Stimmen springen umher, man fühlt ihm den Puls. Er wird auf die Seite gerollt, sein Kopf auf eine Jacke gebettet. Die Augen offen, die ganze Zeit schon. Aber erst langsam schälen sich aus der Verschwommenheit: Straße, Autos & Füße aus der Froschperspektive. Der Peugeot, mit dem er eine so unerfreuliche Begegnung gehabt hatte, scheint keine Beulen zu haben. Nur ein langer Striemen Schuhsolenabrieb ziert den Kotflügel. Die Menschen, die zu der Schar Füße gehören, reden auf den Halter des Fahrzeugs ein. Ein Mobiltelefon fällt & wird aufgehoben. Jemand ruft, man solle Polizei & Krankenwagen rufen, soviel reimt er sich zusammen. Kann er aufstehen? Käme auf den Versuch an. Es tut weh. Langsam. Man legt ihm nahe, liegen zu bleiben. Er wehrt ab, also hilft man ihm auf. Stehend überspült ihn eine Elefanten-Migräne – beinahe wäre er wieder auf dem Boden gelandet. Man stützt ihn. Dann hatte er sich unter Kontrolle. Dem Mann mit dem Mobiltelefon, der gerade im Begriff ist, es zu benutzen, gibt er Handzeichen, es besser zu lassen.
–Mea culpa mea culpa, brabbelt Roland, schüttelt dem Fahrer die Hand & überreicht ihm eine Visitenkarte von Past&PR – Archivmanagement, Geschichts-Marketing, Eventrecherche.
Alle registrieren verblüfft, wie er seinen Körper nach Kratzern & Wunden abtastet, bei der Berührung von rechter Hüfte & linker Schulter Luft durch die Zähne zieht, beide Stellen immer energischer abklopft, das maximale Ausmaß der Schmerzen erforschend, etwas von einer leichten Prellung murmelt (auf Deutsch) &, sich Hinterkopf & Schläfen mit beiden Händen massierend, langsam von dannen zieht.
Im Hotel lies er sich einfach ins Bett fallen – & verließ es erst zum Abendlicht wieder. Er hatte den Tag in einem schaukelnden Dämmer verbracht, das Schreien der Glieder im Fichtelölbad niedergehalten. So konnte er wenigstens seine Gedanken sortieren.
Das Auto hatte ihn an der Hüfte gerammt & mit Kopf & Schulter war er dann, nach einer Rutschpartie über die Frontscheibe, auf dem Pflaster aufgeschlagen. Außer ein paar blauen Flecken, den zwei Prellungen & einer großen Beule am Hinterkopf, war er heil & bei Sinnen.
Er hatte nicht wirklich schlafen können. Aber er hatte dennoch geträumt. & in dem Traum hatte er eine Entscheidung gefällt. Er kannte ihren Nachnamen nicht, aber heute Nacht würde er sich in die Kathedrale einsperren & seinen Silvester-Vorsatz umzusetzen beginnen.
Dann würde er sie suchen. So viele Rätsel zu lösen...
Ihm fiel der Zettel ein. In der Kathedrale konnte sie ihm unmöglich etwas zugesteckt haben, das hätte er bemerkt. Sie mußte ihm also schon vorher irgendwo aufgelauert haben. Über den Wannenrand hinweg fingerte er nach der Hose – & fischte tatsächlich ein kleines Papier aus der linken Gesäßtasche heraus.
Darauf stand, in Schreibmaschinenschrift:
»Deficit! Hist. CCM. Fas. Mag. Kar. 13 X 23 Ann. Lib. 7.6255975 Deficit!«