popp-ART

popp heißt das pop-paradox leben
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jan-apr.doc (6)

Ein Knacken. Rasch klappe ich den Bildschirm ein, da­mit drau­ßen nie­mandem das Glimmen des Flüssigkristallichts hin­ter den Kir­chenfenstern auffallen kann.
Zu spät sehe ich den Fehler an dieser Re­flex-Handlung: Die Sin­ne werden aufmerksam am ehesten auf die Veränderung; das Beständi­ge wird leicht übersehen. Sollte also je­mand in der Nä­he sein, wird das schnelle Löschen des Lichts ihn neugierig machen.
Ich ver­harre, lausche & nehme, ohne den Kopf zu be­wegen, die Um­gebung genauer in Augenschein. Der Rhythmus des Blu­tes poch­t mir Einszweieinszweieinszwei! in den Oh­ren, untermalt vom Pfeifton nasa­len Schnaufens, das ich vergeblich zu kontrollieren versuch­e. Schulter & Hüfte, durch das gestrige Ereignis in Mitlei­denschaft gezo­gen, klop­fen wieder. Kopf­schmerz. Die Phan­tasie meines Blicks nistet sich in den Schatten des Al­tars & der Apsi­denwinkel ein, bemüht, die Kontu­ren des darin lau­ernden Grau­ens herauszuschä­len...
Das Ge­mäuer er­widert meine Aufre­gung mit Gleichgül­tigkeit. Die Nacht liegt sanft über dem Gottes­haus. Die Chimären ver­schwinden. Es war wohl das Gestühl­holz ge­wesen, dessen jahr­hundertalte Leben­digkeit gearbei­tet hatte.
Das muß ich aufschreiben.

Das erinnert mich daran: Einem Mitschüler war einmal im Schulgottes­dienst, ge­rade als der Pfar­rer in seiner Predigt die rhetorische Pause mach­te, mit einem Knall, der dem Aufplatzen einer Hülsen­frucht nicht un­ähnlich war, die aufgestau­ten Verdauungsga­se ent­wichen.
Du, lieber Arni, wirst dir jetzt vorstel­len, daß alle in lan­ganhaltende Lachkanona­den verfallen wären & den Fortgang der Pre­digt be­hindert hätten. Aber nein: Carola, der Roland bereits heimliche Bli­cke zuwarf, rollte nur mit den Augen & schnalzte mit der Zunge. Oliver ki­cherte leise, hörte aber sofort auf, als ihn sein Ban­knachbar anstupste. & Ro­land – erklärter Satanist & wie der Geist, der stets ver­neint, für al­les, was dagegen war – blickte aufmunternd zu Moritz her­über, ohne ein Wort. & auch der ganze Rest der Bande be­dachte den zufälligen Kom­mentar zu den selten geistreichen Aus­führungen des Geistlichen mit Schweigen – was soviel wie Zustimmung bedeutete, einen stummen Protest, der Ghandi zur Ehre gereicht hätte...
Wenigstens zwei oder drei Lehr­kräfte im­merhin wandten sich ob der überraschenden postfla­tulenzischen Stille um, mit gespiel­ter Enttäu­schung den Kopf schüt­telnd. Veiti, so nannten wir Mo­ritz Vei­tinger [Name geändert], den Jun­gen mit dem geschäf­tigen Darm, Veiti also blieb unent­deckt & vor Strafe verschont.
(Fußnote: Bei uns wurden wie so oft Spitzna­men durch ein an den Nachnah­men an­gehängtes i ge­bildet; Rolands hätte demzufolge Iobsti lauten müs­sen; stattdessen bilde­te er die un­rühmliche Aus­nahme & wurde, weil er im­mer mit Har­di unter­wegs war, meistens Laurel ge­rufen – nach dem Nachnamen des Dünn-Dummen von Dick & Doof: Stan Laurel, des Kollegen von Oliver Hardy).
Eine offene Unterstüt­zung des kleinen Manifests – das hätte sich keiner von uns zur Bravheit abgerichteten getraut: das Er­eignis wurde nachher auf dem Weg zur Klasse nur noch mal herumgeraunt & an­schließend unter an­deren Gedanken begraben...
Größere Bedeutung gewann die Ge­schichte erst, als Veiti, von der Konse­quenzlosigkeit des Vorfalls angesta­chelt, es sich zur Regel werden ließ, einmal im Jahr beim Abschlußgottes­dienst seinen Pro­test gegen das Schulsystem lautstark her­auszupressen. Der Lehrkörper hielt mit Igno­rieren dagegen, während es Veiti über die Jahre zu immer größerer dra­maturgischer Fertig­keit im Hinblick auf die Pla­zierung sei­nes klei­nen Trompetene­insatzes brachte.
Expe­rimentelle Anordnungen be­stimmter Mahl­zeiten sowie Testrei­hen mit dem Zeitpunkt der Nah­rungszuführung vor dem Kirchgang sollten den idealen Darmwindkatal­ysator herauszufinden helfen, wobei sich die Kombina­tion Linsen­suppe (Vorspeise) – Chili con Car­ne (Hauptger­icht) – Lein­samenjoghurt (Nachtisch), einge­nommen gegen drei&zwan­zig Uhr am Vortag, bald als am ergiebigsten er­wies.
Wir anderen beneideten Veitis Mut, kürten ihn zu un­serem Sparta­kus, sehnten uns das Ende des Jahres immer dringlicher her­bei, da die Gottesdienste zu kleinen Lehr­stunden in Span­nungserzeugung ge­rieten, die sich durch­aus mit dem Finale von Hitchcocks Der Mann der zuviel wußte messen konn­ten.
Was würde passieren, wenn nach einer erstaunlichen Ouvert­üre durch Moritz Veitinger, mit dem Tristanakkord be­ginnend & in eini­gen atonalen Clustern mündend, der Rei­he nach alle Schüler aufstün­den & gemeinsam in ein concerto grosso einfielen? Sicherlich hätte man uns immer noch mit Mißachtung strafen können – aber mit dem kollek­tiv erzeug­ten Schwefelwasserstoff-Nebel hätte man sicher wenigs­tens den einen oder anderen Lehrer aus der Kirche getrie­ben.
Natürlich war so etwas nie geschehen, der Lehr­körper mit seiner Taktik in dem Moment erfolg­reich ge­worden, als wir mit dem Abitur aus der Schule ent­lassen wurden – nicht ohne je­doch im Angesicht der Frei­heit end­lich den Schritt zu einem letz­ten Aufbe­gehren zu wagen, uns mit Veitis jahre­langem Solo solida­risch zu er­klären... Wir hatten ihn mit der Abschlußrede be­traut – & wie er­wartet gab er eine letzte gran­diose Vorstellung:
Zunächst ging nur ein Raunen durch einige Reihen, die Quel­le des Übels war nicht sofort ausgemacht, war doch die Rede all­gemein in warmen Ton gehalten & hätte man sich so eine Im­pertinenz nie & nimmer vorstellen wollen. Dann stellten die ers­ten den Zusammenhang zwischen den Mief­wellen & ge­wissen etwas lauter & auch mit röterem Kopf gesprochenen Einschüben des Redners her, womit jener das Dampf-Ablassen zunächst noch zu verbergen suchte. Die In­szenierung des Abends sah je­doch sowieso vor, daß er bald nicht mehr mit sei­nen Zuhörern Verstecken zu spielen brauchte. Er ging also schließlich zu offe­nen & gezielt auf die Nase gerichte­ten Salven über, immer im Ein­klang mit seinem zunehmend agitatorischer werdenden Vor­trag, dessen Bestandteile nun deutlich einer Leninre­de aus Ro­lands Antiquariat nachemp­funden waren:
–Leidensgenossen! (FFFTT!) Knapp zwei Jahre habe nun der Noten­kampf gewütet. & mit jedem weiteren Monat, mit jedem wei­teren Tage des Kampfes sei es für die Schülermassen immer klarer geworden, daß die Phrasen von der »notwendigen Härte« & dem »Lernen fürs Le­ben« & dergleichen nichts als (FFFTT!) Betrug gewesen wären. Daß es eigentlich nur ein Kampfe der Lehrenden unter sich selbst wäre. Der großen Räuber. Die darüber stritten, welcher von ihnen der Gebildete­re wäre, wer die meisten Stunden abhalten müsse & wie weitere Schü­ler-Generatio­nen unter­jocht werden könnten. Vor zwei Jahren – als es schon klar gewesen sei, daß der Kampf käme – habe ein einziger Junge eine Warnung ertö­nen lassen: Das Moritzsche Manifest. Das stumm aber einstimmig von den Schülerparteien der ganzen Stadt angenom­men worden sei. Es habe diese Wahrheiten offen ausgesprochen. (FFFTT!) Daß näm­lich der Kampf gegen unsere Nächsten, dieses Ein­ander mit Noten an­gehen, das größte Verbrechen darstelle. Daß die Schuld an diesem Kampfe die Direktoren- & die Lehrendenklasse aller Gymnasien trügen. Daß aber die furchtbaren Schrecken des Kampfes & die Empörung der Schüler dagegen zu einer scholaren Revolution mit Notwendigkeit führen müßten. (FFFTT!) Aber er wolle ihnen vorlesen, was der populäre Schülersprecher eines mit ihnen konkurrierenden Gymnasiums, der Ein­ser-Schüler Eugen Debbs schreibe: »Ich bin kei­neswegs strebsamer & folgsamer als ihr. Nein, ich bin ein scholarer Re­volutionär. Ich will nicht zur regulären Armee der Philister gehören, wohl aber zur irregulären Ar­mee der Autodidakten. Auch ich weigere mich, (FFFTT!) in den Kampf zu ziehen bloß für die Interessen der Lehrenden­klasse. Ich bin gegen jeden Kampf außer einem, für diesen stehe ich aber mit meiner ganzen Seele – & das ist der stadtweite Kampf für die scholare Revolution.« So also schreibe ihnen ausgerech­net der Streber & wenn daß nicht wirklich beweise, daß in allen Schu­len der Stadt die Sammlung von Kräften der Schülerklasse sich vorbe­reite... (FFFTT!) Ja, die Schrecknisse & Leiden im Kampfe wären furchtbar. Aber die Schüler dürften nicht mit Verzweiflung in die Zu­kunft schauen. Die Hunderte von Opfern der Klausuren & Prüfungen, sie hätten nicht umsonst gelit­ten. Die Verwiesenen. Die Abspicker & Einsager. Die Strafarbeiter (FFFTT!) Sie alle hätten ja auch Kräfte ge­sammelt. (FFFTT!) Ihren Willen gestählt (FFFTT!) & wären zu immer klarerer re­volutionärer Ein­sicht gekommen. (FFFTT!) Der wachsende Unwille der Masse, die wachsende Gärung (FFFTT! FFFTT!), dies alles gehe auch in anderen Gymna­sien der Stadt vor sich. (FFFTT!) & das gäbe ihnen die Gewähr (FFFTT!), daß irgendwann nach dem Abitur die scholare Revolution gegen die bayerische Gymnasial-Bildung mit Sicherheit komme…
Die Rede steigerte sich schließ­lich bis zu einem fast lautmale­rischen Getöse, das gleichsam ex­pressionistisches Gedicht wie Neue Musik hät­te darstellen können. Es hätte wirk­lich nur noch der Ein­satz der ande­ren Hörner gefehlt, um das Kunstwerk perfekt zu machen.
Seine Wirkung erreichte es auch so. Die Lehrer blieben – ganz die al­ten Preußen – beim Aus­sitzen, immerhin würde man uns bald los sein. Die Eltern hingegen bekamen end­lich Wind von unseren wahren Ge­fühlen: Wir saßen am Ende mit unseren Aus­bildern alleine im Raum, eingenebelt von Schwefel, als wäre der Leibhaftige erschienen.
Die Zeitung titelte: »Synästhetische Abiturrede am Graf-Münster-Gymnasium – Schüler demonstriert, was ihm stinkt.«
Danach hat nie wieder jemand et­was von ihm gehört. So wie er uns erst aufgefallen war, als er seinen Hintern zum Instru­ment erkor, war unser Heiliger Moritz zum Himmel gefahren.

Es ist zurück wie der Terminator. Das Geräusch meine ich. Nun hat es auch einen Ort. Er liegt über mir, hoch oben im Kopf der Ka­thedrale. Lieber Ge­wißheit erlangen oder weiter verharren, bis der Gegner sich zu erkennen gibt?
Mit dem Wissen, daß langes Zö­gern mich lähmt, kratzte ich einen Kiesel aus der Schuhsole & werfe ihn in die Rich­tung.
Dem Aufprall folgen luf­tige Schlä­ge, mit denen eine Taube ih­ren jäh at­tackierten Aufenthalts­ort wechselt...
Manchmal steckt hinter schlimmen Befürch­tungen nur ein für tot er­klärter Demiurg, der aus Überkompensation die Men­schen mit be­müht wir­kenden Tricks in Aufregung zu versetzen versucht. Schaut man dann ge­nauer hin, verpufft der Zauber im Erken­nen seiner Struk­tur…
Aber lehren uns nicht unsere Hor­rorfilm-Erfah­rungen, daß jeder Finte genau dann eine echte Attacke fol­gen muß, wenn das Spiel der Täuschungen durch­schaut & langweilig zu werden be­ginnt?
Immerhin, es erinnert mich an den Likör. Das wärmt. Hätte ich nicht vorhin schon mit einigen be­herzten Schlu­cken dar­aus meine papierene Kehle geschmiert, das Tosen im Bauch weichge­spült, die falschen Gedanken ver­klumpt, so daß sie durch keine Nerven­bahnen mehr paßten, wäre ich viel­leicht gar nicht hier & schon gar nicht vor der Tastatur. Also noch ein­mal nachge­laden.

Man muß etwas für seine Beruhigung tun. Dem Apple-Arbeitsge­rät, dem elektronischen Zettelkasten & Rechenkünstler, der bis­her so treu seinen Dienst leistet, sollte man vielleicht einen ge­bührenden Namen verpassen: Muhammadmusa – so taufe ich dich, Meister des Al-gabr wal-mukab­alah & AND OR NOT. As-salāmu 'alaikum!
Du brauchst nicht zu antworten. Ich weiß, ich bin der Ungläubi­ge, der Besitzer der Schrift. Du darfst mir keinen Frieden zurück­wünschen. Aber du trägst jetzt die Verantwortung: Wärme meine zwei Zeigefinger Fe­der & Schwert, ohne sie kann ich weder be­schleunigen noch bremsen. Meinem Rad mußt du die Zügel hal­ten, damit es nicht ausbricht; es an­schieben, wenn mir die Kraft ausgeht, Muhammadmusa! Sing für mich, wenn ich einzuschlafen drohe, sing Daisy Bell. Vielleicht nehme ich dich dann einmal ein Stück auf dem Gepäckträger mit…

[Muhammad ibn Musa al-Chwarizmi war ein bedeutender Mathemati­ker um 800 n. Chr. Er führte die Ziffer Null (»sifr«) aus dem indischen in das arabische Zahlensystem ein & begrün­dete die Dezimalen. Die la­teinische Fassung seines Rechenbuchs hieß »Dixit algorizmi« (»Al­gorizmi hat gesprochen.«). Gemeinsam mit dem griechischen Wort »arithmos« (für Zahl) leitet sich daraus der »Algorithmus« ab, in der Folge für die Bezeichnung solcher Re­chenbücher verwendet.]

Was geschah im Februar, Muhammadmusa? Rechne dich durch die Alternativen & verrate mir, welche wahrscheinlich wahr ist. Handle dem Photo gemäß, das unseren mittlerweile ins Ge­rede gekom­menen & zu einem Untersuchungsausschuß vor­geladenen Außenminis­ter auf der Weltausstel­lung zeigt, wo uns aus dem Hintergrund vielsa­gend der auf eine Wand projizierte Satz entge­gen leuchtet: »Every man discovers the mystery of his own life.«

Ob das auch in den Hirnen mancher der ein­skommafünf Millio­nen eu­ropäischen Rindviecher im Moment ihrer Keulung kurz aufgeflackert sein mag? Welchen Sinn hat eigentlich das Le­ben eines Zucht-Rindes, das nach sei­nem Ableben nicht mehr als Hack-Fladen zwischen zwei Brötchenhälf­ten verputzt werden kann? Das hat­ten Camus & Sartre wahrscheinlich ge­meint: man muß sie sich trotzdem als glückliche Kühe vor­stellen... Jedenfalls – der Seuche war mittlerweile nur noch mit ei­nem Mas­sentötungsprogramm beizukom­men.
Mutter berichtete in ihrem Schreiben (das wie jeden Mo­nat pünkt­lich eintraf), wie die Schißritzer Bauern nun regel­mäßig unangemeldet mit Spruch­bändern durch die Straßen zo­gen, während in den Fleische­reien die Mas­sen für Hamster­käufe anstanden, aus Angst vor einer Ex­plosion des Fleisch­preises. Nichts ändere sich, schrieb sie, das al­les habe sie so ähnlich schon vor, während & nach dem Krieg er­lebt.

Vater, wie bereits erwähnt nicht so leicht kleinzukriegen, wurde am sie­ben&­zwanzigsten Februar aus dem Kranken­haus entlas­sen, einen Tag bevor die UNO veröffentli­chen lies, daß sie im Jahr zweitausendfünfzig ei­ne Weltbevölke­rung von neun­kommadrei Milli­arden Men­schen er­warte, ge­lobt sei das westli­che Gesundheits­system. Erleich­tert über die Nach­richt wagte er ein Telefonge­spräch:
–Wie es ihm gehe.
–Ach ein Ge­schlecht von Nil­pferden wä­ren sie ja.
–Hörmal. Es tue ihm leid, daß er es nicht mehr ge­schafft habe, ihn noch mal im Krankenhaus –
–Seine Mutter glaube, es gäbe da ei­ne Mädchenge­schichte, unter­brach der Vater, –Warum er das denn verschweige. Sein Junge. Müsse schließlich doch endlich ein­mal in Fahrt kom­men. Et­was be­wegen. Es zu etwas bringen. Ihm & der Mutter ein paar Bambinos schenken. Wie er das schaffen wolle als Selbständiger. Er halte das nicht für beson­ders... –Gut, lenkte er ab, –Sie unter­stützten ihn wo sie könn­ten. Von ihm aus kriege er auch seinen Erbe als Start­kapital vorges­chossen. Aber dies­mal den Arsch zu­sammenkneifen dafür! Sein Junge. Ir­gendwann komme für je­den die Zeit der Konsequenzen...
Vaters Krebstod war unaufhaltsam, ließ sich mit ärztli­cher Hilfe aber noch ein wenig steuern, wie der Ab­sturz der abgeta­kelten russi­schen Raum­station Mir über dem Atlan­tik (Frie­den im Welt­raum...).

Man begann auch wieder von staatli­cher Sterbehilfe & der Erschaffung eines neu­en Menschen zu sprechen, der sich selbst aus dem Katalog der Gene zu­sammenstellt... Ein Gremium, das niemand um sei­ne Meinung gefragt hatte, erklärte die »National befrei­te Zone« zum Unwort des Jahres & der Altkanzl­er verweigerte vor ei­nem anderen, sehr wohl im Mittelpunkt stehenden Gremi­um, zum dritten Mal seine Aus­sage.
Klar, daß Roland da nicht im Traum daran dachte, an diese be­stimmte Sache zu denken.
Die Hauptstadt lag im Karnevalstau­mel, in den selbst die Bagger & Baukräne einfielen – aber auch diesmal verei­telte Köln als Prinzessin des Narren­tums den plum­pen Versuch der einst­mals geteilten Metro­pole, auch noch diesen Titel an sich zu reißen. Nach­dem er an keinem der Anti­fa-Demonstra­tionen zum sechs&­fünfzigs­ten Jahrestag der Auschwitz-Befreiung teil­genommen hatte, sah er jedenfalls keine Schan­de darin, auch die Umzüge & Mas­kenbälle zu meiden.
–Spielverderber! –Langweiler! –Hast wohl keinen Humor! wurde er von Freunden gescholten. Spaßfanatiker! Tütendreher! Oberflä­chen-glattgeschmirgelte! dachte er bei sich.

Er kümmerte sich lieber um seine Ge­schichtsagentur. Wenn er nicht ge­rade in der Bertold-Brecht-Bibliothek im Rathaus Mitte auf einem Korbstuhl saß. Nicht um kostenlos Zeitung zu lesen – für Nachrichten konsultierte er das Netz –, son­dern um sich auf der Suche nach zitier­barem Material durch den kleinen Bestand zu arbeiten. Eine Gewohn­heit, die ihm sein Studium eingebrockt hatte. Da & dort ließ er auch schon mal ein Buch mitgehen, ohne nachher beim Mit­tagessen im Be­triebsrestaurant ein schlechtes Gewissen zu haben.
Irgendwie schaffte er es trotzdem, alle Papiere zur Geschäftsgrün­dung zusammenzubekommen. Schon wollte er die er­sten Behördengän­ge angehen – als ihm aufgrund der Fülle der zusammeng­etragenen Ex­zerpte einfiel: eine Enzyklopädie des nutzlosen Zitats ausarbeiten... ja das wäre doch ein Projekt!
Kurze Zeit später hatte er ein erstes Eintei­lungssystem & für je­de Kategorie ein Beispiel. Er lernte die Liste auswendig, um sie für alle Le­benslagen parat zu haben:

Zitate von Bundespräsidenten: Über der Verän­derung liegt stets ein Hauch von Unbe­greiflichkeit. (Carl Fried­rich von Weiz­säcker). Tierfabelzitate: Der Fuchs wech­selt den Balg, nicht den Charakter. (Sue­ton). Zita­te aus & über Franken: Zuviel Vertrauen ist häufig ei­ne Dumm­heit, zu­viel Miß­trauen im­mer ein Un­glück. (Jean Paul). Zitate mit Selbstzerstörungsautoma­tik: Hamlet heute: Sein, ohne zu sein, oder seiend nicht sein? Keine Frage. (Stanislaw Jerzy Lec). Vernöstlich-esoterische Zi­tate: Wenn du in Eile bist, mache einen Um­weg. (Zen-Buddhis­mus). Sim­pelzitate: Erziehung ist Beispiel & Lie­be (Friedrich Wil­helm August Fröbel). Zitate über Dia­lektik: Diese Welt ist eine Welt zweier Göt­ter. Es ist ei­ne Welt des Auf­baus & des Zerfalls zu­gleich. In der Zeitlichkeit erfolgt diese Auseinander­setzung, & wir sind daran beteiligt. (Alfred Döb­lin). Schillerzita­te: Durch diese hohle Gasse muß er kom­men! (Friedrich Schil­ler). Konterzwillinge: Gott würfelt nicht. (Albert Einstein). Alles spricht dafür, daß Gott ein unverbesser­licher Spieler ist. (Ste­phen W. Hawking). Zi­tate dieser Kategorie: Viel­leicht ist die uni­versale Ge­schichte die Ge­schichte von ein paar Me­taphern. (Jorge Luis Bor­ges). Zitate mit kleinen Flügeln: Der hat die Leh­ren des Lebens nicht begrif­fen, der nicht täglich ei­ne Angst überwindet. (Ralph Waldo Emerson). Etceteraetceter­aetcetera: Do you know not­hing? Do you see not­hing? Do you remem­ber not­hing? (T.S. Eli­ot).

Die Arbeit an der Enzyklopädie half, sich zu vergewissern, daß er nicht mehr liebte. Daß der Geist im Stande war, das Gefühl kaltzuma­chen.
Roland hatte den Zustand schillerscher Erhabenheit erlangt – er stand über dem Drama der Welt. Seinem Neu­jahrsvorsatz kam er des­halb auch nur mit einigen Notizen nach. Es sollte An­fang März wer­den, bis sich ihm wieder ins Bewußtsein drängte, daß er extra frü­her nach Ber­lin zurückgefahren war, um seine Adornotheo­rie an Tho­mas Mann zu überprü­fen, & daß er Oli­ver hätte anrufen sollen.

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