jan-apr.doc (2)

Zweiter Versuch. Wieder aufs Rad steigen. Sich einen Schuß Kirschli­kör setzen. Tiefer in die wärmende Decke verkriechen, dem einzigen Schutz vor dem kalten Ausmaß dieses Schattenge­mäuers, das eintausendsieben­hundertzwei-&siebzig auf den Über­resten ei­ner kon­stantinischen & lateini­schen Basili­ka – danach ei­ner karo­lingischen Kathe­drale – erbau­t worden war, ge­weiht den Märty­rern Justus & Pas­tor, in seiner Höhe übertroffen nur von den Kir­chen von Be­auvais, Amiens & Metz...
Nicht alles auf einmal wollen. Zu­nächst ein­mal den Beginn des Tagebuchs genau­er bezeich­nen:

Zweiter Mai Zweitausendeins (Null Uhr Fünf&zwanzig):

& nicht so­fort alles preisgeben!
Sich einer Überschrift unterordnen – Erinnerung an die Spiegel-Ti­tel eines Jahresdrittels als Ideen-Katalysator:

»Das Universum im Kopf – Joschkas wilde Jahre – Zurück zur Scholle – Preußen – das zwiespältige Erbe – Das Ge­spenst der Siebziger – Ich – Die große Rentenreform – Die Milliardenfalle – Neue Heimat Süden – Verschwunde­ne Kinder – Droge Macht – High-Tech-Welt Zweitausend­eins – Was fühlen Tiere – Was sollen Kinder lernen – Zu­rück zur Familie – Auf den Spuren der Königin von Saba.«

Zu marktschreierisch für die Banalität der zugehöri­gen Geschich­ten; un­tauglich für mein Projekt, mein bescheidenes Le­ben...
Hier allerdings, in der Sakristei der Ka­thedrale, zwei Wandtep­piche aus Aubus­son: Sieg Davids über Goliath & Besuch der Königin von Saba bei König Salomon... Ein Bekann­ter von mir aus der Haupt­stadt, Ar­chäologiestudent, gräbt gerade die Palast­stadt der Königin in Jemen aus – selt­sames Zu­sammentreffen zweier Parallelen, das nur im ge­krümmten Raum möglich ist?
War soetwas auch gestern geschehen?
Jedenfalls: Lieber doch keine Überschrift. Erst hinterher festle­gen, im Über­blick über die heimliche Ordnung der Dinge.
Diese Kopfschmerzen! Die Schulter, die Hüfte, sie melden sich wieder. Wäre ich gestern doch nicht gerannt wie ein aufge­scheuchtes Huhn, blind für das Drumherum...
Flucht in Assoziationsketten: Mein Ge­burtstag. Der Drei&drei­ßigste. Schnapszahl. Asbach Uralt. Verfallsdatum abgelaufen seit ei­ner hal­ben Stunde. Der richtige Zeit­punkt. Child in Time. End­lich auf der Spur, den Plan in die Tat um­zusetzen. Von. Nun. An: Ge­schnetzeltes. Der Maschi­ne (Pro­metheus, Golem, Ho­munkulus, Frankensteins Mon­ster...) Le­ben einhäm­mern.

Arni, ich kann bereits mit mehr als nur einem Finger. Alles eine Fra­ge der Übung. Jetzt sind es schon zwei!

Der Gedankenstraße also einfach vertrauen. Sanft vom Boden ab­stoßen. Nicht um­sehen. Noch nicht in die Pedale treten! Erst­mal anrollen lassen. Konzentra­tion auf die Monotonie des Mittelstrei­fens statt auf die turbulente Um­gebung.
Ich werde beim ich bleiben, solange es geht; solange ich vom jetzt schreibe. Jenes ich aber, das mich hergeführt hat…
Es wird ein Wechsel nötig sein, keine Frage: Dritte Person Sin­gular, Präteri­tum. Nur mit diesem Schutzhelm auf dem Kopf, die­ser Weste am Körper – ich nicht als ich –, kann man die Stützräd­er abschrauben. Die Füße auf die Pe­dale – & los!

Silvester Zweitausend/Zweitausendeins: Sie studierte Psychologie – also erhoffte er sich von ihr nicht nur Aufklärung über die Untiefen der weiblichen Existenz, sondern auch Analyse & The­rapie seiner beiden größten Pro­bleme: der Endigungs-Sucht – & des je­nem Naturell wider­sprechenden Dranges, etwas mit einer Frau (ihr!) anzu­fangen...
Mein Gott, sie trug noch immer diese leicht angehobene Spitznase & den Sommerspros­sen-Kranz um die Augen herum!

Der Gang greift, die Übersetzung stimmt, die Kette reißt nicht. Wun­derbar. Das Kugellager rattert kontinuierlich, während das Rad die Straße hinab­rauscht.
Nicht darüber nachdenken, wie man das Gleich­gewicht hält. In Fahrt bleiben. Vielleicht entdeckt man dabei unerwartete Nach­barschaften, wird einem die unverhofft zusammenhängende Geo­graphie der Gedanken geoffenbart?
Für dich Arni, meine Adresse. Mein Unbe­wußtes hatte dich längst einkalku­liert – die Finger nur deshalb ohne Störfall gelenkt, weil es bereits wußte, daß seine Worte sich an niemand beliebi­gen richteten… Warum an dich & nicht Oliver? Naja, nach dem Verlauf des letzten Gesprächs... Er war der beste Freund meiner Taten, du bist der meiner Pläne. Das hier würde er auch gar nicht verstehen. Du mußt mir jetzt einfach den Spie­gel halten, Kron­tastmittel mei­nes Lebens-Werk sein, tut mir Leid.
Lieber Arni, Bestreiter der germa­nistischen & philosophis­chen Se­minare wie ich & nun vielleicht bald sogar Romancier; du Zwil­ling aber auch Anti­pode – dein scharfes Auge be­achte die Worte, die No­stradamus uns hin­terließ, als er ein ein­ziges Mal so hell­sichtig war, vor dem Mißbrauch sei­ner Vierzeiler zu war­nen:

»Wer diese Verse liest, der möge sie reiflich prü­fen! Gott­lose & Unwissende sollen sich nicht damit befas­sen! Alle ‚Astro­logen’, To­ren, alle Barbaren sollen sich fernhalten! Wer sich nicht dar­an hält, der sei nach hei­ligem Ritus ver­flucht!«

Aus­schneiden. Einfügen. Alles auswäh­len &: Lö­schen.

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