popp-ART

popp heißt das pop-paradox leben
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jan-apr.doc (9)

Die Hauptstadt roch wie immer nach Katzenscheiße, als er aus den Tie­fen des Bahnhofs Alexanderplatz ans Tageslicht stieg. Er kam gerade vom Finanzamt & war auf dem Weg zum Rathaus Mitte, um seinen Gewer­beschein ab­zuholen & seinen Förde­rantrag abzuge­ben, als er be­merkte, daß ihm jemand nach­stellte.
Er schlug einen Haken zurück in den Untergrund, als hätte er etwas vergessen, kaufte eine Morgenpost, versuchte im Strom der von U- auf S-Bahn um­steigenden Massen un­terzutauchen. Es half nichts. Er wählte ruhige Nebenwege & kaum bekannte Ab­kürzungen, es än­derte nichts: jemand wandelte in seinem Schat­ten. Es ver­sagte der Mut, sich umzu­drehen, dem Un­bekannten eine Falle zu stellen, um in sein Gesicht se­hen zu können... Im­merhin war er nun neugierig genug, dem Verfolger nicht mehr zu erschweren, auf der Spur zu bleiben. Er wollte ihm nicht ver­raten, daß er seinen Atem im Nacken spürte.
Gelegent­lich schi­en es, als sei der Mann be­reit zum Zugriff, immer dann, wenn Ro­land den Schritt ver­langsamte & Zeichen gab, stehenzu­bleiben. Aber bevor es zur Konfron­tation kam, war Roland be­reits hin­ter die Glastür ei­nes Ge­schäftes ge­schlüpft, als kaufe er et­was.
An der Oberfläche dann, den Alex hinter sich lassend, an der Imbiß-Oase in der Karl-Marx-Allee, ließ er den Anderen heran­kommen. Hier mußte das Versteckspiel enden, denn gleich hin­ter dem Rathaus & dem International lag sei­ne Wohnung.
Er war ein fahrig wirkender Kerl seines Alters. Er erkannt­e ihn nicht gleich, da er anders aussah, als er ihn in Erinne­rung hatte: abgemagert, haarfettig, augenringig.
–Hey Iobst.
Es war Marwin Heggert, ein Freund Olivers, der in Bayreuth stu­diert hatte & sich im Journalismus versuchte. Eine der grauen Eminen­zen bei den Sil­vesterfeierlichkeiten auf Olivers Hof. Er & Heg­gert hat­ten dort in den üblichen Ritualen Fachwissen ge­tauscht.
–Noch immer dem medialen Ruhm der jungen Hauptstadt erlegen?
–Er sei auf Recherche...
–Jaja, wären sie alle... Er sehe übrigens beschissen aus.
Er konnte es nicht leiden, wenn jemand ohne Vorwar­nung in sein Revier eindrang. So jemanden wurde man am schnells­ten mit Ehrlich­keit wieder los. Heggert der Idiot nahm es als Scherz.
–Ma­gengeschichte. Er freue sich schon auf die Spiegelung. Sei wie Fruchtwasserschwim­men. Echt ange­nehm. Ein Be­kannter habe einmal behauptet, wer mit Fünf&­dreißig nicht ein Geschwür vorweisen kön­ne, habe im Leben nichts erreicht & werde auch nicht mehr weit kom­men... Naja Betriebswissenschaftler, hehe. Ar­beite heute bei seinem Va­ter in der Werkstatt… & er? Ro­land. Auch einmal Urlaub nötig was? Raus aus Germanien – nach Süd­frankreich vielleicht? Er empfehle Cap d'Ag­de bei Nar­bonne. Parad­ies für FKK & mehr. Sich mal ordent­lich die Wurst braten lassen. Bil­liger als Mallorca. Hey apro­pos: Ro­land habe si­cher Hunger. Er lade ihn ein. Auf ein paar Wiener?
–Lieber Curry. Was Bayreuth so mache.
Worauf wollte Heggert hinaus?
–Wie der Kanzler hehe… Bayreuth? Nicht viel. Er habe von der Ge­schichte mit Carola gehört. Par­ty-Dauerbren­ner gewissermaß­en.
Zurückhaltung üben. Nur nicht aus der Deckung kommen.
–Aber hey: Die habe sich nach­her ganz schön unbeliebt ge­macht, Ro­land richtig eins rein­würgen wol­len. Sei allen auf die Nerven gegan­gen da­mit. Naja sei dann ja nach hinten losgegangen. Er habe ja auch mal was von der ge­wollt, sich aber gleich einen Korb eingefangen. Zu we­nig Lebens­erfahrung, habe sie ihm gesagt… ziemliches Biest. Die werde es noch weit bringen.
–Was genau er recherchiere.
Warum immer alle so gut über Carola Bescheid zu wissen glaub­ten? Letztes Manöver beim Schiffe Versenken, wenn man selbst heftige Tref­fer eingesteckt hat: den Gegner in ein Gespräch verwi­ckeln, bei dem er vielleicht unabsicht­lich etwas über den Stand­ort der Flotte ver­rät.
–Hey, weil sie gerade von Bayreuth sprächen: Ro­land habe doch eine Zeit lang für die Feuil­letons geschrieben. Er sei ja in den Genuß gekommen den Meininger Ring zu se­hen. Die Pre­miere. Vier Abende hintereinander, sechzehn Stunden zusam­men. Das erste mal seit der Ur­aufführung Wagner pur. Das Orches­ter zwar unterbesetzt & bei den Einsätzen gele­gentlich in Gefolgschaftsverwei­gerung, aber ly­risch schlank. Der Dirig­ent, ein acht&zwanzigjähri­ger Novize, habe nach vier Jahren Probe mal richtig den Pomp im Blech dröhnen lassen, aber da & dort auch falsche Fei­erlichkeit abgespeckt. Man habe so­gar mal etwas vom Text verstanden: echtes Wagner-Belcanto in sauberer Dikti­on! Fast al­le Sänger noch schlankes Frischfleisch. & die Regieein­fälle! Die Rheintöch­ter seien in deut­scher Trikolore erschienen, & auf einem schwarz-rot-golde­nem Laken habe sich auch Mutter Erda geräkelt & später auch Siegmund & Sieglinde nach ihrem Inzest (dieser mit viel nack­tem Fleisch angerichtet...), Fawsolt & Fafner hätten die Schä­del von Wag­ner & Ludwig II. getragen, die Walküren drei­ßig Kerle kopf­über an Flei­scherhaken aufgehängt, Hagens Gesellen Fuß­ball gespielt; als Hinter­grund für Rheingold: Ein Nachbau der weißen Barri­kade, auf der Wagner Achtzehnacht&vierzig seine auf­ständische Gesin­nung de­monstriert hätte... Hey aber das Be­ste – der Wurm habe sein Maul auf­reißen & vor ge­malter Festspiel­hauskulisse ausspeien kön­nen: Winifred Wag­ner, Heß, Göring, Goebbels, Kohl & Schreiber. Was für ein Bra­vo! & das drei Mona­te vor Bayreuth, wo man immer noch um die Lei­tungs-Nach­folge verhandle, die der alte Wagner nicht abgeben will... & das alles in diesem Jahr der Jubiläen: Fünf&zwanzig Jahre Richard-Wagner-Museum. Fünfzig Jahre Neues Bay­reuth. Hundert­fünf&zwanzig Jahre Bayreuther Festspiele... Hey, der Ring werde bis Juli dreimal wie­derholt; das solle er sich nicht entge­hen las­sen. Die Karte koste auch nur hun­dertacht­&zwanzig Mark...
Clever, der Kerl. Wich in weitem Bogen aus & zog eine Mauer aus Feuilleton-Palaver hoch. Blieb nur noch die blinde At­tacke:
–Heggert. Er wisse, weshalb er gekommen sei: We­gen Italien, dem unge­klärten Tod sei­nes Schwiegervaters... Ja, Ro­land habe ein paar Ar­tikel für ihn verfaßt, wenn ge­rade wie­der et­was His­torisches in der Öf­fentlichkeit hoch­gekocht sei & über ein paar Theaterabende. Sei aber nicht dabei gewesen, im Italien-Ur­laub. Roland habe sich ja bei den Kollegen un­beliebt gemacht, wegen der vielen Aufträ­ge & seiner politi­schen Haltung. Der Kontakt sei ja schon davor abgebrochen, der Druck nicht mehr auszuhalten ge­wesen. Da habe sich wohl je­mand ein Nachtreten nicht nehmen las­sen... Wer nun Schwindtels Bergsteiger-Ausrüstung so gefährlich manipuliert habe? Auch Ro­land habe einen Ver­dacht: es habe da eine Frau –
Heggert war fort. Roland lehnte am Imbiß & blick­te mit verkniffe­nem Gesicht in den wolkenverhangenen Him­mel, die Pappschachtel mit gestückelter aber unberührter Curry­wurst in der Hand, darüber et­was Ketchup ge­laufen; um ihn herum das nichtssagende Treiben. Die Men­schen pul­sierten kleinen Blutkörper­chen gleich in den Adern der Stadt, ohne daß ein Stillstand ihres Herzens zu erkennen war.
Heggert. War er das ge­wesen? Heggert der Spinner? Der war doch angeblich beim Erklimmen des Montblanc ums Le­ben gekommen... Wie vor ihm sein Schwiegervater an einem anderen Berg.
Heggert galt als verschollen. Seit fast einem Jahr.

[Ich glaube, ich kann an dieser Stelle ver­raten, daß der angeris­sene Handlungszweig um Rolands Arbeit im Schwindtel-Verlag, womit er sich nach dem Studium ein Zeit über Wasser gehalten hatte, im Fort­gang der Geschich­te keine Rolle mehr spielen wird. Man darf Ro­lands Ausführun­gen hierzu glauben. Ich kannte Heggert & seine Neigun­gen & habe kei­ne Veranlassung an den mir bekann­ten Hinter­gründen seines Ablebens zu zweifeln. Es interessiert hier weniger Heggerts Ge­schichte, als die Rolle, die sie in Ro­lands Ge­schichte einnimmt...]

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