Wie der Vater es versprochen hatte, war ein Großteil der Erbmasse bereits auf sein Konto übergegangen. Die Bürokraten hatte Roland entgegen seiner Erwartungen keine Schwierigkeiten bei seinem Vorhaben gemacht. Alles war flink & mit verdächtiger Leichtigkeit vonstatten gegangen. Eine selbst erstellte Seite & ein bißchen Bannerwerbung waren auch schon ins Netz gestellt, die erste Werbe-Netzpost verschickt. So einfach war es also, das Heer der weisungsabhängigen Malocher & Katzbuckler hinter sich zu lassen & in den Kreis derer mit Richtlinienkompetenz aufzusteigen. Nun hieß es: er seine eigene Firma, seine eigene Dienstleistung, sein eigene Unternehmensidentität. Aber auch er sein eigenes Risikokapital, seine eigene Auftragsabhängigkeit, sein eigenes Netzwerk. Die Angel war ausgeworfen in den Teich der zu fangenden & auszunehmenden Edelhechte. Blieb zu hoffen, daß er in den richtigen Gewässern fischte, ihm keine Haie in die Quere kamen & die Opfer den Köder anziehend fanden.
Past&PR: Wie hoch könnte die Expansionsquote steigen, wie viel Reichtum der Geld-Fluß ins Haus spülen, wann könnte der Börsengang sein, die erste Dividendenausschüttung...?
[Mit der Agentur Past&PR hatte Roland versucht, nachdem man ihm für eine Stelle auf der Berliner Museumsinsel abgesagt hatte, sich als Selbständiger auf Unternehmensgeschichte zu spezialisieren & die Aufarbeitung & Verwaltung von Firmen-Archiven zu organisieren – gekrönt von der Erstellung einer repräsentativen Aufbereitung der Firmen-Chronik: zum Beispiel in einer Jubiläums-Festschrift. Keine neue Geschäftsidee – vielmehr schossen zu der Zeit viele derartige Dienstleister aus dem Boden (der Wunschname Akten&Fakten war schon vergeben...).
Es ist bezeichnend, daß Roland kaum ein Wort über seine Auftragslage verliert. Belegt ist lediglich das Anfrage eines Düsseldorfer Netzgeschäfts, das dringend sein von Gewinnwarnungen, sinkenden Quartalszahlen & dementsprechenden Aktienwert dominiertes Öffentlichkeitsbild mit einer Broschüre über die eigene Vorreiter-Rolle in den Gründerjahren des Netzes aufpolieren wollte. Roland hat sie aber zugunsten von etwas anderem abschlägig beschieden, wie man gleich sehen wird...]
Die Prognosen-Institute waren die einzigen, die im Moment Hochkonjunktur hatten. Ein regelrechter Überbietungswettbewerb der Wirtschaftsprophezeiungen war seit März über das Land gerollt – & alle korrigierten ihre Zahlen nach unten. Aus Angst vor einer Rezession in den USA reduzierte das Hamburgische Welt-Wirtschafts-Archiv am vierzehnten März seine Wachstumsprognose für Deutschland von zweikommasieben auf zweikommadrei Prozent. Am dritten April glaubte der Internationale Währungsfond nur nach an zwei Prozent, während die Regierung bei ihrer Zahl von zweikommasechs blieb. Am zehnten April legten die sechs führenden Wirtschaftsinstitute ihr gemeinsames Frühjahrsgutachten vor & veränderten ihre Prognose von zweikommasieben auf zweikommaeins Prozent.
Es ging hinab als Roland hoch hinaus wollte. Überall bereitete man sich auf harte Zeiten vor. Selbst das britische Büro für UFO-Sichtungen, seit Neunzehnhundertdrei&fünfzig tätig, mußte mangels Meldungen geschlossen werden. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen gegen den Außenminister & seine angebliche Falschaussage ein. Afghanistan sprengte prophylaktisch schon mal die über eintausendfünfhundert Jahre alten Buddhastatuen von Bamian. Der ehemalige Schatzmeister einer großen deutschen Partei überwies dieser noch schnell eine Million Mark von seinem Privatkonto, Gelder von unbekannten Spendern für frostige Zeiten. Die Öffentlichkeit wandte sich derweil spannenderen Themen zu, zum Beispiel, ob man Stolz auf Deutschland sein könne. Aufs pompöse Kanzleramt, für den man den Schloßplatz aufgab, konnte man es; während der Einsatz der deutschen Friedenstruppe in Mazedonien beinahe am Parlament gescheitert wäre, die Maul– & Klauenseuche weiter die Fleischpreise verdarb & im Senat der Hauptstadt die große Koalition zu bröckeln anfing.
In solche Zeiten mag es nützlich sein, immer eine Enzyklopädie des nützlichen Zitats parat zu haben:
Alle Kategorien: Wer die Weisheit mit Löffeln gefressen hat, muß gefüttert worden sein. (Roland Iobst).
PROJEKT: SPUR DES DOPPELT & DREIFACH (III)
Das Glasperlenspiel: Lebensbeschreibung Josef Knechts, der in einer von der Außenwelt abgeschotteten Provinz namens Kastalien zum Magister Ludi, zum Glasperlenspielmeister aufsteigt… Wie Manns Dr. Faustus vor dem Hintergrund der politischen Situation Deutschlands seit dem Ersten Weltkrieg & der Entwicklung während der Hitlerei geschrieben. Der Gegenwart entgegengehaltenes & in die Zukunft projiziertes Ideal des Glasperlenspielerordens gleicht der platonischen Akademie, elitäres Kastalien gemahnt an Goethes pädagogische Provinz...
Das Glasperlenspiel erfolgt in Geheimsprache mit eigener Grammatik. Stellt die Einheit des Geistes her & bündelt Werte, Künste, Geistes– & Naturwissenschaften sowie alle Ideen sämtlicher Kulturen zu einer Synthese. Die Erfüllung des gnostischen Traums vom Zusammenfall aller Gegensätze! Glasperlenspieler spielen auf dieser weltgeistlichen Klaviatur wie auf einer gigantischen Kirchenorgel von unendlicher Schönheit, deren Manuale & Pedale alle Register des schöpferischen Universums umfassen. Das hatte Mann wohl gemeint, als er behauptete, der Roman habe »das Trauliche auf eine neue, geistige, ja revolutionäre Stufe gehoben«: Glasperlenspiel = Weltformel!
Knecht selbst ein zwischen »zwei Orden« bzw. »die beiden Pole« (zwei Kapitelüberschriften) Eingespannter. Das eine die »Tendenz zum Bewahren, zur Treue, zum selbstlosen Dienst an der Hierarchie«, das andere »zum Erwachen, zum Vordringen, zum Greifen & Begreifen der Wirklichkeit«. Der einstige Mustergeistliche kehrt mit den Jahren zu jener Anschauung zurück, die ihm sein Lehrer Pater Jakobus nahegebracht hatte: »Wie soll man Geschichte treiben, ohne Ordnung in sie zu bringen?« hatte Knecht ihn gefragt. »Geschichte treiben heißt: sich dem Chaos überlassen & dennoch den Glauben an die Ordnung & den Sinn zu bewahren«. Die Erkenntnis, daß auch die kastalische Geistlichkeit der Vergänglichkeit der Materie unterworfen ist – was sich nicht weiterentwickelt & stehenbleibt, ist dem Verfall preisgegeben – läßt Knecht sein Amt aufgeben. Die Innere Spaltung wird jedoch erst sein letzter Schüler, Tito Designori, überwinden: Schon bald ereilt Knecht der Tod beim Baden in einem Gebirgssee.
Hier sind sie wieder, die zwei Strömungen, die Antipoden, deren Verschmelzung Hesse & die anderen anstreben… In der Figur Tito Designoris sicher Thomas Mann verewigt, in den Hesse seine Hoffnung gesetzt hatte... Aber wo steckt der Hinweis?
Nicht in den beiden Kapiteln über die Zweiheit. Auch nicht in einem der drei (!) Lebensläufe im Anhang, Material aus Knechts Waldzeller Schulzeit, in der das Verfassen fiktiver Selbstbiographien zur Selbsterkenntnis führen sollte (auch hierin aber erneut das Motiv der Spaltung & Weitergabe des Erbes...).
Noch einmal akribische Analyse der ersten Seiten: »Den Morgenlandfahrern« lautet die Widmung. Hat Hesse nicht schon früher eine ähnlich betitelte Geschichte verfaßt?
Den kleinen Band Die Morgenlandfahrt schnell im eigenen Antiquariat gefunden. Die Hand zittert, als ich ihn aufschlage...
Nach wenigen Stunden Lektüre unter Hinzuziehung der Sekundärliteratur endlich die Lösung: Die Morgenlandfahrt, fertiggestellt im April Neunzehnhundertein&dreißig, wird als Übergang zum Glasperlenspiels angesehen. Hesse selbst hat fünf Jahre danach notiert, die Morgenlandfahrt, »die beinahe von niemandem noch entdeckt wurde«, sei ihm so wichtig, daß ihm die fünf&fünfzig Jahre seines Lebens »bloß als Vorbereitung zur Morgenlandfahrt« erschienen. Noch im Jahr der Veröffentlichung des Glasperlenspiels weitere sieben Jahre später findet er diesen Roman »nicht so frisch wie die Morgenlandfahrt«, & später gefällt ihm manches am Glasperlenspiel gar nicht mehr, während »die Morgenlandfahrt sich restlos bewährte«...
Ausgangspunkt ist die Krise des Ich-Erzählers & ehemaligen Musikers H.H. (natürlich Hesse selbst). Wehmütig denkt er an die Zeit zurück, als er Mitglied des »Bundes der Morgenlandfahrer« war, einer Bruderschaft hohe Geister der Vergangenheit & Gegenwart, die er nun erloschen glaubt: »ich erscheine mir wie der überlebende alte Diener etwa eines der Paladine Karls des Großen, welcher in seinem Gedächtnis eine Reihe von Taten & Wundern bewahrt«. Die spirituelle Wallfahrt in das Morgenland, die »Heimat des Lichts«, von manchen als »Kinderkreuzzug« belächelt, verband die Teilnehmer zu einer geistigen Gemeinschaft. Bedingung für die Aufnahme: jedes Mitglied sollte sein privates Ziel mit der Reise verbinden. Für H.H. war es »die schöne Prinzessin Fatme zu sehen & womöglich ihre Liebe zu gewinnen« (Esclarmonde, so viele Namen...). Die Reise führt über Kontinente, durch die Menschheitsgeschichte, an die Grabstätte Karls des Großen & andere geschichtsträchtige Orte; zurück in die Unschuld der Kindheit – aber auch zu Irrtum, Zweifel & Verzweiflung. Das Verschwinden des Dieners Leo in der Schlucht von »Morbus Inferiore« schließlich zerstreut die Bundesbrüder. Bald muß H.H. erkennen, daß nicht die Gemeinschaft, sondern er es war, den Schwäche & Zweifel untreu werden ließen. Das hohe Gericht, dem er sich als Selbstankläger stellt, betrachtet das Ereignis als Prüfung & spricht ihn frei. Der Diener Leo offenbart sich als wahrer Hochmeister des Bundes. Er folgt dem Gesetz vom Dienen: »Was lange leben will muß dienen. Was aber herrschen will, das lebt nicht lange.«
Unglaublich – mehrfach ist von einem »Bundesgeheimnis« die Rede, besiegelt in einem »Bundesbrief«. Im Bundesarchiv steht auf dem Katalogzettel zu Andreas Leo: »Cave! Archiepisc. XIX. Diacon. D. VII. Cornu Ammon. 6 Cave!«
Nach etwas kabbalistischer Arbeit an dieser Stelle sowie der Figurennamen & Symbole den nächsten Stafettenträger dingfest gemacht: Otto Rahns Kreuzzug gegen den Gral, eine ausführliche Abhandlung zu den Katharern (!), an der dieser während Hesses Niederschrift der Morgenlandfahrt arbeitete – erschienen im Jahre neunzehnhundertdrei&dreißig...
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