popp-ART

popp heißt das pop-paradox leben
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jan-apr.doc (14)

Erster Mai: Er war also end­lich angekommen. Im Languedoc-Roussil­lon. In Narbonne. Im Herzen des Katharer-Landes.
Er schlenderte die von Platanen zweireihig gesäumte Prome­nade Les Barques am Canal de la Robine entlang, in Rich­tung Palais Arche­vêques. Es war sein Ge­burtstag. In Ge­danken an die Straßenschlachten, die jetzt sicher in der Haupt­stadt zugange waren, ließ er die Handknö­chel knacken. Nachdem der Frühling nicht zu ihm gewandert war, war er ihm entgegen geflogen nach Frankreich.
Eine leichte Bri­se malte mit silberner Farbe un­stete Gänse­hautbilder auf das Wasser des Kanals, strich durch die von weni­gen Zwei– & Vier­beinern frequentier­te Allee, brachte die rot bemalten Later­nen mit den ku­geligen Lampenschirmen zum Zittern & das noch junge Blätterw­erk zum Rauschen. Der Himmel wirkte wie ein in der Bewe­gung erstarrtes Meer, hinter des­sen blaugrü­ner Farbe sich Heimlichkei­ten ver­bargen. Hätten die Gesetze der Schwer­kraft es er­laubt – er hät­te ei­nen Sprung in dieses gewaltige Ge­wässer gewagt.
An den Kais warteten Boote auf freigiebige Tou­risten. Er wäre mit­gefahren, um wenig­stens diesem Wasser nahe zu kom­men, hät­te er nicht be­reits ein kon­kretes Ziel seines Wegs vor Augen ge­habt.
Er war jetzt drei Tage hier & hatte sich we­gen des Ausbleib­ens einer Nachricht schon Sor­gen zu machen be­gonnen (wo er doch sämtliche Kosten hatte auslegen müs­sen...) – da hatte man gestern früh einen Zet­tel für ihn an der Rezeption abgege­ben: »Treffen sie mich um sech­zehn Uhr im Heiligen Herz der Ca­thédrale. Ich trage Lila.«
»Raoul« stand einsam auf dem Namensschild des Mannes, der ihm das Pa­pier ausgehändigt hatte. Ein Mann am Beginn seines letz­ten Le­bensdrittels mit trockener Wildlederhaut, in blau­er Livree & mit einer in lächelnder Zufriedenheit eingebetteten Freundlichkeit, an der am meisten abstieß, daß sie nicht einmal geheuchelt war... Er hatte Roland die letzten Tage bei jeder Ge­legenheit über seine fränki­sche Heimat & die Hauptstadt ausgefragt – & auch jetzt lä­chelte er:
–Hast du Neuigkeiten?
Zum Fünf-Sterne-Merkmal dieses Hotels gehö­rte offenbar auch, daß sein Personal die Gäste duzte.
–Nach was es denn aussehe, einer seltenen Briefmarke?
Roland hatte rasch den Empfangsbereich verlassen, um weiter­e Kommunikationsversuche zu unterbinden, ein Café auf­gesucht & dort das Papier gemustert. Es befand sich we­der eine Un­terschrift noch ein Firmenlogo darauf, der Text war in ele­gant geschwungenen Linien mit einem Füllfe­derhalter geschrieb­en worden.
So­lange die Bezahlung stimmte... konnte sich Moritz als ehe­maliger Schulkame­rad von ihm aus eini­ges mit ihm erlauben. Aber ob er mit al­len seinen Ge­schäftspartnern derart ge­heimnisvoll tat?
Vielleicht hatte er ihm ja zunächst nur die versprochene Zusatz-Er­holung angedeihen lassen wollen, bevor er zur Sache kam. Oder er hat­te ein wenig ge­braucht, um das Hotel ausfindig zu machen, in dem er abge­stiegen war. Was Veiti wohl noch für ihn parat hielt? Der Verbin­dungsmann war eine Frau – Franzö­sin? Er wollte einen guten Ein­druck hinter­lassen, aber Rolands Sprachkennt­nisse waren Schulzeit-Relikte, zu theoretisch für flüssige Konversatio­n...
Er kam an den Ausgrabungen der Via Domi­tia vorbei, ei­nem Ab­schnitt der küstennahen Militär­straße aus der Zeit, als die Stadt Regie­rungssitz der Provinz Gallia Narbonensis & unter dem Namen Narbo Martius regel­mäßig in Auseinander­setzungen mit Aste­rix & Obelix ver­wickelt war. Die Straße war eine der Hauptschlag­adern des römi­schen Rei­ches gewe­sen, deren Verlauf heute die Autobahn nach Spanie­n hin­ab nach­zeichnete. Hier herrschte rege­res Treiben als am Kanal.
Er ließ die Antike hinter sich & navigierte durch eini­ge Fluchten & Nebengebäude des erzbischöflichen Palais. Die auf dem Dach thronen­de Uhr des ins verschachtelte Gebäudeens­emble eingepferchten Hôtel de Ville ließ seinen Schritt be­schleunigen, während er sich sei­nem Ziel näherte: Die schlanken Türm­chen der Kathedra­le rag­ten den Zacken einer Krone gleich hin­auf in die Bläue. Das sich aus der Stadt­mauer langsam heraus­schälende Maß des Chors verstärkte noch den Eindruck einer gi­gantischen stei­nernen Königs­kopfbedeckung, deren Schmuck die ein­gelassenen Fenster mit ihren Spitzbögen & Verzierun­gen bil­dete.
Über den nördlichen Zugang der Sainte-Trinité-Cha­pelle trat er ein, wie immer überrascht von der Küh­le, die die Kirchenstein­e abstrahlten, & dem Echo seiner Schrit­te, das in die Oase der Ruhe mit gleichmäßi­ger Frequenz einfiel. Das Aus­maß des Innenraums mit seinen vierzehn Kapellen über­traf alle Vermu­tungen, die man vom Außen abgeleitet hatte. Getrübt wurde der Blick jedoch von der schmucklosen Mauer, an die das Gewölbe im Westen ans­tieß, wo eigentlich das Kir­chenschiff zum Westwerk führen sollte. Ein dubioser Erlaß der damaligen Stadtvä­ter hatte den Weiterbau verhindert.
Die Zielperson war leicht auszumachen. Zwar hielten sich hier noch eine ganze Reihe anderer Men­schen auf, aber nur wenige lange an ei­nem Fleck. Dort, wo­hin ihn die Nachricht auf dem Zettel führte, zur Apside des Heiligen Petrus mit den Au­bussoner Wandteppi­chen Petrus & Paulus sowie Taufe des Prinzen Djem, Bruder von Bajazet, verweilte eine junge Frau – keine Touristin, sie interessierte sich nicht für die Kunst vor ihrer Nase –, die ein raum­greifendes lila Kleid trug.
Er schlenderte zu ihr, als hätte er es nicht eilig. Ein schwerer Duft wehte ihn an. Sie drehte den Kopf in seine Richtung, wobei die obere Hälfte des Gesichts im Schatten der Apside ver­blieb. Ihre Lippen hatten ein aquarelliges Rot. Die Haare fielen un­gehindert von Span­gen oder Kämmen den Kopf herab auf die Schulter – sie strich sich eine Strähne der ihm zugewandten Sei­te hin­ter das Ohr, den Hals bis zum Be­ginn des Nackenhaar­flaums frei­legend. Dort prang­ten drei Pigmentfehler. Mehr & mehr begann sich etwas in sein Be­wußtsein zu drängen, noch waren die Bilder mit einem Weich­zeichner versehen, aber ge­wannen zuneh­mend an Schärfe, als ihre kecke Nase eine Portion Luft einsog.
–Roland. Roland Iobst?
–Derselbe.
–Ob ihm die Stadt gefalle. Schon ein wenig eingelebt?
–Ob sie denn etwas empfehlen könne...
Sie sprach Deutsch. Die Vokale kamen ge­dehnt & die Kon­sonanten fe­dernd aus ihrem Mund, was dem sonst etwas groben Ger­manisch gut stand. Wie es sich in einem Got­teshaus gehörte, flüster­te sie.
–Ob er schon einen der FKK-Strände aufge­sucht habe.
Die unerwartete Konfrontation mit der deutschen Urlaubswirklich­keit berührte ihn peinlich. Hoffentlich hatte Veiti keine Geschmacklo­sigkeiten über ihn verbrei­tet.
–Das sei nicht so sein Fall.
–Natürlich.
Die Mundwinkel waren geflaggt – kniff sie die Augen zusam­men?
–Gleich zum Zweck ihres Treffens: Eine No­tiz mit allen Informatio­nen befän­de sich be­reits in sei­ner lin­ken Ge­säßtasche. Sie habe so vor­gehen müssen, um auszu­schließen, daß man et­was von ihren Lip­pen ab­lesen könne. Sie stünde unter Beobachtung. Müs­se ihn des­halb auch bit­ten, die Notiz erst in Augenschein zu nehmen, wenn er zu­rück im Ho­tel sei. Dann solle er ein großes Ar­chiv aufsuchen.
Sie drehte den Kopf, als ob sie jeman­den erwarte­te.
–Sie müsse nun gehen. Viel Er­folg.
Schon reichte sie ihm die Hand, als die Kamera scharf stellte: Pflau­men im Herbst – das war der Geruch. Mechanisch streckte er ihr sei­ne feuchte Klaue entgegen.
–Adieu.
–Auf Wiedersehen.
Sie wollte sich zum Gehen wenden, aber er ließ nicht los.
–Wie sie denn heiße. Sie erinnere ihn nämlich an je­manden, fragte Roland für seine Verhältnisse ziemlich direkt.
–Sibylle – & sie würden sich nicht wiedersehen.
Sie hatte einen Schritt Richtung Aus­gang gemacht, heraus aus dem Schattenwinkel der Ap­side, & ihn unverwandt angeschaut. Nun er­gänzte sich alles: Som­mersprossen ums Auge.
Sie machte sich von ihm los & war schon durch den Aus­gang ge­schlüpft, als er eine Entscheidung traf & ihr hin­terher eilte.

Er konnte noch einen Zipfel ihres Kleides erkennen, der um eine Häu­serecke in einiger Entfernung herumwir­belte. Er rief ihr hinterher – aber als er in die Zone verwin­kelter Gäß­chen einbog, lag die schon ver­lassen da. Sich nicht mit Mutma­ßungen über die Wahrscheinlich­keit ih­res Weges aufhal­tend, nahm er die Gerade & mehr Tempo auf. Seit den letz­ten Bundesjugend­spielen waren seine Beine nicht mehr derart im Einsatz gewesen; ein Ste­chen machte sich in den Lungen bemerk­bar, die Luft­röhre ver­engte sich zu einem mit Sandpa­pier ge­fütterten Stroh­halm. Mehrmals nahm er sich vor, ihren Na­men nochmal zu rufen, aber jedesmal raubte ihm sein Schnaufen die Luft; weiterhin keine Spur; Ge­ruch & Stär­ke des Windes ließen den Kanal in der Nähe ver­muten – Letz­te Möglich­keit: Kraf­treserven mo­bilisieren. Aus dem Gas­sengewinkel heraus konnte er bald die Allee am Canal de la Robine ausmachen. Während er noch auf den neuen Horizont zueilte, suchten seine Augen schon jen­seits der Haupt­straße, die parallel zum Kanal ver­lief, durch die Bäu­me der Allee hin­durch den Kai ab: da war sie – lüpf­te den Rock & ent­blößte zwei blasse Un­terschenkel, um ein kleines Boot zu besteig­en, das nicht für Touristen gedacht war! Roland rief nun doch nach der Gejag­ten, aber die Stimmbänder kamen nicht richtig in Schwingung & er war zu weit weg, um durch den Lärm zu ihr zu dringen. Alle Fasern auf das Ziel ausrichtend, gelang es ihm, eine letzte Be­schleunigung aus sich zu ­quetschen – die Umgebung schmolz hin zu einem Hin­tergrundrauschen, ei­ner virtuel­len Land­schaft auf dem Holo-Deck; schließlich schien auch sein Körper sich seines Fleisches entledi­gen zu wollen: die Muskeln streiften ihre Verkrampfungen ab, die Füße wurden Gummi-weich auf dem Asphalt – er verwan­delte sich, alle An­strengung hinter sich lassend, in ein menschli­ches Gefährt, das keine Rücksicht auf die Welt nahm, die ihn umgab.
Aber die vergalt Gleiches mit Glei­chem, für sie war er der nicht Ein­kalkulierte, der Störer der Ordnung. Erst als ein Déjà-vu vom Fliegen & Auf­schlagen ihm Rätsel aufgab & sich dem Schmerz, der jäh durch sei­ne rech­te Hüfte schoß, zwei wei­tere an Kopf & linker Schulter hinzu­gesellten, verstand er: daß er in ein Auto gelau­fen war.

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