Die Sonne sticht einem die Augen aus & auf der Haut bilden sich Schuppen aus Salz, weil man in der wüsten Einöde steht. Man trägt einen langen Mantel aus Wildleder, man ist der Wildledermantelmann, trotz der Hitze. Man erwartet jemanden.
Ein Troß nähert sich. Eine Frau schreitet an der Spitze des Zuges, zwölf Eunuchen tragen die Schleppe. Sie kommen zum Stehen, Sänften werden herabgelassen, Kisten abgeladen, Esel brechen unter der befreiten Last tot zusammen, ein Teppich wird ausgebreitet & Luft zugefächert. Die Frau in einem engen Mieder & einem Gewand aus Goldbrokat gleitet auf einen zu, die Säume von Edelsteinen & Vogelfedern besetzt, mit Armbändern aus Ebenholz, drei Rubinringen an jeder Hand & spitzen Fingernägeln; eine schwere Goldkette liegt ihr um den Hals, an dem drei Leberflecke prangen – sie fließt neben dem Brokat hinab zu dem Delta aus goldbrauner Haut, das den Eingang der Schlucht zwischen den Milchbergen markiert, & endet in einem diamantenen Salamander, der dazwischen umherzüngelt; zwei silberne Halbmonde zieren die Ohrläppchen & zwei gläserne Skorpione dazu, die Haare fallen schwer hinab bis zum Gewölbe der Hüfte & tragen Strähnen von Indigo-Blau; die Beinhaut schimmert blaß & von Lederriemen eingeschnürt unter dem Gewand hervor, die Füße stecken in Sandalen aus Schilfrohr; sie trägt einen Sonnenschirm mit goldenen Glöckchen daran: es ist die Königin von Saba.
»Zieh den Mantel aus, damit ich sehen kann, ob darunter ein Mann steckt!« befiehlt eine, die es gewohnt ist. Man gehorcht.
»Schöner Jüngling – meine Jäger & Späher haben lange nach dir gesucht. In den Bergen, den Wäldern, auf der Steppe & den Flüssen, in den Städten & Dörfern hielten sie Ausschau nach dir... Ich wurde schon ungeduldig, biß mir die Lippen blutig, zerkratze meinen Gespielen den Rücken & sammelte meine Tränen in einer kristallenen Schale – endlich fanden sie dich, laß dich berühren!«
Ihre Hände beginnen neugierig über meinen Körper zu gleiten, sie umstreichen die Biegungen, messen die Umfänge, dringen vor in die Winkel, kneten die verhärteten Muskeln an ihren Wurzeln. Man läßt es geschehen, hier vor all diesen Leuten, daß sie einem das Leder vom Körper streift; man ist bis zum Rand gefüllt mit kochendem Wasser, das jederzeit überzuschäumen droht, wünscht sich nichts sehnlicher als eine Begegnung mit ihren Lippen – als sie sich listig zurückzieht.
»Auch du wirst meinen Körper erforschen dürfen. Für dich werde ich tanzen wie eine Fliege über das Wasser, ich werde dich salben mit Milch & mit Öl, dir die Schuppen aus den Haaren lesen & den Schweiß aus den Poren saugen, dir Geschichten aus tausend&einer Nacht einflüstern & das Geheimnis meines Schatzkästchens entdecken lassen; für dich habe ich König Salomo verlassen, hier sind ein paar Haare von seinem Bart, ich habe dir Gewürze & Weihrauch von den besten Hängen meines Reiches mitgebracht, in Schnee gekühltes Obst & Taubenfleisch, Wein aus Trauben, die ich selber zertrat, Schwerter & Rüstungen & Schilde aus meiner Rüstkammer, Stickereien, Tücher, Mäntel & Pelze von der Grenze der Welt, Federkiele Zahnstocher Bürsten aus den Knochen, Haaren & Federn längst ausgestorbener Tiere, ein Buch aus Babylonien mit allen Sprachen der Erde; meine Paläste werden dir Wohnstatt bieten, meine Maler dein Antlitz verewigen, meine Knüpfer Wandteppiche aus deinen Umrissen schälen, meine Weber Decken aus deiner Hautfarbe herstellen, meine Steinmetze im ganzen Land dein Profil aus dem Berg hauen; doch das alles ist nichts verglichen mit dem, was mein Fleisch bieten kann, denn ich werde alle Frauen sein, die du jemals begehrst: die jungfräuliche Schwester eines Freundes mit knospender Brust, die Erfahrene aus der Nachbarschaft, die dich in die Gesetze der Liebe einführt, die sich nach öffentlichem Abenteuer verzehrende Gattin deines Erzfeindes, die unanständige Dirne, die keine Grenzen kennt; ich bin nicht ein Weib, ich bin eine Welt, du brauchst nur einen Spann meiner Haut zu sehen, er wird dir unbekannte Wonnen bereiten & unendliche Geheimnisse enthüllen, die Vergangenheit nach deinen Wünschen gestalten & die Gegenwart geschehen lassen, wie du es willst.
»& die Gegenleistung?« fragt man mißtrauisch.
»Händige mir das verlorene Buch aus, das du in deinem Mantel versteckst, damit mir endlich auch das Morgen zu Füßen liegt.«
»Keine Ahnung, wovon Sie sprechen. Einen Schluck Likör?«
Man versuchte es mit einen Blick, wie ihn die meisten Hunde unterm Esstisch des Herrchens perfektioniert haben.
»Du willst, was ich dich suchen ließ, nicht gefunden haben? Ich, die Königin von Saba: mich kann man nicht täuschen. Du mußt bereits im Besitz seiner Macht sein – sonst könntest du mir nicht widerstehen.«
»Hm...«
»Du weißt mich ab? Mich schöne Frau? Erbärmlicher kleiner Eremit! Schlagt ihm sein Kostbarstes ab, daß er sich ewig an diesen Augenblick erinnere!«
Ein bulliger Sklave tritt vor, holt aus mit dem Säbel, die zerteilte Luft gibt einen Laut von sich wie zerspringendes Glas...
Da man nun schon so viel Zeit in der Médiathèque verbrachte, wollte man die Gelegenheit nutzen, sich auch in katharische Sekundärliteratur zu versenken. Warum war man sonst hier, wenn sie nicht ein Teil des Mysteriums bildeten?
Die Abhandlungen über die Häretiker aus Albi aus soziologischer, archäologischer, geschichtswissenschaftlicher, philosophischer, esoterischer oder krypotologischer Sicht nahmen kein Ende. Jede neue, bisher angeblich außer Acht gelassene Herangehensweise behauptete, die letzten Fragen geklärt zu haben. Dabei erreichten sie nur eine immer stärkere Aufladung des Mythos. Das Phänomen beschäftigte so viele Publizisten & Wissenschaftler aus aller Herren Länder – & jeder Ansatz projizierte doch immer nur wieder die geheimen Wünsche seiner Zeit auf den Gegenstand, ohne den Schleier zu lüften.
Dabei waren es gerade sie gewesen, die vor den Verführungen der Materie gewarnt hatten:
»Ich mache mir keine Sorgen um mein Fleisch, denn von mir ist nichts in ihm: Es gehört den Würmern. Auch der Himmlische Vater hat nichts von sich in meinem Fleisch & will es in seinem Reich nicht haben, denn das Fleisch des Menschen gehört dem, der es gemacht hat, dem Fürsten dieser Welt...«
Die einzigen mit einer einfachen Begründung für das Böse in der Welt – Gott ist nicht daran schuld, denn die Welt ist gar nicht sein Werk, wie schon das Johannes-Evangelium weiß:
»Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt.«
Sie leugneten die Hölle & das Jüngste Gericht & waren davon überzeugt, daß am Ende der Zeiten alle Seelen gerettet würden.
»Nach dem Ende der Welt wird die ganze sichtbare Welt vernichtet sein. Das nenne ich die Hölle. Aber alle Seelen der Menschen werden dann im Paradies sein.«
Voller Hoffnung, keine Runzelköpfe, wie so gern verbreitet, waren sie:
»Selbst die Geistlichen Roms werden das Heil erlangen, wenn auch unter großen Mühen. Im Moment macht das Dunkel des Irrtums sie blind, aber eines Tages werden auch sie zur Einsicht kommen & sich bekehren.«
Sympathisch, Arni, oder nicht?
Bald glaubte man, daß die Entschlüsselung des Codes mit den Mitteln der Bibliothek, dieser Bibliothek jedenfalls, nicht zu leisten war. Wieder einmal wurde Schluß gemacht.
Lieber begann man, angeregt von der Lektüre, die Wirkstätten der Ketzer aufzusuchen, nicht ohne die heimliche Hoffnung, daß dadurch ganz automatisch der Pfropfen sich lösen könnte, der der Flasche mit dem Geist der Erkenntnis aufsaß:
Ganz in der Nähe von Narbonne die Abbaye de Frontfroide, ein Zisternzienserkloster, & die Stadt Béziers, der Ort des ersten Massakers; nachher die berühmte Cité von Carcassonne, herausgeputzt als ein pittoreskes Mittelalter–Disneyland, & das in der Nähe gelegene Chateux von Lastours sowie einige Grotten & Höhlen, in die sich die Ketzer geflüchtet hatten; noch einmal später dann die Burgen & Ruinen Quéribus, das trutzige Adlernest, das als allerletztes fiel; das ehemals sechseckige D’Augilar; Puilaurens mit den zinnenbekrönten Mauern & dem quadratischen Donjon; Villerouge–Termenes mit den vier runden Türmen; das gewaltige & kaum zerstörte Peyrepertuse, verschmolzen mit dem hellgrauen Kalksteinkamm; die wenigen Überreste von D’Arques & Termes & natürlich die Stadt Foix & die Enklave Montségur.
Aber auch als man oben auf dem Gipfel zwischen den rauhen Steinstümpfen des katharischen Nabels, den Überresten einer ganzen Kultur stand, der Wind sich summend & kühl unter die Kleidung schob, unter einem das Dorf & die Ebene, wo die Scheiterhaufen gelodert hatten & heute noch ein Gedenkstein die Stelle markierte, den Blick hinüber gewandt zu den Schatten der Pyrenäen, über die ein paar Bäume lose gestreut waren wie Broccoli, blieb die Erleuchtung aus.
Man kapitulierte. Man wollte weg. Man war im Land seiner Träume, aber es gab sein Geheimnis nicht preis. Fremdartigste & kostbarste Gewächse lockten mit ihren Düften – ging man aber näher heran, verschlossen sie ihre Kelche & Blätter. Wenn man doch Oliver an seiner Seite wüßte, den perfekten Pfadfinder, allein konnte man das Rätsel nicht lösen. Man wollte fliegen, jetzt gleich, zurück in die Hauptstadt; allem entkommen, bevor man in eine Sache geriet, die man nachher nicht kontrollieren konnte.
Man diskutierte mit Raoul, der nicht bereit war, ein Aufgeben zuzulassen, rief schließlich selbst am Aéroport Montpellier an, um das nächste erreichbare Flugzeug zu buchen.
Die Welt war ganz & gar gegen einen. Die Piloten streikten, alle Flüge storniert, man müsse sich mindestens einen Tag lang gedulden.
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