Zweiter Teil (auf CD-ROM): OR

We will go 'tandem'
As man and wife,
Daisy, Daisy!
'Peddling' away
Down the road of life,
I and my Daisy Bell!
When the road's dark
We can both despise
P'licemen and 'lamps' as well;
There are 'bright lights’
In the dazzling eyes
Of beautiful Daisy Bell!

Harry Dacre: Daisy Bell (A Bicycle Built for Two), 1892

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Im Juni, zur Sommersonnenwende. Ist man nun reif dafür ich zu schreiben, wenn man wieder aufs Rad steigt? Kann sich nicht je­derzeit plötzlich ein Graben vor einem auftun, den man hinab­stürzt, in das unendliche Weiß zwischen den Buchsta­ben, das Ver­gessen & die Erschöp­fung, die zum Schluß machen führen?

Wie ich befürchtet hatte, rächte sich

Das ich doch lieber zu vermeiden versuchen... Falls einen aber die Umstände nöti­gen? Dann nur von einem schreiben, der von ei­nem fernen Horizont zu einem s­chaut, der man viel­leicht einmal sein wird, wenn man jene Identität ak­zeptiert hat.
Die Benutzung Muhammadmusas trägt sowieso dazu bei: Die elek­tronische Maschine hat einen merkwürdigen Abstand zwi­schen der Feder (der Hand) & dem Papier (dem Bild­schirm) ge­schaffen; in dieser eingeschobenen Schnitt­stelle exis­tiert eine Sphä­re, in der das Werk auf unheimliche Weise manipu­liert wird. Lö­schen, um­formulieren, um­stellen, vertau­schen, neu forma­tieren – ist der Text erstmal in Nullen & Einsen zerlegt, ma­chen die­se Werkzeuge sich selbständig & beginnen den Prozeß zu er­obern. Schon sind es nicht mehr die eigenen Aus­flüsse, son­dern die ei­nes Doppelgäng­ers, der sei­ne Eigenständig­keit ein­fordert, in­dem er mit dem Fu­tur oder dem Konjunktiv Abstand von mir nimmt: Das werde nicht, könnte nicht ich sein, der das schreibt...
Deshalb drucke ich nichts aus – das gäbe ihm einen Körper.

Wie er befürchtet hatte, rächte sich die am ersten Mai außer Kontrolle geratene Handlungsenergie, diese neue Erfahrung des Nicht-Auf­hören-Könnens, die alle war­nenden Bot­schaften des Körpers betäubt hatte.
Nicht nur, daß ich gerannt war wie seit Jahren nicht; mehr als zu der Zeit, als der Nachbarshund einem hintergejagt hatte, weil sein Herr­chen Opfer von Klingelstreichattacken geworden

Könnte wirklich ich es sein, Arni, dem all dies ge­schieht?
Sibylle. Du hattest den Namen ausgesprochen wie eine, die sich in Gesellschaft hinter einer Larve verbarg – wie man selbst. Dein Blick hatte sich in diesem Moment abgewandt… weil das Wort nicht dich ge­meint hatte. Es war ein Zei­chen, deine Chiffre, hinterlas­sen, da­mit man sich auf deine Fährte setzt. Wird man herausfin­den, wer du wirklich bist?
Muhammadmusa. Sollte man die Magie nutzen, die schon dein Name verspricht, & jetzt, im Augenblick ihrer Fixierung in dei­ne Speicher, die schiefen Gescheh­nisse der letzten zwei Mo­nate ge­raderücken – die Irr­wege des Intellekts & die Weisheit Raouls; die Be­deutung von Parzival & Sibylla; den Angriff des Tri­os, dem man nur Dank deiner Schlag­kraft entkam; den Mut der Zwillinge, die das Geheimnis des Zettels lüfte­ten? Oder einer an­deren Versu­chung nach­geben – die Tatsa­chen leug­nen, ihre mögli­chen Per­mutationen errechnen & nur die wahrscheinlichsten auf­schreiben?

Zurück in der pißwarmen Haupt­stadt, vermißt man die stimulier­ende Kälte der Ka­thedrale. Dennoch: jetzt, da man die ersten Schritte zur Lösung der Rätsel hinter sich hat, muß aus den Ein­tragungen der letzten zwei Monate – Noti­zen, die nicht so leicht trügen können wie das Gedächtnis, das beim letzten Mal alleiniger Helfer war – endlich Erzählung werden.
Verzeih, lieber Arni, daß du so lange aushar­ren mußtest, es ging einfach nicht früher. Zu­sammen mit Mu­hammadmusa & mei­nen Fingern, die mir Feder & Schwert sind, bist du der ein­zige Treue auf meiner Radtour – mein Pansa, mein Watson, mein Sherasmin: man hat wirklich kein Recht, dich so zu behandeln.

***

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Wie befürchtet rächte sich die am ersten Mai außer Kontrolle geratene Handlungsenergie, diese neue Erfahrung des Nicht-Auf­hören-Könnens, die alle war­nenden Bot­schaften des Körpers betäubt hatte.
Nicht nur, daß man gerannt war wie seit Jahren nicht; mehr als zu der Zeit, als der Nachbarshund einem hintergejagt hatte, weil sein Herrchen Opfer von Klingelstreichattacken geworden war… Man war ja auch kurz nach dem Aufprall, obwohl man schon ausgezählt worden war, gleich wieder aufgestanden, zu­rück ins Hotel marschiert, als hätte man mehrere mit Wodka vermischte Aufputschmittel im Magen (stand also, wie man sich das so vorstellt, zugleich unter präkoitaler Anspan­nung & post­koitaler Erschöpfung...), hatte dort vor sich hin vegetiert, ein Bad genommen, den Zettel entdeckt, mehrere Überlegungen ange­stellt & mehrere Ent­schlüsse gefaßt, sich aus feierlichem Anlaß keinen Champa­gner, sondern Kirschlikör kommen lassen, nichts zu Abend ge­gessen, sich in die Kathedrale eingeschlichen, dort bis nach Mitternacht ausgeharrt; anschließend sieben Stunden lang mit wenigen Unterbre­chungen Muhammadmusa behäm­mert, ge­legentlich weiter an der Li­körflasche genippt & korrespondierende Ideen gehabt (& dreimal den Gang zum Taufbecken angetreten, um dorthinein, wie es sich für einen Satanisten gehört, die Konfirmandenblase zu entleeren), aber im­mer noch nichts ge­gessen, der Kälte & dem Dunkel & dem Kno­chenpochen getrotzt; sich erneut ver­steckt & nach Öffnung der Kathe­drale davon­gemacht, ein Taxi zurück zum Hotel genommen, um darin immer wie­der wegzu­nicken (was der Fahrer für ein paar Extra­runden genutzt hat­te, wie man der Quittung später zu entnehmen glaubte), hatte wieder ein Bad genommen, sich dabei endgültig vom Schlaf über­mannen lassen – war aber vom Eindrin­gen des Wassers in die Nasenlö­cher wieder auf­gewacht & ins Bett geschlurft (um es den Tag & die Nacht nicht mehr zu ver­lassen); dann an dem entsprechend­en Vormit­tag wieder aus der Unterwelt zurück­gekehrt, weil sich die Blutergüsse & Eingewei­de & Knochen bei jeder Verschiebung des Kör­perarrangements mit Ziehen Stechen Klopfen bemerkbar ge­macht hat­ten & das Magen­knurren schon alle anderen Geräusche erstickte.

Man brauchte sich nicht zu wundern, daß es einer vollstän­digen Woche bedurfte, bis man wieder zu einem gewöhnli­chen Tages­ablauf fand – zumindest einem, der fern von zu Hause so ge­nannt werden konnte.
Man ließ sich die Mahlzeiten aufs Zimmer bringen, kam ein­mal auch in den Genuß einer deutschen Zeitung vom Vor­tag. Als erstes der Wetterbe­richt – wechselhaft natürlich, dann: der Anspruch der Haupt­stadt als neue Mitte der deutschen Siedlungen hat­te auch am ersten Mai ent­sprechende Ergebnisse erzielt – Neuntausend Poli­zisten waren wegen der Krawalle & Straßenschlachten im Ein­satz gewesen & hatten sechs­hundert Personen festgenommen. Das war der Spitzenplatz unter den Orten, an denen insgesamt viertausend NPD-Anhän­ger mit Auf­märschen zu Aus­schreitungen provoziert hatten. Daß man dem ent­kommen war, gab einen Grund zur Besserung.
Man war dann ja auch einige Star-Trek: Next Generation-Folgen & heiße Fichtelölbäder später annähernd auf For­dermann gebracht.
Oje. Man war noch immer ohne wirkliche Auskunft, hatte auf eigen­e Rech­nung gelebt, hätte also den Zimmerservice, die Mini­bar & das Be­zahlfernsehen vielleicht nicht so ausgiebig be­anspruchen dürfen...
An der Rezeption ließ man Raoul, dessen Oberlippenbart wieder von Lustigkeit schmalgezogen wurde – unheimlich im Kontrast zu den zwischen den Lippen hervor­springenden Gold­kronen –, keine Gelegen­heit, das Gespräch zu eröffnen:
–Wie hoch die Rechnung sei.
Man versuchte einen sachlichen Tonfall, der klarstellen sollte, wo die Zuständigkeit des anderen endete.
–Ein Monsieur Veitinger habe schon vor ein paar Ta­gen alle Ausga­ben übernommen & ausrichten lassen, Monsieur Iobst könn­e sich zwei Monate Zeit lassen.
Raouls Akzent (»´abe ausrischten lassen«… – den schreibe ich nicht aus, ist mir zu anstrengend, das mußt du dir vorstel­len Arni…) gesellte sich ein ver­mutlich den Gold­beißern ge­schuldetes Nuscheln hinzu.
Wenn Veitinger bereits im Voraus Rech­nungen beglich, dachte er wohl nicht an einem Abschluß vor Ende Juni. Aber was war aus der Im­mobilien-Inspektion geworden?
–Nichts über eine Frau, die er treffen solle. Eine Nach­richt?
–No... Oui! Un moment.
Raoul tat blinzelnd, als ob er überlege.
–Worauf er warte. Auf Trinkgeldvorschuß?
–No. Aber eine Prise Re­spekt. Er sei ausge­stattet mit Belesenheit & Er­fahrung. Man könne von ihm profi­tieren.
–Da habe er schon überzeugendere Sonntagsreden gehört.
–Man sei doch neulich eine ganze Nacht lang verschwun­den & erst am Morgen etwas beschädigt zurück­gekehrt, um nachher eine Wo­che lang das Zimmer zu hüten – gute Gesell­schaft täte hier Not… Bon, Monsieur Vei­tinger ließ ausrichten (Ge­wiß ein Freund auf den es sich zu hören lohne): Monsieur Roland solle nicht den Grund mit dem Anlaß ver­wechseln.
–Er wisse ja ziemlich Be­scheid..., machte sich Roland Luft.
–Wer den ganzen Tag hinter dem Tresen verbringe, der hät­te ge­lernt, die Men­schen zu lesen.
–Danke für die Belehrung.
–Er stehe jederzeit zur Verfügung, verbeugte sich Raoul.
–Die Adresse?
–Pardon?
–Herrn Veitingers Adresse.
–Bedaure.
–Irgend etwas. Einen Scheck. Eine Kontonummer?
–Monsieur habe bar bezahlt.
–Per Brief & ohne Absender?
–Kurier.
–Wer?
–Une femme.
Das ließ die Brauen hochziehen.
–Wie sie ausgesehen hätte.
–Lange Haare, Spitze Nase, Som­mersprossen...
Tatsache! Während ich mich in der Badewanne gesundona­niert hat­te, war sie mir unbemerkt ein zweites Mal entwischt.
–Ob sie sich nach einem erkundigt hätte.
–No.
Sie war also vielleicht noch immer in der Stadt. Beobachtete sie, wie man mit dem Rätsel des Zettels vorankam?
Monsieur Veitinger... Einen Moment lang versuchte man sich mit dem Gedanken anzufreunden, daß dieser Moritz sich nur für Veiti aus­gegeben hatte, daß man einem Betrüger aufgesessen war, der einen in irgend etwas hineinzog. Den Anlaß mit dem Grund verwechseln? Das war eine häufige Be­lehrung ihres Ge­schichtslehrers gewesen: der Anlaß eines Krieges sei gewöhnlich ein anderer als der Grund, aus dem er ge­führt werde – im Medi­enzeitalter eine bismark­sche Binse. Aber wie konnte ein Betrüg­er von so einem Detail wissen?
–Wenn man ihm die Bemerkung erlau­be: Er scheine ein Mann mit besonderen Gewohnheiten & Bekanntschaften zu sein...
Gerade hatte man sich arrangiert miteinander, schon wurde das Verhältnis miß­braucht.
–Ob er nicht ein wenig seine Kompetenzen über­schreite.
–Ach. Er hätte schon so viele Herren gehabt... Sein Kompetenzüber­schreiten erfolge aus karitativem Interes­se & Neugier. Man solle doch nach Rezeptionss­chluß zur Bar kommen – dann hätte er Schicht­dienst. Er gebe einem was aus & man solle ihm im Gegenzug alles er­zählen...
–Er sei also einer dieser Leute mit Helfersyn­drom, das Mäd­chen mit den Schwefel­hölzern, das sich lieber selbst prostituiere, als eine Gegenleis­tung zu erwarten...
–Aber Rolands Geschichte sei doch die Währung, die ihn bezahlte.
–Warum er sich eigentlich nicht bei Greenpeace, Amnesty International oder ATTAC engagiere.
–Weil dort zwar Anliegen von großer Wichtigkeit im Mittelpunkt stün­den – aber eher selten der Men­sch.
Man gab auf.
–Fürs erste genüge es, wenn man et­was Französisch-Nachhilfe bekäme.
–Er werde ihm ein paar Le­xika besorgen. Darauf sei­ne Hand. Raoul.
–Kein Nachnahme? fragte Roland mit Blick auf das Schildchen.
–Es sprächen sich hier alle mit Vornamen an.
–Roland, reichte Roland im zögerlich seine Hand.
Das schien Raoul fürs erste zufrieden zu stellen.
Den Grund nicht mit dem Anlaß verwechseln? Stand ein At­tentat bevor, ein Krieg etwa? Rückte der Os­ten noch nä­her? Was sollte nun dies wieder. Wirtschaftsturbulenzen? Sibylle war beobachtet worden... Jemand, dem Moritz ein Feind war, so daß er seine Nach­richten ver­schlüsseln mußte?
–Man möge die abermalige Einmischung entschuldi­gen. Aber Mon­sieur Veitinger habe sicher ausdrücken wollen, daß man sich nicht um das kümmern solle, weshalb man herge­schickt worden sei (den Anlaß), son­dern darum, warum man hier sei (den Grund).
Raoul war wirklich ein Einzelstück.
Also der Anlaß war dieses Immobilie­nsache. Aber der Grund...
Eine Finte! Wie hatte man darauf her­einfallen & die ganze Zeit glauben können, man hätte den ersten Auftrag für Past&PR an Land gezogen... Der An­laß war eine Seifenblase, schillernd genug zur Verlo­ckung; der Grund die Konfronta­tion mit Si­bylle? Die Entführung (so mußte man es jetzt nennen) in ein Land, wo diejenigen ge­lebt hatten, die man am meis­ten bewunderte? Was war der wahre Auftrag?
–Könnte sein.
–Gerne wieder.
Raoul lächelte.

***

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Immer der Reihe nach, sortiert nach Dringlich­keit & Er­folgsaussicht. Erstes Ziel: Sibylle wiederzu­finden. Nicht meh­rere Dinge zugleich an­gehen – ich könnte sonst alles vorzeitig be­enden.
Man suchte also wieder die Nähe der Kathedrale, kühlte sich an ih­rem Stein, versteckte sich draußen hinter der Ecke einer Seiteng­asse & spähte hin­aus auf den Vorplatz oder verfolgte den Tou­ristenstrom drinnen aus dem Dunkel einer Apside her­aus.
Nichts tat sich. Der Tat­ort wurde nicht wieder aufge­sucht.
Am Kai be­fragte man die Bootsführer nach ei­ner Frau im lila Kleid, die sich hier vor mehr als einer Woche habe transportieren lassen, man zahle für jede Informa­tion: Nie­mand konnte sich erinnern, wie auch, wahr­scheinlich waren Boot & Kapitän Fremde ge­wesen.
Man war Orpheus, der in die Unterwelt hinabstieg, Pyra­mus, der Lö­cher in die Wände bohrte, sie aber war weder Eurydike noch Thisbe, sondern Isis, die Verschleierte. Osiris aber konnte man nicht werden, denn der war ihr Bruder & zum Tode ver­dammt. Es blieb nur eines üb­rig: man kannte das Gewin­kel der Stadt nun genug, um ihr & den Be­schattern Fallen zu stellen:
Einmal lenkte man seinen Weg in eine Sackgasse, die sich an einen gut zu übersehenden Platz anschloß, drückte sich durch die Seitentür des Antiquariats Jadschudsch&Madschudsch, das man einige Tage zu­vor durchstöbert hatte, um wieder aus der Vordertür ins Freie zu gelangen & freie Sicht auf den Platz & das tote Ende der Gasse zu haben.
Ein anderes Mal schlenderte man vorgeblich ziel­los im Palais des Ar­chevêques her­um, durch die Passage de l’An­cre hindurch, schwenkte nach rechts in den älteren Teil der Anlage, den Innenhof des Palais Vieux, vor­bei an der Aus­grabungsstätte der drei Vorgängerbau­ten der Ka­thedrale, um plötzlich im benachbarten Kreuzgang durch eine Tür in der Westgale­rie zu verschwinden, die imaginierten Beschat­ter zurück­lassend, weil sie im dahinter liegenden Park so­fort entdeckt wären – was einem die Gelegenheit verschaffte, über den Hauptflügel des Palais Neuf gleich wieder zurück in die Passa­ge zu gelangen & so den Verfol­gern überraschend in den Rücken zu fallen.
Ähnlich ging man auch am Kanal & im archäologischen Mu­seum vor... Weder Sibylle noch ihre Beobachter gingen ins Netz. Man wurde in Ruhe gelassen oder an der langen Leine.

Sibylle! Unenthüllte! Ich werde hier ein Gedicht aus meiner Ju­gendzeit für dich einfügen – das erste Kunststück, das der erwa­chende Germa­nistengeist vollbracht hat, nun weihe ich es dir:

SIEBENGESTIRN

vier
das bin
ich furcht
vor dir
drei das bist
du furcht
vor mir

ich
kriege dich &
du kriegst
mich

du kriegst mich
kriege
dich kriegt furcht

furcht
furcht um mir
furcht vor dich
mich & du
dich &
ich
kommutativ

drei vier
vier drei
das ist sieben

sieben posaunen
sieben wunder
sieben himmel
siebengestirn

sieben
das ist
drei vier
ich & du
du & ich
gemeinsam
magisch furchtlos

Roland hatte Oliver auf einem der Pfadfinder-Zeltlager in sein carolini­sches Schwär­men eingeweiht. Ihre Gruppe unternahm gerade eine Nacht­wanderung durch die Ausläufer des Schißritzer Forsts, mitten durch das unheimliche Stöhnen der Bäume, Knacken der Äste, Ra­scheln der Blätter... Sie kamen sich mit ihren dreizehn Jahren wie ver­wegene Jung-Abenteuer aus einem Enid-Blyton-Roman vor­.
Roland, den ganzen Tag schon äußerst nervös, ob er wegen der ekel­haften Ein­töpfe, kalten Nächte oder unzähligen Taten & Entscheidun­gen, die plötzlich anstanden wohl das dritte Mal in Folge Durchfall be­kommen würde, nahm dies­mal nicht am gemeinsamen Wandergesang Nehmt Abschied Brüder teil:

»Nehmt Abschied Brüder, ungewiß ist alle Wiederkehr,
Die Zukunft liegt in Finsternis & macht das Herz uns schwer.
Der Himmel wölbt sich übers Land, ade, auf Wiedersehn!
Wir ruhen all' in Gottes Hand, lebt wohl, auf Wiederseh'n!
Die Sonne sinkt, es steigt die Nacht, vergangen ist der Tag;
Die Welt schläft ein & leis' erwacht der Nachtigallen Schlag.
Der Himmel wölbt sich übers Land, ade, auf Wiedersehn!
Wir ruhen all' in Gottes Hand, lebt wohl, auf Wiederseh'n!«

Er war beschäftigt mit den Ästen, die ihm in der Dunkelheit ständig hart ins Gesicht schlu­gen & die neue Nylonjacke aufzuschlit­zen droh­ten, & trat immer wieder in kleine Schlammlöcher, die sich nur unter ihm aufzutun schienen. Schnitzeljagd wäre ihm lieber gewesen.
–Ob eine wie Carola, begann er seinem Frust Platz zu machen, –Lust hätte, Wölflein zu werden, wenn man sie fragte?
–Nee, die laufe doch jetzt immer so herausgeputzt herum, & dann die ganzen Schnaken... was er denn von der verzogenen Kuh wolle?
–Nur so, aus rein statistischem Interesse.
–Ja klar, & sein Großvater sei Nazi gewesen – verknallt sei er!
–Nee!
–Doch – Vorsicht! warnte Oliver ihn vor der nächsten Pfütze.
–Naja. Vielleicht... Ob er mal auf ihre Beine geachtet habe?
–Irgendwie giraffig oder?
–Nee, antilopig!
Das waren die Worte, die sie neuerdings zur Bewertung bestimmter Eigenschaften ihrer Schulkameradinnen benut­zen. Giraffig war alles, was träge & langsam oder krumm & viel zu lang war, Segelohren be­saß... & antilopig war so ziemlich das Gegenteil.
–Sogar affig-giraffig, wenn er ihn frage. Mann, bloß weil er sie im­mer bei sich abschreiben lasse & sie ihm dafür einmal ein Küsschen auf die Stirn gegeben habe... Die sei Schickeria, Mann, eine Zugezogene, die Eltern hätten in München Franz-Xaver die Eier geleckt...
–Franz-Josef heiße der, außerdem Strauß – Oliver sei wirklich ein politischer Banause... Sie tra­ge Parfüm neuerdings. Was Pflau­miges.
–Also wenn er es unbedingt mit einer Giraffe...
–Scheiße!
Roland war mit dem linken Fuß wieder in einem Schlammloch ge­landet... aber diesmal hatte es einfach schmatzend seinen Schuh an sich gesaugt – & sein Fuß war aus ihm geflutscht. Er hatte es erst die Sekun­de später bemerkt, in der er bereits barsockig auf dem kalten Waldbo­den aufgetreten & sofort auf dem nassen Laub ausgerutscht war. Sie befan­den sich ge­rade am Rande eines kleinen Hangs, der zu ei­nem Bach hin­abführte, der hier hindurchmäanderte: & Roland kullerte auch gleich hinab – die Aus­rüstung in seinem Rucksack stach bei je­der Umdre­hung schmerzhaft in die Rippen –, langte endlich bei der Rinne an­, schlug sich dort den Kopf an einer Baumwurzel an­ & blieb mit dem Gesicht nach unten im Wasser liegen.
Das wars, dachte er, ich nehme Abschied Brüder, ciao Luft zum Atmen! Ungewiß ist alle Wiederkehr, das Ende der Er­stickung wölbt sich über mich, ade, auf Wiedersehn!
& in einem hellen Licht sah er sich Carola entgegen fliegen, die mit zum Kuß gespitzten Lippen, blank bis auf ein Feigenblatt, dort hinten auf ihn zu warten schien, in zwei&siebzigfacher Ausführung, wie Mo­hammeds Schrift es versprochen hatte...
Sofort sagte er das dem Propheten gewidmete Pfadfinder-Gebet auf:

»Oh Gott, ich bitte dich um Festigkeit in meinen Vorhaben, um Beständigkeit in meinem Vorsatz; um ein ergebe­nes Herz, um eine aufrichtige Rede; ich bitte dich um das Gute.«

Jemand packte ihn, drehte ihn auf die Seite & führte ziemlich perfekt die empfohlene & tausendmal eingeübte Erste-Hilfe-Prozedur durch – brach die aber ab, als er bemerkte, daß es völlig unötig war. Oliver.
–Warum er ihn zurückgeholt habe! Lieber jetzt abgetreten, als mit einem Gehirnschaden jahrelang dahinzusiechen..., faselte Ro­land.
–Mann, als er das Mohammed-Gedicht ge­murmelt habe, da habe er echt kurz gedacht, es sei um Roland geschehen... Aber er habe ja nur eine Schramme am Kopf. Keine Zeit also für noch mehr Theater – die anderen hätten nichts mitbekommen, seien weitergezogen, noch könn­te man sie zu hören, aber wenn sie nicht bald...
–Ja. Das Gedicht. Carola – zwei&siebzigmal naturelle... & dann hätte Oli­ver der Allzu-Kühne ihn ja leider –
–Naja, weil Roland doch der Weise sei. Bald stünden Schulaufgaben an, da bräuchte er doch wieder einen zum Abspicken...
–Traue er sich ja gar nicht, entgegnete Roland & raffte sich wie­der auf, –Ob er vielleicht seinen Schuh irgendwo gesehen habe?
Den fanden sie in der Finsternis nicht mehr. Roland mußte sich bis zum Lager mit einem Plastikbeutel aus Olivers Rucksack begnügen.

Roland der Weise & Oliver der Kühne, der ein des anderen Süh­ne, wandern gemeinsam durch die Scheiße...

skandierten sie beide auf dem weiteren Weg durch das dunkle Ge­hölz, von Eulenaugen & Grillenzirpen begleitet. Wegen des Zwischen­falls war es jetzt sogar Oli­ver ein bißchen bang.
–Daß er wirklich das Mohammed-Gebet zum Himmel geschickt habe: Roland, der erklärte Satanist..., lachte Oli­ver kopfschüttelnd dar­über hinweg in die Dunkelheit.
–Ja – dann müsse er sich jetzt wohl auch daran halten...

***

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Raoul (die anderen Bediensteten nannten ihn »den Alge­rier«) hatte eine Menge Erlebnisse zur Hand. Nicht nur war er aktiv am Frei­heitskampf seiner Heimat beteiligt gewesen, er hat­te auch, um nur eini­ge Höhe­punkte seines Lebens zu nennen, den Erdball auf der Spur Marco Polos be­reist, in Japan bei ei­nem Zen-Meister gelernt & wenige Jah­re in der Fremdenlegi­on gedient.
–Sieben&sechzig in Französisch–Somaliland, dem heu­tigen Djibouti vor der Unabhängig­keit, habe seine Einheit – be­sonders gerühmt & ge­fürchtet wegen des von ihr ge­haltenen Mannschaftsrekords im Skorpi­onstechen –, ein­mal beim Marsch durch die Salzwüste die Orientie­rung verloren. Nach­dem die Vorräte bald aufge­braucht gewe­sen seien – ohne daß man eine Lösung des Problems erreicht habe –, sei der Tod durch Verdursten nur eine Frage der Zeit ge­wesen –
Man saß mit ihm an der Bar. Weil man aber die eige­ne Sache nicht loswerden wollte, bekam man seine Geschichten zu hören. Raouls Erzähl-Furor ließ ihn wieder naß nuscheln. Man nickte anerkennend.
–Ausgerech­net in dieser schlimmsten aller Stunden aber, als an die kuli­narische Verwertung seines Nächsten zu denken nicht mehr zu ver­meiden gewesen sei, habe sich ein Skorpion in den Stiefel ei­nes Kame­raden ge­schoben & des­sen Fuß perfo­riert. Der Attackiert­e habe folge­richtig zu fiebern begonnen & dem Tod ent­gegen zu gehen – wäh­rend die anderen heimlich dar­in ein Zeichen gese­hen hät­ten, daß also der Vergiftete aus­erkoren sei, ihnen, ohne daß sie selbst ihn vom Le­ben zum Tod be­fördern müßten, das Über­leben zu sichern...
Kurze Kunstpause. Man zuckte mit einer Braue und wischte sich unauffällig Raouls Spucke-Tröpfchen von der Wange.
–Bald aber sei der Betroffene auf wunder­same Weise voll­ständig ge­nesen, den alten Sta­tus Quo wieder­herstellend... Verzweifelt hätten sie Salz­klumpen in sich hinein zu stop­fen begonnen, um auf die­se Weise wenigs­tens ihr Sterben zu beschleun­igen, denn einen der ihren zu er­schlagen, hätten sie bereits keine Kraft mehr gehabt –
Lange Kunstpause. Man ging hinter seinem Kirschlikör in Deckung.
–Da habe der Gestochene plötzlich sich seine Blase zu regen bege­spürt, der sanfte Druck sei zu einem mächtigen Drängen gewor­den, &, rasch im Sitzen die Hose geöffnet, habe er vor ihren Augen einen gebo­genen Strahl reins­ten Quellwassers in den Sand plät­schern lassen... Der klare Harn ihres Widergängers habe sie am Le­ben erhal­ten, bis sie zum Hauptla­ger zurückgefun­den hätten. In Zu­kunft hätten sie es nie mehr ge­wagt, einem dieser Tiere ein Haar zu krüm­men!

In den nächsten Tagen erfuhr man weitere außerordentliche Miszellen, zum Beispiel wäre es Raouls Tante gewesen, die Acht&sechzig die Maiunruhen ange­zettelt habe, unverhofft natürlich: als sie, bewaffnet mit ihrem roten Schirm, einen einsamen Protestmarsch zum Regie­rungsgebäude begon­nen habe, um sich zu beschweren, daß das Wetter niemals so eintrete, wie in den Nachrichten immer behauptet & das es immer zu heiß oder kalt, zu feucht oder trocken sei: man habe doch ein Grundrecht auf eine ordentliche Wetterversorgung – eine Meinung, der sich rasch ganz viele anschlossen & bei der Gelegenheit... Also am Ende sei sie damit indi­rekt für den Rücktritt de Gaulles verantwort­lich!
Dann Neun&sechzig in Ti­bet die zufällige Begeg­nung mit dem Dalai Lama... & es war Neunhun­dertsiebzig, -ein&sieb­zig, -zwei&siebzig, -drei&siebzig, als...
Seit Mitte der Siebzi­ger dann der Wunsch et­was zur Ruhe zu kom­men & der Einstieg in die Ho­telbranche, wo man den unterschiedlichs­ten Leuten begegnen konnte, ohne selbst auf Reise zu müssen. Auch hier natür­lich eine Reihe Anekdot­en, zum Beispiel die von dem neun­zigjährigen Steuerflüchtling, der die Daphne-Plastik im Foyer mit seiner thailän­dischen Begleitung verwechselt habe.
Man erkannte in Raoul irgendwie schon eine Verwandtschaft – sah sich aber nicht ge­nötigt, ihm auch sei­ne Ge­schichte zu beichten.
Der Algerier bewies Ausdauer. Seine Französisch-Bücher waren lei­der wirklich sehr hilf­reich – sogar für einen wie Roland, der angesichts der Übermacht der noch zu lernenden Vokab­eln nie welche gelernt hat­te. Raoul ver­dankte man auch den Hin­weis, man bräuchte nur die Wörter der In­haltsverzeichnisse studieren. Denn dies wären in der Re­gel jene Begrif­fe, die zwar nur einen geringen Prozentsatz des Sprach­schatzes aus­machten, aber fast achtzig Prozent des Verständnis­ses, weil sie die am häufigsten verwandten wären. Die Grammatik hämmerte er mit einem an den abendli­chen Barbegeg­nungen ein & zeigte sich auch dabei als anstrengend geduldig.

In dem Vertrauen bestärkt, sich den Franzosen in ihrer eigenen Sprache nun einigermaßen ver­ständig machen zu können, konnte man sich bald daran ma­chen, dem Zettel auf die Spur zu kommen.

»Deficit! Hist. CCM. Fas. Mag. Kar. 13 X 23 Ann. Lib. 7.6255975 Deficit!«

Deficit! War leicht zu entschlüsseln, es war Latein & be­deute so viel wie »es fällt ab, übergeht, wird sich selbst un­treu, beginnt zu fehlen, geht aus, geht zu Ende, verfinstert sich, erlahmt, er­mattet, verscheidet, läßt den Mut sinken, verläßt, läßt im Stich, mangelt«.
Hörte sich nach dem bekannten Weltuntergangs-Wortschatz an, da­bei schrieb man doch schon Zweitausendeins, die tausend Jah­re, die der Drache an der Leine lag, waren abge­laufen & nichts passiert, nicht ein­mal die Computer aus­gefallen...
Handelte es sich vielleicht um eine bi­bliothekarische Karteikarte – die die Signatur zu einem Buch oder ähnlichem enthielt, das fehlte?
»Suche dann in einem großen Archiv«, hatte Sibylle ge­sagt. Wenn man also eine der örtlichen Bibliotheken aufsuchte...
Es war einen Versuch wert.

In der Médiathèque, einem postmodernen Glasquader, der als moder­nes Informationszentrum beworben wurde & die einzige Bibliothek des Ortes bildete, konnte man mit dem Zettel nichts anfangen. Karteikar­ten waren hier nicht mehr in Ge­brauch. Alle Be­stände waren bereits di­gital erfaßt & abrufbar gemacht worden.
Denn suchte man dort mehrere Tage lang nach Hin­weisen. Mit Raouls Hilfe konnte man den Leiter überzeugen, ihm eine Aufstellung all der Bücher anzufertigen, die in den letzten Jah­ren abhanden gekommen waren. Wie konnte es anders sein: hauptsächlich erotische Pho­tographiebände, einige Lexika & Groschenromane. Nichts war mit seinem Code in Zusammen­hang zu bringen.
Signaturen, Regal- & Reihennummern wiesen andere Kürzel auf als die Karte. Man durchsuchte, von der Buch­stabenfolge »Hist.« angesto­ßen, die ganze histo­rische Abteilung, blätterte in jedem Buch, gab die Matrizen in das Indexsystem des Compu­ters ein, stieß immer ins Leere. Man atmete den ganzen Tag lang Pa­pierstaub, schlief zuwenig, ließ sich von Raoul Gute-Nacht-Cocktails mixen.

***

mai-jun.doc (5)

Die Sonne sticht einem die Augen aus & auf der Haut bilden sich Schuppen aus Salz, weil man in der wüsten Einöde steht. Man trägt einen langen Mantel aus Wildleder, man ist der Wild­ledermantelmann, trotz der Hitze. Man erwartet je­manden.
Ein Troß nähert sich. Eine Frau schreitet an der Spitze des Zuges, zwölf Eunuchen tragen die Schleppe. Sie kom­men zum Stehen, Sänften werden herabgelassen, Kisten abgeladen, Esel brechen unter der befrei­ten Last tot zu­sammen, ein Teppich wir­d ausgebreitet & Luft zugefä­chert. Die Frau in einem engen Mieder & einem Gewand aus Goldbro­kat gleitet auf einen zu, die Säume von Edel­steinen & Vogelfedern be­setzt, mit Armbän­dern aus Ebenholz, drei Rubinringen an jeder Hand & spitzen Finger­nägeln; eine schwere Goldkette liegt ihr um den Hals, an dem drei Leberflecke pran­gen – sie fließt ne­ben dem Brokat hinab zu dem Delta aus goldbrauner Haut, das den Eingang der Schlucht zwi­schen den Milchbergen markiert, & endet in ei­nem dia­mantenen Sala­mander, der dazwischen umherzüng­elt; zwei sil­berne Halbmonde zie­ren die Ohrläppchen & zwei gläserne Skorpio­ne dazu, die Haare fallen schwer hinab bis zum Gewölbe der Hüfte & tra­gen Strähnen von Indi­go-Blau; die Beinhaut schimmert blaß & von Lederr­iemen einge­schnürt un­ter dem Gewand hervor, die Füße ste­cken in Sandalen aus Schilf­rohr; sie trägt einen Sonnen­schirm mit goldenen Glöckchen daran: es ist die Königin von Saba.
»Zieh den Mantel aus, damit ich sehen kann, ob darunter ein Mann steckt!« befiehlt eine, die es gewohnt ist. Man ge­horcht.
»Schöner Jüngling – meine Jäger & Spä­her haben lange nach dir ge­sucht. In den Bergen, den Wäldern, auf der Steppe & den Flüssen, in den Städten & Dörfern hielten sie Ausschau nach dir... Ich wurde schon ungeduldig, biß mir die Lippen blutig, zer­kratze meinen Gespie­len den Rücken & sammelte meine Tränen in ei­ner kris­tallenen Schale – endlich fanden sie dich, laß dich berühren!«
Ihre Hände beginnen neugierig über meinen Körper zu glei­ten, sie umstrei­chen die Biegungen, messen die Umfänge, dringen vor in die Winkel, kneten die verhärteten Muskeln an ih­ren Wurzeln. Man läßt es geschehen, hier vor all diesen Leuten, daß sie einem das Leder vom Körper streift; man ist bis zum Rand gefüllt mit kochendem Wasser, das jederzeit überzuschäumen droht, wünscht sich nichts sehnlicher als eine Begegnung mit ihren Lip­pen – als sie sich listig zurückzieht.
»Auch du wirst meinen Körper erforschen dürfen. Für dich werde ich tanzen wie eine Fliege über das Wasser, ich werde dich salben mit Milch & mit Öl, dir die Schuppen aus den Haa­ren lesen & den Schweiß aus den Poren saugen, dir Geschichten aus tausend&einer Nacht einflüstern & das Ge­heimnis meines Schatzkästchens entdecken lassen; für dich habe ich König Salomo verlassen, hier sind ein paar Haare von seinem Bart, ich habe dir Gewürze & Weihrauch von den besten Hängen meines Reiches mitgebracht, in Schnee ge­kühltes Obst & Taubenfleisch, Wein aus Trauben, die ich selber zertrat, Schwerter & Rüstungen & Schilde aus meiner Rüstkammer, Stickerei­en, Tücher, Män­tel & Pelze von der Grenze der Welt, Fe­derkiele Zahnsto­cher Bürsten aus den Knochen, Haaren & Federn längst ausge­storbener Tie­re, ein Buch aus Babylonien mit allen Sprachen der Erde; meine Paläste werden dir Wohnstatt bieten, meine Ma­ler dein Antlitz verewi­gen, meine Knüpfer Wandteppiche aus deinen Umrissen schälen, meine We­ber Decken aus deiner Hautfarbe her­stellen, meine Stein­metze im gan­zen Land dein Profil aus dem Berg hauen; doch das alles ist nichts ver­glichen mit dem, was mein Fleisch bieten kann, denn ich werde alle Frauen sein, die du jemals be­gehrst: die jung­fräuliche Schwester eines Freundes mit knospender Brust, die Erfahrene aus der Nachbarschaft, die dich in die Gesetze der Liebe ein­führt, die sich nach öffentlichem Abenteuer verzehrende Gat­tin deines Erzfeindes, die un­anständige Dir­ne, die keine Grenzen kennt; ich bin nicht ein Weib, ich bin eine Welt, du brauchst nur einen Spann meiner Haut zu sehen, er wird dir unbe­kannte Won­nen be­reiten & unendliche Geheimnisse ent­hüllen, die Vergangen­heit nach deinen Wünschen ge­stalten & die Ge­genwart ge­schehen lassen, wie du es willst.
»& die Gegenleistung?« fragt man mißtrauisch.
»Händige mir das verlorene Buch aus, das du in deinem Man­tel ver­steckst, damit mir endlich auch das Morgen zu Füßen liegt.«
»Keine Ahnung, wovon Sie sprechen. Einen Schluck Likör?«
Man versuchte es mit einen Blick, wie ihn die meisten Hunde un­term Esstisch des Herrchens perfektioniert haben.
»Du willst, was ich dich suchen ließ, nicht gefunden haben? Ich, die Königin von Saba: mich kann man nicht täu­schen. Du mußt bereits im Besitz seiner Macht sein – sonst könntest du mir nicht widerstehen.«
»Hm...«
»Du weißt mich ab? Mich schöne Frau? Erbärmlicher kleiner Ere­mit! Schlagt ihm sein Kostbarstes ab, daß er sich ewig an die­sen Au­genblick erinnere!«
Ein bulliger Sklave tritt vor, holt aus mit dem Säbel, die zer­teilte Luft gibt einen Laut von sich wie zerspringendes Glas...

Da man nun schon so viel Zeit in der Médiathèque ver­brachte, wollte man die Gelegenheit nutzen, sich auch in katharische Se­kundärliteratur zu versenken. Warum war man sonst hier, wenn sie nicht ein Teil des Mysteriums bildeten?

Die Abhandlungen über die Häretiker aus Albi aus soziologis­cher, archäologischer, geschichtswissenschaftlicher, philosophischer, eso­terischer oder krypotologischer Sicht nah­men kein Ende. Jede neue, bis­her angeblich außer Acht ge­lassene Herangehensweise behaup­tete, die letzten Fragen geklärt zu ha­ben. Dabei erreichten sie nur eine immer stärkere Aufladung des Mythos. Das Phänomen beschäftigte so viele Publizisten & Wis­senschaftler aus aller Herren Länder – & jeder An­satz proji­zierte doch immer nur wieder die ge­heimen Wünsche sei­ner Zeit auf den Gegenstand, ohne den Schleier zu lüften.
Dabei waren es gerade sie gewesen, die vor den Verführung­en der Materie gewarnt hatten:

»Ich mache mir keine Sorgen um mein Fleisch, denn von mir ist nichts in ihm: Es ge­hört den Würmern. Auch der Himmlische Vater hat nichts von sich in meinem Fleisch & will es in seinem Reich nicht haben, denn das Fleisch des Menschen gehört dem, der es gemacht hat, dem Fürsten dieser Welt...«

Die einzigen mit einer einfachen Begründung für das Böse in der Welt – Gott ist nicht daran schuld, denn die Welt ist gar nicht sein Werk, wie schon das Jo­hannes-Evan­gelium weiß:

»Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt.«

Sie leugne­ten die Hölle & das Jüngste Gericht & waren davon über­zeugt, daß am Ende der Zeiten alle Seelen ge­rettet würden.

»Nach dem Ende der Welt wird die ganze sicht­bare Welt ver­nichtet sein. Das nenne ich die Hölle. Aber alle Seelen der Men­schen werden dann im Paradies sein.«

Voller Hoff­nung, keine Runzelköpfe, wie so gern verbreitet, wa­ren sie:

»Selbst die Geistlichen Roms werden das Heil erlangen, wenn auch unter großen Mühen. Im Moment macht das Dunkel des Irrtums sie blind, aber eines Tages werden auch sie zur Ein­sicht kommen & sich bekehren.«

Sympathisch, Arni, oder nicht?

Bald glaubte man, daß die Entschlüsselung des Codes mit den Mitteln der Bibliothek, dieser Bibliothek jedenfalls, nicht zu leis­ten war. Wie­der einmal wurde Schluß gemacht.

Lieber be­gann man, angeregt von der Lektüre, die Wirkstätten der Ket­zer auf­zusuchen, nicht ohne die heimliche Hoffnung, daß dadurch ganz automatisch der Pfropfen sich lösen könnte, der der Fla­sche mit dem Geist der Erkenntnis aufsaß:
Ganz in der Nähe von Narbonne die Abbaye de Frontfro­ide, ein Zis­ternzienserkloster, & die Stadt Béziers, der Ort des ersten Massa­kers; nachher die berühmte Cité von Car­cassonne, heraus­geputzt als ein pit­toreskes Mittelalter–Dis­neyland, & das in der Nähe gelegene Chateux von Lastours sowie einige Grotten & Höhlen, in die sich die Ketzer ge­flüchtet hatten; noch einmal später dann die Burgen & Rui­nen Quéri­bus, das trutzige Adler­nest, das als allerletztes fiel; das ehe­mals sechse­ckige D’Augilar; Puilaurens mit den zinnenbekrönten Mau­ern & dem quadrati­schen Donjon; Villerouge–Termenes mit den vier runden Tür­men; das ge­waltige & kaum zerstörte Peyrepertuse, ver­schmolzen mit dem hellgrauen Kalksteinkamm; die wenigen Überreste von D’Arques & Termes & natürlich die Stadt Foix & die En­klave Montségur.
Aber auch als man oben auf dem Gipfel zwischen den rau­hen Stein­stümpfen des katharischen Nabels, den Überres­ten einer gan­zen Kultur stand, der Wind sich summend & kühl unter die Kleidung schob, unter einem das Dorf & die Ebene, wo die Scheiterhaufen gelo­dert hatten & heute noch ein Gedenkstein die Stelle markierte, den Blick hinüber ge­wandt zu den Schatten der Pyrenäen, über die ein paar Bäume lose ge­streut waren wie Broccoli, blieb die Er­leuchtung aus.

Man kapitulierte. Man wollte weg. Man war im Land seiner Träume, aber es gab sein Geheimnis nicht preis. Fremd­artigste & kostbarste Ge­wächse lockten mit ihren Düften – ging man aber näher heran, ver­schlossen sie ihre Kelche & Blätter. Wenn man doch Oliver an seiner Seite wüß­te, den perfekten Pfadfinder, allein konnte man das Rätsel nicht lösen. Man wollte flie­gen, jetzt gleich, zu­rück in die Hauptstadt; allem entkommen, bevor man in eine Sache geriet, die man nachher nicht kon­trollieren konnte.
Man diskutierte mit Raoul, der nicht bereit war, ein Aufge­ben zuzu­lassen, rief schließlich selbst am Aéroport Mont­pellier an, um das nächste erreichbare Flugzeug zu bu­chen.
Die Welt war ganz & gar gegen einen. Die Piloten streik­ten, alle Flüge storniert, man müsse sich mindestens einen Tag lang gedulden.

***

mai-jun.doc (6)

Man hing mal wieder bei Raoul an der Bar, betrank sich wie schon lan­ge nicht mehr. Die Zunge flatterte einem, man schüttete endlich sein Herz aus wie einen Sack Hirse, verwandelte sich in einen Niagara aus Worten, kam sich vor wie der wahnsinni­ge Schrift­steller aus Shining, der immer die gleichen Buchsta­ben in seine Ma­schine hackt & sich beim Barkeeper Rat für den Mord an seiner Fa­milie holt: Man kam nicht weiter – nutzloses Kopfzerbrechen & unzu­längliche Fusselwör­ter... Man salu­tierte vor dem Pro­blem & wollte de­sertieren.
–Da könne er helfen.
Nuschelte Raoul strahlend & goß einem nach.
–Da hülfen auch keine Inhaltsverzeichnisse mehr.
–Er habe sich doch vor einigen Jahren bei einem Zen-Meister in Lehre begeben… Suche man nicht nach Sato­ri?
–Salieri?
Satori – Erwachen, Erleuchtung.
–Das täten alle.
–Stünde man etwa nicht vor einer Situation, die der Ver­stand nicht fassen & folglich nicht lösen könne?
–Schau an. Jetzt Philosophie…
–Oui. Da läge der Hund begraben. In der Anschau­ung. Die Suche nach Erleuchtung sei ein steiniger Weg, selbst für den Weisen. Denn dazu müßte man erst einmal lernen, das Aus­einanderdividieren der Welt in Katego­rien zu meiden.
–Das Denken bekämpfen? Was man denn gerad­e tue. Noch einen Likör bitte!
–Nicht das Denken, goß Raoul nach, schützte aber das Glas vor dem Zugriff.
–Die Logik! Scheiß Aristoteles. Gib schon her!
–Man müsse noch tiefer gehen – die Wahrneh­mung steu­ern lernen, denn sie sei ihrer Natur nach eine Aufspaltung der Welt in Kategorien: Wann immer man ein Objekt wahrnehme, mache man einen Strich zwi­schen ihm & der Welt. Wie aber könne man auf diese Weise das Objekt re­spektieren, wenn man doch selbst ein Teil dieser Welt sei?
Man dachte darüber nach, während er einen dafür an das Glas ließ.
–Indem man einfach zwischen sich & der Welt auch einen Strich zöge. Oder ganz viele... Löcher! Mit einer großkalib­rigen Schrot­flinte.
Die rötliche Flüssigkeit ging in einem Zug runter.
–Dann wäre das Objekt eben Teil jener Welt, an der man selber kei­nen Anteil mehr hätte. Es gäbe nur die eine Seite oder die an­dere. Nur Sowohl-als-Auch gegen Entweder-Oder. Man dürfe nicht tren­nen, was nur zusammen wahrgenom­men & gedacht werden könne.
–Man solle auf die Wörter verzichten, weil sie, in­dem sie benannten, die Objekte vom Menschen trennten?
Zu welcher Erkenntnis der sanctus spiritus ei­nem manchmal verhalf.
–Ein erster Schritt sei zunächst einmal zu er­kennen, daß nichts mit & nichts ohne Wörter ausgedrückt werden kön­ne. Sein Leh­rer Shumon habe einmal seinen kurzen Stock hoch­gehalten & folgen­den Kôan er­zählt: »Wenn du das einen kurz­en Stock nennst, so befin­dest du dich im Widerspruch mit sei­ner Wirklichkeit. Wenn du das nicht einen kurz­en Stock nennst, so ignorierst du die Tatsa­che. Es geht nicht mit & nicht ohne. Wie willst du es also nennen? – Sag schnell was es ist.«
–Ein Dilemma. Man will weg & doch bleiben. Heisenberg­sche Un­schärferelation: entweder man weiß, wo Sie sich befindet, oder wie schnell Sie verschwindet – aber nicht beides zu­gleich.
–Ein Paradoxon. Oui. Das zu erkennen sei der zwei­te Schritt. Bon.
–& der dritte?
–Kenne nur derjenige, der ihn gemacht habe. Vorher aber müsse man sich über Jahrzehnte einem dem Wort verbundenen Ge­biet ausgie­big & ausschließlich widmen. Etwa das Wesen der Kalligra­phie zu er­gründen. Nur dann habe man Aussicht, jemals dort­hin zu ge­langen.
–& selbst dann könnte man nicht von dem Schritt berichten – dafür müßte man ja Worte gebrau­chen...
Raoul nickte & nuschelte feuchtgolden grinsend:
–Auch der Erleuchtet­e müsse akzeptieren, daß es eine unüberschreit­bare Grenze gäbe. Nur der indische Königssohn & Mönchsgelehrte Bodhidharma, der den Chan-Buddhismus in China einführte, der Urva­ter des japan­ischen Zen, habe die Fähigkeit beses­sen, solange auf eine Wand zu starren, die ihm im Weg stand, bis sich eine Lösung aufge­tan habe: Nach­dem er neun Jahre vor der Mauer im Zazen (der Kontem­plation im Lo­tossitz) verbracht habe, seien seine Beine taub geworden & gar nicht mehr zu gebrau­chen gewesen.
–Das würde man sich merken. Man sei nämlich ge­rade da­bei, die Promille-Grenze zu überschreiten, müsse sich des­halb verab­schieden. Dank an den weisen Shumon – gu­te Nacht.

Es war bei Tagesanbruch – die Sonnenstrahlen hatten den Geist aus der Flasche, nicht aber die Erinnerung an die abendlichen Er­eignisse aus dem Körper gesogen – als man fest­stellte, daß Raouls Wor­te ihren Weg in die Untiefen der eigenen Gehirn­schächte trotz mangelnder Aufmerk­samkeit & stochastischer Antworten gefunden & dort über Nacht einen Gä­rungsprozeß in Gang gesetzt hatten: Die Dinge nicht von sich trennen… Von ihrem Objektsein befreien... Wie nennt man einen kur­ze Stock... Kontem­plation im Za­zen...
Man brachte sich in die vermutete Positur & verharrte: für einen Mo­ment, ein schmelzendes Sekündchen.

...Eine Mi­nute.

...Ein halbes Stünd­chen.

...Bis zur Mittagszeit. (Man fühlte keinen Magen mehr.)

...Für sieben Stunden. (Fühlte keine Beine mehr.)

...In den spä­ten Nachmittag hinein. (Keine Arme mehr.)

...Den ganzen Tag lang. (Keinen Körper...)

Nach Mitternacht dann, kopflos & weder Körper noch Geist, ohne Vorstellung von Zeit & Raum, war man gefangen im Sein, das OM war, Rätsel & Antwort des Kos­mos, so lange, bis man sich nach Jahr­tausenden wieder aufgelöst haben würde in seine Moleküle.

Eine Eintagsfliege turbulenzierte heran, ließ sich auf einer Wimper nie­der & balancierte dort im Angesicht des für Insek­ten untödlichen Ab­grunds. Das Tanzen des feixenden Fliegengeists auf den Kapillaren lös­te ein kleines Erdbeben aus in dem Körper, der da seit Stunden gefan­gen war im OM & von Stund zu Stund sich mehr zu vergessen schien. Die Er­schütterungswellen, ausgesandt vom rech­ten Augenlied, ge­gen Brust & Nabel brandend & auslaufend im linken klei­nen Zeh, weckte einen allmählich aus der Erstar­rung.
Kaum war man wieder eingefahren in seine alte Behau­sung, schrie man schon sein »Heureka!«:
War das fehlende Buch dasjenige, dem man selbst ironisch nachspür­te, der Text, der am Anfang der bisher rekonstru­ierten Autoren-Stafette stand? War das der wahre Grund seines Hierseins?
Wie konnte ein aus dem Anlaß der Langeweile heraus be­gonnenes Spiel, das sich in der pseudo-detektivi­schen Spurensuche unter deut­schen Litera­ten, wie es das Gesetz der Satire gebot, be­wußt haarsträu­bender Ver­knüpfungs-Operanden bediente, die einer lachhaften Ge­heimnistradition entstamm­ten & einer fundierten Wissenschafts­kritik nie & nimmer standhal­ten konnten, plötzlich selbst zum Grund eines geheimnisvollen Auf­trags werden?
Es hatte die ganze Zeit vor einem gelegen & man hatte es geflissent­lich übersehen, weil man es von sich trennen, weil man die Schranke nicht hatte einreißen wollen: Die Karte Sibylles war in den Signaturen des Archivkatalogs aus der Morgendlandfahrt abgefaßt! Das letzte Buch aus der Reihe, auf das man gestoßen war, hatte von den Katha­rern ge­handelt – & jetzt war man hier…
Möglicherweise werde ich das Land nicht verlassen & dieser Spur folgen. Sobald man die Beine wieder ausein­ander sortiert hat.

***

mai-jun.doc (7)

PROJEKT: DIE OBSKUREN GESÄNGE (IV)

Zeit, den Titel meines Projektes zu ändern...

Otto Rahns Kreuzzug gegen den Gral ein auf schma­lem Grad zwi­schen musikalischer Dichtung & wissen­schaftlicher Abhandlung schwankendes Machwerk. Be­schäftigt sich mit der Welt der Ka­tharer & Troubadou­re. Jahrelang hat Rahn vor Ort ge­forscht. Daraus ein knapp dreihundertseitiges, eksta­tisches Loblied auf die »Minne­kirche« destilliert. Gewagte etymologi­sche Gleich­setzung Montségurs mit der Gralsburg Munsalvä­sche aus Wolf­ram von Eschenbachs Parcival macht die Katharer zu den Hü­tern des Grals, Graf Ramon-Roger Trencavel zum Gralssucher Parzifal & Esclarmonde, die Gräfin von Foix, zur Hohepriesterin.

Zunächst Annahme, sich verrannt zu haben. Rahn geht um ei­niges über den Rahmen hinaus. Ausge­rechnet jenes Buch, das einen nach der Pickel-gezeichneten Satan-Phase für die Le­gendenbildung um die Katharer zu interessieren angestif­tet hatte, weil es kühn aus wenigen Fakten seinen eigenen My­thos zu kreieren verstand & damit in der esoterischen Sub­kultur zur Legende wurde, soll in einer Reihe stehen mit Au­toren wie Ad­orno, Mann & Hes­se, den Epi­gonen einer kritischen Hochkultur?
Allerdings: auch hier begegnen sich Musik & Litera­tur, wird eine Ver­schmelzung der Gegensätze angestrebt...
Rahn von den esoterischen Fraktionen vielfach mißver­standen worden. Keineswegs ging es ihm um den Gral, in dem Joseph von Arimathia Christi Blut aufgefangen hat­te, sondern um das als lapsit excilis (Eschenbach) bzw. lapis ex coelis (Rahn), als vom Himmel gefallener Stein der Weisen – identisch mit dem Goldenen Vlies der Ar­gonauten & dem Großen Werk der Alchi­misten – symbol­gewordene Ideal eines Lebens, das in der min­neglichen Anbetung der Frau Religion & Kunst, Spiritismus & Weltliches vereint, durch die Kirche der bonshommes im Land der Minnesänger zur Synthese ge­bracht...
Rahn angeblich Mitglied der SS gewesen, worin er einen gehei­men neokatharischen Zirkel aufgebaut haben soll. Aller­dings habe er sich bald mit seinem Land & der herr­schenden politi­schen Richtung überworfen & Neunzehn­hundertacht&drei­ßig bei Himmler um Entlassung gebet­en. Ein erhaltener Brief ent­hält folgende Zeilen: »Ich habe viel Kummer in meinem Lande. Vor 14 Tagen war Ich in München. Zwei Tage später habe Ich es vorgezog­en, meine Berge aufzusuchen. Unmöglich für einen groß­zügigen Mann, wie Ich es bin, in einem Land, wie es mein schönes Vaterland ist, zu leben...« Fünf Monate später starb er un­ter mysteriösen Umständen. Freitod? Mord­ konnte bis heute nicht ausgeschlossen werden! Rahn hat einem Freund von Ver­folgung & geplanter Flucht nach Südfrank­reich geschrieben. In jedem Fall wurde seine Leiche erst ein Jahr später für das Be­gräbnis nach Darmstadt überführt...

Nächster Hinweis diesmal nicht schwer zu finden. Rahn hat die Ange­wohnheit, seine Thesen mehrfach mit denselben Zi­taten zu be­legen. Lediglich eine einzige Quelle wird beinahe scham­haft ein einziges Mal in Anspruch genom­men: Auf Seite Hun­dertacht&zwanzig, grob in der Mitte des Werks (läßt man er­neut nur den Haupttext gelten & zieht die acht Seiten Um­schlag & Vorgeplänkel ab, erhält man Hundertzwanzig, wovon die Quer­summe drei ist), findet sich folgendes:

»In einem fernen Land, unnahbar euren Schritten,
Liegt eine Burg, die Montsalvat genannt...«

Aus dem Parzival... Also Wag­ner? Eine Oper als nächstes? Nein – es mußte doch ein literarisches Werk sein…
In dem Antiquariat von neulich die Neun­hundert-Sei­ten-Biogra­phie Mein Leben bestellt (neun Buchstaben im Titel!). War nicht Wagners Biographie, sein Leben bis lan­ge nach seinem Tod (»In einem fernen Land, unnah­bar eu­ren Schritten«), vor der Öffentlichkeit geheimge­halten, also wie auf einen unzugängli­chen Berg geschafft, in eine Burg einges­chlossen & damit für später gerettet worden, wie Rahn sal­vat übersetzt?

Mein Leben, verfaßt auf Wunsch Ludwigs II. von Bayern, zu Leb­zeiten in nur zehn Exemplaren an wenige Freunde ver­teilt & wegen der Offenheit der Schilderungen des verfolgten Dresdner Revolutionärs gleich wieder zu­rückgefordert & eingestampft. Verfü­gung Wagners, es solle »nur nach meinem Tode zum wahrhaftigen Anhalt für denjenigen dienen, der berufen sein sollte, mein Leben der Welt zu beschreiben«. Erst Neunzehn­hundertelf, acht&zwanzig Jahre nach seinem Tod, er­folgte die Veröffentlichung. Wegen ihrer Indiskre­tionen zu­nächst für eine Fälschung gehalten. Otto Rahn zu dem Zeit­punkt sieben Jahre alt. Dürfte frühes­tens sie­ben wei­tere Jahre später, als die ers­ten beruflichen Flau­sen in seinen Kopf dran­gen, mit der Biogra­phie in Kontakt gekommen sein.

Wenige Tage später die zwei Bände erhalten. Wurde aber auch Zeit. Habe nämlich bereits einen Verdacht, wen man in der Bio­graphie als nächste Etappe entdecken könnte.
Man braucht sie nicht ein­mal zu lesen – ein Blick ins Register genügt, um festzu­stellen, daß E.T.A. Hoff­mann, der Dirigent, Kompo­nist, Maler & Erzähler & seine Geschichten drei&zwanzig mal er­wähnt werden, das erste Mal auf Seite Drei&zwan­zig, wo Wagner schreibt: »Ich erhielt von hier an durch mein ers­tes, zunächst nur oberflächliches Be­kanntwerden mit die­sem Phan­tastiker eine Anregung, welche sich längere Jahre hindurch bis zur exzentri­schen Aufgeregt­heit stei­gerte & mich durch die sonderbarste Anschauungs­weise der Welt beherrschte.«
Als Hoffmann Achtzehnzwei&zwanzig starb, war Wagner neun Jahre alt. Erste Begegnung mit den Hoffmannschen Erzählun­gen mit dreizehn, siehe Erwähnung auf Seite drei&zwanzig.

Damit eine der bisher offen gebliebenen Fragen zugunsten der ers­ten These entschieden: Jeder der Betei­ligten hat die Stafet­te zufällig im Werk eines älteren Autors entdeckt & die Traditi­on einfach weiterführen wol­len.
Aber wer kannte auch das Geheimnis?

Erstmal das nächsten Werk in der Reihe herausfinden: Welche der Erwähnungen Hoffmanns bei Wagner kommt als Fingerzeig in Fra­ge? Ge­wiß die drei&zwanzigste, nachdem die erste & die zwölfte in der Mitte nur dem Dichter allein gelten…
Natürlich wundert es mich gar nicht, daß darin vom Goldenen Topf die Rede ist.

Man wandte sich dem Rätsel ihres Namens zu, das man über der Kar­teikarte völlig vergessen hatte. Es mußte etwas sein, daß einem nicht aufgefallen war, weil es offensichtlich auf der Hand lag.
Der Name sagte einem, daß er einem etwas sagte, aber nicht was. Was sagte das elektronische Wörterbuch?
Aha: Si|byl|la, Si|byl|le (w. Vorn.); Si|byl|le, die; –, –n (weissagende Frau, Wahrsagerin); si|byl|li|nisch (wahrsagerisch; ge­heimnisvoll); die sibyllinischen Bücher (der Si­bylle von Cumae [’ku:mä]).
Das war es also, natürlich, die antike Sibylle! Die Sibylle von Delphi & die Sibylle von Erythrai in Böotien. Die drei&achtzig vor Christus im Keller des Jupitertempels auf dem Kapitol in Rom verbrannten si­byllinischen Bücher der Sibylle von Cumae, eine im sechsten Jahrhun­dert v. Chr. ent­standene Ritual– & Ora­kelsammlung für Katastrophen­fälle. Die Sibylle von Tibur, die Kaiser Augustus die Ankunft Chris­ti vorhergesagt hatte. Die si­byllinischen Orakel in vierzehn Büchern, christliche Bearbeit­ungen jüdischer Prophezei­ungen über den kommen­den Messias & das Weltende. Die zwölf Sibyllen & die zwölf kleinen Propheten im Dodeka­propheton. Die mittelalterlichen Sibyllen­bücher. Michelange­los fünf Sibyllen in der Sixtinischen Kapelle...

Man war in der ersten Juniwoche & hatte das Fortschreiten deutscher Geschichte nicht verfolgt, die Durch­trennung der Nabelschnur genos­sen, obwohl man mit Hilfe Muhammadmusas in der Médiathèque oder im Hotel Ver­bindung mit dem Netz hätte auf­nehmen können. Das hol­te man jetzt schleunigst nach – Neugier besiegt Vor­sicht. Es konnte sich ja etwas ereignet haben, das ein Zei­chen war, ein wei­teres Teil des Puzzles bildete, ein Zahnrad bloß, das sich ir­gendwo einfügte… Viel­leicht hing man fest, weil man untergetaucht war & nicht hatte sehen können, was sich auf dem Wasser abgespielt hatte – welche Hinweise ent­hielten die Schlagzeilen?

»Die unbekannten Cousinen: Spaßkanzler ent­deckt ostdeut­sche Ursprünge. Neue Gewinnwar­nung bei... Lizenz zum Töten: Holland legalisiert Euthanasie. Frische Stim­men für Wagner: Bayreuth poliert Ring auf. Kranich in der Klemme: Pilotenstreik legt Flugver­kehr lahm / hundertvier&zwanzig Flug­gäste betrof­fen. CDU–Schlappe: Berlin & Brandenburg verhel­fen Rentenre­form zum Sieg. Trauer bei intergalak­tischen An­haltern: Dou­glas Adams erliegt Herz­infarkt. Zwölf Jahre Angst we­gen Satanischen Versen: Cha­tami erklärt Rush­die–Fatwa für be­endet. Massiver Stellenabbau im... Bayern-München erringt Aus­gleich & die Meis­terschaft: Schalke nach zwei Mi­nuten Ver­längerung vom Thron gestoßen. Preistreiber Benzin, Gas, Le­bensmittel: Inflati­onsrate bei Dreikommafünf Prozent. Neuer Tag der Trauer an der Börse. Wirt­schaftsinstitute bekla­gen zu optimisti­sche ›Top–Down‹–Prognosen. Über neun­zig Prozent ›gute Qualität‹: Euro­pas Binnengewässer & Küsten im­mer sau­berer. Astronomische Abfindung für... Radio im TV: Ha­rald Schmidt sendet Schwarz­bild. Endloser Kampf: AIDS wird zwan­zig.«

Eine außerordentliche Bilanz für einen Monat, in dem man sich übli­cherweise nur von Ostern erholte & auf Pfings­ten vorbereit­ete. Keine verschlüsselten Botschaften.

***

mai-jun.doc (8)

Der Mond begann sich voll & schwer in den Himmel zu stemmen & alles mit einer milchweißen Glasur zu überziehen, einer schwach glü­henden Pa­tina, die Tote aus ih­ren Grä­bern holen, Tierquäler mit Ly­kanthropie infizieren & Ar­beitswütige in Schlafwandler verwandeln konnte, als man echte Be­kanntschaft mit seinen Gegnern mach­te.
Man war gerade auf dem Weg von der Médiathèque zu­rück ins Ho­tel & hatte die übliche Abkürzung über eine Sei­tengasse gewählt, als zwei Männer hinter den geradeaus liegenden Häuser­ecken hervortraten & ein Weitergehen verunmöglichten. Man hatte ja gerechnet mit einer Konfron­tation, einige Vermu­tungen über die Natur der anderen ange­stellt & erwartet, daß sie ein bißchen wie die glatzköp­figen Herren aus Momo daherk­ämen, oder wenigs­tens in abgerissene Inspektor-Co­lumbo-Trenchcoats ge­kleidet wären – sie jedoch tarnten sich als deutsche Tou­risten: der schmalere trug ein Hawaiihemd, das vermutlich von Tschibo stammte, der stämmigere ein T-Shirt mit der Aufschrift Two beer or not to two beer (Shakesbeer); beide trugen einen Gürtel, auf dessen sil­berner Schnalle ein Zeichen eingraviert war:

???

Der Schmale schob ein wenig den Unterkiefer vor & ent­blößte dabei eine Reihe nikotingefärbter schiefer Zähne, hinter denen statt einer Zunge nur ein rotes Loch zu er­kennen war, während der Stämmige sich damit begnügte, die Augenlider unter den Brauen zu Einschnit­ten zu­sammenzupressen, die be­drohlich wirken sollten – es aber nicht ohne eine Spur von Pos­sierlichkeit taten.
–Wer keine Spinne sei, solle besser kein Netz we­ben mein Freund.
Die Stimme, eine deut­sche Stimme, kam von hinten & klang, als wä­ren die Stimmbänder mit ei­nem Cellobogen ge­strichen worden. Natür­lich: der dritte Mann, der den Rückzug versperrt, der einem den Re­volver in den Rücken drückt, dessen Visage unerkannt bleibt – der An­führer. Er trug bestimmt einen Trenchcoat.
–Der Fang könnte fetter sein als gedacht.
Etwas Kaltes, Metallisches drängte sich an den Hals.
–Wer sie seien.
War das nicht die übliche Eröffnung? Er hatte so viel Zeit da­mit ver­bracht, sich vorzustellen, wie sie ausseh­en könnten – aber er hatte sich nicht auf die Begegnung vorber­eitet.
–Er stelle hier die Fragen mein Freund.
Bisher lief alles so, wie man es aus dem Kino kannte.
–Mitkommen. Unauffällig.
Sich naiv geben. Sie in ein Gespräch verwickeln. Mehr herausfinden.
–Man habe lange genug Zeit gehabt, setzte der Unbekannte nach, –Langsam würden sie ungedul­dig & der Chef Ihnen Feuer unterm Hin­tern ma­chen mein Freund, wenn sie ihm keine Klarheit ver­schafften. Sie wüßten von einer Biblio­thekarin, daß man einen Zettel mit ei­nem Code erhalten habe – also mitkommen.
Der Mann im Rücken neigte die Hand ein wenig nach un­ten, so daß der Lauf der Waffe nicht auf den Hals, sondern das Hirn zielte.
–Solche Methoden seien ganz unangebracht, versuchte Roland zu beschwichtigen, –Es sei noch nicht so spät & die­ Gasse nicht so weit vom Schuß, um nicht einen Passanten auf die Grup­pe auf­merksam ma­chen zu können. Außerdem: wenn man auspacken solle, müsse man schon eine glaubhafte Versi­cherung erhal­ten, daß man danach noch am Leben wäre. Sonst kön­ne man sich die Sa­che ja sparen.
Man war froh, seine Angst hinter dem Filmwissen verstecken zu können, das man hier anwandte. Der Stämmige ließ die Finger knacken, dem Schmalen stand sein Grinsen schlecht zu Gesicht.
–Mutig mein Freund. Das Ding an seinem Hals aber wäre ja eben gar kein Revolver, sondern eine Waffe, die ge­bündelte Mikro­wellen durch den Körper hindurchjage, um zum Beispiel das Gehirn zum Ko­chen zu bringen, bis der Kopf platze wie eine gegen die Wand geschleu­derte Melone. Wenn man sich also nicht sofort in Bewegung set­ze, würde das gleich an einem Arm oder Bein demonstriert werden. Scheiß auf die Passanten.
Nicht aufhören. Nicht aufhören. Es weiter versuchen.
–Vielleicht sollten sie sich erst einmal vor­stellen. Am Ende sei alles ein Miß­verständnis, das sich in Ruhe bei einem Glas Wein aufklä­ren ließe. Man wisse doch kaum etwas & arbeite nur für sich selbst – im Auftrag des Kamer­aden Moritz Veitinger zwar, aber das habe sich ja nun leider als Täu­schungsmanöver entpuppt. Komplizierte Geschicht­e. Also warum nähme er nicht die Waffe herunter, man käme ja gerne mit, warum nicht in das nächste Café? Man könn­te sich ja viel­leicht ge­genseitig unter die Arme greifen.
Klar, daß sie darauf nicht eingehen würden. Diese Männer waren eine Gefahr für Sibylle & ich werde sie nicht auf ihre Spur setzten. Aber die kleine Pause nutzen, in der der Gehalt der Worte ge­prüft wur­de & der Druck der Waffe ein klein wenig nachließ…
Der Stämmige schien sei­nen Anführer auf ein bisher unbeachtetes Detail hinweisen zu wol­len: er deutete auf den Laptop, der einem in ei­ner Tasche an der rechten Schulter hing, & öffnete den Mund, in dem wie bei dem Schmalen ein Loch gähnte, zu einem Grunzen.
Das war das Stichwort. Der Hintermann versuchte den Wink seines Handlangers zu deuten (der Druck der Waffe ließ ein we­nig mehr nach) – aber es blieb ihm keine Zeit mehr, die Rolle des Ge­räts zu ent­schlüsseln, denn schon hatte man zwei Dinge getan: Schulter & Kopf nach rechts gerissen & den Schwung genutzt, dem Unbekannten Mu­hammadmusa rücklings in die Eingeweide zu rammen. Die Luft ent­wich ihm wie einem überfahren­en Hydranten das Wasser & ließ ihn in der Mitte einknicken – er trug tatsächlich einen Trenchcoat, wie man aus den Augen­winkeln erkannte. Aber auch der Finger am Abzug blieb nicht ungerührt von dem Schock: mit einem sirrenden Ge­räusch löste sich eine unsichtbare Salve, zog dicht an Rolands Schulter vorbei & brannte einen glühenden Striemen auf die Ba­cke des Schmalen, der von der Wucht des Streifschusses ins Taumeln ge­riet, dabei auf­heulte wie eine Hausfrau, die eine ver­brannte Weihnachts­gans im Ofen entdeckt, & seinem Kompagnon in die Laufbahn kippte, der gerade den ersten Schritt zur Ergrei­fung tun wollte, nun aber der Länge nach auf den Bo­den fiel... während man selbst sich rechts unter dem Kerl mit der Waffe vorbeiduckte, um dem Einge­klappten aus dieser finalen Drehung her­aus Muhammadmusa mit der breiten Seite an den Hinterkopf zu schmettern & anschließend das Weite zu suchen.

Als man seine Lungenflügel erneut einem Belastungstest un­terzog & seine Bein­muskeln zur Milchsäureüberproduktion anregte – dies­mal al­lerdings lief man nicht hinterher, sondern davon –, hörte man die ande­ren die Verfolgung aufnehmen, ahnte erst jetzt, daß man seine Lage vielleicht nicht ver­bessert hatte.
Wieder einmal war bewiesen, daß nichts Gutes dabei heraus­kam, wenn man eine Sache einfach anfing, ohne die Folgen zu schätzen. Wo­hin rennen? In den dumpfen Gesichtern der Verwunderten, die man auf seiner Flucht streifte, fand sich keine Antwort. Zurück ins Hotel konnte man nicht, dort war man jetzt nicht mehr sicher; eine Kneipe würde einem nur bis zur Sperrstunde Schutz bieten. Wo­hin? Sollte man nicht dem Drang nach­geben & stehen bleiben?
In Bewegung bleiben, nicht über das Anhalten nachden­ken, Haken schlagen, das erworbene Gassenwissen nutzen, erst ein­mal versuchen, den Gegner abzuhängen, dann über den Zu­fluchtsort spekulieren... Hinten kam das Echo der Schritte näher, teilte sich, einmal, zweimal – sie versuchten einen einzukreisen, man mußte die anvisierte Route auf­geben, schlug sich nach links & zweimal nach rechts, beschleunigte nochmals, stellte fest, daß man der Orientierung verlustig gegangen, im Kreis gelaufen & wieder in der Gegend des Überfalls angelangt war, aber immerhin nun durch jene Gasse lief, hin­ter der sich ein großer Platz mit Geschäften an­schloß, vielleicht könnte man hier seine Verfol­ger verwirren? Stehen bleiben, um den Platz zu überblicken, welchen Weg sollte man nehmen, gleich würde einer um die Ecke biegen, wo waren die anderen, war man mit Absicht zurückgetrieben worden? Der Platz eine Falle, tatsächlich: da vorne, ein Schatten, aus war das Spiel, da drüben der zweite, die Umzinge­lung sollte am selben Ort wiederholt werden, man hatte so viel Abstand zwischen sich & seine Verfolger gebracht, nun aber wurde man in die Mangel genommen, man konnte aufgeben, hier käme man nicht wieder heraus.
Bevor sich das Schick­sal erfüllte, wurde man am Arm gepackt von einer Hand, die aus dem dunklen Zwischen­raum zweier Häuser her­vorschoß, wo kurz zuvor noch eine Holzverschalung ge­wesen war.
–Leise… Folgen!
Man lies sich von der Stimme ins Dunkel zie­hen. Der, zu dem sie ge­hörte, schloß die Verschalung & schob einen weiter: den schmalen Gang entlang zu einem Hin­terhof & die nächste Häuserspal­te nach links hindurch zu einem Nachbarshof & durch eine Hin­tertür in einen kleinen Laden, der ei­nem seltsam vertraut vorkam, einen Laden mit Büchern? Alles war dunkel, man konnte nichts identifizieren. –Leise, wiederholt­e der andere & drängte an den Regalen vorbei zu ei­ner Toi­letten-Ni­sche mit einer kleinen Luke nach draußen. Er stellte sich auf das geschlossene Klosett, zog sich linkshändig am Sims hoch, der Stand des lin­ken Beins et­was kraftlos, & spähte hindurch. Er war untersetzt & voll­schlank & vielleicht zehn Jahre älter, soviel ließ sich im Gegen­licht feststellen. –Da kämen sie, zischte er, –Jetzt keine Be­wegung! Er zog den Kopf ein wenig ein, durch die Luke war die ausklingende In­terferenz drei­er Schrittmuster zu vernehmen.
–Wo er hin wäre.
Die Stimme des Trenchcoatmanns. Daneben kehlige Geräusche, die von einem Taubstum­men stam­men könnten – oder als ver­suche je­mand mit betäubtem Kiefer zu sprechen. Wahrscheinlich der Stäm­mige.
–Er sei nicht über den Platz gekommen?
Der Schmale wimmerte immer noch.
–Er solle aufhören zu flennen, klang der Trenchcoatmann ärgerlich. –Er wäre ihnen doch in die Arme getrieben worden. Wie sie ihn da ent­kommen lassen konnten.
Das Wimmern wurde zu einem stoßweißen Atmen, der andere gab wieder die seltsamen Laute von sich.
–Hierdurch könne er nicht gekommen sein?
Ein Schlag auf Holz. Die Verschalung. Der Alte wirkte be­sorgt.
–Also in die andere Rich­tung. Nach Links. Nach Links! Sie kriegten ihn noch. & Laurel solle aufhören zu schnaufen. Nein, dafür gebe es keine süße Belohnung.
Schon waren sie weg. Einer von ihnen hatte vor Wut gegen die Bret­terwand geschlagen, ohne den Durchschlupf zu bemer­ken.
–Welchen Fisch er da an Land gezogen habe.
Ein weiterer Untersetzter war hinzugetreten. Er zog das rechte Bein etwas nach, der linke Arm hing ihm wie ein angehefteter Lappen herab.
Man wagte einen kurzen Blick durch die Auslage auf den Platz. Im Fensterglas klebte seitenverkehrt die Laden-Inschrift: h c s d u h c s d a M & h c s… Ach so: Anti­quariat Jadschudsch&Madschudsch [Namen geändert]. Die Bücherei, die man vor einigen Tagen durchstöbert & de­ren Hin­terausgang man für die Verwirrung der imaginierten Beschatter genutzt hat­te. Die beiden Herren mit dem bu­schigen Kranz graublon­der Haare um die Glatze waren die In­haber. Zwillinge & an den Extre­mitäten be­einträchtigt, von denen je eine an ihnen herumschlackerte, als gehörte sie nicht ganz dazu.
–Er solle sich einmal bei Lichte besehen lassen.
Der andere – welcher der beiden? – leuchtete ihm mit ei­ner Ta­schenlampe grob ins Gesicht.
–Du meine Güte – da habe Jadschudsch ih­nen aber was einge­brockt. Es wäre ihm eine Ehre Herrn Iobst die Haut geret­tet zu haben, aber jetzt müßte man den Laden wieder verlassen, jaja.
Er packte einen Arm & drängte zum Seiteneingang. Jad­schudsch schloß die Luke, stieg von der Toilette & hielt seinen Bruder zurück.
–Das beste wäre, sie ließen Herrn Iobst hier bei sich wohnen. Im Dachgeschoß. Etwas Gesell­schaft könne nicht schaden. Im Hotel könne man sich doch nicht mehr blicken lassen – dort würde man den Spür­hunden des FAF nur in die Arme laufen.
FAF? stellte man eine Zwischenfrage.
Madschudsch schenkte seinem Bruder einen vielsagenden Blick, auf den der aber nicht einging.
–Der Freundeskreis Autonomes Franken, erklärte Jadschudsch, –Eine Or­ganisation, die für die Abspaltung des Frankenlandes von Bay­ern & Deutschland eintrete, deren Fernziele aber die Rückeroberung von Frankreich & Italien sowie die Wieder­herstellung der Grenzen des Ka­rolingischen Reiches wären.
–Nordbayerische Sektierer in Südfrankreich?
–Eben nicht Nordbayern, sondern Franken... Der FAF unterhalte überall in Europa Abteilungen – das Languedoc-Rousillon sei immerhin ein­mal das Grenzge­biet zu den Sarazenen, das Frankenland groß, ziem­lich weitreichend gewesen, jaja...
–Könne er nicht seine Klappe halten? mischte Madschudsch sich endlich ein, –Er brin­ge sie in eine ziemliche Zwickmühle. Wenn sie ihn schnappten, würde sie das direkt zu ihrem Laden füh­ren.
–Er solle nicht so dünnfellig sein, entgegnete Jad­schudsch, –Das hier sei vielleicht die Gelegenheit, noch ein­mal Es­prit in ihr Leben zu brin­gen, etwas wieder gut zu ma­chen...
Man konnte nicht folgen, blieb an der Tatsache hängen, daß der Mann in dem Trenchcoat sich bemüht hatte, Hoch­deutsch zu sprechen, aber seine Vokale, vor allem das A, in der Tat einen fränkischen Ein­schlag nicht völlig hatten kaschier­en können.
–Man wolle jetzt bestimmt eine Er­klärung, wandte sich Jadschudsch an einen, –Zunächst aber müsse man ausru­hen, dem Gesicht feh­le die Farbe. Schließlich sei man gerade noch der Folter entkommen. Wahr­scheinlich das erste Mal mit einer Waffe be­droht worden, hm? Morgen werde einem alles weitere eröffnet.
Jadschudsch zwinkerte & deutete auf eine kleine Holz­treppe, die in den ersten Stock führte.
–Er wolle ihn wirklich logieren? hielt Madschudsch ihn auf.
–Er solle ihm doch eins auf sei­ne alten Knochen verpas­sen dafür.
Madschudsch zuckte mit den Schultern.
–Feigling, reizte der andere ihn.
–Er biege das nachher nicht wieder gerade.
–Als ob das je nötig gewesen wäre.
–& Neun&achtzig?
Jetzt war es an Jadschudsch, mit den Schultern zu zucken. Ma­dschudsch ge­noß den Triumph... um dann doch einzu­lenken:
–Er koche Herrn Iobst erst einmal einen Jo­gi-Tee für die Nerven, jaja. Das bringe die Lebensgeister auf Trab. Oben könne man der­weilen ein Bad nehmen – man sei ja ganz naßge­schwitzt. Handtücher lä­gen auf der Kommode.
Die Brüder waren ein bißchen wie zwei unberechenbare Stimmen, die im Kopf derselben Person herumspukten, um ihr Handeln nach der einen oder der anderen Seite aus­schlagen zu lassen. Eine Art kindlicher Rangelei um die Führung – weil die Be­teiligten sich ähnlicher sind, als sie zugeben wollen.
Das sollte man in den nächsten Tagen noch häufig zu spüren bekom­men.

***

mai-jun.doc (9)

Am nächsten Morgen besorgte Madschudsch das Ladenge­schäft, wäh­rend man mit Jadschudsch am Küchentisch saß.
–Warum sie ihm geholfen hätten & soviel über diese Verbrecher wüß­ten? Was Sibylle da­mit zu tun habe?
–Immer der Reihe nach. Vielleicht solle man zu­nächst die eigene Ge­schichte er­zählen.
Jadschudsch zündete sich mit links eine Pfeife an & man gab ihm zu le­sen, was man in der Nacht des ersten auf den zweiten Mai in der Ka­thedrale ge­schrieben hatte. Über Ca­rola, die Bü­cher, Veiti, Sibylle. Den Rest trug man nach: Die vergeblichen Versu­che, das Rätsel des Zettels zu lösen. Die Mé­diathèque & Raoul.
Muhammadmusa hatte nur eine leichte Del­le abbekommen. Zwar ging sein Atem jetzt rasselnder, sonst aber verhielt er sich wie immer.
Jadschudsch hatte die digitalen Aufzeichnungen aufmerksam stu­diert, während er den Rauch einsog. Nach einer langen Pause, die Pfei­fe mit links ausklopfend, wandte er sich wieder an Roland:
–Fest stehe einmal der Betrug mit Mo­ritz Veitinger, jaja. Zwar sei nicht auszuschließ­en, daß es einen solchen im FAF ge­be – aber das sei recht un­wahrscheinlich. Eine Si­bylle kenne er nicht.
–Wieso der FAF hinter ihm her wäre?
–Er vermute, er wäre an dem Buch inter­essiert, das am Ursprung seiner Stafette stünde, brachte er die Angelegenheit sofort auf den Punkt.
–Ein Spaß, den man doch nur mit sich selber gemacht habe! Wie je­mand davon habe wissen können.
–Er habe es keinem erzählt? wurden seine Augen schmal.
–Niemandem, ganz sicher, keinem. Außer – nein! Nein, der nicht. Oliver Gebhard, ein alter Schulkamerad, arbeite im Außen­ministerium. Der beste Freund sozusagen. Bis... Naja ihm habe man kurz davon er­zählt, am Tele­fon. Dann hätten sie sich gestritten & Oliver ihm gera­ten, einmal hierher zu fah­ren. Nein, der komme nicht in Fra­ge.
–In Bayreuth befände sich die Zentrale des FAF...
Es wurde langsam ungemütlich. Oliver? Immerhin – er hatte ihn auch an Carola verpfiffen...
–Was mit ihnen wäre, versuchte Roland die Führung an sich zu rei­ßen, –Den Zwillingen – Zeit für ein paar Gegenfragen.
Madschudsch lugte herein, grantig.
–Er wolle dem Jungen doch nicht alles erzäh­len? –
–Man habe ein Recht darauf, konterte Jadschudsch.
–Einem Unbekannten ihr Geheimnis enthüllen?
Ein Glöckchen vermeldete einen Kunden & rief Ma­dschudsch zu­rück in den Verkaufsraum. Er warf dem Bru­der einen dro­henden Blick zu, den der stumm entgegen nahm. Kaum war Ma­dschudsch ver­schwunden, legte er los, eine zweite Pfeife (mit links) an­fachend:
–Also jetzt sie: er & sein Bruder seien seiner Zeit selbst im FAF ak­tiv gewesen, jaja. Bei der Gründung im Jahr Acht&sechzig: Da hätten sie noch in Franken gelebt, ge­rade einmal zehn Jahre alt. Beider Mutter damals et­wa in Ro­lands Al­ter, jaja – ein freches Fräulein, das zwar mit den jüdischen Wur­zeln der Fa­milie nichts anzu­fangen gewußt, diese Traditio­nen nicht ge­lebt, aber als eine, die als Kind die zerbombten Städte gesehen, das Lei­den des jüdi­schen Volkes durch den Verlust der Großeltern am eige­nen Leib erfah­ren & den Mief der Adenauer-Zeit nachher mit­erlebt habe, eine der ersten gewesen sei, die Ende der Fünf­ziger gegen die alte Moral aufbegehrten: Sie wäre schwanger geworden & das unehelich. Der junge Vater habe sich davongemacht & sie selbst auch gleich ihre Familie verlassen, bevor sie sie ausstoßen konnte. Dann sei sie mit ihnen im Bauch nach Frank­furt ge­zogen, habe ein So­ziologie-Stu­dium aufge­nommen; schließlich die starken Schmer­zen noch in der Frühpha­se der Schwangerschaft im Winter sieben&fünfzig: Sie habe kaum schlafen können & man habe ihr etwas verschrieben, das zwar die Schmerzen linderte, aber dafür zu einer Thalidomidem­bryopathie führte.
–Thalio-was?
Man hatte den Faden verloren, der Blick sich im Karomuster der Wachstuchtischdecke verfangen, die Brandflecken trug. Sie passten zum Jugendstil-Muster der braunen Tapete. Im Hintergrund beriet Ma­dschudsch noch immer den Kun­den.
–Contergan, frisch auf dem Markt. Das Ergeb­nis sähe man vor sich: Knochenmiß­bildungen am linken Arm & rechten Bein bei seinem Bru­der, am rechten Arm & linken Bein bei ihm selbst. Erst als sich bis Ein&sech­zig die Fälle ge­häuft hätten, sei das Medikament aus dem Handel ge­nommen worden, jaja. Die Mutter habe bis Neunzehnsiebzig in dem Mammutprozeß ge­meinsam mit anderen Be­troffenen um eine Ent­schädigung ge­kämpft. Mit dessen Einstellung sei es zu einem schäbi­gen Ver­gleich zwi­schen Eltern & Her­steller ge­kommen: Zwar habe der Bund sich an den Zah­lungen beteiligt, aber die Summen, die tat­sächlich in die Geld­beutel der Opfer geflos­sen seien – eine Beleidigung! Mut­ter habe noch eine Rechnung offen gehabt, sei also neunzehnhundert-ein&sieb­zig den FAF-Mili­zen beigetret­en – der FAF ihre neue Fami­lie... Zuerst sei das eher ein Jux ge­wesen, um ein paar Leu­ten in den Allerwertes­ten zu tre­ten. Die Abkür­zung habe damals noch für Freigeistige Anarchie-Flagellanten ge­standen... Aber mit der Zeit sei die Sache aus dem Ru­der gelaufen: bald habe der FAF den bloßen Straßen­kampf auf­geben – aus dem studentis­chen Chaoshaufen sei eine straff or­ganisierte Terror­gruppe geworden, jaja, die ih­nen ideologie­fremde links- wie rechtsradi­kale Milizen unter­stützt habe, um dank der Kon­zentration der gesell­schaftlichen Kräfte auf die von diesen ent­fachten Ge­waltakte selbst im Hin­ter- & Untergrund agieren zu können. Die Sa­che im Münchner Olym­piastadion sei dann das letzte große Ding gewe­sen – die Aktion habe denjeni­gen Stim­men in der Grup­pe Aufwind ge­geben, die sich für eine Beto­nung der unauf­fälligen Me­thoden ausge­sprochen hätten. An­fang der Achtziger, unter­stützt von vermögenden Mäzenen aus Oberfran­ken, sei dann die endgültige Wende zum Ge­heimbund mit erwei­terten Zie­len eingeleitet worden. Diese neue Orga­nisation sei nun in Freundeskreis Autonomes Franken umbenannt wor­den – oder für die Initiierten: Fraternitas Automendonti Franconiae, die »Bruderschaft der geschickt­en Wagenlenk­er Frankoni­as«.
Man schwieg. Der Rauch machte irgendwie schwindelig & Jad­schudsch war im­mer schneller geworden – als wolle er sicherstellen, alle Informationen losgeworden zu sein, bevor sein Bruder zurückkam.
–Die Methoden des FAF seien denen staatli­cher Ge­heimdienste ebenbürtig: der Einsatz von Spionage, V-Männern, Be­stechung habe über die Jahre dazu ge­führt, daß ganz Nordbayern sich heute faktisch unter seiner Kon­trolle befinde, jaja – & das schon seit Neun&acht­zig, als man heimlich ein un­abhängiges Fran­konia ausgerufen habe. Der FAF habe sich damals selbst ein Sym­bol geweiht, zur Iden­tifizierung seiner Agenten: ein nor­males & ein nach links gespiegeltes F, kombi­niert mit einem A, das auf dem Kopf steht.

???

Jadschudsch malte das Zeichen auf eine Tageszeitung, die auf dem Tisch lag. Das Türglöckchen schepperte, als der Kunde den Laden ver­ließ – Ma­dschudsch mußte jeden Augenblick kommen.
–Bereits Mitte der Siebziger Jahre habe man die Zentra­le des FAF von Frankfurt, das zuviel Aufmerk­samkeit auf sich gezogen habe, nach Bayreuth verlegt. Damit sei der nächste Strate­giewechsel einhergegan­gen. Getreu dem Motto »Was ge­schrieben steht ist wahr«, sei man dar­an gegangen Texte, Do­kumente & Schrif­ten von Be­lang im eigenen Sinne zu fälschen. Deshalb wahrscheinlich auch das Interesse an Roland & dem Buch, die Tatsache –
–Er habe also alles verraten.
Madschudsch war da. Er hielt sich rechts am Farbe abblätternden Rahmen der Tür fest & war nicht in bester Laune.
–Jetzt könne man den Rest auch noch hören...
–Er werde sie vorzeitig ins Grab bringen.
Madschudsch schüttelte den Kopf & trat ein, ein Zeichen der Aufga­be, während sein Bruder ein wenig rot wurde, aber nachsetzte: –We­nigstens nicht als Duck­mäuser...
–Wie auch immer, beeilte sich Madschudsch das ein­mal Begonnene selbst zu Ende zu bringen, den Bruder vom Stuhl scheuchend, –Jad­schudsch habe gerade erwäh­nen wollen, ge­wisse Um­stände hätten zum Bruch zwischen ihnen & dem FAF ge­führt – sie hätten flie­hen müssen, jaja. Er koche übrigens heute einen Kakao mit einem Schuß Chili.
–Gerne.
–Sie hätten gedacht, sagte Jadschudsch, nun (links) an der Tür leh­nend, während Madschudsch sich rechtshändig am Herd zu schaffen mach­te, –Es sei am sichersten, wenn sie zwar Deutschland den Rücken keh­ren, sich aber in direk­ter Nachbarschaft einer der Stütz­punkte des FAF nie­derlassen würden. Dort würde sie wohl keiner vermuten... & um die Strategie per­fekt zu machen, hät­ten sie sich des Juden­tums ihr Mut­ter erinnert, diese Namen angenommen (die Fran­zosen hier unten lieb­ten so et­was & erst Recht die Touris­ten) & den Laden eröff­net. Die Nicht-Tarnung habe nun über zehn Jahre ge­halten, jaja.
–Unglaublich.
–Die beiden Männer von gestern, ergänzte Jadschudsch, –Sie hießen Laurel & Hardy. Alle in der Organisation trügen solche Codenamen.
–Sibylle?
–Könnte sein...
–& wer kenne die richtigen Identitäten?
–Nur der Unsägliche, setzte sich Madschudsch wieder auf seinen Platz, während die Milch auf das Er­hitzen der Kochplatte wartete.
Man schaute von Madschudsch auf dem Stuhl zu Jadschudsch im Türrahmen & wieder zurück.
–Der geheime oberste Führer des FAF, konkretisierte er –So ge­heim, daß niemand sei­nen wahre Identität kenne & er meistens gar nicht – oder wenn doch, dann nur in Ver­hüllung auftre­te, jaja.
–Wie man ihn dann erkenne.
–Er trage das Präputium, erklärte Jadschudsch, –Die Vorhaut Jesu Christi, aus dem berühmten Schatz Karls des Großen, des ersten Kai­sers der Franken, in einem Amulett um seinen Hals: als sein Zeichen.
Allmählich stieg einem die Sache etwas über den Kopf. Man mochte die beiden Buckligen, wirklich – aber war sich nicht sicher, ob ihm hier nicht eine grandiose Flunkerei aufgetischt, ein bibliophi­ler Scherz mit ihm getrieben wurde...
Madschudsch schien einem das anzusehen: –Laurel & Hardy seien damals die Zungen ent­fernt worden. Jaja, weil sie sich zwar als gefüg­ig, aber eben auch redselig er­wiesen hätten. Der Dritte im Tren­chcoat sei der Chef der Bande: Co­lombo. Mit drei O. Der könne, wenn er einmal die Conte­nance verlö­re, zu ei­nem echten Bei­ßer werden...
Das hatte man ja zu Spüren bekommen...
–Diese Dreier-Konstellationen seien sehr beliebt beim FAF, fügte Jadschudsch hinzu, der jetzt (linkshändig) das Würzen der kochenden Milch mit braunem & rotem Pulver über­nahm, da Madschudsch wie­der im Verkaufsraum gebraucht wurde, –Dennoch sei die For­mation um Colombo nur eine der äuße­ren Struktu­reinheiten. Auch die ande­ren Stützpunkte in Frank­furt, Paris, Berlin, Aachen, Rom, ver­fügten über einen bis drei dieser Trupps, die im­mer dann eingesetzt würden, wenn die ge­heimen Me­thoden nicht mehr wei­terhelfen würden. Jaja, sie hätten gleich geahnt, daß Ro­land, als man das erste Mal den Laden be­treten habe, mit denen Ärger bekommen würde. Die Bücher, für die er sich in­teressiert, die Fragen, die er ge­stellt habe... Dann sei er er­neut herein­geschneit: durch die Seitentür & vor­ne wieder her­aus – da seien sie ganz si­cher gewesen, daß sie hinter ihm her waren. Also habe er, Jad­schudsch, das brüderli­che Verbot ignorierend, sich auf die Lauer gelegt, durch die Toilettenlu­ke die Nachbargasse beobach­tet, weil die eine be­liebter Ort für Colombos Zangenangrif­f-Manöver sei.
–Aber wie sie seinen Namen herausgefunden hätten.
–Dank der Kreditkarten-Daten –
–Ach ja, Wagners Mein Leben
Jadschudsch rührte mit einem Holzlöffel im Topf herum. Allmählich wurde ihr Indiziengebäude ziemlich stabil.
–Er habe sich schon in den Ho­tels nach einem erkundigen wollen, aber ge­zögert: aus Angst, die Te­lefone könnten angezapft wor­den sein. Da habe der Zufall das Pro­blem gelöst...
–Angenommen man glaube das alles, wollte man endlich zum Ende kommen, –Was das alles mit ihm zu tun habe? Sibylle –
–Sicher eine feindliche Agentin, kam Ma­dschudsch von ne­benan, den Laden zur Siesta abschließend; seinem Blick nach zu urtei­len hatte er eben einen Einfall gehabt: –Vielleicht sei den Katha­rern ja et­was in die Finger ge­langt, was ein­mal dem alten Charlemagne ge­hört habe.
–Eine Schriftroll­e zum Bei­spiel – möglicherweise der Ursprung die­ser Sta­fette, sprang Jadschudsch ihm bei.
–Et­was so Wertvolles jedenfalls, daß die Kirche al­les dar­an gesetzt habe, es zurückzubekom­men. Das wür­de die Radikali­tät der Verfol­gung erklä­ren – schließlich hätte dieselbe Kir­che andere häreti­sche Gruppie­rungen dieser Zeit durchaus tole­riert, manche so­gar ge­fördert.
–Wieso hetz­ten sie einem dann Co­lombo auf den Hals? Wenn ihn Veitinger nur wegen dieser Urschrift hergelockt habe – wieso sei man dann nicht einfach dem verspro­chenen Kontakt­mann begegnet?
–Könnte von einer Gegenpartei ausge­schaltet & von Si­bylle ersetzt worden sein, begann Madschudsch das heiße Getränk rechterhand in drei Tassen zu füllen, die Jadschudsch ihm mit links anreichte, bevor er sich wieder auf den Stuhl setzte, –Das habe ih­ren Pläne durchkreuzt – sie hätten erst in Erfahrung bringen müssen, was falsch ge­laufen war, bevor sie sich ihm offenbarten. Da sie aber wohl weiter im Dunkeln ge­tappt seien, hätten sie es eben mit einem Überfall versuchen müssen.
–& die Ähnlichkeit zu Ca­rola?
–Ob er den Zettel einmal sehen dürfe, streckte Madschudsch die Hand aus, das Thema flink auf etwas Konkretes lenkend.
Man reichte es ihm. Er musterte es sorgsam durch seine Brille, ver­gaß darüber völlig die trinkfertigen Tassen; er hielt es über eine Kerze, blies etwas Metall­staub aus einer Dose darüber – nichts.
–In der Médiathèque hätten sie damit nichts anfangen können?
–Nein.
–Ob er sich eine Ab­schrift machen dürfe? Er kenne ein paar kleinere Bibliothe­ken & Bü­chereien in der Ge­gend...
–Man wolle mitkommen, stand man mit recht plattem Hintern auf.
–Auf keinen Fall, wurde man von Jadschudsch einhändig auf den Stuhl zurück gedrückt, –Sie seien mit den Leuten hier bekannt – da sei eine Anfrage nichts Unge­wöhnliches. Bei einem Orts­fremden aber habe der FAF schon eine neue Spur... Ob man jemanden kenne, mit dem man eine Übergabe der Sachen aus dem Hotel arrangieren kön­ne?
–Raoul. Den Mann von der Rezeption. Er wisse auch über die Ge­schichte weitgehend Be­scheid, sei also vertrauenswürdig.
–Gut. Er, Jadschudsch, über­nehme den Laden & werde morgen früh im Ho­tel an­rufen, mit diesem Raoul sprechen, während Madschudsch dem Zettel nach­gehen sollte.
–Ausnahmsweise korrekt geschlossen, bestätigte der Bruder.
–Warum sie das alles für ihn täten?
–Sie hätten sich eben nie eine Fa­milie leisten können, packte Jad­schudsch Roland energisch links an der Schulter & Madschudsch, wäh­rend er ihm rechterhand die Tasse zuschob:
–Jetzt solle er aber endlich seinen Ka­kao...

***

mai-jun.doc (10)

Die Nacht war ohne Überfall vergangen. Schien für eine Zeit si­cher hier zu sein. Wenn man das von einer Organisation behaup­ten konnte, deren Buchstaben auf einem Mobiltelefon die Nummer Dreiz­weidrei ergaben, oder, wenn man das Doppel-F nur einfach zähl­te, Drei&zwanzig. Dreizweidrei – davon ist die Quersumme Acht, eins mehr als Sieben, der Zahl der absoluten Harmonie, also deren ein­fache Überschreitung, ein Symbol für den Kampf...
Vermerk: bei der nächsten Überarbeitung endgültig entscheiden, ob ich meine Skizze zum Weltenzyklus, basierend auf Drei&zwanzig & Sieben nicht besser doch wieder hier einfüge.
[Es ist unklar, ob Roland in seinen Überarbeitungsphasen nie mehr hierher gelangte & den Plan, seine Unentschiedenheit zu entscheiden, vergaß oder ihn einfach fallen ließ. Jedenfalls fand sich der Text, der wie so viele aus Langeweile während eines Seminars enstanden war, als ex­terne Datei auf der Festplatte Muhammadmusas. Siehe Appendix.]

Rolands Zimmer lag gleich ne­ben ihrem. Schiefe Räu­me, viel dunkles Holz; ein bißchen viel Biedermeier dominierte die Einrichtung. Die Küche war der größte Raum ihrer Behausung, das Zentrum in braunem PVC mit Ju­gendstil-Muster. Im Erdgeschoß gab es sonst nur noch den Verkaufs­raum, bis an die Dielendecke stapelten sich dort die Lektüren (keine Re­gale – die Bücher lagen wirklich in lauter beein­druckende Türmchen sortiert...). Ro­land hatte sich noch in der Nacht ein wenig umge­sehen: was er hier alles hät­te mitgehen lassen kön­nen – seinen Koffer hätte er gefüllt.
–Wieso sie den FAF eigentlich verlassen hätten?
Man saß am Küchentisch, Jadschudsch schreckte Eier ab­.
–Das erzähle er vielleicht später einmal.
–Ob es mit ihrer Mutter zu tun habe.
Er klopfte eines der Eier auf den Tisch, schälte es & legte es einem auf den Frühstücksteller. Man beließ es dabei.
–He. Nach eigener Rechnung müßten sie beide im Dezem­ber Vier&vierzig werden. Man wäre gerade Drei&dreißig ge­worden...
Jadschudsch nickte abwesend & verschwand vorne im Laden.
–Habe man schon von der Strahlenwaffe erzählt? rief man hinter­her.
–Was für eine Waffe? kam es laut zurück.
–Colombo habe einem so ein Ding in den Nacken ge­halten & be­hauptet, sie verschieße ge­bündelte Mi­krowellen.
–Sicher nur ein Einschüchterungsversuch...
–& der Striemen auf der Backe des Schmalen?
–Einige der FAF-Leute benützten eine Taser M-sechs&zwanzig, setz­te Jadschudsch das Frühstück fort (Eier & Toast), –Aus dem Arsenal der amerikani­schen Poli­zei. Sie verschieße zwei Stromkabel mit kleinen hakenb­esetzten Elek­troden, die sich ins Fleisch krall­ten, für fünf Sekun­den fünf­zigtausend Volt durch den Kör­per jagten, da­mit das zentrale Nervensystem & die Muskel­kontrolle außer Ge­fecht setzten, Ergebnis: das Opfer krümme sich fötal auf dem Bo­den, jaja.
Man stocherte mit dem Löffel in seinem Ei herum. Das war es nicht.
–& die angesengten Haare oberhalb meines Ohrs?
–Er habe einen Straßenjungen beauftragt, das Ge­päck abzuholen, mied Jadschudsch das Thema, –Dieser Raoul sei wirklich in Ordnung: Er habe die Sa­chen aus Ro­lands Zimmer eingepackt, werde so tun, als ob man weiter dort woh­ne & jede verdächtige Anfrage mitteilen – un­ter der Bedingung, daß man ihm von dem Ausgang der Geschichte aus­führlich Bericht erstat­te, mit be­scheidenen Gruß.
Jadschudschs Art gefiel ei­nem nicht.
–Es sei einem noch etwas eingefallen: Sibyll­e habe doch ein zweites Mal Kontakt herzustellen versucht – mit die­ser Nachricht Vei­tingers vom Anlaß & Grund. Das be­stätige doch ihre Ver­bindung. Dann aller­dings könne der nicht zum FAF gehören, da sich Sibylle doch als Stör­faktor erwiesen habe: bei ihrer ersten Begegnung schon habe sie davon ge­sprochen, daß sie beobachtet würde... Vielleicht gehöre er gar nicht zum FAF, sondern zu einer anderen Partei.
–Oder sie wäre gezwungen ge­wesen, die Rol­le des von ihr ersetz­ten Kontaktmanns noch ein wenig wei­ter zu spielen, um sich nicht in Ge­fahr zu bringen. Hm – in jedem Fall sei ihre Beweiskette hier in der Tat noch etwas dürftig. Mal ab­warten, was Madschudsch her­ausbringe.
Das Türglöckchen.
–Die Koffer! Man solle in der Küche bleiben.
Im Laden verhandelte er mit dem Jungen über den Lohn, dann ging die Tür: Jadschudsch zog die zwei Rollkoffer hinter sich her.
–Besser man vergewissere sich.

Nichts fehlte. Sogar die Französischbü­cher waren noch da. & ein Ge­schenk von Raoul – ein Mah-Jongg-Spiel, mit einem Brief:

»Monsieur Iobst,
vielleicht hilft das beim Kombinieren. Vergessen Sie den kurzen Stock nicht – ein Haiku von Bashoo lautet:

Nimm die Pfefferschote
& gib ihr zwei Flügel
Sieh, eine Libelle!

Ergebenst,
Raoul

P.S.: Halten Sie mich auf dem Laufenden. Die Nummer des Ho­tels kennen Sie ja.«

Tage vergingen, in denen Madschudsch Beziehungen spielen ließ & Kollegen besuchte.
–Die Mühen seien um­sonst gewesen, aber er gebe nicht so schnell auf. Sie bräuchten wohl nur etwas mehr Zeit.
Sah alles danach aus, als würde ich mein Aufenthalt verlängern.

***

mai-jun.doc (11)

–Warum eigentlich, begann Madschudsch eines Abends, nachdem man ihm alle Aufzeichnungen vorgelesen hatte (schon wieder saßen sie in der Küche), –In allen Büchern der Stafette Musik eine besondere Rol­le spiele?
–Außer in den Minima Moralia! Dafür hätte Adorno sich ja in ande­ren Veröf­fentlichungen oft mit Musik beschäf­tigt...
–Ob sich etwas dahinter ver­berge, grinste Madschudsch, als hätte er einen bei etwas erwischt. Man be­eilte sich mit der Verteidigung:
–Da offenbar alle Werke die Sehn­sucht nach der Überwin­dung eines Zwiespalts ent­hielten, sei es nicht ver­wunderlich, daß sich dies in der Konfrontation von Literatur mit Musik äußere, um diese Uto­pie auf äs­thetischer Ebene nachzuvollziehen. Es scheine nichts wei­ter zu sein, als eine Me­tapher für das, was am Anfang der Stafette stehe – ein Luftbläs­chen des Geheim­nisses, das über die Jahre vom Grund zur Ober­fläche der Wer­ke, die auf es ver­weisen, aufgetrieben sei, um dort mit sei­nem Zerplatzen jenes Abbild als Ahnung vom Grund zu schaf­fen.
–& die Häu­figkeit der Zahl Drei?
–Die Trinität von Gott-Vater, Sohn & heiligem Geist; das Symbol alles Himmlischen, & eben die nächs­te Zahl nach der Zwei, dem Sym­bol aller Gegensätze, angefan­gen bei Gut & Böse... Für die Katharer dürfte die Drei das Zei­chen des Weltendes & der Erlö­sung von den wi­dersprüchlichen Polen der Materie gewesen sein.
Auf dieses Stichwort schien er gewartet zu haben. Seine Hand rührte wild in der Luft herum, als er loslegte, einen zu ergänzen:
–Jaja, die Drei sei jenseits christlicher Symbolik vor allem aber eine kabbalisti­sche Zahl! Antonin Artaud, der Theoretik­er des Thea­ters der Grausam­keit zum Beispiel behaupte, daß das Leben ge­wissen Grundge­setzen unterliege, die auf den unzäh­ligen Kom­binationen von Dreihei­ten be­ruhe. Es exis­tierten zwei mal drei solcher grundsätzlichen Drei­heiten: Zwi­schen den Polen Männ­lich & Weiblich, Ausdehnend & An­ziehend, Positiv & Ne­gativ gäbe es der aristo­telischen Tu­gendlehre ge­mäß eine Mitte – An­drogyn, Ausgegli­chen, Neutral... Damit habe Artaud auf äußerst einfac­he Weise die zehn Sephiroth, die Emanatio­nen des En-Sof beschrieb­en, jaja. Die sechs grundsätzlichen Dreiheiten & die drei daraus folgenden ergä­ben neun Sephi­roth. Die zehnte, Mal­kuth – das Reich der göttlichen Herr­schaft, der Ort der Harmonie der her­vorbringenden Sphäre –, schließe alle neun Mächte ein. Eine an­dere Deutung laute, Gott habe sich in zwei&dreißig wunderbaren We­gen der Weis­heit – die Summe aus den zehn Sephiroth & den zwei&zwan­zig Pfaden, wel­che die Sephiroth untereinander verbänden & welche sich in den Kon­sonanten des he­bräischen Alphabets spiegelten – in die Welt einge­graben. Da­für bestünde das Stoffliche nur aus drei Elemen­ten: Wasser, Luft, Feuer. Drei Elemente – wie es auch nur drei kabba­listische Techniken der Dechiffrierung gäbe.
Gematria, sprang man ihm bei, –Die Mathematik der Wörter: Den zwei&zwan­zig Buchstaben des hebräischen Alphabets seien Zahlen zu­geordnet, die Quersummen der Worte ergäben bestimmte Werte, von denen die identischen eine neue Wort­folge bildeten… Notarikon, die Technik des Akro­stichons: Die Buchstaben eines Wortes bildeten An­fangsbuchstaben anderer Wörter in einem Satz oder die An­fangs- oder End­buchstaben der Wörter eines Satzes ergä­ben ein neu­es Wort… Te­murah, die Kunst des Anna­gramms: Die nach bestimm­ten Re­geln vor­genommene Vertauschung von Buchstaben...
Naja, man wollte halt zeigen, das man mithalten konnte.
–Die Drei sei aber auch in der Antike eine be­deutende Zahl, legte Madschudsch nach, –Vor allem in Verbindung mit Frauen: Die Geschi­cke der Welt be­stimmten die Götter, das indivi­duelle Schick­sal aber die Moiren, mür­rische Töchter des Zeus & der Themis – Klotho spinne den Schicksals­faden, La­chesis rolle ihn auf, Atropos schneide ihn ab. Diese Zukunft zu erkennen sei eine Aufgabe der Mantik gewesen, aus­geübt von drei Arten wahr­sagender Frauen: die einfachen Chresmolo­ginnen, die Pythien (Priesterinnen des Orakels von Del­phi) & die an keinen Gott oder Ort gebundenen Si­byllen – eine Verschmelzung aus Kassan­dra, Manto & den Nymphen (ihre Prophezeiungen stets im Zu­stand ekstatischer Be­rauschtheit & haarera­ufenden Wahnsinns). Apoll übrigens, der die prophe­tische Schlange Python getö­tet habe (die das Orakel ihrer Herrin Gaia be­wachte), um Delphi zu seiner Kults­tätte zu ma­chen, sei zugleich Apoll Musagetes, der Führer der neun Musen, & Apoll Phoi­bos, der Gott des Lichts – also der Gott der Küns­te & der Prophezeiung, jaja! & wel­che Bücher der Bibel seien es, die sei­ne Gu­ten Menschen, die zahlreichen Wi­dersprüche zwischen Altem & Neuem Testament sehend, als einzige aner­kannten? Neben dem Johan­nes-Evangelium nur die pro­phetischen Bü­cher, sechs an der Zahl: Je­saia, Salo­mon, Hiob, die Psal­me, das Buch der Weis­heit, die Offenbar­ung des Johannes… In diesen Bü­chern gebe es drei Stellen, wo eine Schrift­rolle besonders erwähnt werde: zweimal werde sie mit dem Himmel, also der Drei gleich­gesetzt, ein­mal meine sie das Buch der Apokalypse.
Madschudsch zauberte eine Bibel unter dem Tisch her­vor, mit klei­nen Zettelmarkierungen darin, & hielt sie einem unter die Nase.
–Hier, Jesaja Vier&dreißig, Vier: »Die Gestirne zerfal­len & der Himmel rollt sich ein wie eine Buchrolle.« Offenba­rung Fünf, Eins ff.: »Ich sah eine Buchrolle in der Hand dessen, der auf dem Thron saß. Sie war innen & außen be­schrieben & mit sie­ben Siegeln verschlossen.« Offenba­rung Sechs, Vier­zehn: »Der Himmel verschwand wie eine Buchrolle, die man zusam­menrollt«, ließ er die Bibel zusammenklappen & wieder verschwinden, um noch einen draufzusetzen, –Nicht zu ver­gessen der ganze germanische Kom­plex mit den drei Nornen, jaja: Urd das Ge­wordene, Verdandi das Seiende & Skuld das Werdende – die nordi­sche Idee von den Moiren des Schick­sals, die am Fuße der Welte­sche Yggdrasil säßen, dessen drei Wurzeln von drei Brunnen ge­nährt, daran nagend Nidhögg der Drache, auf dem Wip­fel sitzend ein Adler, das Eichhörnchen Ratatoskr die Nach­richten hin & hertragend dazwi­schen... Dann die drei Reiche Utgard, Mitgard & Asgard, das Lesen der Zukunft aus Vo­gelflug, Losorakel & Runen­stäbchen, auch hier übrig­ens vornehmlich durch Seherinnen
–Was für Zinnober er dem Jungen auftische.
Da war er plötzlich, Jadschudsch. In letzter Zeit schienen die beiden die Rollen getauscht zu ha­ben. Je mehr Madschudsch in die Geschichte eintauch­te, desto ta­tendurstiger wurde er, während Jadschudsch den Bru­der zu ermahnen begann.
–Er versuche nur die Be­deutung der Ziffern ins Spiel zu bringen, vielleicht helfe das ir­gendwie weiter. Immer­hin, dies galt wieder mir, –Sei Musik ja auch eine mathema­tische Angelegenheit.
–Man habe ja selbst eine Schwäche für sol­che Überle­gungen... Zur Lösung des Rätsels aber sehe man darin kein passendes Mit­tel.
–Hm.
–Madschudsch sei eben doch ein falscher Jude: Be­haupte, sich mit der Kabbala aus­zukennen, & habe weder das Buch Bahir noch das Buch So­har oder das Sefer Jezirah je gelesen, jaja. Nicht die größte Biblio­thek der Welt könne ihn davon abbringen, immer wieder mit sei­nem Halbwissen anzugeben.
–Was habe er da gerade gesagt? klang Madschudsch mit einem Mal aufgeregt.
–Daß er ein Täuscher sei – kein Viertel der Bü­cher, die er seinen Kunden vollmundig anpreise, kenne aus ei­gener An­schauung. Er bezie­he sein Wissen nur aus zwei­ter Quelle: aus Auslegungen, Kommenta­ren, Kritiken.
–Das andere, das über die Bibliothek, fuchtelte Madschudsch.
–Nicht die größte Bibliothek der Welt könne ihn –
–Das sei sie – die Lösung! Direkt vor ihren Au­gen. Was für Dumm­köpfe sie wären.
–Was denn?
Endlich setzte sich Jadschudsch zu uns. Man zuckte mit der Schulter.
–Warum sie es nicht verstünden. Die größte Biblio­thek der Welt! Deshalb habe ihnen auch nie­mand mit der Kartei hel­fen kön­nen. Was habe Sibylle noch gleich zu ei­nem gesagt?
–»Suche dann in einem großen Archiv.«
–Ach so, höhnte Jadschudsch, –Ein wirklich großes… Nicht unse­re kleine Médiathèque – vielleicht die Deutsche Nationalbliothek? Nein, noch größer.... Aber es gäbe da ein Problem: Cäsar habe schließlich da­für gesorgt, daß von Alexandria nichts mehr übrig sei, oder?
–Keine unqualifizierten Bemerkungen! Die Bi­bliothek von Alexan­dria sei nicht durch Cä­sar vernichtet worden, der, im Palastbe­reich ein­geschlossen, dem ägyptischen Mob mit Feuer habe be­gegnen müssen, um nicht von seinen Schiffen abge­schnitten zu werden. Es sei­en ledig­lich die Hafenmaga­zine verbrannt, in denen sich die noch unkatalogi­sierten & ausgelagerten Bücher befunden hät­ten. Das wahre Ende der Bibliothek sei dreihundert Jahre später von Kai­ser Aurelian, anläßlich der Belagerung Alexandrias zur Nieder­schlagung des Palmy­ra-Aufstan­des herbeigeführt worden, jaja – aber zu die­sem Zeitpunkt seien Be­stand & Bedeutung zu­mindest der Biblio­thek im Museion nur noch ge­ring ge­wesen, ruiniert von Mili­tärs & Be­amten... Das kostbare Inventar ihrer Schwester im Tempel des Serapis aber sei erst weitere drei­hundert Jahre später ver­nichtet worden, als Alexan­der der Große vor den Ara­bern ka­pituliert habe – man habe sie den Thermen der Stadt zum Hei­zen ge­geben: für Bücher, die dasselbe sagten wie der Ko­ran, hät­ten die Ara­ber keine Verwen­dung gehabt & erst recht nicht für die, die etwas an­deres sagten… Wenn er mehr Auslegungen, Kommen­tare & Kritiken läse, wüßte er das. Es läge doch auf der Hand, was er meine.
–Nein. Aber er fühle sich schon viel schlauer.
–Eine Bibliothek, groß wie die Erde & immer geöffnet…
–Närrischer Mensch. Zeit ins Bett zu gehen, wandte sich Jad­schudsch wieder zum Gehen.
–Moment, hielt man ihn auf, –Eine Bibliothek, so groß wie der Erd­ball & jedem je­derzeit zugänglich: das Netz!
–Bingo, knallte Madschudsch die Faust auf den Couchtisch, & Jad­schudsch: –Also darauf einen Earl Grey mit Rum.

Noch in der Nacht verband man sich über den Verwaltungs­computer.
–& jetzt?
–Einfach die Zeichenfolge der Karteikarte in die Such­maschine ein­geben, empfahl Madschudsch.
Man tippte »Deficit! Hist. CCM. Fas. Mag. Kar. 13 X 23 Ann. Lib. 7.6255975 Deficit!« in die Maske.
Return.
Mehrere Treffer erschienen. Aber nur eine einzige Seite, die in Frage kam: www.dreizeichen.net. [Adresse ge­ändert]. Man klickte darauf. Das Programm arbeitete – ein Eingabefeld er­schien:

»Seite ist geschützt. Bitte siebenstelliges Paßwort eingeben.«

Madschudsch stieß Luft aus. Hier endeten wohl ihre Bemühungen.
Man blickte vielsagend hinüber zu Jadschudsch. Der nickte.

»S-I-B-Y-L-L-E«

Return.

»Paßwort korrekt.«

»Es ist am sichersten, wenn die Informationen über diese Sei­te, zu Ihnen gelangen. Mein Name tut nichts zur Sache. Der Freundeskreis Autonomes Franken ist hinter Ihnen her. Sie wol­len, daß Sie Ihr Projekt zu Ende bringen & haben Ihnen dafür den Urlaub ver­schafft. Ihre Annahme war, in dieser Umgebung wür­den Sie ganz zwanglos dazu inspiriert werden. Ich hätte Sie von dem Immobilienauftrag überra­schend entbinden sollen. Wenn Sie nicht zügig voran­kommen, wird man Sie gefangen nehmen & zwingen.
Sie bewegen sich auf ein Ziel zu, das Sie auf keinen Fall errei­chen dürfen. Es gehört nicht in deren Hände. Fäl­schen Sie es. Werfen Sie ihnen etwas vor, das sie eine Weile beschäf­tigt. Der FAF kann keine Zeugen gebrauchen.
Wie man so etwas fälschen soll? Sie werden einen Weg fin­den. Fahren Sie nicht in Ihre Geburtsstadt. Achten Sie auf Ihre Freunde. Jemand hat den FAF auf ihre Spur gesetzt. Meiden Sie Herren in Trenchcoats, wenn sie von zwei Stummen begleitet werden. & versuchen Sie nicht mich zu finden. Wir werden uns nicht wiederse­hen.«

***

mai-jun.doc (12)

Man mußte hier weg & mit Oliver reden. Hatte er vielleicht wirklich jemandem von Rolands Spinnerei­en erzählt? War er vielleicht doch Teil eines großen Komplotts gegen Roland?
Ich werde Sibylles Rat in den Wind schlagen. Schließlich war man Schuld an ihrem Auffliegen. Hätte man nur die Be­deutung der Karte rascher entschlüsselt & sich nur nicht so auffällig verhalten, in der Mé­diathèque & als man nach ihr suchte...
Dabei hatte sie ihm einen zweiten Hinweis zukommen lassen, dem vom Anlaß & Grund. Ja, er mußte von ihr stammen & nicht von Vei­tinger. Nur ein Carola-Double konnte diesen Vergleich kennen – sie hatte sich nur seinen Namen geliehen.
Raouls Interpretation war also nicht die einzige – es gab nicht nur Anlaß & Grund für seinen Südfrankreich-Aufenthalt, son­dern auch An­laß & Grund für Veitingers Anruf. Er hatte das Ge­spräch damit eröff­net, daß er über das Netz an die Nummer geraten sei, denn man hatte dort ja Werbung für Past&PR gemacht. »Suche dann in einem großen Archiv.« Sie hatte mich auf das Netz hinweisen wollen.
Noch einmal werde ich sie nicht enttäuschen.

Am nächsten Morgen verließ man die beiden, stieg in den Zug nach Montpellier & nahm von dort den ersten Flieger in die Hauptstadt. Hans-Dietrich Genscher hatte inzwischen als Schlichter mit historischer Erfahrungsmacht die Debatte um die Pilotengehälter der Lufthansa be­endet: sie erhielten einen zwölfprozentigen Zu­schlag – zweihundert­dreißig Millionen.
Man war kein Anhänger von langen Verabschie­dungen, hatte sich mit den Zwillingen wortlos über die Schulter umarmt. An­dernfalls hät­ten sie wohl auch ziemlich komisch ausgesehen: auf das gesunde linke & rech­te Bein gestützt, den gesunden rechten & linken Arm gehoben – ein Muster wie ein gefaltetes Tintenklecksbild in einem Rohrschach­test. Bis zuletzt hatten sie miteinander gestritten, ob sie einen ziehen lassen sollten.
–Sie sollten sich ein Haustier anschaffen: zur Über­windung ihrer Meinungsverschiedenheiten.
–Wenn man sie im Gegenzug ir­gendwie an dem Fort­gang der Ge­schichte teilhaben ließe…
Man hatte auf Muhammadmusa geklopft & genickt.
Erst beim Auspacken bemerkte man den antiquarischen letz­ten Band der Alif laila wa laila, der Geschichten aus tausend&einer Nacht, & darin die Nachricht:

»Lieber Roland,
vielleicht helfen die Erzählungen der Scheherazade dir ja dabei, deine schneller aufs Papier (bzw. in den Computer) zu bringen. Wir drücken alle Gelenke dafür.

In Verehrung,
Jadschudsch&Madschudsch

P.S.: Wir werden bald von hier fortgehen. Unsere Nicht-Tar­nung ist nicht mehr si­cher. Du brauchst also kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn du dich einmal verplappern solltest. Halte dich an Raoul, wenn du Kontakt aufnehmen willst. & sei so lieb, die­sen Zettel zu vernichten.«

Eine Mah-Jongg-Spiel & ein Band arabischer Mär­chen. Fein, Fein.

???

mai-jun.doc (13)

Überall diese kleinen schwarzen Dinger. Sie quollen aus den U-Bahn-Schächten, klebten an der Straßenbahn, wuselten die Rinnsteine ent­lang, lie­ßen sich mit ihren Stummelflügeln von den ersten Hitzeturbu­lenzen an­treiben, unfähig die Richtung zu steuern, trunken vor Geil­heit. Wie Popcorn im Windkanal kollidierten sie reihenweise mit ange­widerten Passanten & fielen aufs Pflas­ter, um von panisch quiekenden Frauen zertreten zu werden. Es war wie die verspätete Ver­kündigung des bibli­schen Endes: wäh­rend man durch die Straßen der Hauptstadt schlurf­te, waren He­katomben von Flugameisen auf der verzweifelten Suche nach ih­rer zu befruchtenden Königin.
Die Stadt hatte sich verändert. Zwar waren noch immer an allen Ecken & Enden die vergeblichen Mühen im Gange, die Furunkel der Geschichte auszuschneiden; die Restau­rierungsarbeiten am Branden­burger Tor verhüllt vom Banner der Telekom, die Baustellenkräne aus der Museumsinsel hervorragend…. Ende Mai aber hatte sich die deso­late Lage im Finanzhaushalt durch die zu­sätzliche Schuldenauf­nahme zu­gunsten der defizitären landeseigenen Bankgesellschaft drama­tisch verschlechtert & in der SPD den Plan reifen lassen, die Re­gierungs-Ko­alition zum Platzen zu bringen. Während Labour in Großbritannien mit knapp ein&vierzig Prozent der Stimmen bei den Unterhauswahlen wei­terregieren durfte & Tony Blair einen »historischen Moment« re­klamierte, wurde nach langem Tauziehen am siebten Juni die mit zehn Jahren dienstälteste Große Koalition in Deutschland aufgegeben zu­gunsten des Schreckgespenstes einer möglichen Regierungsbeteil­igung der Altsozialisten. Der nächste Schock ließ nicht lange warten: auf ei­nem Sonderparteitag der Berliner SPD bekannte der Spitzen­kandidat für das Amt des Interims­bürgermeisters, er sei schwul & das sei auch gut so. SPD & Grüne wähl­ten zwei Tage später gemein­sam mit der PDS den Bürgermeister & vier weitere CDU-Senator­en ab, um einen rot-grünen Übergangssenat unter dem be­kennenden Homoeroti­schen vereidigen zu lassen.
Vielleicht hatte man Oliver doch Unrecht getan, war ein schlimmer Reaktio­när? Man wollte ihn ja sowieso aufsuchen. Ich werde es wieder ins Lot bringen.

–Oliver sei wegen der Wahlen in London. Ver­mutlich fei­erten sie dort. Seine Rückkehr werde für Anfang Juli er­wartet.
So teilte es mir Olivers neuer Liebhaber Le­bensgefährte Freund in der Tür stehend mit, ein braunge­brannter Italotyp. Man wollte sich nicht mit ihm näher bekannt machen, obwohl er einen auf einen Um­trunk her­einbat. Jedenfalls nicht so ganz allein ohne Oliver. –Man habe sich nur kurz aus dem Urlaub zu­rückmelden wollen.

Da einem nichts anderes übrig blieb, begann man die Ausar­beitung der Aufzeichnungen & nahm endlich mal wieder Kontakt zu dir, Arni, auf. Du arbeitetest gerade an einem Roman: einem Projekt, über das du nicht sprechen wolltest. Deshalb wagte ich nicht zu hoffen, daß du viel Zeit für mein Anliegen hättest – aber du wolltest es dir einmal ansehen. Vielleicht ließ sich damit ja wirklich etwas verdienen? Auf dem Anruf­beantworter nur neun besorgte Nachfragen der Eltern...
Vielleicht war es ein Fehler, dich einzubinden, aber – dem Vorbild der Zwillin­ge & der verschleierten Sibylle folgend – was könnte mich besser schützen als eine Veröffentlichung?
Ewig würde die vorgezogene Erbschaft schließlich nicht rei­chen.

jul-aug.doc

[Das erste Viertel dieser Datei ist verstümmelt. Die Lücken sind entspre­chend mit /.../ gekennzeichnet worden. Über die Ursachen gibt Roland später selbst Auskunft. Ersatzweis­e hat er einige wenige Passagen nach­träglich hin­zugefügt & mit einer entsprechenden Kennung versehen.]

Die Wohnung lebt. Pulsiert im Rhythmus der Maschinen. Schon wie­der fünf Minuten verronnen: der Kühlschrank springt an – mit Weh­klagen über die vergebliche Mühe, von seiner Bindung an die Steckdo­se loszukommen. Der Abfluß in der Spüle antwortet nach zehn Minu­ten, stößt über­schüssige Luft auf, in satter Zufriedenheit mit seinem Job als Alles-Schlucker. Die Birne der Schreibtischlampe sieht das ganz anders: noch bevor der Kühlschrank zu Stöhnen anfängt, ist sie be­müht, älter als die beiden anderen zusammen, sich selbst ihr Ende zu berei­ten – das Halogenchen flackert, brutzelt & sirrt vor bloßer Wil­lensanstrengung zu verlöschen. Die Gnade ist ihr nicht vergönnt, wei­terhin muß sie ihr indu­ziertes Lächeln herzeigen.
Souffliert von den Stimmen des Zuhauses pinselt man wie einst Rudi Dutschke ins Tagebuch. Achtzehnter Februar Neun­zehnhundert-drei&sechzig – erster Eintrag für Urischka, so be­haupten die Quellen­Sie hat einen anderen erhört, da hat er be­gonnen, die Möglichkeiten & Tatsächlichkeiten des Lebens-Laufs festzuhalten.
Urischka. Wer war Urischka?
Die Witwe hat das Tagebuch nicht zum Druck freigegeben.
»Sie bewegen sich auf ein Ziel zu, das Sie auf keinen Fall er­reichen dürfen…«
Schreiben wie Rudi – wer das könnte. Aufzeichnungen, ja, aber mit Mißtrauen gegen die kalte Teilnahmslosigkeit der Da­ten. Stattdessen Selberlebensbeschreibung: Verschie­bung & Verdichtung zu ei­ner lesba­ren Geschichte.
Dutschke nun tot, die Niederschriften fünf Jahre & drei&siebzig Tage vor der eigenen Geburt begonnen. Wäre er heute ein Minister?

Nachtrag: Alles stehen lassen. Nichts durchsehen, sich nicht abar­beiten, auf Metamorphosen verzichten. Keine Nachträglich­keiten: Die gefrore­ne Zeit mit bloßen Händen anfassen.
Keine Angst vor der Kälte, den Erfrierungen haben – dieser Haltlo­sigkeit, die man erfährt, wenn man aus den Untiefen des Bahnhofs Alexander­platz der Rolltreppe entgegen ans Licht ­eilen will, im Taumel der Möglich­keiten schon beherzten Schwunges den Fuß auf den ersten Stufenstahl setzt, blind wie Ödipus für die Tatsachen – & für einen Moment den Halt verliert, vom Boden ab­hebt & ihm entge­gen stürzt, da die Treppe sich unverhofft gar nicht in Bewegung befindet…

Wer war Urischka. War sie zum Verhüllen gezwungen, wenn sie aus­ging? Gab sie Dutschke den Laufpaß – weil sie das Licht scheu­te?

Fünfter Juli. Hannelore tot in ihrem Haus in Oggersheim aufge­funden. Spiegel titelt: »Frau im Schatten – Die Tra­gödie der Hannelore Kohl«... Die wissen nicht, was eine Tragödie ist: dramati­sche Ironie, selbstver­schuldetes, aber auswegloses Unheil – doch keine Krankheit...
Jetzt keine kalten Füße bekommen. Lachen über steigende Heizkos­ten, weil man von einem inneren Brand verzehrt wird, der Flamme des Ge­dankens – & sich zugleich zu­rückziehen ab­schotten einbunkern.
»Fälschen Sie Ihr Werk…«
Das Kerzenspiel weiterspielen. Was ins Rollen ge­rät, läßt sich nur außerhalb des Systems stoppen – eine der neun un­verrückbaren physi­kalischen Fundamentalkonstanten. Hat man sich einmal freigekämpft aus dem Luftschutz­keller, möchte man auch den Lichtblitz sehen: Die Erleuch­tung, die selbst allergische Reaktionen, Juckreiz & Bläschenbil­dung, Ent­zündung & Nekrolyse wegbrennt, die der Fluch Hannelores war.

Sechster Juli.

PROJEKT: DIE OBSKUREN GESÄNGE (V)

Im Goldenen Topf spielen ein Dreiklang & drei grün­goldene Schlangen eine bedeutende Rolle im Kampf der weißen Magie gegen die schwarze, zwischen deren Fron­ten sich unversehens der junge Student Anselmus begibt, der nicht mehr zw /.../ terscheiden weiß. Das »Märchen aus der neuen Zeit« ist in zwölf »Virgilien«, Nachtwachen, ein­geteilt. Hinweis vermutlich in der zweimal drit­ten, also sechsten, zentralen Virgilie, worin erst­mals der titelgebende Topf, Schlüssel zum Reiche Atlantis, & Archivarius Lindhorsts azurblaue Bibliothek /.../

Nachtrag: Warum verweist Wagner nicht auf Nietzsches Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik mit dem fruchtbaren Zwist von Apoll & Dionysos, der Kraft der harmoni­schen Ord­nung gegen den Urwillen des gestalt­losen Chaos?
Nietzsche zu prätentiös. Ahnte aber, daß der ver­ehrte Wagner Teil einer Tradition war, an der er keinen Anteil hatte. Deshalb die Geburt der Tragödie mit ih­rer Wid­mung an ihn – ein Versuch, sich einzuschmeicheln. Be­kanntlich erfolglos. & seine Interpre­tation der zwei Strö­me obszön & verhauen, zum Beispiel in den Unzeitgemä­ßen Betrachtungen: »so soll hier ausdrücklich mein Zeug­nis stehen, daß es die deut­sche Einheit in jenem höchs­ten Sinne ist, die wir erstreben & heißer erstreben als die politische Wiederverei­nigung, die Einheit des deutschen Geistes & Lebens nach der Vernichtung des Gegensatzes von Form & Inhalt, von Innerlich­keit & Kon­vention.«
Zwei­ter Versuch dann mit Wagner in Bayreuth. Spä­ter gezwun­gen, sich von Wagner zu distanzieren – nach einer Aufführung des Parsifal... Anschließend Rache­ des Schmollen­den: Der Fall Wagner so­wie Nietzsche contra Wagner. Er findet kei­nen Eingang in das Sys­tem, also schwingt er den Hammer, macht den Zer­trümmerer, verkündet die Um­wertung der Werte...

Hegel nicht vergessen! Dialektik von Herr & Knecht. Satz als Übergang vom Subjekt zum Prädikat. Anders-Sein ge­gen An-sich-Sein. Alles Wirkliche vernünftig, alles Ver­nünftige wirklich. Großer Anhänger der Dreiheit: Tria­de von These, Antithese & Synthese; subjektiven, objek­tiven & abso­lutem Geist als Selbstbewegung des Denkens & der Wirklich­keit. Auch er Meis­ter des dunklen Stils, auch bei ihm prophetisches Element.
Dann die Umdrehung im Materialismus bei Marx: Antagon­ismus von Produktivkraft & Produktionsverhältnis. Tria­de von Er­kenntnis, Kritik & Handeln.
Nein – sie beide keine Eingeweihten. Nur kompensatori­scher Versuch einer eigenen Interpretation des Geheim­nisses, um die Initi­ierten aus der Reserve zu locken. Oder nur historischer Zu­fall? Jedenfalls deuten sie die zwei Strö­me als abstrakte Mächte (des Geistes, des Materialis­mus), deren Streit im Ver­lauf der Geschicht­e vollendet & überwunden werde. Es ist je­doch von konkret handelnden Mächten auszu­gehen – ihre Kontroverse ein endloser Stel­lungskrieg.
Die Folgen der Hegel-Marxschen Interpretation sind ja bekannt.

Das Berliner Oberverwaltungsgericht bestätigt ein Urteil, wo­nach die Liebes-Parade nicht als politische Demonstration gelten könne.

Siebter Juli. Noch nicht an Oliver herangekommen. Niemand öffnet die Tür. Der neue Freund Richard wahrscheinlich ausgeflogen. Ab ersten August dürfen die heiraten... Vermutlich Flucht zu den anderen Jung­gesellen – man schiebt einen Zettel durch.

In der Bertolt-Brecht-Bibliothek eine Einführung in den Zen-Buddhismus entdeckt. Weisheit des Lao-tse:

»Der Weg schuf die Einheit.
Einheit schuf Zweiheit.
Zweiheit schuf Dreiheit.
Dreiheit schuf die zehntausend Wesen.
Die zehntausend Wesen
Tragen das Yin auf dem Rücken,
Das Yang in den Armen.
Der