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Wie befürchtet rächte sich die am ersten Mai außer Kontrolle geratene Handlungsenergie, diese neue Erfahrung des Nicht-Auf­hören-Könnens, die alle war­nenden Bot­schaften des Körpers betäubt hatte.
Nicht nur, daß man gerannt war wie seit Jahren nicht; mehr als zu der Zeit, als der Nachbarshund einem hintergejagt hatte, weil sein Herrchen Opfer von Klingelstreichattacken geworden war… Man war ja auch kurz nach dem Aufprall, obwohl man schon ausgezählt worden war, gleich wieder aufgestanden, zu­rück ins Hotel marschiert, als hätte man mehrere mit Wodka vermischte Aufputschmittel im Magen (stand also, wie man sich das so vorstellt, zugleich unter präkoitaler Anspan­nung & post­koitaler Erschöpfung...), hatte dort vor sich hin vegetiert, ein Bad genommen, den Zettel entdeckt, mehrere Überlegungen ange­stellt & mehrere Ent­schlüsse gefaßt, sich aus feierlichem Anlaß keinen Champa­gner, sondern Kirschlikör kommen lassen, nichts zu Abend ge­gessen, sich in die Kathedrale eingeschlichen, dort bis nach Mitternacht ausgeharrt; anschließend sieben Stunden lang mit wenigen Unterbre­chungen Muhammadmusa behäm­mert, ge­legentlich weiter an der Li­körflasche genippt & korrespondierende Ideen gehabt (& dreimal den Gang zum Taufbecken angetreten, um dorthinein, wie es sich für einen Satanisten gehört, die Konfirmandenblase zu entleeren), aber im­mer noch nichts ge­gessen, der Kälte & dem Dunkel & dem Kno­chenpochen getrotzt; sich erneut ver­steckt & nach Öffnung der Kathe­drale davon­gemacht, ein Taxi zurück zum Hotel genommen, um darin immer wie­der wegzu­nicken (was der Fahrer für ein paar Extra­runden genutzt hat­te, wie man der Quittung später zu entnehmen glaubte), hatte wieder ein Bad genommen, sich dabei endgültig vom Schlaf über­mannen lassen – war aber vom Eindrin­gen des Wassers in die Nasenlö­cher wieder auf­gewacht & ins Bett geschlurft (um es den Tag & die Nacht nicht mehr zu ver­lassen); dann an dem entsprechend­en Vormit­tag wieder aus der Unterwelt zurück­gekehrt, weil sich die Blutergüsse & Eingewei­de & Knochen bei jeder Verschiebung des Kör­perarrangements mit Ziehen Stechen Klopfen bemerkbar ge­macht hat­ten & das Magen­knurren schon alle anderen Geräusche erstickte.

Man brauchte sich nicht zu wundern, daß es einer vollstän­digen Woche bedurfte, bis man wieder zu einem gewöhnli­chen Tages­ablauf fand – zumindest einem, der fern von zu Hause so ge­nannt werden konnte.
Man ließ sich die Mahlzeiten aufs Zimmer bringen, kam ein­mal auch in den Genuß einer deutschen Zeitung vom Vor­tag. Als erstes der Wetterbe­richt – wechselhaft natürlich, dann: der Anspruch der Haupt­stadt als neue Mitte der deutschen Siedlungen hat­te auch am ersten Mai ent­sprechende Ergebnisse erzielt – Neuntausend Poli­zisten waren wegen der Krawalle & Straßenschlachten im Ein­satz gewesen & hatten sechs­hundert Personen festgenommen. Das war der Spitzenplatz unter den Orten, an denen insgesamt viertausend NPD-Anhän­ger mit Auf­märschen zu Aus­schreitungen provoziert hatten. Daß man dem ent­kommen war, gab einen Grund zur Besserung.
Man war dann ja auch einige Star-Trek: Next Generation-Folgen & heiße Fichtelölbäder später annähernd auf For­dermann gebracht.
Oje. Man war noch immer ohne wirkliche Auskunft, hatte auf eigen­e Rech­nung gelebt, hätte also den Zimmerservice, die Mini­bar & das Be­zahlfernsehen vielleicht nicht so ausgiebig be­anspruchen dürfen...
An der Rezeption ließ man Raoul, dessen Oberlippenbart wieder von Lustigkeit schmalgezogen wurde – unheimlich im Kontrast zu den zwischen den Lippen hervor­springenden Gold­kronen –, keine Gelegen­heit, das Gespräch zu eröffnen:
–Wie hoch die Rechnung sei.
Man versuchte einen sachlichen Tonfall, der klarstellen sollte, wo die Zuständigkeit des anderen endete.
–Ein Monsieur Veitinger habe schon vor ein paar Ta­gen alle Ausga­ben übernommen & ausrichten lassen, Monsieur Iobst könn­e sich zwei Monate Zeit lassen.
Raouls Akzent (»´abe ausrischten lassen«… – den schreibe ich nicht aus, ist mir zu anstrengend, das mußt du dir vorstel­len Arni…) gesellte sich ein ver­mutlich den Gold­beißern ge­schuldetes Nuscheln hinzu.
Wenn Veitinger bereits im Voraus Rech­nungen beglich, dachte er wohl nicht an einem Abschluß vor Ende Juni. Aber was war aus der Im­mobilien-Inspektion geworden?
–Nichts über eine Frau, die er treffen solle. Eine Nach­richt?
–No... Oui! Un moment.
Raoul tat blinzelnd, als ob er überlege.
–Worauf er warte. Auf Trinkgeldvorschuß?
–No. Aber eine Prise Re­spekt. Er sei ausge­stattet mit Belesenheit & Er­fahrung. Man könne von ihm profi­tieren.
–Da habe er schon überzeugendere Sonntagsreden gehört.
–Man sei doch neulich eine ganze Nacht lang verschwun­den & erst am Morgen etwas beschädigt zurück­gekehrt, um nachher eine Wo­che lang das Zimmer zu hüten – gute Gesell­schaft täte hier Not… Bon, Monsieur Vei­tinger ließ ausrichten (Ge­wiß ein Freund auf den es sich zu hören lohne): Monsieur Roland solle nicht den Grund mit dem Anlaß ver­wechseln.
–Er wisse ja ziemlich Be­scheid..., machte sich Roland Luft.
–Wer den ganzen Tag hinter dem Tresen verbringe, der hät­te ge­lernt, die Men­schen zu lesen.
–Danke für die Belehrung.
–Er stehe jederzeit zur Verfügung, verbeugte sich Raoul.
–Die Adresse?
–Pardon?
–Herrn Veitingers Adresse.
–Bedaure.
–Irgend etwas. Einen Scheck. Eine Kontonummer?
–Monsieur habe bar bezahlt.
–Per Brief & ohne Absender?
–Kurier.
–Wer?
–Une femme.
Das ließ die Brauen hochziehen.
–Wie sie ausgesehen hätte.
–Lange Haare, Spitze Nase, Som­mersprossen...
Tatsache! Während ich mich in der Badewanne gesundona­niert hat­te, war sie mir unbemerkt ein zweites Mal entwischt.
–Ob sie sich nach einem erkundigt hätte.
–No.
Sie war also vielleicht noch immer in der Stadt. Beobachtete sie, wie man mit dem Rätsel des Zettels vorankam?
Monsieur Veitinger... Einen Moment lang versuchte man sich mit dem Gedanken anzufreunden, daß dieser Moritz sich nur für Veiti aus­gegeben hatte, daß man einem Betrüger aufgesessen war, der einen in irgend etwas hineinzog. Den Anlaß mit dem Grund verwechseln? Das war eine häufige Be­lehrung ihres Ge­schichtslehrers gewesen: der Anlaß eines Krieges sei gewöhnlich ein anderer als der Grund, aus dem er ge­führt werde – im Medi­enzeitalter eine bismark­sche Binse. Aber wie konnte ein Betrüg­er von so einem Detail wissen?
–Wenn man ihm die Bemerkung erlau­be: Er scheine ein Mann mit besonderen Gewohnheiten & Bekanntschaften zu sein...
Gerade hatte man sich arrangiert miteinander, schon wurde das Verhältnis miß­braucht.
–Ob er nicht ein wenig seine Kompetenzen über­schreite.
–Ach. Er hätte schon so viele Herren gehabt... Sein Kompetenzüber­schreiten erfolge aus karitativem Interes­se & Neugier. Man solle doch nach Rezeptionss­chluß zur Bar kommen – dann hätte er Schicht­dienst. Er gebe einem was aus & man solle ihm im Gegenzug alles er­zählen...
–Er sei also einer dieser Leute mit Helfersyn­drom, das Mäd­chen mit den Schwefel­hölzern, das sich lieber selbst prostituiere, als eine Gegenleis­tung zu erwarten...
–Aber Rolands Geschichte sei doch die Währung, die ihn bezahlte.
–Warum er sich eigentlich nicht bei Greenpeace, Amnesty International oder ATTAC engagiere.
–Weil dort zwar Anliegen von großer Wichtigkeit im Mittelpunkt stün­den – aber eher selten der Men­sch.
Man gab auf.
–Fürs erste genüge es, wenn man et­was Französisch-Nachhilfe bekäme.
–Er werde ihm ein paar Le­xika besorgen. Darauf sei­ne Hand. Raoul.
–Kein Nachnahme? fragte Roland mit Blick auf das Schildchen.
–Es sprächen sich hier alle mit Vornamen an.
–Roland, reichte Roland im zögerlich seine Hand.
Das schien Raoul fürs erste zufrieden zu stellen.
Den Grund nicht mit dem Anlaß verwechseln? Stand ein At­tentat bevor, ein Krieg etwa? Rückte der Os­ten noch nä­her? Was sollte nun dies wieder. Wirtschaftsturbulenzen? Sibylle war beobachtet worden... Jemand, dem Moritz ein Feind war, so daß er seine Nach­richten ver­schlüsseln mußte?
–Man möge die abermalige Einmischung entschuldi­gen. Aber Mon­sieur Veitinger habe sicher ausdrücken wollen, daß man sich nicht um das kümmern solle, weshalb man herge­schickt worden sei (den Anlaß), son­dern darum, warum man hier sei (den Grund).
Raoul war wirklich ein Einzelstück.
Also der Anlaß war dieses Immobilie­nsache. Aber der Grund...
Eine Finte! Wie hatte man darauf her­einfallen & die ganze Zeit glauben können, man hätte den ersten Auftrag für Past&PR an Land gezogen... Der An­laß war eine Seifenblase, schillernd genug zur Verlo­ckung; der Grund die Konfronta­tion mit Si­bylle? Die Entführung (so mußte man es jetzt nennen) in ein Land, wo diejenigen ge­lebt hatten, die man am meis­ten bewunderte? Was war der wahre Auftrag?
–Könnte sein.
–Gerne wieder.
Raoul lächelte.

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