Man hing mal wieder bei Raoul an der Bar, betrank sich wie schon lange nicht mehr. Die Zunge flatterte einem, man schüttete endlich sein Herz aus wie einen Sack Hirse, verwandelte sich in einen Niagara aus Worten, kam sich vor wie der wahnsinnige Schriftsteller aus Shining, der immer die gleichen Buchstaben in seine Maschine hackt & sich beim Barkeeper Rat für den Mord an seiner Familie holt: Man kam nicht weiter – nutzloses Kopfzerbrechen & unzulängliche Fusselwörter... Man salutierte vor dem Problem & wollte desertieren.
–Da könne er helfen.
Nuschelte Raoul strahlend & goß einem nach.
–Da hülfen auch keine Inhaltsverzeichnisse mehr.
–Er habe sich doch vor einigen Jahren bei einem Zen-Meister in Lehre begeben… Suche man nicht nach Satori?
–Salieri?
–Satori – Erwachen, Erleuchtung.
–Das täten alle.
–Stünde man etwa nicht vor einer Situation, die der Verstand nicht fassen & folglich nicht lösen könne?
–Schau an. Jetzt Philosophie…
–Oui. Da läge der Hund begraben. In der Anschauung. Die Suche nach Erleuchtung sei ein steiniger Weg, selbst für den Weisen. Denn dazu müßte man erst einmal lernen, das Auseinanderdividieren der Welt in Kategorien zu meiden.
–Das Denken bekämpfen? Was man denn gerade tue. Noch einen Likör bitte!
–Nicht das Denken, goß Raoul nach, schützte aber das Glas vor dem Zugriff.
–Die Logik! Scheiß Aristoteles. Gib schon her!
–Man müsse noch tiefer gehen – die Wahrnehmung steuern lernen, denn sie sei ihrer Natur nach eine Aufspaltung der Welt in Kategorien: Wann immer man ein Objekt wahrnehme, mache man einen Strich zwischen ihm & der Welt. Wie aber könne man auf diese Weise das Objekt respektieren, wenn man doch selbst ein Teil dieser Welt sei?
Man dachte darüber nach, während er einen dafür an das Glas ließ.
–Indem man einfach zwischen sich & der Welt auch einen Strich zöge. Oder ganz viele... Löcher! Mit einer großkalibrigen Schrotflinte.
Die rötliche Flüssigkeit ging in einem Zug runter.
–Dann wäre das Objekt eben Teil jener Welt, an der man selber keinen Anteil mehr hätte. Es gäbe nur die eine Seite oder die andere. Nur Sowohl-als-Auch gegen Entweder-Oder. Man dürfe nicht trennen, was nur zusammen wahrgenommen & gedacht werden könne.
–Man solle auf die Wörter verzichten, weil sie, indem sie benannten, die Objekte vom Menschen trennten?
Zu welcher Erkenntnis der sanctus spiritus einem manchmal verhalf.
–Ein erster Schritt sei zunächst einmal zu erkennen, daß nichts mit & nichts ohne Wörter ausgedrückt werden könne. Sein Lehrer Shumon habe einmal seinen kurzen Stock hochgehalten & folgenden Kôan erzählt: »Wenn du das einen kurzen Stock nennst, so befindest du dich im Widerspruch mit seiner Wirklichkeit. Wenn du das nicht einen kurzen Stock nennst, so ignorierst du die Tatsache. Es geht nicht mit & nicht ohne. Wie willst du es also nennen? – Sag schnell was es ist.«
–Ein Dilemma. Man will weg & doch bleiben. Heisenbergsche Unschärferelation: entweder man weiß, wo Sie sich befindet, oder wie schnell Sie verschwindet – aber nicht beides zugleich.
–Ein Paradoxon. Oui. Das zu erkennen sei der zweite Schritt. Bon.
–& der dritte?
–Kenne nur derjenige, der ihn gemacht habe. Vorher aber müsse man sich über Jahrzehnte einem dem Wort verbundenen Gebiet ausgiebig & ausschließlich widmen. Etwa das Wesen der Kalligraphie zu ergründen. Nur dann habe man Aussicht, jemals dorthin zu gelangen.
–& selbst dann könnte man nicht von dem Schritt berichten – dafür müßte man ja Worte gebrauchen...
Raoul nickte & nuschelte feuchtgolden grinsend:
–Auch der Erleuchtete müsse akzeptieren, daß es eine unüberschreitbare Grenze gäbe. Nur der indische Königssohn & Mönchsgelehrte Bodhidharma, der den Chan-Buddhismus in China einführte, der Urvater des japanischen Zen, habe die Fähigkeit besessen, solange auf eine Wand zu starren, die ihm im Weg stand, bis sich eine Lösung aufgetan habe: Nachdem er neun Jahre vor der Mauer im Zazen (der Kontemplation im Lotossitz) verbracht habe, seien seine Beine taub geworden & gar nicht mehr zu gebrauchen gewesen.
–Das würde man sich merken. Man sei nämlich gerade dabei, die Promille-Grenze zu überschreiten, müsse sich deshalb verabschieden. Dank an den weisen Shumon – gute Nacht.
Es war bei Tagesanbruch – die Sonnenstrahlen hatten den Geist aus der Flasche, nicht aber die Erinnerung an die abendlichen Ereignisse aus dem Körper gesogen – als man feststellte, daß Raouls Worte ihren Weg in die Untiefen der eigenen Gehirnschächte trotz mangelnder Aufmerksamkeit & stochastischer Antworten gefunden & dort über Nacht einen Gärungsprozeß in Gang gesetzt hatten: Die Dinge nicht von sich trennen… Von ihrem Objektsein befreien... Wie nennt man einen kurze Stock... Kontemplation im Zazen...
Man brachte sich in die vermutete Positur & verharrte: für einen Moment, ein schmelzendes Sekündchen.
...Eine Minute.
...Ein halbes Stündchen.
...Bis zur Mittagszeit. (Man fühlte keinen Magen mehr.)
...Für sieben Stunden. (Fühlte keine Beine mehr.)
...In den späten Nachmittag hinein. (Keine Arme mehr.)
...Den ganzen Tag lang. (Keinen Körper...)
Nach Mitternacht dann, kopflos & weder Körper noch Geist, ohne Vorstellung von Zeit & Raum, war man gefangen im Sein, das OM war, Rätsel & Antwort des Kosmos, so lange, bis man sich nach Jahrtausenden wieder aufgelöst haben würde in seine Moleküle.
Eine Eintagsfliege turbulenzierte heran, ließ sich auf einer Wimper nieder & balancierte dort im Angesicht des für Insekten untödlichen Abgrunds. Das Tanzen des feixenden Fliegengeists auf den Kapillaren löste ein kleines Erdbeben aus in dem Körper, der da seit Stunden gefangen war im OM & von Stund zu Stund sich mehr zu vergessen schien. Die Erschütterungswellen, ausgesandt vom rechten Augenlied, gegen Brust & Nabel brandend & auslaufend im linken kleinen Zeh, weckte einen allmählich aus der Erstarrung.
Kaum war man wieder eingefahren in seine alte Behausung, schrie man schon sein »Heureka!«:
War das fehlende Buch dasjenige, dem man selbst ironisch nachspürte, der Text, der am Anfang der bisher rekonstruierten Autoren-Stafette stand? War das der wahre Grund seines Hierseins?
Wie konnte ein aus dem Anlaß der Langeweile heraus begonnenes Spiel, das sich in der pseudo-detektivischen Spurensuche unter deutschen Literaten, wie es das Gesetz der Satire gebot, bewußt haarsträubender Verknüpfungs-Operanden bediente, die einer lachhaften Geheimnistradition entstammten & einer fundierten Wissenschaftskritik nie & nimmer standhalten konnten, plötzlich selbst zum Grund eines geheimnisvollen Auftrags werden?
Es hatte die ganze Zeit vor einem gelegen & man hatte es geflissentlich übersehen, weil man es von sich trennen, weil man die Schranke nicht hatte einreißen wollen: Die Karte Sibylles war in den Signaturen des Archivkatalogs aus der Morgendlandfahrt abgefaßt! Das letzte Buch aus der Reihe, auf das man gestoßen war, hatte von den Katharern gehandelt – & jetzt war man hier…
Möglicherweise werde ich das Land nicht verlassen & dieser Spur folgen. Sobald man die Beine wieder auseinander sortiert hat.
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