Die Hauptstadt roch wie immer nach Katzenscheiße, als er aus den Tiefen des Bahnhofs Alexanderplatz ans Tageslicht stieg. Er kam gerade vom Finanzamt & war auf dem Weg zum Rathaus Mitte, um seinen Gewerbeschein abzuholen & seinen Förderantrag abzugeben, als er bemerkte, daß ihm jemand nachstellte.
Er schlug einen Haken zurück in den Untergrund, als hätte er etwas vergessen, kaufte eine Morgenpost, versuchte im Strom der von U- auf S-Bahn umsteigenden Massen unterzutauchen. Es half nichts. Er wählte ruhige Nebenwege & kaum bekannte Abkürzungen, es änderte nichts: jemand wandelte in seinem Schatten. Es versagte der Mut, sich umzudrehen, dem Unbekannten eine Falle zu stellen, um in sein Gesicht sehen zu können... Immerhin war er nun neugierig genug, dem Verfolger nicht mehr zu erschweren, auf der Spur zu bleiben. Er wollte ihm nicht verraten, daß er seinen Atem im Nacken spürte.
Gelegentlich schien es, als sei der Mann bereit zum Zugriff, immer dann, wenn Roland den Schritt verlangsamte & Zeichen gab, stehenzubleiben. Aber bevor es zur Konfrontation kam, war Roland bereits hinter die Glastür eines Geschäftes geschlüpft, als kaufe er etwas.
An der Oberfläche dann, den Alex hinter sich lassend, an der Imbiß-Oase in der Karl-Marx-Allee, ließ er den Anderen herankommen. Hier mußte das Versteckspiel enden, denn gleich hinter dem Rathaus & dem International lag seine Wohnung.
Er war ein fahrig wirkender Kerl seines Alters. Er erkannte ihn nicht gleich, da er anders aussah, als er ihn in Erinnerung hatte: abgemagert, haarfettig, augenringig.
–Hey Iobst.
Es war Marwin Heggert, ein Freund Olivers, der in Bayreuth studiert hatte & sich im Journalismus versuchte. Eine der grauen Eminenzen bei den Silvesterfeierlichkeiten auf Olivers Hof. Er & Heggert hatten dort in den üblichen Ritualen Fachwissen getauscht.
–Noch immer dem medialen Ruhm der jungen Hauptstadt erlegen?
–Er sei auf Recherche...
–Jaja, wären sie alle... Er sehe übrigens beschissen aus.
Er konnte es nicht leiden, wenn jemand ohne Vorwarnung in sein Revier eindrang. So jemanden wurde man am schnellsten mit Ehrlichkeit wieder los. Heggert der Idiot nahm es als Scherz.
–Magengeschichte. Er freue sich schon auf die Spiegelung. Sei wie Fruchtwasserschwimmen. Echt angenehm. Ein Bekannter habe einmal behauptet, wer mit Fünf&dreißig nicht ein Geschwür vorweisen könne, habe im Leben nichts erreicht & werde auch nicht mehr weit kommen... Naja Betriebswissenschaftler, hehe. Arbeite heute bei seinem Vater in der Werkstatt… & er? Roland. Auch einmal Urlaub nötig was? Raus aus Germanien – nach Südfrankreich vielleicht? Er empfehle Cap d'Agde bei Narbonne. Paradies für FKK & mehr. Sich mal ordentlich die Wurst braten lassen. Billiger als Mallorca. Hey apropos: Roland habe sicher Hunger. Er lade ihn ein. Auf ein paar Wiener?
–Lieber Curry. Was Bayreuth so mache.
Worauf wollte Heggert hinaus?
–Wie der Kanzler hehe… Bayreuth? Nicht viel. Er habe von der Geschichte mit Carola gehört. Party-Dauerbrenner gewissermaßen.
Zurückhaltung üben. Nur nicht aus der Deckung kommen.
–Aber hey: Die habe sich nachher ganz schön unbeliebt gemacht, Roland richtig eins reinwürgen wollen. Sei allen auf die Nerven gegangen damit. Naja sei dann ja nach hinten losgegangen. Er habe ja auch mal was von der gewollt, sich aber gleich einen Korb eingefangen. Zu wenig Lebenserfahrung, habe sie ihm gesagt… ziemliches Biest. Die werde es noch weit bringen.
–Was genau er recherchiere.
Warum immer alle so gut über Carola Bescheid zu wissen glaubten? Letztes Manöver beim Schiffe Versenken, wenn man selbst heftige Treffer eingesteckt hat: den Gegner in ein Gespräch verwickeln, bei dem er vielleicht unabsichtlich etwas über den Standort der Flotte verrät.
–Hey, weil sie gerade von Bayreuth sprächen: Roland habe doch eine Zeit lang für die Feuilletons geschrieben. Er sei ja in den Genuß gekommen den Meininger Ring zu sehen. Die Premiere. Vier Abende hintereinander, sechzehn Stunden zusammen. Das erste mal seit der Uraufführung Wagner pur. Das Orchester zwar unterbesetzt & bei den Einsätzen gelegentlich in Gefolgschaftsverweigerung, aber lyrisch schlank. Der Dirigent, ein acht&zwanzigjähriger Novize, habe nach vier Jahren Probe mal richtig den Pomp im Blech dröhnen lassen, aber da & dort auch falsche Feierlichkeit abgespeckt. Man habe sogar mal etwas vom Text verstanden: echtes Wagner-Belcanto in sauberer Diktion! Fast alle Sänger noch schlankes Frischfleisch. & die Regieeinfälle! Die Rheintöchter seien in deutscher Trikolore erschienen, & auf einem schwarz-rot-goldenem Laken habe sich auch Mutter Erda geräkelt & später auch Siegmund & Sieglinde nach ihrem Inzest (dieser mit viel nacktem Fleisch angerichtet...), Fawsolt & Fafner hätten die Schädel von Wagner & Ludwig II. getragen, die Walküren dreißig Kerle kopfüber an Fleischerhaken aufgehängt, Hagens Gesellen Fußball gespielt; als Hintergrund für Rheingold: Ein Nachbau der weißen Barrikade, auf der Wagner Achtzehnacht&vierzig seine aufständische Gesinnung demonstriert hätte... Hey aber das Beste – der Wurm habe sein Maul aufreißen & vor gemalter Festspielhauskulisse ausspeien können: Winifred Wagner, Heß, Göring, Goebbels, Kohl & Schreiber. Was für ein Bravo! & das drei Monate vor Bayreuth, wo man immer noch um die Leitungs-Nachfolge verhandle, die der alte Wagner nicht abgeben will... & das alles in diesem Jahr der Jubiläen: Fünf&zwanzig Jahre Richard-Wagner-Museum. Fünfzig Jahre Neues Bayreuth. Hundertfünf&zwanzig Jahre Bayreuther Festspiele... Hey, der Ring werde bis Juli dreimal wiederholt; das solle er sich nicht entgehen lassen. Die Karte koste auch nur hundertacht&zwanzig Mark...
Clever, der Kerl. Wich in weitem Bogen aus & zog eine Mauer aus Feuilleton-Palaver hoch. Blieb nur noch die blinde Attacke:
–Heggert. Er wisse, weshalb er gekommen sei: Wegen Italien, dem ungeklärten Tod seines Schwiegervaters... Ja, Roland habe ein paar Artikel für ihn verfaßt, wenn gerade wieder etwas Historisches in der Öffentlichkeit hochgekocht sei & über ein paar Theaterabende. Sei aber nicht dabei gewesen, im Italien-Urlaub. Roland habe sich ja bei den Kollegen unbeliebt gemacht, wegen der vielen Aufträge & seiner politischen Haltung. Der Kontakt sei ja schon davor abgebrochen, der Druck nicht mehr auszuhalten gewesen. Da habe sich wohl jemand ein Nachtreten nicht nehmen lassen... Wer nun Schwindtels Bergsteiger-Ausrüstung so gefährlich manipuliert habe? Auch Roland habe einen Verdacht: es habe da eine Frau –
Heggert war fort. Roland lehnte am Imbiß & blickte mit verkniffenem Gesicht in den wolkenverhangenen Himmel, die Pappschachtel mit gestückelter aber unberührter Currywurst in der Hand, darüber etwas Ketchup gelaufen; um ihn herum das nichtssagende Treiben. Die Menschen pulsierten kleinen Blutkörperchen gleich in den Adern der Stadt, ohne daß ein Stillstand ihres Herzens zu erkennen war.
Heggert. War er das gewesen? Heggert der Spinner? Der war doch angeblich beim Erklimmen des Montblanc ums Leben gekommen... Wie vor ihm sein Schwiegervater an einem anderen Berg.
Heggert galt als verschollen. Seit fast einem Jahr.
[Ich glaube, ich kann an dieser Stelle verraten, daß der angerissene Handlungszweig um Rolands Arbeit im Schwindtel-Verlag, womit er sich nach dem Studium ein Zeit über Wasser gehalten hatte, im Fortgang der Geschichte keine Rolle mehr spielen wird. Man darf Rolands Ausführungen hierzu glauben. Ich kannte Heggert & seine Neigungen & habe keine Veranlassung an den mir bekannten Hintergründen seines Ablebens zu zweifeln. Es interessiert hier weniger Heggerts Geschichte, als die Rolle, die sie in Rolands Geschichte einnimmt...]
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