–Gebhard!?
Die Stimme des Freundes kam förmlich aber druckvoll aus dem Hörer. Er hatte Respekt vor diesem perfekt ausbalancierten Klangkörper, der in den Höhen kristallen, den Tiefen fett & den Mitten angenehm zurückhaltend war. Seine Stereoanlage war nicht besser ausgesteuert.
–Iobst.
Seine Stimmbänder waren aus porösem Gummi, die akustischen Schwingungen, die sie erzeugten, dünn, überhaucht, krähenhaft.
Oliver, der den Freund gleich erkannte, wechselte den Tonfall vom Geschäftlichen (Ganztöne in tieferer Lage, Staccato & Fermate, Basso continuo) zum Privaten (Halbtöne in höherer Lage, Legato & Ritardando, Quartsprünge ):
–Ah. Er habe sich schon gefragt, ob es ihm besser ginge.
Olivers guten Manieren waren unerträglich, weil ansteckend. Aber er kannte eine Gegenstrategie.
–Er kenne doch noch ihren Jugendspruch: Roland der Weise & Oliver der Kühne, der ein des andern Sühne, waten gemeinsam durch die Scheiße… Er habe erst jetzt Zeit für den Anruf gefunden. Viel um die Ohren gehabt – die ersten Hürden zur Selbständigkeit genommen, nebenbei noch ein paar Travestien verfaßt. Es laufe alles sehr gut.
Er erzählte ihm von seiner Enzyklopädie, von dem Figureninventar für ein ungeschriebenes Theaterstück & von der okkultistischen Verbindung von Adorno & Mann. Eine kleine Pause trat ein.
–Aber ob er über die Sache mit Carola hinweg sei.
Roland hätte nicht gedacht, daß Oliver sich trauen würde, direkt zu dem Punkt zu kommen, der auch für ihn selbst gefährlich werden könnte. Wahrscheinlich lag darin das Geheimnis seines Erfolgs. Daß es aber auch bedeutete, sich mit der Rücksichtnahme & dem Feingefühl eines außer Kontrolle geratenen Schneepflugs zu verhalten...
–Mit der sei er fertig.
–Wirklich nicht darüber reden?
Aha, er wollte sie beichten, seine kleine Verschwörung mit ihr...
–Nein.
–Sicher?
Oliver verbiß sich in die Angelegenheit mit der Beharrlichkeit eines fiesen Flußkrebs.
–Ja-a!
–Warum dann der Anruf?
–Naja, er habe halt sein Versprechen halten wollen, reagierte Roland überrascht auf die Frage.
–Na dann (Ganztöne in tieferer Lage, Staccato & Fermate, Basso continuo): Er sei sehr beschäftigt. Wenn er etwas mehr Zeit habe, könnten sie sich ja mal wieder...
Oliver, Oliver Gebhard wollte ihn hängen lassen, schon wieder...
–Ja? Mal wieder ein Videoabend? fragte Oliver auf Rolands Schweigen hin trocken nach. –Aber bitte nicht schon wieder Star Trek.
–Er habe Star Trek doch immer gemocht...
Schnaufen am anderen Ende der Leitung.
–Er möge Star Trek: Next Generation, aber nicht Spock & Kirk vor Pappmaché-Felsen. & Außerdem: bei den meisten von Rolands Interessen, da könne er halt einfach nicht mehr mitreden.
So hatte Oliver noch nie losgelegt!
–Wie es denn so im Ministerium laufe? versuchte Roland, sich nichts anmerken zu lassen.
–Abgesehen von MKS gerade die heiße Phase im Wahlkampf wegen der anstehenden Neuwahlen. Außerdem wären die Briten sehr interessiert, wie viele Steine genau der deutsche Außenminister damals nun eigentlich geworfen habe & wie lange er sich noch im Amt halten könne.
–& das Therapeutische Klonen?
–Zweihundertzwölf gegen zwei&neunzig Stimmen. Klar, daß die das durchwinken würden.
–Etwas Neues an der Beziehungsfront?
Roland biß sich auf die Lippen. In seinem Eifer, die unverfänglichen Fragen am Laufen zu halten, hatte er das falsche Stichwort geliefert.
–Naja..., kam es plötzlich merkwürdig privat zurück.
–Nicht einmal eine kleine Praktikantin? blieb Roland beim Thema, um Oliver nicht erst Recht auf die gute Gelegenheit zu stoßen.
–Käme gar nicht in Frage! Er sei nämlich... bisexuell & habe endlich angefangen, auch die anderen fünfzig Prozent auszuprobieren.
Einmalig – keinerlei Vibrato in Olivers Stimme noch beim kindischsten Scherz. Eigentlich hatte er mit etwas anderem gerechnet, so einer Art Offenbarung, daß er auch etwas von Carola...
–Deshalb also habe er ihm – im Jungenklo, vor dem Pissoir – immer auf die Hose gestarrt, versuchte Roland den Spaß aufzunehmen.
–Er meine es ernst, (& Olivers Ton unterstrich das), –Zudem müsse er noch gestehen, daß er Crossdresser sei. Kurz: er habe Spaß daran, sich in Frauenkleidern vorm Spiegel zu sehen – aber nur heimlich.
Kamerafahrt nach vorne, auf Rolands verknotete Gehirnzellen, bei gleichzeitigem Zoom rückwärts. Traumbilder: Oliver als Ballerina, federleicht vor einem Spiegel herumhüpfend, Schamhaare auf der Brust.
–Er wolle eine Frau sein? Seit wann?
–Kein Transsexueller – Crossdresser! Das sei er schon seit der siebten Klasse. Wirklich mit Männern tue er es aber erst seit kurzem.
Fall eine Wendeltreppe hinab, das Zimmer mit der ausgestopften Mutter hinter sich lassend, in einen Swimmingpool voller Perücken. Die vier apokalyptischen Reiter werfen mit Parfümflakons.
–Das sei ekelhaft.
Roland konnte es auch: Ganztöne in tieferer Lage, Staccato & Fermate, Basso continuo.
–Er werde sein bester Freund bleiben...
–Schon bei einem Arzt gewesen?
Roland machte soeben eine außerordentliche Erfahrung – er gewann Oberhand. Er war wütend & enttäuscht & das mit jedem Recht der Welt & erhielt hier gerade eine gute Gelegenheit.
–Er werde gemein, kam es bitter von Oliver.
–Wer denn damit angefangen habe...
–Er solle aufhören.
–Schließlich hätte er wohl –
–Er solle aufhören.
–Ein Recht darauf gehabt, es als erster zu erfahren!
Roland, beflügelt von seinem Triumph, war immer lauter geworden.
–Er habe doch erst jetzt den Mut aufgebracht, es sich selbst einzugestehen, klang Oliver angeschlagen, –Wie er es da jemand Anderem –
–Er habe also all die Jahre geschwindelt.
Pause. & dann wurde plötzlich auch Oliver laut:
–Jetzt solle er einmal die Luft anhalten. Manches Jahr & manchen Tag hätten sie gemeinsam verbracht & dabei immer des anderen Meinung nicht nur toleriert, sondern sogar zu Wissen gefordert, um sich gegenseitig auf Kurs zu halten; aber diese Zeit sei lange schon vorüber, ihre Bahnen verliefen heute nicht mehr parallel... Das sei Niemandes Schuld, jedoch eine traurige Tatsache. Nun gut, er hätte nicht immer jede Meinung geäußert – aber er habe dabei nur Rücksicht auf Rolands Gefühle nehmen wollen. Nun aber, nachdem er mit sich selbst reinen Tisch gemacht & Roland noch einmal bewiesen habe, wie weit er sich mittlerweile entfernt habe, könne er es ja tun: Weder was Zeitpunkt, Ort & Art seiner Liebesoffenbarung, noch was das Objekt seiner Begierde betreffe – seine Esclarmonde, wie er sie so lächerlich rufe –, habe Oliver ein glückliches Händchen gehabt. Er habe ja nie auf ihn hören wollen – was sich nun als doppelt töricht erweise, da Metrosexuelle bekanntlich Fachmänner in solchen Angelegenheiten seien... Eine andere Schlacht, wenn man sich früh auf sie konzentriert hätte, hätte man bestimmt clever geschlagen, die mit Carola aber sei von vorne herein & bis heute zum Scheitern verurteilt gewesen! Davon habe er sich persönlich überzeugt, als sie ihn letztes Silvester überraschend ansprach & er ihr, um dem Drama endlich ein Ende zu machen, alles erzählte. Ja, er habe ihn verpfiffen, aber aus guter Absicht & sie habe nur merkwürdig geschaut, als habe sie es immer schon gewußt & sei schließlich davongerauscht. Diesen hartnäckigen Teufel habe Roland selber gerufen. Hätte er wenigstens einmal ein Vorhaben konsequent umgesetzt – das Tagebuchschreiben zum Beispiel – es hätte ihm sicher früher zu der Erkenntnis seines vergeblichen Strebens verholfen; Schmach über den Säumigen... Stattdessen sei er ein Fliehender, ins Reich der Grimms & Humboldts & wie sie alle hießen; gewiß niemand, der zu Selbstdistanz Ironie Satire fähig wäre. Ein Eskapist & Hermetiker vor dem Herrn. Er sollte doch einmal persönlich ins Land seiner Katharer-Freunde reisen & sehen, was von ihnen noch übrig sei, die Gottes Werk für verpfuscht gehalten & sich damit selbst einen ganz feinen Freibrief ausgestellt hätten... Nicht nur, daß Rolands Leben neben der Spur verlaufe & er nicht den Mumm aufbringe, ins Lenkrad zu greifen; er besäße auch noch die Dreistigkeit, diejenigen zu beleidigen, die ihm die Hand reichten... Damit werde ein schweres Scheiden nötig, nähme ihre jahrelange Waffenbrüderschaft wohl oder übel ein Ende. Er werde sich also von Roland zurückziehen, der sich erst wieder melden solle, wenn er bereit sei, Hilfe anzunehmen.
Aufgelegt.
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