–Warum eigentlich, begann Madschudsch eines Abends, nachdem man ihm alle Aufzeichnungen vorgelesen hatte (schon wieder saßen sie in der Küche), –In allen Büchern der Stafette Musik eine besondere Rolle spiele?
–Außer in den Minima Moralia! Dafür hätte Adorno sich ja in anderen Veröffentlichungen oft mit Musik beschäftigt...
–Ob sich etwas dahinter verberge, grinste Madschudsch, als hätte er einen bei etwas erwischt. Man beeilte sich mit der Verteidigung:
–Da offenbar alle Werke die Sehnsucht nach der Überwindung eines Zwiespalts enthielten, sei es nicht verwunderlich, daß sich dies in der Konfrontation von Literatur mit Musik äußere, um diese Utopie auf ästhetischer Ebene nachzuvollziehen. Es scheine nichts weiter zu sein, als eine Metapher für das, was am Anfang der Stafette stehe – ein Luftbläschen des Geheimnisses, das über die Jahre vom Grund zur Oberfläche der Werke, die auf es verweisen, aufgetrieben sei, um dort mit seinem Zerplatzen jenes Abbild als Ahnung vom Grund zu schaffen.
–& die Häufigkeit der Zahl Drei?
–Die Trinität von Gott-Vater, Sohn & heiligem Geist; das Symbol alles Himmlischen, & eben die nächste Zahl nach der Zwei, dem Symbol aller Gegensätze, angefangen bei Gut & Böse... Für die Katharer dürfte die Drei das Zeichen des Weltendes & der Erlösung von den widersprüchlichen Polen der Materie gewesen sein.
Auf dieses Stichwort schien er gewartet zu haben. Seine Hand rührte wild in der Luft herum, als er loslegte, einen zu ergänzen:
–Jaja, die Drei sei jenseits christlicher Symbolik vor allem aber eine kabbalistische Zahl! Antonin Artaud, der Theoretiker des Theaters der Grausamkeit zum Beispiel behaupte, daß das Leben gewissen Grundgesetzen unterliege, die auf den unzähligen Kombinationen von Dreiheiten beruhe. Es existierten zwei mal drei solcher grundsätzlichen Dreiheiten: Zwischen den Polen Männlich & Weiblich, Ausdehnend & Anziehend, Positiv & Negativ gäbe es der aristotelischen Tugendlehre gemäß eine Mitte – Androgyn, Ausgeglichen, Neutral... Damit habe Artaud auf äußerst einfache Weise die zehn Sephiroth, die Emanationen des En-Sof beschrieben, jaja. Die sechs grundsätzlichen Dreiheiten & die drei daraus folgenden ergäben neun Sephiroth. Die zehnte, Malkuth – das Reich der göttlichen Herrschaft, der Ort der Harmonie der hervorbringenden Sphäre –, schließe alle neun Mächte ein. Eine andere Deutung laute, Gott habe sich in zwei&dreißig wunderbaren Wegen der Weisheit – die Summe aus den zehn Sephiroth & den zwei&zwanzig Pfaden, welche die Sephiroth untereinander verbänden & welche sich in den Konsonanten des hebräischen Alphabets spiegelten – in die Welt eingegraben. Dafür bestünde das Stoffliche nur aus drei Elementen: Wasser, Luft, Feuer. Drei Elemente – wie es auch nur drei kabbalistische Techniken der Dechiffrierung gäbe.
–Gematria, sprang man ihm bei, –Die Mathematik der Wörter: Den zwei&zwanzig Buchstaben des hebräischen Alphabets seien Zahlen zugeordnet, die Quersummen der Worte ergäben bestimmte Werte, von denen die identischen eine neue Wortfolge bildeten… Notarikon, die Technik des Akrostichons: Die Buchstaben eines Wortes bildeten Anfangsbuchstaben anderer Wörter in einem Satz oder die Anfangs- oder Endbuchstaben der Wörter eines Satzes ergäben ein neues Wort… Temurah, die Kunst des Annagramms: Die nach bestimmten Regeln vorgenommene Vertauschung von Buchstaben...
Naja, man wollte halt zeigen, das man mithalten konnte.
–Die Drei sei aber auch in der Antike eine bedeutende Zahl, legte Madschudsch nach, –Vor allem in Verbindung mit Frauen: Die Geschicke der Welt bestimmten die Götter, das individuelle Schicksal aber die Moiren, mürrische Töchter des Zeus & der Themis – Klotho spinne den Schicksalsfaden, Lachesis rolle ihn auf, Atropos schneide ihn ab. Diese Zukunft zu erkennen sei eine Aufgabe der Mantik gewesen, ausgeübt von drei Arten wahrsagender Frauen: die einfachen Chresmologinnen, die Pythien (Priesterinnen des Orakels von Delphi) & die an keinen Gott oder Ort gebundenen Sibyllen – eine Verschmelzung aus Kassandra, Manto & den Nymphen (ihre Prophezeiungen stets im Zustand ekstatischer Berauschtheit & haareraufenden Wahnsinns). Apoll übrigens, der die prophetische Schlange Python getötet habe (die das Orakel ihrer Herrin Gaia bewachte), um Delphi zu seiner Kultstätte zu machen, sei zugleich Apoll Musagetes, der Führer der neun Musen, & Apoll Phoibos, der Gott des Lichts – also der Gott der Künste & der Prophezeiung, jaja! & welche Bücher der Bibel seien es, die seine Guten Menschen, die zahlreichen Widersprüche zwischen Altem & Neuem Testament sehend, als einzige anerkannten? Neben dem Johannes-Evangelium nur die prophetischen Bücher, sechs an der Zahl: Jesaia, Salomon, Hiob, die Psalme, das Buch der Weisheit, die Offenbarung des Johannes… In diesen Büchern gebe es drei Stellen, wo eine Schriftrolle besonders erwähnt werde: zweimal werde sie mit dem Himmel, also der Drei gleichgesetzt, einmal meine sie das Buch der Apokalypse.
Madschudsch zauberte eine Bibel unter dem Tisch hervor, mit kleinen Zettelmarkierungen darin, & hielt sie einem unter die Nase.
–Hier, Jesaja Vier&dreißig, Vier: »Die Gestirne zerfallen & der Himmel rollt sich ein wie eine Buchrolle.« Offenbarung Fünf, Eins ff.: »Ich sah eine Buchrolle in der Hand dessen, der auf dem Thron saß. Sie war innen & außen beschrieben & mit sieben Siegeln verschlossen.« Offenbarung Sechs, Vierzehn: »Der Himmel verschwand wie eine Buchrolle, die man zusammenrollt«, ließ er die Bibel zusammenklappen & wieder verschwinden, um noch einen draufzusetzen, –Nicht zu vergessen der ganze germanische Komplex mit den drei Nornen, jaja: Urd das Gewordene, Verdandi das Seiende & Skuld das Werdende – die nordische Idee von den Moiren des Schicksals, die am Fuße der Weltesche Yggdrasil säßen, dessen drei Wurzeln von drei Brunnen genährt, daran nagend Nidhögg der Drache, auf dem Wipfel sitzend ein Adler, das Eichhörnchen Ratatoskr die Nachrichten hin & hertragend dazwischen... Dann die drei Reiche Utgard, Mitgard & Asgard, das Lesen der Zukunft aus Vogelflug, Losorakel & Runenstäbchen, auch hier übrigens vornehmlich durch Seherinnen –
–Was für Zinnober er dem Jungen auftische.
Da war er plötzlich, Jadschudsch. In letzter Zeit schienen die beiden die Rollen getauscht zu haben. Je mehr Madschudsch in die Geschichte eintauchte, desto tatendurstiger wurde er, während Jadschudsch den Bruder zu ermahnen begann.
–Er versuche nur die Bedeutung der Ziffern ins Spiel zu bringen, vielleicht helfe das irgendwie weiter. Immerhin, dies galt wieder mir, –Sei Musik ja auch eine mathematische Angelegenheit.
–Man habe ja selbst eine Schwäche für solche Überlegungen... Zur Lösung des Rätsels aber sehe man darin kein passendes Mittel.
–Hm.
–Madschudsch sei eben doch ein falscher Jude: Behaupte, sich mit der Kabbala auszukennen, & habe weder das Buch Bahir noch das Buch Sohar oder das Sefer Jezirah je gelesen, jaja. Nicht die größte Bibliothek der Welt könne ihn davon abbringen, immer wieder mit seinem Halbwissen anzugeben.
–Was habe er da gerade gesagt? klang Madschudsch mit einem Mal aufgeregt.
–Daß er ein Täuscher sei – kein Viertel der Bücher, die er seinen Kunden vollmundig anpreise, kenne aus eigener Anschauung. Er beziehe sein Wissen nur aus zweiter Quelle: aus Auslegungen, Kommentaren, Kritiken.
–Das andere, das über die Bibliothek, fuchtelte Madschudsch.
–Nicht die größte Bibliothek der Welt könne ihn –
–Das sei sie – die Lösung! Direkt vor ihren Augen. Was für Dummköpfe sie wären.
–Was denn?
Endlich setzte sich Jadschudsch zu uns. Man zuckte mit der Schulter.
–Warum sie es nicht verstünden. Die größte Bibliothek der Welt! Deshalb habe ihnen auch niemand mit der Kartei helfen können. Was habe Sibylle noch gleich zu einem gesagt?
–»Suche dann in einem großen Archiv.«
–Ach so, höhnte Jadschudsch, –Ein wirklich großes… Nicht unsere kleine Médiathèque – vielleicht die Deutsche Nationalbliothek? Nein, noch größer.... Aber es gäbe da ein Problem: Cäsar habe schließlich dafür gesorgt, daß von Alexandria nichts mehr übrig sei, oder?
–Keine unqualifizierten Bemerkungen! Die Bibliothek von Alexandria sei nicht durch Cäsar vernichtet worden, der, im Palastbereich eingeschlossen, dem ägyptischen Mob mit Feuer habe begegnen müssen, um nicht von seinen Schiffen abgeschnitten zu werden. Es seien lediglich die Hafenmagazine verbrannt, in denen sich die noch unkatalogisierten & ausgelagerten Bücher befunden hätten. Das wahre Ende der Bibliothek sei dreihundert Jahre später von Kaiser Aurelian, anläßlich der Belagerung Alexandrias zur Niederschlagung des Palmyra-Aufstandes herbeigeführt worden, jaja – aber zu diesem Zeitpunkt seien Bestand & Bedeutung zumindest der Bibliothek im Museion nur noch gering gewesen, ruiniert von Militärs & Beamten... Das kostbare Inventar ihrer Schwester im Tempel des Serapis aber sei erst weitere dreihundert Jahre später vernichtet worden, als Alexander der Große vor den Arabern kapituliert habe – man habe sie den Thermen der Stadt zum Heizen gegeben: für Bücher, die dasselbe sagten wie der Koran, hätten die Araber keine Verwendung gehabt & erst recht nicht für die, die etwas anderes sagten… Wenn er mehr Auslegungen, Kommentare & Kritiken läse, wüßte er das. Es läge doch auf der Hand, was er meine.
–Nein. Aber er fühle sich schon viel schlauer.
–Eine Bibliothek, groß wie die Erde & immer geöffnet…
–Närrischer Mensch. Zeit ins Bett zu gehen, wandte sich Jadschudsch wieder zum Gehen.
–Moment, hielt man ihn auf, –Eine Bibliothek, so groß wie der Erdball & jedem jederzeit zugänglich: das Netz!
–Bingo, knallte Madschudsch die Faust auf den Couchtisch, & Jadschudsch: –Also darauf einen Earl Grey mit Rum.
Noch in der Nacht verband man sich über den Verwaltungscomputer.
–& jetzt?
–Einfach die Zeichenfolge der Karteikarte in die Suchmaschine eingeben, empfahl Madschudsch.
Man tippte »Deficit! Hist. CCM. Fas. Mag. Kar. 13 X 23 Ann. Lib. 7.6255975 Deficit!« in die Maske.
Return.
Mehrere Treffer erschienen. Aber nur eine einzige Seite, die in Frage kam: www.dreizeichen.net. [Adresse geändert]. Man klickte darauf. Das Programm arbeitete – ein Eingabefeld erschien:
»Seite ist geschützt. Bitte siebenstelliges Paßwort eingeben.«
Madschudsch stieß Luft aus. Hier endeten wohl ihre Bemühungen.
Man blickte vielsagend hinüber zu Jadschudsch. Der nickte.
»S-I-B-Y-L-L-E«
Return.
»Paßwort korrekt.«
»Es ist am sichersten, wenn die Informationen über diese Seite, zu Ihnen gelangen. Mein Name tut nichts zur Sache. Der Freundeskreis Autonomes Franken ist hinter Ihnen her. Sie wollen, daß Sie Ihr Projekt zu Ende bringen & haben Ihnen dafür den Urlaub verschafft. Ihre Annahme war, in dieser Umgebung würden Sie ganz zwanglos dazu inspiriert werden. Ich hätte Sie von dem Immobilienauftrag überraschend entbinden sollen. Wenn Sie nicht zügig vorankommen, wird man Sie gefangen nehmen & zwingen.
Sie bewegen sich auf ein Ziel zu, das Sie auf keinen Fall erreichen dürfen. Es gehört nicht in deren Hände. Fälschen Sie es. Werfen Sie ihnen etwas vor, das sie eine Weile beschäftigt. Der FAF kann keine Zeugen gebrauchen.
Wie man so etwas fälschen soll? Sie werden einen Weg finden. Fahren Sie nicht in Ihre Geburtsstadt. Achten Sie auf Ihre Freunde. Jemand hat den FAF auf ihre Spur gesetzt. Meiden Sie Herren in Trenchcoats, wenn sie von zwei Stummen begleitet werden. & versuchen Sie nicht mich zu finden. Wir werden uns nicht wiedersehen.«
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