Immer der Reihe nach, sortiert nach Dringlichkeit & Erfolgsaussicht. Erstes Ziel: Sibylle wiederzufinden. Nicht mehrere Dinge zugleich angehen – ich könnte sonst alles vorzeitig beenden.
Man suchte also wieder die Nähe der Kathedrale, kühlte sich an ihrem Stein, versteckte sich draußen hinter der Ecke einer Seitengasse & spähte hinaus auf den Vorplatz oder verfolgte den Touristenstrom drinnen aus dem Dunkel einer Apside heraus.
Nichts tat sich. Der Tatort wurde nicht wieder aufgesucht.
Am Kai befragte man die Bootsführer nach einer Frau im lila Kleid, die sich hier vor mehr als einer Woche habe transportieren lassen, man zahle für jede Information: Niemand konnte sich erinnern, wie auch, wahrscheinlich waren Boot & Kapitän Fremde gewesen.
Man war Orpheus, der in die Unterwelt hinabstieg, Pyramus, der Löcher in die Wände bohrte, sie aber war weder Eurydike noch Thisbe, sondern Isis, die Verschleierte. Osiris aber konnte man nicht werden, denn der war ihr Bruder & zum Tode verdammt. Es blieb nur eines übrig: man kannte das Gewinkel der Stadt nun genug, um ihr & den Beschattern Fallen zu stellen:
Einmal lenkte man seinen Weg in eine Sackgasse, die sich an einen gut zu übersehenden Platz anschloß, drückte sich durch die Seitentür des Antiquariats Jadschudsch&Madschudsch, das man einige Tage zuvor durchstöbert hatte, um wieder aus der Vordertür ins Freie zu gelangen & freie Sicht auf den Platz & das tote Ende der Gasse zu haben.
Ein anderes Mal schlenderte man vorgeblich ziellos im Palais des Archevêques herum, durch die Passage de l’Ancre hindurch, schwenkte nach rechts in den älteren Teil der Anlage, den Innenhof des Palais Vieux, vorbei an der Ausgrabungsstätte der drei Vorgängerbauten der Kathedrale, um plötzlich im benachbarten Kreuzgang durch eine Tür in der Westgalerie zu verschwinden, die imaginierten Beschatter zurücklassend, weil sie im dahinter liegenden Park sofort entdeckt wären – was einem die Gelegenheit verschaffte, über den Hauptflügel des Palais Neuf gleich wieder zurück in die Passage zu gelangen & so den Verfolgern überraschend in den Rücken zu fallen.
Ähnlich ging man auch am Kanal & im archäologischen Museum vor... Weder Sibylle noch ihre Beobachter gingen ins Netz. Man wurde in Ruhe gelassen oder an der langen Leine.
Sibylle! Unenthüllte! Ich werde hier ein Gedicht aus meiner Jugendzeit für dich einfügen – das erste Kunststück, das der erwachende Germanistengeist vollbracht hat, nun weihe ich es dir:
SIEBENGESTIRN
vier
das bin
ich furcht
vor dir
drei das bist
du furcht
vor mir
ich
kriege dich &
du kriegst
mich
du kriegst mich
kriege
dich kriegt furcht
furcht
furcht um mir
furcht vor dich
mich & du
dich &
ich
kommutativ
drei vier
vier drei
das ist sieben
sieben posaunen
sieben wunder
sieben himmel
siebengestirn
sieben
das ist
drei vier
ich & du
du & ich
gemeinsam
magisch furchtlos
Roland hatte Oliver auf einem der Pfadfinder-Zeltlager in sein carolinisches Schwärmen eingeweiht. Ihre Gruppe unternahm gerade eine Nachtwanderung durch die Ausläufer des Schißritzer Forsts, mitten durch das unheimliche Stöhnen der Bäume, Knacken der Äste, Rascheln der Blätter... Sie kamen sich mit ihren dreizehn Jahren wie verwegene Jung-Abenteuer aus einem Enid-Blyton-Roman vor.
Roland, den ganzen Tag schon äußerst nervös, ob er wegen der ekelhaften Eintöpfe, kalten Nächte oder unzähligen Taten & Entscheidungen, die plötzlich anstanden wohl das dritte Mal in Folge Durchfall bekommen würde, nahm diesmal nicht am gemeinsamen Wandergesang Nehmt Abschied Brüder teil:
»Nehmt Abschied Brüder, ungewiß ist alle Wiederkehr,
Die Zukunft liegt in Finsternis & macht das Herz uns schwer.
Der Himmel wölbt sich übers Land, ade, auf Wiedersehn!
Wir ruhen all' in Gottes Hand, lebt wohl, auf Wiederseh'n!
Die Sonne sinkt, es steigt die Nacht, vergangen ist der Tag;
Die Welt schläft ein & leis' erwacht der Nachtigallen Schlag.
Der Himmel wölbt sich übers Land, ade, auf Wiedersehn!
Wir ruhen all' in Gottes Hand, lebt wohl, auf Wiederseh'n!«
Er war beschäftigt mit den Ästen, die ihm in der Dunkelheit ständig hart ins Gesicht schlugen & die neue Nylonjacke aufzuschlitzen drohten, & trat immer wieder in kleine Schlammlöcher, die sich nur unter ihm aufzutun schienen. Schnitzeljagd wäre ihm lieber gewesen.
–Ob eine wie Carola, begann er seinem Frust Platz zu machen, –Lust hätte, Wölflein zu werden, wenn man sie fragte?
–Nee, die laufe doch jetzt immer so herausgeputzt herum, & dann die ganzen Schnaken... was er denn von der verzogenen Kuh wolle?
–Nur so, aus rein statistischem Interesse.
–Ja klar, & sein Großvater sei Nazi gewesen – verknallt sei er!
–Nee!
–Doch – Vorsicht! warnte Oliver ihn vor der nächsten Pfütze.
–Naja. Vielleicht... Ob er mal auf ihre Beine geachtet habe?
–Irgendwie giraffig oder?
–Nee, antilopig!
Das waren die Worte, die sie neuerdings zur Bewertung bestimmter Eigenschaften ihrer Schulkameradinnen benutzen. Giraffig war alles, was träge & langsam oder krumm & viel zu lang war, Segelohren besaß... & antilopig war so ziemlich das Gegenteil.
–Sogar affig-giraffig, wenn er ihn frage. Mann, bloß weil er sie immer bei sich abschreiben lasse & sie ihm dafür einmal ein Küsschen auf die Stirn gegeben habe... Die sei Schickeria, Mann, eine Zugezogene, die Eltern hätten in München Franz-Xaver die Eier geleckt...
–Franz-Josef heiße der, außerdem Strauß – Oliver sei wirklich ein politischer Banause... Sie trage Parfüm neuerdings. Was Pflaumiges.
–Also wenn er es unbedingt mit einer Giraffe...
–Scheiße!
Roland war mit dem linken Fuß wieder in einem Schlammloch gelandet... aber diesmal hatte es einfach schmatzend seinen Schuh an sich gesaugt – & sein Fuß war aus ihm geflutscht. Er hatte es erst die Sekunde später bemerkt, in der er bereits barsockig auf dem kalten Waldboden aufgetreten & sofort auf dem nassen Laub ausgerutscht war. Sie befanden sich gerade am Rande eines kleinen Hangs, der zu einem Bach hinabführte, der hier hindurchmäanderte: & Roland kullerte auch gleich hinab – die Ausrüstung in seinem Rucksack stach bei jeder Umdrehung schmerzhaft in die Rippen –, langte endlich bei der Rinne an, schlug sich dort den Kopf an einer Baumwurzel an & blieb mit dem Gesicht nach unten im Wasser liegen.
Das wars, dachte er, ich nehme Abschied Brüder, ciao Luft zum Atmen! Ungewiß ist alle Wiederkehr, das Ende der Erstickung wölbt sich über mich, ade, auf Wiedersehn!
& in einem hellen Licht sah er sich Carola entgegen fliegen, die mit zum Kuß gespitzten Lippen, blank bis auf ein Feigenblatt, dort hinten auf ihn zu warten schien, in zwei&siebzigfacher Ausführung, wie Mohammeds Schrift es versprochen hatte...
Sofort sagte er das dem Propheten gewidmete Pfadfinder-Gebet auf:
»Oh Gott, ich bitte dich um Festigkeit in meinen Vorhaben, um Beständigkeit in meinem Vorsatz; um ein ergebenes Herz, um eine aufrichtige Rede; ich bitte dich um das Gute.«
Jemand packte ihn, drehte ihn auf die Seite & führte ziemlich perfekt die empfohlene & tausendmal eingeübte Erste-Hilfe-Prozedur durch – brach die aber ab, als er bemerkte, daß es völlig unötig war. Oliver.
–Warum er ihn zurückgeholt habe! Lieber jetzt abgetreten, als mit einem Gehirnschaden jahrelang dahinzusiechen..., faselte Roland.
–Mann, als er das Mohammed-Gedicht gemurmelt habe, da habe er echt kurz gedacht, es sei um Roland geschehen... Aber er habe ja nur eine Schramme am Kopf. Keine Zeit also für noch mehr Theater – die anderen hätten nichts mitbekommen, seien weitergezogen, noch könnte man sie zu hören, aber wenn sie nicht bald...
–Ja. Das Gedicht. Carola – zwei&siebzigmal naturelle... & dann hätte Oliver der Allzu-Kühne ihn ja leider –
–Naja, weil Roland doch der Weise sei. Bald stünden Schulaufgaben an, da bräuchte er doch wieder einen zum Abspicken...
–Traue er sich ja gar nicht, entgegnete Roland & raffte sich wieder auf, –Ob er vielleicht seinen Schuh irgendwo gesehen habe?
Den fanden sie in der Finsternis nicht mehr. Roland mußte sich bis zum Lager mit einem Plastikbeutel aus Olivers Rucksack begnügen.
Roland der Weise & Oliver der Kühne, der ein des anderen Sühne, wandern gemeinsam durch die Scheiße...
skandierten sie beide auf dem weiteren Weg durch das dunkle Gehölz, von Eulenaugen & Grillenzirpen begleitet. Wegen des Zwischenfalls war es jetzt sogar Oliver ein bißchen bang.
–Daß er wirklich das Mohammed-Gebet zum Himmel geschickt habe: Roland, der erklärte Satanist..., lachte Oliver kopfschüttelnd darüber hinweg in die Dunkelheit.
–Ja – dann müsse er sich jetzt wohl auch daran halten...
***