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Raoul (die anderen Bediensteten nannten ihn »den Alge­rier«) hatte eine Menge Erlebnisse zur Hand. Nicht nur war er aktiv am Frei­heitskampf seiner Heimat beteiligt gewesen, er hat­te auch, um nur eini­ge Höhe­punkte seines Lebens zu nennen, den Erdball auf der Spur Marco Polos be­reist, in Japan bei ei­nem Zen-Meister gelernt & wenige Jah­re in der Fremdenlegi­on gedient.
–Sieben&sechzig in Französisch–Somaliland, dem heu­tigen Djibouti vor der Unabhängig­keit, habe seine Einheit – be­sonders gerühmt & ge­fürchtet wegen des von ihr ge­haltenen Mannschaftsrekords im Skorpi­onstechen –, ein­mal beim Marsch durch die Salzwüste die Orientie­rung verloren. Nach­dem die Vorräte bald aufge­braucht gewe­sen seien – ohne daß man eine Lösung des Problems erreicht habe –, sei der Tod durch Verdursten nur eine Frage der Zeit ge­wesen –
Man saß mit ihm an der Bar. Weil man aber die eige­ne Sache nicht loswerden wollte, bekam man seine Geschichten zu hören. Raouls Erzähl-Furor ließ ihn wieder naß nuscheln. Man nickte anerkennend.
–Ausgerech­net in dieser schlimmsten aller Stunden aber, als an die kuli­narische Verwertung seines Nächsten zu denken nicht mehr zu ver­meiden gewesen sei, habe sich ein Skorpion in den Stiefel ei­nes Kame­raden ge­schoben & des­sen Fuß perfo­riert. Der Attackiert­e habe folge­richtig zu fiebern begonnen & dem Tod ent­gegen zu gehen – wäh­rend die anderen heimlich dar­in ein Zeichen gese­hen hät­ten, daß also der Vergiftete aus­erkoren sei, ihnen, ohne daß sie selbst ihn vom Le­ben zum Tod be­fördern müßten, das Über­leben zu sichern...
Kurze Kunstpause. Man zuckte mit einer Braue und wischte sich unauffällig Raouls Spucke-Tröpfchen von der Wange.
–Bald aber sei der Betroffene auf wunder­same Weise voll­ständig ge­nesen, den alten Sta­tus Quo wieder­herstellend... Verzweifelt hätten sie Salz­klumpen in sich hinein zu stop­fen begonnen, um auf die­se Weise wenigs­tens ihr Sterben zu beschleun­igen, denn einen der ihren zu er­schlagen, hätten sie bereits keine Kraft mehr gehabt –
Lange Kunstpause. Man ging hinter seinem Kirschlikör in Deckung.
–Da habe der Gestochene plötzlich sich seine Blase zu regen bege­spürt, der sanfte Druck sei zu einem mächtigen Drängen gewor­den, &, rasch im Sitzen die Hose geöffnet, habe er vor ihren Augen einen gebo­genen Strahl reins­ten Quellwassers in den Sand plät­schern lassen... Der klare Harn ihres Widergängers habe sie am Le­ben erhal­ten, bis sie zum Hauptla­ger zurückgefun­den hätten. In Zu­kunft hätten sie es nie mehr ge­wagt, einem dieser Tiere ein Haar zu krüm­men!

In den nächsten Tagen erfuhr man weitere außerordentliche Miszellen, zum Beispiel wäre es Raouls Tante gewesen, die Acht&sechzig die Maiunruhen ange­zettelt habe, unverhofft natürlich: als sie, bewaffnet mit ihrem roten Schirm, einen einsamen Protestmarsch zum Regie­rungsgebäude begon­nen habe, um sich zu beschweren, daß das Wetter niemals so eintrete, wie in den Nachrichten immer behauptet & das es immer zu heiß oder kalt, zu feucht oder trocken sei: man habe doch ein Grundrecht auf eine ordentliche Wetterversorgung – eine Meinung, der sich rasch ganz viele anschlossen & bei der Gelegenheit... Also am Ende sei sie damit indi­rekt für den Rücktritt de Gaulles verantwort­lich!
Dann Neun&sechzig in Ti­bet die zufällige Begeg­nung mit dem Dalai Lama... & es war Neunhun­dertsiebzig, -ein&sieb­zig, -zwei&siebzig, -drei&siebzig, als...
Seit Mitte der Siebzi­ger dann der Wunsch et­was zur Ruhe zu kom­men & der Einstieg in die Ho­telbranche, wo man den unterschiedlichs­ten Leuten begegnen konnte, ohne selbst auf Reise zu müssen. Auch hier natür­lich eine Reihe Anekdot­en, zum Beispiel die von dem neun­zigjährigen Steuerflüchtling, der die Daphne-Plastik im Foyer mit seiner thailän­dischen Begleitung verwechselt habe.
Man erkannte in Raoul irgendwie schon eine Verwandtschaft – sah sich aber nicht ge­nötigt, ihm auch sei­ne Ge­schichte zu beichten.
Der Algerier bewies Ausdauer. Seine Französisch-Bücher waren lei­der wirklich sehr hilf­reich – sogar für einen wie Roland, der angesichts der Übermacht der noch zu lernenden Vokab­eln nie welche gelernt hat­te. Raoul ver­dankte man auch den Hin­weis, man bräuchte nur die Wörter der In­haltsverzeichnisse studieren. Denn dies wären in der Re­gel jene Begrif­fe, die zwar nur einen geringen Prozentsatz des Sprach­schatzes aus­machten, aber fast achtzig Prozent des Verständnis­ses, weil sie die am häufigsten verwandten wären. Die Grammatik hämmerte er mit einem an den abendli­chen Barbegeg­nungen ein & zeigte sich auch dabei als anstrengend geduldig.

In dem Vertrauen bestärkt, sich den Franzosen in ihrer eigenen Sprache nun einigermaßen ver­ständig machen zu können, konnte man sich bald daran ma­chen, dem Zettel auf die Spur zu kommen.

»Deficit! Hist. CCM. Fas. Mag. Kar. 13 X 23 Ann. Lib. 7.6255975 Deficit!«

Deficit! War leicht zu entschlüsseln, es war Latein & be­deute so viel wie »es fällt ab, übergeht, wird sich selbst un­treu, beginnt zu fehlen, geht aus, geht zu Ende, verfinstert sich, erlahmt, er­mattet, verscheidet, läßt den Mut sinken, verläßt, läßt im Stich, mangelt«.
Hörte sich nach dem bekannten Weltuntergangs-Wortschatz an, da­bei schrieb man doch schon Zweitausendeins, die tausend Jah­re, die der Drache an der Leine lag, waren abge­laufen & nichts passiert, nicht ein­mal die Computer aus­gefallen...
Handelte es sich vielleicht um eine bi­bliothekarische Karteikarte – die die Signatur zu einem Buch oder ähnlichem enthielt, das fehlte?
»Suche dann in einem großen Archiv«, hatte Sibylle ge­sagt. Wenn man also eine der örtlichen Bibliotheken aufsuchte...
Es war einen Versuch wert.

In der Médiathèque, einem postmodernen Glasquader, der als moder­nes Informationszentrum beworben wurde & die einzige Bibliothek des Ortes bildete, konnte man mit dem Zettel nichts anfangen. Karteikar­ten waren hier nicht mehr in Ge­brauch. Alle Be­stände waren bereits di­gital erfaßt & abrufbar gemacht worden.
Denn suchte man dort mehrere Tage lang nach Hin­weisen. Mit Raouls Hilfe konnte man den Leiter überzeugen, ihm eine Aufstellung all der Bücher anzufertigen, die in den letzten Jah­ren abhanden gekommen waren. Wie konnte es anders sein: hauptsächlich erotische Pho­tographiebände, einige Lexika & Groschenromane. Nichts war mit seinem Code in Zusammen­hang zu bringen.
Signaturen, Regal- & Reihennummern wiesen andere Kürzel auf als die Karte. Man durchsuchte, von der Buch­stabenfolge »Hist.« angesto­ßen, die ganze histo­rische Abteilung, blätterte in jedem Buch, gab die Matrizen in das Indexsystem des Compu­ters ein, stieß immer ins Leere. Man atmete den ganzen Tag lang Pa­pierstaub, schlief zuwenig, ließ sich von Raoul Gute-Nacht-Cocktails mixen.

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