Die Nacht war ohne Überfall vergangen. Schien für eine Zeit sicher hier zu sein. Wenn man das von einer Organisation behaupten konnte, deren Buchstaben auf einem Mobiltelefon die Nummer Dreizweidrei ergaben, oder, wenn man das Doppel-F nur einfach zählte, Drei&zwanzig. Dreizweidrei – davon ist die Quersumme Acht, eins mehr als Sieben, der Zahl der absoluten Harmonie, also deren einfache Überschreitung, ein Symbol für den Kampf...
Vermerk: bei der nächsten Überarbeitung endgültig entscheiden, ob ich meine Skizze zum Weltenzyklus, basierend auf Drei&zwanzig & Sieben nicht besser doch wieder hier einfüge.
[Es ist unklar, ob Roland in seinen Überarbeitungsphasen nie mehr hierher gelangte & den Plan, seine Unentschiedenheit zu entscheiden, vergaß oder ihn einfach fallen ließ. Jedenfalls fand sich der Text, der wie so viele aus Langeweile während eines Seminars enstanden war, als externe Datei auf der Festplatte Muhammadmusas. Siehe Appendix.]
Rolands Zimmer lag gleich neben ihrem. Schiefe Räume, viel dunkles Holz; ein bißchen viel Biedermeier dominierte die Einrichtung. Die Küche war der größte Raum ihrer Behausung, das Zentrum in braunem PVC mit Jugendstil-Muster. Im Erdgeschoß gab es sonst nur noch den Verkaufsraum, bis an die Dielendecke stapelten sich dort die Lektüren (keine Regale – die Bücher lagen wirklich in lauter beeindruckende Türmchen sortiert...). Roland hatte sich noch in der Nacht ein wenig umgesehen: was er hier alles hätte mitgehen lassen können – seinen Koffer hätte er gefüllt.
–Wieso sie den FAF eigentlich verlassen hätten?
Man saß am Küchentisch, Jadschudsch schreckte Eier ab.
–Das erzähle er vielleicht später einmal.
–Ob es mit ihrer Mutter zu tun habe.
Er klopfte eines der Eier auf den Tisch, schälte es & legte es einem auf den Frühstücksteller. Man beließ es dabei.
–He. Nach eigener Rechnung müßten sie beide im Dezember Vier&vierzig werden. Man wäre gerade Drei&dreißig geworden...
Jadschudsch nickte abwesend & verschwand vorne im Laden.
–Habe man schon von der Strahlenwaffe erzählt? rief man hinterher.
–Was für eine Waffe? kam es laut zurück.
–Colombo habe einem so ein Ding in den Nacken gehalten & behauptet, sie verschieße gebündelte Mikrowellen.
–Sicher nur ein Einschüchterungsversuch...
–& der Striemen auf der Backe des Schmalen?
–Einige der FAF-Leute benützten eine Taser M-sechs&zwanzig, setzte Jadschudsch das Frühstück fort (Eier & Toast), –Aus dem Arsenal der amerikanischen Polizei. Sie verschieße zwei Stromkabel mit kleinen hakenbesetzten Elektroden, die sich ins Fleisch krallten, für fünf Sekunden fünfzigtausend Volt durch den Körper jagten, damit das zentrale Nervensystem & die Muskelkontrolle außer Gefecht setzten, Ergebnis: das Opfer krümme sich fötal auf dem Boden, jaja.
Man stocherte mit dem Löffel in seinem Ei herum. Das war es nicht.
–& die angesengten Haare oberhalb meines Ohrs?
–Er habe einen Straßenjungen beauftragt, das Gepäck abzuholen, mied Jadschudsch das Thema, –Dieser Raoul sei wirklich in Ordnung: Er habe die Sachen aus Rolands Zimmer eingepackt, werde so tun, als ob man weiter dort wohne & jede verdächtige Anfrage mitteilen – unter der Bedingung, daß man ihm von dem Ausgang der Geschichte ausführlich Bericht erstatte, mit bescheidenen Gruß.
Jadschudschs Art gefiel einem nicht.
–Es sei einem noch etwas eingefallen: Sibylle habe doch ein zweites Mal Kontakt herzustellen versucht – mit dieser Nachricht Veitingers vom Anlaß & Grund. Das bestätige doch ihre Verbindung. Dann allerdings könne der nicht zum FAF gehören, da sich Sibylle doch als Störfaktor erwiesen habe: bei ihrer ersten Begegnung schon habe sie davon gesprochen, daß sie beobachtet würde... Vielleicht gehöre er gar nicht zum FAF, sondern zu einer anderen Partei.
–Oder sie wäre gezwungen gewesen, die Rolle des von ihr ersetzten Kontaktmanns noch ein wenig weiter zu spielen, um sich nicht in Gefahr zu bringen. Hm – in jedem Fall sei ihre Beweiskette hier in der Tat noch etwas dürftig. Mal abwarten, was Madschudsch herausbringe.
Das Türglöckchen.
–Die Koffer! Man solle in der Küche bleiben.
Im Laden verhandelte er mit dem Jungen über den Lohn, dann ging die Tür: Jadschudsch zog die zwei Rollkoffer hinter sich her.
–Besser man vergewissere sich.
Nichts fehlte. Sogar die Französischbücher waren noch da. & ein Geschenk von Raoul – ein Mah-Jongg-Spiel, mit einem Brief:
»Monsieur Iobst,
vielleicht hilft das beim Kombinieren. Vergessen Sie den kurzen Stock nicht – ein Haiku von Bashoo lautet:
Nimm die Pfefferschote
& gib ihr zwei Flügel
Sieh, eine Libelle!
Ergebenst,
Raoul
P.S.: Halten Sie mich auf dem Laufenden. Die Nummer des Hotels kennen Sie ja.«
Tage vergingen, in denen Madschudsch Beziehungen spielen ließ & Kollegen besuchte.
–Die Mühen seien umsonst gewesen, aber er gebe nicht so schnell auf. Sie bräuchten wohl nur etwas mehr Zeit.
Sah alles danach aus, als würde ich mein Aufenthalt verlängern.
***