popp-ART

popp heißt das pop-paradox leben
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mai-jun.doc (5)

Die Sonne sticht einem die Augen aus & auf der Haut bilden sich Schuppen aus Salz, weil man in der wüsten Einöde steht. Man trägt einen langen Mantel aus Wildleder, man ist der Wild­ledermantelmann, trotz der Hitze. Man erwartet je­manden.
Ein Troß nähert sich. Eine Frau schreitet an der Spitze des Zuges, zwölf Eunuchen tragen die Schleppe. Sie kom­men zum Stehen, Sänften werden herabgelassen, Kisten abgeladen, Esel brechen unter der befrei­ten Last tot zu­sammen, ein Teppich wir­d ausgebreitet & Luft zugefä­chert. Die Frau in einem engen Mieder & einem Gewand aus Goldbro­kat gleitet auf einen zu, die Säume von Edel­steinen & Vogelfedern be­setzt, mit Armbän­dern aus Ebenholz, drei Rubinringen an jeder Hand & spitzen Finger­nägeln; eine schwere Goldkette liegt ihr um den Hals, an dem drei Leberflecke pran­gen – sie fließt ne­ben dem Brokat hinab zu dem Delta aus goldbrauner Haut, das den Eingang der Schlucht zwi­schen den Milchbergen markiert, & endet in ei­nem dia­mantenen Sala­mander, der dazwischen umherzüng­elt; zwei sil­berne Halbmonde zie­ren die Ohrläppchen & zwei gläserne Skorpio­ne dazu, die Haare fallen schwer hinab bis zum Gewölbe der Hüfte & tra­gen Strähnen von Indi­go-Blau; die Beinhaut schimmert blaß & von Lederr­iemen einge­schnürt un­ter dem Gewand hervor, die Füße ste­cken in Sandalen aus Schilf­rohr; sie trägt einen Sonnen­schirm mit goldenen Glöckchen daran: es ist die Königin von Saba.
»Zieh den Mantel aus, damit ich sehen kann, ob darunter ein Mann steckt!« befiehlt eine, die es gewohnt ist. Man ge­horcht.
»Schöner Jüngling – meine Jäger & Spä­her haben lange nach dir ge­sucht. In den Bergen, den Wäldern, auf der Steppe & den Flüssen, in den Städten & Dörfern hielten sie Ausschau nach dir... Ich wurde schon ungeduldig, biß mir die Lippen blutig, zer­kratze meinen Gespie­len den Rücken & sammelte meine Tränen in ei­ner kris­tallenen Schale – endlich fanden sie dich, laß dich berühren!«
Ihre Hände beginnen neugierig über meinen Körper zu glei­ten, sie umstrei­chen die Biegungen, messen die Umfänge, dringen vor in die Winkel, kneten die verhärteten Muskeln an ih­ren Wurzeln. Man läßt es geschehen, hier vor all diesen Leuten, daß sie einem das Leder vom Körper streift; man ist bis zum Rand gefüllt mit kochendem Wasser, das jederzeit überzuschäumen droht, wünscht sich nichts sehnlicher als eine Begegnung mit ihren Lip­pen – als sie sich listig zurückzieht.
»Auch du wirst meinen Körper erforschen dürfen. Für dich werde ich tanzen wie eine Fliege über das Wasser, ich werde dich salben mit Milch & mit Öl, dir die Schuppen aus den Haa­ren lesen & den Schweiß aus den Poren saugen, dir Geschichten aus tausend&einer Nacht einflüstern & das Ge­heimnis meines Schatzkästchens entdecken lassen; für dich habe ich König Salomo verlassen, hier sind ein paar Haare von seinem Bart, ich habe dir Gewürze & Weihrauch von den besten Hängen meines Reiches mitgebracht, in Schnee ge­kühltes Obst & Taubenfleisch, Wein aus Trauben, die ich selber zertrat, Schwerter & Rüstungen & Schilde aus meiner Rüstkammer, Stickerei­en, Tücher, Män­tel & Pelze von der Grenze der Welt, Fe­derkiele Zahnsto­cher Bürsten aus den Knochen, Haaren & Federn längst ausge­storbener Tie­re, ein Buch aus Babylonien mit allen Sprachen der Erde; meine Paläste werden dir Wohnstatt bieten, meine Ma­ler dein Antlitz verewi­gen, meine Knüpfer Wandteppiche aus deinen Umrissen schälen, meine We­ber Decken aus deiner Hautfarbe her­stellen, meine Stein­metze im gan­zen Land dein Profil aus dem Berg hauen; doch das alles ist nichts ver­glichen mit dem, was mein Fleisch bieten kann, denn ich werde alle Frauen sein, die du jemals be­gehrst: die jung­fräuliche Schwester eines Freundes mit knospender Brust, die Erfahrene aus der Nachbarschaft, die dich in die Gesetze der Liebe ein­führt, die sich nach öffentlichem Abenteuer verzehrende Gat­tin deines Erzfeindes, die un­anständige Dir­ne, die keine Grenzen kennt; ich bin nicht ein Weib, ich bin eine Welt, du brauchst nur einen Spann meiner Haut zu sehen, er wird dir unbe­kannte Won­nen be­reiten & unendliche Geheimnisse ent­hüllen, die Vergangen­heit nach deinen Wünschen ge­stalten & die Ge­genwart ge­schehen lassen, wie du es willst.
»& die Gegenleistung?« fragt man mißtrauisch.
»Händige mir das verlorene Buch aus, das du in deinem Man­tel ver­steckst, damit mir endlich auch das Morgen zu Füßen liegt.«
»Keine Ahnung, wovon Sie sprechen. Einen Schluck Likör?«
Man versuchte es mit einen Blick, wie ihn die meisten Hunde un­term Esstisch des Herrchens perfektioniert haben.
»Du willst, was ich dich suchen ließ, nicht gefunden haben? Ich, die Königin von Saba: mich kann man nicht täu­schen. Du mußt bereits im Besitz seiner Macht sein – sonst könntest du mir nicht widerstehen.«
»Hm...«
»Du weißt mich ab? Mich schöne Frau? Erbärmlicher kleiner Ere­mit! Schlagt ihm sein Kostbarstes ab, daß er sich ewig an die­sen Au­genblick erinnere!«
Ein bulliger Sklave tritt vor, holt aus mit dem Säbel, die zer­teilte Luft gibt einen Laut von sich wie zerspringendes Glas...

Da man nun schon so viel Zeit in der Médiathèque ver­brachte, wollte man die Gelegenheit nutzen, sich auch in katharische Se­kundärliteratur zu versenken. Warum war man sonst hier, wenn sie nicht ein Teil des Mysteriums bildeten?

Die Abhandlungen über die Häretiker aus Albi aus soziologis­cher, archäologischer, geschichtswissenschaftlicher, philosophischer, eso­terischer oder krypotologischer Sicht nah­men kein Ende. Jede neue, bis­her angeblich außer Acht ge­lassene Herangehensweise behaup­tete, die letzten Fragen geklärt zu ha­ben. Dabei erreichten sie nur eine immer stärkere Aufladung des Mythos. Das Phänomen beschäftigte so viele Publizisten & Wis­senschaftler aus aller Herren Länder – & jeder An­satz proji­zierte doch immer nur wieder die ge­heimen Wünsche sei­ner Zeit auf den Gegenstand, ohne den Schleier zu lüften.
Dabei waren es gerade sie gewesen, die vor den Verführung­en der Materie gewarnt hatten:

»Ich mache mir keine Sorgen um mein Fleisch, denn von mir ist nichts in ihm: Es ge­hört den Würmern. Auch der Himmlische Vater hat nichts von sich in meinem Fleisch & will es in seinem Reich nicht haben, denn das Fleisch des Menschen gehört dem, der es gemacht hat, dem Fürsten dieser Welt...«

Die einzigen mit einer einfachen Begründung für das Böse in der Welt – Gott ist nicht daran schuld, denn die Welt ist gar nicht sein Werk, wie schon das Jo­hannes-Evan­gelium weiß:

»Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt.«

Sie leugne­ten die Hölle & das Jüngste Gericht & waren davon über­zeugt, daß am Ende der Zeiten alle Seelen ge­rettet würden.

»Nach dem Ende der Welt wird die ganze sicht­bare Welt ver­nichtet sein. Das nenne ich die Hölle. Aber alle Seelen der Men­schen werden dann im Paradies sein.«

Voller Hoff­nung, keine Runzelköpfe, wie so gern verbreitet, wa­ren sie:

»Selbst die Geistlichen Roms werden das Heil erlangen, wenn auch unter großen Mühen. Im Moment macht das Dunkel des Irrtums sie blind, aber eines Tages werden auch sie zur Ein­sicht kommen & sich bekehren.«

Sympathisch, Arni, oder nicht?

Bald glaubte man, daß die Entschlüsselung des Codes mit den Mitteln der Bibliothek, dieser Bibliothek jedenfalls, nicht zu leis­ten war. Wie­der einmal wurde Schluß gemacht.

Lieber be­gann man, angeregt von der Lektüre, die Wirkstätten der Ket­zer auf­zusuchen, nicht ohne die heimliche Hoffnung, daß dadurch ganz automatisch der Pfropfen sich lösen könnte, der der Fla­sche mit dem Geist der Erkenntnis aufsaß:
Ganz in der Nähe von Narbonne die Abbaye de Frontfro­ide, ein Zis­ternzienserkloster, & die Stadt Béziers, der Ort des ersten Massa­kers; nachher die berühmte Cité von Car­cassonne, heraus­geputzt als ein pit­toreskes Mittelalter–Dis­neyland, & das in der Nähe gelegene Chateux von Lastours sowie einige Grotten & Höhlen, in die sich die Ketzer ge­flüchtet hatten; noch einmal später dann die Burgen & Rui­nen Quéri­bus, das trutzige Adler­nest, das als allerletztes fiel; das ehe­mals sechse­ckige D’Augilar; Puilaurens mit den zinnenbekrönten Mau­ern & dem quadrati­schen Donjon; Villerouge–Termenes mit den vier runden Tür­men; das ge­waltige & kaum zerstörte Peyrepertuse, ver­schmolzen mit dem hellgrauen Kalksteinkamm; die wenigen Überreste von D’Arques & Termes & natürlich die Stadt Foix & die En­klave Montségur.
Aber auch als man oben auf dem Gipfel zwischen den rau­hen Stein­stümpfen des katharischen Nabels, den Überres­ten einer gan­zen Kultur stand, der Wind sich summend & kühl unter die Kleidung schob, unter einem das Dorf & die Ebene, wo die Scheiterhaufen gelo­dert hatten & heute noch ein Gedenkstein die Stelle markierte, den Blick hinüber ge­wandt zu den Schatten der Pyrenäen, über die ein paar Bäume lose ge­streut waren wie Broccoli, blieb die Er­leuchtung aus.

Man kapitulierte. Man wollte weg. Man war im Land seiner Träume, aber es gab sein Geheimnis nicht preis. Fremd­artigste & kostbarste Ge­wächse lockten mit ihren Düften – ging man aber näher heran, ver­schlossen sie ihre Kelche & Blätter. Wenn man doch Oliver an seiner Seite wüß­te, den perfekten Pfadfinder, allein konnte man das Rätsel nicht lösen. Man wollte flie­gen, jetzt gleich, zu­rück in die Hauptstadt; allem entkommen, bevor man in eine Sache geriet, die man nachher nicht kon­trollieren konnte.
Man diskutierte mit Raoul, der nicht bereit war, ein Aufge­ben zuzu­lassen, rief schließlich selbst am Aéroport Mont­pellier an, um das nächste erreichbare Flugzeug zu bu­chen.
Die Welt war ganz & gar gegen einen. Die Piloten streik­ten, alle Flüge storniert, man müsse sich mindestens einen Tag lang gedulden.

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