jan-apr.doc (5)

So ging es nicht weiter, tagtäglich. Irgend etwas mußte getan werden. Sich antizyklisch verhalten, antithetisch sein! Da waren doch noch Ro­lands Antithesen zu Adornos Thesen gegen den Okkultismus, die ihr­en Antrieb einem ita­lienischen Profes­sor verdankten, dessen Romane bei ihm & seinen Kommilito­nen außer­ordentlich beliebt waren. Während eines trägen Phi­losophie-Se­minars hatte er sich mit dem Verfassen die­ses Es­says abgelenkt, der mit der Be­hauptung schloß, daß

Adorno sich selbst in den Diskurs der Okkultisten [be­gibt], den er mit seinem Aufsatz zu kri­tisieren versucht. Indem er nicht sagt, was er meint, um der rationalen Dialektik zu ent­gehen, liefert er sich der okkultisti­schen Deutung aus, die nach ver­steckten Botschaften sucht. Die Ähnlichkeiten, die Adorno zwi­schen den Strukturen des Okkultismus & den Strategien der Warenwelt ent­deckt, verführen ihn zu dem Urteil, bei­de würden sich aus derselben Quelle näh­ren. Dabei ver­fällt er selbst je­nem ver­simplifizierenden Ana­logieprinzip, das die Okkulti­sten anwen­den, um ihre künstlichen Kau­salnetze zu weben.
Adornos dunkler Stil fällt der philosophischen Tra­dition anheim, die um ein mysteriöses Unsagbares kreist, & in­tensiviert nicht die selbst propagierte Ge­nauigkeit der Analyse des Alltäglichen in der Beleuch­tung von Mi­krostrukturen, son­dern erhöht nur die Ver­rätselung der Mythen des Alltags. Er setzt nicht den her­meneutischen Zirkel des Er­kennens in Gang, son­dern die un­endliche In­terpretation abdriftender Be­deutungen. Das Schrei­ben in Widersprüchen ist am Be­sten geeig­net, die Differenz des Daseins in ein Pseudo-Kohären­tes zu überführen.
Kein Satz ist totalitärer, fordert weniger als die global­e Unter­werfung unter sein Verdikt, als die Be­hauptung, daß das »Gan­ze das Unwahre« sei. Ador­nos neun Thesen zum Okkultis­mus er­geben, diesem Postu­lat fol­gend, kei­nen Diskurs ohne Selbst­widerspruch, der in Verbindung mit einem Jargon, der um so dog­matischer wirkt, je mehr er verschleiert, ei­nen schalen Nachge­schmack er­zeugt. Selbst die vorsichtigste In­terpretation kann nicht aus dem hermetischen Bannkreis der Ador­noschen Prosa ent­kommen, ist zum Raunen verdammt, das Geheimnis, das der Text um sich selbst macht, nur vergrößernd.
Entweder begibt Adorno sich unwissentlich in die Gefahr, von den falschen Leuten mißverstanden zu werden, oder er bedient sich bewußt der okkultisti­schen Tarnung durch pseudowissen­schaftliche Selbst­angriffe.

Ein schönes Beispiel Germanistendeutsch. Seine Studienzeit lag nun schon eine Weile zurück; vieles, was er in dieser Zeit angestellt hatte, lag unter einem Berg muffiger Alltags-Lumpen. Dieses kleine Gedan­kenspiel aber hatte sich in ihm fest­gesetzt & zu wuchern be­gonnen wie ein Geschwür. Sein Augenmerk, vom Selbstwider­spruch der Thesen auf den Weg gebracht, galt jetzt dem ge­samten Werk, in welchem die Thesen nur einen Ab­schnitt abga­ben, Adornos Minima Moralia.

PROJEKT: SPUR DES DOPPELT & DREIFACH (I)

Komposition der Minima Moralia sicher zahlenmystisch zu deu­ten: drei Tei­le umschließen hundertdrei&fünfzig Kapi­tel. Diese Zahl läßt sich nur durch drei Faktoren – Eins, Drei & Sieb­zehn – teilen, die Quersumme ergibt Neun, also dreimal Drei. Aus­gabe endet auf Seite Dreihundert­vier&dreißig. Fehler des Ver­lags? Allerdings: addiert man die Inhalts­angabe & zieht da­von die Marginalien (Titel & Impress­um) ab, läßt also nur den Haupt­text gelten, gelangt man zur Drei­hundertdrei&dreißig...

Thomas Mann übrigens, im kalifornischen Exil le­bend, wendet sich we­gen musikali­scher Fragen, die bei der Arbeit am Dr. Faustus aufgekommen waren, an Adorno. Ein Brief­wechsel zur Jahr­eswende Neunzehnhundertfünf&vierzig/sechs&­vierzig führt sogar zu persönli­cher Be­gegnung! Mann bestä­tigt, Ad­orno habe an den Kapi­teln über die beiden bedeutend­sten mu­sikalischen Kompositio­nen seiner Hauptfi­gur Adrian Lever­kühn, dem Dr. Fausti Weheklag & der Apokalypsis Cum Fi­guris, »konge­nial mitgear­beitet.« Er widmet ihm ein Exemplar mit der In­schrift: »Dem wirklichen geheimen Rat.«
Folgerung: Adorno also Geheim­bündler, sein Werk ein stegano­graphischer Steinbruch für den, der den Schlüs­sel besitzt…

Enthalten die Minima Moralia selber den Code zu ih­rer wahren Lesart? Unwahrscheinlich. Aber sie enthüllen dem aufmerksa­men Le­ser den möglichen Ort: die Apokalypsis Cum Fi­guris in Manns Roman. Titel Latein wie die Moralia, be­steht aus drei Wör­tern, worauf Kapite­leinteilung & Sei­tenzahlen der Minima hinwei­sen (dem Dreidrei­drei mangelt nur der Faktor Zwei, um zum Zei­chen des Tieres – Satan! – aus der Offenbarung Drei­zehn, Vers Sechzehn bis Achtzehn sowie der An­zahl der Sitze im Bun­destag zu gelan­gen), & er­gibt mit dem zweiwortigen Minima-Ti­tel die Zahl Fünf, oder auch, neben­einandergestellt: Drei&zwan­zig – die Königs­zahl al­ler Ver­schwörungen!

Die Tatsache verfluchend, daß er seine Faustus-Aus­gabe nicht zur Hand, sondern in Berlin zurückgelas­sen hat­te, das weitere Nachprüfen seiner Theorie also aufgescho­ben werden mußte, kam ihm sein Silves­ter-Vorsatz in den Sinn.

Sollte es endlich gelingen, es anzugehen, mußte die Umge­bung stim­men. Die Vorhänge zugezogen, Duftkerzen angezünd­et, Musik ange­stellt, Bach natürlich, so wie auch du, lieber Arni, ihn liebst, eine alte Ka­rajan-Aufnahme auf LP (wer, der Musik mag, hört schon CDs?), den Ar­beitsplatz mit einem Teller tro­ckener Weih­nachtskeksen-Reste neben dem elektronischen Notiz­buch ein­gerichtet, begann er zu arbeiten.

…& formu­lierte das dramatis personae eines Bühnen­stücks, in dem ein Theater­ensemble nach dem vermeintli­chen Tod sei­nes Intendanten – in Wahrheit die infame In­trige eines wegen schlechter Kritiken im Keller & hinter ei­ner Maske sich verber­genden Theater­dichters –, führerlos eine alternative Ge­schichte der Menschheit zu proben ver­sucht. Das Demokratie­prinzip wird eingeführt, scheitert aber an den Anforderun­gen des künst­lerischen Prozesses & an ei­nem unfreiwilligen Handlan­ger des Theaterdich­ters, der die Proben tödlich sa­botiert, um vom Spie­ler zum Spielleiter auf­steigen zu können (aber selbst im Strudel der Er­eignisse sein Leben lassen muß, als er er­kennt, wem er ge­dient hat). Am Ende stapeln sich die Särge auf der Bühne und der Mas­kierte sieht sich am Ziel: den Sieg über den Erz­feind, den ahnungslosen Intendanten. Der aber, den das Ensemble niemals zu Ge­sicht bekam, von sei­nen Sekretä­rinnen alarmiert, steigt aus seinem Büro he­rab auf die Bühne, ver­treibt den nun demaskier­ten Thea­terdichter & animiert die einzi­gen Überle­benden (ein Liebes­paar, das sich bar seiner Klei­dung im Zu­schauerraum ver­steckt hatte) ein neues Ensemblege­schlecht zu zeugen.

Personen
Der Intendant
Raphaela, Gabriela, Michaela, seine sexy Sekretärinnen
Der Maskierte, verstoßener Theaterdichter
Spielleiterstephan
Dramaturgdieter
Alter Harry, Regieassistent & Inspizient
Paul, Schauspieler
Lene, Pauls Geliebte, Schauspielerin
Mara, Pauls Mutter, Souffleuse
Arnold, Schauspieler
Bertold, Arnolds Bruder, Schauspieler
Evchen, Arnolds Geliebte, Bühnenputze
Gerring, Kostümier
Gebbels, Beleuchter
Gemmler, Requisiteur
Ein Kritischer Zuschauer
Gefangenenchor

Raumzeit
Eine Bühne. Ein Tag.

Er verbrachte noch einige Zeit mit der Niederschrift ver­streuter Passa­gen, um sich in Dialogen zu üben. So verging der Ja­nuar. Der Plan blieb Plan, die Zeit war vertan, der Vater lebte noch – Roland reiste ab.

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