jul-aug.doc

[Das erste Viertel dieser Datei ist verstümmelt. Die Lücken sind entspre­chend mit /.../ gekennzeichnet worden. Über die Ursachen gibt Roland später selbst Auskunft. Ersatzweis­e hat er einige wenige Passagen nach­träglich hin­zugefügt & mit einer entsprechenden Kennung versehen.]

Die Wohnung lebt. Pulsiert im Rhythmus der Maschinen. Schon wie­der fünf Minuten verronnen: der Kühlschrank springt an – mit Weh­klagen über die vergebliche Mühe, von seiner Bindung an die Steckdo­se loszukommen. Der Abfluß in der Spüle antwortet nach zehn Minu­ten, stößt über­schüssige Luft auf, in satter Zufriedenheit mit seinem Job als Alles-Schlucker. Die Birne der Schreibtischlampe sieht das ganz anders: noch bevor der Kühlschrank zu Stöhnen anfängt, ist sie be­müht, älter als die beiden anderen zusammen, sich selbst ihr Ende zu berei­ten – das Halogenchen flackert, brutzelt & sirrt vor bloßer Wil­lensanstrengung zu verlöschen. Die Gnade ist ihr nicht vergönnt, wei­terhin muß sie ihr indu­ziertes Lächeln herzeigen.
Souffliert von den Stimmen des Zuhauses pinselt man wie einst Rudi Dutschke ins Tagebuch. Achtzehnter Februar Neun­zehnhundert-drei&sechzig – erster Eintrag für Urischka, so be­haupten die Quellen­Sie hat einen anderen erhört, da hat er be­gonnen, die Möglichkeiten & Tatsächlichkeiten des Lebens-Laufs festzuhalten.
Urischka. Wer war Urischka?
Die Witwe hat das Tagebuch nicht zum Druck freigegeben.
»Sie bewegen sich auf ein Ziel zu, das Sie auf keinen Fall er­reichen dürfen…«
Schreiben wie Rudi – wer das könnte. Aufzeichnungen, ja, aber mit Mißtrauen gegen die kalte Teilnahmslosigkeit der Da­ten. Stattdessen Selberlebensbeschreibung: Verschie­bung & Verdichtung zu ei­ner lesba­ren Geschichte.
Dutschke nun tot, die Niederschriften fünf Jahre & drei&siebzig Tage vor der eigenen Geburt begonnen. Wäre er heute ein Minister?

Nachtrag: Alles stehen lassen. Nichts durchsehen, sich nicht abar­beiten, auf Metamorphosen verzichten. Keine Nachträglich­keiten: Die gefrore­ne Zeit mit bloßen Händen anfassen.
Keine Angst vor der Kälte, den Erfrierungen haben – dieser Haltlo­sigkeit, die man erfährt, wenn man aus den Untiefen des Bahnhofs Alexander­platz der Rolltreppe entgegen ans Licht ­eilen will, im Taumel der Möglich­keiten schon beherzten Schwunges den Fuß auf den ersten Stufenstahl setzt, blind wie Ödipus für die Tatsachen – & für einen Moment den Halt verliert, vom Boden ab­hebt & ihm entge­gen stürzt, da die Treppe sich unverhofft gar nicht in Bewegung befindet…

Wer war Urischka. War sie zum Verhüllen gezwungen, wenn sie aus­ging? Gab sie Dutschke den Laufpaß – weil sie das Licht scheu­te?

Fünfter Juli. Hannelore tot in ihrem Haus in Oggersheim aufge­funden. Spiegel titelt: »Frau im Schatten – Die Tra­gödie der Hannelore Kohl«... Die wissen nicht, was eine Tragödie ist: dramati­sche Ironie, selbstver­schuldetes, aber auswegloses Unheil – doch keine Krankheit...
Jetzt keine kalten Füße bekommen. Lachen über steigende Heizkos­ten, weil man von einem inneren Brand verzehrt wird, der Flamme des Ge­dankens – & sich zugleich zu­rückziehen ab­schotten einbunkern.
»Fälschen Sie Ihr Werk…«
Das Kerzenspiel weiterspielen. Was ins Rollen ge­rät, läßt sich nur außerhalb des Systems stoppen – eine der neun un­verrückbaren physi­kalischen Fundamentalkonstanten. Hat man sich einmal freigekämpft aus dem Luftschutz­keller, möchte man auch den Lichtblitz sehen: Die Erleuch­tung, die selbst allergische Reaktionen, Juckreiz & Bläschenbil­dung, Ent­zündung & Nekrolyse wegbrennt, die der Fluch Hannelores war.

Sechster Juli.

PROJEKT: DIE OBSKUREN GESÄNGE (V)

Im Goldenen Topf spielen ein Dreiklang & drei grün­goldene Schlangen eine bedeutende Rolle im Kampf der weißen Magie gegen die schwarze, zwischen deren Fron­ten sich unversehens der junge Student Anselmus begibt, der nicht mehr zw /.../ terscheiden weiß. Das »Märchen aus der neuen Zeit« ist in zwölf »Virgilien«, Nachtwachen, ein­geteilt. Hinweis vermutlich in der zweimal drit­ten, also sechsten, zentralen Virgilie, worin erst­mals der titelgebende Topf, Schlüssel zum Reiche Atlantis, & Archivarius Lindhorsts azurblaue Bibliothek /.../

Nachtrag: Warum verweist Wagner nicht auf Nietzsches Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik mit dem fruchtbaren Zwist von Apoll & Dionysos, der Kraft der harmoni­schen Ord­nung gegen den Urwillen des gestalt­losen Chaos?
Nietzsche zu prätentiös. Ahnte aber, daß der ver­ehrte Wagner Teil einer Tradition war, an der er keinen Anteil hatte. Deshalb die Geburt der Tragödie mit ih­rer Wid­mung an ihn – ein Versuch, sich einzuschmeicheln. Be­kanntlich erfolglos. & seine Interpre­tation der zwei Strö­me obszön & verhauen, zum Beispiel in den Unzeitgemä­ßen Betrachtungen: »so soll hier ausdrücklich mein Zeug­nis stehen, daß es die deut­sche Einheit in jenem höchs­ten Sinne ist, die wir erstreben & heißer erstreben als die politische Wiederverei­nigung, die Einheit des deutschen Geistes & Lebens nach der Vernichtung des Gegensatzes von Form & Inhalt, von Innerlich­keit & Kon­vention.«
Zwei­ter Versuch dann mit Wagner in Bayreuth. Spä­ter gezwun­gen, sich von Wagner zu distanzieren – nach einer Aufführung des Parsifal... Anschließend Rache­ des Schmollen­den: Der Fall Wagner so­wie Nietzsche contra Wagner. Er findet kei­nen Eingang in das Sys­tem, also schwingt er den Hammer, macht den Zer­trümmerer, verkündet die Um­wertung der Werte...

Hegel nicht vergessen! Dialektik von Herr & Knecht. Satz als Übergang vom Subjekt zum Prädikat. Anders-Sein ge­gen An-sich-Sein. Alles Wirkliche vernünftig, alles Ver­nünftige wirklich. Großer Anhänger der Dreiheit: Tria­de von These, Antithese & Synthese; subjektiven, objek­tiven & abso­lutem Geist als Selbstbewegung des Denkens & der Wirklich­keit. Auch er Meis­ter des dunklen Stils, auch bei ihm prophetisches Element.
Dann die Umdrehung im Materialismus bei Marx: Antagon­ismus von Produktivkraft & Produktionsverhältnis. Tria­de von Er­kenntnis, Kritik & Handeln.
Nein – sie beide keine Eingeweihten. Nur kompensatori­scher Versuch einer eigenen Interpretation des Geheim­nisses, um die Initi­ierten aus der Reserve zu locken. Oder nur historischer Zu­fall? Jedenfalls deuten sie die zwei Strö­me als abstrakte Mächte (des Geistes, des Materialis­mus), deren Streit im Ver­lauf der Geschicht­e vollendet & überwunden werde. Es ist je­doch von konkret handelnden Mächten auszu­gehen – ihre Kontroverse ein endloser Stel­lungskrieg.
Die Folgen der Hegel-Marxschen Interpretation sind ja bekannt.

Das Berliner Oberverwaltungsgericht bestätigt ein Urteil, wo­nach die Liebes-Parade nicht als politische Demonstration gelten könne.

Siebter Juli. Noch nicht an Oliver herangekommen. Niemand öffnet die Tür. Der neue Freund Richard wahrscheinlich ausgeflogen. Ab ersten August dürfen die heiraten... Vermutlich Flucht zu den anderen Jung­gesellen – man schiebt einen Zettel durch.

In der Bertolt-Brecht-Bibliothek eine Einführung in den Zen-Buddhismus entdeckt. Weisheit des Lao-tse:

»Der Weg schuf die Einheit.
Einheit schuf Zweiheit.
Zweiheit schuf Dreiheit.
Dreiheit schuf die zehntausend Wesen.
Die zehntausend Wesen
Tragen das Yin auf dem Rücken,
Das Yang in den Armen.
Der Atem des Leeren macht ihren Einklang.«

Achter Juli. Bewegung nötig, also Fahrt in der S-Bahn. Die übli­chen Zei­tungsleser: Feiste & spinnengliedrige Gestalten aus einem Hierony­mus-Bosch-Gemälde, jeder eine einzigartige Obszönität, seiner grotes­ken Gestalt nicht bewußt. Oder ahnen sie etwas & deshalb das Papier – zur Abschirmung der Blicke?
Wenn doch die Menschen in den Zeitungen statt von Begeben­heiten der Wirklichk­eit von ihrer unwirkli­chen Begebenheit läsen...
/.../ asiatisches Mädchen spielt eine betrübliche Weise auf dem Schif­ferklavier, läßt einen Hut herumgehen. Der Mann im Trenchcoat gibt nichts. Nächste Haltestation aus­steigen.
Es war nicht Colombo.

Abends Wetterbericht. Ich gewinne.

Neunter Juli.

PROJEKT: DIE OBSKUREN GESÄNGE (VI)

Eine weitere Übergabe in der Stafette entdeckt! Die Stellen um die blaue Bibliothek meinen Jean Pauls Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht. In der sechs­ten /.../ Jean Paul hatte Hoffmann auch das Vor­wort zu den Phantasiestücken in Callots Manier ge­schrieben, worin sich der Topf fin­det.
Nächstes Etappe der Tell? Schiller ja auch ein großer Gespalte­ner. Nächster Hinweis vielleicht in der Rütlischwurszene? Darin vertreten drei&drei­ßig Eidgenossen das Volk der drei schweizer Waldstätten Uri, Schwyz & Unterwalden...
Erneut Weissagungen: In der wunderbaren Gesellschaft ver­künden drei Propheten der Zeit & »ein künftiger Schiller wird das neue Testament lesen, um sich in die Charak­tere eines Christen & Theis­ten täuschend zu setzen & dann bei­de aufs Theater«.
Nun also religiöse Antagonismen.

Die Fenster knacken.

Zehnter Juli. Wann werde ich entdeckt. Wohin flie­hen. Wer war Urischka.

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