Nein. Wenn das hier wirklich Sinn machen soll, muß ich mit einem Exkurs über das Anfangen beginnen. Ich fand das nämlich von jeher die schwierigste aller Handlungen. Ziele abstecken, mir etwas vornehmen, geht noch ganz gut von der Hand – obwohl es als Grundlage eines jeden Beginnens bereits den Druck zur Umsetzung ausübt. Schon eher selten kann ich mich dazu durchringen, die Entscheidung über den Aktions-Zeitpunkt zu fällen. Ist jedoch diese Hürde genommen & der Moment da, das Vorhaben zur Tat werden zu lassen – überredet mich der Gedanke an mögliche Auswirkungen, lieber ganz die Finger davon zu lassen.
Ein mittleres Wunder also, daß ich hier sitze: in der kühlen Umarmung dieses unfertigen Steinkörpers, der nicht über die Stadtmauergrenze hinauswachsen durfte, es meinen Gedanken aber erlaubt, in geschützter Freizügigkeit durch die Nacht zu springen; daß ich hier, inmitten des Dunkels der Kathedrale, meinen Adlerfinger wirklich über die Tastatur kreisen & bei Entdeckung einer Buchstabenbeute herabstoßen lasse, um damit die Worte zusammenzustellen, die soeben auf dem Bildschirm erscheinen...
Es ist wirklich ein Wunder, daß ich einfach so weitermache. Denn im Schluß machen wiederum bin ich ziemlich gut.
Zum Beispiel als Kind auf dem Spielplatz, als ich mich mal wieder mit Karl Koschel im Sand prügelte (ohne angefangen zu haben!), da rief Mutter von der Bank herüber:
–Roland! Jetzt aber Schluß!
Schon ließ ich es. Nicht aus Vernunft oder Reue, sondern weil es mir, einmal auf die Idee gebracht, leichter fiel, als den nächsten Hieb zu platzieren. Karl hat mir dann – hämisch grinsend über mein Stillehalten – noch ordentlich zwei auf die Lippe gegeben, bevor mein Vater dazwischen ging.
Oder als wir die obligatorische Mutprobe unter uns Jungen machten & ich beim Überqueren der Autobahn plötzlich stehen blieb… All die Fragment gebliebenen Hausaufgaben, Seminararbeiten, Zeitungs-Reporte… Die vorzeitigen Abreisen… das Verlassen der Theater in den Pausen… Die abgebrochenen Kontakte…
Die Not zur Tugend verklärend, gab ich mich irgendwann als Satanist aus – das verschaffte den Leuten eine plausible Erklärung & mir auf einmal Respekt.
So ist das nun mal: Ich kann dem mächtigen Impuls nicht widerstehen, wenn sich eine Gelegenheit zur Beendigung bietet – & weil das oft zu bösen Verletzungen führt, habe ich gelernt, äußerst vorsichtig mit dem Anfangen von etwas zu sein.
Naja egal:
Nach dem letzten Mal vor sechs Jahren wagte ich wieder einen Versuch, mich in das Herz meiner Jugendliebe zu stehlen. Ich war schon knapp drei&dreißig, aber immer noch nur einsneun&siebzig lang, Carola Oleg [Name geändert] etwas größer & eineinhalb Jahre jünger. Sie hatte antilopige Beine & roch wie Pflaumenknödel im Herbst.
Auch diesmal wieder, auf dem mitterweile zum jährlichen Ritual gewordenen Silvesterumtrunk auf Olivers Hof draußen im Grünen, hatte ich sie gleich an ihrem Geruch wiedererkannt, noch bevor ich sie sah: als sie sich, meiner nicht gewahr, vor das Fenster schob, gegen das draußen der Schnee wirbelte & in der Berührung mit dem beheizten Glas zu Wassertropfen verglühte, die meinen Ausblick ins schwarzweiße Nichts verschwimmen ließen.
Daß ich schon so weit gelangt bin, bis auf die dritte Seite – es muß wirklich mit gestern zu tun haben, Arni. Endlich wird mein Neujahres-Vorsatz zur Tat: mein Lebens-Alltag, der immer nur an mir vorbeizog & sich in Erinnerung auflöste, in eine Schrift gebannt für die Zukunft... Um die nächste Niederlage vielleicht eher kommen zu sehen, aus dem vergangenen Geschehenen vorhersagen zu können. Um vorbereitet zu sein. Nicht wie an Silvester blind in die Falle zu tappen.
Jetzt rede nicht drumherum und geh endlich an, was du dir damals vorgenommen hattest...
Oh nein. Ich schreibe von mir, als würde ich selbst sprechen, dabei ist jedes Wort, das ich hier eintippe, einer Entscheidung entsprungen, die von etwas stammt, das ich sagt, aber unmöglich mich meinen kann, da doch gerade hierin meine Schwäche liegt; schon fühle ich, wie mich Lähmung beschleicht, wie ich aufzuhören plane, was mir viel leichter fällt, als weiterzumachen – das steht ja schon geschrieben.
Es läßt sich nicht wegschreiben, der Zwang zum Schluß machen reckt seine Ellbogen vor. Ich muß ein Zugeständnis machen.
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