We will go 'tandem'
As man and wife,
Daisy, Daisy!
'Peddling' away
Down the road of life,
I and my Daisy Bell!
When the road's dark
We can both despise
P'licemen and 'lamps' as well;
There are 'bright lights’
In the dazzling eyes
Of beautiful Daisy Bell!
Harry Dacre: Daisy Bell (A Bicycle Built for Two), 1892
Im Juni, zur Sommersonnenwende. Ist man nun reif dafür ich zu schreiben, wenn man wieder aufs Rad steigt? Kann sich nicht jederzeit plötzlich ein Graben vor einem auftun, den man hinabstürzt, in das unendliche Weiß zwischen den Buchstaben, das Vergessen & die Erschöpfung, die zum Schluß machen führen?
Wie ich befürchtet hatte, rächte sich
Das ich doch lieber zu vermeiden versuchen... Falls einen aber die Umstände nötigen? Dann nur von einem schreiben, der von einem fernen Horizont zu einem schaut, der man vielleicht einmal sein wird, wenn man jene Identität akzeptiert hat.
Die Benutzung Muhammadmusas trägt sowieso dazu bei: Die elektronische Maschine hat einen merkwürdigen Abstand zwischen der Feder (der Hand) & dem Papier (dem Bildschirm) geschaffen; in dieser eingeschobenen Schnittstelle existiert eine Sphäre, in der das Werk auf unheimliche Weise manipuliert wird. Löschen, umformulieren, umstellen, vertauschen, neu formatieren – ist der Text erstmal in Nullen & Einsen zerlegt, machen diese Werkzeuge sich selbständig & beginnen den Prozeß zu erobern. Schon sind es nicht mehr die eigenen Ausflüsse, sondern die eines Doppelgängers, der seine Eigenständigkeit einfordert, indem er mit dem Futur oder dem Konjunktiv Abstand von mir nimmt: Das werde nicht, könnte nicht ich sein, der das schreibt...
Deshalb drucke ich nichts aus – das gäbe ihm einen Körper.
Wie er befürchtet hatte, rächte sich die am ersten Mai außer Kontrolle geratene Handlungsenergie, diese neue Erfahrung des Nicht-Aufhören-Könnens, die alle warnenden Botschaften des Körpers betäubt hatte.
Nicht nur, daß ich gerannt war wie seit Jahren nicht; mehr als zu der Zeit, als der Nachbarshund einem hintergejagt hatte, weil sein Herrchen Opfer von Klingelstreichattacken geworden
Könnte wirklich ich es sein, Arni, dem all dies geschieht?
Sibylle. Du hattest den Namen ausgesprochen wie eine, die sich in Gesellschaft hinter einer Larve verbarg – wie man selbst. Dein Blick hatte sich in diesem Moment abgewandt… weil das Wort nicht dich gemeint hatte. Es war ein Zeichen, deine Chiffre, hinterlassen, damit man sich auf deine Fährte setzt. Wird man herausfinden, wer du wirklich bist?
Muhammadmusa. Sollte man die Magie nutzen, die schon dein Name verspricht, & jetzt, im Augenblick ihrer Fixierung in deine Speicher, die schiefen Geschehnisse der letzten zwei Monate geraderücken – die Irrwege des Intellekts & die Weisheit Raouls; die Bedeutung von Parzival & Sibylla; den Angriff des Trios, dem man nur Dank deiner Schlagkraft entkam; den Mut der Zwillinge, die das Geheimnis des Zettels lüfteten? Oder einer anderen Versuchung nachgeben – die Tatsachen leugnen, ihre möglichen Permutationen errechnen & nur die wahrscheinlichsten aufschreiben?
Zurück in der pißwarmen Hauptstadt, vermißt man die stimulierende Kälte der Kathedrale. Dennoch: jetzt, da man die ersten Schritte zur Lösung der Rätsel hinter sich hat, muß aus den Eintragungen der letzten zwei Monate – Notizen, die nicht so leicht trügen können wie das Gedächtnis, das beim letzten Mal alleiniger Helfer war – endlich Erzählung werden.
Verzeih, lieber Arni, daß du so lange ausharren mußtest, es ging einfach nicht früher. Zusammen mit Muhammadmusa & meinen Fingern, die mir Feder & Schwert sind, bist du der einzige Treue auf meiner Radtour – mein Pansa, mein Watson, mein Sherasmin: man hat wirklich kein Recht, dich so zu behandeln.
***
Wie befürchtet rächte sich die am ersten Mai außer Kontrolle geratene Handlungsenergie, diese neue Erfahrung des Nicht-Aufhören-Könnens, die alle warnenden Botschaften des Körpers betäubt hatte.
Nicht nur, daß man gerannt war wie seit Jahren nicht; mehr als zu der Zeit, als der Nachbarshund einem hintergejagt hatte, weil sein Herrchen Opfer von Klingelstreichattacken geworden war… Man war ja auch kurz nach dem Aufprall, obwohl man schon ausgezählt worden war, gleich wieder aufgestanden, zurück ins Hotel marschiert, als hätte man mehrere mit Wodka vermischte Aufputschmittel im Magen (stand also, wie man sich das so vorstellt, zugleich unter präkoitaler Anspannung & postkoitaler Erschöpfung...), hatte dort vor sich hin vegetiert, ein Bad genommen, den Zettel entdeckt, mehrere Überlegungen angestellt & mehrere Entschlüsse gefaßt, sich aus feierlichem Anlaß keinen Champagner, sondern Kirschlikör kommen lassen, nichts zu Abend gegessen, sich in die Kathedrale eingeschlichen, dort bis nach Mitternacht ausgeharrt; anschließend sieben Stunden lang mit wenigen Unterbrechungen Muhammadmusa behämmert, gelegentlich weiter an der Likörflasche genippt & korrespondierende Ideen gehabt (& dreimal den Gang zum Taufbecken angetreten, um dorthinein, wie es sich für einen Satanisten gehört, die Konfirmandenblase zu entleeren), aber immer noch nichts gegessen, der Kälte & dem Dunkel & dem Knochenpochen getrotzt; sich erneut versteckt & nach Öffnung der Kathedrale davongemacht, ein Taxi zurück zum Hotel genommen, um darin immer wieder wegzunicken (was der Fahrer für ein paar Extrarunden genutzt hatte, wie man der Quittung später zu entnehmen glaubte), hatte wieder ein Bad genommen, sich dabei endgültig vom Schlaf übermannen lassen – war aber vom Eindringen des Wassers in die Nasenlöcher wieder aufgewacht & ins Bett geschlurft (um es den Tag & die Nacht nicht mehr zu verlassen); dann an dem entsprechenden Vormittag wieder aus der Unterwelt zurückgekehrt, weil sich die Blutergüsse & Eingeweide & Knochen bei jeder Verschiebung des Körperarrangements mit Ziehen Stechen Klopfen bemerkbar gemacht hatten & das Magenknurren schon alle anderen Geräusche erstickte.
Man brauchte sich nicht zu wundern, daß es einer vollständigen Woche bedurfte, bis man wieder zu einem gewöhnlichen Tagesablauf fand – zumindest einem, der fern von zu Hause so genannt werden konnte.
Man ließ sich die Mahlzeiten aufs Zimmer bringen, kam einmal auch in den Genuß einer deutschen Zeitung vom Vortag. Als erstes der Wetterbericht – wechselhaft natürlich, dann: der Anspruch der Hauptstadt als neue Mitte der deutschen Siedlungen hatte auch am ersten Mai entsprechende Ergebnisse erzielt – Neuntausend Polizisten waren wegen der Krawalle & Straßenschlachten im Einsatz gewesen & hatten sechshundert Personen festgenommen. Das war der Spitzenplatz unter den Orten, an denen insgesamt viertausend NPD-Anhänger mit Aufmärschen zu Ausschreitungen provoziert hatten. Daß man dem entkommen war, gab einen Grund zur Besserung.
Man war dann ja auch einige Star-Trek: Next Generation-Folgen & heiße Fichtelölbäder später annähernd auf Fordermann gebracht.
Oje. Man war noch immer ohne wirkliche Auskunft, hatte auf eigene Rechnung gelebt, hätte also den Zimmerservice, die Minibar & das Bezahlfernsehen vielleicht nicht so ausgiebig beanspruchen dürfen...
An der Rezeption ließ man Raoul, dessen Oberlippenbart wieder von Lustigkeit schmalgezogen wurde – unheimlich im Kontrast zu den zwischen den Lippen hervorspringenden Goldkronen –, keine Gelegenheit, das Gespräch zu eröffnen:
–Wie hoch die Rechnung sei.
Man versuchte einen sachlichen Tonfall, der klarstellen sollte, wo die Zuständigkeit des anderen endete.
–Ein Monsieur Veitinger habe schon vor ein paar Tagen alle Ausgaben übernommen & ausrichten lassen, Monsieur Iobst könne sich zwei Monate Zeit lassen.
Raouls Akzent (»´abe ausrischten lassen«… – den schreibe ich nicht aus, ist mir zu anstrengend, das mußt du dir vorstellen Arni…) gesellte sich ein vermutlich den Goldbeißern geschuldetes Nuscheln hinzu.
Wenn Veitinger bereits im Voraus Rechnungen beglich, dachte er wohl nicht an einem Abschluß vor Ende Juni. Aber was war aus der Immobilien-Inspektion geworden?
–Nichts über eine Frau, die er treffen solle. Eine Nachricht?
–No... Oui! Un moment.
Raoul tat blinzelnd, als ob er überlege.
–Worauf er warte. Auf Trinkgeldvorschuß?
–No. Aber eine Prise Respekt. Er sei ausgestattet mit Belesenheit & Erfahrung. Man könne von ihm profitieren.
–Da habe er schon überzeugendere Sonntagsreden gehört.
–Man sei doch neulich eine ganze Nacht lang verschwunden & erst am Morgen etwas beschädigt zurückgekehrt, um nachher eine Woche lang das Zimmer zu hüten – gute Gesellschaft täte hier Not… Bon, Monsieur Veitinger ließ ausrichten (Gewiß ein Freund auf den es sich zu hören lohne): Monsieur Roland solle nicht den Grund mit dem Anlaß verwechseln.
–Er wisse ja ziemlich Bescheid..., machte sich Roland Luft.
–Wer den ganzen Tag hinter dem Tresen verbringe, der hätte gelernt, die Menschen zu lesen.
–Danke für die Belehrung.
–Er stehe jederzeit zur Verfügung, verbeugte sich Raoul.
–Die Adresse?
–Pardon?
–Herrn Veitingers Adresse.
–Bedaure.
–Irgend etwas. Einen Scheck. Eine Kontonummer?
–Monsieur habe bar bezahlt.
–Per Brief & ohne Absender?
–Kurier.
–Wer?
–Une femme.
Das ließ die Brauen hochziehen.
–Wie sie ausgesehen hätte.
–Lange Haare, Spitze Nase, Sommersprossen...
Tatsache! Während ich mich in der Badewanne gesundonaniert hatte, war sie mir unbemerkt ein zweites Mal entwischt.
–Ob sie sich nach einem erkundigt hätte.
–No.
Sie war also vielleicht noch immer in der Stadt. Beobachtete sie, wie man mit dem Rätsel des Zettels vorankam?
Monsieur Veitinger... Einen Moment lang versuchte man sich mit dem Gedanken anzufreunden, daß dieser Moritz sich nur für Veiti ausgegeben hatte, daß man einem Betrüger aufgesessen war, der einen in irgend etwas hineinzog. Den Anlaß mit dem Grund verwechseln? Das war eine häufige Belehrung ihres Geschichtslehrers gewesen: der Anlaß eines Krieges sei gewöhnlich ein anderer als der Grund, aus dem er geführt werde – im Medienzeitalter eine bismarksche Binse. Aber wie konnte ein Betrüger von so einem Detail wissen?
–Wenn man ihm die Bemerkung erlaube: Er scheine ein Mann mit besonderen Gewohnheiten & Bekanntschaften zu sein...
Gerade hatte man sich arrangiert miteinander, schon wurde das Verhältnis mißbraucht.
–Ob er nicht ein wenig seine Kompetenzen überschreite.
–Ach. Er hätte schon so viele Herren gehabt... Sein Kompetenzüberschreiten erfolge aus karitativem Interesse & Neugier. Man solle doch nach Rezeptionsschluß zur Bar kommen – dann hätte er Schichtdienst. Er gebe einem was aus & man solle ihm im Gegenzug alles erzählen...
–Er sei also einer dieser Leute mit Helfersyndrom, das Mädchen mit den Schwefelhölzern, das sich lieber selbst prostituiere, als eine Gegenleistung zu erwarten...
–Aber Rolands Geschichte sei doch die Währung, die ihn bezahlte.
–Warum er sich eigentlich nicht bei Greenpeace, Amnesty International oder ATTAC engagiere.
–Weil dort zwar Anliegen von großer Wichtigkeit im Mittelpunkt stünden – aber eher selten der Mensch.
Man gab auf.
–Fürs erste genüge es, wenn man etwas Französisch-Nachhilfe bekäme.
–Er werde ihm ein paar Lexika besorgen. Darauf seine Hand. Raoul.
–Kein Nachnahme? fragte Roland mit Blick auf das Schildchen.
–Es sprächen sich hier alle mit Vornamen an.
–Roland, reichte Roland im zögerlich seine Hand.
Das schien Raoul fürs erste zufrieden zu stellen.
Den Grund nicht mit dem Anlaß verwechseln? Stand ein Attentat bevor, ein Krieg etwa? Rückte der Osten noch näher? Was sollte nun dies wieder. Wirtschaftsturbulenzen? Sibylle war beobachtet worden... Jemand, dem Moritz ein Feind war, so daß er seine Nachrichten verschlüsseln mußte?
–Man möge die abermalige Einmischung entschuldigen. Aber Monsieur Veitinger habe sicher ausdrücken wollen, daß man sich nicht um das kümmern solle, weshalb man hergeschickt worden sei (den Anlaß), sondern darum, warum man hier sei (den Grund).
Raoul war wirklich ein Einzelstück.
Also der Anlaß war dieses Immobiliensache. Aber der Grund...
Eine Finte! Wie hatte man darauf hereinfallen & die ganze Zeit glauben können, man hätte den ersten Auftrag für Past&PR an Land gezogen... Der Anlaß war eine Seifenblase, schillernd genug zur Verlockung; der Grund die Konfrontation mit Sibylle? Die Entführung (so mußte man es jetzt nennen) in ein Land, wo diejenigen gelebt hatten, die man am meisten bewunderte? Was war der wahre Auftrag?
–Könnte sein.
–Gerne wieder.
Raoul lächelte.
***
Immer der Reihe nach, sortiert nach Dringlichkeit & Erfolgsaussicht. Erstes Ziel: Sibylle wiederzufinden. Nicht mehrere Dinge zugleich angehen – ich könnte sonst alles vorzeitig beenden.
Man suchte also wieder die Nähe der Kathedrale, kühlte sich an ihrem Stein, versteckte sich draußen hinter der Ecke einer Seitengasse & spähte hinaus auf den Vorplatz oder verfolgte den Touristenstrom drinnen aus dem Dunkel einer Apside heraus.
Nichts tat sich. Der Tatort wurde nicht wieder aufgesucht.
Am Kai befragte man die Bootsführer nach einer Frau im lila Kleid, die sich hier vor mehr als einer Woche habe transportieren lassen, man zahle für jede Information: Niemand konnte sich erinnern, wie auch, wahrscheinlich waren Boot & Kapitän Fremde gewesen.
Man war Orpheus, der in die Unterwelt hinabstieg, Pyramus, der Löcher in die Wände bohrte, sie aber war weder Eurydike noch Thisbe, sondern Isis, die Verschleierte. Osiris aber konnte man nicht werden, denn der war ihr Bruder & zum Tode verdammt. Es blieb nur eines übrig: man kannte das Gewinkel der Stadt nun genug, um ihr & den Beschattern Fallen zu stellen:
Einmal lenkte man seinen Weg in eine Sackgasse, die sich an einen gut zu übersehenden Platz anschloß, drückte sich durch die Seitentür des Antiquariats Jadschudsch&Madschudsch, das man einige Tage zuvor durchstöbert hatte, um wieder aus der Vordertür ins Freie zu gelangen & freie Sicht auf den Platz & das tote Ende der Gasse zu haben.
Ein anderes Mal schlenderte man vorgeblich ziellos im Palais des Archevêques herum, durch die Passage de l’Ancre hindurch, schwenkte nach rechts in den älteren Teil der Anlage, den Innenhof des Palais Vieux, vorbei an der Ausgrabungsstätte der drei Vorgängerbauten der Kathedrale, um plötzlich im benachbarten Kreuzgang durch eine Tür in der Westgalerie zu verschwinden, die imaginierten Beschatter zurücklassend, weil sie im dahinter liegenden Park sofort entdeckt wären – was einem die Gelegenheit verschaffte, über den Hauptflügel des Palais Neuf gleich wieder zurück in die Passage zu gelangen & so den Verfolgern überraschend in den Rücken zu fallen.
Ähnlich ging man auch am Kanal & im archäologischen Museum vor... Weder Sibylle noch ihre Beobachter gingen ins Netz. Man wurde in Ruhe gelassen oder an der langen Leine.
Sibylle! Unenthüllte! Ich werde hier ein Gedicht aus meiner Jugendzeit für dich einfügen – das erste Kunststück, das der erwachende Germanistengeist vollbracht hat, nun weihe ich es dir:
SIEBENGESTIRN
vier
das bin
ich furcht
vor dir
drei das bist
du furcht
vor mir
ich
kriege dich &
du kriegst
mich
du kriegst mich
kriege
dich kriegt furcht
furcht
furcht um mir
furcht vor dich
mich & du
dich &
ich
kommutativ
drei vier
vier drei
das ist sieben
sieben posaunen
sieben wunder
sieben himmel
siebengestirn
sieben
das ist
drei vier
ich & du
du & ich
gemeinsam
magisch furchtlos
Roland hatte Oliver auf einem der Pfadfinder-Zeltlager in sein carolinisches Schwärmen eingeweiht. Ihre Gruppe unternahm gerade eine Nachtwanderung durch die Ausläufer des Schißritzer Forsts, mitten durch das unheimliche Stöhnen der Bäume, Knacken der Äste, Rascheln der Blätter... Sie kamen sich mit ihren dreizehn Jahren wie verwegene Jung-Abenteuer aus einem Enid-Blyton-Roman vor.
Roland, den ganzen Tag schon äußerst nervös, ob er wegen der ekelhaften Eintöpfe, kalten Nächte oder unzähligen Taten & Entscheidungen, die plötzlich anstanden wohl das dritte Mal in Folge Durchfall bekommen würde, nahm diesmal nicht am gemeinsamen Wandergesang Nehmt Abschied Brüder teil:
»Nehmt Abschied Brüder, ungewiß ist alle Wiederkehr,
Die Zukunft liegt in Finsternis & macht das Herz uns schwer.
Der Himmel wölbt sich übers Land, ade, auf Wiedersehn!
Wir ruhen all' in Gottes Hand, lebt wohl, auf Wiederseh'n!
Die Sonne sinkt, es steigt die Nacht, vergangen ist der Tag;
Die Welt schläft ein & leis' erwacht der Nachtigallen Schlag.
Der Himmel wölbt sich übers Land, ade, auf Wiedersehn!
Wir ruhen all' in Gottes Hand, lebt wohl, auf Wiederseh'n!«
Er war beschäftigt mit den Ästen, die ihm in der Dunkelheit ständig hart ins Gesicht schlugen & die neue Nylonjacke aufzuschlitzen drohten, & trat immer wieder in kleine Schlammlöcher, die sich nur unter ihm aufzutun schienen. Schnitzeljagd wäre ihm lieber gewesen.
–Ob eine wie Carola, begann er seinem Frust Platz zu machen, –Lust hätte, Wölflein zu werden, wenn man sie fragte?
–Nee, die laufe doch jetzt immer so herausgeputzt herum, & dann die ganzen Schnaken... was er denn von der verzogenen Kuh wolle?
–Nur so, aus rein statistischem Interesse.
–Ja klar, & sein Großvater sei Nazi gewesen – verknallt sei er!
–Nee!
–Doch – Vorsicht! warnte Oliver ihn vor der nächsten Pfütze.
–Naja. Vielleicht... Ob er mal auf ihre Beine geachtet habe?
–Irgendwie giraffig oder?
–Nee, antilopig!
Das waren die Worte, die sie neuerdings zur Bewertung bestimmter Eigenschaften ihrer Schulkameradinnen benutzen. Giraffig war alles, was träge & langsam oder krumm & viel zu lang war, Segelohren besaß... & antilopig war so ziemlich das Gegenteil.
–Sogar affig-giraffig, wenn er ihn frage. Mann, bloß weil er sie immer bei sich abschreiben lasse & sie ihm dafür einmal ein Küsschen auf die Stirn gegeben habe... Die sei Schickeria, Mann, eine Zugezogene, die Eltern hätten in München Franz-Xaver die Eier geleckt...
–Franz-Josef heiße der, außerdem Strauß – Oliver sei wirklich ein politischer Banause... Sie trage Parfüm neuerdings. Was Pflaumiges.
–Also wenn er es unbedingt mit einer Giraffe...
–Scheiße!
Roland war mit dem linken Fuß wieder in einem Schlammloch gelandet... aber diesmal hatte es einfach schmatzend seinen Schuh an sich gesaugt – & sein Fuß war aus ihm geflutscht. Er hatte es erst die Sekunde später bemerkt, in der er bereits barsockig auf dem kalten Waldboden aufgetreten & sofort auf dem nassen Laub ausgerutscht war. Sie befanden sich gerade am Rande eines kleinen Hangs, der zu einem Bach hinabführte, der hier hindurchmäanderte: & Roland kullerte auch gleich hinab – die Ausrüstung in seinem Rucksack stach bei jeder Umdrehung schmerzhaft in die Rippen –, langte endlich bei der Rinne an, schlug sich dort den Kopf an einer Baumwurzel an & blieb mit dem Gesicht nach unten im Wasser liegen.
Das wars, dachte er, ich nehme Abschied Brüder, ciao Luft zum Atmen! Ungewiß ist alle Wiederkehr, das Ende der Erstickung wölbt sich über mich, ade, auf Wiedersehn!
& in einem hellen Licht sah er sich Carola entgegen fliegen, die mit zum Kuß gespitzten Lippen, blank bis auf ein Feigenblatt, dort hinten auf ihn zu warten schien, in zwei&siebzigfacher Ausführung, wie Mohammeds Schrift es versprochen hatte...
Sofort sagte er das dem Propheten gewidmete Pfadfinder-Gebet auf:
»Oh Gott, ich bitte dich um Festigkeit in meinen Vorhaben, um Beständigkeit in meinem Vorsatz; um ein ergebenes Herz, um eine aufrichtige Rede; ich bitte dich um das Gute.«
Jemand packte ihn, drehte ihn auf die Seite & führte ziemlich perfekt die empfohlene & tausendmal eingeübte Erste-Hilfe-Prozedur durch – brach die aber ab, als er bemerkte, daß es völlig unötig war. Oliver.
–Warum er ihn zurückgeholt habe! Lieber jetzt abgetreten, als mit einem Gehirnschaden jahrelang dahinzusiechen..., faselte Roland.
–Mann, als er das Mohammed-Gedicht gemurmelt habe, da habe er echt kurz gedacht, es sei um Roland geschehen... Aber er habe ja nur eine Schramme am Kopf. Keine Zeit also für noch mehr Theater – die anderen hätten nichts mitbekommen, seien weitergezogen, noch könnte man sie zu hören, aber wenn sie nicht bald...
–Ja. Das Gedicht. Carola – zwei&siebzigmal naturelle... & dann hätte Oliver der Allzu-Kühne ihn ja leider –
–Naja, weil Roland doch der Weise sei. Bald stünden Schulaufgaben an, da bräuchte er doch wieder einen zum Abspicken...
–Traue er sich ja gar nicht, entgegnete Roland & raffte sich wieder auf, –Ob er vielleicht seinen Schuh irgendwo gesehen habe?
Den fanden sie in der Finsternis nicht mehr. Roland mußte sich bis zum Lager mit einem Plastikbeutel aus Olivers Rucksack begnügen.
Roland der Weise & Oliver der Kühne, der ein des anderen Sühne, wandern gemeinsam durch die Scheiße...
skandierten sie beide auf dem weiteren Weg durch das dunkle Gehölz, von Eulenaugen & Grillenzirpen begleitet. Wegen des Zwischenfalls war es jetzt sogar Oliver ein bißchen bang.
–Daß er wirklich das Mohammed-Gebet zum Himmel geschickt habe: Roland, der erklärte Satanist..., lachte Oliver kopfschüttelnd darüber hinweg in die Dunkelheit.
–Ja – dann müsse er sich jetzt wohl auch daran halten...
***
Raoul (die anderen Bediensteten nannten ihn »den Algerier«) hatte eine Menge Erlebnisse zur Hand. Nicht nur war er aktiv am Freiheitskampf seiner Heimat beteiligt gewesen, er hatte auch, um nur einige Höhepunkte seines Lebens zu nennen, den Erdball auf der Spur Marco Polos bereist, in Japan bei einem Zen-Meister gelernt & wenige Jahre in der Fremdenlegion gedient.
–Sieben&sechzig in Französisch–Somaliland, dem heutigen Djibouti vor der Unabhängigkeit, habe seine Einheit – besonders gerühmt & gefürchtet wegen des von ihr gehaltenen Mannschaftsrekords im Skorpionstechen –, einmal beim Marsch durch die Salzwüste die Orientierung verloren. Nachdem die Vorräte bald aufgebraucht gewesen seien – ohne daß man eine Lösung des Problems erreicht habe –, sei der Tod durch Verdursten nur eine Frage der Zeit gewesen –
Man saß mit ihm an der Bar. Weil man aber die eigene Sache nicht loswerden wollte, bekam man seine Geschichten zu hören. Raouls Erzähl-Furor ließ ihn wieder naß nuscheln. Man nickte anerkennend.
–Ausgerechnet in dieser schlimmsten aller Stunden aber, als an die kulinarische Verwertung seines Nächsten zu denken nicht mehr zu vermeiden gewesen sei, habe sich ein Skorpion in den Stiefel eines Kameraden geschoben & dessen Fuß perforiert. Der Attackierte habe folgerichtig zu fiebern begonnen & dem Tod entgegen zu gehen – während die anderen heimlich darin ein Zeichen gesehen hätten, daß also der Vergiftete auserkoren sei, ihnen, ohne daß sie selbst ihn vom Leben zum Tod befördern müßten, das Überleben zu sichern...
Kurze Kunstpause. Man zuckte mit einer Braue und wischte sich unauffällig Raouls Spucke-Tröpfchen von der Wange.
–Bald aber sei der Betroffene auf wundersame Weise vollständig genesen, den alten Status Quo wiederherstellend... Verzweifelt hätten sie Salzklumpen in sich hinein zu stopfen begonnen, um auf diese Weise wenigstens ihr Sterben zu beschleunigen, denn einen der ihren zu erschlagen, hätten sie bereits keine Kraft mehr gehabt –
Lange Kunstpause. Man ging hinter seinem Kirschlikör in Deckung.
–Da habe der Gestochene plötzlich sich seine Blase zu regen begespürt, der sanfte Druck sei zu einem mächtigen Drängen geworden, &, rasch im Sitzen die Hose geöffnet, habe er vor ihren Augen einen gebogenen Strahl reinsten Quellwassers in den Sand plätschern lassen... Der klare Harn ihres Widergängers habe sie am Leben erhalten, bis sie zum Hauptlager zurückgefunden hätten. In Zukunft hätten sie es nie mehr gewagt, einem dieser Tiere ein Haar zu krümmen!
In den nächsten Tagen erfuhr man weitere außerordentliche Miszellen, zum Beispiel wäre es Raouls Tante gewesen, die Acht&sechzig die Maiunruhen angezettelt habe, unverhofft natürlich: als sie, bewaffnet mit ihrem roten Schirm, einen einsamen Protestmarsch zum Regierungsgebäude begonnen habe, um sich zu beschweren, daß das Wetter niemals so eintrete, wie in den Nachrichten immer behauptet & das es immer zu heiß oder kalt, zu feucht oder trocken sei: man habe doch ein Grundrecht auf eine ordentliche Wetterversorgung – eine Meinung, der sich rasch ganz viele anschlossen & bei der Gelegenheit... Also am Ende sei sie damit indirekt für den Rücktritt de Gaulles verantwortlich!
Dann Neun&sechzig in Tibet die zufällige Begegnung mit dem Dalai Lama... & es war Neunhundertsiebzig, -ein&siebzig, -zwei&siebzig, -drei&siebzig, als...
Seit Mitte der Siebziger dann der Wunsch etwas zur Ruhe zu kommen & der Einstieg in die Hotelbranche, wo man den unterschiedlichsten Leuten begegnen konnte, ohne selbst auf Reise zu müssen. Auch hier natürlich eine Reihe Anekdoten, zum Beispiel die von dem neunzigjährigen Steuerflüchtling, der die Daphne-Plastik im Foyer mit seiner thailändischen Begleitung verwechselt habe.
Man erkannte in Raoul irgendwie schon eine Verwandtschaft – sah sich aber nicht genötigt, ihm auch seine Geschichte zu beichten.
Der Algerier bewies Ausdauer. Seine Französisch-Bücher waren leider wirklich sehr hilfreich – sogar für einen wie Roland, der angesichts der Übermacht der noch zu lernenden Vokabeln nie welche gelernt hatte. Raoul verdankte man auch den Hinweis, man bräuchte nur die Wörter der Inhaltsverzeichnisse studieren. Denn dies wären in der Regel jene Begriffe, die zwar nur einen geringen Prozentsatz des Sprachschatzes ausmachten, aber fast achtzig Prozent des Verständnisses, weil sie die am häufigsten verwandten wären. Die Grammatik hämmerte er mit einem an den abendlichen Barbegegnungen ein & zeigte sich auch dabei als anstrengend geduldig.
In dem Vertrauen bestärkt, sich den Franzosen in ihrer eigenen Sprache nun einigermaßen verständig machen zu können, konnte man sich bald daran machen, dem Zettel auf die Spur zu kommen.
»Deficit! Hist. CCM. Fas. Mag. Kar. 13 X 23 Ann. Lib. 7.6255975 Deficit!«
Deficit! War leicht zu entschlüsseln, es war Latein & bedeute so viel wie »es fällt ab, übergeht, wird sich selbst untreu, beginnt zu fehlen, geht aus, geht zu Ende, verfinstert sich, erlahmt, ermattet, verscheidet, läßt den Mut sinken, verläßt, läßt im Stich, mangelt«.
Hörte sich nach dem bekannten Weltuntergangs-Wortschatz an, dabei schrieb man doch schon Zweitausendeins, die tausend Jahre, die der Drache an der Leine lag, waren abgelaufen & nichts passiert, nicht einmal die Computer ausgefallen...
Handelte es sich vielleicht um eine bibliothekarische Karteikarte – die die Signatur zu einem Buch oder ähnlichem enthielt, das fehlte?
»Suche dann in einem großen Archiv«, hatte Sibylle gesagt. Wenn man also eine der örtlichen Bibliotheken aufsuchte...
Es war einen Versuch wert.
In der Médiathèque, einem postmodernen Glasquader, der als modernes Informationszentrum beworben wurde & die einzige Bibliothek des Ortes bildete, konnte man mit dem Zettel nichts anfangen. Karteikarten waren hier nicht mehr in Gebrauch. Alle Bestände waren bereits digital erfaßt & abrufbar gemacht worden.
Denn suchte man dort mehrere Tage lang nach Hinweisen. Mit Raouls Hilfe konnte man den Leiter überzeugen, ihm eine Aufstellung all der Bücher anzufertigen, die in den letzten Jahren abhanden gekommen waren. Wie konnte es anders sein: hauptsächlich erotische Photographiebände, einige Lexika & Groschenromane. Nichts war mit seinem Code in Zusammenhang zu bringen.
Signaturen, Regal- & Reihennummern wiesen andere Kürzel auf als die Karte. Man durchsuchte, von der Buchstabenfolge »Hist.« angestoßen, die ganze historische Abteilung, blätterte in jedem Buch, gab die Matrizen in das Indexsystem des Computers ein, stieß immer ins Leere. Man atmete den ganzen Tag lang Papierstaub, schlief zuwenig, ließ sich von Raoul Gute-Nacht-Cocktails mixen.
***
Die Sonne sticht einem die Augen aus & auf der Haut bilden sich Schuppen aus Salz, weil man in der wüsten Einöde steht. Man trägt einen langen Mantel aus Wildleder, man ist der Wildledermantelmann, trotz der Hitze. Man erwartet jemanden.
Ein Troß nähert sich. Eine Frau schreitet an der Spitze des Zuges, zwölf Eunuchen tragen die Schleppe. Sie kommen zum Stehen, Sänften werden herabgelassen, Kisten abgeladen, Esel brechen unter der befreiten Last tot zusammen, ein Teppich wird ausgebreitet & Luft zugefächert. Die Frau in einem engen Mieder & einem Gewand aus Goldbrokat gleitet auf einen zu, die Säume von Edelsteinen & Vogelfedern besetzt, mit Armbändern aus Ebenholz, drei Rubinringen an jeder Hand & spitzen Fingernägeln; eine schwere Goldkette liegt ihr um den Hals, an dem drei Leberflecke prangen – sie fließt neben dem Brokat hinab zu dem Delta aus goldbrauner Haut, das den Eingang der Schlucht zwischen den Milchbergen markiert, & endet in einem diamantenen Salamander, der dazwischen umherzüngelt; zwei silberne Halbmonde zieren die Ohrläppchen & zwei gläserne Skorpione dazu, die Haare fallen schwer hinab bis zum Gewölbe der Hüfte & tragen Strähnen von Indigo-Blau; die Beinhaut schimmert blaß & von Lederriemen eingeschnürt unter dem Gewand hervor, die Füße stecken in Sandalen aus Schilfrohr; sie trägt einen Sonnenschirm mit goldenen Glöckchen daran: es ist die Königin von Saba.
»Zieh den Mantel aus, damit ich sehen kann, ob darunter ein Mann steckt!« befiehlt eine, die es gewohnt ist. Man gehorcht.
»Schöner Jüngling – meine Jäger & Späher haben lange nach dir gesucht. In den Bergen, den Wäldern, auf der Steppe & den Flüssen, in den Städten & Dörfern hielten sie Ausschau nach dir... Ich wurde schon ungeduldig, biß mir die Lippen blutig, zerkratze meinen Gespielen den Rücken & sammelte meine Tränen in einer kristallenen Schale – endlich fanden sie dich, laß dich berühren!«
Ihre Hände beginnen neugierig über meinen Körper zu gleiten, sie umstreichen die Biegungen, messen die Umfänge, dringen vor in die Winkel, kneten die verhärteten Muskeln an ihren Wurzeln. Man läßt es geschehen, hier vor all diesen Leuten, daß sie einem das Leder vom Körper streift; man ist bis zum Rand gefüllt mit kochendem Wasser, das jederzeit überzuschäumen droht, wünscht sich nichts sehnlicher als eine Begegnung mit ihren Lippen – als sie sich listig zurückzieht.
»Auch du wirst meinen Körper erforschen dürfen. Für dich werde ich tanzen wie eine Fliege über das Wasser, ich werde dich salben mit Milch & mit Öl, dir die Schuppen aus den Haaren lesen & den Schweiß aus den Poren saugen, dir Geschichten aus tausend&einer Nacht einflüstern & das Geheimnis meines Schatzkästchens entdecken lassen; für dich habe ich König Salomo verlassen, hier sind ein paar Haare von seinem Bart, ich habe dir Gewürze & Weihrauch von den besten Hängen meines Reiches mitgebracht, in Schnee gekühltes Obst & Taubenfleisch, Wein aus Trauben, die ich selber zertrat, Schwerter & Rüstungen & Schilde aus meiner Rüstkammer, Stickereien, Tücher, Mäntel & Pelze von der Grenze der Welt, Federkiele Zahnstocher Bürsten aus den Knochen, Haaren & Federn längst ausgestorbener Tiere, ein Buch aus Babylonien mit allen Sprachen der Erde; meine Paläste werden dir Wohnstatt bieten, meine Maler dein Antlitz verewigen, meine Knüpfer Wandteppiche aus deinen Umrissen schälen, meine Weber Decken aus deiner Hautfarbe herstellen, meine Steinmetze im ganzen Land dein Profil aus dem Berg hauen; doch das alles ist nichts verglichen mit dem, was mein Fleisch bieten kann, denn ich werde alle Frauen sein, die du jemals begehrst: die jungfräuliche Schwester eines Freundes mit knospender Brust, die Erfahrene aus der Nachbarschaft, die dich in die Gesetze der Liebe einführt, die sich nach öffentlichem Abenteuer verzehrende Gattin deines Erzfeindes, die unanständige Dirne, die keine Grenzen kennt; ich bin nicht ein Weib, ich bin eine Welt, du brauchst nur einen Spann meiner Haut zu sehen, er wird dir unbekannte Wonnen bereiten & unendliche Geheimnisse enthüllen, die Vergangenheit nach deinen Wünschen gestalten & die Gegenwart geschehen lassen, wie du es willst.
»& die Gegenleistung?« fragt man mißtrauisch.
»Händige mir das verlorene Buch aus, das du in deinem Mantel versteckst, damit mir endlich auch das Morgen zu Füßen liegt.«
»Keine Ahnung, wovon Sie sprechen. Einen Schluck Likör?«
Man versuchte es mit einen Blick, wie ihn die meisten Hunde unterm Esstisch des Herrchens perfektioniert haben.
»Du willst, was ich dich suchen ließ, nicht gefunden haben? Ich, die Königin von Saba: mich kann man nicht täuschen. Du mußt bereits im Besitz seiner Macht sein – sonst könntest du mir nicht widerstehen.«
»Hm...«
»Du weißt mich ab? Mich schöne Frau? Erbärmlicher kleiner Eremit! Schlagt ihm sein Kostbarstes ab, daß er sich ewig an diesen Augenblick erinnere!«
Ein bulliger Sklave tritt vor, holt aus mit dem Säbel, die zerteilte Luft gibt einen Laut von sich wie zerspringendes Glas...
Da man nun schon so viel Zeit in der Médiathèque verbrachte, wollte man die Gelegenheit nutzen, sich auch in katharische Sekundärliteratur zu versenken. Warum war man sonst hier, wenn sie nicht ein Teil des Mysteriums bildeten?
Die Abhandlungen über die Häretiker aus Albi aus soziologischer, archäologischer, geschichtswissenschaftlicher, philosophischer, esoterischer oder krypotologischer Sicht nahmen kein Ende. Jede neue, bisher angeblich außer Acht gelassene Herangehensweise behauptete, die letzten Fragen geklärt zu haben. Dabei erreichten sie nur eine immer stärkere Aufladung des Mythos. Das Phänomen beschäftigte so viele Publizisten & Wissenschaftler aus aller Herren Länder – & jeder Ansatz projizierte doch immer nur wieder die geheimen Wünsche seiner Zeit auf den Gegenstand, ohne den Schleier zu lüften.
Dabei waren es gerade sie gewesen, die vor den Verführungen der Materie gewarnt hatten:
»Ich mache mir keine Sorgen um mein Fleisch, denn von mir ist nichts in ihm: Es gehört den Würmern. Auch der Himmlische Vater hat nichts von sich in meinem Fleisch & will es in seinem Reich nicht haben, denn das Fleisch des Menschen gehört dem, der es gemacht hat, dem Fürsten dieser Welt...«
Die einzigen mit einer einfachen Begründung für das Böse in der Welt – Gott ist nicht daran schuld, denn die Welt ist gar nicht sein Werk, wie schon das Johannes-Evangelium weiß:
»Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt.«
Sie leugneten die Hölle & das Jüngste Gericht & waren davon überzeugt, daß am Ende der Zeiten alle Seelen gerettet würden.
»Nach dem Ende der Welt wird die ganze sichtbare Welt vernichtet sein. Das nenne ich die Hölle. Aber alle Seelen der Menschen werden dann im Paradies sein.«
Voller Hoffnung, keine Runzelköpfe, wie so gern verbreitet, waren sie:
»Selbst die Geistlichen Roms werden das Heil erlangen, wenn auch unter großen Mühen. Im Moment macht das Dunkel des Irrtums sie blind, aber eines Tages werden auch sie zur Einsicht kommen & sich bekehren.«
Sympathisch, Arni, oder nicht?
Bald glaubte man, daß die Entschlüsselung des Codes mit den Mitteln der Bibliothek, dieser Bibliothek jedenfalls, nicht zu leisten war. Wieder einmal wurde Schluß gemacht.
Lieber begann man, angeregt von der Lektüre, die Wirkstätten der Ketzer aufzusuchen, nicht ohne die heimliche Hoffnung, daß dadurch ganz automatisch der Pfropfen sich lösen könnte, der der Flasche mit dem Geist der Erkenntnis aufsaß:
Ganz in der Nähe von Narbonne die Abbaye de Frontfroide, ein Zisternzienserkloster, & die Stadt Béziers, der Ort des ersten Massakers; nachher die berühmte Cité von Carcassonne, herausgeputzt als ein pittoreskes Mittelalter–Disneyland, & das in der Nähe gelegene Chateux von Lastours sowie einige Grotten & Höhlen, in die sich die Ketzer geflüchtet hatten; noch einmal später dann die Burgen & Ruinen Quéribus, das trutzige Adlernest, das als allerletztes fiel; das ehemals sechseckige D’Augilar; Puilaurens mit den zinnenbekrönten Mauern & dem quadratischen Donjon; Villerouge–Termenes mit den vier runden Türmen; das gewaltige & kaum zerstörte Peyrepertuse, verschmolzen mit dem hellgrauen Kalksteinkamm; die wenigen Überreste von D’Arques & Termes & natürlich die Stadt Foix & die Enklave Montségur.
Aber auch als man oben auf dem Gipfel zwischen den rauhen Steinstümpfen des katharischen Nabels, den Überresten einer ganzen Kultur stand, der Wind sich summend & kühl unter die Kleidung schob, unter einem das Dorf & die Ebene, wo die Scheiterhaufen gelodert hatten & heute noch ein Gedenkstein die Stelle markierte, den Blick hinüber gewandt zu den Schatten der Pyrenäen, über die ein paar Bäume lose gestreut waren wie Broccoli, blieb die Erleuchtung aus.
Man kapitulierte. Man wollte weg. Man war im Land seiner Träume, aber es gab sein Geheimnis nicht preis. Fremdartigste & kostbarste Gewächse lockten mit ihren Düften – ging man aber näher heran, verschlossen sie ihre Kelche & Blätter. Wenn man doch Oliver an seiner Seite wüßte, den perfekten Pfadfinder, allein konnte man das Rätsel nicht lösen. Man wollte fliegen, jetzt gleich, zurück in die Hauptstadt; allem entkommen, bevor man in eine Sache geriet, die man nachher nicht kontrollieren konnte.
Man diskutierte mit Raoul, der nicht bereit war, ein Aufgeben zuzulassen, rief schließlich selbst am Aéroport Montpellier an, um das nächste erreichbare Flugzeug zu buchen.
Die Welt war ganz & gar gegen einen. Die Piloten streikten, alle Flüge storniert, man müsse sich mindestens einen Tag lang gedulden.
***
Man hing mal wieder bei Raoul an der Bar, betrank sich wie schon lange nicht mehr. Die Zunge flatterte einem, man schüttete endlich sein Herz aus wie einen Sack Hirse, verwandelte sich in einen Niagara aus Worten, kam sich vor wie der wahnsinnige Schriftsteller aus Shining, der immer die gleichen Buchstaben in seine Maschine hackt & sich beim Barkeeper Rat für den Mord an seiner Familie holt: Man kam nicht weiter – nutzloses Kopfzerbrechen & unzulängliche Fusselwörter... Man salutierte vor dem Problem & wollte desertieren.
–Da könne er helfen.
Nuschelte Raoul strahlend & goß einem nach.
–Da hülfen auch keine Inhaltsverzeichnisse mehr.
–Er habe sich doch vor einigen Jahren bei einem Zen-Meister in Lehre begeben… Suche man nicht nach Satori?
–Salieri?
–Satori – Erwachen, Erleuchtung.
–Das täten alle.
–Stünde man etwa nicht vor einer Situation, die der Verstand nicht fassen & folglich nicht lösen könne?
–Schau an. Jetzt Philosophie…
–Oui. Da läge der Hund begraben. In der Anschauung. Die Suche nach Erleuchtung sei ein steiniger Weg, selbst für den Weisen. Denn dazu müßte man erst einmal lernen, das Auseinanderdividieren der Welt in Kategorien zu meiden.
–Das Denken bekämpfen? Was man denn gerade tue. Noch einen Likör bitte!
–Nicht das Denken, goß Raoul nach, schützte aber das Glas vor dem Zugriff.
–Die Logik! Scheiß Aristoteles. Gib schon her!
–Man müsse noch tiefer gehen – die Wahrnehmung steuern lernen, denn sie sei ihrer Natur nach eine Aufspaltung der Welt in Kategorien: Wann immer man ein Objekt wahrnehme, mache man einen Strich zwischen ihm & der Welt. Wie aber könne man auf diese Weise das Objekt respektieren, wenn man doch selbst ein Teil dieser Welt sei?
Man dachte darüber nach, während er einen dafür an das Glas ließ.
–Indem man einfach zwischen sich & der Welt auch einen Strich zöge. Oder ganz viele... Löcher! Mit einer großkalibrigen Schrotflinte.
Die rötliche Flüssigkeit ging in einem Zug runter.
–Dann wäre das Objekt eben Teil jener Welt, an der man selber keinen Anteil mehr hätte. Es gäbe nur die eine Seite oder die andere. Nur Sowohl-als-Auch gegen Entweder-Oder. Man dürfe nicht trennen, was nur zusammen wahrgenommen & gedacht werden könne.
–Man solle auf die Wörter verzichten, weil sie, indem sie benannten, die Objekte vom Menschen trennten?
Zu welcher Erkenntnis der sanctus spiritus einem manchmal verhalf.
–Ein erster Schritt sei zunächst einmal zu erkennen, daß nichts mit & nichts ohne Wörter ausgedrückt werden könne. Sein Lehrer Shumon habe einmal seinen kurzen Stock hochgehalten & folgenden Kôan erzählt: »Wenn du das einen kurzen Stock nennst, so befindest du dich im Widerspruch mit seiner Wirklichkeit. Wenn du das nicht einen kurzen Stock nennst, so ignorierst du die Tatsache. Es geht nicht mit & nicht ohne. Wie willst du es also nennen? – Sag schnell was es ist.«
–Ein Dilemma. Man will weg & doch bleiben. Heisenbergsche Unschärferelation: entweder man weiß, wo Sie sich befindet, oder wie schnell Sie verschwindet – aber nicht beides zugleich.
–Ein Paradoxon. Oui. Das zu erkennen sei der zweite Schritt. Bon.
–& der dritte?
–Kenne nur derjenige, der ihn gemacht habe. Vorher aber müsse man sich über Jahrzehnte einem dem Wort verbundenen Gebiet ausgiebig & ausschließlich widmen. Etwa das Wesen der Kalligraphie zu ergründen. Nur dann habe man Aussicht, jemals dorthin zu gelangen.
–& selbst dann könnte man nicht von dem Schritt berichten – dafür müßte man ja Worte gebrauchen...
Raoul nickte & nuschelte feuchtgolden grinsend:
–Auch der Erleuchtete müsse akzeptieren, daß es eine unüberschreitbare Grenze gäbe. Nur der indische Königssohn & Mönchsgelehrte Bodhidharma, der den Chan-Buddhismus in China einführte, der Urvater des japanischen Zen, habe die Fähigkeit besessen, solange auf eine Wand zu starren, die ihm im Weg stand, bis sich eine Lösung aufgetan habe: Nachdem er neun Jahre vor der Mauer im Zazen (der Kontemplation im Lotossitz) verbracht habe, seien seine Beine taub geworden & gar nicht mehr zu gebrauchen gewesen.
–Das würde man sich merken. Man sei nämlich gerade dabei, die Promille-Grenze zu überschreiten, müsse sich deshalb verabschieden. Dank an den weisen Shumon – gute Nacht.
Es war bei Tagesanbruch – die Sonnenstrahlen hatten den Geist aus der Flasche, nicht aber die Erinnerung an die abendlichen Ereignisse aus dem Körper gesogen – als man feststellte, daß Raouls Worte ihren Weg in die Untiefen der eigenen Gehirnschächte trotz mangelnder Aufmerksamkeit & stochastischer Antworten gefunden & dort über Nacht einen Gärungsprozeß in Gang gesetzt hatten: Die Dinge nicht von sich trennen… Von ihrem Objektsein befreien... Wie nennt man einen kurze Stock... Kontemplation im Zazen...
Man brachte sich in die vermutete Positur & verharrte: für einen Moment, ein schmelzendes Sekündchen.
...Eine Minute.
...Ein halbes Stündchen.
...Bis zur Mittagszeit. (Man fühlte keinen Magen mehr.)
...Für sieben Stunden. (Fühlte keine Beine mehr.)
...In den späten Nachmittag hinein. (Keine Arme mehr.)
...Den ganzen Tag lang. (Keinen Körper...)
Nach Mitternacht dann, kopflos & weder Körper noch Geist, ohne Vorstellung von Zeit & Raum, war man gefangen im Sein, das OM war, Rätsel & Antwort des Kosmos, so lange, bis man sich nach Jahrtausenden wieder aufgelöst haben würde in seine Moleküle.
Eine Eintagsfliege turbulenzierte heran, ließ sich auf einer Wimper nieder & balancierte dort im Angesicht des für Insekten untödlichen Abgrunds. Das Tanzen des feixenden Fliegengeists auf den Kapillaren löste ein kleines Erdbeben aus in dem Körper, der da seit Stunden gefangen war im OM & von Stund zu Stund sich mehr zu vergessen schien. Die Erschütterungswellen, ausgesandt vom rechten Augenlied, gegen Brust & Nabel brandend & auslaufend im linken kleinen Zeh, weckte einen allmählich aus der Erstarrung.
Kaum war man wieder eingefahren in seine alte Behausung, schrie man schon sein »Heureka!«:
War das fehlende Buch dasjenige, dem man selbst ironisch nachspürte, der Text, der am Anfang der bisher rekonstruierten Autoren-Stafette stand? War das der wahre Grund seines Hierseins?
Wie konnte ein aus dem Anlaß der Langeweile heraus begonnenes Spiel, das sich in der pseudo-detektivischen Spurensuche unter deutschen Literaten, wie es das Gesetz der Satire gebot, bewußt haarsträubender Verknüpfungs-Operanden bediente, die einer lachhaften Geheimnistradition entstammten & einer fundierten Wissenschaftskritik nie & nimmer standhalten konnten, plötzlich selbst zum Grund eines geheimnisvollen Auftrags werden?
Es hatte die ganze Zeit vor einem gelegen & man hatte es geflissentlich übersehen, weil man es von sich trennen, weil man die Schranke nicht hatte einreißen wollen: Die Karte Sibylles war in den Signaturen des Archivkatalogs aus der Morgendlandfahrt abgefaßt! Das letzte Buch aus der Reihe, auf das man gestoßen war, hatte von den Katharern gehandelt – & jetzt war man hier…
Möglicherweise werde ich das Land nicht verlassen & dieser Spur folgen. Sobald man die Beine wieder auseinander sortiert hat.
***
PROJEKT: DIE OBSKUREN GESÄNGE (IV)
Zeit, den Titel meines Projektes zu ändern...
Otto Rahns Kreuzzug gegen den Gral ein auf schmalem Grad zwischen musikalischer Dichtung & wissenschaftlicher Abhandlung schwankendes Machwerk. Beschäftigt sich mit der Welt der Katharer & Troubadoure. Jahrelang hat Rahn vor Ort geforscht. Daraus ein knapp dreihundertseitiges, ekstatisches Loblied auf die »Minnekirche« destilliert. Gewagte etymologische Gleichsetzung Montségurs mit der Gralsburg Munsalväsche aus Wolfram von Eschenbachs Parcival macht die Katharer zu den Hütern des Grals, Graf Ramon-Roger Trencavel zum Gralssucher Parzifal & Esclarmonde, die Gräfin von Foix, zur Hohepriesterin.
Zunächst Annahme, sich verrannt zu haben. Rahn geht um einiges über den Rahmen hinaus. Ausgerechnet jenes Buch, das einen nach der Pickel-gezeichneten Satan-Phase für die Legendenbildung um die Katharer zu interessieren angestiftet hatte, weil es kühn aus wenigen Fakten seinen eigenen Mythos zu kreieren verstand & damit in der esoterischen Subkultur zur Legende wurde, soll in einer Reihe stehen mit Autoren wie Adorno, Mann & Hesse, den Epigonen einer kritischen Hochkultur?
Allerdings: auch hier begegnen sich Musik & Literatur, wird eine Verschmelzung der Gegensätze angestrebt...
Rahn von den esoterischen Fraktionen vielfach mißverstanden worden. Keineswegs ging es ihm um den Gral, in dem Joseph von Arimathia Christi Blut aufgefangen hatte, sondern um das als lapsit excilis (Eschenbach) bzw. lapis ex coelis (Rahn), als vom Himmel gefallener Stein der Weisen – identisch mit dem Goldenen Vlies der Argonauten & dem Großen Werk der Alchimisten – symbolgewordene Ideal eines Lebens, das in der minneglichen Anbetung der Frau Religion & Kunst, Spiritismus & Weltliches vereint, durch die Kirche der bonshommes im Land der Minnesänger zur Synthese gebracht...
Rahn angeblich Mitglied der SS gewesen, worin er einen geheimen neokatharischen Zirkel aufgebaut haben soll. Allerdings habe er sich bald mit seinem Land & der herrschenden politischen Richtung überworfen & Neunzehnhundertacht&dreißig bei Himmler um Entlassung gebeten. Ein erhaltener Brief enthält folgende Zeilen: »Ich habe viel Kummer in meinem Lande. Vor 14 Tagen war Ich in München. Zwei Tage später habe Ich es vorgezogen, meine Berge aufzusuchen. Unmöglich für einen großzügigen Mann, wie Ich es bin, in einem Land, wie es mein schönes Vaterland ist, zu leben...« Fünf Monate später starb er unter mysteriösen Umständen. Freitod? Mord konnte bis heute nicht ausgeschlossen werden! Rahn hat einem Freund von Verfolgung & geplanter Flucht nach Südfrankreich geschrieben. In jedem Fall wurde seine Leiche erst ein Jahr später für das Begräbnis nach Darmstadt überführt...
Nächster Hinweis diesmal nicht schwer zu finden. Rahn hat die Angewohnheit, seine Thesen mehrfach mit denselben Zitaten zu belegen. Lediglich eine einzige Quelle wird beinahe schamhaft ein einziges Mal in Anspruch genommen: Auf Seite Hundertacht&zwanzig, grob in der Mitte des Werks (läßt man erneut nur den Haupttext gelten & zieht die acht Seiten Umschlag & Vorgeplänkel ab, erhält man Hundertzwanzig, wovon die Quersumme drei ist), findet sich folgendes:
»In einem fernen Land, unnahbar euren Schritten,
Liegt eine Burg, die Montsalvat genannt...«
Aus dem Parzival... Also Wagner? Eine Oper als nächstes? Nein – es mußte doch ein literarisches Werk sein…
In dem Antiquariat von neulich die Neunhundert-Seiten-Biographie Mein Leben bestellt (neun Buchstaben im Titel!). War nicht Wagners Biographie, sein Leben bis lange nach seinem Tod (»In einem fernen Land, unnahbar euren Schritten«), vor der Öffentlichkeit geheimgehalten, also wie auf einen unzugänglichen Berg geschafft, in eine Burg eingeschlossen & damit für später gerettet worden, wie Rahn salvat übersetzt?
Mein Leben, verfaßt auf Wunsch Ludwigs II. von Bayern, zu Lebzeiten in nur zehn Exemplaren an wenige Freunde verteilt & wegen der Offenheit der Schilderungen des verfolgten Dresdner Revolutionärs gleich wieder zurückgefordert & eingestampft. Verfügung Wagners, es solle »nur nach meinem Tode zum wahrhaftigen Anhalt für denjenigen dienen, der berufen sein sollte, mein Leben der Welt zu beschreiben«. Erst Neunzehnhundertelf, acht&zwanzig Jahre nach seinem Tod, erfolgte die Veröffentlichung. Wegen ihrer Indiskretionen zunächst für eine Fälschung gehalten. Otto Rahn zu dem Zeitpunkt sieben Jahre alt. Dürfte frühestens sieben weitere Jahre später, als die ersten beruflichen Flausen in seinen Kopf drangen, mit der Biographie in Kontakt gekommen sein.
Wenige Tage später die zwei Bände erhalten. Wurde aber auch Zeit. Habe nämlich bereits einen Verdacht, wen man in der Biographie als nächste Etappe entdecken könnte.
Man braucht sie nicht einmal zu lesen – ein Blick ins Register genügt, um festzustellen, daß E.T.A. Hoffmann, der Dirigent, Komponist, Maler & Erzähler & seine Geschichten drei&zwanzig mal erwähnt werden, das erste Mal auf Seite Drei&zwanzig, wo Wagner schreibt: »Ich erhielt von hier an durch mein erstes, zunächst nur oberflächliches Bekanntwerden mit diesem Phantastiker eine Anregung, welche sich längere Jahre hindurch bis zur exzentrischen Aufgeregtheit steigerte & mich durch die sonderbarste Anschauungsweise der Welt beherrschte.«
Als Hoffmann Achtzehnzwei&zwanzig starb, war Wagner neun Jahre alt. Erste Begegnung mit den Hoffmannschen Erzählungen mit dreizehn, siehe Erwähnung auf Seite drei&zwanzig.
Damit eine der bisher offen gebliebenen Fragen zugunsten der ersten These entschieden: Jeder der Beteiligten hat die Stafette zufällig im Werk eines älteren Autors entdeckt & die Tradition einfach weiterführen wollen.
Aber wer kannte auch das Geheimnis?
Erstmal das nächsten Werk in der Reihe herausfinden: Welche der Erwähnungen Hoffmanns bei Wagner kommt als Fingerzeig in Frage? Gewiß die drei&zwanzigste, nachdem die erste & die zwölfte in der Mitte nur dem Dichter allein gelten…
Natürlich wundert es mich gar nicht, daß darin vom Goldenen Topf die Rede ist.
Man wandte sich dem Rätsel ihres Namens zu, das man über der Karteikarte völlig vergessen hatte. Es mußte etwas sein, daß einem nicht aufgefallen war, weil es offensichtlich auf der Hand lag.
Der Name sagte einem, daß er einem etwas sagte, aber nicht was. Was sagte das elektronische Wörterbuch?
Aha: Si|byl|la, Si|byl|le (w. Vorn.); Si|byl|le, die; –, –n
Das war es also, natürlich, die antike Sibylle! Die Sibylle von Delphi & die Sibylle von Erythrai in Böotien. Die drei&achtzig vor Christus im Keller des Jupitertempels auf dem Kapitol in Rom verbrannten sibyllinischen Bücher der Sibylle von Cumae, eine im sechsten Jahrhundert v. Chr. entstandene Ritual– & Orakelsammlung für Katastrophenfälle. Die Sibylle von Tibur, die Kaiser Augustus die Ankunft Christi vorhergesagt hatte. Die sibyllinischen Orakel in vierzehn Büchern, christliche Bearbeitungen jüdischer Prophezeiungen über den kommenden Messias & das Weltende. Die zwölf Sibyllen & die zwölf kleinen Propheten im Dodekapropheton. Die mittelalterlichen Sibyllenbücher. Michelangelos fünf Sibyllen in der Sixtinischen Kapelle...
Man war in der ersten Juniwoche & hatte das Fortschreiten deutscher Geschichte nicht verfolgt, die Durchtrennung der Nabelschnur genossen, obwohl man mit Hilfe Muhammadmusas in der Médiathèque oder im Hotel Verbindung mit dem Netz hätte aufnehmen können. Das holte man jetzt schleunigst nach – Neugier besiegt Vorsicht. Es konnte sich ja etwas ereignet haben, das ein Zeichen war, ein weiteres Teil des Puzzles bildete, ein Zahnrad bloß, das sich irgendwo einfügte… Vielleicht hing man fest, weil man untergetaucht war & nicht hatte sehen können, was sich auf dem Wasser abgespielt hatte – welche Hinweise enthielten die Schlagzeilen?
»Die unbekannten Cousinen: Spaßkanzler entdeckt ostdeutsche Ursprünge. Neue Gewinnwarnung bei... Lizenz zum Töten: Holland legalisiert Euthanasie. Frische Stimmen für Wagner: Bayreuth poliert Ring auf. Kranich in der Klemme: Pilotenstreik legt Flugverkehr lahm / hundertvier&zwanzig Fluggäste betroffen. CDU–Schlappe: Berlin & Brandenburg verhelfen Rentenreform zum Sieg. Trauer bei intergalaktischen Anhaltern: Douglas Adams erliegt Herzinfarkt. Zwölf Jahre Angst wegen Satanischen Versen: Chatami erklärt Rushdie–Fatwa für beendet. Massiver Stellenabbau im... Bayern-München erringt Ausgleich & die Meisterschaft: Schalke nach zwei Minuten Verlängerung vom Thron gestoßen. Preistreiber Benzin, Gas, Lebensmittel: Inflationsrate bei Dreikommafünf Prozent. Neuer Tag der Trauer an der Börse. Wirtschaftsinstitute beklagen zu optimistische ›Top–Down‹–Prognosen. Über neunzig Prozent ›gute Qualität‹: Europas Binnengewässer & Küsten immer sauberer. Astronomische Abfindung für... Radio im TV: Harald Schmidt sendet Schwarzbild. Endloser Kampf: AIDS wird zwanzig.«
Eine außerordentliche Bilanz für einen Monat, in dem man sich üblicherweise nur von Ostern erholte & auf Pfingsten vorbereitete. Keine verschlüsselten Botschaften.
***
Der Mond begann sich voll & schwer in den Himmel zu stemmen & alles mit einer milchweißen Glasur zu überziehen, einer schwach glühenden Patina, die Tote aus ihren Gräbern holen, Tierquäler mit Lykanthropie infizieren & Arbeitswütige in Schlafwandler verwandeln konnte, als man echte Bekanntschaft mit seinen Gegnern machte.
Man war gerade auf dem Weg von der Médiathèque zurück ins Hotel & hatte die übliche Abkürzung über eine Seitengasse gewählt, als zwei Männer hinter den geradeaus liegenden Häuserecken hervortraten & ein Weitergehen verunmöglichten. Man hatte ja gerechnet mit einer Konfrontation, einige Vermutungen über die Natur der anderen angestellt & erwartet, daß sie ein bißchen wie die glatzköpfigen Herren aus Momo daherkämen, oder wenigstens in abgerissene Inspektor-Columbo-Trenchcoats gekleidet wären – sie jedoch tarnten sich als deutsche Touristen: der schmalere trug ein Hawaiihemd, das vermutlich von Tschibo stammte, der stämmigere ein T-Shirt mit der Aufschrift Two beer or not to two beer (Shakesbeer); beide trugen einen Gürtel, auf dessen silberner Schnalle ein Zeichen eingraviert war:

Der Schmale schob ein wenig den Unterkiefer vor & entblößte dabei eine Reihe nikotingefärbter schiefer Zähne, hinter denen statt einer Zunge nur ein rotes Loch zu erkennen war, während der Stämmige sich damit begnügte, die Augenlider unter den Brauen zu Einschnitten zusammenzupressen, die bedrohlich wirken sollten – es aber nicht ohne eine Spur von Possierlichkeit taten.
–Wer keine Spinne sei, solle besser kein Netz weben mein Freund.
Die Stimme, eine deutsche Stimme, kam von hinten & klang, als wären die Stimmbänder mit einem Cellobogen gestrichen worden. Natürlich: der dritte Mann, der den Rückzug versperrt, der einem den Revolver in den Rücken drückt, dessen Visage unerkannt bleibt – der Anführer. Er trug bestimmt einen Trenchcoat.
–Der Fang könnte fetter sein als gedacht.
Etwas Kaltes, Metallisches drängte sich an den Hals.
–Wer sie seien.
War das nicht die übliche Eröffnung? Er hatte so viel Zeit damit verbracht, sich vorzustellen, wie sie aussehen könnten – aber er hatte sich nicht auf die Begegnung vorbereitet.
–Er stelle hier die Fragen mein Freund.
Bisher lief alles so, wie man es aus dem Kino kannte.
–Mitkommen. Unauffällig.
Sich naiv geben. Sie in ein Gespräch verwickeln. Mehr herausfinden.
–Man habe lange genug Zeit gehabt, setzte der Unbekannte nach, –Langsam würden sie ungeduldig & der Chef Ihnen Feuer unterm Hintern machen mein Freund, wenn sie ihm keine Klarheit verschafften. Sie wüßten von einer Bibliothekarin, daß man einen Zettel mit einem Code erhalten habe – also mitkommen.
Der Mann im Rücken neigte die Hand ein wenig nach unten, so daß der Lauf der Waffe nicht auf den Hals, sondern das Hirn zielte.
–Solche Methoden seien ganz unangebracht, versuchte Roland zu beschwichtigen, –Es sei noch nicht so spät & die Gasse nicht so weit vom Schuß, um nicht einen Passanten auf die Gruppe aufmerksam machen zu können. Außerdem: wenn man auspacken solle, müsse man schon eine glaubhafte Versicherung erhalten, daß man danach noch am Leben wäre. Sonst könne man sich die Sache ja sparen.
Man war froh, seine Angst hinter dem Filmwissen verstecken zu können, das man hier anwandte. Der Stämmige ließ die Finger knacken, dem Schmalen stand sein Grinsen schlecht zu Gesicht.
–Mutig mein Freund. Das Ding an seinem Hals aber wäre ja eben gar kein Revolver, sondern eine Waffe, die gebündelte Mikrowellen durch den Körper hindurchjage, um zum Beispiel das Gehirn zum Kochen zu bringen, bis der Kopf platze wie eine gegen die Wand geschleuderte Melone. Wenn man sich also nicht sofort in Bewegung setze, würde das gleich an einem Arm oder Bein demonstriert werden. Scheiß auf die Passanten.
Nicht aufhören. Nicht aufhören. Es weiter versuchen.
–Vielleicht sollten sie sich erst einmal vorstellen. Am Ende sei alles ein Mißverständnis, das sich in Ruhe bei einem Glas Wein aufklären ließe. Man wisse doch kaum etwas & arbeite nur für sich selbst – im Auftrag des Kameraden Moritz Veitinger zwar, aber das habe sich ja nun leider als Täuschungsmanöver entpuppt. Komplizierte Geschichte. Also warum nähme er nicht die Waffe herunter, man käme ja gerne mit, warum nicht in das nächste Café? Man könnte sich ja vielleicht gegenseitig unter die Arme greifen.
Klar, daß sie darauf nicht eingehen würden. Diese Männer waren eine Gefahr für Sibylle & ich werde sie nicht auf ihre Spur setzten. Aber die kleine Pause nutzen, in der der Gehalt der Worte geprüft wurde & der Druck der Waffe ein klein wenig nachließ…
Der Stämmige schien seinen Anführer auf ein bisher unbeachtetes Detail hinweisen zu wollen: er deutete auf den Laptop, der einem in einer Tasche an der rechten Schulter hing, & öffnete den Mund, in dem wie bei dem Schmalen ein Loch gähnte, zu einem Grunzen.
Das war das Stichwort. Der Hintermann versuchte den Wink seines Handlangers zu deuten (der Druck der Waffe ließ ein wenig mehr nach) – aber es blieb ihm keine Zeit mehr, die Rolle des Geräts zu entschlüsseln, denn schon hatte man zwei Dinge getan: Schulter & Kopf nach rechts gerissen & den Schwung genutzt, dem Unbekannten Muhammadmusa rücklings in die Eingeweide zu rammen. Die Luft entwich ihm wie einem überfahrenen Hydranten das Wasser & ließ ihn in der Mitte einknicken – er trug tatsächlich einen Trenchcoat, wie man aus den Augenwinkeln erkannte. Aber auch der Finger am Abzug blieb nicht ungerührt von dem Schock: mit einem sirrenden Geräusch löste sich eine unsichtbare Salve, zog dicht an Rolands Schulter vorbei & brannte einen glühenden Striemen auf die Backe des Schmalen, der von der Wucht des Streifschusses ins Taumeln geriet, dabei aufheulte wie eine Hausfrau, die eine verbrannte Weihnachtsgans im Ofen entdeckt, & seinem Kompagnon in die Laufbahn kippte, der gerade den ersten Schritt zur Ergreifung tun wollte, nun aber der Länge nach auf den Boden fiel... während man selbst sich rechts unter dem Kerl mit der Waffe vorbeiduckte, um dem Eingeklappten aus dieser finalen Drehung heraus Muhammadmusa mit der breiten Seite an den Hinterkopf zu schmettern & anschließend das Weite zu suchen.
Als man seine Lungenflügel erneut einem Belastungstest unterzog & seine Beinmuskeln zur Milchsäureüberproduktion anregte – diesmal allerdings lief man nicht hinterher, sondern davon –, hörte man die anderen die Verfolgung aufnehmen, ahnte erst jetzt, daß man seine Lage vielleicht nicht verbessert hatte.
Wieder einmal war bewiesen, daß nichts Gutes dabei herauskam, wenn man eine Sache einfach anfing, ohne die Folgen zu schätzen. Wohin rennen? In den dumpfen Gesichtern der Verwunderten, die man auf seiner Flucht streifte, fand sich keine Antwort. Zurück ins Hotel konnte man nicht, dort war man jetzt nicht mehr sicher; eine Kneipe würde einem nur bis zur Sperrstunde Schutz bieten. Wohin? Sollte man nicht dem Drang nachgeben & stehen bleiben?
In Bewegung bleiben, nicht über das Anhalten nachdenken, Haken schlagen, das erworbene Gassenwissen nutzen, erst einmal versuchen, den Gegner abzuhängen, dann über den Zufluchtsort spekulieren... Hinten kam das Echo der Schritte näher, teilte sich, einmal, zweimal – sie versuchten einen einzukreisen, man mußte die anvisierte Route aufgeben, schlug sich nach links & zweimal nach rechts, beschleunigte nochmals, stellte fest, daß man der Orientierung verlustig gegangen, im Kreis gelaufen & wieder in der Gegend des Überfalls angelangt war, aber immerhin nun durch jene Gasse lief, hinter der sich ein großer Platz mit Geschäften anschloß, vielleicht könnte man hier seine Verfolger verwirren? Stehen bleiben, um den Platz zu überblicken, welchen Weg sollte man nehmen, gleich würde einer um die Ecke biegen, wo waren die anderen, war man mit Absicht zurückgetrieben worden? Der Platz eine Falle, tatsächlich: da vorne, ein Schatten, aus war das Spiel, da drüben der zweite, die Umzingelung sollte am selben Ort wiederholt werden, man hatte so viel Abstand zwischen sich & seine Verfolger gebracht, nun aber wurde man in die Mangel genommen, man konnte aufgeben, hier käme man nicht wieder heraus.
Bevor sich das Schicksal erfüllte, wurde man am Arm gepackt von einer Hand, die aus dem dunklen Zwischenraum zweier Häuser hervorschoß, wo kurz zuvor noch eine Holzverschalung gewesen war.
–Leise… Folgen!
Man lies sich von der Stimme ins Dunkel ziehen. Der, zu dem sie gehörte, schloß die Verschalung & schob einen weiter: den schmalen Gang entlang zu einem Hinterhof & die nächste Häuserspalte nach links hindurch zu einem Nachbarshof & durch eine Hintertür in einen kleinen Laden, der einem seltsam vertraut vorkam, einen Laden mit Büchern? Alles war dunkel, man konnte nichts identifizieren. –Leise, wiederholte der andere & drängte an den Regalen vorbei zu einer Toiletten-Nische mit einer kleinen Luke nach draußen. Er stellte sich auf das geschlossene Klosett, zog sich linkshändig am Sims hoch, der Stand des linken Beins etwas kraftlos, & spähte hindurch. Er war untersetzt & vollschlank & vielleicht zehn Jahre älter, soviel ließ sich im Gegenlicht feststellen. –Da kämen sie, zischte er, –Jetzt keine Bewegung! Er zog den Kopf ein wenig ein, durch die Luke war die ausklingende Interferenz dreier Schrittmuster zu vernehmen.
–Wo er hin wäre.
Die Stimme des Trenchcoatmanns. Daneben kehlige Geräusche, die von einem Taubstummen stammen könnten – oder als versuche jemand mit betäubtem Kiefer zu sprechen. Wahrscheinlich der Stämmige.
–Er sei nicht über den Platz gekommen?
Der Schmale wimmerte immer noch.
–Er solle aufhören zu flennen, klang der Trenchcoatmann ärgerlich. –Er wäre ihnen doch in die Arme getrieben worden. Wie sie ihn da entkommen lassen konnten.
Das Wimmern wurde zu einem stoßweißen Atmen, der andere gab wieder die seltsamen Laute von sich.
–Hierdurch könne er nicht gekommen sein?
Ein Schlag auf Holz. Die Verschalung. Der Alte wirkte besorgt.
–Also in die andere Richtung. Nach Links. Nach Links! Sie kriegten ihn noch. & Laurel solle aufhören zu schnaufen. Nein, dafür gebe es keine süße Belohnung.
Schon waren sie weg. Einer von ihnen hatte vor Wut gegen die Bretterwand geschlagen, ohne den Durchschlupf zu bemerken.
–Welchen Fisch er da an Land gezogen habe.
Ein weiterer Untersetzter war hinzugetreten. Er zog das rechte Bein etwas nach, der linke Arm hing ihm wie ein angehefteter Lappen herab.
Man wagte einen kurzen Blick durch die Auslage auf den Platz. Im Fensterglas klebte seitenverkehrt die Laden-Inschrift: h c s d u h c s d a M & h c s… Ach so: Antiquariat Jadschudsch&Madschudsch [Namen geändert]. Die Bücherei, die man vor einigen Tagen durchstöbert & deren Hinterausgang man für die Verwirrung der imaginierten Beschatter genutzt hatte. Die beiden Herren mit dem buschigen Kranz graublonder Haare um die Glatze waren die Inhaber. Zwillinge & an den Extremitäten beeinträchtigt, von denen je eine an ihnen herumschlackerte, als gehörte sie nicht ganz dazu.
–Er solle sich einmal bei Lichte besehen lassen.
Der andere – welcher der beiden? – leuchtete ihm mit einer Taschenlampe grob ins Gesicht.
–Du meine Güte – da habe Jadschudsch ihnen aber was eingebrockt. Es wäre ihm eine Ehre Herrn Iobst die Haut gerettet zu haben, aber jetzt müßte man den Laden wieder verlassen, jaja.
Er packte einen Arm & drängte zum Seiteneingang. Jadschudsch schloß die Luke, stieg von der Toilette & hielt seinen Bruder zurück.
–Das beste wäre, sie ließen Herrn Iobst hier bei sich wohnen. Im Dachgeschoß. Etwas Gesellschaft könne nicht schaden. Im Hotel könne man sich doch nicht mehr blicken lassen – dort würde man den Spürhunden des FAF nur in die Arme laufen.
–FAF? stellte man eine Zwischenfrage.
Madschudsch schenkte seinem Bruder einen vielsagenden Blick, auf den der aber nicht einging.
–Der Freundeskreis Autonomes Franken, erklärte Jadschudsch, –Eine Organisation, die für die Abspaltung des Frankenlandes von Bayern & Deutschland eintrete, deren Fernziele aber die Rückeroberung von Frankreich & Italien sowie die Wiederherstellung der Grenzen des Karolingischen Reiches wären.
–Nordbayerische Sektierer in Südfrankreich?
–Eben nicht Nordbayern, sondern Franken... Der FAF unterhalte überall in Europa Abteilungen – das Languedoc-Rousillon sei immerhin einmal das Grenzgebiet zu den Sarazenen, das Frankenland groß, ziemlich weitreichend gewesen, jaja...
–Könne er nicht seine Klappe halten? mischte Madschudsch sich endlich ein, –Er bringe sie in eine ziemliche Zwickmühle. Wenn sie ihn schnappten, würde sie das direkt zu ihrem Laden führen.
–Er solle nicht so dünnfellig sein, entgegnete Jadschudsch, –Das hier sei vielleicht die Gelegenheit, noch einmal Esprit in ihr Leben zu bringen, etwas wieder gut zu machen...
Man konnte nicht folgen, blieb an der Tatsache hängen, daß der Mann in dem Trenchcoat sich bemüht hatte, Hochdeutsch zu sprechen, aber seine Vokale, vor allem das A, in der Tat einen fränkischen Einschlag nicht völlig hatten kaschieren können.
–Man wolle jetzt bestimmt eine Erklärung, wandte sich Jadschudsch an einen, –Zunächst aber müsse man ausruhen, dem Gesicht fehle die Farbe. Schließlich sei man gerade noch der Folter entkommen. Wahrscheinlich das erste Mal mit einer Waffe bedroht worden, hm? Morgen werde einem alles weitere eröffnet.
Jadschudsch zwinkerte & deutete auf eine kleine Holztreppe, die in den ersten Stock führte.
–Er wolle ihn wirklich logieren? hielt Madschudsch ihn auf.
–Er solle ihm doch eins auf seine alten Knochen verpassen dafür.
Madschudsch zuckte mit den Schultern.
–Feigling, reizte der andere ihn.
–Er biege das nachher nicht wieder gerade.
–Als ob das je nötig gewesen wäre.
–& Neun&achtzig?
Jetzt war es an Jadschudsch, mit den Schultern zu zucken. Madschudsch genoß den Triumph... um dann doch einzulenken:
–Er koche Herrn Iobst erst einmal einen Jogi-Tee für die Nerven, jaja. Das bringe die Lebensgeister auf Trab. Oben könne man derweilen ein Bad nehmen – man sei ja ganz naßgeschwitzt. Handtücher lägen auf der Kommode.
Die Brüder waren ein bißchen wie zwei unberechenbare Stimmen, die im Kopf derselben Person herumspukten, um ihr Handeln nach der einen oder der anderen Seite ausschlagen zu lassen. Eine Art kindlicher Rangelei um die Führung – weil die Beteiligten sich ähnlicher sind, als sie zugeben wollen.
Das sollte man in den nächsten Tagen noch häufig zu spüren bekommen.
***
Am nächsten Morgen besorgte Madschudsch das Ladengeschäft, während man mit Jadschudsch am Küchentisch saß.
–Warum sie ihm geholfen hätten & soviel über diese Verbrecher wüßten? Was Sibylle damit zu tun habe?
–Immer der Reihe nach. Vielleicht solle man zunächst die eigene Geschichte erzählen.
Jadschudsch zündete sich mit links eine Pfeife an & man gab ihm zu lesen, was man in der Nacht des ersten auf den zweiten Mai in der Kathedrale geschrieben hatte. Über Carola, die Bücher, Veiti, Sibylle. Den Rest trug man nach: Die vergeblichen Versuche, das Rätsel des Zettels zu lösen. Die Médiathèque & Raoul.
Muhammadmusa hatte nur eine leichte Delle abbekommen. Zwar ging sein Atem jetzt rasselnder, sonst aber verhielt er sich wie immer.
Jadschudsch hatte die digitalen Aufzeichnungen aufmerksam studiert, während er den Rauch einsog. Nach einer langen Pause, die Pfeife mit links ausklopfend, wandte er sich wieder an Roland:
–Fest stehe einmal der Betrug mit Moritz Veitinger, jaja. Zwar sei nicht auszuschließen, daß es einen solchen im FAF gebe – aber das sei recht unwahrscheinlich. Eine Sibylle kenne er nicht.
–Wieso der FAF hinter ihm her wäre?
–Er vermute, er wäre an dem Buch interessiert, das am Ursprung seiner Stafette stünde, brachte er die Angelegenheit sofort auf den Punkt.
–Ein Spaß, den man doch nur mit sich selber gemacht habe! Wie jemand davon habe wissen können.
–Er habe es keinem erzählt? wurden seine Augen schmal.
–Niemandem, ganz sicher, keinem. Außer – nein! Nein, der nicht. Oliver Gebhard, ein alter Schulkamerad, arbeite im Außenministerium. Der beste Freund sozusagen. Bis... Naja ihm habe man kurz davon erzählt, am Telefon. Dann hätten sie sich gestritten & Oliver ihm geraten, einmal hierher zu fahren. Nein, der komme nicht in Frage.
–In Bayreuth befände sich die Zentrale des FAF...
Es wurde langsam ungemütlich. Oliver? Immerhin – er hatte ihn auch an Carola verpfiffen...
–Was mit ihnen wäre, versuchte Roland die Führung an sich zu reißen, –Den Zwillingen – Zeit für ein paar Gegenfragen.
Madschudsch lugte herein, grantig.
–Er wolle dem Jungen doch nicht alles erzählen? –
–Man habe ein Recht darauf, konterte Jadschudsch.
–Einem Unbekannten ihr Geheimnis enthüllen?
Ein Glöckchen vermeldete einen Kunden & rief Madschudsch zurück in den Verkaufsraum. Er warf dem Bruder einen drohenden Blick zu, den der stumm entgegen nahm. Kaum war Madschudsch verschwunden, legte er los, eine zweite Pfeife (mit links) anfachend:
–Also jetzt sie: er & sein Bruder seien seiner Zeit selbst im FAF aktiv gewesen, jaja. Bei der Gründung im Jahr Acht&sechzig: Da hätten sie noch in Franken gelebt, gerade einmal zehn Jahre alt. Beider Mutter damals etwa in Rolands Alter, jaja – ein freches Fräulein, das zwar mit den jüdischen Wurzeln der Familie nichts anzufangen gewußt, diese Traditionen nicht gelebt, aber als eine, die als Kind die zerbombten Städte gesehen, das Leiden des jüdischen Volkes durch den Verlust der Großeltern am eigenen Leib erfahren & den Mief der Adenauer-Zeit nachher miterlebt habe, eine der ersten gewesen sei, die Ende der Fünfziger gegen die alte Moral aufbegehrten: Sie wäre schwanger geworden & das unehelich. Der junge Vater habe sich davongemacht & sie selbst auch gleich ihre Familie verlassen, bevor sie sie ausstoßen konnte. Dann sei sie mit ihnen im Bauch nach Frankfurt gezogen, habe ein Soziologie-Studium aufgenommen; schließlich die starken Schmerzen noch in der Frühphase der Schwangerschaft im Winter sieben&fünfzig: Sie habe kaum schlafen können & man habe ihr etwas verschrieben, das zwar die Schmerzen linderte, aber dafür zu einer Thalidomidembryopathie führte.
–Thalio-was?
Man hatte den Faden verloren, der Blick sich im Karomuster der Wachstuchtischdecke verfangen, die Brandflecken trug. Sie passten zum Jugendstil-Muster der braunen Tapete. Im Hintergrund beriet Madschudsch noch immer den Kunden.
–Contergan, frisch auf dem Markt. Das Ergebnis sähe man vor sich: Knochenmißbildungen am linken Arm & rechten Bein bei seinem Bruder, am rechten Arm & linken Bein bei ihm selbst. Erst als sich bis Ein&sechzig die Fälle gehäuft hätten, sei das Medikament aus dem Handel genommen worden, jaja. Die Mutter habe bis Neunzehnsiebzig in dem Mammutprozeß gemeinsam mit anderen Betroffenen um eine Entschädigung gekämpft. Mit dessen Einstellung sei es zu einem schäbigen Vergleich zwischen Eltern & Hersteller gekommen: Zwar habe der Bund sich an den Zahlungen beteiligt, aber die Summen, die tatsächlich in die Geldbeutel der Opfer geflossen seien – eine Beleidigung! Mutter habe noch eine Rechnung offen gehabt, sei also neunzehnhundert-ein&siebzig den FAF-Milizen beigetreten – der FAF ihre neue Familie... Zuerst sei das eher ein Jux gewesen, um ein paar Leuten in den Allerwertesten zu treten. Die Abkürzung habe damals noch für Freigeistige Anarchie-Flagellanten gestanden... Aber mit der Zeit sei die Sache aus dem Ruder gelaufen: bald habe der FAF den bloßen Straßenkampf aufgeben – aus dem studentischen Chaoshaufen sei eine straff organisierte Terrorgruppe geworden, jaja, die ihnen ideologiefremde links- wie rechtsradikale Milizen unterstützt habe, um dank der Konzentration der gesellschaftlichen Kräfte auf die von diesen entfachten Gewaltakte selbst im Hinter- & Untergrund agieren zu können. Die Sache im Münchner Olympiastadion sei dann das letzte große Ding gewesen – die Aktion habe denjenigen Stimmen in der Gruppe Aufwind gegeben, die sich für eine Betonung der unauffälligen Methoden ausgesprochen hätten. Anfang der Achtziger, unterstützt von vermögenden Mäzenen aus Oberfranken, sei dann die endgültige Wende zum Geheimbund mit erweiterten Zielen eingeleitet worden. Diese neue Organisation sei nun in Freundeskreis Autonomes Franken umbenannt worden – oder für die Initiierten: Fraternitas Automendonti Franconiae, die »Bruderschaft der geschickten Wagenlenker Frankonias«.
Man schwieg. Der Rauch machte irgendwie schwindelig & Jadschudsch war immer schneller geworden – als wolle er sicherstellen, alle Informationen losgeworden zu sein, bevor sein Bruder zurückkam.
–Die Methoden des FAF seien denen staatlicher Geheimdienste ebenbürtig: der Einsatz von Spionage, V-Männern, Bestechung habe über die Jahre dazu geführt, daß ganz Nordbayern sich heute faktisch unter seiner Kontrolle befinde, jaja – & das schon seit Neun&achtzig, als man heimlich ein unabhängiges Frankonia ausgerufen habe. Der FAF habe sich damals selbst ein Symbol geweiht, zur Identifizierung seiner Agenten: ein normales & ein nach links gespiegeltes F, kombiniert mit einem A, das auf dem Kopf steht.

Jadschudsch malte das Zeichen auf eine Tageszeitung, die auf dem Tisch lag. Das Türglöckchen schepperte, als der Kunde den Laden verließ – Madschudsch mußte jeden Augenblick kommen.
–Bereits Mitte der Siebziger Jahre habe man die Zentrale des FAF von Frankfurt, das zuviel Aufmerksamkeit auf sich gezogen habe, nach Bayreuth verlegt. Damit sei der nächste Strategiewechsel einhergegangen. Getreu dem Motto »Was geschrieben steht ist wahr«, sei man daran gegangen Texte, Dokumente & Schriften von Belang im eigenen Sinne zu fälschen. Deshalb wahrscheinlich auch das Interesse an Roland & dem Buch, die Tatsache –
–Er habe also alles verraten.
Madschudsch war da. Er hielt sich rechts am Farbe abblätternden Rahmen der Tür fest & war nicht in bester Laune.
–Jetzt könne man den Rest auch noch hören...
–Er werde sie vorzeitig ins Grab bringen.
Madschudsch schüttelte den Kopf & trat ein, ein Zeichen der Aufgabe, während sein Bruder ein wenig rot wurde, aber nachsetzte: –Wenigstens nicht als Duckmäuser...
–Wie auch immer, beeilte sich Madschudsch das einmal Begonnene selbst zu Ende zu bringen, den Bruder vom Stuhl scheuchend, –Jadschudsch habe gerade erwähnen wollen, gewisse Umstände hätten zum Bruch zwischen ihnen & dem FAF geführt – sie hätten fliehen müssen, jaja. Er koche übrigens heute einen Kakao mit einem Schuß Chili.
–Gerne.
–Sie hätten gedacht, sagte Jadschudsch, nun (links) an der Tür lehnend, während Madschudsch sich rechtshändig am Herd zu schaffen machte, –Es sei am sichersten, wenn sie zwar Deutschland den Rücken kehren, sich aber in direkter Nachbarschaft einer der Stützpunkte des FAF niederlassen würden. Dort würde sie wohl keiner vermuten... & um die Strategie perfekt zu machen, hätten sie sich des Judentums ihr Mutter erinnert, diese Namen angenommen (die Franzosen hier unten liebten so etwas & erst Recht die Touristen) & den Laden eröffnet. Die Nicht-Tarnung habe nun über zehn Jahre gehalten, jaja.
–Unglaublich.
–Die beiden Männer von gestern, ergänzte Jadschudsch, –Sie hießen Laurel & Hardy. Alle in der Organisation trügen solche Codenamen.
–Sibylle?
–Könnte sein...
–& wer kenne die richtigen Identitäten?
–Nur der Unsägliche, setzte sich Madschudsch wieder auf seinen Platz, während die Milch auf das Erhitzen der Kochplatte wartete.
Man schaute von Madschudsch auf dem Stuhl zu Jadschudsch im Türrahmen & wieder zurück.
–Der geheime oberste Führer des FAF, konkretisierte er –So geheim, daß niemand seinen wahre Identität kenne & er meistens gar nicht – oder wenn doch, dann nur in Verhüllung auftrete, jaja.
–Wie man ihn dann erkenne.
–Er trage das Präputium, erklärte Jadschudsch, –Die Vorhaut Jesu Christi, aus dem berühmten Schatz Karls des Großen, des ersten Kaisers der Franken, in einem Amulett um seinen Hals: als sein Zeichen.
Allmählich stieg einem die Sache etwas über den Kopf. Man mochte die beiden Buckligen, wirklich – aber war sich nicht sicher, ob ihm hier nicht eine grandiose Flunkerei aufgetischt, ein bibliophiler Scherz mit ihm getrieben wurde...
Madschudsch schien einem das anzusehen: –Laurel & Hardy seien damals die Zungen entfernt worden. Jaja, weil sie sich zwar als gefügig, aber eben auch redselig erwiesen hätten. Der Dritte im Trenchcoat sei der Chef der Bande: Colombo. Mit drei O. Der könne, wenn er einmal die Contenance verlöre, zu einem echten Beißer werden...
Das hatte man ja zu Spüren bekommen...
–Diese Dreier-Konstellationen seien sehr beliebt beim FAF, fügte Jadschudsch hinzu, der jetzt (linkshändig) das Würzen der kochenden Milch mit braunem & rotem Pulver übernahm, da Madschudsch wieder im Verkaufsraum gebraucht wurde, –Dennoch sei die Formation um Colombo nur eine der äußeren Struktureinheiten. Auch die anderen Stützpunkte in Frankfurt, Paris, Berlin, Aachen, Rom, verfügten über einen bis drei dieser Trupps, die immer dann eingesetzt würden, wenn die geheimen Methoden nicht mehr weiterhelfen würden. Jaja, sie hätten gleich geahnt, daß Roland, als man das erste Mal den Laden betreten habe, mit denen Ärger bekommen würde. Die Bücher, für die er sich interessiert, die Fragen, die er gestellt habe... Dann sei er erneut hereingeschneit: durch die Seitentür & vorne wieder heraus – da seien sie ganz sicher gewesen, daß sie hinter ihm her waren. Also habe er, Jadschudsch, das brüderliche Verbot ignorierend, sich auf die Lauer gelegt, durch die Toilettenluke die Nachbargasse beobachtet, weil die eine beliebter Ort für Colombos Zangenangriff-Manöver sei.
–Aber wie sie seinen Namen herausgefunden hätten.
–Dank der Kreditkarten-Daten –
–Ach ja, Wagners Mein Leben…
Jadschudsch rührte mit einem Holzlöffel im Topf herum. Allmählich wurde ihr Indiziengebäude ziemlich stabil.
–Er habe sich schon in den Hotels nach einem erkundigen wollen, aber gezögert: aus Angst, die Telefone könnten angezapft worden sein. Da habe der Zufall das Problem gelöst...
–Angenommen man glaube das alles, wollte man endlich zum Ende kommen, –Was das alles mit ihm zu tun habe? Sibylle –
–Sicher eine feindliche Agentin, kam Madschudsch von nebenan, den Laden zur Siesta abschließend; seinem Blick nach zu urteilen hatte er eben einen Einfall gehabt: –Vielleicht sei den Katharern ja etwas in die Finger gelangt, was einmal dem alten Charlemagne gehört habe.
–Eine Schriftrolle zum Beispiel – möglicherweise der Ursprung dieser Stafette, sprang Jadschudsch ihm bei.
–Etwas so Wertvolles jedenfalls, daß die Kirche alles daran gesetzt habe, es zurückzubekommen. Das würde die Radikalität der Verfolgung erklären – schließlich hätte dieselbe Kirche andere häretische Gruppierungen dieser Zeit durchaus toleriert, manche sogar gefördert.
–Wieso hetzten sie einem dann Colombo auf den Hals? Wenn ihn Veitinger nur wegen dieser Urschrift hergelockt habe – wieso sei man dann nicht einfach dem versprochenen Kontaktmann begegnet?
–Könnte von einer Gegenpartei ausgeschaltet & von Sibylle ersetzt worden sein, begann Madschudsch das heiße Getränk rechterhand in drei Tassen zu füllen, die Jadschudsch ihm mit links anreichte, bevor er sich wieder auf den Stuhl setzte, –Das habe ihren Pläne durchkreuzt – sie hätten erst in Erfahrung bringen müssen, was falsch gelaufen war, bevor sie sich ihm offenbarten. Da sie aber wohl weiter im Dunkeln getappt seien, hätten sie es eben mit einem Überfall versuchen müssen.
–& die Ähnlichkeit zu Carola?
–Ob er den Zettel einmal sehen dürfe, streckte Madschudsch die Hand aus, das Thema flink auf etwas Konkretes lenkend.
Man reichte es ihm. Er musterte es sorgsam durch seine Brille, vergaß darüber völlig die trinkfertigen Tassen; er hielt es über eine Kerze, blies etwas Metallstaub aus einer Dose darüber – nichts.
–In der Médiathèque hätten sie damit nichts anfangen können?
–Nein.
–Ob er sich eine Abschrift machen dürfe? Er kenne ein paar kleinere Bibliotheken & Büchereien in der Gegend...
–Man wolle mitkommen, stand man mit recht plattem Hintern auf.
–Auf keinen Fall, wurde man von Jadschudsch einhändig auf den Stuhl zurück gedrückt, –Sie seien mit den Leuten hier bekannt – da sei eine Anfrage nichts Ungewöhnliches. Bei einem Ortsfremden aber habe der FAF schon eine neue Spur... Ob man jemanden kenne, mit dem man eine Übergabe der Sachen aus dem Hotel arrangieren könne?
–Raoul. Den Mann von der Rezeption. Er wisse auch über die Geschichte weitgehend Bescheid, sei also vertrauenswürdig.
–Gut. Er, Jadschudsch, übernehme den Laden & werde morgen früh im Hotel anrufen, mit diesem Raoul sprechen, während Madschudsch dem Zettel nachgehen sollte.
–Ausnahmsweise korrekt geschlossen, bestätigte der Bruder.
–Warum sie das alles für ihn täten?
–Sie hätten sich eben nie eine Familie leisten können, packte Jadschudsch Roland energisch links an der Schulter & Madschudsch, während er ihm rechterhand die Tasse zuschob:
–Jetzt solle er aber endlich seinen Kakao...
***
Die Nacht war ohne Überfall vergangen. Schien für eine Zeit sicher hier zu sein. Wenn man das von einer Organisation behaupten konnte, deren Buchstaben auf einem Mobiltelefon die Nummer Dreizweidrei ergaben, oder, wenn man das Doppel-F nur einfach zählte, Drei&zwanzig. Dreizweidrei – davon ist die Quersumme Acht, eins mehr als Sieben, der Zahl der absoluten Harmonie, also deren einfache Überschreitung, ein Symbol für den Kampf...
Vermerk: bei der nächsten Überarbeitung endgültig entscheiden, ob ich meine Skizze zum Weltenzyklus, basierend auf Drei&zwanzig & Sieben nicht besser doch wieder hier einfüge.
[Es ist unklar, ob Roland in seinen Überarbeitungsphasen nie mehr hierher gelangte & den Plan, seine Unentschiedenheit zu entscheiden, vergaß oder ihn einfach fallen ließ. Jedenfalls fand sich der Text, der wie so viele aus Langeweile während eines Seminars enstanden war, als externe Datei auf der Festplatte Muhammadmusas. Siehe Appendix.]
Rolands Zimmer lag gleich neben ihrem. Schiefe Räume, viel dunkles Holz; ein bißchen viel Biedermeier dominierte die Einrichtung. Die Küche war der größte Raum ihrer Behausung, das Zentrum in braunem PVC mit Jugendstil-Muster. Im Erdgeschoß gab es sonst nur noch den Verkaufsraum, bis an die Dielendecke stapelten sich dort die Lektüren (keine Regale – die Bücher lagen wirklich in lauter beeindruckende Türmchen sortiert...). Roland hatte sich noch in der Nacht ein wenig umgesehen: was er hier alles hätte mitgehen lassen können – seinen Koffer hätte er gefüllt.
–Wieso sie den FAF eigentlich verlassen hätten?
Man saß am Küchentisch, Jadschudsch schreckte Eier ab.
–Das erzähle er vielleicht später einmal.
–Ob es mit ihrer Mutter zu tun habe.
Er klopfte eines der Eier auf den Tisch, schälte es & legte es einem auf den Frühstücksteller. Man beließ es dabei.
–He. Nach eigener Rechnung müßten sie beide im Dezember Vier&vierzig werden. Man wäre gerade Drei&dreißig geworden...
Jadschudsch nickte abwesend & verschwand vorne im Laden.
–Habe man schon von der Strahlenwaffe erzählt? rief man hinterher.
–Was für eine Waffe? kam es laut zurück.
–Colombo habe einem so ein Ding in den Nacken gehalten & behauptet, sie verschieße gebündelte Mikrowellen.
–Sicher nur ein Einschüchterungsversuch...
–& der Striemen auf der Backe des Schmalen?
–Einige der FAF-Leute benützten eine Taser M-sechs&zwanzig, setzte Jadschudsch das Frühstück fort (Eier & Toast), –Aus dem Arsenal der amerikanischen Polizei. Sie verschieße zwei Stromkabel mit kleinen hakenbesetzten Elektroden, die sich ins Fleisch krallten, für fünf Sekunden fünfzigtausend Volt durch den Körper jagten, damit das zentrale Nervensystem & die Muskelkontrolle außer Gefecht setzten, Ergebnis: das Opfer krümme sich fötal auf dem Boden, jaja.
Man stocherte mit dem Löffel in seinem Ei herum. Das war es nicht.
–& die angesengten Haare oberhalb meines Ohrs?
–Er habe einen Straßenjungen beauftragt, das Gepäck abzuholen, mied Jadschudsch das Thema, –Dieser Raoul sei wirklich in Ordnung: Er habe die Sachen aus Rolands Zimmer eingepackt, werde so tun, als ob man weiter dort wohne & jede verdächtige Anfrage mitteilen – unter der Bedingung, daß man ihm von dem Ausgang der Geschichte ausführlich Bericht erstatte, mit bescheidenen Gruß.
Jadschudschs Art gefiel einem nicht.
–Es sei einem noch etwas eingefallen: Sibylle habe doch ein zweites Mal Kontakt herzustellen versucht – mit dieser Nachricht Veitingers vom Anlaß & Grund. Das bestätige doch ihre Verbindung. Dann allerdings könne der nicht zum FAF gehören, da sich Sibylle doch als Störfaktor erwiesen habe: bei ihrer ersten Begegnung schon habe sie davon gesprochen, daß sie beobachtet würde... Vielleicht gehöre er gar nicht zum FAF, sondern zu einer anderen Partei.
–Oder sie wäre gezwungen gewesen, die Rolle des von ihr ersetzten Kontaktmanns noch ein wenig weiter zu spielen, um sich nicht in Gefahr zu bringen. Hm – in jedem Fall sei ihre Beweiskette hier in der Tat noch etwas dürftig. Mal abwarten, was Madschudsch herausbringe.
Das Türglöckchen.
–Die Koffer! Man solle in der Küche bleiben.
Im Laden verhandelte er mit dem Jungen über den Lohn, dann ging die Tür: Jadschudsch zog die zwei Rollkoffer hinter sich her.
–Besser man vergewissere sich.
Nichts fehlte. Sogar die Französischbücher waren noch da. & ein Geschenk von Raoul – ein Mah-Jongg-Spiel, mit einem Brief:
»Monsieur Iobst,
vielleicht hilft das beim Kombinieren. Vergessen Sie den kurzen Stock nicht – ein Haiku von Bashoo lautet:
Nimm die Pfefferschote
& gib ihr zwei Flügel
Sieh, eine Libelle!
Ergebenst,
Raoul
P.S.: Halten Sie mich auf dem Laufenden. Die Nummer des Hotels kennen Sie ja.«
Tage vergingen, in denen Madschudsch Beziehungen spielen ließ & Kollegen besuchte.
–Die Mühen seien umsonst gewesen, aber er gebe nicht so schnell auf. Sie bräuchten wohl nur etwas mehr Zeit.
Sah alles danach aus, als würde ich mein Aufenthalt verlängern.
***
–Warum eigentlich, begann Madschudsch eines Abends, nachdem man ihm alle Aufzeichnungen vorgelesen hatte (schon wieder saßen sie in der Küche), –In allen Büchern der Stafette Musik eine besondere Rolle spiele?
–Außer in den Minima Moralia! Dafür hätte Adorno sich ja in anderen Veröffentlichungen oft mit Musik beschäftigt...
–Ob sich etwas dahinter verberge, grinste Madschudsch, als hätte er einen bei etwas erwischt. Man beeilte sich mit der Verteidigung:
–Da offenbar alle Werke die Sehnsucht nach der Überwindung eines Zwiespalts enthielten, sei es nicht verwunderlich, daß sich dies in der Konfrontation von Literatur mit Musik äußere, um diese Utopie auf ästhetischer Ebene nachzuvollziehen. Es scheine nichts weiter zu sein, als eine Metapher für das, was am Anfang der Stafette stehe – ein Luftbläschen des Geheimnisses, das über die Jahre vom Grund zur Oberfläche der Werke, die auf es verweisen, aufgetrieben sei, um dort mit seinem Zerplatzen jenes Abbild als Ahnung vom Grund zu schaffen.
–& die Häufigkeit der Zahl Drei?
–Die Trinität von Gott-Vater, Sohn & heiligem Geist; das Symbol alles Himmlischen, & eben die nächste Zahl nach der Zwei, dem Symbol aller Gegensätze, angefangen bei Gut & Böse... Für die Katharer dürfte die Drei das Zeichen des Weltendes & der Erlösung von den widersprüchlichen Polen der Materie gewesen sein.
Auf dieses Stichwort schien er gewartet zu haben. Seine Hand rührte wild in der Luft herum, als er loslegte, einen zu ergänzen:
–Jaja, die Drei sei jenseits christlicher Symbolik vor allem aber eine kabbalistische Zahl! Antonin Artaud, der Theoretiker des Theaters der Grausamkeit zum Beispiel behaupte, daß das Leben gewissen Grundgesetzen unterliege, die auf den unzähligen Kombinationen von Dreiheiten beruhe. Es existierten zwei mal drei solcher grundsätzlichen Dreiheiten: Zwischen den Polen Männlich & Weiblich, Ausdehnend & Anziehend, Positiv & Negativ gäbe es der aristotelischen Tugendlehre gemäß eine Mitte – Androgyn, Ausgeglichen, Neutral... Damit habe Artaud auf äußerst einfache Weise die zehn Sephiroth, die Emanationen des En-Sof beschrieben, jaja. Die sechs grundsätzlichen Dreiheiten & die drei daraus folgenden ergäben neun Sephiroth. Die zehnte, Malkuth – das Reich der göttlichen Herrschaft, der Ort der Harmonie der hervorbringenden Sphäre –, schließe alle neun Mächte ein. Eine andere Deutung laute, Gott habe sich in zwei&dreißig wunderbaren Wegen der Weisheit – die Summe aus den zehn Sephiroth & den zwei&zwanzig Pfaden, welche die Sephiroth untereinander verbänden & welche sich in den Konsonanten des hebräischen Alphabets spiegelten – in die Welt eingegraben. Dafür bestünde das Stoffliche nur aus drei Elementen: Wasser, Luft, Feuer. Drei Elemente – wie es auch nur drei kabbalistische Techniken der Dechiffrierung gäbe.
–Gematria, sprang man ihm bei, –Die Mathematik der Wörter: Den zwei&zwanzig Buchstaben des hebräischen Alphabets seien Zahlen zugeordnet, die Quersummen der Worte ergäben bestimmte Werte, von denen die identischen eine neue Wortfolge bildeten… Notarikon, die Technik des Akrostichons: Die Buchstaben eines Wortes bildeten Anfangsbuchstaben anderer Wörter in einem Satz oder die Anfangs- oder Endbuchstaben der Wörter eines Satzes ergäben ein neues Wort… Temurah, die Kunst des Annagramms: Die nach bestimmten Regeln vorgenommene Vertauschung von Buchstaben...
Naja, man wollte halt zeigen, das man mithalten konnte.
–Die Drei sei aber auch in der Antike eine bedeutende Zahl, legte Madschudsch nach, –Vor allem in Verbindung mit Frauen: Die Geschicke der Welt bestimmten die Götter, das individuelle Schicksal aber die Moiren, mürrische Töchter des Zeus & der Themis – Klotho spinne den Schicksalsfaden, Lachesis rolle ihn auf, Atropos schneide ihn ab. Diese Zukunft zu erkennen sei eine Aufgabe der Mantik gewesen, ausgeübt von drei Arten wahrsagender Frauen: die einfachen Chresmologinnen, die Pythien (Priesterinnen des Orakels von Delphi) & die an keinen Gott oder Ort gebundenen Sibyllen – eine Verschmelzung aus Kassandra, Manto & den Nymphen (ihre Prophezeiungen stets im Zustand ekstatischer Berauschtheit & haareraufenden Wahnsinns). Apoll übrigens, der die prophetische Schlange Python getötet habe (die das Orakel ihrer Herrin Gaia bewachte), um Delphi zu seiner Kultstätte zu machen, sei zugleich Apoll Musagetes, der Führer der neun Musen, & Apoll Phoibos, der Gott des Lichts – also der Gott der Künste & der Prophezeiung, jaja! & welche Bücher der Bibel seien es, die seine Guten Menschen, die zahlreichen Widersprüche zwischen Altem & Neuem Testament sehend, als einzige anerkannten? Neben dem Johannes-Evangelium nur die prophetischen Bücher, sechs an der Zahl: Jesaia, Salomon, Hiob, die Psalme, das Buch der Weisheit, die Offenbarung des Johannes… In diesen Büchern gebe es drei Stellen, wo eine Schriftrolle besonders erwähnt werde: zweimal werde sie mit dem Himmel, also der Drei gleichgesetzt, einmal meine sie das Buch der Apokalypse.
Madschudsch zauberte eine Bibel unter dem Tisch hervor, mit kleinen Zettelmarkierungen darin, & hielt sie einem unter die Nase.
–Hier, Jesaja Vier&dreißig, Vier: »Die Gestirne zerfallen & der Himmel rollt sich ein wie eine Buchrolle.« Offenbarung Fünf, Eins ff.: »Ich sah eine Buchrolle in der Hand dessen, der auf dem Thron saß. Sie war innen & außen beschrieben & mit sieben Siegeln verschlossen.« Offenbarung Sechs, Vierzehn: »Der Himmel verschwand wie eine Buchrolle, die man zusammenrollt«, ließ er die Bibel zusammenklappen & wieder verschwinden, um noch einen draufzusetzen, –Nicht zu vergessen der ganze germanische Komplex mit den drei Nornen, jaja: Urd das Gewordene, Verdandi das Seiende & Skuld das Werdende – die nordische Idee von den Moiren des Schicksals, die am Fuße der Weltesche Yggdrasil säßen, dessen drei Wurzeln von drei Brunnen genährt, daran nagend Nidhögg der Drache, auf dem Wipfel sitzend ein Adler, das Eichhörnchen Ratatoskr die Nachrichten hin & hertragend dazwischen... Dann die drei Reiche Utgard, Mitgard & Asgard, das Lesen der Zukunft aus Vogelflug, Losorakel & Runenstäbchen, auch hier übrigens vornehmlich durch Seherinnen –
–Was für Zinnober er dem Jungen auftische.
Da war er plötzlich, Jadschudsch. In letzter Zeit schienen die beiden die Rollen getauscht zu haben. Je mehr Madschudsch in die Geschichte eintauchte, desto tatendurstiger wurde er, während Jadschudsch den Bruder zu ermahnen begann.
–Er versuche nur die Bedeutung der Ziffern ins Spiel zu bringen, vielleicht helfe das irgendwie weiter. Immerhin, dies galt wieder mir, –Sei Musik ja auch eine mathematische Angelegenheit.
–Man habe ja selbst eine Schwäche für solche Überlegungen... Zur Lösung des Rätsels aber sehe man darin kein passendes Mittel.
–Hm.
–Madschudsch sei eben doch ein falscher Jude: Behaupte, sich mit der Kabbala auszukennen, & habe weder das Buch Bahir noch das Buch Sohar oder das Sefer Jezirah je gelesen, jaja. Nicht die größte Bibliothek der Welt könne ihn davon abbringen, immer wieder mit seinem Halbwissen anzugeben.
–Was habe er da gerade gesagt? klang Madschudsch mit einem Mal aufgeregt.
–Daß er ein Täuscher sei – kein Viertel der Bücher, die er seinen Kunden vollmundig anpreise, kenne aus eigener Anschauung. Er beziehe sein Wissen nur aus zweiter Quelle: aus Auslegungen, Kommentaren, Kritiken.
–Das andere, das über die Bibliothek, fuchtelte Madschudsch.
–Nicht die größte Bibliothek der Welt könne ihn –
–Das sei sie – die Lösung! Direkt vor ihren Augen. Was für Dummköpfe sie wären.
–Was denn?
Endlich setzte sich Jadschudsch zu uns. Man zuckte mit der Schulter.
–Warum sie es nicht verstünden. Die größte Bibliothek der Welt! Deshalb habe ihnen auch niemand mit der Kartei helfen können. Was habe Sibylle noch gleich zu einem gesagt?
–»Suche dann in einem großen Archiv.«
–Ach so, höhnte Jadschudsch, –Ein wirklich großes… Nicht unsere kleine Médiathèque – vielleicht die Deutsche Nationalbliothek? Nein, noch größer.... Aber es gäbe da ein Problem: Cäsar habe schließlich dafür gesorgt, daß von Alexandria nichts mehr übrig sei, oder?
–Keine unqualifizierten Bemerkungen! Die Bibliothek von Alexandria sei nicht durch Cäsar vernichtet worden, der, im Palastbereich eingeschlossen, dem ägyptischen Mob mit Feuer habe begegnen müssen, um nicht von seinen Schiffen abgeschnitten zu werden. Es seien lediglich die Hafenmagazine verbrannt, in denen sich die noch unkatalogisierten & ausgelagerten Bücher befunden hätten. Das wahre Ende der Bibliothek sei dreihundert Jahre später von Kaiser Aurelian, anläßlich der Belagerung Alexandrias zur Niederschlagung des Palmyra-Aufstandes herbeigeführt worden, jaja – aber zu diesem Zeitpunkt seien Bestand & Bedeutung zumindest der Bibliothek im Museion nur noch gering gewesen, ruiniert von Militärs & Beamten... Das kostbare Inventar ihrer Schwester im Tempel des Serapis aber sei erst weitere dreihundert Jahre später vernichtet worden, als Alexander der Große vor den Arabern kapituliert habe – man habe sie den Thermen der Stadt zum Heizen gegeben: für Bücher, die dasselbe sagten wie der Koran, hätten die Araber keine Verwendung gehabt & erst recht nicht für die, die etwas anderes sagten… Wenn er mehr Auslegungen, Kommentare & Kritiken läse, wüßte er das. Es läge doch auf der Hand, was er meine.
–Nein. Aber er fühle sich schon viel schlauer.
–Eine Bibliothek, groß wie die Erde & immer geöffnet…
–Närrischer Mensch. Zeit ins Bett zu gehen, wandte sich Jadschudsch wieder zum Gehen.
–Moment, hielt man ihn auf, –Eine Bibliothek, so groß wie der Erdball & jedem jederzeit zugänglich: das Netz!
–Bingo, knallte Madschudsch die Faust auf den Couchtisch, & Jadschudsch: –Also darauf einen Earl Grey mit Rum.
Noch in der Nacht verband man sich über den Verwaltungscomputer.
–& jetzt?
–Einfach die Zeichenfolge der Karteikarte in die Suchmaschine eingeben, empfahl Madschudsch.
Man tippte »Deficit! Hist. CCM. Fas. Mag. Kar. 13 X 23 Ann. Lib. 7.6255975 Deficit!« in die Maske.
Return.
Mehrere Treffer erschienen. Aber nur eine einzige Seite, die in Frage kam: www.dreizeichen.net. [Adresse geändert]. Man klickte darauf. Das Programm arbeitete – ein Eingabefeld erschien:
»Seite ist geschützt. Bitte siebenstelliges Paßwort eingeben.«
Madschudsch stieß Luft aus. Hier endeten wohl ihre Bemühungen.
Man blickte vielsagend hinüber zu Jadschudsch. Der nickte.
»S-I-B-Y-L-L-E«
Return.
»Paßwort korrekt.«
»Es ist am sichersten, wenn die Informationen über diese Seite, zu Ihnen gelangen. Mein Name tut nichts zur Sache. Der Freundeskreis Autonomes Franken ist hinter Ihnen her. Sie wollen, daß Sie Ihr Projekt zu Ende bringen & haben Ihnen dafür den Urlaub verschafft. Ihre Annahme war, in dieser Umgebung würden Sie ganz zwanglos dazu inspiriert werden. Ich hätte Sie von dem Immobilienauftrag überraschend entbinden sollen. Wenn Sie nicht zügig vorankommen, wird man Sie gefangen nehmen & zwingen.
Sie bewegen sich auf ein Ziel zu, das Sie auf keinen Fall erreichen dürfen. Es gehört nicht in deren Hände. Fälschen Sie es. Werfen Sie ihnen etwas vor, das sie eine Weile beschäftigt. Der FAF kann keine Zeugen gebrauchen.
Wie man so etwas fälschen soll? Sie werden einen Weg finden. Fahren Sie nicht in Ihre Geburtsstadt. Achten Sie auf Ihre Freunde. Jemand hat den FAF auf ihre Spur gesetzt. Meiden Sie Herren in Trenchcoats, wenn sie von zwei Stummen begleitet werden. & versuchen Sie nicht mich zu finden. Wir werden uns nicht wiedersehen.«
***
Man mußte hier weg & mit Oliver reden. Hatte er vielleicht wirklich jemandem von Rolands Spinnereien erzählt? War er vielleicht doch Teil eines großen Komplotts gegen Roland?
Ich werde Sibylles Rat in den Wind schlagen. Schließlich war man Schuld an ihrem Auffliegen. Hätte man nur die Bedeutung der Karte rascher entschlüsselt & sich nur nicht so auffällig verhalten, in der Médiathèque & als man nach ihr suchte...
Dabei hatte sie ihm einen zweiten Hinweis zukommen lassen, dem vom Anlaß & Grund. Ja, er mußte von ihr stammen & nicht von Veitinger. Nur ein Carola-Double konnte diesen Vergleich kennen – sie hatte sich nur seinen Namen geliehen.
Raouls Interpretation war also nicht die einzige – es gab nicht nur Anlaß & Grund für seinen Südfrankreich-Aufenthalt, sondern auch Anlaß & Grund für Veitingers Anruf. Er hatte das Gespräch damit eröffnet, daß er über das Netz an die Nummer geraten sei, denn man hatte dort ja Werbung für Past&PR gemacht. »Suche dann in einem großen Archiv.« Sie hatte mich auf das Netz hinweisen wollen.
Noch einmal werde ich sie nicht enttäuschen.
Am nächsten Morgen verließ man die beiden, stieg in den Zug nach Montpellier & nahm von dort den ersten Flieger in die Hauptstadt. Hans-Dietrich Genscher hatte inzwischen als Schlichter mit historischer Erfahrungsmacht die Debatte um die Pilotengehälter der Lufthansa beendet: sie erhielten einen zwölfprozentigen Zuschlag – zweihundertdreißig Millionen.
Man war kein Anhänger von langen Verabschiedungen, hatte sich mit den Zwillingen wortlos über die Schulter umarmt. Andernfalls hätten sie wohl auch ziemlich komisch ausgesehen: auf das gesunde linke & rechte Bein gestützt, den gesunden rechten & linken Arm gehoben – ein Muster wie ein gefaltetes Tintenklecksbild in einem Rohrschachtest. Bis zuletzt hatten sie miteinander gestritten, ob sie einen ziehen lassen sollten.
–Sie sollten sich ein Haustier anschaffen: zur Überwindung ihrer Meinungsverschiedenheiten.
–Wenn man sie im Gegenzug irgendwie an dem Fortgang der Geschichte teilhaben ließe…
Man hatte auf Muhammadmusa geklopft & genickt.
Erst beim Auspacken bemerkte man den antiquarischen letzten Band der Alif laila wa laila, der Geschichten aus tausend&einer Nacht, & darin die Nachricht:
»Lieber Roland,
vielleicht helfen die Erzählungen der Scheherazade dir ja dabei, deine schneller aufs Papier (bzw. in den Computer) zu bringen. Wir drücken alle Gelenke dafür.
In Verehrung,
Jadschudsch&Madschudsch
P.S.: Wir werden bald von hier fortgehen. Unsere Nicht-Tarnung ist nicht mehr sicher. Du brauchst also kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn du dich einmal verplappern solltest. Halte dich an Raoul, wenn du Kontakt aufnehmen willst. & sei so lieb, diesen Zettel zu vernichten.«
Eine Mah-Jongg-Spiel & ein Band arabischer Märchen. Fein, Fein.

Überall diese kleinen schwarzen Dinger. Sie quollen aus den U-Bahn-Schächten, klebten an der Straßenbahn, wuselten die Rinnsteine entlang, ließen sich mit ihren Stummelflügeln von den ersten Hitzeturbulenzen antreiben, unfähig die Richtung zu steuern, trunken vor Geilheit. Wie Popcorn im Windkanal kollidierten sie reihenweise mit angewiderten Passanten & fielen aufs Pflaster, um von panisch quiekenden Frauen zertreten zu werden. Es war wie die verspätete Verkündigung des biblischen Endes: während man durch die Straßen der Hauptstadt schlurfte, waren Hekatomben von Flugameisen auf der verzweifelten Suche nach ihrer zu befruchtenden Königin.
Die Stadt hatte sich verändert. Zwar waren noch immer an allen Ecken & Enden die vergeblichen Mühen im Gange, die Furunkel der Geschichte auszuschneiden; die Restaurierungsarbeiten am Brandenburger Tor verhüllt vom Banner der Telekom, die Baustellenkräne aus der Museumsinsel hervorragend…. Ende Mai aber hatte sich die desolate Lage im Finanzhaushalt durch die zusätzliche Schuldenaufnahme zugunsten der defizitären landeseigenen Bankgesellschaft dramatisch verschlechtert & in der SPD den Plan reifen lassen, die Regierungs-Koalition zum Platzen zu bringen. Während Labour in Großbritannien mit knapp ein&vierzig Prozent der Stimmen bei den Unterhauswahlen weiterregieren durfte & Tony Blair einen »historischen Moment« reklamierte, wurde nach langem Tauziehen am siebten Juni die mit zehn Jahren dienstälteste Große Koalition in Deutschland aufgegeben zugunsten des Schreckgespenstes einer möglichen Regierungsbeteiligung der Altsozialisten. Der nächste Schock ließ nicht lange warten: auf einem Sonderparteitag der Berliner SPD bekannte der Spitzenkandidat für das Amt des Interimsbürgermeisters, er sei schwul & das sei auch gut so. SPD & Grüne wählten zwei Tage später gemeinsam mit der PDS den Bürgermeister & vier weitere CDU-Senatoren ab, um einen rot-grünen Übergangssenat unter dem bekennenden Homoerotischen vereidigen zu lassen.
Vielleicht hatte man Oliver doch Unrecht getan, war ein schlimmer Reaktionär? Man wollte ihn ja sowieso aufsuchen. Ich werde es wieder ins Lot bringen.
–Oliver sei wegen der Wahlen in London. Vermutlich feierten sie dort. Seine Rückkehr werde für Anfang Juli erwartet.
So teilte es mir Olivers neuer Liebhaber Lebensgefährte Freund in der Tür stehend mit, ein braungebrannter Italotyp. Man wollte sich nicht mit ihm näher bekannt machen, obwohl er einen auf einen Umtrunk hereinbat. Jedenfalls nicht so ganz allein ohne Oliver. –Man habe sich nur kurz aus dem Urlaub zurückmelden wollen.
Da einem nichts anderes übrig blieb, begann man die Ausarbeitung der Aufzeichnungen & nahm endlich mal wieder Kontakt zu dir, Arni, auf. Du arbeitetest gerade an einem Roman: einem Projekt, über das du nicht sprechen wolltest. Deshalb wagte ich nicht zu hoffen, daß du viel Zeit für mein Anliegen hättest – aber du wolltest es dir einmal ansehen. Vielleicht ließ sich damit ja wirklich etwas verdienen? Auf dem Anrufbeantworter nur neun besorgte Nachfragen der Eltern...
Vielleicht war es ein Fehler, dich einzubinden, aber – dem Vorbild der Zwillinge & der verschleierten Sibylle folgend – was könnte mich besser schützen als eine Veröffentlichung?
Ewig würde die vorgezogene Erbschaft schließlich nicht reichen.
[Das erste Viertel dieser Datei ist verstümmelt. Die Lücken sind entsprechend mit /.../ gekennzeichnet worden. Über die Ursachen gibt Roland später selbst Auskunft. Ersatzweise hat er einige wenige Passagen nachträglich hinzugefügt & mit einer entsprechenden Kennung versehen.]
Die Wohnung lebt. Pulsiert im Rhythmus der Maschinen. Schon wieder fünf Minuten verronnen: der Kühlschrank springt an – mit Wehklagen über die vergebliche Mühe, von seiner Bindung an die Steckdose loszukommen. Der Abfluß in der Spüle antwortet nach zehn Minuten, stößt überschüssige Luft auf, in satter Zufriedenheit mit seinem Job als Alles-Schlucker. Die Birne der Schreibtischlampe sieht das ganz anders: noch bevor der Kühlschrank zu Stöhnen anfängt, ist sie bemüht, älter als die beiden anderen zusammen, sich selbst ihr Ende zu bereiten – das Halogenchen flackert, brutzelt & sirrt vor bloßer Willensanstrengung zu verlöschen. Die Gnade ist ihr nicht vergönnt, weiterhin muß sie ihr induziertes Lächeln herzeigen.
Souffliert von den Stimmen des Zuhauses pinselt man wie einst Rudi Dutschke ins Tagebuch. Achtzehnter Februar Neunzehnhundert-drei&sechzig – erster Eintrag für Urischka, so behaupten die QuellenSie hat einen anderen erhört, da hat er begonnen, die Möglichkeiten & Tatsächlichkeiten des Lebens-Laufs festzuhalten.
Urischka. Wer war Urischka?
Die Witwe hat das Tagebuch nicht zum Druck freigegeben.
»Sie bewegen sich auf ein Ziel zu, das Sie auf keinen Fall erreichen dürfen…«
Schreiben wie Rudi – wer das könnte. Aufzeichnungen, ja, aber mit Mißtrauen gegen die kalte Teilnahmslosigkeit der Daten. Stattdessen Selberlebensbeschreibung: Verschiebung & Verdichtung zu einer lesbaren Geschichte.
Dutschke nun tot, die Niederschriften fünf Jahre & drei&siebzig Tage vor der eigenen Geburt begonnen. Wäre er heute ein Minister?
Nachtrag: Alles stehen lassen. Nichts durchsehen, sich nicht abarbeiten, auf Metamorphosen verzichten. Keine Nachträglichkeiten: Die gefrorene Zeit mit bloßen Händen anfassen.
Keine Angst vor der Kälte, den Erfrierungen haben – dieser Haltlosigkeit, die man erfährt, wenn man aus den Untiefen des Bahnhofs Alexanderplatz der Rolltreppe entgegen ans Licht eilen will, im Taumel der Möglichkeiten schon beherzten Schwunges den Fuß auf den ersten Stufenstahl setzt, blind wie Ödipus für die Tatsachen – & für einen Moment den Halt verliert, vom Boden abhebt & ihm entgegen stürzt, da die Treppe sich unverhofft gar nicht in Bewegung befindet…
Wer war Urischka. War sie zum Verhüllen gezwungen, wenn sie ausging? Gab sie Dutschke den Laufpaß – weil sie das Licht scheute?
Fünfter Juli. Hannelore tot in ihrem Haus in Oggersheim aufgefunden. Spiegel titelt: »Frau im Schatten – Die Tragödie der Hannelore Kohl«... Die wissen nicht, was eine Tragödie ist: dramatische Ironie, selbstverschuldetes, aber auswegloses Unheil – doch keine Krankheit...
Jetzt keine kalten Füße bekommen. Lachen über steigende Heizkosten, weil man von einem inneren Brand verzehrt wird, der Flamme des Gedankens – & sich zugleich zurückziehen abschotten einbunkern.
»Fälschen Sie Ihr Werk…«
Das Kerzenspiel weiterspielen. Was ins Rollen gerät, läßt sich nur außerhalb des Systems stoppen – eine der neun unverrückbaren physikalischen Fundamentalkonstanten. Hat man sich einmal freigekämpft aus dem Luftschutzkeller, möchte man auch den Lichtblitz sehen: Die Erleuchtung, die selbst allergische Reaktionen, Juckreiz & Bläschenbildung, Entzündung & Nekrolyse wegbrennt, die der Fluch Hannelores war.
Sechster Juli.
PROJEKT: DIE OBSKUREN GESÄNGE (V)
Im Goldenen Topf spielen ein Dreiklang & drei grüngoldene Schlangen eine bedeutende Rolle im Kampf der weißen Magie gegen die schwarze, zwischen deren Fronten sich unversehens der junge Student Anselmus begibt, der nicht mehr zw /.../ terscheiden weiß. Das »Märchen aus der neuen Zeit« ist in zwölf »Virgilien«, Nachtwachen, eingeteilt. Hinweis vermutlich in der zweimal dritten, also sechsten, zentralen Virgilie, worin erstmals der titelgebende Topf, Schlüssel zum Reiche Atlantis, & Archivarius Lindhorsts azurblaue Bibliothek /.../
Nachtrag: Warum verweist Wagner nicht auf Nietzsches Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik mit dem fruchtbaren Zwist von Apoll & Dionysos, der Kraft der harmonischen Ordnung gegen den Urwillen des gestaltlosen Chaos?
Nietzsche zu prätentiös. Ahnte aber, daß der verehrte Wagner Teil einer Tradition war, an der er keinen Anteil hatte. Deshalb die Geburt der Tragödie mit ihrer Widmung an ihn – ein Versuch, sich einzuschmeicheln. Bekanntlich erfolglos. & seine Interpretation der zwei Ströme obszön & verhauen, zum Beispiel in den Unzeitgemäßen Betrachtungen: »so soll hier ausdrücklich mein Zeugnis stehen, daß es die deutsche Einheit in jenem höchsten Sinne ist, die wir erstreben & heißer erstreben als die politische Wiedervereinigung, die Einheit des deutschen Geistes & Lebens nach der Vernichtung des Gegensatzes von Form & Inhalt, von Innerlichkeit & Konvention.«
Zweiter Versuch dann mit Wagner in Bayreuth. Später gezwungen, sich von Wagner zu distanzieren – nach einer Aufführung des Parsifal... Anschließend Rache des Schmollenden: Der Fall Wagner sowie Nietzsche contra Wagner. Er findet keinen Eingang in das System, also schwingt er den Hammer, macht den Zertrümmerer, verkündet die Umwertung der Werte...
Hegel nicht vergessen! Dialektik von Herr & Knecht. Satz als Übergang vom Subjekt zum Prädikat. Anders-Sein gegen An-sich-Sein. Alles Wirkliche vernünftig, alles Vernünftige wirklich. Großer Anhänger der Dreiheit: Triade von These, Antithese & Synthese; subjektiven, objektiven & absolutem Geist als Selbstbewegung des Denkens & der Wirklichkeit. Auch er Meister des dunklen Stils, auch bei ihm prophetisches Element.
Dann die Umdrehung im Materialismus bei Marx: Antagonismus von Produktivkraft & Produktionsverhältnis. Triade von Erkenntnis, Kritik & Handeln.
Nein – sie beide keine Eingeweihten. Nur kompensatorischer Versuch einer eigenen Interpretation des Geheimnisses, um die Initiierten aus der Reserve zu locken. Oder nur historischer Zufall? Jedenfalls deuten sie die zwei Ströme als abstrakte Mächte (des Geistes, des Materialismus), deren Streit im Verlauf der Geschichte vollendet & überwunden werde. Es ist jedoch von konkret handelnden Mächten auszugehen – ihre Kontroverse ein endloser Stellungskrieg.
Die Folgen der Hegel-Marxschen Interpretation sind ja bekannt.
Das Berliner Oberverwaltungsgericht bestätigt ein Urteil, wonach die Liebes-Parade nicht als politische Demonstration gelten könne.
Siebter Juli. Noch nicht an Oliver herangekommen. Niemand öffnet die Tür. Der neue Freund Richard wahrscheinlich ausgeflogen. Ab ersten August dürfen die heiraten... Vermutlich Flucht zu den anderen Junggesellen – man schiebt einen Zettel durch.
In der Bertolt-Brecht-Bibliothek eine Einführung in den Zen-Buddhismus entdeckt. Weisheit des Lao-tse:
»Der Weg schuf die Einheit.
Einheit schuf Zweiheit.
Zweiheit schuf Dreiheit.
Dreiheit schuf die zehntausend Wesen.
Die zehntausend Wesen
Tragen das Yin auf dem Rücken,
Das Yang in den Armen.
Der