Siebzehnter Juli. Im Tiergarten, rund um den Großen Stern, haben sie die historischen Straßenlaternen demontiert. Da glimmen nun Billig-Lampen ohne die Möglichkeit, sich auf der Liebesparade in Sitzgelegenheiten verwandeln zu lassen.
Abends Zerstreuung im International. Erster Kinobesuch seit langem. Final Fantasy.
Nachtrag: Perverses Stück Zelluloid, verräterischer Titel! Die computergenerierte Realität besitzt keinen Körper, keine Erotik: Sie kann alles zeigen, auf Andeutung verzichten. Das Bild wird damit zur Oberfläche, der Ein-Bildung keine Lücke mehr lassend. Der Schleier zerrissen, Fantasie überflüssig.
Danach noch Richtung Hackescher Markt. Unerwartetes Begehren nach warmer Haut. Wer war Urischka. Das Weib ist der Ursprung, die Quelle, das Zufallsprinzip, der Flügelschlag des Schmetterlings im deterministischen Universum. Eine verteilt einen Korb & verändert schon den Lauf der Geschichte...
Weiter zur Oranienburger Straße. Keine Ahnung woher der Mut.
Gleich die erste angesprochen. Man suche Ausgefallenes. Verweis an eine Kollegin am anderen Ende. Wo die Gesuchte steht, strahlt der Asphalt die Energie des Tages zurück. Das muß sie sein.
–Sie sollten zu Roland gehen, hustet man schnell über die Unkenntnis der Gepflogenheiten hinweg.
Ihr ist es nur recht.
Sie sieht ihr nicht ähnlich. Will Lala genannt werden.
–Warum nicht Lulu oder Lilly?
–Lala eben.
Wie ein Kinderlied... Den richtigen Namen verrät sie nicht.
–Zahlen nur im Voraus. Hundert fürs Standardprogramm.
–Hundert?
–Man suche doch was Besonderes. Ausgefallene Wünsche, ausgefallener Preis. Weitere Extras für fünfzig.
Kühn streckt man ihr Zweihundert entgegen, die Extras überlasse man ihr. Nach Geldübergabe wird sie charmanter, hakt sich unter & lacht. Hat es nicht eilig. Es wird einem hinterhergeschaut.
Beim mir angekommen, huscht sie sofort ins Badezimmer, –Nur einen kleinen Moment, hoffentlich Wasser noch da; man schält sich rasch aus den Kleidern, Stereoanlage an, Unvollendete, schlüpft unter die Decke, kalt ist es, alles zieht sich zusammen, läuft ein & wird faltig (kein Problem für den Pennäler, Viagra-Tablette lange vorher geschluckt), nur bibbern sollte man nicht – wegen dem Anschein der Angst; also aufspringen (hoffentlich kommt sie jetzt nicht): Thermostat aufgedreht; im Bad schließt der Wasserhahn, ein Schritt knallt auf den Kacheln – schon steckt man im Bett, nun ist es warm, aber nicht wegen der Heizung; es gleitet die Tür auf & Lala tritt in den Rahmen, nackt, join the love republic: zwischen den Beinen ein Schlitz & ein Schlitzer – ein Hermaphrodit.
Wie kann das sein, noch im Kino, letzte Nachtvorstellung, The Crying Game? Sie blickt einen an & man blickt zurück, im Film blickt keiner direkt ins Kamera-Auge... Wir beide ganz stumm, da hilft auch kein Aufputschen: es kneift der Soldat, läßt sich vom Dienst freistellen. Sie hat meinen Blick gleich verstanden – das stand nicht zu lesen auf der Verpackung: so ausgefallen hatte es doch nicht sein sollen; also ist sie hier falsch & sagt deshalb mit zitternder Strenge:
–Das Geld aber gäbe es nicht mehr zurück.
& will sofort gehen (& wird etwas rot im Gesicht, als schäme sie sich dafür), aber man hält sie/ihn fest, will ihn/sie hier behalten, kein Vollzug, kein Gerede, einfach da sein solange die Zeit bezahlt ist, Körper an Körper wie zwei glühende Kohlebriketts.
Sie/Er stimmt schließlich zu, zögerlich, ob des überraschenden Vorschlags & der darin steckenden Frage nach meinen Absichten...
Dann liegen wir wirklich einfach beisammen, tauschen Wärme, lauschen dem Atem, saugen den Duft unserer Haut, ich kein Mann, er/sie beide Geschlechter. Mir verhilft es zu einem vollkommen Schweigen meiner Gedanken, endlich der ersehnten Ruhe... der Aufruhr in ihren Augen aber verrät, daß sie soeben nochmal ihre eigene Geschichte durchlebt, während wir einfach so da liegen in der Zeit nebeneinander.
Irgendwann ist es soweit, es folgt die Trennung. Immer noch sprachlos sucht sie ihre Sachen zusammen & schlüpft in ihren Mantel. Sie dreht sich noch einmal um, den direkten Blick meidend.
–Es sei ihre Masche mit der Besonderheit ihres Körpers zu täuschen, um sich so aus dem Vollzug winden zu können – & es sei ihr immer gelungen. Das habe sie so noch niemandem erzählt, mir aber jetzt, weil es ihr gerade Leid täte (warum auch immer). Nach der Offenbarung ihres zweifachen Seins habe sie noch nie einer länger neben sich geduldet. Sie sei ganz & gar gegen ihren Willen & nur wegen des Geldes, in Wirklichkeit habe sie nie... Ihr Name sei Rascha. [Name geändert]
Die Tür kommentiert alles mit einem langen Falsett-Ton, bevor ein leiser Knacks ihr Schließen verkündet.
Achtzehnter Juli. Endlich Antwort von Oliver. Eine Sekretärin der Deutschen Botschaft übermittelt:
–Herr Gebhardt bedauere aufgrund dringender Geschäfte im Moment keine Zeit erübrigen zu können.
–Er wäre ein Freund.
–Das sei ihr bekannt.
–Ob sie die Nummer des Geschäfts-Mobiltelefons zur Hand hätte?
–Darüber sei der Chef nur für erwünschte Personen erreichbar.
–Es handele sich um einen Notfall.
–Die Anweisung sei unmißverständlich gewesen.
–Es handele sich um einen Notfall.
–Bedauere. Man könne es ja irgendwann später wieder versuchen. Auf Wiederhören.
Das Bundesverfassungsgericht lehnt einen Eilantrag Bayerns & Sachsens gegen die Ehe der Andersartigen ab.
Wo ist das Buch vom Prof.? Verlegen unmöglich. Was geht hier vor?
Neunzehnter Juli. Brief von Mutter. Sie mache sich Sorgen, warum man sich nicht gemeldet habe, wo man gewesen sei, wie es einem ginge, was die Selbständigkeit mache, ob man Geld brauche, wann man sie mal wieder besuche käme…
Dann die Tirade: Leipzig habe sich gegen Hof durchgesetzt, mit dem neuen BMW-Werk. Jetzt gingen die hunderttausend Arbeitsplätze & Milliardeninvestition mal wieder in die Zone. Bekämen nie genug da drüben. Erst das Geld eins zu eins – dann die Autos, die Straßen, die Häuser, die Fördergelder, den Solidaritätsbeitrag. & jetzt die Renten die Stellen die Löhne. Derweilen hier in Franken ein zweites Sizilien. Wenn die in Berlin nun mit der PDS zusammengingen, wandere sie aus. Erst die Mauer auf- & sich selber zugrunde wirtschaften & nun das verurteilen, damit sie an die Macht & die Sparbücher kämen...
Rückruf. Sie ist kaum zu beruhigen. Vater wohlauf.
Die Heizungsrohre summen.
Beinahe Wetterbericht vergessen. Mieterversammlung gemieden.
Zwanzigster Juli.
PROJEKT: BECHER DES KÖNIGS IN THULE (VII-Drei)
Was ist man blöde. Zweite Korrektur – Schiller hatte keine Ahnung, war nicht Teil der Stafette. Natürlich... Aber auch er hat es versucht & das überall herumposaunt. Man lese nur die Briefe zur ästhetischen Erziehung & die anderen Theorien, die die Stuart beeinflußt haben. Gab es da nicht diese These Mathilde Ludendorffs, daß Schiller mit Goethes Wissen einem freimaurerischen Mordanschlag zum Opfer gefallen wäre…?
In der Tat Goethe der nächste Verbindungsmann. Der alte Freimaurer hat sein Mosaiksteinchen nur bei Schillern versteckt, ein Meister der Heimlichkeit! Als Schiller an ihn über den Plan seiner Stuart schreibt, schickt er ihm Hintergrundmaterial. »Neugierig, die nähere Entwicklung zu vernehmen« läßt er sich immer wieder Zwischenergebnisse zeigen & macht Änderungsvorschläge, später sprechen beide beinahe täglich über einzelne Stellen. Als die Stuart fertiggestellt ist, bittet der Herzog von Sachsen-Weimar Goethe darum, Schiller zu einer Milderung der finalen Abendmahlsszene zu bringen. »Ich werde veranlaßt Sie zu ersuchen diese Funktion zu umgehen«, schreibt er. »Ich darf jetzt bekennen, daß es mir selbst dabei nicht wohl war, nun, da man schon zum voraus dagegen protestiert, ist es in doppelter Betrachtung nicht rätlich.«
Die neue Fassung muß also an dieser Stelle den nächsten, von Goethe hineingeschmuggelten Schlüssel enthalten. Jean Pauls Hinweis auf den Schiller, der das neue Testament liest, ebenfalls dahingehend zu deuten.
Ich sage es ja: Geschichte wiederholt sich. In Genua kommt es zu Ausschreitungen von Globalisierungsgegnern, nachdem ein drei&zwanzigjähriger Protestant von einem zwanzigjährigen Karabinieri per Kopfschuß erledigt worden war, weil er mit einem Löschgerät einen Polizeiwagen attackiert hatte...
ROJEKT: BECHER DES KÖNIGS IN THULE (VIII)
Ach ja: Die Gebrüder Grimm nicht vergessen. Stramme Forscher. Kompensation der Uneingeweihten. Deutsche Mythologie, Deutsche Grammatik, Deutsches Wörterbuch usw. Wie nahe sind sie dem Grund von allem gekommen? Wann taucht er endlich auf?
Es nimmt unvorstellbare Ausmaße an... Als nächstes Leibniz?
Wer war Urischka-Lala.
***