Jeder andere wäre unter irgendeinem Vorwand abgereist, um im einsamen Exil Tröstung zu suchen. Roland (also ich) zog es vor, bei den Eltern zu überwintern. Eigentlich war es komplizierter: Er konnte sich nicht zwischen Bleiben & Verschwinden entscheiden. Also blieb er.
Oliver Gebhard [Name geändert], der wie er aus Niederschißritz stammte & mit ihm das Graf-Münster-Gymnasium besucht hatte – wo ihn alle Hardi gerufen hatten –, wollte wissen, was vorgefallen sei.
Roland erzählte es ihm & Oliver (zu klug, um die falschen richtigen Worte zu sagen oder aus einem anderen Grund?) nickte nur & klopfte ihm auf die Schultern. –Er müsse sich leider auch schon wieder verabschieden. Sähe so aus, als ob das House Of Lords in zwei Wochen das Therapeutische Klonen erlaube. Das könne hierzulande einige Diskussionen auslösen. Man dürfe da nicht die Kontrolle über die öffentliche Meinung verlieren. Deshalb habe man ihn zurückgepfiffen. Sie würden ihr Gespräch später in der Hauptstadt vertiefen.
& schon war er wieder weg: Oliver, der gute Oliver, der noch in der neunten Klasse der größte Geschichts-Legastheniker & Nachrichten-Nichtgucker gewesen war, den er kannte, ausgerechnet er hatte nach dem Abitur ein Stipendium für London erhalten & dort überaus erfolgreich Politikwissenschaften studiert, war nun als Großbritannien-Experte im Deutschen Außenministerium tätig & zudem Erbe des urgroßmütterlichen Hofs, Ort der rituellen Silvester-Feierlichkeiten. Oliver, sein bester Freund, er hatte Roland an Carola verraten...
Wettervorhersage: Abendnebel & von Westen kommende Cirrustrati deuteten einen Temperaturanstieg an – & wirklich war der Silvester-Schnee bald wieder angetaut & hatte tropfende Zweige & braunen Matsch hinterlassen. Richtige Winter gab es nicht mehr, also sah Roland dem Frühling entgegen. Wenigstens bis zum Bayreuther Fasching wollte er bleiben. Sollte keiner sagen, er besäße keinen Humor...
Während aus den umliegenden Höfen die ersten BSE-verseuchten Rinder zur Notschlachtung abtransportiert wurden & auf den Straßen ein paar Bauern protestieren gingen, verbrachte er die Tage damit, an die Decke zu starren & dabei zuzusehen, wie vereinzelte Staubflusen kleinen Spiralnebeln, Milchstraßen & Galaxien gleich funkelnd in den Strahlen der Korblampe auf sein Gesicht herabschwebten & durch seinen pneumatischen Atem wieder in die Höhe katapultiert wurden.
(»Dringlichste Frage aber, / Ich bring zuletzt sie vor, ist – O Du Wunder – / Bist du ein Mädchen oder nicht? / Kein Wunder, Herr, / Doch sicherlich ein Mädchen.«)
Erhabenheit lag in der Verhinderung, daß sich etwas so Kleines & Allgegenwärtiges auf seiner Haut niederlassen konnte, & bog sein Rückgrat durch.
Gelegentlich gelang es, daß ein Staubteilchen bis an die Decke des Zimmers geschleudert wurde & dort haften blieb. Die Regel aber bildete das Beschreiben einer Sinuskurve, die aus dem Einflußbereich der Windkräfte hinausführte & in chaotischen Trudel überging, mit dem der Fall Richtung Erde eingeschlagen wurde. Wenigstens die Physik war verläßlich. Statistisch gesehen.
Auf dem Fensterbrett in der Küche entdeckte er eine Fliege, die rücklings im Sterben lag. Alle paar Minuten ruderte sie mit den Flügeln & wanderte dadurch ein wenig das Brett entlang, als sei es ein Morsecode, mit dem sie immer wieder um Euthanasie bat.
–Hallo, sagte er zu der Fliege, –Wie er denn heiße: Johnny got his gun? Ob Johnny Beistand benötige in seinem letzten Kampf heute Nacht? Was er wohl glaube, wie viele Zentimeter er sich mit seinen Zuckungen bis zum finalen Seufzer noch erarbeiten könne?
Die Fliege erwiderte nichts.
–Sei es schon soweit – nichteinmal Zuckungen mehr? Dann aber heraus mit der Beichte, bevor das Fliegenfegefeuer herannahe…
Roland beugte sich herab & hielt sein Ohr so nahe, daß es ganz dunkel um die Fliege herum wurde.
–Er habe ja allerhand auf dem Kerbholz, spielte Oliver Erstaunen.
Versteh das nicht falsch, Arni – Roland wollte nicht etwa häßliche Neigungen ausleben, indem er dem Tier eine rasche Beendigung seiner Qualen verwehrte. Es war auch nicht so, daß er keiner Fliege etwas zu leide hätte tun können – er fand sich nur nicht befugt, dem armen Ding sein ohnehin kleines Leben noch mehr zu verkürzen: weil ihn von dem Insekt nur die dreifache Zahl Erbeinheiten trennte, ein paar hundert mehr als von der Maus, der schmale Grat zwischen Kafka & Käfer…
Stattdessen half er Johnny auf & stellte ihn auf seine dünnen Beinchen. Der humpelte noch ein kurzes Stück, bis ihn sein Fliegengewicht wieder zu Boden warf, nicht ohne dabei wieder auf dem Rücken zu landen. Ein Fallhinfliegchen. Um Vier Uhr Drei&zwanzig Mitteleuropäischer Zeit konstatierte er den Gehirntod & vollzog, Johnnys letzten Willen gemäß, die Wasserbestattung in der Toilette.
Während er weiter versuchte, an etwas Bestimmtes nicht zu denken, kam er auf den Gedanken, mit seinem Namen anagrammatische Spiele zu treiben, Neologismen & Assoziationen daraus zu zaubern.
[Da auch der Name Roland Iobst von mir gefälscht wurde, kann der folgende Abschnitt nur sinngemäß wiedergegeben werden:]
Obst, Ob, St! Oder bei Obi, TS-Boi (Telefon-Sex?), BS-Toi (bizarrer Sex?), Ronald, Donald, Nothalt, Land, And, Or, Not, L.A. Nord, Ola(la)! Ro(h), Rand, Rost, Bar, Dorn, Last, Rast, Star, Band, Roi, Sol, Narb, Landobst, Obstler, Roland's Iob DT (Deutsches Theater?), Roland's TB Iod (Tuberkulose?)...
Eine Auswahl weiterer Gedankenspiele: Was sich wohl leichter lese, das mit frischer Druckerschwärze parfümierte Buch oder das mit der Blume von Antiquariatmoder? Ob jeder, der im Zug neben einem Polizisten saß, sein Leben nach unentdeckten Verbrechen durchkämmte? Wie sich die heute Dreißigjährigen wohl ohne Was-Ist-Was, Yps & Peter Mossleitners Interessantes Magazin entwickelt hätten? Ob diejenigen, die zur Zeit der Tschernobyl-Wolke – das elterliche Außer-Haus-Spielverbot mißachtend – weiterhin & wegen der Sommerhitze in nichts außer kurzen Hosen auf der Straße gespielt & sich mit durch die Röhrchen gequetschter Sunkist-Limonade gegenseitig naßgespritzt hatten, Folgeschäden davongetragen hätten – wie er selbst?
Seine Eltern hatten Neunzehnhundertsechs&achtzig erst die Gemüsebeete & den Komposthaufen, dann gleich den ganzen Vorgarten einen viertel Meter hoch abgetragen. Die herbstlichen Fichtelgebirgsausflüge zum Kiefernzapfen- & Pilzesammeln wichen der täglichen Geigerzählerkontrolle der Wohnungseinrichtung. Das Gerät, eine Kreuzung zwischen einem Erbstück aus dem letzten Krieg & dem verworfenen Entwurf eines Raumschiff-Enterprise-Kommunikators, wurde zum heiligen Götzen der letzten Tage. Der Vater hatte es auf dem Flohmarkt erstanden, wo sich allerhand Tand ähnlichen Designs zu tummeln pflegte.
Selten war so eine Aufregung im Hause Iobst. Der plötzliche Aktionismus seiner Eltern war Roland willkommene Bereicherung des Niederschißritzer Alltags, auch wenn er dafür die Unter-Quarantäne-Stellung zahlreicher Jugendfreuden auf sich nehmen mußte. Er opferte die Schimmelpilzsammlung (Hauptsache seine aus den Beständen der beiden Antiquariate neben der Stadtkirche & dem Alten Schloß zusammengemopste Büchersammlung blieb unangetastet), ließ sich auf Drängen der Mutter vom Urologen die fortbestehende Zeugungsfähigkeit versichern & durfte nur ausgehen, wenn es sich nicht vermeiden ließ.
(»Sie sind Zentauren von der Hüfte abwärts, / Wenn auch noch weiblich oberhalb. / Nur bis zum Gürtel wohnen mehr die Götter. / Darunter herrscht der Teufel: Hölle, Dunkelheit, / Dort ist der Schwefelpfuhl, Verbrühn, Vebrennen, / Gestank, Verwesung! Pfui, pfui, pfui! Bah! Bah!«)
Er war fast volljährig, hielt sich also keineswegs daran.
Er hätte sich gewünscht, daß alles noch ein bißchen mehr aus der Bahn geriet, daß es zu Hause so aussehen würde, wie am Schluß von E.T., alles mit Plastik verhängt & voller Männer mit Atemmasken & in weißen Schutzanzügen. Aber nach einigen Monaten glaubten die Eltern, alles in ihrer Macht Stehende getan zu haben. Die Dinge gingen wieder den gewohnten Gang.
[Die Zitate in Klammern stammen von Shakespeare (Lear, Tempest, gleich folgt der Hamlet)…]
Der Vater lag im Krankenhaus. Prostatakrebs. Vielleicht war er deshalb geblieben. Die Mutter überließ Ihn seinen Abschweifungen & wich ihrem Mann nur von der Seite, wenn die Stationsschwester den aufsehenden Arzt zur Hilfe rief.
Erwin & Elke Iobst [Namen geändert] hatten nicht nur außergewöhnlich gewöhnliche Vornamen. Sie waren außergewöhnlich langsam in ihren Handlungen (vorsichtig & überlegt, würde die Mutter sagen) & außergewöhnlich einfach in ihren Interessen (mit sich selbst zufrieden, würde der Vater sagen). Eine vom Aussterben bedrohte Rasse, aber gerade wegen dieser Eigenschaften nicht so schnell & so leicht klein zu kriegen. Stammwähler in Telesocken, mit denen er gut auskam, denn sie ließen ihn bei fast allem gewähren. Die Ausnahme der physikalischen Regel waren sie, voneinander angezogen nicht wegen ihrer Gegensätze, sondern wegen einer Eigenschaft, die durch den Aufeinanderprall des Identischen sich dem Sohn gleich doppelt vererbt hatte: Sie waren bereits über vierzig, als sich ihr Zeugungsverhalten, alle Risiken ignorierend, endlich doch noch dazu durchringen konnte, für Nachwuchs zu sorgen.
Als Revanche für die Verzögerung seines Auftritts auf der Bühne der Welt raubte ihnen der neue Zeitgeist die Autorität. Mit der digitalen Revolution der Achtziger konnten sie nicht mehr mithalten.
Es gab also auch keine Vorwürfe, daß er nur gelegentlich den Vater besuchen kam, mit dem es offensichtlich zu Ende ging. Nicht weil er ihm nicht beistehen wollte, sondern weil er fürchtete, sich von seinem Siechtum endgültig aus dem Konzept bringen zu lassen. Jede Wahl führte irgendwann ins Grab, also gab es keine. Wozu sich dann überhaupt entscheiden, nicht gleich alles beenden?
(Yea, von der Erinnerung Tafel werd ich / All die trivialen, dummen Zeichen löschen, / Alles an Bücherwissen, Formen, Bildern, / Die Jugend & Beobachtung dort eintrug. / & einzig deine Instruktion soll herrschen / Innerhalb von Buch & Einband meines Hirns, / Mit Niedrigerem unvermischt. Ja, Ja, beim Himmel. / O du verderblich Weib!)
Arni, du hast doch auch schon einmal an Selbstmord gedacht, die Überlegung wird ja wohl noch erlaubt sein, neunhundert dauerhafte Diskussionsteilnehmer auf www.werthersfreitodforum.de sehen das ähnlich – gebt Gedankenfreiheit!
Roland war gewiß der letzte, der auch zur Tat, der schwersten Entscheidung überhaupt, fähig wäre.
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