jan-apr.doc (12)

Migräne. Unsägliche Migräne plagte ihn. Ein Heißluftballon pustete sich im Schädel auf & drückte gegen die Decke. Noch hielt der Kno­chen stand. Schweiß, der nicht salzig schmeckte, drang aus den Po­ren. Eine Frühjahrs­grippe, vielleicht eine Aller­gie? Wie konnte er sich die so plötzlich eingefangen haben? Jedenfalls kein Burnout-Syndrom.

Er nutzte die Gelegenheit, die Wonnen der Betttlägerigkeit wieder­zuentdecken. Sich nach einem Bad mit Fichtelöl, gekleidet in einen ge­waschenen Py­jama, auf ein frisch be­zogenes Pols­ter niederzulegen... Der keimfreien Geruch der Laken, die Geschmeidig­keit der fichtelge­salbten Haut, deren Nervenspitzen von der zarten Käl­te der Pyjamasei­de leicht in wohlige Erregung versetzt wur­den – das war sein Mittel ge­gen die Krankheit, das einzige, dem er vertraute. Die Fenster blieben ge­schlossen, der Briefkasten ungeleert, Arzt oder Apotheker unaufge­sucht. Da war nur er & die Krankheit & ihr Duell beim Durchschauen der Video­sammlung & Wetten gegen die Wettervorhersage (Roland hatte die damals bei den Pfadfindern erlernte Deutung der Wolkenfor­mationen­ & klimatischen Verhältnisse auf einige wenige Kern-Regeln heruntergebrochen – & traf damit überraschend oft ins Schwarze...).
Auf die Idee, die Zeit zu nutzen, seinen Sil­vester-Vorsatz umzuset­zen, kam er nicht. Ein paar Notizen immerhin schafften es auf einige über das Zimmer ver­streue Zettel. Er dach­te nicht weiter darüber nach, warum er das eigentlich tat.

Es träumte ihm. »Knapp Roland kam zum finstern Turm, sein Wort war…«, so das Wort des Armen Tom. Sfumato-Bilder, in denen Zeit & Raum sich zu ei­ner neuen Dimen­sion verdichten, hingen in der Ein­gangshalle. Auch Holbeins Miniatur Salomon empfängt die Königin von Saba neben Mi­chelangelos Re­lief der Kentaurenschlacht. Im Keller aus­ufernde Feier­lichkeiten des deut­schen Autoren­vereins an­läßlich der tri­umphalen Rück­kehr des Geni­tivs. Fahrt durch eine Kellerlu­ke ins Freie & Schwenk in die Hü­gelausläufer der Ceven­nen. Nach ei­nem erneuten Atten­tat gegen die In­quisition in Avigno­net be­ginnen fran­zösische Kö­nigstruppen & Zwangsver­pflichtete sowie heilig­e Milizen der Erzbi­schöfe von Narbon­ne & Albi Montsé­gur zu bela­gern, Kopf & Sitz der verbote­nen Kir­che & letzte Zu­flucht der Ka­tharer auf einem eintau­sendzweihundert Meter ho­hen Berg­kegel. Schnelle Schnitte über­brücken ein Jahr des Leids. Im März darauf Kapitulati­on nach ho­hen Verlu­sten auf beiden Sei­ten. Zweihundertf­ünf&zwan­zig gute Men­schen fin­den den Flam­mentod auf den Scheiter­haufen zu Füßen des Berg­massivs. Die Kamera begleitet ihre in goldgel­be Flam­men geschla­genen Fratzen aus der Frosch­perspektive. Rückblende: Mo­nate zuvor, nachts. Eine klei­ne Zahl Wa­gemutiger stiehlt sich, unbe­merkt von den Belag­erern, aus der Burg heraus. Was versuchen sie in Si­cherheit zu brin­gen? Es ist nicht der hei­lige Gral & auch nicht die Kirchenkass­e, wofür sich zwei par­faits [die Initiierten, die das conso­lamentum erhiel­ten, mit dem sie sich der Askes­e, dem Zölib­at, der Ehr­lichkeit & dem Vegeta­riertum ver­schrieben...] in äußers­te Lebens­gefahr begeben, son­dern sie: Esclar­monde de Foix, die Schwes­ter des Gra­fen von Foix. Esclar­monde die Hohe­priesterin. Black. Vertigo. Tiefer hinab in Mor­pheus’ Arme, Halluzina­tionen in den Schluch­ten ei­nes Ge­hirns, wo zwei Freuds mit­einander um die Herr­schaft rin­gen, der eine im Streben nach freien Einrichtun­gen, der ande­re zur absolu­ten Macht. Ton­spur einer Rede zur Verleih­ung des Nobel­preises an ihn, Iobst, für den Be­weis, daß Schön­heit nichts an­deres ist als ein kur­zer Schwebezu­stand – der Mo­ment, in dem ein geord­netes Sy­stem ins Chaos kippt oder ein chaoti­sches Sy­stem in eine Ordnungsstruktur überführt wird. Kaleido­skopbilder, Frak­tale Muster, Mandelbrot­mengen. Ein Wort wird an die Tafel ge­schrieben: Seltsamer Attraktor. Der mathe­matische Punkt des Kip­pens der Syste­me, Seltsamer Attraktor. Esclar­monde, Fremdartige An­ziehung; gerne wäre ich der Wurm in deinem Ap­fel, die Schlange dei­ner Verfüh­rung. Gog & Magog bit­ten zum Tanz. Die Heere neh­men Stel­lung auf. Auf der ei­nen Sei­te: Der Chiliasmus. Auf der ande­ren: Die Dichoto­mie. & jeweils sich gegenüber: Baisse & Hausse. Ost & West. Ying & Yang. Vita acti­va & vita contemplati­va. Konvex & konkav. Rechte & lin­ke Gehirnhälf­te. Au­ditiv & Vi­suell. Analog & Di­gital. Eros & Thanatos. Weströmisches & Ost­römisches Reich. Mythos & Logos. & es hört einfach nicht auf: Die These, die Antithe­se. Die Pole: Nord & Süd, Plus & Mi­nus. Hegel: Staat & Familie. Hölderlin: Das Organi­siert-sys­tematische, das Elementar-form­lose. Nietzsche: Das Apollini­sche, das Dio­nysische. & außerdem: Goethe der Realist, Schil­ler der Idealist. Naive & senti­mentalische Dich­tung. Der Stoff­trieb, der Form­trieb. Der Natur- & der Ver­nunftstaat. Ge­halt & Ge­stalt. Form & In­halt. Zei­chen & Be­zeichnetes. Diffe­renz & Iden­tität. Ver­nunft & Na­tur. Reali­tät & Ideal. Auge & Ohr. Dua principia auch auf Seiten der Albigen­ser: Zwei ebenbür­tige, nichtstoffliche Gott­heiten – Liebe & Macht – ringen um die verpfuschte Welt. Gerade als die letzte Po­saune ver­stummt, um den Beginn des Gemetzels einzu­läuten (lan­ge Fahrt mit Hand­kamera die Schlachtreihen entlang), erscheint am Horizont, zwi­schen den Fein­den, die Rettung – auf einem Einhorn: Die Synthese. Der ästhe­tische Staat. Der Spiel­trieb. Das Glasperlen­spiel. Die Triade. Die Apokry­phen des Trismegis­tos. Der Satz des Pythago­ras. Das Drei­eck. Der Dreizack. Die Dreifaltig­keit. Der Drei­klang. Die Er­weiterung zum berühmtesten Es-Dur-Ak­kord der Ge­schichte (Wag­ner!). Das Ge­samtkunstwerk. Letztendlich aber – das Verstummen der Sirenen, die Be­strafung der hy­bris, der Fall des Ikarus: wach werden...

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