Der Mond begann sich voll & schwer in den Himmel zu stemmen & alles mit einer milchweißen Glasur zu überziehen, einer schwach glühenden Patina, die Tote aus ihren Gräbern holen, Tierquäler mit Lykanthropie infizieren & Arbeitswütige in Schlafwandler verwandeln konnte, als man echte Bekanntschaft mit seinen Gegnern machte.
Man war gerade auf dem Weg von der Médiathèque zurück ins Hotel & hatte die übliche Abkürzung über eine Seitengasse gewählt, als zwei Männer hinter den geradeaus liegenden Häuserecken hervortraten & ein Weitergehen verunmöglichten. Man hatte ja gerechnet mit einer Konfrontation, einige Vermutungen über die Natur der anderen angestellt & erwartet, daß sie ein bißchen wie die glatzköpfigen Herren aus Momo daherkämen, oder wenigstens in abgerissene Inspektor-Columbo-Trenchcoats gekleidet wären – sie jedoch tarnten sich als deutsche Touristen: der schmalere trug ein Hawaiihemd, das vermutlich von Tschibo stammte, der stämmigere ein T-Shirt mit der Aufschrift Two beer or not to two beer (Shakesbeer); beide trugen einen Gürtel, auf dessen silberner Schnalle ein Zeichen eingraviert war:

Der Schmale schob ein wenig den Unterkiefer vor & entblößte dabei eine Reihe nikotingefärbter schiefer Zähne, hinter denen statt einer Zunge nur ein rotes Loch zu erkennen war, während der Stämmige sich damit begnügte, die Augenlider unter den Brauen zu Einschnitten zusammenzupressen, die bedrohlich wirken sollten – es aber nicht ohne eine Spur von Possierlichkeit taten.
–Wer keine Spinne sei, solle besser kein Netz weben mein Freund.
Die Stimme, eine deutsche Stimme, kam von hinten & klang, als wären die Stimmbänder mit einem Cellobogen gestrichen worden. Natürlich: der dritte Mann, der den Rückzug versperrt, der einem den Revolver in den Rücken drückt, dessen Visage unerkannt bleibt – der Anführer. Er trug bestimmt einen Trenchcoat.
–Der Fang könnte fetter sein als gedacht.
Etwas Kaltes, Metallisches drängte sich an den Hals.
–Wer sie seien.
War das nicht die übliche Eröffnung? Er hatte so viel Zeit damit verbracht, sich vorzustellen, wie sie aussehen könnten – aber er hatte sich nicht auf die Begegnung vorbereitet.
–Er stelle hier die Fragen mein Freund.
Bisher lief alles so, wie man es aus dem Kino kannte.
–Mitkommen. Unauffällig.
Sich naiv geben. Sie in ein Gespräch verwickeln. Mehr herausfinden.
–Man habe lange genug Zeit gehabt, setzte der Unbekannte nach, –Langsam würden sie ungeduldig & der Chef Ihnen Feuer unterm Hintern machen mein Freund, wenn sie ihm keine Klarheit verschafften. Sie wüßten von einer Bibliothekarin, daß man einen Zettel mit einem Code erhalten habe – also mitkommen.
Der Mann im Rücken neigte die Hand ein wenig nach unten, so daß der Lauf der Waffe nicht auf den Hals, sondern das Hirn zielte.
–Solche Methoden seien ganz unangebracht, versuchte Roland zu beschwichtigen, –Es sei noch nicht so spät & die Gasse nicht so weit vom Schuß, um nicht einen Passanten auf die Gruppe aufmerksam machen zu können. Außerdem: wenn man auspacken solle, müsse man schon eine glaubhafte Versicherung erhalten, daß man danach noch am Leben wäre. Sonst könne man sich die Sache ja sparen.
Man war froh, seine Angst hinter dem Filmwissen verstecken zu können, das man hier anwandte. Der Stämmige ließ die Finger knacken, dem Schmalen stand sein Grinsen schlecht zu Gesicht.
–Mutig mein Freund. Das Ding an seinem Hals aber wäre ja eben gar kein Revolver, sondern eine Waffe, die gebündelte Mikrowellen durch den Körper hindurchjage, um zum Beispiel das Gehirn zum Kochen zu bringen, bis der Kopf platze wie eine gegen die Wand geschleuderte Melone. Wenn man sich also nicht sofort in Bewegung setze, würde das gleich an einem Arm oder Bein demonstriert werden. Scheiß auf die Passanten.
Nicht aufhören. Nicht aufhören. Es weiter versuchen.
–Vielleicht sollten sie sich erst einmal vorstellen. Am Ende sei alles ein Mißverständnis, das sich in Ruhe bei einem Glas Wein aufklären ließe. Man wisse doch kaum etwas & arbeite nur für sich selbst – im Auftrag des Kameraden Moritz Veitinger zwar, aber das habe sich ja nun leider als Täuschungsmanöver entpuppt. Komplizierte Geschichte. Also warum nähme er nicht die Waffe herunter, man käme ja gerne mit, warum nicht in das nächste Café? Man könnte sich ja vielleicht gegenseitig unter die Arme greifen.
Klar, daß sie darauf nicht eingehen würden. Diese Männer waren eine Gefahr für Sibylle & ich werde sie nicht auf ihre Spur setzten. Aber die kleine Pause nutzen, in der der Gehalt der Worte geprüft wurde & der Druck der Waffe ein klein wenig nachließ…
Der Stämmige schien seinen Anführer auf ein bisher unbeachtetes Detail hinweisen zu wollen: er deutete auf den Laptop, der einem in einer Tasche an der rechten Schulter hing, & öffnete den Mund, in dem wie bei dem Schmalen ein Loch gähnte, zu einem Grunzen.
Das war das Stichwort. Der Hintermann versuchte den Wink seines Handlangers zu deuten (der Druck der Waffe ließ ein wenig mehr nach) – aber es blieb ihm keine Zeit mehr, die Rolle des Geräts zu entschlüsseln, denn schon hatte man zwei Dinge getan: Schulter & Kopf nach rechts gerissen & den Schwung genutzt, dem Unbekannten Muhammadmusa rücklings in die Eingeweide zu rammen. Die Luft entwich ihm wie einem überfahrenen Hydranten das Wasser & ließ ihn in der Mitte einknicken – er trug tatsächlich einen Trenchcoat, wie man aus den Augenwinkeln erkannte. Aber auch der Finger am Abzug blieb nicht ungerührt von dem Schock: mit einem sirrenden Geräusch löste sich eine unsichtbare Salve, zog dicht an Rolands Schulter vorbei & brannte einen glühenden Striemen auf die Backe des Schmalen, der von der Wucht des Streifschusses ins Taumeln geriet, dabei aufheulte wie eine Hausfrau, die eine verbrannte Weihnachtsgans im Ofen entdeckt, & seinem Kompagnon in die Laufbahn kippte, der gerade den ersten Schritt zur Ergreifung tun wollte, nun aber der Länge nach auf den Boden fiel... während man selbst sich rechts unter dem Kerl mit der Waffe vorbeiduckte, um dem Eingeklappten aus dieser finalen Drehung heraus Muhammadmusa mit der breiten Seite an den Hinterkopf zu schmettern & anschließend das Weite zu suchen.
Als man seine Lungenflügel erneut einem Belastungstest unterzog & seine Beinmuskeln zur Milchsäureüberproduktion anregte – diesmal allerdings lief man nicht hinterher, sondern davon –, hörte man die anderen die Verfolgung aufnehmen, ahnte erst jetzt, daß man seine Lage vielleicht nicht verbessert hatte.
Wieder einmal war bewiesen, daß nichts Gutes dabei herauskam, wenn man eine Sache einfach anfing, ohne die Folgen zu schätzen. Wohin rennen? In den dumpfen Gesichtern der Verwunderten, die man auf seiner Flucht streifte, fand sich keine Antwort. Zurück ins Hotel konnte man nicht, dort war man jetzt nicht mehr sicher; eine Kneipe würde einem nur bis zur Sperrstunde Schutz bieten. Wohin? Sollte man nicht dem Drang nachgeben & stehen bleiben?
In Bewegung bleiben, nicht über das Anhalten nachdenken, Haken schlagen, das erworbene Gassenwissen nutzen, erst einmal versuchen, den Gegner abzuhängen, dann über den Zufluchtsort spekulieren... Hinten kam das Echo der Schritte näher, teilte sich, einmal, zweimal – sie versuchten einen einzukreisen, man mußte die anvisierte Route aufgeben, schlug sich nach links & zweimal nach rechts, beschleunigte nochmals, stellte fest, daß man der Orientierung verlustig gegangen, im Kreis gelaufen & wieder in der Gegend des Überfalls angelangt war, aber immerhin nun durch jene Gasse lief, hinter der sich ein großer Platz mit Geschäften anschloß, vielleicht könnte man hier seine Verfolger verwirren? Stehen bleiben, um den Platz zu überblicken, welchen Weg sollte man nehmen, gleich würde einer um die Ecke biegen, wo waren die anderen, war man mit Absicht zurückgetrieben worden? Der Platz eine Falle, tatsächlich: da vorne, ein Schatten, aus war das Spiel, da drüben der zweite, die Umzingelung sollte am selben Ort wiederholt werden, man hatte so viel Abstand zwischen sich & seine Verfolger gebracht, nun aber wurde man in die Mangel genommen, man konnte aufgeben, hier käme man nicht wieder heraus.
Bevor sich das Schicksal erfüllte, wurde man am Arm gepackt von einer Hand, die aus dem dunklen Zwischenraum zweier Häuser hervorschoß, wo kurz zuvor noch eine Holzverschalung gewesen war.
–Leise… Folgen!
Man lies sich von der Stimme ins Dunkel ziehen. Der, zu dem sie gehörte, schloß die Verschalung & schob einen weiter: den schmalen Gang entlang zu einem Hinterhof & die nächste Häuserspalte nach links hindurch zu einem Nachbarshof & durch eine Hintertür in einen kleinen Laden, der einem seltsam vertraut vorkam, einen Laden mit Büchern? Alles war dunkel, man konnte nichts identifizieren. –Leise, wiederholte der andere & drängte an den Regalen vorbei zu einer Toiletten-Nische mit einer kleinen Luke nach draußen. Er stellte sich auf das geschlossene Klosett, zog sich linkshändig am Sims hoch, der Stand des linken Beins etwas kraftlos, & spähte hindurch. Er war untersetzt & vollschlank & vielleicht zehn Jahre älter, soviel ließ sich im Gegenlicht feststellen. –Da kämen sie, zischte er, –Jetzt keine Bewegung! Er zog den Kopf ein wenig ein, durch die Luke war die ausklingende Interferenz dreier Schrittmuster zu vernehmen.
–Wo er hin wäre.
Die Stimme des Trenchcoatmanns. Daneben kehlige Geräusche, die von einem Taubstummen stammen könnten – oder als versuche jemand mit betäubtem Kiefer zu sprechen. Wahrscheinlich der Stämmige.
–Er sei nicht über den Platz gekommen?
Der Schmale wimmerte immer noch.
–Er solle aufhören zu flennen, klang der Trenchcoatmann ärgerlich. –Er wäre ihnen doch in die Arme getrieben worden. Wie sie ihn da entkommen lassen konnten.
Das Wimmern wurde zu einem stoßweißen Atmen, der andere gab wieder die seltsamen Laute von sich.
–Hierdurch könne er nicht gekommen sein?
Ein Schlag auf Holz. Die Verschalung. Der Alte wirkte besorgt.
–Also in die andere Richtung. Nach Links. Nach Links! Sie kriegten ihn noch. & Laurel solle aufhören zu schnaufen. Nein, dafür gebe es keine süße Belohnung.
Schon waren sie weg. Einer von ihnen hatte vor Wut gegen die Bretterwand geschlagen, ohne den Durchschlupf zu bemerken.
–Welchen Fisch er da an Land gezogen habe.
Ein weiterer Untersetzter war hinzugetreten. Er zog das rechte Bein etwas nach, der linke Arm hing ihm wie ein angehefteter Lappen herab.
Man wagte einen kurzen Blick durch die Auslage auf den Platz. Im Fensterglas klebte seitenverkehrt die Laden-Inschrift: h c s d u h c s d a M & h c s… Ach so: Antiquariat Jadschudsch&Madschudsch [Namen geändert]. Die Bücherei, die man vor einigen Tagen durchstöbert & deren Hinterausgang man für die Verwirrung der imaginierten Beschatter genutzt hatte. Die beiden Herren mit dem buschigen Kranz graublonder Haare um die Glatze waren die Inhaber. Zwillinge & an den Extremitäten beeinträchtigt, von denen je eine an ihnen herumschlackerte, als gehörte sie nicht ganz dazu.
–Er solle sich einmal bei Lichte besehen lassen.
Der andere – welcher der beiden? – leuchtete ihm mit einer Taschenlampe grob ins Gesicht.
–Du meine Güte – da habe Jadschudsch ihnen aber was eingebrockt. Es wäre ihm eine Ehre Herrn Iobst die Haut gerettet zu haben, aber jetzt müßte man den Laden wieder verlassen, jaja.
Er packte einen Arm & drängte zum Seiteneingang. Jadschudsch schloß die Luke, stieg von der Toilette & hielt seinen Bruder zurück.
–Das beste wäre, sie ließen Herrn Iobst hier bei sich wohnen. Im Dachgeschoß. Etwas Gesellschaft könne nicht schaden. Im Hotel könne man sich doch nicht mehr blicken lassen – dort würde man den Spürhunden des FAF nur in die Arme laufen.
–FAF? stellte man eine Zwischenfrage.
Madschudsch schenkte seinem Bruder einen vielsagenden Blick, auf den der aber nicht einging.
–Der Freundeskreis Autonomes Franken, erklärte Jadschudsch, –Eine Organisation, die für die Abspaltung des Frankenlandes von Bayern & Deutschland eintrete, deren Fernziele aber die Rückeroberung von Frankreich & Italien sowie die Wiederherstellung der Grenzen des Karolingischen Reiches wären.
–Nordbayerische Sektierer in Südfrankreich?
–Eben nicht Nordbayern, sondern Franken... Der FAF unterhalte überall in Europa Abteilungen – das Languedoc-Rousillon sei immerhin einmal das Grenzgebiet zu den Sarazenen, das Frankenland groß, ziemlich weitreichend gewesen, jaja...
–Könne er nicht seine Klappe halten? mischte Madschudsch sich endlich ein, –Er bringe sie in eine ziemliche Zwickmühle. Wenn sie ihn schnappten, würde sie das direkt zu ihrem Laden führen.
–Er solle nicht so dünnfellig sein, entgegnete Jadschudsch, –Das hier sei vielleicht die Gelegenheit, noch einmal Esprit in ihr Leben zu bringen, etwas wieder gut zu machen...
Man konnte nicht folgen, blieb an der Tatsache hängen, daß der Mann in dem Trenchcoat sich bemüht hatte, Hochdeutsch zu sprechen, aber seine Vokale, vor allem das A, in der Tat einen fränkischen Einschlag nicht völlig hatten kaschieren können.
–Man wolle jetzt bestimmt eine Erklärung, wandte sich Jadschudsch an einen, –Zunächst aber müsse man ausruhen, dem Gesicht fehle die Farbe. Schließlich sei man gerade noch der Folter entkommen. Wahrscheinlich das erste Mal mit einer Waffe bedroht worden, hm? Morgen werde einem alles weitere eröffnet.
Jadschudsch zwinkerte & deutete auf eine kleine Holztreppe, die in den ersten Stock führte.
–Er wolle ihn wirklich logieren? hielt Madschudsch ihn auf.
–Er solle ihm doch eins auf seine alten Knochen verpassen dafür.
Madschudsch zuckte mit den Schultern.
–Feigling, reizte der andere ihn.
–Er biege das nachher nicht wieder gerade.
–Als ob das je nötig gewesen wäre.
–& Neun&achtzig?
Jetzt war es an Jadschudsch, mit den Schultern zu zucken. Madschudsch genoß den Triumph... um dann doch einzulenken:
–Er koche Herrn Iobst erst einmal einen Jogi-Tee für die Nerven, jaja. Das bringe die Lebensgeister auf Trab. Oben könne man derweilen ein Bad nehmen – man sei ja ganz naßgeschwitzt. Handtücher lägen auf der Kommode.
Die Brüder waren ein bißchen wie zwei unberechenbare Stimmen, die im Kopf derselben Person herumspukten, um ihr Handeln nach der einen oder der anderen Seite ausschlagen zu lassen. Eine Art kindlicher Rangelei um die Führung – weil die Beteiligten sich ähnlicher sind, als sie zugeben wollen.
Das sollte man in den nächsten Tagen noch häufig zu spüren bekommen.
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