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PROJEKT: DIE OBSKUREN GESÄNGE (IV)

Zeit, den Titel meines Projektes zu ändern...

Otto Rahns Kreuzzug gegen den Gral ein auf schma­lem Grad zwi­schen musikalischer Dichtung & wissen­schaftlicher Abhandlung schwankendes Machwerk. Be­schäftigt sich mit der Welt der Ka­tharer & Troubadou­re. Jahrelang hat Rahn vor Ort ge­forscht. Daraus ein knapp dreihundertseitiges, eksta­tisches Loblied auf die »Minne­kirche« destilliert. Gewagte etymologi­sche Gleich­setzung Montségurs mit der Gralsburg Munsalvä­sche aus Wolf­ram von Eschenbachs Parcival macht die Katharer zu den Hü­tern des Grals, Graf Ramon-Roger Trencavel zum Gralssucher Parzifal & Esclarmonde, die Gräfin von Foix, zur Hohepriesterin.

Zunächst Annahme, sich verrannt zu haben. Rahn geht um ei­niges über den Rahmen hinaus. Ausge­rechnet jenes Buch, das einen nach der Pickel-gezeichneten Satan-Phase für die Le­gendenbildung um die Katharer zu interessieren angestif­tet hatte, weil es kühn aus wenigen Fakten seinen eigenen My­thos zu kreieren verstand & damit in der esoterischen Sub­kultur zur Legende wurde, soll in einer Reihe stehen mit Au­toren wie Ad­orno, Mann & Hes­se, den Epi­gonen einer kritischen Hochkultur?
Allerdings: auch hier begegnen sich Musik & Litera­tur, wird eine Ver­schmelzung der Gegensätze angestrebt...
Rahn von den esoterischen Fraktionen vielfach mißver­standen worden. Keineswegs ging es ihm um den Gral, in dem Joseph von Arimathia Christi Blut aufgefangen hat­te, sondern um das als lapsit excilis (Eschenbach) bzw. lapis ex coelis (Rahn), als vom Himmel gefallener Stein der Weisen – identisch mit dem Goldenen Vlies der Ar­gonauten & dem Großen Werk der Alchi­misten – symbol­gewordene Ideal eines Lebens, das in der min­neglichen Anbetung der Frau Religion & Kunst, Spiritismus & Weltliches vereint, durch die Kirche der bonshommes im Land der Minnesänger zur Synthese ge­bracht...
Rahn angeblich Mitglied der SS gewesen, worin er einen gehei­men neokatharischen Zirkel aufgebaut haben soll. Aller­dings habe er sich bald mit seinem Land & der herr­schenden politi­schen Richtung überworfen & Neunzehn­hundertacht&drei­ßig bei Himmler um Entlassung gebet­en. Ein erhaltener Brief ent­hält folgende Zeilen: »Ich habe viel Kummer in meinem Lande. Vor 14 Tagen war Ich in München. Zwei Tage später habe Ich es vorgezog­en, meine Berge aufzusuchen. Unmöglich für einen groß­zügigen Mann, wie Ich es bin, in einem Land, wie es mein schönes Vaterland ist, zu leben...« Fünf Monate später starb er un­ter mysteriösen Umständen. Freitod? Mord­ konnte bis heute nicht ausgeschlossen werden! Rahn hat einem Freund von Ver­folgung & geplanter Flucht nach Südfrank­reich geschrieben. In jedem Fall wurde seine Leiche erst ein Jahr später für das Be­gräbnis nach Darmstadt überführt...

Nächster Hinweis diesmal nicht schwer zu finden. Rahn hat die Ange­wohnheit, seine Thesen mehrfach mit denselben Zi­taten zu be­legen. Lediglich eine einzige Quelle wird beinahe scham­haft ein einziges Mal in Anspruch genom­men: Auf Seite Hun­dertacht&zwanzig, grob in der Mitte des Werks (läßt man er­neut nur den Haupttext gelten & zieht die acht Seiten Um­schlag & Vorgeplänkel ab, erhält man Hundertzwanzig, wovon die Quer­summe drei ist), findet sich folgendes:

»In einem fernen Land, unnahbar euren Schritten,
Liegt eine Burg, die Montsalvat genannt...«

Aus dem Parzival... Also Wag­ner? Eine Oper als nächstes? Nein – es mußte doch ein literarisches Werk sein…
In dem Antiquariat von neulich die Neun­hundert-Sei­ten-Biogra­phie Mein Leben bestellt (neun Buchstaben im Titel!). War nicht Wagners Biographie, sein Leben bis lan­ge nach seinem Tod (»In einem fernen Land, unnah­bar eu­ren Schritten«), vor der Öffentlichkeit geheimge­halten, also wie auf einen unzugängli­chen Berg geschafft, in eine Burg einges­chlossen & damit für später gerettet worden, wie Rahn sal­vat übersetzt?

Mein Leben, verfaßt auf Wunsch Ludwigs II. von Bayern, zu Leb­zeiten in nur zehn Exemplaren an wenige Freunde ver­teilt & wegen der Offenheit der Schilderungen des verfolgten Dresdner Revolutionärs gleich wieder zu­rückgefordert & eingestampft. Verfü­gung Wagners, es solle »nur nach meinem Tode zum wahrhaftigen Anhalt für denjenigen dienen, der berufen sein sollte, mein Leben der Welt zu beschreiben«. Erst Neunzehn­hundertelf, acht&zwanzig Jahre nach seinem Tod, er­folgte die Veröffentlichung. Wegen ihrer Indiskre­tionen zu­nächst für eine Fälschung gehalten. Otto Rahn zu dem Zeit­punkt sieben Jahre alt. Dürfte frühes­tens sie­ben wei­tere Jahre später, als die ers­ten beruflichen Flau­sen in seinen Kopf dran­gen, mit der Biogra­phie in Kontakt gekommen sein.

Wenige Tage später die zwei Bände erhalten. Wurde aber auch Zeit. Habe nämlich bereits einen Verdacht, wen man in der Bio­graphie als nächste Etappe entdecken könnte.
Man braucht sie nicht ein­mal zu lesen – ein Blick ins Register genügt, um festzu­stellen, daß E.T.A. Hoff­mann, der Dirigent, Kompo­nist, Maler & Erzähler & seine Geschichten drei&zwanzig mal er­wähnt werden, das erste Mal auf Seite Drei&zwan­zig, wo Wagner schreibt: »Ich erhielt von hier an durch mein ers­tes, zunächst nur oberflächliches Be­kanntwerden mit die­sem Phan­tastiker eine Anregung, welche sich längere Jahre hindurch bis zur exzentri­schen Aufgeregt­heit stei­gerte & mich durch die sonderbarste Anschauungs­weise der Welt beherrschte.«
Als Hoffmann Achtzehnzwei&zwanzig starb, war Wagner neun Jahre alt. Erste Begegnung mit den Hoffmannschen Erzählun­gen mit dreizehn, siehe Erwähnung auf Seite drei&zwanzig.

Damit eine der bisher offen gebliebenen Fragen zugunsten der ers­ten These entschieden: Jeder der Betei­ligten hat die Stafet­te zufällig im Werk eines älteren Autors entdeckt & die Traditi­on einfach weiterführen wol­len.
Aber wer kannte auch das Geheimnis?

Erstmal das nächsten Werk in der Reihe herausfinden: Welche der Erwähnungen Hoffmanns bei Wagner kommt als Fingerzeig in Fra­ge? Ge­wiß die drei&zwanzigste, nachdem die erste & die zwölfte in der Mitte nur dem Dichter allein gelten…
Natürlich wundert es mich gar nicht, daß darin vom Goldenen Topf die Rede ist.

Man wandte sich dem Rätsel ihres Namens zu, das man über der Kar­teikarte völlig vergessen hatte. Es mußte etwas sein, daß einem nicht aufgefallen war, weil es offensichtlich auf der Hand lag.
Der Name sagte einem, daß er einem etwas sagte, aber nicht was. Was sagte das elektronische Wörterbuch?
Aha: Si|byl|la, Si|byl|le (w. Vorn.); Si|byl|le, die; –, –n (weissagende Frau, Wahrsagerin); si|byl|li|nisch (wahrsagerisch; ge­heimnisvoll); die sibyllinischen Bücher (der Si­bylle von Cumae [’ku:mä]).
Das war es also, natürlich, die antike Sibylle! Die Sibylle von Delphi & die Sibylle von Erythrai in Böotien. Die drei&achtzig vor Christus im Keller des Jupitertempels auf dem Kapitol in Rom verbrannten si­byllinischen Bücher der Sibylle von Cumae, eine im sechsten Jahrhun­dert v. Chr. ent­standene Ritual– & Ora­kelsammlung für Katastrophen­fälle. Die Sibylle von Tibur, die Kaiser Augustus die Ankunft Chris­ti vorhergesagt hatte. Die si­byllinischen Orakel in vierzehn Büchern, christliche Bearbeit­ungen jüdischer Prophezei­ungen über den kommen­den Messias & das Weltende. Die zwölf Sibyllen & die zwölf kleinen Propheten im Dodeka­propheton. Die mittelalterlichen Sibyllen­bücher. Michelange­los fünf Sibyllen in der Sixtinischen Kapelle...

Man war in der ersten Juniwoche & hatte das Fortschreiten deutscher Geschichte nicht verfolgt, die Durch­trennung der Nabelschnur genos­sen, obwohl man mit Hilfe Muhammadmusas in der Médiathèque oder im Hotel Ver­bindung mit dem Netz hätte auf­nehmen können. Das hol­te man jetzt schleunigst nach – Neugier besiegt Vor­sicht. Es konnte sich ja etwas ereignet haben, das ein Zei­chen war, ein wei­teres Teil des Puzzles bildete, ein Zahnrad bloß, das sich ir­gendwo einfügte… Viel­leicht hing man fest, weil man untergetaucht war & nicht hatte sehen können, was sich auf dem Wasser abgespielt hatte – welche Hinweise ent­hielten die Schlagzeilen?

»Die unbekannten Cousinen: Spaßkanzler ent­deckt ostdeut­sche Ursprünge. Neue Gewinnwar­nung bei... Lizenz zum Töten: Holland legalisiert Euthanasie. Frische Stim­men für Wagner: Bayreuth poliert Ring auf. Kranich in der Klemme: Pilotenstreik legt Flugver­kehr lahm / hundertvier&zwanzig Flug­gäste betrof­fen. CDU–Schlappe: Berlin & Brandenburg verhel­fen Rentenre­form zum Sieg. Trauer bei intergalak­tischen An­haltern: Dou­glas Adams erliegt Herz­infarkt. Zwölf Jahre Angst we­gen Satanischen Versen: Cha­tami erklärt Rush­die–Fatwa für be­endet. Massiver Stellenabbau im... Bayern-München erringt Aus­gleich & die Meis­terschaft: Schalke nach zwei Mi­nuten Ver­längerung vom Thron gestoßen. Preistreiber Benzin, Gas, Le­bensmittel: Inflati­onsrate bei Dreikommafünf Prozent. Neuer Tag der Trauer an der Börse. Wirt­schaftsinstitute bekla­gen zu optimisti­sche ›Top–Down‹–Prognosen. Über neun­zig Prozent ›gute Qualität‹: Euro­pas Binnengewässer & Küsten im­mer sau­berer. Astronomische Abfindung für... Radio im TV: Ha­rald Schmidt sendet Schwarz­bild. Endloser Kampf: AIDS wird zwan­zig.«

Eine außerordentliche Bilanz für einen Monat, in dem man sich übli­cherweise nur von Ostern erholte & auf Pfings­ten vorbereit­ete. Keine verschlüsselten Botschaften.

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