Carola hatte gleich mit achtzehn den Führerschein gemacht & ein Auto von den Eltern geschenkt bekommen. Einen Mazda Dreizweidrei in rot. Man fand das ein gutes Omen. Der Mazda war so etwas wie der japanische Kadett, aber weniger bieder: windschlüpfriger, sportlicher. Damit fuhr sie dann zweimal die Woche hinaus zum Schißritzer Forst, um dort Miß Marple, ihre deutsche Dogge, spazierenzuführen.
Der Gesundheitspfad, den sie nahm, führte außer an der Michaelsquelle & den Ausläufern des Forsts auch an jenem Heckenwall vorbei, hinter dem sich eine von Bäumen & Gebüsch umkränzte Senke verbarg, die Oliver & Roland früher als Versteck, Stützpunkt, Lager, Fort, U-Boot & Raumschiff eine Heimat geboten hatte. Vor dort aus konnte man den Blick über das unter einem abfallende Tal schweifen lassen, sich vor gegnerischen Banden verstecken & joggende Pärchen mit Erbsen blasrohrbeschießen. Mittlerweile war man zwanzig geworden & hatte dieses Plätzchen lange nicht mehr gesehen, nun aber sich daran erinnert, als man Carolas Mazda auf dem Parkplatz stehen sah.
Nach einigen Tagen des Auflauerns konnte man abschätzen, wann ungefähr sie an jener Hecke vorbeikommen würde & schlich ihr endlich einmal im Schutz des Walls hinterher; heute hatte sie es eilig, da konnte man es wagen, sie schien ein wenig abgelenkt...
Auf der anderen Seite lag jetzt ein Baggersee, zu Kinderzeiten hatte es ihn noch nicht gegeben. Dorthin schlug Carola den Weg ein. Es war ein Abend im Spätherbst, man konnte die tiefstehende Sonne als glühenden Zigarettenstummel hinter dem bunten Blattwerk erahnen; ein kühler Wind ging – zu frisch, um sich am See zu vergnügen. Sie waren allein mit den letzten Insekten.
Carola, deren neue Haarfarbe auf den Herbst abgestimmt zu sein schien, ließ Miß Marple von der Leine, streifte sich, Dryade des Waldes, des falschen Kostüms aus der Menschenwelt überdrüssig, Schuhe, Strümpfe, Hose & Slip von einem Körper, dessen Fleisch die Berührung der Elemente suchte, aus denen er geformt war: Erde & Wasser – & ging in den See. Ein Beben ging durch ihre käsigen Hinterbacken & Gänsehaut ließ den blonden Flaum auf ihren antilopigen Beinen sich aufrichten, als sie die Füße ins Naß tauchte. Bald leistete der Körper keinen Widerstand mehr gegen die Kälte. Es war eine Waschung & eine Taufe, denn sie trug noch den Slip bei sich & tauchte ihn unter & wrang ihn & schaufelte sich schließlich etwas Wasser dorthin, wo es mit der Erde chymische Hochzeit zu halten pflegt. Flüche kamen ihr von den Lippen, während sie sich & das Höschen auswusch. Hätte man sein Herz nicht schon verloren, es hüpfte einem jetzt davon, allein dieses Zorngesichts wegen. Irgendwo kläffte Miß Marple, auf der Jagd nach einem Waldbewohner. Vorsichtig tastete man sich näher heran.
Bevor man mehr von ihr erhaschen konnte, Miß Marples näherkommendes Hecheln Zeit für ein Manöver gelassen hätte, hatte die Hündin ihrem Namen schon Ehre gemacht. Sie stand keinen Meter entfernt & knurrte & zeigte die Fänge. Der Schwanz wedelte nicht.
Es blieb keine Zeit, die Regeln für das Duell zu verhandeln: schon verrieten zwei Stimmen, daß sich weitere Schaulustige näherten. Die Kraussmann-Brüder. Natürlich, sie wohnten auf einem Bauernhof in der Nähe – echte Naturburschen, deren liebste Freizeitbeschäftigung darin bestand, anderen Leuten Heuschrecken in die Briefkästen zu stecken, im Tante-Emma-Laden (heute eine Edeka-Filiale) Panini-Sammelbilder für das Album zur Fußball-WM zu klauen oder Roland, obwohl ein halbes Jahrzehnt älter, mit Katzenscheiße zu bewerfen. Schon hatten sie die Dryade entdeckt, rannten zu ihren Kleidern & lachten ein Lachen, das nur solche Rüpel beherrschen. –Wenn sie das Oberteil auch ausziehe (man könne ja bereits ahnen, daß sie nichts mehr darunter habe), bekäme sie ihre Sachen wieder. Wenn nicht, wären sie futsch & sie müsse halbnackt nach Hause.
Miß Marple stand da & knurrte. Carola, wie aus einer Traumwelt gerissen, die Hände rasch vor dem Oberkörper verschränkend, rief:
–Ihr Vater lasse sie bestimmt vor Gericht laden, wenn sie das täten.
–Ihnen doch wurscht. Weil nämlich vorher ihr Vater dem von Carola eine aufs große Maul & in den dicken Bauch geben würde...
Carola schien einen Moment lang die Alternativen abzuwägen. Sie zitterte, spürte wahrscheinlich jetzt wieder die Kälte.
–Also gut, kam es schließlich mit kecker Nase von ihr, –Aber dann sollten sie sich auch gleich vor ihr einen von der Palme wedeln & nicht später einsam im Stüberl aus der Erinnerung, das würde sie gerne sehen! Dafür zöge sie nicht nur das Oberteil aus, sondern käme auch ein Stück aus dem Wasser, einen zusätzlichen Einblick gewährend...
Das ließen sich die Brüder nicht zweimal sagen: schon hatten sie angefangen, ihre Teile auszupacken & daran zu rütteln, während die Dryade langsam näher kam.
Man wußte nicht, was tun, wollte einschreiten, hätte dann aber seine eigene Schaulust verraten, konnte auch gar nicht, Miß Marple stand neben einem & knurrte, der Schwanz wedelte nicht.
Da kam der Pfiff. Die alte Detektivin schnellte um die eigene Achse, brach aus dem Gebüsch & stürmte los auf die Brüder, die in ihrem Schreck nicht mehr dazukamen, die Hosen zu schließen: als sie sich in Bewegung setzten, rutschten sie ihnen die Knie herunter & warfen die beiden ins Laub. Miß Marple verbiß sich in einen Gürtel. Der Junge mußte ihn aufgeben. Beide stolperten wie sie waren, mit weichen Gliedern, Fesseln an den Füßen & Schweiß auf der Stirn, unter Flüchen & Racheschwüren davon.
Die Dryade atmete auf.
Wenn die Brüder gewußt hätten, daß sie – allerdings erst, als sie wirklich nicht mehr zu sehen waren – sich doch noch das Oberteil abstreifte, es mit dem Slip ans Ufer warf & dann begann, ihre Kreise zu ziehen, Miß Marple ihr hinterher...
Sichtlich genoß sie die Freiheit ihres Körpers, in dem sie sich wohlfühlte, für den sie sich nicht schämte – aber nicht vor & mit jedem!
Roland schämte sich sogar vor sich selbst – z.B. jetzt gerade wieder...
Bald jedoch schien der Dryade das Wasser kein Vergnügen mehr. Enger wurden die Kreise, wilder das Rudern der Arme. Bald war es ein Kampf mit dem Element, ein Platschen, Springen & Tauchen, als könne sie es besiegen oder als sei sie von einer wilden Energie beherrscht, die sie darin loswerden wollte.
Irgendwann gab sie auf, kam wieder an Land & setzte sich in das Schilf, Roland den Rücken zudrehend. & als Miß Marple sich neben ihr kräftig schüttelte: da begann sie, Nässe & Kälte nicht spürend, zu weinen – & zog den Hund an sich & begrub ihren Kopf in seinem Fell & murmelte etwas in sich hinein.
In ihm schnürte sich etwas zusammen. Sicher war es Koschel, der ihr das, was immer genau, angetan hatte. Man wollte zu ihr, im Verlangen, den Arm um sie zu legen, was sich richtig & sehr erwachsen anfühlte...
Man stahl sich lieber leise davon, bevor der Kanide sich wieder des Männleins im Walde erinnerte & das Versteck aufflog.
Man hatte ihre wahre Natur gesehen, eine Waschung mit ihr geteilt, die Abschied von der Jungfräulichkeit & Offenbarung ihrer Einsamkeit gewesen war: man war ihr endgültig verfallen – nicht, weil sie zur Priesterin von Erde & Wasser geweiht war, die einen in die Geheimnisse des Fleisches würde einführen können (man selbst war ja der Ritter von Luft & Feuer, den Elementen des Geistes...) – sondern weil sie die Kraussmann-Brüder, in einem Moment der eigenen Schwachheit, triumphal erniedrigt & beleidigt hatte, wie die sonst alle anderen.
Man beschloß, sich ihr bald zu offenbaren.
Sechs Jahre später wagte man es.
Zwei Wochen lang war man in den Semesterferien jeden Tag vor ihrem Haus auf- & abgelaufen, bis man den Finger auf den Knopf gelegt hatte. Man wollte sie zum Essen einladen & dann...
Der Vater öffnete.
–Carola mache ein Jahr Au-pair-Mädchen in den Staaten.
Es sollten weitere sechs Jahre vergehen, bevor man einen zweiten Versuch unternahm.
***