popp-ART

popp heißt das pop-paradox leben
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mai-jun.doc (8)

Der Mond begann sich voll & schwer in den Himmel zu stemmen & alles mit einer milchweißen Glasur zu überziehen, einer schwach glü­henden Pa­tina, die Tote aus ih­ren Grä­bern holen, Tierquäler mit Ly­kanthropie infizieren & Ar­beitswütige in Schlafwandler verwandeln konnte, als man echte Be­kanntschaft mit seinen Gegnern mach­te.
Man war gerade auf dem Weg von der Médiathèque zu­rück ins Ho­tel & hatte die übliche Abkürzung über eine Sei­tengasse gewählt, als zwei Männer hinter den geradeaus liegenden Häuser­ecken hervortraten & ein Weitergehen verunmöglichten. Man hatte ja gerechnet mit einer Konfron­tation, einige Vermu­tungen über die Natur der anderen ange­stellt & erwartet, daß sie ein bißchen wie die glatzköp­figen Herren aus Momo daherk­ämen, oder wenigs­tens in abgerissene Inspektor-Co­lumbo-Trenchcoats ge­kleidet wären – sie jedoch tarnten sich als deutsche Tou­risten: der schmalere trug ein Hawaiihemd, das vermutlich von Tschibo stammte, der stämmigere ein T-Shirt mit der Aufschrift Two beer or not to two beer (Shakesbeer); beide trugen einen Gürtel, auf dessen sil­berner Schnalle ein Zeichen eingraviert war:

???

Der Schmale schob ein wenig den Unterkiefer vor & ent­blößte dabei eine Reihe nikotingefärbter schiefer Zähne, hinter denen statt einer Zunge nur ein rotes Loch zu er­kennen war, während der Stämmige sich damit begnügte, die Augenlider unter den Brauen zu Einschnit­ten zu­sammenzupressen, die be­drohlich wirken sollten – es aber nicht ohne eine Spur von Pos­sierlichkeit taten.
–Wer keine Spinne sei, solle besser kein Netz we­ben mein Freund.
Die Stimme, eine deut­sche Stimme, kam von hinten & klang, als wä­ren die Stimmbänder mit ei­nem Cellobogen ge­strichen worden. Natür­lich: der dritte Mann, der den Rückzug versperrt, der einem den Re­volver in den Rücken drückt, dessen Visage unerkannt bleibt – der An­führer. Er trug bestimmt einen Trenchcoat.
–Der Fang könnte fetter sein als gedacht.
Etwas Kaltes, Metallisches drängte sich an den Hals.
–Wer sie seien.
War das nicht die übliche Eröffnung? Er hatte so viel Zeit da­mit ver­bracht, sich vorzustellen, wie sie ausseh­en könnten – aber er hatte sich nicht auf die Begegnung vorber­eitet.
–Er stelle hier die Fragen mein Freund.
Bisher lief alles so, wie man es aus dem Kino kannte.
–Mitkommen. Unauffällig.
Sich naiv geben. Sie in ein Gespräch verwickeln. Mehr herausfinden.
–Man habe lange genug Zeit gehabt, setzte der Unbekannte nach, –Langsam würden sie ungedul­dig & der Chef Ihnen Feuer unterm Hin­tern ma­chen mein Freund, wenn sie ihm keine Klarheit ver­schafften. Sie wüßten von einer Biblio­thekarin, daß man einen Zettel mit ei­nem Code erhalten habe – also mitkommen.
Der Mann im Rücken neigte die Hand ein wenig nach un­ten, so daß der Lauf der Waffe nicht auf den Hals, sondern das Hirn zielte.
–Solche Methoden seien ganz unangebracht, versuchte Roland zu beschwichtigen, –Es sei noch nicht so spät & die­ Gasse nicht so weit vom Schuß, um nicht einen Passanten auf die Grup­pe auf­merksam ma­chen zu können. Außerdem: wenn man auspacken solle, müsse man schon eine glaubhafte Versi­cherung erhal­ten, daß man danach noch am Leben wäre. Sonst kön­ne man sich die Sa­che ja sparen.
Man war froh, seine Angst hinter dem Filmwissen verstecken zu können, das man hier anwandte. Der Stämmige ließ die Finger knacken, dem Schmalen stand sein Grinsen schlecht zu Gesicht.
–Mutig mein Freund. Das Ding an seinem Hals aber wäre ja eben gar kein Revolver, sondern eine Waffe, die ge­bündelte Mikro­wellen durch den Körper hindurchjage, um zum Beispiel das Gehirn zum Ko­chen zu bringen, bis der Kopf platze wie eine gegen die Wand geschleu­derte Melone. Wenn man sich also nicht sofort in Bewegung set­ze, würde das gleich an einem Arm oder Bein demonstriert werden. Scheiß auf die Passanten.
Nicht aufhören. Nicht aufhören. Es weiter versuchen.
–Vielleicht sollten sie sich erst einmal vor­stellen. Am Ende sei alles ein Miß­verständnis, das sich in Ruhe bei einem Glas Wein aufklä­ren ließe. Man wisse doch kaum etwas & arbeite nur für sich selbst – im Auftrag des Kamer­aden Moritz Veitinger zwar, aber das habe sich ja nun leider als Täu­schungsmanöver entpuppt. Komplizierte Geschicht­e. Also warum nähme er nicht die Waffe herunter, man käme ja gerne mit, warum nicht in das nächste Café? Man könn­te sich ja viel­leicht ge­genseitig unter die Arme greifen.
Klar, daß sie darauf nicht eingehen würden. Diese Männer waren eine Gefahr für Sibylle & ich werde sie nicht auf ihre Spur setzten. Aber die kleine Pause nutzen, in der der Gehalt der Worte ge­prüft wur­de & der Druck der Waffe ein klein wenig nachließ…
Der Stämmige schien sei­nen Anführer auf ein bisher unbeachtetes Detail hinweisen zu wol­len: er deutete auf den Laptop, der einem in ei­ner Tasche an der rechten Schulter hing, & öffnete den Mund, in dem wie bei dem Schmalen ein Loch gähnte, zu einem Grunzen.
Das war das Stichwort. Der Hintermann versuchte den Wink seines Handlangers zu deuten (der Druck der Waffe ließ ein we­nig mehr nach) – aber es blieb ihm keine Zeit mehr, die Rolle des Ge­räts zu ent­schlüsseln, denn schon hatte man zwei Dinge getan: Schulter & Kopf nach rechts gerissen & den Schwung genutzt, dem Unbekannten Mu­hammadmusa rücklings in die Eingeweide zu rammen. Die Luft ent­wich ihm wie einem überfahren­en Hydranten das Wasser & ließ ihn in der Mitte einknicken – er trug tatsächlich einen Trenchcoat, wie man aus den Augen­winkeln erkannte. Aber auch der Finger am Abzug blieb nicht ungerührt von dem Schock: mit einem sirrenden Ge­räusch löste sich eine unsichtbare Salve, zog dicht an Rolands Schulter vorbei & brannte einen glühenden Striemen auf die Ba­cke des Schmalen, der von der Wucht des Streifschusses ins Taumeln ge­riet, dabei auf­heulte wie eine Hausfrau, die eine ver­brannte Weihnachts­gans im Ofen entdeckt, & seinem Kompagnon in die Laufbahn kippte, der gerade den ersten Schritt zur Ergrei­fung tun wollte, nun aber der Länge nach auf den Bo­den fiel... während man selbst sich rechts unter dem Kerl mit der Waffe vorbeiduckte, um dem Einge­klappten aus dieser finalen Drehung her­aus Muhammadmusa mit der breiten Seite an den Hinterkopf zu schmettern & anschließend das Weite zu suchen.

Als man seine Lungenflügel erneut einem Belastungstest un­terzog & seine Bein­muskeln zur Milchsäureüberproduktion anregte – dies­mal al­lerdings lief man nicht hinterher, sondern davon –, hörte man die ande­ren die Verfolgung aufnehmen, ahnte erst jetzt, daß man seine Lage vielleicht nicht ver­bessert hatte.
Wieder einmal war bewiesen, daß nichts Gutes dabei heraus­kam, wenn man eine Sache einfach anfing, ohne die Folgen zu schätzen. Wo­hin rennen? In den dumpfen Gesichtern der Verwunderten, die man auf seiner Flucht streifte, fand sich keine Antwort. Zurück ins Hotel konnte man nicht, dort war man jetzt nicht mehr sicher; eine Kneipe würde einem nur bis zur Sperrstunde Schutz bieten. Wo­hin? Sollte man nicht dem Drang nach­geben & stehen bleiben?
In Bewegung bleiben, nicht über das Anhalten nachden­ken, Haken schlagen, das erworbene Gassenwissen nutzen, erst ein­mal versuchen, den Gegner abzuhängen, dann über den Zu­fluchtsort spekulieren... Hinten kam das Echo der Schritte näher, teilte sich, einmal, zweimal – sie versuchten einen einzukreisen, man mußte die anvisierte Route auf­geben, schlug sich nach links & zweimal nach rechts, beschleunigte nochmals, stellte fest, daß man der Orientierung verlustig gegangen, im Kreis gelaufen & wieder in der Gegend des Überfalls angelangt war, aber immerhin nun durch jene Gasse lief, hin­ter der sich ein großer Platz mit Geschäften an­schloß, vielleicht könnte man hier seine Verfol­ger verwirren? Stehen bleiben, um den Platz zu überblicken, welchen Weg sollte man nehmen, gleich würde einer um die Ecke biegen, wo waren die anderen, war man mit Absicht zurückgetrieben worden? Der Platz eine Falle, tatsächlich: da vorne, ein Schatten, aus war das Spiel, da drüben der zweite, die Umzinge­lung sollte am selben Ort wiederholt werden, man hatte so viel Abstand zwischen sich & seine Verfolger gebracht, nun aber wurde man in die Mangel genommen, man konnte aufgeben, hier käme man nicht wieder heraus.
Bevor sich das Schick­sal erfüllte, wurde man am Arm gepackt von einer Hand, die aus dem dunklen Zwischen­raum zweier Häuser her­vorschoß, wo kurz zuvor noch eine Holzverschalung ge­wesen war.
–Leise… Folgen!
Man lies sich von der Stimme ins Dunkel zie­hen. Der, zu dem sie ge­hörte, schloß die Verschalung & schob einen weiter: den schmalen Gang entlang zu einem Hin­terhof & die nächste Häuserspal­te nach links hindurch zu einem Nachbarshof & durch eine Hin­tertür in einen kleinen Laden, der ei­nem seltsam vertraut vorkam, einen Laden mit Büchern? Alles war dunkel, man konnte nichts identifizieren. –Leise, wiederholt­e der andere & drängte an den Regalen vorbei zu ei­ner Toi­letten-Ni­sche mit einer kleinen Luke nach draußen. Er stellte sich auf das geschlossene Klosett, zog sich linkshändig am Sims hoch, der Stand des lin­ken Beins et­was kraftlos, & spähte hindurch. Er war untersetzt & voll­schlank & vielleicht zehn Jahre älter, soviel ließ sich im Gegen­licht feststellen. –Da kämen sie, zischte er, –Jetzt keine Be­wegung! Er zog den Kopf ein wenig ein, durch die Luke war die ausklingende In­terferenz drei­er Schrittmuster zu vernehmen.
–Wo er hin wäre.
Die Stimme des Trenchcoatmanns. Daneben kehlige Geräusche, die von einem Taubstum­men stam­men könnten – oder als ver­suche je­mand mit betäubtem Kiefer zu sprechen. Wahrscheinlich der Stäm­mige.
–Er sei nicht über den Platz gekommen?
Der Schmale wimmerte immer noch.
–Er solle aufhören zu flennen, klang der Trenchcoatmann ärgerlich. –Er wäre ihnen doch in die Arme getrieben worden. Wie sie ihn da ent­kommen lassen konnten.
Das Wimmern wurde zu einem stoßweißen Atmen, der andere gab wieder die seltsamen Laute von sich.
–Hierdurch könne er nicht gekommen sein?
Ein Schlag auf Holz. Die Verschalung. Der Alte wirkte be­sorgt.
–Also in die andere Rich­tung. Nach Links. Nach Links! Sie kriegten ihn noch. & Laurel solle aufhören zu schnaufen. Nein, dafür gebe es keine süße Belohnung.
Schon waren sie weg. Einer von ihnen hatte vor Wut gegen die Bret­terwand geschlagen, ohne den Durchschlupf zu bemer­ken.
–Welchen Fisch er da an Land gezogen habe.
Ein weiterer Untersetzter war hinzugetreten. Er zog das rechte Bein etwas nach, der linke Arm hing ihm wie ein angehefteter Lappen herab.
Man wagte einen kurzen Blick durch die Auslage auf den Platz. Im Fensterglas klebte seitenverkehrt die Laden-Inschrift: h c s d u h c s d a M & h c s… Ach so: Anti­quariat Jadschudsch&Madschudsch [Namen geändert]. Die Bücherei, die man vor einigen Tagen durchstöbert & de­ren Hin­terausgang man für die Verwirrung der imaginierten Beschatter genutzt hat­te. Die beiden Herren mit dem bu­schigen Kranz graublon­der Haare um die Glatze waren die In­haber. Zwillinge & an den Extre­mitäten be­einträchtigt, von denen je eine an ihnen herumschlackerte, als gehörte sie nicht ganz dazu.
–Er solle sich einmal bei Lichte besehen lassen.
Der andere – welcher der beiden? – leuchtete ihm mit ei­ner Ta­schenlampe grob ins Gesicht.
–Du meine Güte – da habe Jadschudsch ih­nen aber was einge­brockt. Es wäre ihm eine Ehre Herrn Iobst die Haut geret­tet zu haben, aber jetzt müßte man den Laden wieder verlassen, jaja.
Er packte einen Arm & drängte zum Seiteneingang. Jad­schudsch schloß die Luke, stieg von der Toilette & hielt seinen Bruder zurück.
–Das beste wäre, sie ließen Herrn Iobst hier bei sich wohnen. Im Dachgeschoß. Etwas Gesell­schaft könne nicht schaden. Im Hotel könne man sich doch nicht mehr blicken lassen – dort würde man den Spür­hunden des FAF nur in die Arme laufen.
FAF? stellte man eine Zwischenfrage.
Madschudsch schenkte seinem Bruder einen vielsagenden Blick, auf den der aber nicht einging.
–Der Freundeskreis Autonomes Franken, erklärte Jadschudsch, –Eine Or­ganisation, die für die Abspaltung des Frankenlandes von Bay­ern & Deutschland eintrete, deren Fernziele aber die Rückeroberung von Frankreich & Italien sowie die Wieder­herstellung der Grenzen des Ka­rolingischen Reiches wären.
–Nordbayerische Sektierer in Südfrankreich?
–Eben nicht Nordbayern, sondern Franken... Der FAF unterhalte überall in Europa Abteilungen – das Languedoc-Rousillon sei immerhin ein­mal das Grenzge­biet zu den Sarazenen, das Frankenland groß, ziem­lich weitreichend gewesen, jaja...
–Könne er nicht seine Klappe halten? mischte Madschudsch sich endlich ein, –Er brin­ge sie in eine ziemliche Zwickmühle. Wenn sie ihn schnappten, würde sie das direkt zu ihrem Laden füh­ren.
–Er solle nicht so dünnfellig sein, entgegnete Jad­schudsch, –Das hier sei vielleicht die Gelegenheit, noch ein­mal Es­prit in ihr Leben zu brin­gen, etwas wieder gut zu ma­chen...
Man konnte nicht folgen, blieb an der Tatsache hängen, daß der Mann in dem Trenchcoat sich bemüht hatte, Hoch­deutsch zu sprechen, aber seine Vokale, vor allem das A, in der Tat einen fränkischen Ein­schlag nicht völlig hatten kaschier­en können.
–Man wolle jetzt bestimmt eine Er­klärung, wandte sich Jadschudsch an einen, –Zunächst aber müsse man ausru­hen, dem Gesicht feh­le die Farbe. Schließlich sei man gerade noch der Folter entkommen. Wahr­scheinlich das erste Mal mit einer Waffe be­droht worden, hm? Morgen werde einem alles weitere eröffnet.
Jadschudsch zwinkerte & deutete auf eine kleine Holz­treppe, die in den ersten Stock führte.
–Er wolle ihn wirklich logieren? hielt Madschudsch ihn auf.
–Er solle ihm doch eins auf sei­ne alten Knochen verpas­sen dafür.
Madschudsch zuckte mit den Schultern.
–Feigling, reizte der andere ihn.
–Er biege das nachher nicht wieder gerade.
–Als ob das je nötig gewesen wäre.
–& Neun&achtzig?
Jetzt war es an Jadschudsch, mit den Schultern zu zucken. Ma­dschudsch ge­noß den Triumph... um dann doch einzu­lenken:
–Er koche Herrn Iobst erst einmal einen Jo­gi-Tee für die Nerven, jaja. Das bringe die Lebensgeister auf Trab. Oben könne man der­weilen ein Bad nehmen – man sei ja ganz naßge­schwitzt. Handtücher lä­gen auf der Kommode.
Die Brüder waren ein bißchen wie zwei unberechenbare Stimmen, die im Kopf derselben Person herumspukten, um ihr Handeln nach der einen oder der anderen Seite aus­schlagen zu lassen. Eine Art kindlicher Rangelei um die Führung – weil die Be­teiligten sich ähnlicher sind, als sie zugeben wollen.
Das sollte man in den nächsten Tagen noch häufig zu spüren bekom­men.

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