jan-apr.doc (3)

Silvester Zweitausend/Zweitausendeins: Nach dem letzten Mal vor sechs Jahren wagte er wieder einen Ver­such, sich in das Herz seiner Ju­gendliebe zu stehlen. Er war schon knapp drei­&dreißig, aber immer noch nur einsneun&­siebzig lang, Ca­rola Oleg [Name ge­ändert] etwas größer & eineinhalb Jahre jünger. Sie hatte antilopige Beine & roch wie Pflau­menknödel im Herbst.
Auch diesmal wieder, auf dem mitterweile zum jährlichen Ritual ge­wordenen Silvesterumtrunk auf Olivers Hof draußen im Grünen, hatte er sie gleich an ihrem Geruch wiedererkannt, noch bevor er sie sah: als sie sich, seiner nicht gewahr, vor das Fenster schob, gegen das draußen der Schnee wirbelte & in der Berüh­rung mit dem beheizten Glas zu Wassertrop­fen verglühte, die seinen Ausblick ins schwarzweiße Nichts verschwimmen lie­ßen.
Sie studierte Psychologie – also erhoffte er sich von ihr nicht nur Aufklärung über die Untiefen der weiblichen Existenz, sondern auch Analyse & Therapie seiner beiden größten Pro­bleme: der Endigungs-Sucht – & des jenem Naturell widersprechenden Dranges, etwas mit ei­ner Frau (ihr!) anzufangen...
Mein Gott, sie trug noch immer diese leicht angehobene Spitznase & den Sommerspros­sen-Kranz um die Augen herum!
Das war schon ihr Kennzeichen als Schulkamera­din auf dem Graf-Müns­ter-Gymnasi­um in Bayreuth gewesen, einer neusprach­lich-mathe­matischen Schule, die er nur des­halb be­sucht hatte, weil sie über die günstigste Busverbin­dung zu Niederschißritz verfügte, dem fünfhun­dert-Seelen-Mei­ler seines Her­anwachsens, sechs Kilo­meter vor dem Stadt­rand der ober­fränkischen Kapitale. Hier hatte ihn nichts gehalten: we­der die Bayreuther Universität, die vor ge­rade ein­mal sechs­&zwan­zig Jahren gebaut worden war (Roland liebte das Altertümliche), noch die gemütlichen fränkischen Hügel – außer eben Carola: die ihm jetzt, ihr unbeabsichtigtes Eindringen in seine Einsamkeit vor dem Fenster bemer­kend, leicht schielend vom Al­kohol ins Gesicht sah, ihn auch gleich wiedererkannte, die Brau­en & Backen nach oben zog, im Ansatz, ihn anzusprechen, offenbar so­gar wegen einer Idee, die ihr gerade ge­kommen war, einer offensicht­lich genialen, – & schon von einer Trau­be Freundinnen weitergescho­ben wurde...
Carola... Sie war nicht wie er & vie­le ande­re zu Be­ginn des Studi­ums in eine Groß­stadt außer­halb Frankens gezogen, son­dern hier, in der Tal­sohle zwi­schen Frän­kischer Schweiz & Fich­telgebirge ge­blieben. Seit sei­nem Umzug nach der Hauptstadt & an die Ernst-Humboldt war die einzige Gele­genheit, sie wiederzusehen: wenn er mal wieder zu Be­such bei den El­tern weilte – was er entgegen aller Vernunft ziemlich oft tat. Er spürte also am eigenen Leib, warum die alten Dichter der Seele-Kör­per-Gespaltenheit so viele Lie­der gewidm­et hatten.
Er versäumte keine Einladung zu den Ehemaligen-Treffen, machte jedes­mal alles möglich, um von Berlin herunter zu kom­men. & wenn sie sich dann hier inmitten der Anderen begegneten, wie jetzt… hatte sie seine Blicke an ihr vorbei immer falsch gedeutet, seine Sprachlosig­keit nie­mals auf sich bezogen. Sein Werben war in stil­ler Distanz ver­blieben. Er hatte einfach nie etwas mit ihr anfangen können...

Be­vor ich vergesse, das zu meinem gestrigen Ge­burtstag aufzu­schreiben – ja, Arni, ich muß es hier klar artiku­lieren, Roland A. Iobst (das A. steht für Ansgar, was ich gern unterschlag­e), erklär­ter Satanist & großer Gnostiker, läßt sich sonst nicht ganz verste­hen: dieses Datum hatte nicht nur mein Verhält­nis zu dem Land ge­prägt, dem ich soeben nach Süd­frankreich entron­nen bin, son­dern war auch der tiefere Grund für Bil­dung & Be­ruf. Es hat mich für überschriebe­ne Zeitschich­ten sen­sibel ge­macht, die man hin­ter dem Heute entdecken kann wie auf einem Palimps­est.
Wenn man am ersten Mai geboren ist, lernt man schnell mit trauriger Komik zu leben. Das wich­tigste Ereig­nis des Jahres, die feierli­che Be­gehung der eigenen Einzig­artigkeit, an der man übli­cherweise als einzi­ger das Recht erhält
– sich stundenlang alte Buck-Rogers-, Flash-Gordon- & Raumpatrouille Orion-Fol­gen auf Video anzu­sehen, als Raum­schiffe noch an Ny­lonfäden hin­gen & von Wun­derkerzen an­getrieben wurden;
– stundenlang die alten Sierra- & Lucas-Arts-Adventu­res zu spie­len, unter­brochen nur von ein paar Freuden­stab-Rüttelor­gien in den Summer- & Winter-Games: al­les via Datasette auf dem seit Kin­dertagen gehüteten Commodore Vier&sechzig;
– einen Spaziergang zu den Spiel­plätzen zu un­ternehmen, wo man das erste Weitpin­keln ver­anstaltet oder sich die erste Ge­hirnerschütterung ein­gefangen hatte, um den Kindern dort stun­denlang die Kletter­burg streitig zu ma­chen;
dies verliert am Tag der Arbeit seine anarchische Exklusivität.
Man muß dieses Quantum öffentlich legitimierter Faul­heit je­doch nicht nur mit allen anderen Mitbür­gern tei­len, son­dern in Zwangsehe mit ei­nem Anachronismus:
Die Mehrheit der Arbei­terklasse genießt heute doch die Vorzü­ge von Arbeits­zeitkonten, Gleit­zeit & Ab­bau von zwei Milliar­den Über­stunden im Jahr – wer Arbeit hat, macht sich davon frei –, wäh­rend die Netz-Pioniere meiner Generation als freie Mit­arbeiter, Auf­tragsinformatiker oder selbstän­dige Webdesig­ner die Tren­nung von Arbeit & Privat­leben längst auf­gegeben & ein neu­es Zeitalter der Erwerbstätigk­eit ein­geläutet haben, in dem ausgefeilte Spei­chertechniken den Men­schen endgültig seines kol­lektiven Ge­dächtnisses berau­ben wer­den:
Man wird den schma­len Grad zwischen Gestern & Mor­gen stetig ver­breitern, car­pe diem rund um die Uhr. Die Erinnerungsar­beit wird ausgela­gert zugunsten eines taglaunischen Lebens ohne Ur­sprung & Hori­zont – der Tag der Arbeit also nur noch als Eti­kett für eine be­stimmte Dosis In­stant-Frei­zeit aus dem staatli­chen Ser­vicepaket herhalten. Histo­risch gewachsene Tatsachen, wie die Ur­sprünge dieses Feier­tages, werden keine Rolle mehr spielen.

Silvester Zweitausend/Zweitausendeins: Diesmal jedoch, seit ihrer Be­gegnung vor dem Fenster, war etwas anders: seine vorsichtigen Blicke trafen auf jemand­en, der sie her­ausforderte.
Die debattierenden Gäste befanden sich in einem schnelleren Raum-Zeit-Kontinuum als Carola & er: Während jene ein neues Zeitalter des Spiels mit dem Authentischen heraufdämmern sahen, weil nämlich am Vortag, nach hun­dertsechs Tagen Le­ben im Kamera-Contai­ner, diese schamlose drei&zwanzigjährige Ju­rastudentin das Finale der zweiten Big-Brother-Staffel gewonnen hatte (woran knapp ein Zehntel der Bundesbürger Anteil ge­nommen & da­mit dem Pro­duzenten ein paar Tränen in die Augen ge­trieben hatten), schien sie ebensow­enig bei der Sache zu sein wie Roland. Eindeutig suchte sie immer wie­der seinen Blick aus den Men­schentrauben heraus.
Was konnte ge­schehen sein? Es wußte doch niemand von sei­ner Lei­denschaft außer dem Gastgeber, seit Kin­destagen sein eng­ster Ken­ner; wußte noch jemand, wie oft Roland vergeblich versucht hatte, an Carol­a heranzukommen: wenn sie zum Beispiel in den Semes­terferien für die Festspiele arbeitete – als Verkäuferin von Schwarz­marktkarten oder als Be­treuerin der Besu­cher, denen im histor­ischen Zuschauer­raum we­gen der fehlenden Kli­matisierung schlecht ge­worden war?
Kein Zwei­fel: Carola wollte ihn auf ein Ansinnen hin­weisen, das dem seinen ähnlich zu sein schien. So wie sie sich immer an der eng­sten Stelle zwischen ihm & den an­deren Gästen hindurch­zwängte, dabei ihr grandioser, von einem Angorapulli verhüllter Ober­körper seine Arme entlang streifend, knisternd vor Rei­bungselektrizität…
Er hätte also vielleicht darauf verzichten können, sich Ent­schlußkraft anzu­trinken. Er war aber eben trotz seines Alters noch nie von einer beansprucht worden. Auch half der Schleier des Kirschlikörs, die in ei­ner Gehirnwin­dung schrillen­de Alarm­sirene zu überde­cken, die ihn hartnäckig an das er­innern wollte, was die anderen stets von ihr be­haupteten. Sein & Er­scheinen lägen nicht immer direkt bei­sammen...
Aber er kannte sie besser. Er hatte etwas gesehen, was keiner gese­hen hatte, ihr wahres Wesen damals am See – & er hatte den Plan, in sechs Jahren gereift: ihr ei­n Gedicht zuzustecken. Es war zwar nur aus einer Laune heraus entstanden, wäh­rend eines langweiligen Frühge­schichte-Se­minars, auf dem neuen elektronischen Notizbuch – aber Ro­land dachte pragma­tisch, daß es passend wäre, ihr sein Di­lemma zu veran­schaulichen, ohne daß er dafür in prekäre Details ge­hen müß­te:

FUßNOTEN ZUM PLAN DER BESCHREIBUNG DES TROJA­NISCHEN KRIEGES

Von Helena & Paris will ich künden
Deren lasterhafte Sünden
Beschworen den Krieg von Troja

Von Agamemnon & Odysseus
Die als Streiter des Zeus
Trugen den Krieg gen Troja

Von Kassandra & Andromache
Den Frauen die mit ach! & weh!
Warnten vorm Krieg in Troja

Von Priamos & Hekuba
Die als töricht Königspaar
Einließen den Krieg nach Troja

Von Hektor & Achill
Die um der Götter Will
Fochten im Krieg um Troja

Von einer List will ich singen
Die nach blutigem Ringen
Entschied den Krieg von Troja

Aber mit welchen Worten beginnen?

Er kam nicht dazu, die Überzeugungskraft seiner Metapho­rik auf die Probe zu stellen, denn... Hui, wie das tanzt & sich dreht... Zack!

Kurz war er weggedriftet & unsanft auf dem Boden gelandet, aber er hatte sich wundersam wieder aufgerappelt & hinter das Zielob­jekt ge­hängt, plötz­lich sehr Taten-tollkühn: gerade woll­te er ihr den gefaltet­en Computer­ausdruck in die lin­ke Gesäßta­sche schie­ben – sie bog sich ei­ner Freun­din entgegen, um sie unter dem Lärm bes­ser hören zu kön­nen; ihr herrli­ches Rückgrat, vom Angora­pulli befreit, drückte sich leicht durch das lilafarbene Top –, da dreh­te sie ihm ihr Champagner-Lächeln zu & hauchte etwas, das von der Mu­sik ver­schluckt wurde, aber wie ein tief-fränkisches, herzliches –End­lichasdsgschnalld! aussah.
Sie hatte ihn angesprochen! Ob sie nur auf den ersten Moment ge­wartet hatte, in dem er aus der Deckung kam?
Kein Vergleich könnte den Schre­cken & die Emphase beschreiben, der ihn in jenem Mo­ment gleichzeitig durchfuh­ren. Die Knie begannen sich selbständig zu machen, er spürte ihn etwas am Arm pa­cken & hin­ter sich herzieh­en, hörte helles La­chen, seine Schritte auf dem Pflaster – & fand sich mit ihr einige Häu­serblocks wei­ter in einer Küche wieder; die anderthalb Liter Mut drückten all­mählich auf die Blase.

Entschuldigung, vorhin wurde ich etwas zu leidenschaftlich in meiner Wortwahl. Du weißt warum, Arni: Die zwölf Semester Stu­dium der Ge­schichte, Germa­nistik & Philo­sophie haben uns einen Jargon eingeimpft, mit dem wir glaubten jenseits der lingua fran­ca gegen den Ver­fall des deut­schen Wortschatzes an­kämpfen zu können – nicht als anglopho­be Reak­tionäre, son­dern aus Liebe zu den mikrosko­pischen Fä­higkeiten unserer Sprache.
Jetzt aber scheinen mir diese Wörter ih­ren Gegen­stand nicht mehr zu treffen. Die Zeit ist schneller als die Wörter.
Ich habe kein Übung im Idiom der gegenwärtigen Palaver-Diar­rhöe, der Prosa der Pauscha­lisierer & Pizza­lieferanten, die im Netz neuerdings gepflegt wird. Kein Wunder, wirst du jetzt sagen, du beugst dich ja lieber über Truppenaufstell­ungen aus dem dreißig­jährigen Krieg, Ein­kaufslisten Pari­ser Mägde wäh­rend der Schwei­nepest oder Pamphlete aus dem fünfzehnten Jahrhundert (die statt der vier Körpersäf­te Blut, Phleg­ma, Gel­ber & Schwar­zer Gal­le die Drei­heit von Was­ser, Blut & Sperma preisen – Beweis der göttlic­hen Ab­stammung des Men­schen, weil die Zahl Drei dem Schöpfer kosmologisch näher stehe, als die auf den Element­en beruhende, also irdisch zu interpretierende Vier...).
Stimmt Arni. Ich habe immer geglaubt, die Langsamkeit der Wör­ter sei et­was Gutes.
Stil ist der Mensch selbst, würdest du antworten. Du kannst nicht aus deiner Sprache, also warum versuchst du das Unmögli­che? Du würdest ja so­wieso gleich wieder aufhören damit.
Immer ist der Dämon der Beendigung am Werk... Gera­de jetzt probiert er es aufs Neue. Selbst Flucht vor ihm ist Teil seiner Strate­gie. Ich habe eine echte Behin­derung – man halte mir die gekennzeichneten Parkplätze frei!
Ich kann den Mahr, der schon wieder zum Sprung auf meinen Bauch ansetzt, nur abschütteln, indem ich die Tastat­ur wei­ter be­hämmere, dem Computer alles anver­traue, was der Gang der Ge­danken mir eingibt, den Regeln eines noch zu formu­lierenden postsur­realistischen Dog­mas automati­schen Schreibens ge­mäß: weiter die Straße entlang, sich nicht aufhal­ten las­sen, hö­her schalten, den Blick immer nach vorne, nur nicht an Hindernis­se, falsche Abzweigungen, plötzlich kreuzende Passanten denken…

Silvester Zweitausend/Zweitausendeins: Sie bemerkte den Blick, mit dem er sich umschaute, um her­auszufinden, wo er war, wie & warum gerade hier, sie hatte ihn doch nicht etwa zu sich mit nach Hause ge­nommen, um ihm erneut zu demonstrieren, daß sie die Toch­ter eines Vor­standsvorsitzenden war?
Bevor er noch selbst darauf kam, an was ihn der Anblick des Gas­herds & des WMF-In­strumentariums erinnerte, kam die Fra­ge aus ei­nem Neben­zimmer, in das sie soeben gehüpft war:
–Ob er Biolek gucke (die Kü­che sei der Sendung nachemp­funden) & ob er den Witz kenne, wie Cunni­lingus bei den Grünen ge­nannt werde.
Er ver­neinte zweimal, was von einem wenig damen­haften Ki­chern quittiert wurde, machte einen Aus­fallschritt, um nicht ta­tenlos herum­zustehen – & lief ihr ge­radewegs in die Arme.
Sie war aus der Abendgarderobe ge­schlüpft, nackt bis auf einen teu­ren Seidenslip – sogar um die Brustwarzen wa­ren ein paar Sommer­sprossen auf kleine Satelliten­umlaufbahnen ver­streut –, hielt mit der einen Hand eine Cham­pagnerflasche & fuhr ihm mit der anderen über die Haare lang­sam ab­wärts bis zur verbotenen Zone, ihr Blick verriet ein dringendes Anliegen... Mitter­nacht stand kurz bevor, sechs&fünfzig Prozent der Bundes­bürger erwarteten opti­mistisch das neue Jahr, nach­dem die deutsche Wirtschaft zuletzt mit dreikommaeins Prozent den größten Anstieg seit der Wiedervereini­gung verzeichnet hatte.
Während er in Bestürzung über ihre Berüh­rung ein Mahn­mal an den zweiten Weltkrieg zu imi­tieren schien (& noch immer mit seinem Bla­senproblem kämpfte), köpfte sie den Champa­gner, ließ sich seine hell­gelben Per­len den Hals her­ab rinnen, während der Eß­tisch genügend Platz bot, sich so zu rä­keln, wie sie es den Blondinen aus den Spätfil­men im Kabel­fernsehen ab­geschaut hatte.
Schließlich forderte sie ihn zum Koitus auf: indem sie ihm mit ei­nem Bein den Slip ins Gesicht schleu­derte & mit Siegeszeichenhalt­ung ihres Un­terleibs (V – Die Außerirdischen Besucher kommen, erinnerst du dich, Arni?) das Lachs­fleisch zwischen den Schenkeln ent­blößte.
–Schnell schnell, drängte sie, –Um null Uhr wolle sie zum Höhe­punkt kom­men. We­nigstens das. Wenn sie schon den eigentli­chen & wah­ren Jahrtausend­wechsel in die­sem Kaff, dieser ganzen Scheiße hier ver­bringen müsse. Er sei doch schon lange spitz, sie habe sich bei Oli­ver nach ihm erkundigt... Damals am See, das sei doch er gewesen, nicht war? Ja, sie habe ihn durchaus bemerkt, aber erst, als er davonzu­schleichen ver­sucht hatte – hier wäre jetzt seine Chance…
Wie um die merkwürdige Verzweiflung ihres Wunsches noch zu un­terstreichen, tippte sie mit einer flin­ken Handbewe­gung auf eine nahe­liegende Fernbe­dienung. Ir­gendwo sprang eine Stereoan­lage an & spiel­te Wer bist du, kühner Knabe aus Wag­ners Nibelun­genzyklus.
Die­sem Weib war er nicht gewachsen. Man verlangte eine Entschei­dung von ihm. Er hatte getrunken, das verwässert oben den Kopf & will unten wieder heraus. Der Pennäler hing also beharrlich herab, ein lebloser Blut­egel, da ließ sich nichts ma­chen. Ein schamhaft zusammen­gepreßter Mund war alles, wo­mit er ihr ent­gegenkommen konnte.
Da war noch dieser Ausdruck auf ihrem Ge­sicht, der die ganze Skala von Säuerlichkeit über Enttäu­schung bis zur Verachtung durchlief – & die Tatsache, daß sie ihm hektisch die Hose aufknöpfte, alle Tricks anwendete, die sie in der Bravo gelernt & über die Jahre des in-die-Dreißiger-Kommens an zahlreichen Test­personen perfektio­niert hatte...
Er ließ es mit sich geschehen, al­le Kraft ausgelaufen, flüssige Butter. Zwecklos – an Roland zerschellte ihre sexuelle Meisterschaft wie die Titanic am Eisberg.
Aufhören! dachte er. Warum hört es nicht auf?

Hierher nach Narbonne bin ich also ge­flüchtet: zu meiner größten Obses­sion, den Katharern, den gnos­tischen Ketzern – dir, Arni, muß ich dazu ja nichts sagen...
Geburtstagsgratulationen erwar­te ich sowieso keine. Am ersten Mai läßt man mich in Ruhe, weil ich seit Jah­ren an ei­nem falschen Datum, am ersten August feiere – da hab ich meine Ruhe, weil sich alle die Bäuche an einem Mittelmeer-Strand braten las­sen...
Endlich auch einmal etwas anderes sehen, nicht wahr Arni, als die olle Plattenbauwoh­nung: ein ZKB, zwei&fünfzig qm, zentrale Lage am Rande von Ber­lin-Mitte (naja eigentlich Friedrichshain) – nahe Karl-Marx-Al­lee & Alexander­platz, sechster Stock, Balkon, Fünf­hundertsieben&neun­zig DM warm... Einer dieser al­ten DDR-Käs­ten, in denen die westdeut­schen Ge­nerationen Golf & Guido, aber auch die ost­deutsche Künstleravantgar­de die Kontrolle über­nommen haben, um mit dem Schick des Kargen zu ko­kettierten…
Auf dem An­rufbeantworter dort kann man jetzt er­fahren, daß ich mir ein paar Tage Urlaub (den ersten!) von Marx gön­ne – im Dienste des ersten Auftrags meiner Ich-Agen­tur Past&PR – Ar­chivmanagement, Geschichts-Marketing, Eventrecherche [Name ge­ändert]. Ja Arni, ich habe es wahr gemacht & bin jetzt mein eige­ner Herr...

Neujahr Zweitausendeins: Er­wachen im alten Kinderzim­mer bei den Eltern. Bilder tanzen auf öligem Wasser. Auf der Zunge Geschmack von Ameisenkot. Im Spiegel das Bildnis des Dorian Gray. Gän­sehaut. Blaugelbe Muster auf die Lenden gestickt. War er doch noch standhaft ge­worden, hatte den Sieg nach Hause getragen?
Schnappschüsse: Carolas Rasen & Wü­ten, Carola beschimpft ihren Vater (wieso?), Ca­rola greift sich eine seiner Biolek-Pfeffermühlen als erektiven Ersatz – & gibt endgültig auf. Roland schleicht stumm auf die Toilette & wird endlich den Wein los, geräuschvolle drei Minuten. An­ruf bei Freundinn­en. Tränen & Gelächter. Blick zu ihm, der mit ausge­rissenen Fäden vor dem Klo zusam­mengeklappten Marionette. Stum­mes Geleit zur Haus­tür.
Er hatte Carolas Kavalier sein wollen & war nun ihr Narr gewor­den. Er hatte ihr eine Ballade geschrieben, sie aber wollte nur auf seiner Flöte spielen. Er hatte ihr Feen-Bild in seinen Louvre gehängt & sie hatte sich als Walküre ent­puppt.
Wie es seine Natur war, hatte das Erlebnis ungefähr die Wir­kung ei­ner Zahnwurzelbe­handlung: Er hörte sofort auf, für Ca­rola zu schwär­men, ihre Nähe suchen zu wollen, ja Frauen überhaupt als den platoni­schen Heu­haufen zu betrachten, in dem man das Nadel­öhr suchte, das als einziges mit dem eigenen Faden etwas an­fangen konnte.
Apropos Anfangen. Etwas an­fangen war meistens problemat­isch, aber et­was mit Frau­en anfan­gen war un­möglich.
Gleich nach dem Aufwachen, da & dort zwackte es noch im Gehirn, pfiff es noch im Ohr, schwankte es noch beim Gehen, beschloß er den guten Vor­satz, daß das Ereignis, um weitreichen­de Folgen auf sein Ge­müt zu minimie­ren, am besten in der schriftli­chen Nie­derlegung zu be­wältigen sei – wobei man auch gleich seine zukünfti­gen Erlebnisse tage­buchmäßig festhalten könnte.
Es blieb, soviel ist schon be­kannt, bei der Planung des Vorhabens.
Nun aber war es vier Monate spä­ter, der erste Ta­g sei­nes vier&dreißigs­ten Le­bensjahrs: er hatte sich in die Nachmitternachts-Stille einschließen lassen & saß auf ei­nem der einhundert­ein&dreißig handgeschnitzten Chorgestühl-Plätze der Ca­thédrale St-Just-et-St-Pas­teur von Nar­bonne, der altrömischen Stadt im Her­zen des Ka­tharer-Lan­des... Ja, er saß wirklich hier – & hatte, den Blick auf die Kopie von Raffaels Verklärung Christi gerich­tet, das Gesicht blau bestrahlt von den Flüssig­kristallen seines Notizbuch-Bild­schirms, doch noch mit seiner Chronik begonn­en.

927