– Plädoyer für die Passion des Paradoxes –
PROLEGOMENA
-In der Kunst gibt es weder eine Autonomie beanspruchende Poetik oder Theorie noch eine autonome Praxis. Das eine ist nie ohne die Kritik durch das andere denk- und machbar. Theorie und Praxis der Kunst sind ein auszuhaltendes produktives Paradox.
-Dieser Text versucht sich also an einem unmöglichen Diskurs: einer Art paradoxalen und unabgeschlossenen Phänomenologie / Philosophie der künstlerischen Theorie und Praxis als Summe meiner bisherigen praktischen und theoretischen Erfahrungen. Er folgt einerseits dem Gestus einer kühnen Behauptung, andererseits dem eines work in progress.
-Ein Paradox besteht aus zwei sich gegenüberstehenden Polen, deren Spannungsverhältnis in einem weder dialektischen (nach Synthese strebenden) noch disjunktiven (sich beide Pole unterordnenden) Dritten ausgehalten wird. Die folgende Fragmente behaupten für die ersten beiden Elemente die Namen Phantasie und Physis, für das dritte den Namen Pathos.
I. PHANTASIE
I.1 Abwesenheit
-Irgendwo müssen wir anfangen. Die Welt ist alles, was der Fall ist (Wittgenstein). Da alles, was der Fall ist, ein Fall der Erfahrung ist – ein zentraler Begriff jeder Phänomenologie –, fangen wir bei der Erfahrung an:
-Erfahrung ist der Motor jeder möglichen Welt. Sie bringt das Neue – das Unmögliche, das vom Möglichen ausgeschlossen wird, um das System der Welt vor dem Abgrund des Nichts stabil zu halten – in die Welt. Keine Veränderung in der Welt ohne Erfahrung.
-Die Struktur der Erfahrung läßt sich dreifach aufgliedern: 1. Erfahrungen läßt sich nur über ein Phänomen vermitteln. 2. Ein Phänomen ist das Ereignis einer Erscheinung. 3. Ein Ereignis hat einen Anfang und ein Ende in der Zeit.
-Die Erscheinung, obwohl Präsentation der Anwesenheit einer Realität (Präsenz einer möglichen Welt), unter- und widerspricht ihr zugleich.1 Das Reale (die Wahrheit, das unendlich Mannigfaltige), geht nicht in der Erscheinung der Realität auf. Das Reale stellt immer einen Überschuß über die Realität dar.
-Begründung dafür ist die Anerkenntnis des Nichts als Abgrund jeden Seins: daß die Welt (das, was sich präsentiert) nicht ist, jede Wahrheit des Mannigfaltigen also in Wahrheit aus dem Nichts kommt. Die sich vor dem Nichts als unerhörte Behauptung präsentierende Wahrheit muß, um dem Nichts zu entkommen, nocheinmal präsentiert werden – in einem dritten Zustand, der Spannung zwischen Wahrheit und Nichts aushält, ohne sie aufzulösen. Ein Zustand, der beide sich gegenüberstehenden Pole, die Wahrheit und das Nichts zugleich präsentieren kann: die Repräsentation. Sie schließt in ihrer Teil-Menge der Präsentation das Nichts mit ein, und hat damit seinen absolut sinnlosen Abgrund, der der Behauptung jeder Wahrheit entgegensteht, gebannt – auch wenn er als Gefahr weiterhin anwesend bleibt. In der Repräsentation ist das Nichts nicht mehr existenziell, sondern elementar – es ist ein Teil der unendlichen Menge der mannigfaltigen Wahrheiten geworden. Dafür bezahlt die Wahrheit den Preis, daß immer nur einen Teil von ihr (re)präsentiert werden kann. Will die Wahrheit sein vor dem Nichts, muß sie in Kauf nehmen, daß ein Teil ihres Realen zum Unmöglichen, zum Schatten der Realität erklärt wird.
-Jede Erscheinung ist also zugleich eine Erfahrung. Die Erfahrung der Präsentischen Absenz in der Repräsentation (Blanchot, Rancière). Präsenz der Abwesenheit (des Unmöglichen im Möglichen) und Abwesenheit der Präsenz (des Möglichen im Unmöglichen). Die Präsentische Absenz ist der Riß in der Repräsentation auf ihre eigene Grenze und auf die Präsentation hin (das Reale, die Wahrheit). Sie stellt die Welt dar und hält sie zugleich offen für das Paradox ihres eigenen Seins.
-Die Präsentische Absenz offenbart immer dreierlei Abgründe der Realität: 1. Die absolut grenzenlose Grenze, das Nichts, das der Abgrund allen Sinns und Seins ist. 2. Das, was dem Nichts paradoxal nicht entspricht – die unendlichen Mannigfaltigkeiten, die Behauptung der Existenz ihrer Wahrheiten gegenüber dem Nichts. 3. Die Repräsentation selbst als Repräsentation (Präsentation einer Teil-Menge der Präsentation), als das, was das Paradox von Wahrheit und Nichts nicht-disjunktiv und nicht-synthetisch aushält und damit die Realität darstellt. Die präsentische Absenz in der Erfahrung ist soetwas wie die ontologische Hintergrundstrahlung des Urknalls der Präsentation aus dem Nichts.
-Das heißt verkürzt gesagt: 1. Die Realität ist zugleich nicht und nur zum Teil – weil sie sonst gar nicht wäre. 2. Die Realität ist nicht fest, sondern veränderliche Teilmenge der Wahrheit. Sie ist immer in Bewegung, immer nur eine mögliche Welt des Augenblicks. 3. Die Präsentische Absenz hält die Welt sowohl auf den Punkt ihrer absoluten Nicht-Existenz offen, als auch auf die dadurch notwendig beständige Verschiebung ihrer Grenze innerhalb der realen Wahrheit.
-Die Präsentische Absenz ist jedoch in der Erscheinung der möglichen Welt in der Regel ihrer selbst vergessen. Ihre Erfahrung ist diffus, die Sinne sind nicht auf die Wahrnehmung ihres Ereignisses hin gebündelt. Die Präsentische Absenz, obwohl im Ereignis „anwesend“, wird als „abwesend“ wahrgenommen. Das Ereignis ihres Erscheinens wird nicht als ein solches markiert.
-Die ästhetische Erfahrung hingegen markiert die Präsentische Absenz, gibt dem Riß einen Rahmen. Sie bündelt die Zeichen, die die Erscheinung aussendet, zu einer gewissen Dichte, lenkt die Aufmerksamkeit der Sinne zur Wahrnehmung der Präsentischen Absenz hin. (Barthes)
-Eine ästhetische Erfahrung ist also die Wahrnehmung der markierten / gerahmten Anwesenheit der Üräsentischen Absenz, des Risses in der Repräsentation zum Nichts und zur Grenze des Unmöglich-Möglichen.
-Die grenzverschiebende Bewegung der Repräsentation, die Elemente des Unmöglichen ins Mögliche zieht, nenne ich Phantastik (Caillois)2, die Bewegung, die Mögliches ins Unmögliche abschiebt, Phantasmagorie (Lacan). Die Phantastik läßt hinter der Wahrheit der Realität die des Realen erscheinen. Die Phantasmagorie schiebt die Wahrheit der Realität in ihren Schatten ab. Die ästhetische Erfahrung ist die Erfahrung der Gleichzeitigkeit dieser zwei Bewegungen. Die literarische Phantastik hat mit als erste auf diesen Punkt hingewiesen. Die Postmoderne totalisierte ihn entweder zum zentralen Seinspunkt jeder Erfahrung (unhintergehbarer allgegenwärtiger Riß) oder schloß die Möglichkeit jeglicher Anwesenheit der Präsentation in der Repräsentation aus. Die Erfahrung wurde so zum Simulakrum (zur unhintergehbaren, allgegenwärtigen Simulation) degradiert: die Bewegung einer totalen Phantasmagorie, die alle Realität ins Reale abzuschieben, mithin gar keine Wahrheit mehr gelten zu lassen versucht – und auch keine ausgleichende Gegenbewegung der Phantastik.3 Dies war die Über-Reaktion auf die Katastrophen, die der Versuch der Moderne des Zwanzigsten Jahrhunderts, die Wahrheit im Namen des „Neuen“ zu ihrer Erscheinung zu zwingen, hervorgebracht hat: die gewaltsame tabula rasa durch das Subjekt. Deshalb das mit dem Bade verschüttete Kind: die Abschaffung des Subjekts und Leugnung einer anderen Möglichkeit der Kontaktierung der Wahrheit als in der Form seiner phantasmagorischen Abschiebung. Damit hatte man den totalitären Schrecken zwar ausgetrieben – aber Dank einer zweiten Totalisierung auf Kosten jeder Möglichkeit der Veränderung. Der Motor wurde stillgelegt, die Sprache für absolut sprachlos, weil selbst immer nur phantasmagorisch erklärt. Es ist das Verdienst Christoph Menkes, im Rekurs auf Adorno darauf hingewiesen zu haben, daß sich die Präsentische Absenz, die Erfahrung absoluter Sprachlosigkeit, der Grenze des Sagbaren (Wittgenstein), in Wahrheit nur in der ästhetischen Erfahrung mitteilt – und damit außerhalb der Ästhetik die Sprache immer noch mitteilen kann. Die Postmoderne, die selbst eine Revision und neue Durcharbeitung der Moderne darstellt, muß heute selbst revidiert und neu durchgearbeitet werden.
-Den Rahmen, der die Erfahrung ästhetisch macht, der das Ereignis der Präsentischen Absenz markiert, setzt die Phantasie. Die Markierung erfolgt, in dem die Phantasie die Repräsentation selbst ein weiteres Mal (als Zeichen für Zeichen) re-präsentiert. Die Arbeit der Phantasia4 ist dreifach: sie ent-deckt den Riss, setzt den Schnitt; bildet aber zugleich die Klammer, die die Membranen des Spalts beisammen und offen hält. Sie sorgt dafür, daß die Wunde der Realität sich nicht weitet, aber auch nicht heilt – in der Osmose des Unmöglich-Möglichen durch die Bewegungen der Phantastik und Phantasmagorie. Die Phantasie ist die Kraft, die gegenüber dem Nichts den Raum der Realität absteckt, dessen Grenze in Bewegung versetzt.
-Medium der Phantasie ist das Subjekt.
I.2 Subjekt
-Die Phantasie ist kein „Vermögen“ des Subjekts. Das Subjekt geht der Phantasie nicht voraus. Die Phantasie ist eine selbständige Kraft der Wahrheit und ihrem Drang nach Repräsentation aus und mit dem Nichts. Sie unterwirft sich das Subjekt als ihr Medium. Keine Markierung des Ereignisses, keine Erfahrung der Erscheinung, keine Arbeit der Phantasie ohne Subjekt.
-Das Subjekt ist Subjekt der Phantasie, die markiert, indem sie benennt. Sie benennt ein Erfahrungs-Ereignis als ästhetisch und deckt damit die jeder Erfahrung inhärente Präsentische Absenz auf. Sie wird zugleich vom Ereignis einer ästhetischen Erfahrung gedrängt, dieses zu benennen, obwohl seine vermittelte Erfahrung die einer absoluten Unnennbarkeit ist. Die ästhetische Erfahrung benennen, die immer schon da ist, und in ihr das Unbenennbare benennen – das ist die ohnmächtige Macht des Subjekts der Phantasie.
-Das Subjekt der Phantasie gehört weder der Realität noch dem Realen (und schon gar nicht dem Nichts) an. Wie die Phantasie eine integrale Funktion der Wahrheit ist, ist das Subjekt eine integrale Funktion der Phantasie. Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern es ist eine Grenze der Welt (Wittgenstein).
-Wenn die Phantasie aber das ist, was die integrale Grenze der Realität bewegt, dann ist das Subjekt selbst die integrale Grenze. Der unmögliche Punkt im Möglichen, der mögliche im Unmöglichen, an dem sich beide berühren und voneinander scheiden (Steinweg). Das Subjekt ist die Stätte des Schnitts, des Risses, der Wunde – und der Kontaktstelle, der Klammer, des Pflasters.
-Das Ereignis der ästhetischen Erfahrung ist temporäre Unterbrechung der Realität und seiner Repräsentation (Brechts Zäsur), nichtkommunizierende Unterbrechung der Zirkulation (Badiou) der Simulakren und Abstrakta5, Erfahrung der temporären De-Subjektivierung des Subjekts6, das seinen eigenen Ort am Nicht-Ort der Grenze, seine eigene Ohnmacht vor der Sprachlosigkeit des Unmöglichen und Macht in der Benennung zum Möglichen erkennt.
-Die temporäre Unterbrechung bringt die Realität zweifach ins Wanken: zum ersten, indem sie ihr Potential zur Veränderung aufdeckt, zum zweiten, insofern das sonst zeitlich begrenzte Ereignis auch das Potential einer Dauerhaftigkeit der Präsentischen Absenz (und damit den Schrecken der Verschlingung der Wahrheit durch das Nichts) zur Erscheinung bringt. Die Unterbrechung durch das ästhetische Ereignis sprengt das System der Realität, deckt den Mangel des Möglichen vor dem Potential des Unmöglichen, das Potential an Repräsentationen für den unrepräsentierten Schatten der Realität auf. Die ästhetische Erfahrung ist Erkenntnis und Präsentation des unentscheidbaren (weil sich ständig in Bewegung befindlichen) Problems der Repräsentation.
-Das Subjekt, das sich vor der Gefahr und dem Problem selbst als ohnmächtig erfährt, wird mächtig, in dem es sich dagegen selbst als ein solches behauptet. Das Subjekt, als Durchgangsbereich der Grenze, als Entscheider am Punkt des Unentscheidbaren, wird zugleich vom Ereignis dazu gedrängt, das Phantastikum zu benennen, das sich in der ästhetischen Erfahrung als unrepräsentiert und doch präsentiert gezeigt hat, oder eine andere, bereits repräsentierte Wahrheit, die sich jedoch im Ereignis nicht präsentiert hat, als Phantasma zu benennen.
-Die Entscheidung und Benennung ist die Behauptung (Steinweg). Das Subjekt, selbst grenzenlose Grenze, setzt der Grenzenlosigkeit der Präsentischen Absenz, setzt der Gefahr des Nichts damit seine Grenze.
-Die behauptende Bewegung der Phantasie ist stets unzulänglich und unabgeschlossen vor dem Hintergrund der mannigfaltigen Wahrheit und seiner unendlichen Möglichkeit in der Realität. Der Schatten der Realität (das reale Unmögliche) ist das Ausgeschlossene Dritte der Logik, dessen Wahrheit kein wahr oder falsch kennt. Die Behauptung kann daher immer nur ohnmächtige und unkontrollierbare Wette sein (Badiou), der Wurf einer Münze (Mallarmé).
-Kunst ist keine Erklärung, sie ist ein Spiel um die Wahrheit in der Zeit. Art is a game between all people of all periods (Marcel Duchamp).
II. PHYSIS
II.1 Anwesenheit
-Wahrheit strebt nach Physis, die kein Nichts ist, sondern eine Stätte des Seins. Die Physis ist der Teil der Repräsentation, der das in sie eingeschlossene Nichts in Schach hält. Die Physis ist ein Medium der Realität. Keine Repräsentation der Wahrheit ohne Physis.
-Damit steht die Physis aber der Phantasie entgegen. Diese ist körper- und ortlos, Medium des vollständigen Realen, das sich im Gegensatz zur Physis auch im Schatten der Realität bewegen kann (der selbst keine Physis besitzt).
-Das Nichts stellt sich als Abwesenheit jeder Präsentation, das Reale (die mannigfaltige Wahrheit) als dagegen behauptende Selbst-Präsentation, die Realität als Re-Präsentation eines Teils der Wahrheit in der Physis dar.
-Wenn der Teil der Repräsentation, der das Nichts in Schach hält, die Physis ist, kommt auch die Ästhetik nicht ohne physisches Medium aus. Wie die Repräsentation selbst eine Inkorporierung darstellt, ist es auch die Benennung einer Erfahrung als ästhetisch. Jedes Spiel braucht ihr Spielbrett. Und wie die Münze ohne ihre Materialtiät kein Spiel von Entweder-Oder treiben könnte, hat auch das Subjekt, das Medium der Benennung, selbst sein Medium.
-Medium des Subjekts ist sein Leib, als von der Phantasie durchquerter, beseelter Körper (Husserl). Das Subjekt ist immer leibhaftig und hat darin sein Grenze.
-Das Medium der ästhetischen Erfahrung ist die beseelte Form. Keine Behauptung ohne vom Subjekt der Phantasie beseelte Form.
-Die Form ist materielle Stätte der Bindung eines Phantastikums oder Phantasmas in der Zeit. Während das Phantastische, als Eindringen in die Form, immer eine Form-Gebundenheit sucht (eine andere Wahrheit verlangt nach Repräsentation, sucht einen Bezug), ist es Charakter des Phantasmas, als aus der Form Ausbrechendes (eine repräsentierte Wahrheit verliert ihren Bezug), ungebunden zu werden. Die Wahrheit versucht in der Bewegung der Phantastik, sich zu materialisieren, die Materie in der Bewegung der Phantasmagorie, die Wahrheit wieder loszuwerden. Diese Phase des Übergangs (die man eine der „Halbwahrheit“ nennen könnte) ist gefährlich: ein Phantastikum, das sich schon gezeigt hat, in die Form eingebrochen ist, sich aber noch nicht in ihr niedergelassen und konkretisiert hat, kann zum Abstraktum und zu einer gewaltsamen Suche nach der „richtigen“ Form dafür werden. Ein Phantasma, das noch nicht endgültig in den Schatten der Realität abgeschoben ist, kann als von der Form entbundenes Simulakrum frei im Raum zirkulieren und auf der Flucht vor seiner Abschiebung ins Unmögliche in anderen verwaisten Formen der Realität eine vorübergehende Stätte finden...
-Die Physis als Medium des Realen in der Realität, als begrenzte Menge der Wahrheit, drängt nach der Unbegrenztheit, wie sie das in ihm vermittelte Reale kennt – sie will ihren eigenen Ort sprengen. Die Phantasie als Bewegerin der Grenze der Realität, die mit der mannigfaltigen Wahrheit die Grenzenlosigkeit teilt, selbst aber die Grenze der Realität im Subjekt sowohl in Richtung des Möglichen als auch des Unmöglichen transversal durchqueren7 kann, drängt nach dem Gefängnis einer unendlich begrenzten Grenze, einem festen Ort. Die zweifache Bewegung der Phantasie im Subjekt als Phantastische und Phantasmagorische Bewegung über die Grenze der Realität gibt beidem Drängen teilweise Raum:
-Die Physis verschafft der Phantasie im Subjekt einen festen Ort und setzt damit zugleich ihrer ortlosen Gewalt eine Grenze. Aber der Moment ihrer Verbindung bleibt ohne Dauer, eben nur temporäre Durchquerung. Der Leib läßt sich nicht wegdenken (Husserl). Er stellt die Form zur Verfügung – aber er revoltiert zugleich gegen das, was in und mit dieser Form behauptet wird (Brecht).
-Die Phantasie sprengt den Körper, entgrenzt seine Grenzen, die Grund seines Leidens wie Drängens sind, uns gebietet damit zugleich seiner grenzziehenden Gewalt Einhalt. Aber so wie seine Materialität einen Überschuß darstellt, der die Bindungsbewegungen der Phantasie nicht vollständig gelingen lässt, stellt diese einen Überschuß über seine materielle Grenze dar. Die Entgrenzung der Grenze des Körpers durch die Phantasie geht nie vollständig auf.
-Deshalb lässt sich die Wahrheit niemals total und für immer mit einer Form ein, bedarf es der beiden Bewegungen der Phantasie: der Bindung suchenden und lösenden. Phantasie und Physis sind die vier Dimensionen der Zeit. Die Physis liefert die drei Richtungen des Raumes, die Phantasie die Richtung der Bewegung im Raum, die diesen immer wieder durchbricht und neu vermisst.
-Der Körper als Medium der ästhetischen Erfahrung, des Subjekts und seines Münzwurfs von Behauptung und Spiel, ist immer unkartographiert. Er ist wie die ästhetische Erfahrung, die in der Zeit stattfindet, zwar endlich – aber auch vage, zerstückelt-zusammengesetzt, immer schon selbst dekonstruiert (Derrida).
-Eine ästhetische Erfahrung, die eine heile, geschlossene Form als Stätte behauptet, ist keine ästhetische Erfahrung. Die ästhetische Erfahrung geht immer mit einem Phantomschmerz einher. Dem Schmerz der Präsentischen Absenz, die dem Körper zeigt, das sein Gegner das Nichts ist. Der Körper bleibt immer ein leidender, verwundeter. Darin zeigt sich seine Grenze.
-Eine ästhetische Erfahrung, die eine total verortete Phantasie behauptet, ist keine ästhetische Erfahrung. Die ästhetische Erfahrung geht immer mit der Gewalt einer Grenzen sprengenden Phantasie, einer ständigen Differenz, dem Schrecken der Präsentischen Absenz einher, die der Phantasie zeigt, das der Antrieb ihrer Bewegungen das In-Schach-Halten des Nichts durch die Behauptung ist. Die Phantasie läßt sich nicht einfangen. Darin zeigt sich ihre Grenzenlosigkeit.
-Der Antagonismus von Phantasie und Physis ist nicht dualistisch (einander ausschließend), sondern komplementär (kombinatorisch). Das Subjekt als Stätte der Durchquerung der Physis durch die Phantasie, der Beschränkung der Phantasie durch die Physis, ist der ortlose Ort, an dem der Antagonismus produktiv wird.
-Der Grund-Gestus der Beziehung von Physis und Phantasie in allen Wahrheitsprozeduren ist also der eines ausgehaltenen Paradoxes, einer gegenseitig unterbrechend-produktiven Revolte, bei der keiner verliert und alle gewinnen.
-Im Zeitalter des Digitalen arbeiten nun zwei Tendenzen sowohl an der Abschaffung der Wunde wie an einem festen Ort der Phantasie: die Erweiterung und Verschmelzung des Körpers um und mit seinen eigenen Maschinen-Schöpfungen (der Cyborg); und die Erweiterung der Stätte der Phantasie, die immer weniger Körperfunktionen benötigt, durch den virtuellen Cyberspace. Beide sich nicht gegenseitig ausschließende Tendenzen erweitern Spielraum und Macht von Physis und Phantasie in je eine der beiden Richtungen. Das Digitale arbeitet an seiner eigenen Auflösung in einem alle Medien in sich integrierenden (phantastischen und / oder phantasmagorischen) Megamedium.8 Es geht hier nicht um eine Wertung dieses Prozesses. Gefährlich ist daran aber das Wollen, das Leiden abzuschaffen, die Grenzenlosigkeit einzuzäunen, die Widerständigkeit von Phantasie und Physis gegeneinander abzuschwächen und den Moment ihrer kurzen Kombinatorik aufs Unendliche auszuweiten.9 Ohne Leiden der Physis an der Grenze, ohne grenzenlose Bewegungsmöglichkeit der Phantasie aber auch keine Bewegung der Realität. Die Kombinatorik von Physis und Phantasie bildet eine Unendlichkeit aus – aber eine der Wiederholung, die als beständige Erneuerung das Wesen der Zeit ist.10 Der selbst ins Unendliche ausgedehnte kombinatorische Moment aber (Fausts „Verweile doch, du bist so schön“) ist keine Zeit. Die Zeit im Megamedium ist Unzeit, Zeit der realen Bewegungslosigkeit. Ein Realität gewordenes Megamedium wäre Medium nur seiner selbst – mithin Tür und Tor für das Nichts.
-Die Kunst kann ihre Behauptungen nicht mehr nur in naiver Selbstvergessenheit aufstellen: Sie muß die Form in der Form selbst mit ausstellen, auf die Grenze des Körpers, sein Leiden und Drängen vor dem Hintergrund der Phantastik aufmerksam machen. Keine Kunst ohne Thematisierung des Körpers in der Form, der Form anhand des Körpers. Und sie muß zugleich die grenzensprengende Gewalt der Phantasie ausstellen, auf ihr Drängen vor dem Hintergrund der Phantasmagorie aufmerksam machen. Keine Kunst ohne Thematisierung der Phantastik und Phantasmagorie in der Arbeit der Phantasie.
Bedeutet praktisch11
-Das Theater kann heute nicht mehr ohne Konfrontation des Dramatischen mit dem Nichtdramatischen (Lehmann) auskommen, das – in der Wiederholung prädramatischer Strukturen der antiken Tragödie, die bis heute am tiefsten das Leiden durchdekliniert hat – unter anderem explizit die Widerständigkeit und Grenze des Körpers, den Raum und den Abgrund der Zeit thematisiert.
-Das Kino, das Bewegungs-Bild, das zwar die Gefühle des Körpers, nicht aber seine Muskeln bewegt (das selbst reine Phantasie werden will), kann nicht mehr hinter eine auch strukturelle Verarbeitung der Wunde zurück, wie sie beispielsweise von Cronenberg, Fincher, Haneke und Lynch (um nur ein paar markante Filmemacher zu nennen) versucht wird.
-Die Literatur kann nicht mehr hinter den Grad der Verarbeitung des Grauens der physischen Grenzen und der Vergänglichkeit zurück, wie ihn zum Beispiel Edgar Allan Poe vorgemacht hat.
-Weil ihre Grenzen in Bewegung sind, bilden Physis wie Phantasie immer wieder neu zu kartographierende Gebiete der Erforschbarkeit. Eine Kunst, die sich nicht als Revolte gegen die Realität, als forschend nach neuen Möglichkeiten des Unmöglichen, neuen Unmöglichkeiten im Möglichen, also neuen Kombinationen von Physis und Phantasie und deren Namen versteht, verkennt sich selbst. Ohne diese Form der Revolte keine wahre Zukunft.
-Die nach Wahrheit forschende Kunst teilt mit der Wissenschaft wie mit allen Wahrheitsprozeduren das Paradox des Seins. Das in der Kunst (der Repräsentationen der Repräsentation) generierte Wissen12 der Wahrheit aber ist für die anderen Prozeduren unverwertbar, weil nicht syllogistisch oder synthetisierbar, eben Spiel. Gerade darum ist ihr Zusammen-Spiel mit den anderen Wahrheiten und deren Wissen notwendig.13
II.2 Objekt14
-Der zeitliche Gestus revoltierender Forschung ist der der Wiederholung des Spiels. Jedoch nicht der einer unendlichen Wiederkehr des Immergleichen – vielmehr sorgt die revoltierende Forschung für ständige Veränderungen in der Kombination von Physis und Phantasie. Die Wiederholung befriedigt damit zugleich deren Sehnsucht: indem sie der absoluten Unendlichkeit (dem Begrenztheitswunsch der Phantasie, dem Grenzenlosigkeitswunsch der Physis) ihre relative Unendlichkeit – als eine der unendlichen Wiederholung – entgegenstellt.
-Der Gestus der Wiederholung, die immer nur einen Teil der Wahrheit freigibt und umwälzt, kann den Ungeduldigen oder Totalisten ermüden. Im Versuch, gegen das Paradox des Seins anzuarbeiten – das Nichts zu zerstören, um an die absolut-umfassende Wahrheit zu gelangen –, hat man, realisierend, daß das Nichts gegen jede Form des Zugriffs absolut resistent bleibt, damit begonnen, fatale Stellvertreterkämpfe auf dem Gebiet von Phantasie und Physis zu fechten:
-Das zwanzigste Jahrhundert war das Zeitalter der dualistischen Interpretation des Paradoxes von Phantasie und Physis und ihrer entsprechenden Exzesse (alles ist denkbar, alles ist machbar) oder falschen Synthesen (der Dialektische Materialismus, der „Sieg“ des liberalen Kapitals). Versuche einer stringenten Lösung des Paradoxes. Ihren Höhepunkt und zugleich Umschlag erfahren sie nun im Denken des Digitalen, das nur die Zustände wahr oder falsch kennt. Dieses Denken ist aufgrund der umfassenden Computerisierung des Alltags mittlerweile auch in andere Diskurse als den der digitalen Maschine (die Informatik des Computers) eingedrungen... Wenn man jedoch glaubt, daß die einzige denkbare Form zweier widersprechender Zustände die des oder, der Entscheidung nur für das eine oder das andere sei, man sich aber beide Zustände noch etwas offen halten möchte, ohne die Logik des oder damit zugleich selbst zu zerstören (weil die Frage, welche der beiden denn nun der wahre und welcher der falsche Zustand sei, vielleicht nicht so einfach zu klären ist, man also die Entscheidung selbst besser noch aufschieben möchte...) – muß man die Widerständigkeit der beiden Zustande ineinander auflösen: Das Einundzwanzigste Jahrhundert, das die Lehre aus dem Scheitern seines Vorgängers ziehen will, arbeitet, in einem neuerlichen Akt der Verkennung, am Projekt der vollständigen Aufhebung des Paradoxes. Nicht durch Disjunktion oder Synthese, sondern durch vollständige Integration des einen ins andere: der Physis in die Phantasie (Kino-Computerspiel, Cyberspace, Virtual Reality), der Phantasie in die Physis (der Cyborg, neue Fetische des Sex und der Folter). Das Einundzwanzigste Jahrhundert versucht das Paradox also mit einem weiteren Paradox auszutreiben, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Es ist an der Kunst, auf diesen Vorgang, die wahre Natur dieser Paradoxa15 aufmerksam zu machen – und den dritten Weg aufzuzeigen: Das Paradox (und auch das oder) auszuhalten und mit ihm zu spielen.
-Das Spiel ist die eigentliche Selbst-Bewegung des Paradoxes, ist die Arbeit der Phantasie und erfüllt im Gestus der Wiederholung forschender Revolte, revoltierender Forschung den Drang nach Unendlichkeit – nicht als eine totale, sondern eine Unendlichkeit der kleinen Schritte.
-Das Spiel des Paradoxes bleibt jedoch unbeherrschbar in dem, was es produziert. Genau darin liegt sein unhintergehbarer Schrecken – und der Drang dieser beiden Jahrhunderte, das Paradox kontrollieren zu wollen, den Würfel für den Wurf, auf den gewettet wird, zu zinken.
-In Wahrheit geht es um den Mut, die Kontrolle zu verlieren, die Macht abzugeben. Die Kontrolle über das Spiel verlieren, ohne es damit verloren zu geben – die einzig legitime Form von Macht, die nicht totalitär oder destruktiv ist. Das bessere Paradox, um das Paradox des Seins auszuhalten.
-Dabei ist der Spielraum enger geworden: Das Zwanzigste Jahrhundert hat mit dem Versuch, die „richtigen“ Formen für die unerledigten Abstrakta zu finden, die das Neunzehnte ihm hinterlassen hat (der Tod Gottes, der Fortschritt, die Gleichheit der Masse, etc.) nach der totalen und reinen Form gesucht – mit den bekannten Folgen. Analog zu dem in II.1 Gesagten läßt sich das Phantastische heute also angemessen nur noch in heterogenen Formen binden: als Sample-Collage, CutUp, Remix – eine wichtige Erkenntnis der Postmoderne. Diese jedoch hat in ihrer Überreaktion zugleich ein Übermaß unerledigter Phantasmen (Simulakren) produziert, deren Zirkulation zusammen mit den wenigen, dafür umso größeren Abstrakta, die noch ihrer Realisierung harren, heute das Aufkommen neuer Wahrheiten erschwert, weil sie die Grenze der Realität verdeckt.
-Ein großes Abstraktum der Wahrheit ist z.B. noch immer das von Masse oder Macht (Stillstand in der Gleichheit oder Fortschritt in der Ungleichheit), das heute in beinahe jede verwaiste Form als seinem Leib fährt. Helfershelfer ist ihm dabei ein großes Simulakrum: der Warenfetisch, der jede Form ihrer Wahrheit entfremden, zur leeren Hülle (zum Zombie) machen kann, der dann dem Abstraktum von Masse oder Macht als sein Leib zur Verfügung steht.16
-War die erste Geste des Zwanzigsten Jahrhunderts in der Moderne der Versuch der totale Ausweitung der Grenze der Realität auf das Reale (Identität von Repräsentation und Präsentation – was auf die Ausklammerung des Nichts, die totale Präsenz hinausläuft), stecken wir nun noch in den Folgen der panischen Gegen-Geste: der totalen Engziehung der Grenze der Teil-Mengen-Realität (was auf ein unrepräsentiertes Reales und die Identität der Repräsentation mit dem Nichts, die totale Absenz hinausläuft)... Das im Realen totalisierte Abstraktum kennt kein Nichts, das in der Realität totalisierte Simulakrum nur das Nichts. Beide stellen das Ende jeder Möglichkeit dar, können nichts präsentieren.
-Die enger gezogene Realität bringt die Osmose mit dem Realen an ihrer Grenze zum Erliegen. Unweigerlich drehen sich in ihr die Simulakra nur im Kreis; finden die Abstrakta, gefangen in einer Form-Menge, deren Auswahl zu gering für sie ist, keine andere Formen als die, die die flottierende Wahrheit des Phantasmas ihr als Zombies hinterläßt. Die Osmose kann nur wieder in Fahrt kommen, wenn die Grenze etwas zurück in Richtung des Realen verschoben wird...17
-Es war ausgerechnet der elfte September, der das Problem der Grenze der Realität wieder ins Bewußtsein gerückt und gezeigt hat, daß immer noch ein paar unerledigte Abstrakta umgehen (wie der Tod Gottes) – und gleichzeitig ein Übermaß an Simulakren zirkuliert, die es z.B. erschweren, dieses Ereignis für eines der bitteren Wahrheit zu nehmen und nicht als weiteres (wenn auch aufwändiges) Katastrophen-Kino...18
-Wir befinden uns heute, am Beginn des Einundzwanzigsten Jahrhunderts, das die Fehler seines Vorgängers einzusehen beginnt, aber noch keine Alternative als das Denken von Null oder Eins kennt (und deshalb ihren Unterschied selbst zu nivellieren versucht), zwar hoffentlich am Ende der Überproduktionsphase der Simulakren (am Ende der Postmoderne), dafür aber in der Zirkulation der immergleichen, sich eben nur ständig umetikettierenden Phantasmen. Obwohl es dringlichste Aufgabe ist, diese Zirkulation zu durchbrechen und auf wirklich Neues hin zu öffnen, gilt es, Bescheidenheit im Kontaktieren des Unmöglichen walten zu lassen, lieber die Reduktion in der Formbehauptung zu suchen, dem Drang sowohl der Totalisierung als auch der tabula rasa zu widerstehen, soll die Kunst sich nicht weiter in die Nähe des Terrorismus begeben.19
-Wenn auch die Macht der Physis wie der Phantasie im Denken des Digitalen größer geworden sind, weil man sie voneinander entfernt, der gegenseitigen Produktivität und Widerständigkeit entzieht, in dem man das eine im anderen zu integrieren versucht: heute ist nur noch eine bescheidene Geste möglich...
-Im Zeitalter des Denkens des Digitalen ist das Wort vom „Neuen“ in der Kunst schal geworden. Zugleich ein Wert des immer mehr in Frage stehenden Kapitals, dient es als Disqualifizierung von allem, was keinen „frischen“ Geschmack hat. Dies soll nur verdecken, daß in Wahrheit einiges heute schon recht abgestanden schmeckt – vieles in der Kunst und fast alles in der Politik.20
-Dem Zwanzigsten Jahrhundert hat der Drang nach „Neuem“ den Vorwand für unglaubliche Zerstörung geliefert: da die Geste der Phantastik der Einbruch in die Form ist, hat man geglaubt, die totale Wahrheit nur zur Präsenz zwingen zu können durch den totalen Einbruch in die Form, den Akt der tabula rasa.21
-Das Neue, obwohl einst glanzvolles Versprechen des Phantastischen, leidet heute unter einem zweifachen Makel: es ist zugleich immer noch Fetisch eines totalen, unerfüllten Versprechens und Emblem der totalen Gewalt. Man muß dennoch das Risiko auf sich nehmen, gerade heute wieder naiv nach ihm zu forschen, will man es nicht einfach in diesem Makel erstarren lassen.
-Diese Naivität des dennoch darf dabei aber nicht hinter die Erkenntnisse der Postmoderne zurückfallen: sie muß sich durch Gesten der Selbstreflexivität selbst kontrollieren, um nicht wieder in die Fallen der Moderne zu tappen.
-Ein großer Teil des Dilemmas des Zwanzigsten Jahrhunderts geht genau auf diese zweifache Verkennung des „Neuen“ in der Phantasie zurück: 1. Die Phantastik kann keine neue Wahrheiten erfinden, sondern nur neu auffinden. Das Neue ist das Unmögliche, das immer schon real, aber noch nicht realisiert ist – und niemals umfassend und fest repräsentierbar sein wird. Erfinden kann man also nur neue Form-Kombinationen und Namen der Repräsentation. 2. Allein die Erzeugung ungebundener Phantasmen oder die Weitertreibung ihrer Zirkulation ist ebenfalls noch keine Geste des Neuen. Neu ist sie nur dann, wenn die Abschiebung des Simulakrums in den Schatten der Realität vollständig gelingt, seine Wahrheit endgültig zum bloßen Phantasma benannt wird.
-Nur dort ist heute das Neue noch wahr: in der immer durch Selbstreflexion kontrollierten Erforschung des unerbittlichen Problems der Repräsentation.
Bedeutet praktisch
-Im Zeitalter des Denkens des Digitalen, in dem das Medium Message und Massage ist, muß sich das Medium einer ästhetischen Erfahrung immer auch auf sich selbst beziehen. Die Repräsentation der Repräsentation z.B. im Theater muß immer auch sich selbst verfremden, muß ihre Repräsentation als Repräsentation präsentieren, also ihre eigene Struktur als Repräsentation der Repräsentation (als Zeichen von Zeichen) immer wieder selbst auf das „Authentische“ der Repräsentation durchbrechen, um nicht selbst als bloße Zirkulation von Simulakren, als reiner Schein zu erscheinen. Die grundsätzliche Verabredung als Repräsentation der Repräsentation wird dadurch niemals vollständig aufgehoben – sonst wäre es keine Kunst mehr. Nur so kann die Repräsentation selbst erkenn- und ihrerseits auf das Reale durchbrechbar gehalten werden.22 Die Kunst muß das „Vokabular“ ihres Mediums immer mitliefern wie den Beipackzettel („Risiken und Nebenwirkungen“) eines Medikaments, die Gebrauchsanweisung für ein Werkzeug. Nur so kann hinter dem Schleier von Message und Massage noch das Dritte kommuniziert werden, das die ästhetische Erfahrung (nicht) zu kommunizieren, als Unterbrechung der Zirkulation mitzuteilen versucht. Die Behauptung muß sich selbst immer auch als Behauptung behaupten.
-Ein Medium, das sich ausschließlich selbst thematisiert, ist jedoch auch nicht besser als eines, das nur Message und Massage ist. Dann ist es immer noch besser, gar nichts zu behaupten (Melvilles „i prefer not to“ in Bartleby der Schreiber). Deshalb muß auch wieder das Phantastische (Shakespeares „more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in your phantasy“ im Hamlet) Einzug halten ins Theater. Heute können es nur kein abwesender Gott oder Schicksal, kein Sturm oder Hexe mehr sein...
-Die Literatur kann der heutigen Zeit nur noch gerecht werden als eine Fortschreibung phantastischer Literatur (die mit Kafka noch nicht an ihr Ende gekommen ist!). Eine Literatur, die immer innerhalb ihres fiktiven Realitätssystems springende, systemsprengende Meta-Literatur ist, die zu erzählen versucht von der Erscheinung von Phantastischem und Phantasmagorischem, der Grenze des leidenden Körpers und gegenseitigen produktiven Widerständigkeit in seiner Kombination mit der Phantasie – und dies zu inszenieren versucht als Paradox einer Unentscheidbarkeit, die dennoch vom Subjekt entschieden werden muß.23 Es ist als bezeichnend anzusehen, daß die literarische Phantastik seit dem letzten Drittel des Zwanzigsten Jahrhunderts immer neue Blüten hervorbringt (zuletzt am prominentesten die Harry-Potter-Romane) – und selbst das Kino zu dominieren begonnen hat... Wenn auch in ihrem Namen viel unsäglicher Trash produziert worden ist (und weiterhin wird), äußert sich hier doch ein Drang des Realen, der nicht einfach abzutun ist. Die Frage ist also eher, wie man die Grenzen des Genres produktiv weiter (über Kafka hinaus) verschieben kann.
-So ist heute nur noch dasjenige Theater zeitgemäß, das illusionistisch und anti-illusionistisch, selbstvergessen-naiv und selbstreflexiv den Widerstand, die Grenzen und die Grenzenlosigkeit der Physis und der Phantasie inszeniert und sich dabei zugleich als ein forschendes im grenzenlosen Gebiet jenseits des Status Quo versteht. Ein Theater des Gedächtnisses und der Erinnerung, das in seiner Momenthaftigkeit immer auf die Zukunft zielt. Ein Theater, das nicht hinter Brechts Erneuerungen zurückfällt (Entlarvung der Dialektik, Zäsur, Mittelbarkeit der Geste, Verfremdung durch Trennung der Zeichensysteme / Organisation des revoltierenden Materials im Widerstand der Körper gegen den Text), aber auch nicht dort stehen bleibt. Ein Theater, das ausbricht aus der postmodernen Erstarrung in der Zirkulation, ohne die Fehler der Moderne zu wiederholen. Ein Theater, das, anstatt sich dogmatisch auf eine sichere Seite zu schlagen, die Spannung zwischen Nichtdramatischem (als Inszenierung des Leibes, des Raumes und des Abgrunds der Zeit) und Dramatischen (als Inszenierung der Bewegung der Zeit und der Behauptung der Repräsentation, des Wirkens der Phantasie) aushält und inszeniert. Ein Theater, das in Inhalt und Form ganz Genosse seiner Zeit ist und sich nicht damit zufrieden gibt, sich am bildungsbürgerlichen Kanon vergangener Zeiten abzuarbeiten – und sich dennoch zugleich in totaler Unzugehörigkeit zu seiner Zeit positioniert, also dem common sense und der political correctness widersteht (wofür es sich auch weiterhin an den „Alten“ abarbeiten darf). Ein Theater, das verstanden hat, daß es einerseits nur in der Unterbrechung (des Möglichen) nicht repräsentiert – und andererseits sich immer an der Repräsentation der Unterbrechung (des Unmöglichen) abarbeiten muß – ein Theater, das in der Unterbrechung auszuharren (Badiou) versucht.
III. PATHOS
-Für die Geste des Ausharrens in der Unterbrechung: des Aushaltens der Paradoxa und ihrer unendlich sich wiederholenden produktiven Zäsur im Ereignis, der Behauptung der Repräsentation am ereignishaften Punkt der Unentscheidbarkeit der Grenze der Realität als Wette des Subjekts, die zugleich die Konsequenzen dieser Wette als eine vor den Potentialen des Unmöglich-Möglichen immer schon verlorene zu tragen bereit ist – dafür möchte ich den Begriff des Pathos verwenden.
-páthos, im ursprünglichen, griechischen Sinne seiner Bedeutung als „Leiden(schaft)“, zum Verb páschein, „erdulden“, „erleiden“ (im Lateinischen: passio, die Passion).
-Pathos ohne das Erhabene, wie noch Schiller es in ihm zu erblicken versucht. Nicht als Widerstand gegen das Leiden, als Überwindung eines Affekts. Sondern als ein Erdulden und Aushalten des Leidens. Leidenschaft mit dem Leiden, das selbst ein Widerstand ist. Optimistischer Pessimismus – mithin also Realismus...
-Oder noch genauer: Pathos des Oxymorons – das Aushalten eines widersprüchlichen Sachverhalts nicht im bloßen Zustand eines Entweder-Oder (Kierkegaard) oder dessen Synthese, sondern im Zustand eines Sowohl-als-auch.
-Es ist das Pathos als Sprache des Abstands von Phantasie und Physis, das die Erfahrung in einer zweiten Repräsentation markiert und rahmt und damit zu einer ästhetischen, zur Erfahrung der Präsentischen Absenz macht: das Ausstellen des ständigen Überschußes des einen über das andere: der Physis über die Phantasie in ihrer Materalität, der Phantasie über die Physis in ihren Bedeutungen.
-Pathos des Sisyphos, der dem selbstwidersprüchlichen Sein vor dem Nichts immer wieder neue Namen abringen muß, die nicht die Wahrheit sind, sie aber aufrufbar machen. So wie unsere Eigen-Namen nicht wir sind, sondern eine Behauptung unserer Eltern.
-Pathos ist ausgestellte Künstlichkeit (Einar Schleef). Und um bei ihm zu bleiben: war früher das Pathos reaktionär, so ist es heute seine Diskreditierung. Heute ist der Definitionscharakter der Sprache verloren gegangen. Sprache benennt nicht mehr, sie umschreibt (nur das Medium selbst wird noch kommuniziert). Sie ist selbst zum Zombie geworden, der sich weigert, seine Fähigkeit zur Künstlichkeit (nicht nur zur Repräsentation, sondern auch zur Repräsentation der Repräsentation) anzuerkennen.24 In Folge der Dekonstruktion ist sie nur noch Medium einer dauernden Abschiebung und Aufschiebung von Sinn.25 Sie kann ihre integrale Funktion als Stätte der Behauptung einer Wahrheit durch das Subjekt der Phantasie kaum noch erfüllen. Das überbordende Sprachpathos der Nazis, auch dieses wie so viele Ingredenzien ihrer Ideologie nur geborgt, in diesem Fall von einem überkommenen Sprachgestus des Theaters (!), läßt uns heute zu Recht vor dem Pathos der Sprache zurückschrecken. Dieses Pathos war jedoch ein falsches, weil es seine Künstlichkeit zu verbergen versuchte, als natürlich ausgab – also keine selbstreflexiven Strategien enthielt. Nur die Ausstellung der Künstlichkeit aber ist wirklich pathetisch. Eine Sprache, die in der Reaktion darauf heute allerdings nur noch Ausstellung ist, ihre Fähigkeit zur Künstlichkeit (der Referenzialität zum „Authentischen“) völlig vergessen haben will, ihre Eigenschaft als Informationsträger anderen Medien überläßt, ist auch kaum noch in der Lage, zugleich den Überschuß ihrer sinnlichen, Information überschreitenden Qualität (die Materialität ihrer Physis) dahinter aufscheinen zu lassen. Eine solche Sprache stellt keine Spannung zwischen Physis und Phantasie her, die erst die Markierung der Erfahrung als eine ästhetische ermöglicht... Nicht umsonst wollte Artaud die Poesie der Sprache durch eine Poesie im Raum ersetzt wissen. Die Frage nach einer solchen wieder poetischen Sprache, nach einem neuen Pathos der Sprache aber ist politisch (Müller) – Aufgabe einer anderen Wahrheitsprozedur als der Kunst. Bis aber das Politische eine neue poetische Sprache produziert hat, darf das Pathos nicht aufgegeben werden. Es muß nur auf alle Zeichensysteme ausgeweitet werden.
-Das Pathos ist es, dessen Eigenschaft der ausgestellten Künstlichkeit die Möglichkeit einer zweiten Repräsentation liefert, die in der Markierung der ästhetischen Erfahrung die erste Repräsentation erst erkenn- und durchbrechbar macht.26 Nicht nur, um neue Phantasmen und Phantastika erzeugen, sondern auch zirkulierende Simulakren und Abstrakta als solche erkennen und endgültig dorthin verbannen zu können, wohin sie gehören – auf die je andere Seite des Unmöglich-Möglichen.
-Das Pathos steht in Spannung mit der Ironie. Aber beide brauchen sich gegenseitig, um sich zu unterbrechen, ihre Selbstreflexivität über den anderen auszubilden, die sie vor einer Blindheit gegenüber ihrem Material und vor dem reinen Erhabenen oder Zynischen (beides Funktionen der Abwehr der Materialität) schützt. Die Ironie braucht das Pathos, um sich auch selbst ironisieren, das Pathos die Ironie, um auch zu sich selbst pathetisch sein zu können. Also nicht Pathos oder Ironie, sondern Pathos und Ironie.
Weiterhin an den Zeichen als Stätten der Behauptung und der Notwendigkeit ihrer ausgestellten Künstlichkeit festzuhalten, diese Künstlichkeit dennoch immer auch zu durchbrechen – auch das ist selbst wieder ein Pathos: ironisches Pathos. Das Pathos kann heute nur durch die Ironie des Pathos gerettet werden.
-Rettung des Pathos bedeutet auch: Rettung der Vorstellung vom „Neuen“. Nur das Pathos hält die Unterbrechung offen für den Vorgang, der Abduktion heißt (Charles Sanders Pierce): Die Abduktion, im Gegensatz zur Deduktion (der Ableitung von einer Regel) und der Induktion (dem Schluß auf eine Regel), reagiert auf ein Ereignis, das das Unmöglich-Mögliche aufzeigt, mit der Unterstellung eines Als-ob – sie erfindet (behauptet also) eine neue Regel (eine andere Form der Repräsentation unter einem neuen Namen), deren Fall dann das Ereignis ist. In diesem Punkt trifft sich das Spiel der Wissenschaft mit dem Spiel der Kunst, sind beide Detektive des Unmöglichen, in denen die Arbeit der Phantasie als Spiel der Abduktion am Werk ist. Abduktion heißt, das etwas sein kann (nicht das es sein muß, oder tatsächlich ist). Kunst ist wie die Wissenschaft ein Werkzeug zur Auffindung neuer Wahrheiten mittels der Abduktion.
-Die Paradoxie der Kunst ist, das ihr Spiel, das in der präsentischen Absenz zugleich zeigt, das jede Regel nicht ist, bloße Behauptung ist, zugleich dennoch eine Wahrheit zur Erscheinung bringen kann – um den Preis, daß diese ersteinmal nur Spiel ist, eben nur im Spiel mit dem Spiel (in der Repräsentation der Repräsentation) erscheint. Die Kunst kann nur auf das Ereignis und die Wahrheit aufmerksam machen, kann sie aber nicht realisieren. Ihr Wahrheits-Spiel ist ein anderes als das z.B. der Wissenschaft, deren Paradox es ist, daß sie das Ereignis einer Wahrheit zwar provozieren und diese realisieren kann – aber um den Preis, das sie ihr Spiel mit der Wahrheit selbst einschränken muß, wenn es nicht nur Spiel bleiben, sondern auch unhintergehbare Fakten schaffen soll.
-Das Ereignis einer wissenschaftlichen Erfahrung ist das direkte überraschende Erscheinen einer noch nicht repräsentierten Wahrheit. Hier ist das Ereignis immer nur mit dieser Wahrheit verbunden, nicht aber mit der Präsentischen Absenz. Das Ereignis einer ästhetischen Erfahrung hingegen ist immer zuerst die Erscheinung der Präsentischen Absenz. Als mit der Repräsentation der Repräsentation spielende, als Öffnerin auf den Nullpunkt des Seins hin, gibt die Kunst damit nur indirekt auch den Blick auf das hinter der Repräsentation liegende (auf zwar nicht repräsentierte, aber auch nicht fest mit dem Ereignis verbundene Wahrheiten) frei. Diese kann sie anderen Wahrheitsprozeduren zur Verfügung stellen – wo sie aber immer nocheinmal neu gewußt werden müssen. Die Kunst besitzt also einerseits ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber den anderen Wahrheitsprozeduren (die Erfahrung der präsentischen Absenz) – kann aber zugleich für diese (unkontrollierbares) Wahrheits-detektivisches Werkzeug sein.
-Umgekehrt kann ein Wahrheits-Ereignis der Wissenschaft, der Politik oder der Liebe, von der Kunst als ästhetisch „gelesen“ werden. Das so z.B. von der Kunst selbst generierte Wissen der Wahrheit, das sie aus der Wahrheit zieht, ist zwar gegenüber den anderen Wahrheitsprozeduren immer ein eigenständiges, für diese unverwertbares Wissen. Die Wahrheit an sich aber, weil immer real, immer „besitzlos“ kann von einer Prozedur in die andere übergehen – wo sie ein anderes Wissen werden muß: Die Wahrheiten der Wissenschaft z.B. müssen nach ihrer Entdeckung (Abduktion) noch die Regeln der Logik (der Deduktion / Induktion) und der Empirie (der Erfahrung!) mitspielen können – sie müssen verallgemeinbar sein als erfahrbares Wissen für Alle. Die Kunst hingegen begnügt sich damit, ihr Wissen aus einer allgemeinen Wahrheit zu ziehen – das dann immer nur für Einen (ihren Rezipienten) erfahrbar ist.
-So läßt sich weiter verkürzt behaupten: Das Wissen der Wissenschaft findet statt im Übergang der Wahrheit eines Ich zu einem Wir, das Wissen der Kunst hingegen von einem Wir zu einem Ich (die Kunst ist eine Subtraktion vom Kollektiven27, die Wissenschaft eine Addition zum Kollektiven).28 Damit wäre das Kollektiv als ein weitere Punkt benannt, wo sich beide Wahrheitsprozeduren begegnen und gegenseitig in die Hände spielen...
-Die Suche nach neuen Wahrheiten kann zur Sucht führen. Wahrheit kann zur Droge werden, wie nicht nur die Massenräusche am Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts bewiesen haben. Deswegen inszeniert das Theater die Masse als Chor, dessen gemeinsame dionysische Drogeneinnahme, die seine Gemeinschaft konstituiert, immer zugleich zu seinem Zerfall führt, zum heraustreten des Einzelnen als Protagonist. Denn die Erfahrung der Droge ist immer nur die eines Einzelnen. Der Versuch der Herstellung einer Entsubjektivierung durch die in Masse eingenommene Droge führt zur paradoxalen Erkenntnis der eigenen Subjektivität. Also auch hier: den Widerspruch der Droge aushalten!
-So wäre am Ende auch die Funktion des Unterschieds der Wahrheitsprozeduren benannt: sie dienen sich als gegenseitiges Korrektiv. Das ästhetische Wissen ist aus der Wahrheit gezogenes Wissen von Allen für Einen. Das politische Wissen z.B. ist aus der Wahrheit gezogenes Wissen von Allen für Alle (Hardt / Negris Multitude). Beide sind anfällig für die Droge: Im einen Fall der Droge des Einzelnen, der in der Masse aufgehen will, sich jedoch als nicht darin aufgehend erkennt. Im anderen Fall der Droge der Masse, die sich in Einzelne zerlegen will, darin aber als unzerlegbar erfährt. Beide Wahrheiten (die in sich selbst schon paradoxal sind), spielen dieses Wissen nocheinmal gegeneinander aus, um sich in der gegenseitigen Revolte produktiv zu relativieren. Nicht Masse oder Macht also, sondern Masse und Macht (Canetti)...
-Zum Abschluß ein Beispiel für das Nicht-Aushalten des Seins-Paradoxes (und von Physis und Phantasie) sowie für das Spiel der Wahrheit gibt die Antigone des Sophokles: Ihr Bruder, der tote Staatsverräter Polyneikes, darf nicht begraben werden, um seinen Tod (Zeichen des Nichts, der Grenze jeden Sinns), in etwas für die Gemeinschaft Sinnvolles (ein abschreckendes Beispiel) zu verwandeln. Der gefährliche und widerständige Fakt seines Leidens soll in ein freies Phantasma, ein Simulakrum der Staatsraison verwandelt werden. Dem hält Antigone ihrerseits das Pathos ihres Widerstandes entgegen, in dem sie schließlich auch die (eigentlich sinnlose) Konsequenz ihres Todes zu erleiden bereit ist – womit wir uns erneut bestimmten Eigenschaften des Terrorismus nähern... Was sie von diesem jedoch eklatant unterscheidet: daß sie einem außer Kontrolle geratenen Wissen der Politik ein Wissen der Liebe entgegenzuhalten versucht, keine anderes Wissen der Politik (was nämlich vermutlich in die dialektische Falle führen würde) – das aus der Wahrheit der Liebe gezogene Wissen des Einen für Einen, das die Grenzen anderer Körper respektiert sehen will und für die Aufrechterhaltung dieses Respekts nur den eigenen Körper zu opfern bereit ist;1 und daß sie weiß, das sie das Paradox dieser zwei Wahrheiten aushalten muß. Darin liegt ihre Tragik – daß ihr keine Wahl für ihr Tun bleibt, sie sich als ohnmächtig-mächtiges Subjekt erfährt, daß sich frei zum Tod entscheiden muß, wenn sie das Paradox des Seins nicht einseitig von einem Wissen der Politik zerstört sehen will. Sophokles wiederum (re)präsentiert uns diese Fabel, in der Konfrontation seiner Phantasie mit der Physis der Schauspieler, als spielerische Geste der Kunst, die das Leiden als Zeugen einer Wahrheit der Liebe aufruft, die vielleicht auch die Wissenschaft noch besser wissen müßte, damit sich die Politik demgegenüber zu einer anderen Wahrheitsbehauptung gezwungen sähe.
PARALIPOMENA – weitere PRAKTISCHE BEDEUTUNGEN
-Temporär autonome, aber in sich begrenzte Zonen schaffen, um die Unmöglichkeit dauerhafter Autonomie und die eigentlich grenzenlose Raumzeit spüren zu lassen. Grenze ist eine notwendige, aber notwendig instabile Markierung des Subjekts – seine „Marke“.
-Die Was-Fragen stellen, um die Wie-Fragen in deren Schatten mitzuverhandeln. Und umgekehrt.
-Da die Kunst nicht deduktiv oder induktiv operiert, sondern reine Abduktion ist, läßt sich in letzter Konsequenz die Anwendung der Forschungsergebnisse (ihr generiertes Wissen) nicht von der Forschung selbst trennen. Forschen, während man die Ergebnisse anwendet; die Ergebnisse anwenden, während man nach ihnen forscht.
-Widerstände formulieren, um darüber Kollektive zu bilden. Kollektive auflösen, um Widerstand zu formulieren.
-Gegen die Verkörperung der Wahrheit als angeblich komplette Identität von Körper und Geist arbeiten. Stattdessen die widerständige Spur des Textkörpers durch Wiederholung, die Ohnmacht und Macht des Subjekts inszenieren: z.B. sich als Quelle des Textes sicht- und hörbar machen, aber nicht als solche „aufspielen“ (ihn sprechen, als wäre er einem fremd). Oder sich als Quelle des Textes behaupten, aber nicht als solche erscheinen / sich anhören (den Körper oder das Kostüm verfremden, die Stimme verfremden).
-Die Dialektik unterlaufen. Den Marxismus des Bühnenrequisits z.B., die Regel, nach der, was nicht „arbeitet“ (kein Bewußtsein schafft), auch nicht mitspielen soll (kein Sein haben darf). Stattdessen mehr faule Requisiten!
-Pimp your audience: Der Beitrag des Schauspielers zur Emanzipation des Zuschauers liegt in seiner Emanzipation vom Zuschauer (Brecht). Man darf das Publikum nicht für dümmer halten, als man selbst ist, obwohl sein Geschmack das oft sein kann. Wer dem Geschmack des Publikums dienen und ihm gefallen will, hat keine Achtung vor ihm. Das Publikum fordern, auch wenn ihm das nicht immer gefällt (Tarkowskij). Analog zur Untrennbarkeit von Forschung und Anwendung innerhalb der Kunst, verbunden mit der Tatsache, daß sie ihr solitäres Wissen immer aus einem kollektiven Prozeß mehrerer „Autoren“ generiert: Selbst Publikum werden.
-Mit dem Effekt der selbsterfüllenden Prophezeiung spielen. Eine Wirkung behaupten und damit tatsächlich zur Wirkung bringen – unabhängig von der Tatsache, daß die Behauptung keine Begründung in einer ihr vorangehenden und beweisbaren Wirkung hatte. Mit der Behauptung Tatsachen zu schaffen versuchen. Kreative Placebos produzieren! Die Zukunft nicht der Prognose überlassen – sie selber beflügeln!
-Seine Geheimnisse lüften, um wirklich geheimnisvoll zu sein. Nichts ist positiv ent-täuschender als ein gelüftetes Geheimnis: es offenbart, das man eines hatte. Wer ein Geheimnis behauptet, aber nie lüftet, versucht nur zu verbergen, daß er gar keines besitzt: und wird irgendwann der Täuschung bezichtigt.
-Das Paradox hat keine Identität mit der coincidentia oppositorum, dem Zusammenfall aller Gegensätze der Welt in ihrem Kreuzungspunkt. Die Welt, weil sie nicht ist, ist mannigfaltig komplex. Wer das nicht aushält, sucht nach einer einfachen Einheit, in der alle Widersprüche aufgelöst, mithin also in einem zustandslosen Zustand negiert sind. Diese Suche bildet die Grundlage jeder Mystik, Esoterik und Verschwörungstheorie. Das einfachste Bild einer einfachen Einheit ist das Geheimnis – das jedoch, um den Zusammenfall der Gegensätze in sich auch bewahrheiten zu können, in Wahrheit absolut geheimnislos, also leer ist. Das Geheimnis der coincidentia oppositorum kann nie gelüftet werden, die Suche nach ihm gleicht einer Suche nach dem Nichts, nach der Nicht-Anerkennung der realen Wahrheit. Das Paradox aber löst die Gegensätze nicht auf, sondern hält sie zusammen, um sie in die Bewegung ihrer gegenseitigen Geheimnisaufdeckung zu bringen. Das Paradox selbst ist das größte nicht-leere Geheimnis. Es anzuerkennen heißt, das Mannigfaltig-Komplexe, die reale Wahrheit, die nur ist, weil sie zugleich nicht ist, anzuerkennen. Für die Passion des Paradoxes einzutreten heißt, die paradoxe Wahrheit der Welt gegen die verschwörerische Unwahrheit der Welt zu behaupten.
OFFENE FRAGEN
-Was ist das Pathos der Politik, das Pathos der Wissenschaft, das Pathos der Liebe im Gegensatz zu dem der Kunst?
-Steht der Kunst ein Vorrang vor den anderen Wahrheitsprozeduren zu, weil es ihr Alleinstellungsmerkmal ist, als einzige auf die Präsentische Absenz verweisen zu können, sie erfahrbar zu machen – und dafür nur indirekt, im Spiel mit dem Spiel, die Wahrheit kontaktieren zu können? Weil sie darin spielerische Wiederholung der Notwendigkeit der (Re)präsentation der Präsentation (in der Repräsentation der Repräsentation) ist?
-Fordert diese Argumentation nicht auch zu einer Rang-Einteilung der „Sparten“ innerhalb der Kunst nach ihrer „Wertigkeit“ auf? Kann man behaupten, daß z.B. eine ästhetische Erfahrung im Theater sowohl die Physis als auch die Phantasie „aufs Spiel setzt“, während es dem Kino und der Literatur immer eher nur um eine der beiden geht? Was genau ist das Verhältnis von Physis und Phantasie im Kino, in der Literatur, gibt es in ihnen „Tendenzen“ mehr zu dem einen oder anderen? Ist ein Theater einer ständigen gegenseitigen Unterbrechung von „Künstlichkeit“ und „Authentizität“ besser als ein rein „Artifizielles“ oder „Authentisches“? Ist das Theater überhaupt wirklich der wichtigste Ort der ästhetischen Erfahrung – weil es neben Raum und Zeit auch den Körper, die Präsenz des Abwesenden, die Abwesenheit der Präsenz selbst nicht nur erzeugt, sondern über Zeit, Raum und Körper auch „nach-spielt“? Weil es das Paradox des Seins in seinen Ursprüngen – der antiken griechischen Tragödie – in der Figuren der tragischen Unentscheidbarkeit und der dramatischen Ironie selbst durchdekliniert? Vielleicht sollte man an dieser Stelle nocheinmal auf Begriff des „Korrektivs“ zurückkommen. Welche Ausprägung der Kunst jeweils am ehesten „angebracht“ ist, hängt davon ab: wo jeweils die zu große „Leichtigkeit“ des Simulakrums, das zu große „Gewicht“ des Abstraktums liegt, die es in der Unterbrechung ihrer Zirkulation abzutragen und zu bannen gilt; wo die Kunst jeweils selbst „Schlagseite“ hat, sich selbst korrigieren muß, um den Raum der Realität auf das Reale, auf neue Phantastika und Phantasmen öffnen zu können.
-Was genau sind die gegenseitigen korrektiven Funktionen im „Zusammen-und-doch-gegeneinander-Spiel“ der Wahrheitsprozeduren – und wie lassen sie sich beschreiben? Ist z.B. das Wissen der Liebe, das gleichfalls immer nur für Einen gilt, die Geste des trotzdem gegenüber dem Abgrund des Nichts in der Kunst, weil es im Gegensatz zu dieser aus einer Wahrheit von Einem gezogen wird? Hat die Wissenschaft nicht vielleicht doch gleichfalls (nur anders) Kontakt mit der Präsentischen Absenz? Bildet ihr „Spiel“ nicht ebenfalls eine Repräsentation der Repräsentation aus? Ist ihr eigener Abgrund in diesem Spiel die Unschärfe? Ist die Politik, die wie die Wissenschaft für Alle gilt, eine Geste des trotzdem gegenüber dem Abgrund des Nichts in der Wissenschaft, weil sie im Gegensatz zu dieser ihre Wissen aus einer Wahrheit von Allen zieht? Sind Wissenschaft und Kunst verbunden durch ihren Gestus des Zufall oder Intention, aber sich entgegengesetzt, weil die eine sich für den „Zufall“, die andere für die „Intention“ entscheidet? Sind Politik und Liebe demgegenüber miteinander verbunden durch ihre trotzige Geste des und gegenüber dem oder von Wissenschaft und Kunst – aber einander entgegengesetzt, weil die eine sagt „alle und alle“, der andere „einer und einer“? Kennen Liebe und Politik keine Repräsentation der Repräsentation, sind beide keine „Darstellung“, kein „Spiel mit dem Spiel“? Ist damit z.B. eine Politik, die sich als repräsentativ behauptet, in Wahrheit gar keine Politik? Eine Liebe, die miteinander spielt, keine Liebe?
-Zurück zur Kunst: Aus Mangel an Platz sträflich vernachlässigt habe ich hier z.B. auch die Frage nach der Malerei, nach der Musik... Und was ist mit der sogenannten „Netz- oder vernetzten Kunst“ – arbeitet sie nicht weniger am Widerstand des Körpers als ebenfalls am Projekt des digitalen Denkens?
-Vielleicht arbeitet sie ja bereits an unserer Befreiung davon – weil das Denken des Digitalen nämlich selbst Verkennung der wahren Struktur des Digitalen ist: Die Null und die Eins sind im digitalen Code nämlich trotz ihres oder miteinander verkettet, zum produktiven Spielen angetrieben, ohne daß darin ihr oder aufgehoben wäre. Der Fokus des Digitalen Denkens auf das oder verkennt, daß im digitalen Code selbst diese Ausschließlichkeit komplementär wird – durch die aushaltende Geste des beide Zustände abwechselnden, sie in kombinatorische Bewegung versetzenden und. Statt Wahr oder Falsch also zugleich Wahr und Falsch in Bewegung. Rettet uns vor der Verkennung des digitalen oder als identisch mit dem Wahr oder Nichts des Seins-Paradoxes vielleicht wirklich erst das und des wahr gewordenen Cyberspace-Cyborg?
LETZTE WORTE
-Das Unternehmen dieses Textes gleicht dem Pirandellos, das Komische zu definieren. Er zeigt letztlich nur auf, das jede mögliche Definition des Komischen absolut problematisch ist – hält aber dennoch an der trotzigen Geste des Unmöglich-Möglichen im Drama seines Scheiterns fest.
-Wer seiner sinnlosen Geworfenheit in die Welt (Heidegger) als deren Grenze einen „Sinn“ geben will, muß selber die pathetische Geste des Wurfs wagen. Des Ent-Wurfs der Wette, die ihr mögliches Scheitern immer schon mitbedenkt. Dieser Prozeß (also auch dieser Text) ist notwendigerweiße unabschließbar.
-Letzter Stand: 09. September 2008 (Das folgende Statement ist wahr. Das
vorhergehende Statement ist falsch.)
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1Die Erscheinung an sich ist deshalb aber noch kein bloßer Schein, kein Simulakrum. Dies ist vielmehr ein besonderes Problem des Phantasmas. Dazu später mehr.
2An dieser Stelle ausnahmsweise ein Zitat, weil der Begriff des Phantastischen an hier vielleicht für Überraschung sorgt – obwohl ich keinen mit Belegen fundierten Wissenschaftsdiskurs führen will: „Im Phantastischen (...) offenbart sich das Übernatürliche wie ein Riss in dem universellen Zusammenhang. Das Wunder wird dort zu einer verbotenen Aggression, die bedrohlich wirkt und die Sicherheit der Welt zerbricht, in der man bis dahin die Gesetze für allgültig und unverrückbar gehalten hat. Es ist das Unmögliche, das unerwartet in einer Welt auftaucht, aus der das Unmögliche per definitionem verbannt worden ist.“ (Caillois, Roger: L`Image de fantastique. De la féerie à la Science Fiction. In: Ders.: Images, Images. Essais sur le rôle de l´imagination. Paris: José Corti, 1966. Deutsche Ausg.: Das Bild des Phantastischen. Vom Märchen bis zur Science Fiction. Übers. von Rein A. Zondergeld. In: Rein A. Zondergeld: Phaïcon 1. Almanach der phantastischen Literatur. Frankfurt a.M.: Insel Verlag, 1974. it 69. S. 44 – 83, hier S.46).
3Ein andere Verkennung übrigens verwechselt Phantastisches mit der Utopie (Platon, Morus), Phantasmagorisches mit der Heterotopie (Foucault). Diese entspringen beide der Bewegung der Phantastik und sind lediglich unterschiedliche Versuche der Bewältigung und Benennung des Unmöglichen. Die Utopie benennt es als absolut Unrepräsentierbares, als unerreichbares Ideal, dem jede Wandlung zu absoluten Möglichkeit verweigert, obwohl gewünscht wird (im Gegensatz zur Dystopie, die für vermöglichbar gehalten, aber nicht gewünscht wird). Die Heterotopie andererseits schafft dem Unmöglichen paradoxe Räume innerhalb der Repräsentation. Sie vermöglicht es, um es an Orten der Regel, und nur dort, gelten zu lassen – als im Zaum gehaltene Ausnahme der Regel (Foucaults Irrenhaus oder Gefängnis). Utopie / Dystopie und Heterotopie sind unproduktive Paradoxien. Sie halten das Phantastische gegenüber dem Phantasmagorischen nicht aus und totalisieren es – um den Preis seiner absoluten Unmöglichkeit oder nur lokalen, ausgegrenzten Möglichkeit. Eine andere Art des Umgangs mit dem Paradox wäre hingegen der, das Unmögliche im Möglichen, das Mögliche im Unmöglichen nicht zu synthetisieren oder auf Kosten einer Seite zu totalisieren, sondern im kombinatorischen Gleichgewicht zu halten. Nur so wird das Paradox produktiv – und nicht der Zerstörung, Erstarrung oder falschen Synthese verfallen.
4Griechisch phantázesthai: „erscheinen“.
5Zu meiner Definition der beiden kommen wir im Abschnitt über die Physis.
6Eine Erfahrung, die sowohl von Schriftstellern und Performern, die ihre Tätigkeit als den Zustand eines Außersichseins, einer Unzugehörigkeit zu sich selbst beschreiben, wie gleichermaßen von den Rezipienten einer ästhetischen Erfahrung immer wieder artikuliert wird.
7Während der „Riß“ demgegenüber als sagittal / vertikal zu charakterisieren wäre... Wollte man noch architektonische / kulturgeschichtliche Vergleiche bemühen, wäre die Öffnung auf den „Riß“ als „Gotik“, die transversale Durchquerung der grenzenverschiebenden Phantasie als „Renaissance“ zu bezeichnen...
8Beispielhaft in der Annäherung von Kino und Computerspiel über den Comic. Durch das Megamedium werden jedoch zugleich auch die letzten Überreste einer falschen Dichotomie wie der von popular und high culture fragwürdig. Trash gibt es in beiden – immer dort, wo sich das „Produkt“ seiner eigenen Massenfertigung oder Geste des Elitären gegenüber selbstvergessen verhält. Noch nie wurde ihm Kino soviel Massen-Trash produziert wie heute. Aber ebenfalls noch nie war das Independent-Kino so stark. Am spannendsten ist heute oft der Spagat zwischen beiden, auch wenn er selten gelingt.
9Im entweder total phantasmagorischen Megamedium – der totalen Simulation, oder im total phantastischen Megamedium – der totalen Vereinigung von Körper und Maschine, um in einem dritten Schritt (Achtung: Synthese!) zum total phantastisch-phantasmagorischen Megamedium, der Vereinigung von Simulation und Menschenmaschine zu gelangen. Man schaue sich hierfür die Matrix-Trilogie an...
10Dazu gleich mehr im Abschnitt II.2
11Da ich selbst vom Theater und der Literatur her komme, liegen hier die Schwerpunkte meiner Beispiele. Ich hoffe aber, das gerade durch den Fokus speziell auf das Theater (das ja alle Künste in sich beherbergen kann – was sich aber noch nicht überall herumgesprochen zu haben scheint) viele meiner Behauptungen auch auf andere künstlerische Sparten zumindest ungefähr übertragbar sind.
12Althochdeutsch wizzan; zur indogermanischen Perfektform *woida: „ich habe gesehen“
13Mehr dazu nocheinmal ganz am Ende dieses Entwurfs.
14Der Leib kennt keine Absicherung des eigenen Sprechens durch das Zitat, braucht keine Verortung in irgendeinem Diskurs. Der Leib ist eben kein Zitat, er ist dennoch – das ist das Unerhörte (Wittgenstein). Der Leib widersteht Bezügen in Klammern. Der Leib als Form setzt selbst in Bezug. In ihm werden die Zitate zu Kombinationen von Samplen – und gelangen damit zu einer Form, die über deren einzelnen Ursprünge hinausschießt. Deshalb ab hier keine Bezüge in Klammern mehr.
15Und die Wahrheit des Digitalen, dessen eigentlich kombinatorische Struktur hier in einem Akt totalitärer Übertragung als Herrschaft des oder verkannt wird.
16Man vergleiche mit dem philosophischen Menschen-Zombie ohne phänomenales Bewußtsein... An dieser Stelle eine kleine Spezifizierung mit Peter Weibel, der im Verweis auf Baudrillard vom heutigen „Primat des Bildes vor dem Sein“ spricht und die frei flottierenden Phantasmen als „Gespenster“ bezeichnet. Kennzeichen eines Gespenstes ist es doch, daß es seine einstige Form verloren hat. Ein Gespenst ist also genauer die noch nicht vollständig ins Reale abgeschobene Wahrheit des Simulakrums (während seine zurückgelassene Form eben der Zombie ist). Der Wert der Ware ist das Gespenst, die Ware selbst Zombie. Insofern wäre auch zu diskutieren, ob umgekehrt das von Marx so genannte „Gespenst in Europa“ (der Kommunismus) nicht eher ein Abstraktum darstellt – also einen Geist, der eben noch keinen Körper gefunden hat – also eher wie das lateinische spektrum, das noch in keinen Golem (hebräisch für „Ungeformtes“) gefahren ist...
17Und nicht vergessen: die Grenze der Realität zu verschieben bedeutet, die Phantasie „arbeiten“, das „Subjekt“ selbst bewegen zu lassen...
18Darin, in seiner Öffnung auf das Reale durch sein Ereignis, gleicht dieser Anschlag in der Tat einem Kunstwerk – in seiner neuerliche Demonstration eines Akts der tabula rasa, die keine Grenze von Kunst (Repräsentation der Repräsentation) und Leben (pure Repräsentation) anerkennt, einem in der Verkennungs-Tradition der historischen Avantgarden. Nähme man den Vergleich ernst, müßte man jedoch auch seine Abkunft von der Popcorn-Maschinerie Hollywoods, seine absolut triviale Unoriginalität herausstellen, deren „Größe“ einzig in ihrer maximalen Effekthascherei liegt. Ein Kunstwerk also, das an seinem eigenen avantgardistischen Anspruch „grandios“ scheitert...
19Beide arbeiten am ausgeschlossenen Dritten, wollen die Realität auf das Reale hin öffnen, verfolgen eine Geste der Revolte, die die Aufmerksamkeit auf das Ereignis einer Erscheinung lenken sollen. Aber anders als die Erscheinung, nach der der Terorrismus sucht, ist die Erscheinung der Kunst zunächst immer die der Präsentischen Absenz, der absolut unhintergehbaren Sinnlosigkeit als Abgrund jeden Seins. Der Terrorismus aber will gegen das Simulakrum eher die Repräsentation ohne das Nichts – das totale Abstraktum – zur Erscheinung zwingen: was ihn mit jedem terroristischen Akt einen Schritt näher zum totalen Simulakrum – dem puren Nichts – bringt... Zum zweiten läßt die Kunst die Vermöglichung der neuen Wahrheiten, die sie möglicherweise mit aufdeckt, offen. Sie gibt die Macht über den Prozeß der Repräsentation ans reine Spiel der Phantasie ab. Das Unmöglich-Mögliche zeigt in der Kunst nur sein temporäres Potential. Erst in der Behauptung durch das Subjekt der Phantasie wird es entschieden und benannt. Die Behauptung erfolgt nachträglich – nicht autonom, sondern als Drang des Ereignisses der Wahrheit. Der Terrorismus aber will die Macht auch über die Wahrheit und dessen Ereignis selbst, will (wie sein Gegenspieler, das Empire), die totale Kontrolle der Phantasie. Die Behauptung der „Wahrheit“ geht hier dem Ereignis der Wahrheit voraus. Deshalb muß der Terrorismus / das Empire auch beständig das „Ereignis“ selber erzwingen, muß immer wieder als Beweis reproduzieren, was ihn angeblich zu seiner Entscheidung angestiftet hat. Nur so kann er seine „Wahrheit“ aufrecht erhalten (und entfernt sich zugleich immer weiter von ihr...). Er liefert sich freiwillig-unfreiwillig der Dialektik aus: bietet sich dem, was er angreift, nicht nur als Gegner an, sondern konstituiert ihn damit erst. Terrorismus und Empire sind strukturell tragisch miteinander verkettet. Wie Darth Vader und sein geistiger Vater George Lucas wird jeder der beiden selbst zu der bösen Figur, die zu bekämpfen er angetreten war (Lucas ist heute als Imperator eines Massenmedien-Monopols sein eigener Gefangener, hat aber einmal als experimenteller Dissident des alten Kino-Systems, als Jünger des New Hollywood angefangen). Weil keiner der beiden Gegner diese Tragik auszuhalten im Stande ist, muß er den Gegner bis zur totalen Ausmerzung bekämpfen, um seinen „Frieden“ finden zu können.
20Für die Wissenschaft gilt das nicht – worüber diese ganz froh sein dürfte, wird die hohe Schlagzahl ihrer „Errungenschaften“, während sich alle Diskussion um eine erstarrte Kunst und Politik dreht, so doch weder bemerkt noch hinterfragt...
21Was im Falle der historischen Kunst-Avantgarden gleichzeitig noch die Nivellierung jeder Grenze von Kunst und Leben nötig machte...
22Dabei sind drei verschiedene selbstreflexive Strategien in Bezug auf die erste Repräsentation möglich: 1. Die bloße Rahmung der Erfahrung der Repräsentation der Realität (des „Authentischen“) in der direkten Behauptung des „Authentischen“ als „Künstlich“. Die „Kunst“ der zweiten Repräsentation besteht hier im bloßen Verweis auf die erste Repräsentation (Duchamps readymades). 2. Die Unterbrechung der Künstlichkeit auf das durch sie gerahmte Authentische. Hier hat die „Kunst“ ein eigenes System der Repräsentation herausgebildet, das in einem Wechselspiel mit „Authentizitätseffekten“ steht. 3. Die übertriebene „Künstlichkeit“. Sie kann auf das Authentische verzichten, lässt aber zugleich durch die totale Artifizialität ihrer Repräsentation den Abstand zum Authentischen immer mit erscheinen, thematisiert es also indirekt („allegorisch“) mit. Ohne hier eine Wertung dieser Strategien vornehmen zu wollen, lässt sich doch sagen, daß die zweite der zweifachen Bewegung der Phantasie am nächsten steht, die erste jedoch näher der Phantastik, die dritte näher dem Phantasma.
23Literatur in ihrer Definition als literarische Phantastik im engen Sinne, die das Aufscheinen eines Risses zwischen dem Subjekt und seiner Welt erzählt. Das Subjekt erkennt für einen Moment die Unmöglichkeit im Möglichen und seinen eigenen unmöglichen Standpunkt darin. Literarische Phantastik hält die Spannung zwischen Physis und Phantasie, setzt das Phantastische als vom Phantasma Ununterscheidbares aber notwendig Unterschiedenes in Szene – und zeigt auf, daß der ortlose Ort der Wette darüber das Subjekt der Phantasie ist. Von den aktuellen deutschen Autoren, die dies voll und ganz verstanden haben und auf der Höhe der Zeit durchexerzieren, wäre vor allem Alban Nicolai Herbst zu nennen, dessen poetologische Reflexionen seines Kybernetischen Realismus ich ebenfalls sehr zur Lektüre empfehle. Die beiden anderen Strategien wären die des neuen Realismus einerseits bzw. einer totalen Phantastik – im Sinne eines Irrealismus (totale Artifizialität des Buchstabens u.a. in der absoluten Verweigerung eines homogenen literarischen Realitätssystems, z.B. Joyces Finnegans Wake) oder einer weiten Phantastik (totale Artifizialität des Realitätssystems u.a. als Fantasy, z.B. Tolkiens Herr der Ringe). Der Realismus arbeitet sich am „direkten Authentischen“ ab, behauptet eine enge Beziehung von Buchstabe und Welt, literarischem Realitätssystem und „wirklicher“ Realität. Die totale Phantastik arbeitet an der indirekten Allegorese über die Behauptung einer totalen, von der wirklichen Welt absolut verschiedenen Artifizialität.
24Sozusagen seine Eigenschaft, vom Zombie zum Homunkulus werden zu können.
25Ich habe bereits daraufhin gewiesen, daß die Dekonstruktion damit zwar zu Recht den Punkt der absoluten Differenz herausgearbeitet hat, dieser jedoch nicht in jeden Diskurs bestimmend ist, sondern nur in der ästhetischen Erfahrung der Präsentischen Absenz. Diese als eigentlich ständig anwesende, aber allgemein als abwesende wahrgenommene Abgründigkeit allen Seins als Behauptung vor dem Nichts, wird von der Kunst immer gerahmt, also paradox mitgeteilt. Zugleich besitzt die Kunst jedoch auch die Fähigkeit zu einer zweiten Behauptung, zum Spiel mit der Repräsentation und Öffnung derselben auf neu zu behauptende Wahrheiten.
26Deshalb, auch wenn das im „Kunstbetrieb“ viele nicht gerne hören, ist Theater immer „Kunst“ und eben nicht Gewerbe, ist Theater immer „künstlich“ – selbst wenn es mit dem „Authentischen“ spielt...
27Was praktisch bedeutet, das das Wissen der Kunst immer aus einem kollektiven Prozess heraus entsteht... Die Folgen für das Verhältnis sämtlicher am künstlerischen Prozeß beteiligten „Autoren“ (auch des „Publikums“) untereinander will ich der Phantasie des Lesers überlassen. Nur kurz: Die Betonung sollte auf Prozess liegen, nicht auf Kollektiv, will man nicht wieder in die totalitäre Falle geraten. Das Kollektiv, richtig verstanden, sollte selbst ein Drittes des Paradoxes von Individuum und Masse sein (siehe meine Ausführungen zur „Droge“ gleich im Anschluß), vergleichbar Deleuzes „Meute“, in denen die „Tiere“ zwar nebeneinander vor dem Feuer sitzen, aber jeweils mit dem Rücken zur Kälte, gemeinsam einsam...
28Damit wäre in meiner vereinfachten Interpretation der vier generischen Wahrheitsprodzeduren nach Alain Badiou zu ergänzen das Wissen der Liebe im Übergang eines Ichs zu einem Ich und das Wissen der Politik im Übergang eines Wir zu einem Wir. Für eine nähere Phänomenologie dieser beiden Prozeduren fehlt mir hier aber der Platz. Verkürzt wäre zu sagen, daß es sich mit dem Hand-in-Hand-spielen von Kunst und Liebe sowie Kunst und Politik ähnlich verhält wie bei Kunst und Wissenschaft: Eigenständigkeit der Wahrheitsprozedur und des von ihr generierten Wissens, aber gegenseitiges Werkzeug.
29Die Selbstmorde Haimons und Eurydikes erfolgen nur, weil diese daran zerbrechen, daß Kreon weiterhin das Paradox ignoriert, das Antigone wieder ins Lot zu bringen versucht – nicht weil Antigone dies als Folge ihres Opfers miteinkalkuliert.