Ein Knacken. Rasch klappe ich den Bildschirm ein, damit draußen niemandem das Glimmen des Flüssigkristallichts hinter den Kirchenfenstern auffallen kann.
Zu spät sehe ich den Fehler an dieser Reflex-Handlung: Die Sinne werden aufmerksam am ehesten auf die Veränderung; das Beständige wird leicht übersehen. Sollte also jemand in der Nähe sein, wird das schnelle Löschen des Lichts ihn neugierig machen.
Ich verharre, lausche & nehme, ohne den Kopf zu bewegen, die Umgebung genauer in Augenschein. Der Rhythmus des Blutes pocht mir Einszweieinszweieinszwei! in den Ohren, untermalt vom Pfeifton nasalen Schnaufens, das ich vergeblich zu kontrollieren versuche. Schulter & Hüfte, durch das gestrige Ereignis in Mitleidenschaft gezogen, klopfen wieder. Kopfschmerz. Die Phantasie meines Blicks nistet sich in den Schatten des Altars & der Apsidenwinkel ein, bemüht, die Konturen des darin lauernden Grauens herauszuschälen...
Das Gemäuer erwidert meine Aufregung mit Gleichgültigkeit. Die Nacht liegt sanft über dem Gotteshaus. Die Chimären verschwinden. Es war wohl das Gestühlholz gewesen, dessen jahrhundertalte Lebendigkeit gearbeitet hatte.
Das muß ich aufschreiben.
Das erinnert mich daran: Einem Mitschüler war einmal im Schulgottesdienst, gerade als der Pfarrer in seiner Predigt die rhetorische Pause machte, mit einem Knall, der dem Aufplatzen einer Hülsenfrucht nicht unähnlich war, die aufgestauten Verdauungsgase entwichen.
Du, lieber Arni, wirst dir jetzt vorstellen, daß alle in langanhaltende Lachkanonaden verfallen wären & den Fortgang der Predigt behindert hätten. Aber nein: Carola, der Roland bereits heimliche Blicke zuwarf, rollte nur mit den Augen & schnalzte mit der Zunge. Oliver kicherte leise, hörte aber sofort auf, als ihn sein Banknachbar anstupste. & Roland – erklärter Satanist & wie der Geist, der stets verneint, für alles, was dagegen war – blickte aufmunternd zu Moritz herüber, ohne ein Wort. & auch der ganze Rest der Bande bedachte den zufälligen Kommentar zu den selten geistreichen Ausführungen des Geistlichen mit Schweigen – was soviel wie Zustimmung bedeutete, einen stummen Protest, der Ghandi zur Ehre gereicht hätte...
Wenigstens zwei oder drei Lehrkräfte immerhin wandten sich ob der überraschenden postflatulenzischen Stille um, mit gespielter Enttäuschung den Kopf schüttelnd. Veiti, so nannten wir Moritz Veitinger [Name geändert], den Jungen mit dem geschäftigen Darm, Veiti also blieb unentdeckt & vor Strafe verschont.
(Fußnote: Bei uns wurden wie so oft Spitznamen durch ein an den Nachnahmen angehängtes i gebildet; Rolands hätte demzufolge Iobsti lauten müssen; stattdessen bildete er die unrühmliche Ausnahme & wurde, weil er immer mit Hardi unterwegs war, meistens Laurel gerufen – nach dem Nachnamen des Dünn-Dummen von Dick & Doof: Stan Laurel, des Kollegen von Oliver Hardy).
Eine offene Unterstützung des kleinen Manifests – das hätte sich keiner von uns zur Bravheit abgerichteten getraut: das Ereignis wurde nachher auf dem Weg zur Klasse nur noch mal herumgeraunt & anschließend unter anderen Gedanken begraben...
Größere Bedeutung gewann die Geschichte erst, als Veiti, von der Konsequenzlosigkeit des Vorfalls angestachelt, es sich zur Regel werden ließ, einmal im Jahr beim Abschlußgottesdienst seinen Protest gegen das Schulsystem lautstark herauszupressen. Der Lehrkörper hielt mit Ignorieren dagegen, während es Veiti über die Jahre zu immer größerer dramaturgischer Fertigkeit im Hinblick auf die Plazierung seines kleinen Trompeteneinsatzes brachte.
Experimentelle Anordnungen bestimmter Mahlzeiten sowie Testreihen mit dem Zeitpunkt der Nahrungszuführung vor dem Kirchgang sollten den idealen Darmwindkatalysator herauszufinden helfen, wobei sich die Kombination Linsensuppe (Vorspeise) – Chili con Carne (Hauptgericht) – Leinsamenjoghurt (Nachtisch), eingenommen gegen drei&zwanzig Uhr am Vortag, bald als am ergiebigsten erwies.
Wir anderen beneideten Veitis Mut, kürten ihn zu unserem Spartakus, sehnten uns das Ende des Jahres immer dringlicher herbei, da die Gottesdienste zu kleinen Lehrstunden in Spannungserzeugung gerieten, die sich durchaus mit dem Finale von Hitchcocks Der Mann der zuviel wußte messen konnten.
Was würde passieren, wenn nach einer erstaunlichen Ouvertüre durch Moritz Veitinger, mit dem Tristanakkord beginnend & in einigen atonalen Clustern mündend, der Reihe nach alle Schüler aufstünden & gemeinsam in ein concerto grosso einfielen? Sicherlich hätte man uns immer noch mit Mißachtung strafen können – aber mit dem kollektiv erzeugten Schwefelwasserstoff-Nebel hätte man sicher wenigstens den einen oder anderen Lehrer aus der Kirche getrieben.
Natürlich war so etwas nie geschehen, der Lehrkörper mit seiner Taktik in dem Moment erfolgreich geworden, als wir mit dem Abitur aus der Schule entlassen wurden – nicht ohne jedoch im Angesicht der Freiheit endlich den Schritt zu einem letzten Aufbegehren zu wagen, uns mit Veitis jahrelangem Solo solidarisch zu erklären... Wir hatten ihn mit der Abschlußrede betraut – & wie erwartet gab er eine letzte grandiose Vorstellung:
Zunächst ging nur ein Raunen durch einige Reihen, die Quelle des Übels war nicht sofort ausgemacht, war doch die Rede allgemein in warmen Ton gehalten & hätte man sich so eine Impertinenz nie & nimmer vorstellen wollen. Dann stellten die ersten den Zusammenhang zwischen den Miefwellen & gewissen etwas lauter & auch mit röterem Kopf gesprochenen Einschüben des Redners her, womit jener das Dampf-Ablassen zunächst noch zu verbergen suchte. Die Inszenierung des Abends sah jedoch sowieso vor, daß er bald nicht mehr mit seinen Zuhörern Verstecken zu spielen brauchte. Er ging also schließlich zu offenen & gezielt auf die Nase gerichteten Salven über, immer im Einklang mit seinem zunehmend agitatorischer werdenden Vortrag, dessen Bestandteile nun deutlich einer Leninrede aus Rolands Antiquariat nachempfunden waren:
–Leidensgenossen! (FFFTT!) Knapp zwei Jahre habe nun der Notenkampf gewütet. & mit jedem weiteren Monat, mit jedem weiteren Tage des Kampfes sei es für die Schülermassen immer klarer geworden, daß die Phrasen von der »notwendigen Härte« & dem »Lernen fürs Leben« & dergleichen nichts als (FFFTT!) Betrug gewesen wären. Daß es eigentlich nur ein Kampfe der Lehrenden unter sich selbst wäre. Der großen Räuber. Die darüber stritten, welcher von ihnen der Gebildetere wäre, wer die meisten Stunden abhalten müsse & wie weitere Schüler-Generationen unterjocht werden könnten. Vor zwei Jahren – als es schon klar gewesen sei, daß der Kampf käme – habe ein einziger Junge eine Warnung ertönen lassen: Das Moritzsche Manifest. Das stumm aber einstimmig von den Schülerparteien der ganzen Stadt angenommen worden sei. Es habe diese Wahrheiten offen ausgesprochen. (FFFTT!) Daß nämlich der Kampf gegen unsere Nächsten, dieses Einander mit Noten angehen, das größte Verbrechen darstelle. Daß die Schuld an diesem Kampfe die Direktoren- & die Lehrendenklasse aller Gymnasien trügen. Daß aber die furchtbaren Schrecken des Kampfes & die Empörung der Schüler dagegen zu einer scholaren Revolution mit Notwendigkeit führen müßten. (FFFTT!) Aber er wolle ihnen vorlesen, was der populäre Schülersprecher eines mit ihnen konkurrierenden Gymnasiums, der Einser-Schüler Eugen Debbs schreibe: »Ich bin keineswegs strebsamer & folgsamer als ihr. Nein, ich bin ein scholarer Revolutionär. Ich will nicht zur regulären Armee der Philister gehören, wohl aber zur irregulären Armee der Autodidakten. Auch ich weigere mich, (FFFTT!) in den Kampf zu ziehen bloß für die Interessen der Lehrendenklasse. Ich bin gegen jeden Kampf außer einem, für diesen stehe ich aber mit meiner ganzen Seele – & das ist der stadtweite Kampf für die scholare Revolution.« So also schreibe ihnen ausgerechnet der Streber & wenn daß nicht wirklich beweise, daß in allen Schulen der Stadt die Sammlung von Kräften der Schülerklasse sich vorbereite... (FFFTT!) Ja, die Schrecknisse & Leiden im Kampfe wären furchtbar. Aber die Schüler dürften nicht mit Verzweiflung in die Zukunft schauen. Die Hunderte von Opfern der Klausuren & Prüfungen, sie hätten nicht umsonst gelitten. Die Verwiesenen. Die Abspicker & Einsager. Die Strafarbeiter (FFFTT!) Sie alle hätten ja auch Kräfte gesammelt. (FFFTT!) Ihren Willen gestählt (FFFTT!) & wären zu immer klarerer revolutionärer Einsicht gekommen. (FFFTT!) Der wachsende Unwille der Masse, die wachsende Gärung (FFFTT! FFFTT!), dies alles gehe auch in anderen Gymnasien der Stadt vor sich. (FFFTT!) & das gäbe ihnen die Gewähr (FFFTT!), daß irgendwann nach dem Abitur die scholare Revolution gegen die bayerische Gymnasial-Bildung mit Sicherheit komme…
Die Rede steigerte sich schließlich bis zu einem fast lautmalerischen Getöse, das gleichsam expressionistisches Gedicht wie Neue Musik hätte darstellen können. Es hätte wirklich nur noch der Einsatz der anderen Hörner gefehlt, um das Kunstwerk perfekt zu machen.
Seine Wirkung erreichte es auch so. Die Lehrer blieben – ganz die alten Preußen – beim Aussitzen, immerhin würde man uns bald los sein. Die Eltern hingegen bekamen endlich Wind von unseren wahren Gefühlen: Wir saßen am Ende mit unseren Ausbildern alleine im Raum, eingenebelt von Schwefel, als wäre der Leibhaftige erschienen.
Die Zeitung titelte: »Synästhetische Abiturrede am Graf-Münster-Gymnasium – Schüler demonstriert, was ihm stinkt.«
Danach hat nie wieder jemand etwas von ihm gehört. So wie er uns erst aufgefallen war, als er seinen Hintern zum Instrument erkor, war unser Heiliger Moritz zum Himmel gefahren.
Es ist zurück wie der Terminator. Das Geräusch meine ich. Nun hat es auch einen Ort. Er liegt über mir, hoch oben im Kopf der Kathedrale. Lieber Gewißheit erlangen oder weiter verharren, bis der Gegner sich zu erkennen gibt?
Mit dem Wissen, daß langes Zögern mich lähmt, kratzte ich einen Kiesel aus der Schuhsole & werfe ihn in die Richtung.
Dem Aufprall folgen luftige Schläge, mit denen eine Taube ihren jäh attackierten Aufenthaltsort wechselt...
Manchmal steckt hinter schlimmen Befürchtungen nur ein für tot erklärter Demiurg, der aus Überkompensation die Menschen mit bemüht wirkenden Tricks in Aufregung zu versetzen versucht. Schaut man dann genauer hin, verpufft der Zauber im Erkennen seiner Struktur…
Aber lehren uns nicht unsere Horrorfilm-Erfahrungen, daß jeder Finte genau dann eine echte Attacke folgen muß, wenn das Spiel der Täuschungen durchschaut & langweilig zu werden beginnt?
Immerhin, es erinnert mich an den Likör. Das wärmt. Hätte ich nicht vorhin schon mit einigen beherzten Schlucken daraus meine papierene Kehle geschmiert, das Tosen im Bauch weichgespült, die falschen Gedanken verklumpt, so daß sie durch keine Nervenbahnen mehr paßten, wäre ich vielleicht gar nicht hier & schon gar nicht vor der Tastatur. Also noch einmal nachgeladen.
Man muß etwas für seine Beruhigung tun. Dem Apple-Arbeitsgerät, dem elektronischen Zettelkasten & Rechenkünstler, der bisher so treu seinen Dienst leistet, sollte man vielleicht einen gebührenden Namen verpassen: Muhammadmusa – so taufe ich dich, Meister des Al-gabr wal-mukabalah & AND OR NOT. As-salāmu 'alaikum!
Du brauchst nicht zu antworten. Ich weiß, ich bin der Ungläubige, der Besitzer der Schrift. Du darfst mir keinen Frieden zurückwünschen. Aber du trägst jetzt die Verantwortung: Wärme meine zwei Zeigefinger Feder & Schwert, ohne sie kann ich weder beschleunigen noch bremsen. Meinem Rad mußt du die Zügel halten, damit es nicht ausbricht; es anschieben, wenn mir die Kraft ausgeht, Muhammadmusa! Sing für mich, wenn ich einzuschlafen drohe, sing Daisy Bell. Vielleicht nehme ich dich dann einmal ein Stück auf dem Gepäckträger mit…
[Muhammad ibn Musa al-Chwarizmi war ein bedeutender Mathematiker um 800 n. Chr. Er führte die Ziffer Null (»sifr«) aus dem indischen in das arabische Zahlensystem ein & begründete die Dezimalen. Die lateinische Fassung seines Rechenbuchs hieß »Dixit algorizmi« (»Algorizmi hat gesprochen.«). Gemeinsam mit dem griechischen Wort »arithmos« (für Zahl) leitet sich daraus der »Algorithmus« ab, in der Folge für die Bezeichnung solcher Rechenbücher verwendet.]
Was geschah im Februar, Muhammadmusa? Rechne dich durch die Alternativen & verrate mir, welche wahrscheinlich wahr ist. Handle dem Photo gemäß, das unseren mittlerweile ins Gerede gekommenen & zu einem Untersuchungsausschuß vorgeladenen Außenminister auf der Weltausstellung zeigt, wo uns aus dem Hintergrund vielsagend der auf eine Wand projizierte Satz entgegen leuchtet: »Every man discovers the mystery of his own life.«
Ob das auch in den Hirnen mancher der einskommafünf Millionen europäischen Rindviecher im Moment ihrer Keulung kurz aufgeflackert sein mag? Welchen Sinn hat eigentlich das Leben eines Zucht-Rindes, das nach seinem Ableben nicht mehr als Hack-Fladen zwischen zwei Brötchenhälften verputzt werden kann? Das hatten Camus & Sartre wahrscheinlich gemeint: man muß sie sich trotzdem als glückliche Kühe vorstellen... Jedenfalls – der Seuche war mittlerweile nur noch mit einem Massentötungsprogramm beizukommen.
Mutter berichtete in ihrem Schreiben (das wie jeden Monat pünktlich eintraf), wie die Schißritzer Bauern nun regelmäßig unangemeldet mit Spruchbändern durch die Straßen zogen, während in den Fleischereien die Massen für Hamsterkäufe anstanden, aus Angst vor einer Explosion des Fleischpreises. Nichts ändere sich, schrieb sie, das alles habe sie so ähnlich schon vor, während & nach dem Krieg erlebt.
Vater, wie bereits erwähnt nicht so leicht kleinzukriegen, wurde am sieben&zwanzigsten Februar aus dem Krankenhaus entlassen, einen Tag bevor die UNO veröffentlichen lies, daß sie im Jahr zweitausendfünfzig eine Weltbevölkerung von neunkommadrei Milliarden Menschen erwarte, gelobt sei das westliche Gesundheitssystem. Erleichtert über die Nachricht wagte er ein Telefongespräch:
–Wie es ihm gehe.
–Ach ein Geschlecht von Nilpferden wären sie ja.
–Hörmal. Es tue ihm leid, daß er es nicht mehr geschafft habe, ihn noch mal im Krankenhaus –
–Seine Mutter glaube, es gäbe da eine Mädchengeschichte, unterbrach der Vater, –Warum er das denn verschweige. Sein Junge. Müsse schließlich doch endlich einmal in Fahrt kommen. Etwas bewegen. Es zu etwas bringen. Ihm & der Mutter ein paar Bambinos schenken. Wie er das schaffen wolle als Selbständiger. Er halte das nicht für besonders... –Gut, lenkte er ab, –Sie unterstützten ihn wo sie könnten. Von ihm aus kriege er auch seinen Erbe als Startkapital vorgeschossen. Aber diesmal den Arsch zusammenkneifen dafür! Sein Junge. Irgendwann komme für jeden die Zeit der Konsequenzen...
Vaters Krebstod war unaufhaltsam, ließ sich mit ärztlicher Hilfe aber noch ein wenig steuern, wie der Absturz der abgetakelten russischen Raumstation Mir über dem Atlantik (Frieden im Weltraum...).
Man begann auch wieder von staatlicher Sterbehilfe & der Erschaffung eines neuen Menschen zu sprechen, der sich selbst aus dem Katalog der Gene zusammenstellt... Ein Gremium, das niemand um seine Meinung gefragt hatte, erklärte die »National befreite Zone« zum Unwort des Jahres & der Altkanzler verweigerte vor einem anderen, sehr wohl im Mittelpunkt stehenden Gremium, zum dritten Mal seine Aussage.
Klar, daß Roland da nicht im Traum daran dachte, an diese bestimmte Sache zu denken.
Die Hauptstadt lag im Karnevalstaumel, in den selbst die Bagger & Baukräne einfielen – aber auch diesmal vereitelte Köln als Prinzessin des Narrentums den plumpen Versuch der einstmals geteilten Metropole, auch noch diesen Titel an sich zu reißen. Nachdem er an keinem der Antifa-Demonstrationen zum sechs&fünfzigsten Jahrestag der Auschwitz-Befreiung teilgenommen hatte, sah er jedenfalls keine Schande darin, auch die Umzüge & Maskenbälle zu meiden.
–Spielverderber! –Langweiler! –Hast wohl keinen Humor! wurde er von Freunden gescholten. Spaßfanatiker! Tütendreher! Oberflächen-glattgeschmirgelte! dachte er bei sich.
Er kümmerte sich lieber um seine Geschichtsagentur. Wenn er nicht gerade in der Bertold-Brecht-Bibliothek im Rathaus Mitte auf einem Korbstuhl saß. Nicht um kostenlos Zeitung zu lesen – für Nachrichten konsultierte er das Netz –, sondern um sich auf der Suche nach zitierbarem Material durch den kleinen Bestand zu arbeiten. Eine Gewohnheit, die ihm sein Studium eingebrockt hatte. Da & dort ließ er auch schon mal ein Buch mitgehen, ohne nachher beim Mittagessen im Betriebsrestaurant ein schlechtes Gewissen zu haben.
Irgendwie schaffte er es trotzdem, alle Papiere zur Geschäftsgründung zusammenzubekommen. Schon wollte er die ersten Behördengänge angehen – als ihm aufgrund der Fülle der zusammengetragenen Exzerpte einfiel: eine Enzyklopädie des nutzlosen Zitats ausarbeiten... ja das wäre doch ein Projekt!
Kurze Zeit später hatte er ein erstes Einteilungssystem & für jede Kategorie ein Beispiel. Er lernte die Liste auswendig, um sie für alle Lebenslagen parat zu haben:
Zitate von Bundespräsidenten: Über der Veränderung liegt stets ein Hauch von Unbegreiflichkeit. (Carl Friedrich von Weizsäcker). Tierfabelzitate: Der Fuchs wechselt den Balg, nicht den Charakter. (Sueton). Zitate aus & über Franken: Zuviel Vertrauen ist häufig eine Dummheit, zuviel Mißtrauen immer ein Unglück. (Jean Paul). Zitate mit Selbstzerstörungsautomatik: Hamlet heute: Sein, ohne zu sein, oder seiend nicht sein? Keine Frage. (Stanislaw Jerzy Lec). Vernöstlich-esoterische Zitate: Wenn du in Eile bist, mache einen Umweg. (Zen-Buddhismus). Simpelzitate: Erziehung ist Beispiel & Liebe (Friedrich Wilhelm August Fröbel). Zitate über Dialektik: Diese Welt ist eine Welt zweier Götter. Es ist eine Welt des Aufbaus & des Zerfalls zugleich. In der Zeitlichkeit erfolgt diese Auseinandersetzung, & wir sind daran beteiligt. (Alfred Döblin). Schillerzitate: Durch diese hohle Gasse muß er kommen! (Friedrich Schiller). Konterzwillinge: Gott würfelt nicht. (Albert Einstein). Alles spricht dafür, daß Gott ein unverbesserlicher Spieler ist. (Stephen W. Hawking). Zitate dieser Kategorie: Vielleicht ist die universale Geschichte die Geschichte von ein paar Metaphern. (Jorge Luis Borges). Zitate mit kleinen Flügeln: Der hat die Lehren des Lebens nicht begriffen, der nicht täglich eine Angst überwindet. (Ralph Waldo Emerson). Etceteraetceteraetcetera: Do you know nothing? Do you see nothing? Do you remember nothing? (T.S. Eliot).
Die Arbeit an der Enzyklopädie half, sich zu vergewissern, daß er nicht mehr liebte. Daß der Geist im Stande war, das Gefühl kaltzumachen.
Roland hatte den Zustand schillerscher Erhabenheit erlangt – er stand über dem Drama der Welt. Seinem Neujahrsvorsatz kam er deshalb auch nur mit einigen Notizen nach. Es sollte Anfang März werden, bis sich ihm wieder ins Bewußtsein drängte, daß er extra früher nach Berlin zurückgefahren war, um seine Adornotheorie an Thomas Mann zu überprüfen, & daß er Oliver hätte anrufen sollen.
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