt, Land, And, Or, Not, L.A. Nord, Ola(la)! Ro(h), Rand, Rost, Bar, Dorn, Last, Rast, Star, Band, Roi, Sol, Narb, Landobst, Obstler, Roland's Iob DT (Deutsches Theater?), Roland's TB Iod (Tuberkulose?)...
Eine Auswahl weiterer Gedankenspiele: Was sich wohl leichter lese, das mit frischer Druckerschwärze parfümierte Buch oder das mit der Blume von Antiquariatmoder? Ob jeder, der im Zug neben einem Polizisten saß, sein Leben nach unentdeckten Verbrechen durchkämmte? Wie sich die heute Dreißigjährigen wohl ohne Was-Ist-Was, Yps & Peter Mossleitners Interessantes Magazin entwickelt hätten? Ob diejenigen, die zur Zeit der Tschernobyl-Wolke – das elterliche Außer-Haus-Spielverbot mißachtend – weiterhin & wegen der Sommerhitze in nichts außer kurzen Hosen auf der Straße gespielt & sich mit durch die Röhrchen gequetschter Sunkist-Limonade gegenseitig naßgespritzt hatten, Folgeschäden davongetragen hätten – wie er selbst?
Seine Eltern hatten Neunzehnhundertsechs&achtzig erst die Gemüsebeete & den Komposthaufen, dann gleich den ganzen Vorgarten einen viertel Meter hoch abgetragen. Die herbstlichen Fichtelgebirgsausflüge zum Kiefernzapfen- & Pilzesammeln wichen der täglichen Geigerzählerkontrolle der Wohnungseinrichtung. Das Gerät, eine Kreuzung zwischen einem Erbstück aus dem letzten Krieg & dem verworfenen Entwurf eines Raumschiff-Enterprise-Kommunikators, wurde zum heiligen Götzen der letzten Tage. Der Vater hatte es auf dem Flohmarkt erstanden, wo sich allerhand Tand ähnlichen Designs zu tummeln pflegte.
Selten war so eine Aufregung im Hause Iobst. Der plötzliche Aktionismus seiner Eltern war Roland willkommene Bereicherung des Niederschißritzer Alltags, auch wenn er dafür die Unter-Quarantäne-Stellung zahlreicher Jugendfreuden auf sich nehmen mußte. Er opferte die Schimmelpilzsammlung (Hauptsache seine aus den Beständen der beiden Antiquariate neben der Stadtkirche & dem Alten Schloß zusammengemopste Büchersammlung blieb unangetastet), ließ sich auf Drängen der Mutter vom Urologen die fortbestehende Zeugungsfähigkeit versichern & durfte nur ausgehen, wenn es sich nicht vermeiden ließ.
(»Sie sind Zentauren von der Hüfte abwärts, / Wenn auch noch weiblich oberhalb. / Nur bis zum Gürtel wohnen mehr die Götter. / Darunter herrscht der Teufel: Hölle, Dunkelheit, / Dort ist der Schwefelpfuhl, Verbrühn, Vebrennen, / Gestank, Verwesung! Pfui, pfui, pfui! Bah! Bah!«)
Er war fast volljährig, hielt sich also keineswegs daran.
Er hätte sich gewünscht, daß alles noch ein bißchen mehr aus der Bahn geriet, daß es zu Hause so aussehen würde, wie am Schluß von E.T., alles mit Plastik verhängt & voller Männer mit Atemmasken & in weißen Schutzanzügen. Aber nach einigen Monaten glaubten die Eltern, alles in ihrer Macht Stehende getan zu haben. Die Dinge gingen wieder den gewohnten Gang.
[Die Zitate in Klammern stammen von Shakespeare (Lear, Tempest, gleich folgt der Hamlet)…]
Der Vater lag im Krankenhaus. Prostatakrebs. Vielleicht war er deshalb geblieben. Die Mutter überließ Ihn seinen Abschweifungen & wich ihrem Mann nur von der Seite, wenn die Stationsschwester den aufsehenden Arzt zur Hilfe rief.
Erwin & Elke Iobst [Namen geändert] hatten nicht nur außergewöhnlich gewöhnliche Vornamen. Sie waren außergewöhnlich langsam in ihren Handlungen (vorsichtig & überlegt, würde die Mutter sagen) & außergewöhnlich einfach in ihren Interessen (mit sich selbst zufrieden, würde der Vater sagen). Eine vom Aussterben bedrohte Rasse, aber gerade wegen dieser Eigenschaften nicht so schnell & so leicht klein zu kriegen. Stammwähler in Telesocken, mit denen er gut auskam, denn sie ließen ihn bei fast allem gewähren. Die Ausnahme der physikalischen Regel waren sie, voneinander angezogen nicht wegen ihrer Gegensätze, sondern wegen einer Eigenschaft, die durch den Aufeinanderprall des Identischen sich dem Sohn gleich doppelt vererbt hatte: Sie waren bereits über vierzig, als sich ihr Zeugungsverhalten, alle Risiken ignorierend, endlich doch noch dazu durchringen konnte, für Nachwuchs zu sorgen.
Als Revanche für die Verzögerung seines Auftritts auf der Bühne der Welt raubte ihnen der neue Zeitgeist die Autorität. Mit der digitalen Revolution der Achtziger konnten sie nicht mehr mithalten.
Es gab also auch keine Vorwürfe, daß er nur gelegentlich den Vater besuchen kam, mit dem es offensichtlich zu Ende ging. Nicht weil er ihm nicht beistehen wollte, sondern weil er fürchtete, sich von seinem Siechtum endgültig aus dem Konzept bringen zu lassen. Jede Wahl führte irgendwann ins Grab, also gab es keine. Wozu sich dann überhaupt entscheiden, nicht gleich alles beenden?
(Yea, von der Erinnerung Tafel werd ich / All die trivialen, dummen Zeichen löschen, / Alles an Bücherwissen, Formen, Bildern, / Die Jugend & Beobachtung dort eintrug. / & einzig deine Instruktion soll herrschen / Innerhalb von Buch & Einband meines Hirns, / Mit Niedrigerem unvermischt. Ja, Ja, beim Himmel. / O du verderblich Weib!)
Arni, du hast doch auch schon einmal an Selbstmord gedacht, die Überlegung wird ja wohl noch erlaubt sein, neunhundert dauerhafte Diskussionsteilnehmer auf www.werthersfreitodforum.de sehen das ähnlich – gebt Gedankenfreiheit!
Roland war gewiß der letzte, der auch zur Tat, der schwersten Entscheidung überhaupt, fähig wäre.
***
So ging es nicht weiter, tagtäglich. Irgend etwas mußte getan werden. Sich antizyklisch verhalten, antithetisch sein! Da waren doch noch Rolands Antithesen zu Adornos Thesen gegen den Okkultismus, die ihren Antrieb einem italienischen Professor verdankten, dessen Romane bei ihm & seinen Kommilitonen außerordentlich beliebt waren. Während eines trägen Philosophie-Seminars hatte er sich mit dem Verfassen dieses Essays abgelenkt, der mit der Behauptung schloß, daß
Adorno sich selbst in den Diskurs der Okkultisten [begibt], den er mit seinem Aufsatz zu kritisieren versucht. Indem er nicht sagt, was er meint, um der rationalen Dialektik zu entgehen, liefert er sich der okkultistischen Deutung aus, die nach versteckten Botschaften sucht. Die Ähnlichkeiten, die Adorno zwischen den Strukturen des Okkultismus & den Strategien der Warenwelt entdeckt, verführen ihn zu dem Urteil, beide würden sich aus derselben Quelle nähren. Dabei verfällt er selbst jenem versimplifizierenden Analogieprinzip, das die Okkultisten anwenden, um ihre künstlichen Kausalnetze zu weben.
Adornos dunkler Stil fällt der philosophischen Tradition anheim, die um ein mysteriöses Unsagbares kreist, & intensiviert nicht die selbst propagierte Genauigkeit der Analyse des Alltäglichen in der Beleuchtung von Mikrostrukturen, sondern erhöht nur die Verrätselung der Mythen des Alltags. Er setzt nicht den hermeneutischen Zirkel des Erkennens in Gang, sondern die unendliche Interpretation abdriftender Bedeutungen. Das Schreiben in Widersprüchen ist am Besten geeignet, die Differenz des Daseins in ein Pseudo-Kohärentes zu überführen.
Kein Satz ist totalitärer, fordert weniger als die globale Unterwerfung unter sein Verdikt, als die Behauptung, daß das »Ganze das Unwahre« sei. Adornos neun Thesen zum Okkultismus ergeben, diesem Postulat folgend, keinen Diskurs ohne Selbstwiderspruch, der in Verbindung mit einem Jargon, der um so dogmatischer wirkt, je mehr er verschleiert, einen schalen Nachgeschmack erzeugt. Selbst die vorsichtigste Interpretation kann nicht aus dem hermetischen Bannkreis der Adornoschen Prosa entkommen, ist zum Raunen verdammt, das Geheimnis, das der Text um sich selbst macht, nur vergrößernd.
Entweder begibt Adorno sich unwissentlich in die Gefahr, von den falschen Leuten mißverstanden zu werden, oder er bedient sich bewußt der okkultistischen Tarnung durch pseudowissenschaftliche Selbstangriffe.
Ein schönes Beispiel Germanistendeutsch. Seine Studienzeit lag nun schon eine Weile zurück; vieles, was er in dieser Zeit angestellt hatte, lag unter einem Berg muffiger Alltags-Lumpen. Dieses kleine Gedankenspiel aber hatte sich in ihm festgesetzt & zu wuchern begonnen wie ein Geschwür. Sein Augenmerk, vom Selbstwiderspruch der Thesen auf den Weg gebracht, galt jetzt dem gesamten Werk, in welchem die Thesen nur einen Abschnitt abgaben, Adornos Minima Moralia.
PROJEKT: SPUR DES DOPPELT & DREIFACH (I)
Komposition der Minima Moralia sicher zahlenmystisch zu deuten: drei Teile umschließen hundertdrei&fünfzig Kapitel. Diese Zahl läßt sich nur durch drei Faktoren – Eins, Drei & Siebzehn – teilen, die Quersumme ergibt Neun, also dreimal Drei. Ausgabe endet auf Seite Dreihundertvier&dreißig. Fehler des Verlags? Allerdings: addiert man die Inhaltsangabe & zieht davon die Marginalien (Titel & Impressum) ab, läßt also nur den Haupttext gelten, gelangt man zur Dreihundertdrei&dreißig...
Thomas Mann übrigens, im kalifornischen Exil lebend, wendet sich wegen musikalischer Fragen, die bei der Arbeit am Dr. Faustus aufgekommen waren, an Adorno. Ein Briefwechsel zur Jahreswende Neunzehnhundertfünf&vierzig/sechs&vierzig führt sogar zu persönlicher Begegnung! Mann bestätigt, Adorno habe an den Kapiteln über die beiden bedeutendsten musikalischen Kompositionen seiner Hauptfigur Adrian Leverkühn, dem Dr. Fausti Weheklag & der Apokalypsis Cum Figuris, »kongenial mitgearbeitet.« Er widmet ihm ein Exemplar mit der Inschrift: »Dem wirklichen geheimen Rat.«
Folgerung: Adorno also Geheimbündler, sein Werk ein steganographischer Steinbruch für den, der den Schlüssel besitzt…
Enthalten die Minima Moralia selber den Code zu ihrer wahren Lesart? Unwahrscheinlich. Aber sie enthüllen dem aufmerksamen Leser den möglichen Ort: die Apokalypsis Cum Figuris in Manns Roman. Titel Latein wie die Moralia, besteht aus drei Wörtern, worauf Kapiteleinteilung & Seitenzahlen der Minima hinweisen (dem Dreidreidrei mangelt nur der Faktor Zwei, um zum Zeichen des Tieres – Satan! – aus der Offenbarung Dreizehn, Vers Sechzehn bis Achtzehn sowie der Anzahl der Sitze im Bundestag zu gelangen), & ergibt mit dem zweiwortigen Minima-Titel die Zahl Fünf, oder auch, nebeneinandergestellt: Drei&zwanzig – die Königszahl aller Verschwörungen!
Die Tatsache verfluchend, daß er seine Faustus-Ausgabe nicht zur Hand, sondern in Berlin zurückgelassen hatte, das weitere Nachprüfen seiner Theorie also aufgeschoben werden mußte, kam ihm sein Silvester-Vorsatz in den Sinn.
Sollte es endlich gelingen, es anzugehen, mußte die Umgebung stimmen. Die Vorhänge zugezogen, Duftkerzen angezündet, Musik angestellt, Bach natürlich, so wie auch du, lieber Arni, ihn liebst, eine alte Karajan-Aufnahme auf LP (wer, der Musik mag, hört schon CDs?), den Arbeitsplatz mit einem Teller trockener Weihnachtskeksen-Reste neben dem elektronischen Notizbuch eingerichtet, begann er zu arbeiten.
…& formulierte das dramatis personae eines Bühnenstücks, in dem ein Theaterensemble nach dem vermeintlichen Tod seines Intendanten – in Wahrheit die infame Intrige eines wegen schlechter Kritiken im Keller & hinter einer Maske sich verbergenden Theaterdichters –, führerlos eine alternative Geschichte der Menschheit zu proben versucht. Das Demokratieprinzip wird eingeführt, scheitert aber an den Anforderungen des künstlerischen Prozesses & an einem unfreiwilligen Handlanger des Theaterdichters, der die Proben tödlich sabotiert, um vom Spieler zum Spielleiter aufsteigen zu können (aber selbst im Strudel der Ereignisse sein Leben lassen muß, als er erkennt, wem er gedient hat). Am Ende stapeln sich die Särge auf der Bühne und der Maskierte sieht sich am Ziel: den Sieg über den Erzfeind, den ahnungslosen Intendanten. Der aber, den das Ensemble niemals zu Gesicht bekam, von seinen Sekretärinnen alarmiert, steigt aus seinem Büro herab auf die Bühne, vertreibt den nun demaskierten Theaterdichter & animiert die einzigen Überlebenden (ein Liebespaar, das sich bar seiner Kleidung im Zuschauerraum versteckt hatte) ein neues Ensemblegeschlecht zu zeugen.
Personen
Der Intendant
Raphaela, Gabriela, Michaela, seine sexy Sekretärinnen
Der Maskierte, verstoßener Theaterdichter
Spielleiterstephan
Dramaturgdieter
Alter Harry, Regieassistent & Inspizient
Paul, Schauspieler
Lene, Pauls Geliebte, Schauspielerin
Mara, Pauls Mutter, Souffleuse
Arnold, Schauspieler
Bertold, Arnolds Bruder, Schauspieler
Evchen, Arnolds Geliebte, Bühnenputze
Gerring, Kostümier
Gebbels, Beleuchter
Gemmler, Requisiteur
Ein Kritischer Zuschauer
Gefangenenchor
Raumzeit
Eine Bühne. Ein Tag.
Er verbrachte noch einige Zeit mit der Niederschrift verstreuter Passagen, um sich in Dialogen zu üben. So verging der Januar. Der Plan blieb Plan, die Zeit war vertan, der Vater lebte noch – Roland reiste ab.
642
Ein Knacken. Rasch klappe ich den Bildschirm ein, damit draußen niemandem das Glimmen des Flüssigkristallichts hinter den Kirchenfenstern auffallen kann.
Zu spät sehe ich den Fehler an dieser Reflex-Handlung: Die Sinne werden aufmerksam am ehesten auf die Veränderung; das Beständige wird leicht übersehen. Sollte also jemand in der Nähe sein, wird das schnelle Löschen des Lichts ihn neugierig machen.
Ich verharre, lausche & nehme, ohne den Kopf zu bewegen, die Umgebung genauer in Augenschein. Der Rhythmus des Blutes pocht mir Einszweieinszweieinszwei! in den Ohren, untermalt vom Pfeifton nasalen Schnaufens, das ich vergeblich zu kontrollieren versuche. Schulter & Hüfte, durch das gestrige Ereignis in Mitleidenschaft gezogen, klopfen wieder. Kopfschmerz. Die Phantasie meines Blicks nistet sich in den Schatten des Altars & der Apsidenwinkel ein, bemüht, die Konturen des darin lauernden Grauens herauszuschälen...
Das Gemäuer erwidert meine Aufregung mit Gleichgültigkeit. Die Nacht liegt sanft über dem Gotteshaus. Die Chimären verschwinden. Es war wohl das Gestühlholz gewesen, dessen jahrhundertalte Lebendigkeit gearbeitet hatte.
Das muß ich aufschreiben.
Das erinnert mich daran: Einem Mitschüler war einmal im Schulgottesdienst, gerade als der Pfarrer in seiner Predigt die rhetorische Pause machte, mit einem Knall, der dem Aufplatzen einer Hülsenfrucht nicht unähnlich war, die aufgestauten Verdauungsgase entwichen.
Du, lieber Arni, wirst dir jetzt vorstellen, daß alle in langanhaltende Lachkanonaden verfallen wären & den Fortgang der Predigt behindert hätten. Aber nein: Carola, der Roland bereits heimliche Blicke zuwarf, rollte nur mit den Augen & schnalzte mit der Zunge. Oliver kicherte leise, hörte aber sofort auf, als ihn sein Banknachbar anstupste. & Roland – erklärter Satanist & wie der Geist, der stets verneint, für alles, was dagegen war – blickte aufmunternd zu Moritz herüber, ohne ein Wort. & auch der ganze Rest der Bande bedachte den zufälligen Kommentar zu den selten geistreichen Ausführungen des Geistlichen mit Schweigen – was soviel wie Zustimmung bedeutete, einen stummen Protest, der Ghandi zur Ehre gereicht hätte...
Wenigstens zwei oder drei Lehrkräfte immerhin wandten sich ob der überraschenden postflatulenzischen Stille um, mit gespielter Enttäuschung den Kopf schüttelnd. Veiti, so nannten wir Moritz Veitinger [Name geändert], den Jungen mit dem geschäftigen Darm, Veiti also blieb unentdeckt & vor Strafe verschont.
(Fußnote: Bei uns wurden wie so oft Spitznamen durch ein an den Nachnahmen angehängtes i gebildet; Rolands hätte demzufolge Iobsti lauten müssen; stattdessen bildete er die unrühmliche Ausnahme & wurde, weil er immer mit Hardi unterwegs war, meistens Laurel gerufen – nach dem Nachnamen des Dünn-Dummen von Dick & Doof: Stan Laurel, des Kollegen von Oliver Hardy).
Eine offene Unterstützung des kleinen Manifests – das hätte sich keiner von uns zur Bravheit abgerichteten getraut: das Ereignis wurde nachher auf dem Weg zur Klasse nur noch mal herumgeraunt & anschließend unter anderen Gedanken begraben...
Größere Bedeutung gewann die Geschichte erst, als Veiti, von der Konsequenzlosigkeit des Vorfalls angestachelt, es sich zur Regel werden ließ, einmal im Jahr beim Abschlußgottesdienst seinen Protest gegen das Schulsystem lautstark herauszupressen. Der Lehrkörper hielt mit Ignorieren dagegen, während es Veiti über die Jahre zu immer größerer dramaturgischer Fertigkeit im Hinblick auf die Plazierung seines kleinen Trompeteneinsatzes brachte.
Experimentelle Anordnungen bestimmter Mahlzeiten sowie Testreihen mit dem Zeitpunkt der Nahrungszuführung vor dem Kirchgang sollten den idealen Darmwindkatalysator herauszufinden helfen, wobei sich die Kombination Linsensuppe (Vorspeise) – Chili con Carne (Hauptgericht) – Leinsamenjoghurt (Nachtisch), eingenommen gegen drei&zwanzig Uhr am Vortag, bald als am ergiebigsten erwies.
Wir anderen beneideten Veitis Mut, kürten ihn zu unserem Spartakus, sehnten uns das Ende des Jahres immer dringlicher herbei, da die Gottesdienste zu kleinen Lehrstunden in Spannungserzeugung gerieten, die sich durchaus mit dem Finale von Hitchcocks Der Mann der zuviel wußte messen konnten.
Was würde passieren, wenn nach einer erstaunlichen Ouvertüre durch Moritz Veitinger, mit dem Tristanakkord beginnend & in einigen atonalen Clustern mündend, der Reihe nach alle Schüler aufstünden & gemeinsam in ein concerto grosso einfielen? Sicherlich hätte man uns immer noch mit Mißachtung strafen können – aber mit dem kollektiv erzeugten Schwefelwasserstoff-Nebel hätte man sicher wenigstens den einen oder anderen Lehrer aus der Kirche getrieben.
Natürlich war so etwas nie geschehen, der Lehrkörper mit seiner Taktik in dem Moment erfolgreich geworden, als wir mit dem Abitur aus der Schule entlassen wurden – nicht ohne jedoch im Angesicht der Freiheit endlich den Schritt zu einem letzten Aufbegehren zu wagen, uns mit Veitis jahrelangem Solo solidarisch zu erklären... Wir hatten ihn mit der Abschlußrede betraut – & wie erwartet gab er eine letzte grandiose Vorstellung:
Zunächst ging nur ein Raunen durch einige Reihen, die Quelle des Übels war nicht sofort ausgemacht, war doch die Rede allgemein in warmen Ton gehalten & hätte man sich so eine Impertinenz nie & nimmer vorstellen wollen. Dann stellten die ersten den Zusammenhang zwischen den Miefwellen & gewissen etwas lauter & auch mit röterem Kopf gesprochenen Einschüben des Redners her, womit jener das Dampf-Ablassen zunächst noch zu verbergen suchte. Die Inszenierung des Abends sah jedoch sowieso vor, daß er bald nicht mehr mit seinen Zuhörern Verstecken zu spielen brauchte. Er ging also schließlich zu offenen & gezielt auf die Nase gerichteten Salven über, immer im Einklang mit seinem zunehmend agitatorischer werdenden Vortrag, dessen Bestandteile nun deutlich einer Leninrede aus Rolands Antiquariat nachempfunden waren:
–Leidensgenossen! (FFFTT!) Knapp zwei Jahre habe nun der Notenkampf gewütet. & mit jedem weiteren Monat, mit jedem weiteren Tage des Kampfes sei es für die Schülermassen immer klarer geworden, daß die Phrasen von der »notwendigen Härte« & dem »Lernen fürs Leben« & dergleichen nichts als (FFFTT!) Betrug gewesen wären. Daß es eigentlich nur ein Kampfe der Lehrenden unter sich selbst wäre. Der großen Räuber. Die darüber stritten, welcher von ihnen der Gebildetere wäre, wer die meisten Stunden abhalten müsse & wie weitere Schüler-Generationen unterjocht werden könnten. Vor zwei Jahren – als es schon klar gewesen sei, daß der Kampf käme – habe ein einziger Junge eine Warnung ertönen lassen: Das Moritzsche Manifest. Das stumm aber einstimmig von den Schülerparteien der ganzen Stadt angenommen worden sei. Es habe diese Wahrheiten offen ausgesprochen. (FFFTT!) Daß nämlich der Kampf gegen unsere Nächsten, dieses Einander mit Noten angehen, das größte Verbrechen darstelle. Daß die Schuld an diesem Kampfe die Direktoren- & die Lehrendenklasse aller Gymnasien trügen. Daß aber die furchtbaren Schrecken des Kampfes & die Empörung der Schüler dagegen zu einer scholaren Revolution mit Notwendigkeit führen müßten. (FFFTT!) Aber er wolle ihnen vorlesen, was der populäre Schülersprecher eines mit ihnen konkurrierenden Gymnasiums, der Einser-Schüler Eugen Debbs schreibe: »Ich bin keineswegs strebsamer & folgsamer als ihr. Nein, ich bin ein scholarer Revolutionär. Ich will nicht zur regulären Armee der Philister gehören, wohl aber zur irregulären Armee der Autodidakten. Auch ich weigere mich, (FFFTT!) in den Kampf zu ziehen bloß für die Interessen der Lehrendenklasse. Ich bin gegen jeden Kampf außer einem, für diesen stehe ich aber mit meiner ganzen Seele – & das ist der stadtweite Kampf für die scholare Revolution.« So also schreibe ihnen ausgerechnet der Streber & wenn daß nicht wirklich beweise, daß in allen Schulen der Stadt die Sammlung von Kräften der Schülerklasse sich vorbereite... (FFFTT!) Ja, die Schrecknisse & Leiden im Kampfe wären furchtbar. Aber die Schüler dürften nicht mit Verzweiflung in die Zukunft schauen. Die Hunderte von Opfern der Klausuren & Prüfungen, sie hätten nicht umsonst gelitten. Die Verwiesenen. Die Abspicker & Einsager. Die Strafarbeiter (FFFTT!) Sie alle hätten ja auch Kräfte gesammelt. (FFFTT!) Ihren Willen gestählt (FFFTT!) & wären zu immer klarerer revolutionärer Einsicht gekommen. (FFFTT!) Der wachsende Unwille der Masse, die wachsende Gärung (FFFTT! FFFTT!), dies alles gehe auch in anderen Gymnasien der Stadt vor sich. (FFFTT!) & das gäbe ihnen die Gewähr (FFFTT!), daß irgendwann nach dem Abitur die scholare Revolution gegen die bayerische Gymnasial-Bildung mit Sicherheit komme…
Die Rede steigerte sich schließlich bis zu einem fast lautmalerischen Getöse, das gleichsam expressionistisches Gedicht wie Neue Musik hätte darstellen können. Es hätte wirklich nur noch der Einsatz der anderen Hörner gefehlt, um das Kunstwerk perfekt zu machen.
Seine Wirkung erreichte es auch so. Die Lehrer blieben – ganz die alten Preußen – beim Aussitzen, immerhin würde man uns bald los sein. Die Eltern hingegen bekamen endlich Wind von unseren wahren Gefühlen: Wir saßen am Ende mit unseren Ausbildern alleine im Raum, eingenebelt von Schwefel, als wäre der Leibhaftige erschienen.
Die Zeitung titelte: »Synästhetische Abiturrede am Graf-Münster-Gymnasium – Schüler demonstriert, was ihm stinkt.«
Danach hat nie wieder jemand etwas von ihm gehört. So wie er uns erst aufgefallen war, als er seinen Hintern zum Instrument erkor, war unser Heiliger Moritz zum Himmel gefahren.
Es ist zurück wie der Terminator. Das Geräusch meine ich. Nun hat es auch einen Ort. Er liegt über mir, hoch oben im Kopf der Kathedrale. Lieber Gewißheit erlangen oder weiter verharren, bis der Gegner sich zu erkennen gibt?
Mit dem Wissen, daß langes Zögern mich lähmt, kratzte ich einen Kiesel aus der Schuhsole & werfe ihn in die Richtung.
Dem Aufprall folgen luftige Schläge, mit denen eine Taube ihren jäh attackierten Aufenthaltsort wechselt...
Manchmal steckt hinter schlimmen Befürchtungen nur ein für tot erklärter Demiurg, der aus Überkompensation die Menschen mit bemüht wirkenden Tricks in Aufregung zu versetzen versucht. Schaut man dann genauer hin, verpufft der Zauber im Erkennen seiner Struktur…
Aber lehren uns nicht unsere Horrorfilm-Erfahrungen, daß jeder Finte genau dann eine echte Attacke folgen muß, wenn das Spiel der Täuschungen durchschaut & langweilig zu werden beginnt?
Immerhin, es erinnert mich an den Likör. Das wärmt. Hätte ich nicht vorhin schon mit einigen beherzten Schlucken daraus meine papierene Kehle geschmiert, das Tosen im Bauch weichgespült, die falschen Gedanken verklumpt, so daß sie durch keine Nervenbahnen mehr paßten, wäre ich vielleicht gar nicht hier & schon gar nicht vor der Tastatur. Also noch einmal nachgeladen.
Man muß etwas für seine Beruhigung tun. Dem Apple-Arbeitsgerät, dem elektronischen Zettelkasten & Rechenkünstler, der bisher so treu seinen Dienst leistet, sollte man vielleicht einen gebührenden Namen verpassen: Muhammadmusa – so taufe ich dich, Meister des Al-gabr wal-mukabalah & AND OR NOT. As-salāmu 'alaikum!
Du brauchst nicht zu antworten. Ich weiß, ich bin der Ungläubige, der Besitzer der Schrift. Du darfst mir keinen Frieden zurückwünschen. Aber du trägst jetzt die Verantwortung: Wärme meine zwei Zeigefinger Feder & Schwert, ohne sie kann ich weder beschleunigen noch bremsen. Meinem Rad mußt du die Zügel halten, damit es nicht ausbricht; es anschieben, wenn mir die Kraft ausgeht, Muhammadmusa! Sing für mich, wenn ich einzuschlafen drohe, sing Daisy Bell. Vielleicht nehme ich dich dann einmal ein Stück auf dem Gepäckträger mit…
[Muhammad ibn Musa al-Chwarizmi war ein bedeutender Mathematiker um 800 n. Chr. Er führte die Ziffer Null (»sifr«) aus dem indischen in das arabische Zahlensystem ein & begründete die Dezimalen. Die lateinische Fassung seines Rechenbuchs hieß »Dixit algorizmi« (»Algorizmi hat gesprochen.«). Gemeinsam mit dem griechischen Wort »arithmos« (für Zahl) leitet sich daraus der »Algorithmus« ab, in der Folge für die Bezeichnung solcher Rechenbücher verwendet.]
Was geschah im Februar, Muhammadmusa? Rechne dich durch die Alternativen & verrate mir, welche wahrscheinlich wahr ist. Handle dem Photo gemäß, das unseren mittlerweile ins Gerede gekommenen & zu einem Untersuchungsausschuß vorgeladenen Außenminister auf der Weltausstellung zeigt, wo uns aus dem Hintergrund vielsagend der auf eine Wand projizierte Satz entgegen leuchtet: »Every man discovers the mystery of his own life.«
Ob das auch in den Hirnen mancher der einskommafünf Millionen europäischen Rindviecher im Moment ihrer Keulung kurz aufgeflackert sein mag? Welchen Sinn hat eigentlich das Leben eines Zucht-Rindes, das nach seinem Ableben nicht mehr als Hack-Fladen zwischen zwei Brötchenhälften verputzt werden kann? Das hatten Camus & Sartre wahrscheinlich gemeint: man muß sie sich trotzdem als glückliche Kühe vorstellen... Jedenfalls – der Seuche war mittlerweile nur noch mit einem Massentötungsprogramm beizukommen.
Mutter berichtete in ihrem Schreiben (das wie jeden Monat pünktlich eintraf), wie die Schißritzer Bauern nun regelmäßig unangemeldet mit Spruchbändern durch die Straßen zogen, während in den Fleischereien die Massen für Hamsterkäufe anstanden, aus Angst vor einer Explosion des Fleischpreises. Nichts ändere sich, schrieb sie, das alles habe sie so ähnlich schon vor, während & nach dem Krieg erlebt.
Vater, wie bereits erwähnt nicht so leicht kleinzukriegen, wurde am sieben&zwanzigsten Februar aus dem Krankenhaus entlassen, einen Tag bevor die UNO veröffentlichen lies, daß sie im Jahr zweitausendfünfzig eine Weltbevölkerung von neunkommadrei Milliarden Menschen erwarte, gelobt sei das westliche Gesundheitssystem. Erleichtert über die Nachricht wagte er ein Telefongespräch:
–Wie es ihm gehe.
–Ach ein Geschlecht von Nilpferden wären sie ja.
–Hörmal. Es tue ihm leid, daß er es nicht mehr geschafft habe, ihn noch mal im Krankenhaus –
–Seine Mutter glaube, es gäbe da eine Mädchengeschichte, unterbrach der Vater, –Warum er das denn verschweige. Sein Junge. Müsse schließlich doch endlich einmal in Fahrt kommen. Etwas bewegen. Es zu etwas bringen. Ihm & der Mutter ein paar Bambinos schenken. Wie er das schaffen wolle als Selbständiger. Er halte das nicht für besonders... –Gut, lenkte er ab, –Sie unterstützten ihn wo sie könnten. Von ihm aus kriege er auch seinen Erbe als Startkapital vorgeschossen. Aber diesmal den Arsch zusammenkneifen dafür! Sein Junge. Irgendwann komme für jeden die Zeit der Konsequenzen...
Vaters Krebstod war unaufhaltsam, ließ sich mit ärztlicher Hilfe aber noch ein wenig steuern, wie der Absturz der abgetakelten russischen Raumstation Mir über dem Atlantik (Frieden im Weltraum...).
Man begann auch wieder von staatlicher Sterbehilfe & der Erschaffung eines neuen Menschen zu sprechen, der sich selbst aus dem Katalog der Gene zusammenstellt... Ein Gremium, das niemand um seine Meinung gefragt hatte, erklärte die »National befreite Zone« zum Unwort des Jahres & der Altkanzler verweigerte vor einem anderen, sehr wohl im Mittelpunkt stehenden Gremium, zum dritten Mal seine Aussage.
Klar, daß Roland da nicht im Traum daran dachte, an diese bestimmte Sache zu denken.
Die Hauptstadt lag im Karnevalstaumel, in den selbst die Bagger & Baukräne einfielen – aber auch diesmal vereitelte Köln als Prinzessin des Narrentums den plumpen Versuch der einstmals geteilten Metropole, auch noch diesen Titel an sich zu reißen. Nachdem er an keinem der Antifa-Demonstrationen zum sechs&fünfzigsten Jahrestag der Auschwitz-Befreiung teilgenommen hatte, sah er jedenfalls keine Schande darin, auch die Umzüge & Maskenbälle zu meiden.
–Spielverderber! –Langweiler! –Hast wohl keinen Humor! wurde er von Freunden gescholten. Spaßfanatiker! Tütendreher! Oberflächen-glattgeschmirgelte! dachte er bei sich.
Er kümmerte sich lieber um seine Geschichtsagentur. Wenn er nicht gerade in der Bertold-Brecht-Bibliothek im Rathaus Mitte auf einem Korbstuhl saß. Nicht um kostenlos Zeitung zu lesen – für Nachrichten konsultierte er das Netz –, sondern um sich auf der Suche nach zitierbarem Material durch den kleinen Bestand zu arbeiten. Eine Gewohnheit, die ihm sein Studium eingebrockt hatte. Da & dort ließ er auch schon mal ein Buch mitgehen, ohne nachher beim Mittagessen im Betriebsrestaurant ein schlechtes Gewissen zu haben.
Irgendwie schaffte er es trotzdem, alle Papiere zur Geschäftsgründung zusammenzubekommen. Schon wollte er die ersten Behördengänge angehen – als ihm aufgrund der Fülle der zusammengetragenen Exzerpte einfiel: eine Enzyklopädie des nutzlosen Zitats ausarbeiten... ja das wäre doch ein Projekt!
Kurze Zeit später hatte er ein erstes Einteilungssystem & für jede Kategorie ein Beispiel. Er lernte die Liste auswendig, um sie für alle Lebenslagen parat zu haben:
Zitate von Bundespräsidenten: Über der Veränderung liegt stets ein Hauch von Unbegreiflichkeit. (Carl Friedrich von Weizsäcker). Tierfabelzitate: Der Fuchs wechselt den Balg, nicht den Charakter. (Sueton). Zitate aus & über Franken: Zuviel Vertrauen ist häufig eine Dummheit, zuviel Mißtrauen immer ein Unglück. (Jean Paul). Zitate mit Selbstzerstörungsautomatik: Hamlet heute: Sein, ohne zu sein, oder seiend nicht sein? Keine Frage. (Stanislaw Jerzy Lec). Vernöstlich-esoterische Zitate: Wenn du in Eile bist, mache einen Umweg. (Zen-Buddhismus). Simpelzitate: Erziehung ist Beispiel & Liebe (Friedrich Wilhelm August Fröbel). Zitate über Dialektik: Diese Welt ist eine Welt zweier Götter. Es ist eine Welt des Aufbaus & des Zerfalls zugleich. In der Zeitlichkeit erfolgt diese Auseinandersetzung, & wir sind daran beteiligt. (Alfred Döblin). Schillerzitate: Durch diese hohle Gasse muß er kommen! (Friedrich Schiller). Konterzwillinge: Gott würfelt nicht. (Albert Einstein). Alles spricht dafür, daß Gott ein unverbesserlicher Spieler ist. (Stephen W. Hawking). Zitate dieser Kategorie: Vielleicht ist die universale Geschichte die Geschichte von ein paar Metaphern. (Jorge Luis Borges). Zitate mit kleinen Flügeln: Der hat die Lehren des Lebens nicht begriffen, der nicht täglich eine Angst überwindet. (Ralph Waldo Emerson). Etceteraetceteraetcetera: Do you know nothing? Do you see nothing? Do you remember nothing? (T.S. Eliot).
Die Arbeit an der Enzyklopädie half, sich zu vergewissern, daß er nicht mehr liebte. Daß der Geist im Stande war, das Gefühl kaltzumachen.
Roland hatte den Zustand schillerscher Erhabenheit erlangt – er stand über dem Drama der Welt. Seinem Neujahrsvorsatz kam er deshalb auch nur mit einigen Notizen nach. Es sollte Anfang März werden, bis sich ihm wieder ins Bewußtsein drängte, daß er extra früher nach Berlin zurückgefahren war, um seine Adornotheorie an Thomas Mann zu überprüfen, & daß er Oliver hätte anrufen sollen.
***
–Gebhard!?
Die Stimme des Freundes kam förmlich aber druckvoll aus dem Hörer. Er hatte Respekt vor diesem perfekt ausbalancierten Klangkörper, der in den Höhen kristallen, den Tiefen fett & den Mitten angenehm zurückhaltend war. Seine Stereoanlage war nicht besser ausgesteuert.
–Iobst.
Seine Stimmbänder waren aus porösem Gummi, die akustischen Schwingungen, die sie erzeugten, dünn, überhaucht, krähenhaft.
Oliver, der den Freund gleich erkannte, wechselte den Tonfall vom Geschäftlichen (Ganztöne in tieferer Lage, Staccato & Fermate, Basso continuo) zum Privaten (Halbtöne in höherer Lage, Legato & Ritardando, Quartsprünge ):
–Ah. Er habe sich schon gefragt, ob es ihm besser ginge.
Olivers guten Manieren waren unerträglich, weil ansteckend. Aber er kannte eine Gegenstrategie.
–Er kenne doch noch ihren Jugendspruch: Roland der Weise & Oliver der Kühne, der ein des andern Sühne, waten gemeinsam durch die Scheiße… Er habe erst jetzt Zeit für den Anruf gefunden. Viel um die Ohren gehabt – die ersten Hürden zur Selbständigkeit genommen, nebenbei noch ein paar Travestien verfaßt. Es laufe alles sehr gut.
Er erzählte ihm von seiner Enzyklopädie, von dem Figureninventar für ein ungeschriebenes Theaterstück & von der okkultistischen Verbindung von Adorno & Mann. Eine kleine Pause trat ein.
–Aber ob er über die Sache mit Carola hinweg sei.
Roland hätte nicht gedacht, daß Oliver sich trauen würde, direkt zu dem Punkt zu kommen, der auch für ihn selbst gefährlich werden könnte. Wahrscheinlich lag darin das Geheimnis seines Erfolgs. Daß es aber auch bedeutete, sich mit der Rücksichtnahme & dem Feingefühl eines außer Kontrolle geratenen Schneepflugs zu verhalten...
–Mit der sei er fertig.
–Wirklich nicht darüber reden?
Aha, er wollte sie beichten, seine kleine Verschwörung mit ihr...
–Nein.
–Sicher?
Oliver verbiß sich in die Angelegenheit mit der Beharrlichkeit eines fiesen Flußkrebs.
–Ja-a!
–Warum dann der Anruf?
–Naja, er habe halt sein Versprechen halten wollen, reagierte Roland überrascht auf die Frage.
–Na dann (Ganztöne in tieferer Lage, Staccato & Fermate, Basso continuo): Er sei sehr beschäftigt. Wenn er etwas mehr Zeit habe, könnten sie sich ja mal wieder...
Oliver, Oliver Gebhard wollte ihn hängen lassen, schon wieder...
–Ja? Mal wieder ein Videoabend? fragte Oliver auf Rolands Schweigen hin trocken nach. –Aber bitte nicht schon wieder Star Trek.
–Er habe Star Trek doch immer gemocht...
Schnaufen am anderen Ende der Leitung.
–Er möge Star Trek: Next Generation, aber nicht Spock & Kirk vor Pappmaché-Felsen. & Außerdem: bei den meisten von Rolands Interessen, da könne er halt einfach nicht mehr mitreden.
So hatte Oliver noch nie losgelegt!
–Wie es denn so im Ministerium laufe? versuchte Roland, sich nichts anmerken zu lassen.
–Abgesehen von MKS gerade die heiße Phase im Wahlkampf wegen der anstehenden Neuwahlen. Außerdem wären die Briten sehr interessiert, wie viele Steine genau der deutsche Außenminister damals nun eigentlich geworfen habe & wie lange er sich noch im Amt halten könne.
–& das Therapeutische Klonen?
–Zweihundertzwölf gegen zwei&neunzig Stimmen. Klar, daß die das durchwinken würden.
–Etwas Neues an der Beziehungsfront?
Roland biß sich auf die Lippen. In seinem Eifer, die unverfänglichen Fragen am Laufen zu halten, hatte er das falsche Stichwort geliefert.
–Naja..., kam es plötzlich merkwürdig privat zurück.
–Nicht einmal eine kleine Praktikantin? blieb Roland beim Thema, um Oliver nicht erst Recht auf die gute Gelegenheit zu stoßen.
–Käme gar nicht in Frage! Er sei nämlich... bisexuell & habe endlich angefangen, auch die anderen fünfzig Prozent auszuprobieren.
Einmalig – keinerlei Vibrato in Olivers Stimme noch beim kindischsten Scherz. Eigentlich hatte er mit etwas anderem gerechnet, so einer Art Offenbarung, daß er auch etwas von Carola...
–Deshalb also habe er ihm – im Jungenklo, vor dem Pissoir – immer auf die Hose gestarrt, versuchte Roland den Spaß aufzunehmen.
–Er meine es ernst, (& Olivers Ton unterstrich das), –Zudem müsse er noch gestehen, daß er Crossdresser sei. Kurz: er habe Spaß daran, sich in Frauenkleidern vorm Spiegel zu sehen – aber nur heimlich.
Kamerafahrt nach vorne, auf Rolands verknotete Gehirnzellen, bei gleichzeitigem Zoom rückwärts. Traumbilder: Oliver als Ballerina, federleicht vor einem Spiegel herumhüpfend, Schamhaare auf der Brust.
–Er wolle eine Frau sein? Seit wann?
–Kein Transsexueller – Crossdresser! Das sei er schon seit der siebten Klasse. Wirklich mit Männern tue er es aber erst seit kurzem.
Fall eine Wendeltreppe hinab, das Zimmer mit der ausgestopften Mutter hinter sich lassend, in einen Swimmingpool voller Perücken. Die vier apokalyptischen Reiter werfen mit Parfümflakons.
–Das sei ekelhaft.
Roland konnte es auch: Ganztöne in tieferer Lage, Staccato & Fermate, Basso continuo.
–Er werde sein bester Freund bleiben...
–Schon bei einem Arzt gewesen?
Roland machte soeben eine außerordentliche Erfahrung – er gewann Oberhand. Er war wütend & enttäuscht & das mit jedem Recht der Welt & erhielt hier gerade eine gute Gelegenheit.
–Er werde gemein, kam es bitter von Oliver.
–Wer denn damit angefangen habe...
–Er solle aufhören.
–Schließlich hätte er wohl –
–Er solle aufhören.
–Ein Recht darauf gehabt, es als erster zu erfahren!
Roland, beflügelt von seinem Triumph, war immer lauter geworden.
–Er habe doch erst jetzt den Mut aufgebracht, es sich selbst einzugestehen, klang Oliver angeschlagen, –Wie er es da jemand Anderem –
–Er habe also all die Jahre geschwindelt.
Pause. & dann wurde plötzlich auch Oliver laut:
–Jetzt solle er einmal die Luft anhalten. Manches Jahr & manchen Tag hätten sie gemeinsam verbracht & dabei immer des anderen Meinung nicht nur toleriert, sondern sogar zu Wissen gefordert, um sich gegenseitig auf Kurs zu halten; aber diese Zeit sei lange schon vorüber, ihre Bahnen verliefen heute nicht mehr parallel... Das sei Niemandes Schuld, jedoch eine traurige Tatsache. Nun gut, er hätte nicht immer jede Meinung geäußert – aber er habe dabei nur Rücksicht auf Rolands Gefühle nehmen wollen. Nun aber, nachdem er mit sich selbst reinen Tisch gemacht & Roland noch einmal bewiesen habe, wie weit er sich mittlerweile entfernt habe, könne er es ja tun: Weder was Zeitpunkt, Ort & Art seiner Liebesoffenbarung, noch was das Objekt seiner Begierde betreffe – seine Esclarmonde, wie er sie so lächerlich rufe –, habe Oliver ein glückliches Händchen gehabt. Er habe ja nie auf ihn hören wollen – was sich nun als doppelt töricht erweise, da Metrosexuelle bekanntlich Fachmänner in solchen Angelegenheiten seien... Eine andere Schlacht, wenn man sich früh auf sie konzentriert hätte, hätte man bestimmt clever geschlagen, die mit Carola aber sei von vorne herein & bis heute zum Scheitern verurteilt gewesen! Davon habe er sich persönlich überzeugt, als sie ihn letztes Silvester überraschend ansprach & er ihr, um dem Drama endlich ein Ende zu machen, alles erzählte. Ja, er habe ihn verpfiffen, aber aus guter Absicht & sie habe nur merkwürdig geschaut, als habe sie es immer schon gewußt & sei schließlich davongerauscht. Diesen hartnäckigen Teufel habe Roland selber gerufen. Hätte er wenigstens einmal ein Vorhaben konsequent umgesetzt – das Tagebuchschreiben zum Beispiel – es hätte ihm sicher früher zu der Erkenntnis seines vergeblichen Strebens verholfen; Schmach über den Säumigen... Stattdessen sei er ein Fliehender, ins Reich der Grimms & Humboldts & wie sie alle hießen; gewiß niemand, der zu Selbstdistanz Ironie Satire fähig wäre. Ein Eskapist & Hermetiker vor dem Herrn. Er sollte doch einmal persönlich ins Land seiner Katharer-Freunde reisen & sehen, was von ihnen noch übrig sei, die Gottes Werk für verpfuscht gehalten & sich damit selbst einen ganz feinen Freibrief ausgestellt hätten... Nicht nur, daß Rolands Leben neben der Spur verlaufe & er nicht den Mumm aufbringe, ins Lenkrad zu greifen; er besäße auch noch die Dreistigkeit, diejenigen zu beleidigen, die ihm die Hand reichten... Damit werde ein schweres Scheiden nötig, nähme ihre jahrelange Waffenbrüderschaft wohl oder übel ein Ende. Er werde sich also von Roland zurückziehen, der sich erst wieder melden solle, wenn er bereit sei, Hilfe anzunehmen.
Aufgelegt.
***
PROJEKT: SPUR DES DOPPELT & DREIFACH (II)
Mann gibt sich wirklich einige Mühe mit dem Versteck. Mir aber springt der Hinweis sofort ins Auge: Das XXXIV. Kapitel beschreibt Leverkühns Komposition Apokalypsis Cum Figuris. Vielleicht also Zählung der Moralia-Ausgabe doch korrekt, die dreihundertvier&dreißig Seiten als Hinweis auf das vier&dreißigste Kapitel des Faustus zu deuten? Ist nämlich als einziges in der ganzen Erzählung selbst wieder in drei Teile gegliedert: XXXIV, XXXIV (Fortsetzung) & XXXIV (Schluß) – damit wäre auch die erste Drei der dreihundertdvier&dreißig Moralia-Seiten erklärt. Ist also Absicht, daß es nicht dreihundertdrei&reißig sind!
Der Faustus besitzt sieben&sechzig Kapitel. Zählt man aber die anderen Teile des vier&dreißigsten Kapitels hinzu, ergibt das Neun&sechzig, also Drei&zwanzig mal Drei. Kapitel XXXIV (Fortsetzung) befindet sich nach dieser korrigierten Zählung genau in der Mitte des Werkes. Aha...!
Sorgfältige Prüfung der knapp dreizehn Seiten enthüllt leider doch kein nennenswertes Ergebnis, dafür interessante Details über den möglichen Inhalt der Verschwörung:
Um die Wirkung der Apokalypsis Cum Figuris auf das Gemüt des Erzählers Serenus Zeitblom zu veranschaulichen, beschreibt dieser die soziologischen Voraussagen, die im Diskussionszirkel seiner gelehrten Freunde erörtert werden. Sie zitieren Alexis de Tocqueville (wir befinden uns im Jahr Neunzehnhundertneunzehn), nach dessen Meinung der Französischen Revolution zwei gesellschaftliche Ströme entsprungen wären: einer »für die Menschen zu freien Einrichtungen«, »der andere zur absoluten Macht.« Letztere befinde sich nun leider auf dem Siegesmarsch, weil das Prinzip der Freiheit zu einem logischen Kurzschluß führe: zu ihrer Selbstbehauptung wäre sie nämlich gezwungen, die Freiheit ihrer Gegner einzuschränken...
Als nächstes kommt man auf die Prophetie eines anderen Buches, Sorels Réflexions sur la Violence & dessen Theorie zu sprechen, daß die Versorgung der Massen mit pseudomythologischem Firlefanz (siehe Adornos Thesen!) die Tradition der parlamentarischen Diskussion ablösen werde.
Dann eine eigentümlich vieldeutige Stelle: Der Erzähler wendet ein, daß gerade die geistige Enge & Geschlossenheit der kirchlichen Lehren im Mittelalter, angenommen als unverrückbar, zu viel zahlreicherer & hemmungsloserer Tätigkeit der menschlichen Phantasie geführt habe, als die Individualisierung im bürgerlichen Zeitalter. Jenes, so prophezeien nun wieder die anderen Gelehrten, würde unweigerlich in eine Epoche umfassender Kriege & Revolutionen münden & die christliche Zivilisation in eine Zeit zurückwerfen, die der zwischen Mittelalter & dem Zusammenbruch der Antike ähneln werde.
Kein rechter Reim darauf zu machen. Ausführungen fügen sich nicht in bisher entworfenes Schema. Etwas übersehen?
Hinweise auf zwei konkurrierende Gesellschaftsentwürfe, Prophetie von Intellektuellen, Triumphzug des Willens zur Macht... Nietzsche der nächste zu konsultierende Autor? Nein, das Netz der Bezüge dürfte zeitlich engmaschiger sein.
Aber: Akribie, mit der in XXXIV (Fortsetzung) ein zentrales Kompositionselement der Apokalypsis Cum Figuris, das Prinzip der Klangvertauschung (Vokalisierung des Orchesters, Instrumentalisierung des Chors) beschrieben wird, läßt aufhorchen. Vertauschung (Temurah), neben Notarikon & Gematria doch eines jener drei Prinzipien, mit denen die jüdische Kabbala operiert, um den wahren Sinn eines Textes aufzuspüren…
Eingebung: Durchblättern des Faustus auf der Suche nach der Beschreibung Leverkühns zweiter großer Komposition mit drei Worten im Titel, Dr. Fausti Weheklag.
Fündig im Kapitel XLVI! Die dreihundertvier&dreißig Seiten der Moralia spielen nicht nur auf die drei Abschnitte des Kapitels Vier&dreißig, sondern auch, unter Anwendung des Vertauschungsprinzips & Addition der ersten Drei – letzteres von der Tatsache angeregt, daß sich die zwei großen Kompositionen Leverkühns inhaltlich & formal ergänzen – auf das sechs&vierzigste Kapitel (Drei&vierzig plus Drei) des Faustus an. Raffiniert!
Hier wirklich die nächste Verbindung: Melodik des Dr. Fausti Weheklag basiert auf dem fünftönigen Grundmotiv h, e, a, e, es. In der Welt des Romans steht dieses Buchstabenfolge für »hetaera esmeralda«, jene Hure, die Adrian Leverkühn in seinem ersten Geschlechtsakt mit dem Gift des Satans infiziert...
Nach Blick ins Literaturlexikon Bestätigung des Verdachts: Die Töne verweisen (erneut aufgrund einer Vertauschung, diesmal der letzten zwei Lettern – das Ganze ergänzt um fünf Konsonanten) auf niemand anderen als
h e RM a NN H es S e!
Kein Wunder – Hesses Glasperlenspiel ist Thomas Mann ja während der Niederschrift des Faustus zugegangen...
Erinnerung an ein Relikt aus der Pfadfinderzeit. Oliver hatte es dort bis zum Holzabzeichen für Gruppenleiter gebracht, ich war nach zwei Jahren wegen dramatischen Dauer-Durchfalls auf den Zeltlager-Exkursionen wieder ausgetreten...
Nachspielen der Melodie auf der verstaubten Gitarre, erregt wie lange nicht mehr – darum steht das zweite h für (h)esse nicht in der Tonreihe & das e vor dem es: weil es viel besser klingt...
Verdichtung des Phantastischen, dem ich auf der Spur bin – offenbar ein Netz von Bezügen innerhalb der Werke deutscher Autoren, das immer weiter in die Vergangenheit reicht, um dem Findigen irgendwo dort ein Geheimnis zu enthüllen. Nur zwei Möglichkeiten, wie ein solches System zustande kam:
1. Jeder der Beteiligten hat zufällig im Werk eines Älteren den Hinweis auf das Werk eines Weiteren entdeckt & anschließend die literarische Stafette nur weitergereicht, als er in einem seiner Werke den Hinweis darauf versteckte.
2. Alle beteiligten Autoren waren Initiierte. Der Reihe nach wurden die jüngeren von den älteren eingeweiht & dazu verpflichtet, in eines ihrer Werke den nächsten Hinweis einzubauen. Hesse wurde so zu Manns Lehrmeister & Mann zu Adornos.
Wer von ihnen hatte Kenntnis von dem Geheimnis, das am Grund der Bezüge lag? Alle, wenige, keiner? Offenbar wollten sie, daß das es entdeckt wird, wozu sonst die Stafette? Wer sollte es letztlich lüften? Wie tief reicht alles zurück – bis in eine »Epoche zwischen Antike & Mittelalter«? Welche Rolle spielen die zwei Ströme zur »Macht« & zu »freien Einrichtungen«? Wie paßt die Mythologie, wie die Prophetie hinein?
Vor allem: Wer war der erste Autor?
***
Die Hauptstadt roch wie immer nach Katzenscheiße, als er aus den Tiefen des Bahnhofs Alexanderplatz ans Tageslicht stieg. Er kam gerade vom Finanzamt & war auf dem Weg zum Rathaus Mitte, um seinen Gewerbeschein abzuholen & seinen Förderantrag abzugeben, als er bemerkte, daß ihm jemand nachstellte.
Er schlug einen Haken zurück in den Untergrund, als hätte er etwas vergessen, kaufte eine Morgenpost, versuchte im Strom der von U- auf S-Bahn umsteigenden Massen unterzutauchen. Es half nichts. Er wählte ruhige Nebenwege & kaum bekannte Abkürzungen, es änderte nichts: jemand wandelte in seinem Schatten. Es versagte der Mut, sich umzudrehen, dem Unbekannten eine Falle zu stellen, um in sein Gesicht sehen zu können... Immerhin war er nun neugierig genug, dem Verfolger nicht mehr zu erschweren, auf der Spur zu bleiben. Er wollte ihm nicht verraten, daß er seinen Atem im Nacken spürte.
Gelegentlich schien es, als sei der Mann bereit zum Zugriff, immer dann, wenn Roland den Schritt verlangsamte & Zeichen gab, stehenzubleiben. Aber bevor es zur Konfrontation kam, war Roland bereits hinter die Glastür eines Geschäftes geschlüpft, als kaufe er etwas.
An der Oberfläche dann, den Alex hinter sich lassend, an der Imbiß-Oase in der Karl-Marx-Allee, ließ er den Anderen herankommen. Hier mußte das Versteckspiel enden, denn gleich hinter dem Rathaus & dem International lag seine Wohnung.
Er war ein fahrig wirkender Kerl seines Alters. Er erkannte ihn nicht gleich, da er anders aussah, als er ihn in Erinnerung hatte: abgemagert, haarfettig, augenringig.
–Hey Iobst.
Es war Marwin Heggert, ein Freund Olivers, der in Bayreuth studiert hatte & sich im Journalismus versuchte. Eine der grauen Eminenzen bei den Silvesterfeierlichkeiten auf Olivers Hof. Er & Heggert hatten dort in den üblichen Ritualen Fachwissen getauscht.
–Noch immer dem medialen Ruhm der jungen Hauptstadt erlegen?
–Er sei auf Recherche...
–Jaja, wären sie alle... Er sehe übrigens beschissen aus.
Er konnte es nicht leiden, wenn jemand ohne Vorwarnung in sein Revier eindrang. So jemanden wurde man am schnellsten mit Ehrlichkeit wieder los. Heggert der Idiot nahm es als Scherz.
–Magengeschichte. Er freue sich schon auf die Spiegelung. Sei wie Fruchtwasserschwimmen. Echt angenehm. Ein Bekannter habe einmal behauptet, wer mit Fünf&dreißig nicht ein Geschwür vorweisen könne, habe im Leben nichts erreicht & werde auch nicht mehr weit kommen... Naja Betriebswissenschaftler, hehe. Arbeite heute bei seinem Vater in der Werkstatt… & er? Roland. Auch einmal Urlaub nötig was? Raus aus Germanien – nach Südfrankreich vielleicht? Er empfehle Cap d'Agde bei Narbonne. Paradies für FKK & mehr. Sich mal ordentlich die Wurst braten lassen. Billiger als Mallorca. Hey apropos: Roland habe sicher Hunger. Er lade ihn ein. Auf ein paar Wiener?
–Lieber Curry. Was Bayreuth so mache.
Worauf wollte Heggert hinaus?
–Wie der Kanzler hehe… Bayreuth? Nicht viel. Er habe von der Geschichte mit Carola gehört. Party-Dauerbrenner gewissermaßen.
Zurückhaltung üben. Nur nicht aus der Deckung kommen.
–Aber hey: Die habe sich nachher ganz schön unbeliebt gemacht, Roland richtig eins reinwürgen wollen. Sei allen auf die Nerven gegangen damit. Naja sei dann ja nach hinten losgegangen. Er habe ja auch mal was von der gewollt, sich aber gleich einen Korb eingefangen. Zu wenig Lebenserfahrung, habe sie ihm gesagt… ziemliches Biest. Die werde es noch weit bringen.
–Was genau er recherchiere.
Warum immer alle so gut über Carola Bescheid zu wissen glaubten? Letztes Manöver beim Schiffe Versenken, wenn man selbst heftige Treffer eingesteckt hat: den Gegner in ein Gespräch verwickeln, bei dem er vielleicht unabsichtlich etwas über den Standort der Flotte verrät.
–Hey, weil sie gerade von Bayreuth sprächen: Roland habe doch eine Zeit lang für die Feuilletons geschrieben. Er sei ja in den Genuß gekommen den Meininger Ring zu sehen. Die Premiere. Vier Abende hintereinander, sechzehn Stunden zusammen. Das erste mal seit der Uraufführung Wagner pur. Das Orchester zwar unterbesetzt & bei den Einsätzen gelegentlich in Gefolgschaftsverweigerung, aber lyrisch schlank. Der Dirigent, ein acht&zwanzigjähriger Novize, habe nach vier Jahren Probe mal richtig den Pomp im Blech dröhnen lassen, aber da & dort auch falsche Feierlichkeit abgespeckt. Man habe sogar mal etwas vom Text verstanden: echtes Wagner-Belcanto in sauberer Diktion! Fast alle Sänger noch schlankes Frischfleisch. & die Regieeinfälle! Die Rheintöchter seien in deutscher Trikolore erschienen, & auf einem schwarz-rot-goldenem Laken habe sich auch Mutter Erda geräkelt & später auch Siegmund & Sieglinde nach ihrem Inzest (dieser mit viel nacktem Fleisch angerichtet...), Fawsolt & Fafner hätten die Schädel von Wagner & Ludwig II. getragen, die Walküren dreißig Kerle kopfüber an Fleischerhaken aufgehängt, Hagens Gesellen Fußball gespielt; als Hintergrund für Rheingold: Ein Nachbau der weißen Barrikade, auf der Wagner Achtzehnacht&vierzig seine aufständische Gesinnung demonstriert hätte... Hey aber das Beste – der Wurm habe sein Maul aufreißen & vor gemalter Festspielhauskulisse ausspeien können: Winifred Wagner, Heß, Göring, Goebbels, Kohl & Schreiber. Was für ein Bravo! & das drei Monate vor Bayreuth, wo man immer noch um die Leitungs-Nachfolge verhandle, die der alte Wagner nicht abgeben will... & das alles in diesem Jahr der Jubiläen: Fünf&zwanzig Jahre Richard-Wagner-Museum. Fünfzig Jahre Neues Bayreuth. Hundertfünf&zwanzig Jahre Bayreuther Festspiele... Hey, der Ring werde bis Juli dreimal wiederholt; das solle er sich nicht entgehen lassen. Die Karte koste auch nur hundertacht&zwanzig Mark...
Clever, der Kerl. Wich in weitem Bogen aus & zog eine Mauer aus Feuilleton-Palaver hoch. Blieb nur noch die blinde Attacke:
–Heggert. Er wisse, weshalb er gekommen sei: Wegen Italien, dem ungeklärten Tod seines Schwiegervaters... Ja, Roland habe ein paar Artikel für ihn verfaßt, wenn gerade wieder etwas Historisches in der Öffentlichkeit hochgekocht sei & über ein paar Theaterabende. Sei aber nicht dabei gewesen, im Italien-Urlaub. Roland habe sich ja bei den Kollegen unbeliebt gemacht, wegen der vielen Aufträge & seiner politischen Haltung. Der Kontakt sei ja schon davor abgebrochen, der Druck nicht mehr auszuhalten gewesen. Da habe sich wohl jemand ein Nachtreten nicht nehmen lassen... Wer nun Schwindtels Bergsteiger-Ausrüstung so gefährlich manipuliert habe? Auch Roland habe einen Verdacht: es habe da eine Frau –
Heggert war fort. Roland lehnte am Imbiß & blickte mit verkniffenem Gesicht in den wolkenverhangenen Himmel, die Pappschachtel mit gestückelter aber unberührter Currywurst in der Hand, darüber etwas Ketchup gelaufen; um ihn herum das nichtssagende Treiben. Die Menschen pulsierten kleinen Blutkörperchen gleich in den Adern der Stadt, ohne daß ein Stillstand ihres Herzens zu erkennen war.
Heggert. War er das gewesen? Heggert der Spinner? Der war doch angeblich beim Erklimmen des Montblanc ums Leben gekommen... Wie vor ihm sein Schwiegervater an einem anderen Berg.
Heggert galt als verschollen. Seit fast einem Jahr.
[Ich glaube, ich kann an dieser Stelle verraten, daß der angerissene Handlungszweig um Rolands Arbeit im Schwindtel-Verlag, womit er sich nach dem Studium ein Zeit über Wasser gehalten hatte, im Fortgang der Geschichte keine Rolle mehr spielen wird. Man darf Rolands Ausführungen hierzu glauben. Ich kannte Heggert & seine Neigungen & habe keine Veranlassung an den mir bekannten Hintergründen seines Ablebens zu zweifeln. Es interessiert hier weniger Heggerts Geschichte, als die Rolle, die sie in Rolands Geschichte einnimmt...]
***
Carola hatte gleich mit achtzehn den Führerschein gemacht & ein Auto von den Eltern geschenkt bekommen. Einen Mazda Dreizweidrei in rot. Man fand das ein gutes Omen. Der Mazda war so etwas wie der japanische Kadett, aber weniger bieder: windschlüpfriger, sportlicher. Damit fuhr sie dann zweimal die Woche hinaus zum Schißritzer Forst, um dort Miß Marple, ihre deutsche Dogge, spazierenzuführen.
Der Gesundheitspfad, den sie nahm, führte außer an der Michaelsquelle & den Ausläufern des Forsts auch an jenem Heckenwall vorbei, hinter dem sich eine von Bäumen & Gebüsch umkränzte Senke verbarg, die Oliver & Roland früher als Versteck, Stützpunkt, Lager, Fort, U-Boot & Raumschiff eine Heimat geboten hatte. Vor dort aus konnte man den Blick über das unter einem abfallende Tal schweifen lassen, sich vor gegnerischen Banden verstecken & joggende Pärchen mit Erbsen blasrohrbeschießen. Mittlerweile war man zwanzig geworden & hatte dieses Plätzchen lange nicht mehr gesehen, nun aber sich daran erinnert, als man Carolas Mazda auf dem Parkplatz stehen sah.
Nach einigen Tagen des Auflauerns konnte man abschätzen, wann ungefähr sie an jener Hecke vorbeikommen würde & schlich ihr endlich einmal im Schutz des Walls hinterher; heute hatte sie es eilig, da konnte man es wagen, sie schien ein wenig abgelenkt...
Auf der anderen Seite lag jetzt ein Baggersee, zu Kinderzeiten hatte es ihn noch nicht gegeben. Dorthin schlug Carola den Weg ein. Es war ein Abend im Spätherbst, man konnte die tiefstehende Sonne als glühenden Zigarettenstummel hinter dem bunten Blattwerk erahnen; ein kühler Wind ging – zu frisch, um sich am See zu vergnügen. Sie waren allein mit den letzten Insekten.
Carola, deren neue Haarfarbe auf den Herbst abgestimmt zu sein schien, ließ Miß Marple von der Leine, streifte sich, Dryade des Waldes, des falschen Kostüms aus der Menschenwelt überdrüssig, Schuhe, Strümpfe, Hose & Slip von einem Körper, dessen Fleisch die Berührung der Elemente suchte, aus denen er geformt war: Erde & Wasser – & ging in den See. Ein Beben ging durch ihre käsigen Hinterbacken & Gänsehaut ließ den blonden Flaum auf ihren antilopigen Beinen sich aufrichten, als sie die Füße ins Naß tauchte. Bald leistete der Körper keinen Widerstand mehr gegen die Kälte. Es war eine Waschung & eine Taufe, denn sie trug noch den Slip bei sich & tauchte ihn unter & wrang ihn & schaufelte sich schließlich etwas Wasser dorthin, wo es mit der Erde chymische Hochzeit zu halten pflegt. Flüche kamen ihr von den Lippen, während sie sich & das Höschen auswusch. Hätte man sein Herz nicht schon verloren, es hüpfte einem jetzt davon, allein dieses Zorngesichts wegen. Irgendwo kläffte Miß Marple, auf der Jagd nach einem Waldbewohner. Vorsichtig tastete man sich näher heran.
Bevor man mehr von ihr erhaschen konnte, Miß Marples näherkommendes Hecheln Zeit für ein Manöver gelassen hätte, hatte die Hündin ihrem Namen schon Ehre gemacht. Sie stand keinen Meter entfernt & knurrte & zeigte die Fänge. Der Schwanz wedelte nicht.
Es blieb keine Zeit, die Regeln für das Duell zu verhandeln: schon verrieten zwei Stimmen, daß sich weitere Schaulustige näherten. Die Kraussmann-Brüder. Natürlich, sie wohnten auf einem Bauernhof in der Nähe – echte Naturburschen, deren liebste Freizeitbeschäftigung darin bestand, anderen Leuten Heuschrecken in die Briefkästen zu stecken, im Tante-Emma-Laden (heute eine Edeka-Filiale) Panini-Sammelbilder für das Album zur Fußball-WM zu klauen oder Roland, obwohl ein halbes Jahrzehnt älter, mit Katzenscheiße zu bewerfen. Schon hatten sie die Dryade entdeckt, rannten zu ihren Kleidern & lachten ein Lachen, das nur solche Rüpel beherrschen. –Wenn sie das Oberteil auch ausziehe (man könne ja bereits ahnen, daß sie nichts mehr darunter habe), bekäme sie ihre Sachen wieder. Wenn nicht, wären sie futsch & sie müsse halbnackt nach Hause.
Miß Marple stand da & knurrte. Carola, wie aus einer Traumwelt gerissen, die Hände rasch vor dem Oberkörper verschränkend, rief:
–Ihr Vater lasse sie bestimmt vor Gericht laden, wenn sie das täten.
–Ihnen doch wurscht. Weil nämlich vorher ihr Vater dem von Carola eine aufs große Maul & in den dicken Bauch geben würde...
Carola schien einen Moment lang die Alternativen abzuwägen. Sie zitterte, spürte wahrscheinlich jetzt wieder die Kälte.
–Also gut, kam es schließlich mit kecker Nase von ihr, –Aber dann sollten sie sich auch gleich vor ihr einen von der Palme wedeln & nicht später einsam im Stüberl aus der Erinnerung, das würde sie gerne sehen! Dafür zöge sie nicht nur das Oberteil aus, sondern käme auch ein Stück aus dem Wasser, einen zusätzlichen Einblick gewährend...
Das ließen sich die Brüder nicht zweimal sagen: schon hatten sie angefangen, ihre Teile auszupacken & daran zu rütteln, während die Dryade langsam näher kam.
Man wußte nicht, was tun, wollte einschreiten, hätte dann aber seine eigene Schaulust verraten, konnte auch gar nicht, Miß Marple stand neben einem & knurrte, der Schwanz wedelte nicht.
Da kam der Pfiff. Die alte Detektivin schnellte um die eigene Achse, brach aus dem Gebüsch & stürmte los auf die Brüder, die in ihrem Schreck nicht mehr dazukamen, die Hosen zu schließen: als sie sich in Bewegung setzten, rutschten sie ihnen die Knie herunter & warfen die beiden ins Laub. Miß Marple verbiß sich in einen Gürtel. Der Junge mußte ihn aufgeben. Beide stolperten wie sie waren, mit weichen Gliedern, Fesseln an den Füßen & Schweiß auf der Stirn, unter Flüchen & Racheschwüren davon.
Die Dryade atmete auf.
Wenn die Brüder gewußt hätten, daß sie – allerdings erst, als sie wirklich nicht mehr zu sehen waren – sich doch noch das Oberteil abstreifte, es mit dem Slip ans Ufer warf & dann begann, ihre Kreise zu ziehen, Miß Marple ihr hinterher...
Sichtlich genoß sie die Freiheit ihres Körpers, in dem sie sich wohlfühlte, für den sie sich nicht schämte – aber nicht vor & mit jedem!
Roland schämte sich sogar vor sich selbst – z.B. jetzt gerade wieder...
Bald jedoch schien der Dryade das Wasser kein Vergnügen mehr. Enger wurden die Kreise, wilder das Rudern der Arme. Bald war es ein Kampf mit dem Element, ein Platschen, Springen & Tauchen, als könne sie es besiegen oder als sei sie von einer wilden Energie beherrscht, die sie darin loswerden wollte.
Irgendwann gab sie auf, kam wieder an Land & setzte sich in das Schilf, Roland den Rücken zudrehend. & als Miß Marple sich neben ihr kräftig schüttelte: da begann sie, Nässe & Kälte nicht spürend, zu weinen – & zog den Hund an sich & begrub ihren Kopf in seinem Fell & murmelte etwas in sich hinein.
In ihm schnürte sich etwas zusammen. Sicher war es Koschel, der ihr das, was immer genau, angetan hatte. Man wollte zu ihr, im Verlangen, den Arm um sie zu legen, was sich richtig & sehr erwachsen anfühlte...
Man stahl sich lieber leise davon, bevor der Kanide sich wieder des Männleins im Walde erinnerte & das Versteck aufflog.
Man hatte ihre wahre Natur gesehen, eine Waschung mit ihr geteilt, die Abschied von der Jungfräulichkeit & Offenbarung ihrer Einsamkeit gewesen war: man war ihr endgültig verfallen – nicht, weil sie zur Priesterin von Erde & Wasser geweiht war, die einen in die Geheimnisse des Fleisches würde einführen können (man selbst war ja der Ritter von Luft & Feuer, den Elementen des Geistes...) – sondern weil sie die Kraussmann-Brüder, in einem Moment der eigenen Schwachheit, triumphal erniedrigt & beleidigt hatte, wie die sonst alle anderen.
Man beschloß, sich ihr bald zu offenbaren.
Sechs Jahre später wagte man es.
Zwei Wochen lang war man in den Semesterferien jeden Tag vor ihrem Haus auf- & abgelaufen, bis man den Finger auf den Knopf gelegt hatte. Man wollte sie zum Essen einladen & dann...
Der Vater öffnete.
–Carola mache ein Jahr Au-pair-Mädchen in den Staaten.
Es sollten weitere sechs Jahre vergehen, bevor man einen zweiten Versuch unternahm.
***
Wie der Vater es versprochen hatte, war ein Großteil der Erbmasse bereits auf sein Konto übergegangen. Die Bürokraten hatte Roland entgegen seiner Erwartungen keine Schwierigkeiten bei seinem Vorhaben gemacht. Alles war flink & mit verdächtiger Leichtigkeit vonstatten gegangen. Eine selbst erstellte Seite & ein bißchen Bannerwerbung waren auch schon ins Netz gestellt, die erste Werbe-Netzpost verschickt. So einfach war es also, das Heer der weisungsabhängigen Malocher & Katzbuckler hinter sich zu lassen & in den Kreis derer mit Richtlinienkompetenz aufzusteigen. Nun hieß es: er seine eigene Firma, seine eigene Dienstleistung, sein eigene Unternehmensidentität. Aber auch er sein eigenes Risikokapital, seine eigene Auftragsabhängigkeit, sein eigenes Netzwerk. Die Angel war ausgeworfen in den Teich der zu fangenden & auszunehmenden Edelhechte. Blieb zu hoffen, daß er in den richtigen Gewässern fischte, ihm keine Haie in die Quere kamen & die Opfer den Köder anziehend fanden.
Past&PR: Wie hoch könnte die Expansionsquote steigen, wie viel Reichtum der Geld-Fluß ins Haus spülen, wann könnte der Börsengang sein, die erste Dividendenausschüttung...?
[Mit der Agentur Past&PR hatte Roland versucht, nachdem man ihm für eine Stelle auf der Berliner Museumsinsel abgesagt hatte, sich als Selbständiger auf Unternehmensgeschichte zu spezialisieren & die Aufarbeitung & Verwaltung von Firmen-Archiven zu organisieren – gekrönt von der Erstellung einer repräsentativen Aufbereitung der Firmen-Chronik: zum Beispiel in einer Jubiläums-Festschrift. Keine neue Geschäftsidee – vielmehr schossen zu der Zeit viele derartige Dienstleister aus dem Boden (der Wunschname Akten&Fakten war schon vergeben...).
Es ist bezeichnend, daß Roland kaum ein Wort über seine Auftragslage verliert. Belegt ist lediglich das Anfrage eines Düsseldorfer Netzgeschäfts, das dringend sein von Gewinnwarnungen, sinkenden Quartalszahlen & dementsprechenden Aktienwert dominiertes Öffentlichkeitsbild mit einer Broschüre über die eigene Vorreiter-Rolle in den Gründerjahren des Netzes aufpolieren wollte. Roland hat sie aber zugunsten von etwas anderem abschlägig beschieden, wie man gleich sehen wird...]
Die Prognosen-Institute waren die einzigen, die im Moment Hochkonjunktur hatten. Ein regelrechter Überbietungswettbewerb der Wirtschaftsprophezeiungen war seit März über das Land gerollt – & alle korrigierten ihre Zahlen nach unten. Aus Angst vor einer Rezession in den USA reduzierte das Hamburgische Welt-Wirtschafts-Archiv am vierzehnten März seine Wachstumsprognose für Deutschland von zweikommasieben auf zweikommadrei Prozent. Am dritten April glaubte der Internationale Währungsfond nur nach an zwei Prozent, während die Regierung bei ihrer Zahl von zweikommasechs blieb. Am zehnten April legten die sechs führenden Wirtschaftsinstitute ihr gemeinsames Frühjahrsgutachten vor & veränderten ihre Prognose von zweikommasieben auf zweikommaeins Prozent.
Es ging hinab als Roland hoch hinaus wollte. Überall bereitete man sich auf harte Zeiten vor. Selbst das britische Büro für UFO-Sichtungen, seit Neunzehnhundertdrei&fünfzig tätig, mußte mangels Meldungen geschlossen werden. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen gegen den Außenminister & seine angebliche Falschaussage ein. Afghanistan sprengte prophylaktisch schon mal die über eintausendfünfhundert Jahre alten Buddhastatuen von Bamian. Der ehemalige Schatzmeister einer großen deutschen Partei überwies dieser noch schnell eine Million Mark von seinem Privatkonto, Gelder von unbekannten Spendern für frostige Zeiten. Die Öffentlichkeit wandte sich derweil spannenderen Themen zu, zum Beispiel, ob man Stolz auf Deutschland sein könne. Aufs pompöse Kanzleramt, für den man den Schloßplatz aufgab, konnte man es; während der Einsatz der deutschen Friedenstruppe in Mazedonien beinahe am Parlament gescheitert wäre, die Maul– & Klauenseuche weiter die Fleischpreise verdarb & im Senat der Hauptstadt die große Koalition zu bröckeln anfing.
In solche Zeiten mag es nützlich sein, immer eine Enzyklopädie des nützlichen Zitats parat zu haben:
Alle Kategorien: Wer die Weisheit mit Löffeln gefressen hat, muß gefüttert worden sein. (Roland Iobst).
PROJEKT: SPUR DES DOPPELT & DREIFACH (III)
Das Glasperlenspiel: Lebensbeschreibung Josef Knechts, der in einer von der Außenwelt abgeschotteten Provinz namens Kastalien zum Magister Ludi, zum Glasperlenspielmeister aufsteigt… Wie Manns Dr. Faustus vor dem Hintergrund der politischen Situation Deutschlands seit dem Ersten Weltkrieg & der Entwicklung während der Hitlerei geschrieben. Der Gegenwart entgegengehaltenes & in die Zukunft projiziertes Ideal des Glasperlenspielerordens gleicht der platonischen Akademie, elitäres Kastalien gemahnt an Goethes pädagogische Provinz...
Das Glasperlenspiel erfolgt in Geheimsprache mit eigener Grammatik. Stellt die Einheit des Geistes her & bündelt Werte, Künste, Geistes– & Naturwissenschaften sowie alle Ideen sämtlicher Kulturen zu einer Synthese. Die Erfüllung des gnostischen Traums vom Zusammenfall aller Gegensätze! Glasperlenspieler spielen auf dieser weltgeistlichen Klaviatur wie auf einer gigantischen Kirchenorgel von unendlicher Schönheit, deren Manuale & Pedale alle Register des schöpferischen Universums umfassen. Das hatte Mann wohl gemeint, als er behauptete, der Roman habe »das Trauliche auf eine neue, geistige, ja revolutionäre Stufe gehoben«: Glasperlenspiel = Weltformel!
Knecht selbst ein zwischen »zwei Orden« bzw. »die beiden Pole« (zwei Kapitelüberschriften) Eingespannter. Das eine die »Tendenz zum Bewahren, zur Treue, zum selbstlosen Dienst an der Hierarchie«, das andere »zum Erwachen, zum Vordringen, zum Greifen & Begreifen der Wirklichkeit«. Der einstige Mustergeistliche kehrt mit den Jahren zu jener Anschauung zurück, die ihm sein Lehrer Pater Jakobus nahegebracht hatte: »Wie soll man Geschichte treiben, ohne Ordnung in sie zu bringen?« hatte Knecht ihn gefragt. »Geschichte treiben heißt: sich dem Chaos überlassen & dennoch den Glauben an die Ordnung & den Sinn zu bewahren«. Die Erkenntnis, daß auch die kastalische Geistlichkeit der Vergänglichkeit der Materie unterworfen ist – was sich nicht weiterentwickelt & stehenbleibt, ist dem Verfall preisgegeben – läßt Knecht sein Amt aufgeben. Die Innere Spaltung wird jedoch erst sein letzter Schüler, Tito Designori, überwinden: Schon bald ereilt Knecht der Tod beim Baden in einem Gebirgssee.
Hier sind sie wieder, die zwei Strömungen, die Antipoden, deren Verschmelzung Hesse & die anderen anstreben… In der Figur Tito Designoris sicher Thomas Mann verewigt, in den Hesse seine Hoffnung gesetzt hatte... Aber wo steckt der Hinweis?
Nicht in den beiden Kapiteln über die Zweiheit. Auch nicht in einem der drei (!) Lebensläufe im Anhang, Material aus Knechts Waldzeller Schulzeit, in der das Verfassen fiktiver Selbstbiographien zur Selbsterkenntnis führen sollte (auch hierin aber erneut das Motiv der Spaltung & Weitergabe des Erbes...).
Noch einmal akribische Analyse der ersten Seiten: »Den Morgenlandfahrern« lautet die Widmung. Hat Hesse nicht schon früher eine ähnlich betitelte Geschichte verfaßt?
Den kleinen Band Die Morgenlandfahrt schnell im eigenen Antiquariat gefunden. Die Hand zittert, als ich ihn aufschlage...
Nach wenigen Stunden Lektüre unter Hinzuziehung der Sekundärliteratur endlich die Lösung: Die Morgenlandfahrt, fertiggestellt im April Neunzehnhundertein&dreißig, wird als Übergang zum Glasperlenspiels angesehen. Hesse selbst hat fünf Jahre danach notiert, die Morgenlandfahrt, »die beinahe von niemandem noch entdeckt wurde«, sei ihm so wichtig, daß ihm die fünf&fünfzig Jahre seines Lebens »bloß als Vorbereitung zur Morgenlandfahrt« erschienen. Noch im Jahr der Veröffentlichung des Glasperlenspiels weitere sieben Jahre später findet er diesen Roman »nicht so frisch wie die Morgenlandfahrt«, & später gefällt ihm manches am Glasperlenspiel gar nicht mehr, während »die Morgenlandfahrt sich restlos bewährte«...
Ausgangspunkt ist die Krise des Ich-Erzählers & ehemaligen Musikers H.H. (natürlich Hesse selbst). Wehmütig denkt er an die Zeit zurück, als er Mitglied des »Bundes der Morgenlandfahrer« war, einer Bruderschaft hohe Geister der Vergangenheit & Gegenwart, die er nun erloschen glaubt: »ich erscheine mir wie der überlebende alte Diener etwa eines der Paladine Karls des Großen, welcher in seinem Gedächtnis eine Reihe von Taten & Wundern bewahrt«. Die spirituelle Wallfahrt in das Morgenland, die »Heimat des Lichts«, von manchen als »Kinderkreuzzug« belächelt, verband die Teilnehmer zu einer geistigen Gemeinschaft. Bedingung für die Aufnahme: jedes Mitglied sollte sein privates Ziel mit der Reise verbinden. Für H.H. war es »die schöne Prinzessin Fatme zu sehen & womöglich ihre Liebe zu gewinnen« (Esclarmonde, so viele Namen...). Die Reise führt über Kontinente, durch die Menschheitsgeschichte, an die Grabstätte Karls des Großen & andere geschichtsträchtige Orte; zurück in die Unschuld der Kindheit – aber auch zu Irrtum, Zweifel & Verzweiflung. Das Verschwinden des Dieners Leo in der Schlucht von »Morbus Inferiore« schließlich zerstreut die Bundesbrüder. Bald muß H.H. erkennen, daß nicht die Gemeinschaft, sondern er es war, den Schwäche & Zweifel untreu werden ließen. Das hohe Gericht, dem er sich als Selbstankläger stellt, betrachtet das Ereignis als Prüfung & spricht ihn frei. Der Diener Leo offenbart sich als wahrer Hochmeister des Bundes. Er folgt dem Gesetz vom Dienen: »Was lange leben will muß dienen. Was aber herrschen will, das lebt nicht lange.«
Unglaublich – mehrfach ist von einem »Bundesgeheimnis« die Rede, besiegelt in einem »Bundesbrief«. Im Bundesarchiv steht auf dem Katalogzettel zu Andreas Leo: »Cave! Archiepisc. XIX. Diacon. D. VII. Cornu Ammon. 6 Cave!«
Nach etwas kabbalistischer Arbeit an dieser Stelle sowie der Figurennamen & Symbole den nächsten Stafettenträger dingfest gemacht: Otto Rahns Kreuzzug gegen den Gral, eine ausführliche Abhandlung zu den Katharern (!), an der dieser während Hesses Niederschrift der Morgenlandfahrt arbeitete – erschienen im Jahre neunzehnhundertdrei&dreißig...
***
Migräne. Unsägliche Migräne plagte ihn. Ein Heißluftballon pustete sich im Schädel auf & drückte gegen die Decke. Noch hielt der Knochen stand. Schweiß, der nicht salzig schmeckte, drang aus den Poren. Eine Frühjahrsgrippe, vielleicht eine Allergie? Wie konnte er sich die so plötzlich eingefangen haben? Jedenfalls kein Burnout-Syndrom.
Er nutzte die Gelegenheit, die Wonnen der Betttlägerigkeit wiederzuentdecken. Sich nach einem Bad mit Fichtelöl, gekleidet in einen gewaschenen Pyjama, auf ein frisch bezogenes Polster niederzulegen... Der keimfreien Geruch der Laken, die Geschmeidigkeit der fichtelgesalbten Haut, deren Nervenspitzen von der zarten Kälte der Pyjamaseide leicht in wohlige Erregung versetzt wurden – das war sein Mittel gegen die Krankheit, das einzige, dem er vertraute. Die Fenster blieben geschlossen, der Briefkasten ungeleert, Arzt oder Apotheker unaufgesucht. Da war nur er & die Krankheit & ihr Duell beim Durchschauen der Videosammlung & Wetten gegen die Wettervorhersage (Roland hatte die damals bei den Pfadfindern erlernte Deutung der Wolkenformationen & klimatischen Verhältnisse auf einige wenige Kern-Regeln heruntergebrochen – & traf damit überraschend oft ins Schwarze...).
Auf die Idee, die Zeit zu nutzen, seinen Silvester-Vorsatz umzusetzen, kam er nicht. Ein paar Notizen immerhin schafften es auf einige über das Zimmer verstreue Zettel. Er dachte nicht weiter darüber nach, warum er das eigentlich tat.
Es träumte ihm. »Knapp Roland kam zum finstern Turm, sein Wort war…«, so das Wort des Armen Tom. Sfumato-Bilder, in denen Zeit & Raum sich zu einer neuen Dimension verdichten, hingen in der Eingangshalle. Auch Holbeins Miniatur Salomon empfängt die Königin von Saba neben Michelangelos Relief der Kentaurenschlacht. Im Keller ausufernde Feierlichkeiten des deutschen Autorenvereins anläßlich der triumphalen Rückkehr des Genitivs. Fahrt durch eine Kellerluke ins Freie & Schwenk in die Hügelausläufer der Cevennen. Nach einem erneuten Attentat gegen die Inquisition in Avignonet beginnen französische Königstruppen & Zwangsverpflichtete sowie heilige Milizen der Erzbischöfe von Narbonne & Albi Montségur zu belagern, Kopf & Sitz der verbotenen Kirche & letzte Zuflucht der Katharer auf einem eintausendzweihundert Meter hohen Bergkegel. Schnelle Schnitte überbrücken ein Jahr des Leids. Im März darauf Kapitulation nach hohen Verlusten auf beiden Seiten. Zweihundertfünf&zwanzig gute Menschen finden den Flammentod auf den Scheiterhaufen zu Füßen des Bergmassivs. Die Kamera begleitet ihre in goldgelbe Flammen geschlagenen Fratzen aus der Froschperspektive. Rückblende: Monate zuvor, nachts. Eine kleine Zahl Wagemutiger stiehlt sich, unbemerkt von den Belagerern, aus der Burg heraus. Was versuchen sie in Sicherheit zu bringen? Es ist nicht der heilige Gral & auch nicht die Kirchenkasse, wofür sich zwei parfaits [die Initiierten, die das consolamentum erhielten, mit dem sie sich der Askese, dem Zölibat, der Ehrlichkeit & dem Vegetariertum verschrieben...] in äußerste Lebensgefahr begeben, sondern sie: Esclarmonde de Foix, die Schwester des Grafen von Foix. Esclarmonde die Hohepriesterin. Black. Vertigo. Tiefer hinab in Morpheus’ Arme, Halluzinationen in den Schluchten eines Gehirns, wo zwei Freuds miteinander um die Herrschaft ringen, der eine im Streben nach freien Einrichtungen, der andere zur absoluten Macht. Tonspur einer Rede zur Verleihung des Nobelpreises an ihn, Iobst, für den Beweis, daß Schönheit nichts anderes ist als ein kurzer Schwebezustand – der Moment, in dem ein geordnetes System ins Chaos kippt oder ein chaotisches System in eine Ordnungsstruktur überführt wird. Kaleidoskopbilder, Fraktale Muster, Mandelbrotmengen. Ein Wort wird an die Tafel geschrieben: Seltsamer Attraktor. Der mathematische Punkt des Kippens der Systeme, Seltsamer Attraktor. Esclarmonde, Fremdartige Anziehung; gerne wäre ich der Wurm in deinem Apfel, die Schlange deiner Verführung. Gog & Magog bitten zum Tanz. Die Heere nehmen Stellung auf. Auf der