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jan-apr.doc (8)

PROJEKT: SPUR DES DOPPELT & DREIFACH (II)

Mann gibt sich wirklich einige Mühe mit dem Versteck. Mir aber springt der Hin­weis sofort ins Auge: Das XXXIV. Kapi­tel be­schreibt Leverkühns Kompo­sition Apokalypsis Cum Fi­guris. Viel­leicht also Zäh­lung der Moralia-Ausga­be doch kor­rekt, die drei­hundertvier&drei­ßig Sei­ten als Hinweis auf das vier&drei­ßigste Kapitel des Faustus zu deuten? Ist nämlich als einziges in der gan­zen Erzäh­lung selbst wieder in drei Teile geglie­dert: XX­XIV, XXXIV (Fortsetzung) & XXXIV (Schluß) – da­mit wäre auch die erste Drei der dreihundertd­vier&­dreißig Moralia-Seiten er­klärt. Ist also Ab­sicht, daß es nicht drei­hundertdrei&reißig sind!
Der Faustus besitzt sieben&sechzig Kapi­tel. Zählt man aber die anderen Teile des vier&­dreißigsten Kapi­tels hinzu, er­gibt das Neun&sech­zig, al­so Drei&­zwanzig mal Drei. Ka­pitel XXXIV (Fortsetzung) be­findet sich nach dieser korri­gierten Zäh­lung ge­nau in der Mitte des Werkes. Aha...!

Sorgfältige Prüfung der knapp dreizehn Seiten ent­hüllt leider doch kein nennenswertes Ergebnis, dafür in­teressante De­tails über den mögli­chen In­halt der Ver­schwörung:
Um die Wirkung der Apokalypsis Cum Fi­guris auf das Gemüt des Erzählers Serenus Zeitblom zu veranschauli­chen, be­schreibt dieser die soziologischen Voraus­sagen, die im Diskussionszir­kel seiner gelehrten Freunde erörtert werden. Sie zitieren Ale­xis de Tocqueville (wir befin­den uns im Jahr Neunzehnhundertneun­zehn), nach dessen Meinung der Französischen Revo­lution zwei gesellschaftliche Ströme ent­sprungen wären: ei­ner »für die Men­schen zu freien Einrichtun­gen«, »der andere zur ab­soluten Macht.« Letz­tere befinde sich nun leider auf dem Sieges­marsch, weil das Prin­zip der Freiheit zu einem logis­chen Kurz­schluß führe: zu ihrer Selbst­behauptung wäre sie nämlich ge­zwungen, die Freiheit ihrer Geg­ner einzu­schränken...
Als nächstes kommt man auf die Prophetie eines anderen Bu­ches, Sorels Réflexions sur la Violence & dessen Theorie zu spre­chen, daß die Ver­sorgung der Massen mit pseudomythologi­schem Firlef­anz (siehe Adornos Thesen!) die Tradition der parla­mentarischen Diskus­sion ablösen werde.
Dann eine eigentümlich viel­deutige Stelle: Der Erzähler wendet ein, daß ge­rade die geistige Enge & Geschlossen­heit der kirchli­chen Leh­ren im Mittelalter, angenommen als un­verrückbar, zu viel zahlrei­cherer & hem­mungsloserer Tätig­keit der menschli­chen Phan­tasie ge­führt habe, als die Individua­lisierung im bür­gerlichen Zeit­alter. Jenes, so prophezeien nun wieder die ande­ren Gelehrt­en, würde unweiger­lich in ei­ne Epoche umfas­sender Kriege & Revo­lutionen münden & die christliche Zivilisa­tion in eine Zeit zu­rückwerfen, die der zwi­schen Mittelalter & dem Zu­sammenbruch der Antike ähneln werde.

Kein rechter Reim darauf zu machen. Ausführungen fü­gen sich nicht in bisher ent­worfenes Schema. Etwas überse­hen?
Hin­weise auf zwei konkurrieren­de Gesell­schaftsentwürfe, Pro­phetie von Intel­lektuellen, Triumph­zug des Willens zur Macht... Nietz­sche der nächste zu konsultie­rende Autor? Nein, das Netz der Be­züge dürfte zeitlich eng­maschiger sein.
Aber: Akribie, mit der in XXXIV (Fortsetzung) ein zentrales Kom­positionselement der Apokalypsis Cum Fi­guris, das Prin­zip der Klangver­tauschung (Vokalisier­ung des Orche­sters, Instrumentali­sierung des Chors) beschrie­ben wird, läßt aufhor­chen. Ver­tauschung (Temurah), ne­ben Notarikon & Ge­matria doch ei­nes jener drei Prinzipien, mit denen die jüdische Kabbala ope­riert, um den wahren Sinn eines Tex­tes aufzuspü­ren…

Eingebung: Durchblättern des Faustus auf der Su­che nach der Beschreibung Leverkühns zweiter großer Kom­position mit drei Worten im Titel, Dr. Fausti Weheklag.

Fündig im Kapitel XLVI! Die dreihundertvier&dreißig Seiten der Moralia spielen nicht nur auf die drei Ab­schnitte des Kapi­tels Vier&dreißig, sondern auch, unter Anwendung des Vertaus­chungsprinzips & Addition der ersten Drei – letz­teres von der Tatsa­che angeregt, daß sich die zwei großen Kompositio­nen Le­verkühns inhaltlich & formal ergänzen – auf das sechs­&vier­zigste Kapitel (Drei&vier­zig plus Drei) des Faustus an. Raf­finiert!
Hier wirklich die nächste Verbindung: Me­lodik des Dr. Fausti Weheklag basier­t auf dem fünftöni­gen Grundmotiv h, e, a, e, es. In der Welt des Ro­mans steht dieses Buchsta­benfolge für »he­taera esmeralda«, jene Hure, die Adrian Lever­kühn in sei­nem ersten Ge­schlechtsakt mit dem Gift des Satans infi­ziert...
Nach Blick ins Litera­turlexikon Bestätigung des Ver­dachts: Die Töne verweisen (erneut aufgrund einer Vertauschung, diesmal der letz­ten zwei Lettern – das Ganze ergänzt um fünf Konso­nanten) auf niemand anderen als

h e RM a NN H es S e!

Kein Wunder – Hesses Glasperlenspiel ist Thomas Mann ja wäh­rend der Nieder­schrift des Faustus zugegangen...
Erinnerung an ein Relikt aus der Pfadfinderzeit. Oliv­er hatte es dort bis zum Holzabzeichen für Gruppenleiter ge­bracht, ich war nach zwei Jahren wegen dramatischen Dauer-Durchfalls auf den Zeltlager-Exkursionen wieder ausgetreten...
Nachspielen der Melodie auf der verstaubten Gitarre, erregt wie lange nicht mehr – darum steht das zweite h für (h)esse nicht in der Tonreihe & das e vor dem es: weil es viel besser klingt...

Verdichtung des Phantastischen, dem ich auf der Spur bin – of­fenbar ein Netz von Bezügen in­nerhalb der Werke deutscher Au­toren, das immer weiter in die Vergangen­heit reicht, um dem Findigen irgendwo dort ein Ge­heimnis zu enthüllen. Nur zwei Möglichkeiten, wie ein sol­ches System zu­stande kam:
1. Jeder der Beteiligten hat zufällig im Werk eines Äl­teren den Hinweis auf das Werk eines Weiter­en entdeckt & anschließend die literarische Stafette nur weitergerei­cht, als er in einem sei­ner Werke den Hin­weis darauf versteckte.
2. Alle beteiligten Autoren waren Initiierte. Der Reihe nach wurden die jüngeren von den äl­teren einge­weiht & dazu ver­pflichtet, in eines ih­rer Wer­ke den nächsten Hinweis einzubau­en. Hesse wurde so zu Manns Lehr­meister & Mann zu Adornos.
Wer von ihnen hatte Kenntnis von dem Geheimnis, das am Grund der Be­züge lag? Alle, wenige, keiner? Offen­bar wollten sie, daß das es entdeckt wird, wozu sonst die Stafette? Wer sollte es letztlich lüften? Wie tief reicht alles zurück – bis in eine »Epoche zwischen Antike & Mittel­alter«? Welche Rolle spielen die zwei Ströme zur »Macht« & zu »freien Einrichtun­gen«? Wie paßt die Mythologie, wie die Pro­phetie hin­ein?
Vor allem: Wer war der erste Autor?

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