popp-ART

popp heißt das pop-paradox leben
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mai-jun.doc (9)

Am nächsten Morgen besorgte Madschudsch das Ladenge­schäft, wäh­rend man mit Jadschudsch am Küchentisch saß.
–Warum sie ihm geholfen hätten & soviel über diese Verbrecher wüß­ten? Was Sibylle da­mit zu tun habe?
–Immer der Reihe nach. Vielleicht solle man zu­nächst die eigene Ge­schichte er­zählen.
Jadschudsch zündete sich mit links eine Pfeife an & man gab ihm zu le­sen, was man in der Nacht des ersten auf den zweiten Mai in der Ka­thedrale ge­schrieben hatte. Über Ca­rola, die Bü­cher, Veiti, Sibylle. Den Rest trug man nach: Die vergeblichen Versu­che, das Rätsel des Zettels zu lösen. Die Mé­diathèque & Raoul.
Muhammadmusa hatte nur eine leichte Del­le abbekommen. Zwar ging sein Atem jetzt rasselnder, sonst aber verhielt er sich wie immer.
Jadschudsch hatte die digitalen Aufzeichnungen aufmerksam stu­diert, während er den Rauch einsog. Nach einer langen Pause, die Pfei­fe mit links ausklopfend, wandte er sich wieder an Roland:
–Fest stehe einmal der Betrug mit Mo­ritz Veitinger, jaja. Zwar sei nicht auszuschließ­en, daß es einen solchen im FAF ge­be – aber das sei recht un­wahrscheinlich. Eine Si­bylle kenne er nicht.
–Wieso der FAF hinter ihm her wäre?
–Er vermute, er wäre an dem Buch inter­essiert, das am Ursprung seiner Stafette stünde, brachte er die Angelegenheit sofort auf den Punkt.
–Ein Spaß, den man doch nur mit sich selber gemacht habe! Wie je­mand davon habe wissen können.
–Er habe es keinem erzählt? wurden seine Augen schmal.
–Niemandem, ganz sicher, keinem. Außer – nein! Nein, der nicht. Oliver Gebhard, ein alter Schulkamerad, arbeite im Außen­ministerium. Der beste Freund sozusagen. Bis... Naja ihm habe man kurz davon er­zählt, am Tele­fon. Dann hätten sie sich gestritten & Oliver ihm gera­ten, einmal hierher zu fah­ren. Nein, der komme nicht in Fra­ge.
–In Bayreuth befände sich die Zentrale des FAF...
Es wurde langsam ungemütlich. Oliver? Immerhin – er hatte ihn auch an Carola verpfiffen...
–Was mit ihnen wäre, versuchte Roland die Führung an sich zu rei­ßen, –Den Zwillingen – Zeit für ein paar Gegenfragen.
Madschudsch lugte herein, grantig.
–Er wolle dem Jungen doch nicht alles erzäh­len? –
–Man habe ein Recht darauf, konterte Jadschudsch.
–Einem Unbekannten ihr Geheimnis enthüllen?
Ein Glöckchen vermeldete einen Kunden & rief Ma­dschudsch zu­rück in den Verkaufsraum. Er warf dem Bru­der einen dro­henden Blick zu, den der stumm entgegen nahm. Kaum war Ma­dschudsch ver­schwunden, legte er los, eine zweite Pfeife (mit links) an­fachend:
–Also jetzt sie: er & sein Bruder seien seiner Zeit selbst im FAF ak­tiv gewesen, jaja. Bei der Gründung im Jahr Acht&sechzig: Da hätten sie noch in Franken gelebt, ge­rade einmal zehn Jahre alt. Beider Mutter damals et­wa in Ro­lands Al­ter, jaja – ein freches Fräulein, das zwar mit den jüdischen Wur­zeln der Fa­milie nichts anzu­fangen gewußt, diese Traditio­nen nicht ge­lebt, aber als eine, die als Kind die zerbombten Städte gesehen, das Lei­den des jüdi­schen Volkes durch den Verlust der Großeltern am eige­nen Leib erfah­ren & den Mief der Adenauer-Zeit nachher mit­erlebt habe, eine der ersten gewesen sei, die Ende der Fünf­ziger gegen die alte Moral aufbegehrten: Sie wäre schwanger geworden & das unehelich. Der junge Vater habe sich davongemacht & sie selbst auch gleich ihre Familie verlassen, bevor sie sie ausstoßen konnte. Dann sei sie mit ihnen im Bauch nach Frank­furt ge­zogen, habe ein So­ziologie-Stu­dium aufge­nommen; schließlich die starken Schmer­zen noch in der Frühpha­se der Schwangerschaft im Winter sieben&fünfzig: Sie habe kaum schlafen können & man habe ihr etwas verschrieben, das zwar die Schmerzen linderte, aber dafür zu einer Thalidomidem­bryopathie führte.
–Thalio-was?
Man hatte den Faden verloren, der Blick sich im Karomuster der Wachstuchtischdecke verfangen, die Brandflecken trug. Sie passten zum Jugendstil-Muster der braunen Tapete. Im Hintergrund beriet Ma­dschudsch noch immer den Kun­den.
–Contergan, frisch auf dem Markt. Das Ergeb­nis sähe man vor sich: Knochenmiß­bildungen am linken Arm & rechten Bein bei seinem Bru­der, am rechten Arm & linken Bein bei ihm selbst. Erst als sich bis Ein&sech­zig die Fälle ge­häuft hätten, sei das Medikament aus dem Handel ge­nommen worden, jaja. Die Mutter habe bis Neunzehnsiebzig in dem Mammutprozeß ge­meinsam mit anderen Be­troffenen um eine Ent­schädigung ge­kämpft. Mit dessen Einstellung sei es zu einem schäbi­gen Ver­gleich zwi­schen Eltern & Her­steller ge­kommen: Zwar habe der Bund sich an den Zah­lungen beteiligt, aber die Summen, die tat­sächlich in die Geld­beutel der Opfer geflos­sen seien – eine Beleidigung! Mut­ter habe noch eine Rechnung offen gehabt, sei also neunzehnhundert-ein&sieb­zig den FAF-Mili­zen beigetret­en – der FAF ihre neue Fami­lie... Zuerst sei das eher ein Jux ge­wesen, um ein paar Leu­ten in den Allerwertes­ten zu tre­ten. Die Abkür­zung habe damals noch für Freigeistige Anarchie-Flagellanten ge­standen... Aber mit der Zeit sei die Sache aus dem Ru­der gelaufen: bald habe der FAF den bloßen Straßen­kampf auf­geben – aus dem studentis­chen Chaoshaufen sei eine straff or­ganisierte Terror­gruppe geworden, jaja, die ih­nen ideologie­fremde links- wie rechtsradi­kale Milizen unter­stützt habe, um dank der Kon­zentration der gesell­schaftlichen Kräfte auf die von diesen ent­fachten Ge­waltakte selbst im Hin­ter- & Untergrund agieren zu können. Die Sa­che im Münchner Olym­piastadion sei dann das letzte große Ding gewe­sen – die Aktion habe denjeni­gen Stim­men in der Grup­pe Aufwind ge­geben, die sich für eine Beto­nung der unauf­fälligen Me­thoden ausge­sprochen hätten. An­fang der Achtziger, unter­stützt von vermögenden Mäzenen aus Oberfran­ken, sei dann die endgültige Wende zum Ge­heimbund mit erwei­terten Zie­len eingeleitet worden. Diese neue Orga­nisation sei nun in Freundeskreis Autonomes Franken umbenannt wor­den – oder für die Initiierten: Fraternitas Automendonti Franconiae, die »Bruderschaft der geschickt­en Wagenlenk­er Frankoni­as«.
Man schwieg. Der Rauch machte irgendwie schwindelig & Jad­schudsch war im­mer schneller geworden – als wolle er sicherstellen, alle Informationen losgeworden zu sein, bevor sein Bruder zurückkam.
–Die Methoden des FAF seien denen staatli­cher Ge­heimdienste ebenbürtig: der Einsatz von Spionage, V-Männern, Be­stechung habe über die Jahre dazu ge­führt, daß ganz Nordbayern sich heute faktisch unter seiner Kon­trolle befinde, jaja – & das schon seit Neun&acht­zig, als man heimlich ein un­abhängiges Fran­konia ausgerufen habe. Der FAF habe sich damals selbst ein Sym­bol geweiht, zur Iden­tifizierung seiner Agenten: ein nor­males & ein nach links gespiegeltes F, kombi­niert mit einem A, das auf dem Kopf steht.

???

Jadschudsch malte das Zeichen auf eine Tageszeitung, die auf dem Tisch lag. Das Türglöckchen schepperte, als der Kunde den Laden ver­ließ – Ma­dschudsch mußte jeden Augenblick kommen.
–Bereits Mitte der Siebziger Jahre habe man die Zentra­le des FAF von Frankfurt, das zuviel Aufmerk­samkeit auf sich gezogen habe, nach Bayreuth verlegt. Damit sei der nächste Strate­giewechsel einhergegan­gen. Getreu dem Motto »Was ge­schrieben steht ist wahr«, sei man dar­an gegangen Texte, Do­kumente & Schrif­ten von Be­lang im eigenen Sinne zu fälschen. Deshalb wahrscheinlich auch das Interesse an Roland & dem Buch, die Tatsache –
–Er habe also alles verraten.
Madschudsch war da. Er hielt sich rechts am Farbe abblätternden Rahmen der Tür fest & war nicht in bester Laune.
–Jetzt könne man den Rest auch noch hören...
–Er werde sie vorzeitig ins Grab bringen.
Madschudsch schüttelte den Kopf & trat ein, ein Zeichen der Aufga­be, während sein Bruder ein wenig rot wurde, aber nachsetzte: –We­nigstens nicht als Duck­mäuser...
–Wie auch immer, beeilte sich Madschudsch das ein­mal Begonnene selbst zu Ende zu bringen, den Bruder vom Stuhl scheuchend, –Jad­schudsch habe gerade erwäh­nen wollen, ge­wisse Um­stände hätten zum Bruch zwischen ihnen & dem FAF ge­führt – sie hätten flie­hen müssen, jaja. Er koche übrigens heute einen Kakao mit einem Schuß Chili.
–Gerne.
–Sie hätten gedacht, sagte Jadschudsch, nun (links) an der Tür leh­nend, während Madschudsch sich rechtshändig am Herd zu schaffen mach­te, –Es sei am sichersten, wenn sie zwar Deutschland den Rücken keh­ren, sich aber in direk­ter Nachbarschaft einer der Stütz­punkte des FAF nie­derlassen würden. Dort würde sie wohl keiner vermuten... & um die Strategie per­fekt zu machen, hät­ten sie sich des Juden­tums ihr Mut­ter erinnert, diese Namen angenommen (die Fran­zosen hier unten lieb­ten so et­was & erst Recht die Touris­ten) & den Laden eröff­net. Die Nicht-Tarnung habe nun über zehn Jahre ge­halten, jaja.
–Unglaublich.
–Die beiden Männer von gestern, ergänzte Jadschudsch, –Sie hießen Laurel & Hardy. Alle in der Organisation trügen solche Codenamen.
–Sibylle?
–Könnte sein...
–& wer kenne die richtigen Identitäten?
–Nur der Unsägliche, setzte sich Madschudsch wieder auf seinen Platz, während die Milch auf das Er­hitzen der Kochplatte wartete.
Man schaute von Madschudsch auf dem Stuhl zu Jadschudsch im Türrahmen & wieder zurück.
–Der geheime oberste Führer des FAF, konkretisierte er –So ge­heim, daß niemand sei­nen wahre Identität kenne & er meistens gar nicht – oder wenn doch, dann nur in Ver­hüllung auftre­te, jaja.
–Wie man ihn dann erkenne.
–Er trage das Präputium, erklärte Jadschudsch, –Die Vorhaut Jesu Christi, aus dem berühmten Schatz Karls des Großen, des ersten Kai­sers der Franken, in einem Amulett um seinen Hals: als sein Zeichen.
Allmählich stieg einem die Sache etwas über den Kopf. Man mochte die beiden Buckligen, wirklich – aber war sich nicht sicher, ob ihm hier nicht eine grandiose Flunkerei aufgetischt, ein bibliophi­ler Scherz mit ihm getrieben wurde...
Madschudsch schien einem das anzusehen: –Laurel & Hardy seien damals die Zungen ent­fernt worden. Jaja, weil sie sich zwar als gefüg­ig, aber eben auch redselig er­wiesen hätten. Der Dritte im Tren­chcoat sei der Chef der Bande: Co­lombo. Mit drei O. Der könne, wenn er einmal die Conte­nance verlö­re, zu ei­nem echten Bei­ßer werden...
Das hatte man ja zu Spüren bekommen...
–Diese Dreier-Konstellationen seien sehr beliebt beim FAF, fügte Jadschudsch hinzu, der jetzt (linkshändig) das Würzen der kochenden Milch mit braunem & rotem Pulver über­nahm, da Madschudsch wie­der im Verkaufsraum gebraucht wurde, –Dennoch sei die For­mation um Colombo nur eine der äuße­ren Struktu­reinheiten. Auch die ande­ren Stützpunkte in Frank­furt, Paris, Berlin, Aachen, Rom, ver­fügten über einen bis drei dieser Trupps, die im­mer dann eingesetzt würden, wenn die ge­heimen Me­thoden nicht mehr wei­terhelfen würden. Jaja, sie hätten gleich geahnt, daß Ro­land, als man das erste Mal den Laden be­treten habe, mit denen Ärger bekommen würde. Die Bücher, für die er sich in­teressiert, die Fragen, die er ge­stellt habe... Dann sei er er­neut herein­geschneit: durch die Seitentür & vor­ne wieder her­aus – da seien sie ganz si­cher gewesen, daß sie hinter ihm her waren. Also habe er, Jad­schudsch, das brüderli­che Verbot ignorierend, sich auf die Lauer gelegt, durch die Toilettenlu­ke die Nachbargasse beobach­tet, weil die eine be­liebter Ort für Colombos Zangenangrif­f-Manöver sei.
–Aber wie sie seinen Namen herausgefunden hätten.
–Dank der Kreditkarten-Daten –
–Ach ja, Wagners Mein Leben
Jadschudsch rührte mit einem Holzlöffel im Topf herum. Allmählich wurde ihr Indiziengebäude ziemlich stabil.
–Er habe sich schon in den Ho­tels nach einem erkundigen wollen, aber ge­zögert: aus Angst, die Te­lefone könnten angezapft wor­den sein. Da habe der Zufall das Pro­blem gelöst...
–Angenommen man glaube das alles, wollte man endlich zum Ende kommen, –Was das alles mit ihm zu tun habe? Sibylle –
–Sicher eine feindliche Agentin, kam Ma­dschudsch von ne­benan, den Laden zur Siesta abschließend; seinem Blick nach zu urtei­len hatte er eben einen Einfall gehabt: –Vielleicht sei den Katha­rern ja et­was in die Finger ge­langt, was ein­mal dem alten Charlemagne ge­hört habe.
–Eine Schriftroll­e zum Bei­spiel – möglicherweise der Ursprung die­ser Sta­fette, sprang Jadschudsch ihm bei.
–Et­was so Wertvolles jedenfalls, daß die Kirche al­les dar­an gesetzt habe, es zurückzubekom­men. Das wür­de die Radikali­tät der Verfol­gung erklä­ren – schließlich hätte dieselbe Kir­che andere häreti­sche Gruppie­rungen dieser Zeit durchaus tole­riert, manche so­gar ge­fördert.
–Wieso hetz­ten sie einem dann Co­lombo auf den Hals? Wenn ihn Veitinger nur wegen dieser Urschrift hergelockt habe – wieso sei man dann nicht einfach dem verspro­chenen Kontakt­mann begegnet?
–Könnte von einer Gegenpartei ausge­schaltet & von Si­bylle ersetzt worden sein, begann Madschudsch das heiße Getränk rechterhand in drei Tassen zu füllen, die Jadschudsch ihm mit links anreichte, bevor er sich wieder auf den Stuhl setzte, –Das habe ih­ren Pläne durchkreuzt – sie hätten erst in Erfahrung bringen müssen, was falsch ge­laufen war, bevor sie sich ihm offenbarten. Da sie aber wohl weiter im Dunkeln ge­tappt seien, hätten sie es eben mit einem Überfall versuchen müssen.
–& die Ähnlichkeit zu Ca­rola?
–Ob er den Zettel einmal sehen dürfe, streckte Madschudsch die Hand aus, das Thema flink auf etwas Konkretes lenkend.
Man reichte es ihm. Er musterte es sorgsam durch seine Brille, ver­gaß darüber völlig die trinkfertigen Tassen; er hielt es über eine Kerze, blies etwas Metall­staub aus einer Dose darüber – nichts.
–In der Médiathèque hätten sie damit nichts anfangen können?
–Nein.
–Ob er sich eine Ab­schrift machen dürfe? Er kenne ein paar kleinere Bibliothe­ken & Bü­chereien in der Ge­gend...
–Man wolle mitkommen, stand man mit recht plattem Hintern auf.
–Auf keinen Fall, wurde man von Jadschudsch einhändig auf den Stuhl zurück gedrückt, –Sie seien mit den Leuten hier bekannt – da sei eine Anfrage nichts Unge­wöhnliches. Bei einem Orts­fremden aber habe der FAF schon eine neue Spur... Ob man jemanden kenne, mit dem man eine Übergabe der Sachen aus dem Hotel arrangieren kön­ne?
–Raoul. Den Mann von der Rezeption. Er wisse auch über die Ge­schichte weitgehend Be­scheid, sei also vertrauenswürdig.
–Gut. Er, Jadschudsch, über­nehme den Laden & werde morgen früh im Ho­tel an­rufen, mit diesem Raoul sprechen, während Madschudsch dem Zettel nach­gehen sollte.
–Ausnahmsweise korrekt geschlossen, bestätigte der Bruder.
–Warum sie das alles für ihn täten?
–Sie hätten sich eben nie eine Fa­milie leisten können, packte Jad­schudsch Roland energisch links an der Schulter & Madschudsch, wäh­rend er ihm rechterhand die Tasse zuschob:
–Jetzt solle er aber endlich seinen Ka­kao...

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