popp-ART

popp heißt das pop-paradox leben
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jan-apr.doc (7)

–Gebhard!?
Die Stimme des Freundes kam förmlich aber druck­voll aus dem Hö­rer. Er hatte Respekt vor diesem perfekt ausbalancier­ten Klangkör­per, der in den Höhen kristallen, den Tiefen fett & den Mitten angenehm zu­rückhaltend war. Sei­ne Stereo­anlage war nicht besser ausgesteuert.
–Iobst.
Seine Stimmbänder waren aus porösem Gummi, die akusti­schen Schwingungen, die sie erzeugten, dünn, über­haucht, krä­henhaft.
Oli­ver, der den Freund gleich erkann­te, wechselte den Tonfall vom Ge­schäftlichen (Ganz­töne in tieferer Lage, Staccato & Fermate, Basso continuo) zum Privaten (Halbtöne in höherer Lage, Legato & Ritar­dando, Quart­sprünge ):
–Ah. Er habe sich schon gefragt, ob es ihm besser gin­ge.
Olivers guten Manieren waren unerträglich, weil ansteckend. Aber er kannte eine Gegenstra­tegie.
–Er kenne doch noch ihren Jugendspruch: Roland der Weise & Oli­ver der Kühne, der ein des andern Süh­ne, waten gemeinsam durch die Scheiße… Er habe erst jetzt Zeit für den Anruf gefunden. Viel um die Ohren gehabt – die ersten Hür­den zur Selb­ständigkeit ge­nommen, ne­benbei noch ein paar Travestien ver­faßt. Es laufe alles sehr gut.
Er erzählte ihm von seiner Enzyklopädie, von dem Figu­reninventar für ein ungeschriebenes Theaterstück & von der ok­kultistischen Ver­bindung von Adorno & Mann. Eine kleine Pau­se trat ein.
–Aber ob er über die Sache mit Carola hin­weg sei.
Roland hätte nicht gedacht, daß Oliver sich trauen würde, direkt zu dem Punkt zu kommen, der auch für ihn selbst gefährlich werden könnte. Wahr­scheinlich lag darin das Geheimnis seines Er­folgs. Daß es aber auch bedeu­tete, sich mit der Rück­sichtnahme & dem Feingefühl eines außer Kontrolle ge­ratenen Schnee­pflugs zu verhalten...
–Mit der sei er fertig.
–Wirklich nicht darüber reden?
Aha, er wollte sie beichten, seine kleine Verschwörung mit ihr...
–Nein.
–Sicher?
Oliver verbiß sich in die Angelegenheit mit der Beharrlichkeit eines fiesen Flußkrebs.
–Ja-a!
–Warum dann der Anruf?
–Naja, er habe halt sein Versprechen halten wollen, reagierte Roland überrascht auf die Frage.
–Na dann (Ganztöne in tieferer Lage, Staccato & Fermat­e, Basso continuo): Er sei sehr beschäftigt. Wenn er et­was mehr Zeit habe, könnten sie sich ja mal wieder...
Oliver, Oli­ver Geb­hard wollte ihn hängen lassen, schon wieder...
–Ja? Mal wieder ein Videoabend? fragte Oliver auf Rolands Schwei­gen hin trocken nach. –Aber bitte nicht schon wieder Star Trek.
–Er habe Star Trek doch immer gemocht...
Schnaufen am anderen Ende der Leitung.
–Er möge Star Trek: Next Generation, aber nicht Spock & Kirk vor Pappmaché-Felsen. & Außerdem: bei den meisten von Ro­lands Interes­sen, da kön­ne er halt einfach nicht mehr mitreden.
So hatte Oliver noch nie losgelegt!
–Wie es denn so im Ministerium laufe? versuchte Roland, sich nichts anmerken zu lassen.
–Abgesehen von MKS gera­de die heiße Phase im Wahlkampf wegen der anstehenden Neuwahlen. Außerdem wä­ren die Briten sehr interes­siert, wie­ viele Stei­ne genau der deutsche Außen­minister damals nun ei­gentlich geworfen habe & wie lange er sich noch im Amt halten könne.
–& das Therapeuti­sche Klonen?
–Zweihundertzwölf gegen zwei&neunzig Stimmen. Klar, daß die das durchwinken würden.
–Etwas Neues an der Beziehungs­front?
Roland biß sich auf die Lippen. In seinem Eifer, die unverfänglichen Fragen am Laufen zu halten, hatte er das falsche Stichwort geliefert.
–Naja..., kam es plötzlich merkwürdig privat zurück.
–Nicht einmal eine kleine Praktikantin? blieb Roland beim Thema, um Oliver nicht erst Recht auf die gute Gelegenheit zu stoßen.
–Käme gar nicht in Frage! Er sei nämlich... bisexuell & habe end­lich ange­fangen, auch die anderen fünfzig Prozent auszuprobie­ren.
Einmalig – keinerlei Vibrato in Olivers Stimme noch beim kin­dischsten Scherz. Eigentlich hatte er mit etwas anderem gerechnet, so einer Art Offenbarung, daß er auch etwas von Carola...
–Deshalb also habe er ihm – im Jungenklo, vor dem Pissoir – im­mer auf die Hose gestarrt, versuchte Roland den Spaß aufzunehmen.
–Er meine es ernst, (& Olivers Ton unterstrich das), –Zudem müsse er noch gestehen, daß er Crossdresser sei. Kurz: er habe Spaß daran, sich in Frauenkleidern vorm Spiegel zu sehen – aber nur heimlich.
Kamerafahrt nach vorne, auf Rolands verknotete Gehirnzell­en, bei gleichzeitigem Zoom rückwärts. Traumbilder: Oliver als Balleri­na, fe­derleicht vor einem Spie­gel herumhüpfend, Schamhaare auf der Brust.
–Er wolle eine Frau sein? Seit wann?
–Kein Transsexueller – Crossdresser! Das sei er schon seit der sieb­ten Klasse. Wirklich mit Männern tue er es aber erst seit kurzem.
Fall eine Wendeltrep­pe hin­ab, das Zimmer mit der ausgestopften Mutter hinter sich lassend, in einen Swimmingpool voller Perücken. Die vier apokalypti­schen Reiter werfen mit Parfüm­flakons.
–Das sei ekelhaft.
Roland konnte es auch: Ganztöne in tieferer Lage, Stac­cato & Fer­mate, Basso continuo.
–Er werde sein bester Freund bleiben...
–Schon bei einem Arzt gewesen?
Roland machte soeben eine außerordentliche Erfahrung – er ge­wann Oberhand. Er war wütend & ent­täuscht & das mit jedem Recht der Welt & erhielt hier ge­rade eine gute Ge­legenheit.
–Er werde gemein, kam es bitter von Oliver.
–Wer denn damit angefangen habe...
–Er solle aufhören.
–Schließlich hätte er wohl –
–Er solle aufhören.
–Ein Recht darauf gehabt, es als erster zu erfah­ren!
Roland, beflügelt von seinem Triumph, war immer lau­ter ge­worden.
–Er habe doch erst jetzt den Mut aufgebracht, es sich selbst einzuge­stehen, klang Oliver angeschlagen, –Wie er es da jemand Ande­rem –
–Er habe also all die Jahre geschwin­delt.
Pause. & dann wurde plötzlich auch Oliver laut:
–Jetzt solle er einmal die Luft anhalten. Man­ches Jahr & man­chen Tag hätten sie gemeinsam verbracht & dabei immer des anderen Mei­nung nicht nur toleriert, sondern sogar zu Wis­sen ge­fordert, um sich gegenseitig auf Kurs zu halten; aber diese Zeit sei lange schon vor­über, ihre Bahnen verliefen heute nicht mehr parallel... Das sei Nie­mandes Schuld, jedoch eine traurige Tatsache. Nun gut, er hätte nicht immer jede Meinung geäußert – aber er habe dabei nur Rücksicht auf Rolands Gefühle nehmen wol­len. Nun aber, nach­dem er mit sich selbst reinen Tisch gemacht & Ro­land noch einmal be­wiesen habe, wie weit er sich mittlerweile entfernt habe, könne er es ja tun: Weder was Zeitpunkt, Ort & Art sei­ner Liebesoffenba­rung, noch was das Objekt seiner Be­gierde betreffe – seine Esclarmon­de, wie er sie so lächerlich rufe –, habe Oliver ein glückliches Händ­chen gehabt. Er habe ja nie auf ihn hören wollen – was sich nun als dop­pelt töricht er­weise, da Metrosexu­elle bekanntlich Fachmänn­er in solchen Angeleg­enheiten seien... Eine andere Schlacht, wenn man sich früh auf sie konzentriert hätte, hätte man bestimmt clever ge­schlagen, die mit Carola aber sei von vorne her­ein & bis heute zum Scheitern verurteilt gewe­sen! Da­von habe er sich persönlich überzeugt, als sie ihn letztes Silvester über­raschend an­sprach & er ihr, um dem Drama endlich ein Ende zu machen, alles er­zählte. Ja, er habe ihn verpfiffen, aber aus gu­ter Ab­sicht & sie habe nur merkwürdig geschaut, als habe sie es immer schon gewußt & sei schließlich davongerauscht. Diesen hartnäckigen Teufel habe Roland selber ge­rufen. Hätte er wenigstens einmal ein Vorha­ben konse­quent um­gesetzt – das Tagebuchschreiben zum Beispiel – es hätte ihm sicher frü­her zu der Er­kenntnis seines ver­geblichen Strebens verhol­fen; Schmach über den Säumi­gen... Stattdes­sen sei er ein Fliehen­der, ins Reich der Grimms & Hum­boldts & wie sie alle hießen; ge­wiß nie­mand, der zu Selbst­distanz Iro­nie Sati­re fähig wäre. Ein Eskapist & Hermetiker vor dem Herrn. Er sollte doch ein­mal persön­lich ins Land sei­ner Ka­tharer-F­reunde rei­sen & sehen, was von ih­nen noch üb­rig sei, die Got­tes Werk für ver­pfuscht gehalten & sich damit selbst einen ganz feinen Freibrief ausgestellt hät­ten... Nicht nur, daß Ro­lands Le­ben ne­ben der Spur ver­laufe & er nicht den Mumm auf­bringe, ins Lenk­rad zu greifen; er besä­ße auch noch die Dreistig­keit, diejenigen zu be­leidigen, die ihm die Hand reichten... Da­mit wer­de ein schweres Scheiden nö­tig, näh­me ih­re jah­relange Waffen­brüderschaft wohl oder übel ein Ende. Er werde sich also von Ro­land zurückzieh­en, der sich erst wieder melden solle, wenn er bereit sei, Hil­fe anzu­nehmen.
Aufgelegt.

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