Elfter Juli. Erste Post seit längerem – nicht von Oliver: Die Berliner Wasserbetriebe drohen die Zufuhr zu kappen, der Vermieter schulde ihnen noch neuntausend Mark. Sie regen eine Mieterversammlung an, bedauern die Ausweglosigkeit der Situation.
In der Kreuzberger Oranienstraße neben den Antiquariaten & Remittenden-Buchläden einen internationalen Zen-Tempel entdeckt. Hier lehrt ein berühmter Buddhist die Deutung der Kôans. Plan, sich nach dieser Geschichte für einen Kurs anzumelden.
Mittlerweile die Wohnung nach Abhörgeräten durchsucht. Erst hinterher Einfall, daß den Gegner Gespräche kaum interessieren dürften, solange sie nicht von einem niedergeschrieben sind.
Muhammadmusa besser nicht mehr mit dem Netz verbinden.
Zwölfter Juli. Telefonat durch die Instanzen im Auswärtigen Amt & der Deutschen Botschaft in London. Oliver sei zur Vorbereitung des G-Acht-Gipfels nach Genua delegiert worden.
Das Bundesverfassungsgericht stützt die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts: die Liebes-Parade sei eine Spaß-Veranstaltung & keine po /.../
Diesjähriges Motto: »Join the love republic«.
Beschluß, dieses Jahr einmal hinzugehen.
PROJEKT: BECHER DES KÖNIGS IN THULE (VII)
Verdacht: Jean Paul lebte eine Zeit lang in Bayreuth. FAF vielleicht älter, als von Jadschudsch & Madschudsch behauptet? Jean Pauls Unsichtbare Loge etwa?
Verbindung zu den anderen Gesellschaften:
Freimaurer: Sie kennen die Loge als Ordnungsprinzip ihrer örtlichen Vereine. Fühlten sich als die legitimen Nachfahren der Templer. Doch eher harmlose Handwerker. Ursprung in England. Das ganze stets überschätzt worden. Aber immerhin Goethe & Herder & Lessing & Mozart & Friedrich der Große… Die zahlreichen Neu-Templer-Orden eher sexualmagisch & / oder arisch orientiert. Großmeister hier: Rudolf Steiner & Alester Crowley (der Ober-Satanist!), ein Mitglied wahrscheinlich auch Strindberg. Vielleicht doch eine Rolle am Rande?
Rosenkreuzer: Manifeste Johann Valentin Andreäs als Basis. Die aber reine Erfindung. Wenn auch eine folgenreiche. Ziel die Generalreformation von Kirche, Staat & Gesellschaft durch pansophische Harmonie von Naturwissenschaft & christlichem Glauben. Garantiert durch eine dem menschlichen Wohl verpflichtete geheime Bruderschaft. Vorbild für Freimauer & Anthroposophen... Nichts für mich.
Illuminaten: Aus den Freimaurern hervorgegangen. Ingolstadt immerhin im oberbayerischen Territorium! Darum aber kaum Unterstützer der fränkischen Sache... Nur eine Sekte eingebildeter Aufklärer. Für Weltbürgertum & gegen das monarchistische Prinzip. Gründer Adam Weishaupt Professor für Kirchenrecht & Philosophie. Goethe wie Herder hier Mitglied. Falsche Bedeutungsaufladung der Drei&zwanzig von den Amerikanern: Erwähnung bei Burroughs, später Wilsons & Sheas berühmte Roman-Trilogie. Das hat viel Schaden angerichtet.
Drei&zwanzig nach den bisherigen Erkenntnissen philosophisch zu lesen: Als Schritt von der Zweiheit zur Dreiheit, von der entzwei gesplitterten Zelle zu ihrer Überwindung in der Triade, von der Linie, der kürzesten Verbindung zweier Punkte, Symbol der unendlichen Zeit & Logik des Wenn-Dann, zum Dreieck, Symbol des Einschlusses, der Rahmung & kosmischen Ordnung. Von der Fläche, Symbol des Gegenüber, Sehens & Scheins, zur Pyramide, Symbol des dreidimensionalen Raumes & in die Tiefe dringenden Hörens. Höchstens hier noch ein Illuminaten-Bezug: Das Auge über der Pyramide auf dem Dollar /.../
Dreizehnter Juli. Nachricht von Arni zusammen mit der Diskette – das seine Analyse: Datei darauf durchaus Neugier erweckend. Potentiale erkennbar, dafür Schwächen in Plot & Stil. Zuviel Bericht, zuwenig Erleben. Satzbau zu labyrinthisch, Wortschatz zu altbacken. Chance einer Veröffentlichung momentan eher gering. Eine umfassende Überarbeitung & ein sorgfältiger Lektor jedoch könnten sie erhöhen – hinge auch vom Fortgang des Ganzen ab. Erster, antreibender Handlungs-Punkt am Ende zwar spät gesetzt, aber dank der dramatischen Wende gute Vorlage für turbulenten Mittelteil. Fortsetzung mit Interesse erwartet.
Telefonate mit der Deutschen Botschaft in Genua. Oliver Gebhardt gestern Abend eingetroffen, zur Zeit aber mehreren Konferenzen verpflichtet. Ja, man werde eine Nachricht hinterlassen.
In der Bertolt-Brecht-Bibliothek hat sich in der Ecke, in der man seine nachmittägliche Lektüre zu halten pflegt, ein Kerl breitgemacht. Verhält sich verdächtig, hat einen aber nicht bemerkt.
Zukünftig Bibliothek & Kantine meiden.
Vierzehnter Juli. Heute tatsächlich /.../, dem Idol unserer Studentenscha /.../. Auf Werbe-Reise für sein neues Buch. Steht an der Imbiß-Oase in der Karl-Marx-Allee & genehmigt sich eine Currywurst – genau der bibliothekarische Mönch, den man sich stets vorgestellt hatte. Die Brille ist er losgeworden, wie es scheint jetzt Kontaktlinsen. Versuch, ihn in ein Gespräch zu verwickeln.
–Ob die Wurst zu empfehlen sei?
–Genau wie der Kanzler sie liebe...
Kann deutsch, zwinkert, reibt sich die Augen. Die Maske des Narren am Hofe King Lears... Hat er einen erwartet? /.../
Schenkt mir eine vorsignierte Ausgabe, frisch aus dem Drucker, noch nicht veröffentlicht. Ist gespannt auf die deutsche Kritik. Vor einem Tag & Monat habe ja die OECD unsere Gelehrtenrepublik angegriffen: Nur sechzehn Prozent hätten Hochschulabschluß, der EU-Durchschnitt läge bei Fünf&zwanzig. Warum er dann hier so erfolgreich sei wie nirgendwo, fragt er sich & gibt selber die Antwort:
–Der Erfolg eines Lügners. Er meide das Dilemma des Intellektuellen: Je weiter der sich der Gesellschaft entfremde, um ihre Elite zu bilden, desto tiefer gerät er in sein eigenes Labyrinth. Hamlet begegnet den Totengräbern… Eine Rückkehr kaum möglich.
Die Worte versickern. Er reibt sich die Augen. Als wäre ein Kleintier hineingeraten.
–Wie man wieder herausfände?
Er hat die Frage erwartet.
–Das gelänge selbst mit einem phosphorglühenden Faden der eifrigsten Ariadne nicht. Da helfe nur noch der Trick des Detektivs: Vermutungen aufstellen, die Probe machen.
Das ahnte man schon.
–Ein wenig banal, ja – aber die einzige Möglichkeit.
Man berichtet von der Bücherstafette. Er scheint beeindruckt.
–Nun sei die Fälschung der Welt in die Welt geraten & man spekuliere, wie sie sich fälschen ließe, um die Welt zu retten?
Nicken.
Er erbittet sich das Buch zurück, will noch etwas hinzufügen.
Setzt an, kritzelt – da wird das Drücken im Auge unerträglich für ihn. Das Buch beiseite, –Er habe sich noch nicht an die Dinger gewöhnt, pult er die Linsen heraus & plaziert eine über & eine unter der Zunge. Kein Reinigungsmittel zur Hand, er reibt sich die Augen. So kann er nicht sprechen. Zeigt auf die Uhr, ein Termin, reicht einem die eine Hand, klopft auf die Schulter. Ein freundschaftlicher Abschied – man ist ihm sympathisch! Man klopft auch & schüttelt. Ein ploppendes Geräusch verrät: das war keine gute Idee. –Meime Mememum! ruft er noch rechtzeitig. Scheinbar ist ihm nur eine entfleucht. Er wirft sich herab auf die Knie – sofort pudert die Straße den Anzug – & tastet maulwurf-tapsig über den Boden. Man hat das zu verantworten, also sollte man beispringen, aber was, wenn…? Die Linse scheint weiter gehopst, als gedacht, er hat bereits alles im Umkreis befingert, Hände & Ärmel & Knie sind schon ganz staubig, man kann jetzt nicht einfach so blöd hier herumstehen, muß sich bewegen, zumal ein paar Zaungäste sich nähern, was, wenn…
Da ist es passiert, direkt unter den eigenen Füßen! Der Italiener hat es nicht gehört, aber man ist so erschrocken, daß man spitz aufschreit. Die Zaungäste immerhin glauben, wir wären zwei Tölpel, oder es handle sich um so ein unsichtbares Theater, wo man am Ende den Zuschauern vorhält, daß sie zugeschaut hätten & warum denn nur zugeschaut, wenn das kein Theater gewesen wäre, hätten sie handeln müssen & nicht einfach nur glotzen, worauf sie dann: es sei doch aber Theater gewesen, & wieder die Darsteller: ja, aber eben nicht sichtbar…
Jedenfalls, dem Professor geht der Schrei so durch die Knochen, daß er sich nicht gegen den Schluckreflex wehren kann. Erröten & Hustenanfall. Die andere Linse ist ihm in die Luftröhre geraten. Mir ist es peinlich, ihm ernst. Er bekommt keine Luft & läuft an. Man zupft den Budenbesitzer am Arm & macht sich davon (vorher noch gegrabscht nach dem Buch). Hoffentlich überlebt er…
Plötzlich Verdacht. Ein Spitzel? & Nothalt.
Die Widmung:
»Dem Ritter Roland mit dem scharfen Schwert Durendal, Verteidiger der Franken & Schlächter der Sarazenen.
Herzlichst, Ihr Prof.«
»P.S.:Der dreisteste Lügner erzählt einfach di«
Das letzte verschmiert & nicht zu Ende geführt. Den Namen hat man ihm nicht genannt. Blick zurück.
Niemand da.
Fünfzehnter Juli. SDI. Star Wars. Man bräuchte auch so ein Raketenabwehrsystem. Wann wird man aufgesp /.../
Man kann nichts tun. Man ist angewiesen.
Buddha sagt im Udana VIII, Vier:
»Bei dem, was von anderen abhängig ist, gibt es Bewegung,
bei dem, was von nichts abhängig ist, gibt es keine Bewegung,
wo keine Bewegung ist, da ist Ruhe,
wo Ruhe ist, da ist kein Verlangen,
wo kein Verlangen ist, da gibt es kein Kommen & Gehen,
wo es kein Kommen & Gehen gibt, da gibt es kein Sterben & Wiedererstehen,
wo es kein Sterben & Wiedererstehen gibt, da gibt es weder ein Diesseits noch ein Jenseits, noch ein Dazwischen – das eben ist das Ende des Leidens.«
PROJEKT: BECHER DES KÖNIGS IN THULE (VII-Zwei)
Falsch gelegen! Jean Paul meint nicht den Tell, sondern Maria Stuart. Nächster Hinweis vermutlich im dritten Akt, der Begegnung der »zwei Huren«. So hat Goethe sie genannt, die geile Maria & die frigide Elisabeth...
Wer von beiden bist du, Urischka.
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