popp-ART

popp heißt das pop-paradox leben
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jan-apr.doc (13)

Nach fünf Tagen noch immer im Bett. Die Video­sammlung aufge­schaut, Wetter beständig. Also den Gedanken nachhängen:
Ob Schwarze Löcher vielleicht nur ein geschick­tes Täuschungsmanö­ver der Wissenschaft wären, um zu vertu­schen, daß alle bisherigen Rechnungen & Systeme gran­dios widersprüchlich waren & man in Wirklichkeit noch mehr im Dunkeln tappte als je zuvor? Warum alle großen toten Rock­stars einen Vor­namen mit J hätten: Jimi Hendrix, Jim Mo­risson & Ja­nis Joplin (mit zwei J die Königin des Tri­os); warum sie alle gerade mit sieben&zwanzig (Dreißig minus Drei!) gestorben wären & ob man Ex-Rolling-Stone Brian Jones in diese J-Reihe der To­ten wegen des Nachnamens aufnehmen dürfe? Ob man vor dem Hin­tergrund der Erfahrun­gen mit VHS, MS-DOS, Fast-Food & Privatfern­sehen die Evoluti­onstheorie nicht da­hingehend korri­gieren müßte, daß im­mer das qua­litativ minderwertigste System sich durch­setzte? Ob Bü­cherumschläge wirklich zur Abwehr von Staub erfunden wor­den waren oder um Platz für Werbung auch auf der Innenseit­e des Deckels zu ha­ben & sich teu­ren Direkt­druck auf Stirn– & Rückseite zu spa­ren? Was wäre, wenn alle Menschen, mit de­nen er ein­mal seit frühe­ster Kindheit en­gere Beziehungen ge­pflegt hat­te, plötz­lich vor der Tür stünden & be­haupteten, wie­der die­selbe Rol­le in seinem Leben spielen zu wol­len? Was wohl der Grund da­für sei, daß Roll­treppe & Geländer­laufband ver­schiedene Geschwindigk­eiten ha­ben? Ob nicht –
Ein Schrillen schnitt den letzten Gedanken ab. Die Firmenn­ummer – am Sonntag? Beim dritten Mal schob sich der Anrufbe­antworter in die Leitung. Roland schaltete den Laut­sprecher ein.
»Past&PR. Ihr Service für Ar­chivmanagement, Geschichts-Marketing, Eventrecherche. Leider ist im Moment kein Mitarbeiter ver­fügbar. Hin­terlassen Sie eine Nachricht nach dem Piep. Wir rufen zu­rück.«
Der Piep.
–Ja Hallo. Hier Veitinger. Moritz. Die Abitur-Rede... Das sei ja nun schon recht lan­ge her... Wie es ihm gehe – sie hät­ten sich ja nachher gleich aus den Augen verloren. Nun ja, er werde es kurz ma­chen, es sei be­stimmt nicht viel Platz auf dem Band: Er sei über das Netz an diese Nummer ge­raten & würde gerne Rolands Dienste in An­spruch neh­men. Ob Ro­land nicht Lust habe, dem­nächst nach Süd­frankreich zu verreis­en? Er, Moritz, sei ja mitt­lerweile – Ironie der Ge­schichte – ins Gas­geschäft eingestie­gen. Die Fir­ma ge­höre zu den er­sten am Welt­markt, Ro­land hätte sicher schon darüber ge­lesen. Naja, er habe eben im Moment ein paar zusätzliche Dollars, die er lieber aus dem fallen­den Aktien­markt abziehen & in Immo­bilien transferieren wolle. Es sei­en ihm da einige Objekte an der Küste Nar­bonnes angeboten wor­den: ob Roland diese & die Kontakt­firma für ihn nicht einmal un­ter die Lu­pe nehmen könne? Hinwei­sen anderer Geschäfts­partner zu­folge gäbe es da einen dunk­len Fleck in deren Firmenge­schichte, so daß er gerne mehr darüber wüßte... Das sei doch genau etwas für einen Ex-Journa­listen mit geschichtlicher Neigung wie ihn, oder? Es wür­den alle Kos­ten vor Ort übernommen, Spesen inklusive, ein paar Zusatz-Tage Ur­laub wären auch noch dabei. & wür­de er nachher die Werbet­rommel für sein neues Geschäft rühren! Am besten er pa­cke gleich seine Sieben­sachen, der April sei ja schon beinahe vor­über – bis Ende Juni müs­se die Sache geklärt sein. Al­les weitere wer­de ihm eine Kontaktper­son vor Ort mit­teilen. Nach erfolgreichem Ab­schluß könn­ten sie ja dann ihr Wiederse­hen fei­ern… die Sonnencre­me nicht verges­sen!
Zweiter Piep.
Veiti? Roland, von dem die Krankheit abzufallen schien wie ein satt­gesoffener Blutegel, erinnerte sich, daß es nur noch weni­ge Tage bis zu seinem Geburtstag waren.
Er be­gann seine Sachen zu packen.

Draußen scheint es Morgen zu werden. Der Kontrast zwischen dem Bildschirm­licht Muhammadmusas & der Umgebung ist dort bereits geringer ge­worden, wo die Kirchenfenster eine Schneise fah­ler Aufhellung in den Chor geschnitten haben.
Die letzten Abschnitte habe ich kein einziges Mal meinem Las­ter gefrönt. Die Quel­len meiner Schmerzen scheinen ver­siegt. Das alles ver­danke ich ihr: Esclarmon­de. Carola. Si­bylle.
Dennoch benötige ich eine kleine Rast, bevor vor ich jene letz­ten Ereig­nisse schildere (noch ein Schuß Kirschlikör!)...
Ich knete die Finger, die die nächtliche Kälte & die dauerhaf­te Krümmung verkrampft haben, spreize & balle sie. Oje, schon spü­re ich, wie das Wie­deranfangen schwieriger wird. & bald werden die ersten kommen, um die unfertige Kathe­drale zu besich­tigen.
Eine halbe Stunde nach fünf. Sich noch rasch einen Plan für die Flucht zu­rechtlegen & dann weiter... Am besten sich nachher in ei­nem der Ap­sidenwinkel verstecken & auf die ersten Eindringlin­ge warten, um sich unter die Menge zu mischen.
Los jetzt! – weitermachen!

[Bevor wir zur letzten Szene der ersten Disket­te kommen – da Roland eine genauere Darlegung des südfranzösischen Katharer-Komplexes nicht für nötig hielt – hier zunächst ein kurzer Abriß:
Die Pro­vinz Langue­doc-Roussillon, der Landstrich zwischen Nî­mes & Per­pignan, war einst eine vom französischen König un­abhängige Graf­schaft. Ihre Kultur, die viel mit den König­reichen Aragón & Kasti­lien ge­mein hatte, such­te in der damaligen christlichen Welt ihres­gleichen. Hier stu­dierte man Dichtung, Kunst, Philoso­phie, Grie­chisch, Arabisch & Hebräisch; selbst die Gra­fen von Toulouse & das Haus Trenca­vel war litera­risch ge­bildet zu einer Zeit, da man im Nor­den nicht einmal schrei­ben konn­te. Hier leb­ten die Gu­ten Men­schen, boni christian­i oder bons­hommes wie sie sich selbst, ca­thari, wie sie die Deut­schen (»hos no­stra Germania catharos appellat«), Albi­genser, wie sie die Kirchenleute nannten, nach einer streng aske­tisch-dualis­tischen Auslegung der Bibel.
Aus An­laß eines Atten­tats auf Pierre de Cas­telnau, einem päpstli­chen Lega­ten, der die Häretiker aus Albi zur wah­ren Kir­che bekeh­ren woll­te, wohl aber aus Neid auf die rei­chen Pfrün­de & um sein Prestige neben Fried­rich II. aufzubessern, rief Papst Innozenz III. eintausendzweihun­dertacht zu den Albigenserkreuz­zügen auf­. Vor dem Sturm auf die kleine Stadt Béziers erwider­te der Erzabt von Ci­teaux (der später Erzbischof von Narbonne werden soll­te) die Frage, wie man die Katha­rer von den Ka­tholiken unter­scheiden könne, mit den berühmten Wor­ten: »Tötet sie alle! Gott wir die Seinen erken­nen!« Der fol­gende Feldzug dauerte zwan­zig Jahre & warf das Land in die Stein­zeit zurück.
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