Ein&zwanzigster Juli. Die Hauptstadt im Ausnahmezustand. Polizeikolonnen, Sanitäter, Reinigungsfahrzeuge, Übertragungswagen & Aufmarschvehikel rollen durch die Straßen. Frauen & Männer in nichts als roten Fell-Bikinis, blauen Fell-Tangas & gelben Fell-Stulpenstiefeln, in Schottenröcken, orangenen Westen, falschen Leoparden, Uniform-Imitaten der Stadtreinigung, aufgerüstet mit Sonnenbrillen, Stachelhalsbändern & Trillerpfeifen, strömen zum Brandenburger Tor.
Heute die dreizehnte Liebes-Parade. Verspätet – am ersten Termin hatten Tiergartenschützer die Genehmigung einer Gegen-Demonstration erhalten. Nun der Wirtschaftssenator Mitveranstalter.
Die letzte Feier der Spaß-Kultur? Allenthalben Beschwerden über Habgier & Herrschaft des Marktes, arrogantes Gebaren & ideellen Sommerschlußverkauf – Harter Kern der Liebesapostel kündigt Schweigeminute in der Reihe der Paradierenden an. Ob des Debakels heuer einige Veteranen dem Spektakel ferngeblieben: Keine Marusha & auch kein Sven Väht, Party aber live auf ARD, VIVA & RTL2.
Die Wettervorhersage hat sich ausnahmsweise bestätigt: kolossale Kumuli segeln den Himmel entlang. Ein Lindwurm, ein Holländerschiff, zwei Riesen. Am Nachmittag also Aufklaren.
Es klingelt an meiner Tür?!
Nachtrag am Dreißigsten August: Hier das Ende der letzten Aufzeichnungen. Alles Folgende wieder Postscriptum, formuliert aus der Erinnerung. Hoffentlich diesmal zu dicht an den Ereignissen gelegen für gravierende Fehler.
Einen Monat ist es nun her, daß einem der treue Begleiter getötet, das künstliche Gedächtnis geraubt worden war. Wie hat man nur so lange ohne Muhammadmusa auskommen können?
Die weiteren Ereignisse waren es, die den Gedanken nicht zuließen, nicht weiterzumachen. Der eigene Starrsinn, den man sich erarbeitet hatte & dem Endigungs-Druck endlich etwas entgegnete – bis zu jenem Punkt wenigstens, an dem man von außen her zum Schluß machen genötigt worden war.
Jetzt wird man weitermachen, das Projekt, die Geschichte wird fortgesetzt. Jetzt hat man ja einen Nachfolger (Muhammadmusa II.), der einem noch einmal über die Erinnerung hinweg hilft:
Was war passiert? Also:
Wer einen aus den Notizen herausgeläutet, wer vor der Tür mit dem Begehr einen zu Sprechen ausgeharrt hatte, wo man doch sonst dort kaum jemanden vorfindet, außer sich selbst oder Paketposter oder Spendensammler oder die Zeugen Jehovas – war Oliver. Mit entschlossener Miene & ohne Umarmung hatte er sich, Fäuste an der Hüfte, in die Mitte des Wohnzimmers gedrängt.
–Sie müßten reden. Er wisse über alles Bescheid. Den Streit sollten sie für begraben erklären. Jetzt gäbe es Dringenderes –
–Woher... Aber die Telefonistin –
Ein Gefühl, wie: am Morgen falsch herum liegend Aufzuwachen im Bett – plötzlich nicht mehr Herr seiner Sprache...
–Wenn es um das Leben eines Freundes gehe, schrumpften die größten Differenzen zu Haar-Rissen. Schließlich hätten sie einmal die dickflüssigste Bruderschaft gepflegt. So etwas ließe sich niemals mehr einfach so wegleugnen –
Dazu konnte man nur Nicken.
–Das Trio habe ihn ausfindig gemacht. Es tue ihm alles so Leid, er habe sich da, ohne es jemals zu ahnen, in gewissen Kreisen bewegt, ihnen Roland ans Messer geliefert –
Oliver unterstrich den Gehalt seiner Beichte mit viel Herumfingern & Armrudern, seltsam.
–Nur einen Weg gäbe es, ihrer beider Sicherheit zurückzugewinnen.
Den Zeigefinger theatralisch in die Höhe gereckt...
–Colombo –
–Wo die Aufzeichnungen seien.
Fragender Blick von der Seite, die Augenbrauen besorgt...
–Muhammadmusa hüte sie. Das elektronische Notizbuch.
–Alles müsse vernichtet werden.
Abwinken mit beiden Armen, fieberhaftes Umsehen im Raum. Man selbst noch immer recht ratlos, & das ohne wirklichen Kontakt zu den Leibes-Mitgliedern.
–Er könne nicht –
–Nur so habe es ein Ende: gefunden würde man eh, eine Fälschung bemerkt werden – bliebe nur das ganze Projekt zu beenden.
–Was dann mit seinen Gedanken anstellen?
Kribbelnde Wärme schoß den Nacken empor – eine Panikattacke?
–Ebenfalls Löschen. Er habe hier eine Spritze, ein Serum: Damit würden die Erinnerungen eines vollständigen Jahres – keine Sorge, nur dieses letzten Jahres ab heute – getilgt & nicht wieder herstellbar.
–Oliver –
Noch ehe Hammer & Amboß alles ans Kleinhirn gemorst hatten, bevor dort die Worte auseinandersortiert & zur Weiterverarbeitung ans Großhirn weitergefunkt worden waren, war Oliver bereits beim Schreibtisch, hatte die Diskette mit deiner Sicherheitskopie, Arni [!“§$%&/()=?], entdeckt, Muhammadmusa aus seiner Verkabelung gerissen, gegen die Wand geschmettert & auch gegen den Boden, den Bildschirm abgerupft & die Tastaturelemente mit einem Stift herausgehebelt, das Gehäuse aufgebrochen wie eine Feige & auch dreimal die Füße in die Elektronik gestoßen – nicht ohne vorher die Festplatte entfernt zu haben.
Mit ihr & der Diskette wedelte er jetzt: –Die nehme er mit um sie im Kamin zu verbrennen, schüttete er die Kiste der restlichen Datenträger aus über dem geöffneten Koffer, warf den ersten dazu & ließ die Schlösser zuschnappen.
Man saß da & sah & begriff nichts, wie damals, bei der Begegnung mit dem Peugeot, das Gehirn einfach zu langsam... Kein Aufruf zur Tat erreichte den Körper, als Oliver – eine Spritze in der Faust wie einen Pickel – auf ihn zukam: –Nur das noch, dann sei alles vorbei, sagte er, packte einen Arm, knöpfte den Hemdsärmel auf, klopfte die Adern ab & setzte die Nadel an... als seine Aufmerksamkeit abglitt.
Im Zimmer stand unerwartet, mit dem Rücken zur offen stehenden Haustüre, einen Anblick bietend wie eine Jungfrauengeburt: Rascha der Hermaphrodit, beglotzte die Trümmer, uns & die Spritze. –Sie habe nur um Parade-Begleitung anfragen wollen, komme wohl ungelegen, & Oliver, sichtlich verwirrt von der verwirrten Person die da plötzlich stand, wie aus einem Traume gerissen, zu mir: –Das könne man ja auch selber erledigen, aber versprochen, legte er das Werkzeug zur unbegangenen Tat auf den Couchtisch, nickte ihm/ihr zu, packte den Koffer & entstürmte der Wohnung.
Da kommt man zu sich, begreift, daß hier mal wieder etwas nicht stimmt, ein unbeschreibliches Gefühl flutet die Adern, man umarmt Lala/Rascha, –Sie habe einem vielleicht eben das Leben gerettet, & packt sie, –Sie sollten jetzt los, müßten ihn einholen, ob er/sie ihm helfe, ihn sich zu schnappen – da ist man schon aus der Wohnung, er/sie hinterher. Nun spielt man wieder den rasenden Roland: da vorne läuft er, entlang der Allee des Karl Marx, ahnt etwas, blickt zu mir zurück & beschleunigt den Gang; wer im Weg ist, wird einfach gestoßen, es ist schwer, Schritt zu halten, Oliver hastet, Alexanderplatz links, er biegt in die Liebknecht, Rascha/Lala holt einen nicht ein, ruft etwas, winkt, man versteht es nicht, der Abstand zu Hardi wird kaum geringer; über die Spree, mit rasselndem Atem vorbei am Palast der Republik, Erichs Lampenladen, das sind schon fast zwei Kilometer; nun hat man Übung, behält die Kontrolle, mein Körper gehört mir, Rascha aber verschwunden; Unter den Linden, rechts Humboldt, links Staatsoper, gute Gelegenheit abzutauchen – doch Oliver hält die Gerade, wird ausgebremst, die Masse wird dichter: diese Gestalten mit nichts als ein paar Fetzen am Körper & Farbe im Haar, sie pfeifen & tanzen & grölen, die Polizei regelt den zähen Verkehr, heute ist Liebes-Parade – alles strömt Richtung Tor, die Trillerpfeifen sprengen die Ohren, man schafft es näher heran, Oliver kämpft sich vor bis zum Adlon, Gelegenheit sich dünne zu machen im Nobel-Hotel, doch ringsherum alles gesperrt, Sicherheitskräfte verwehren den Eintritt – er hastet weiter: Pariser Platz, wie soll man da durchkommen? Hinein in die Masse & durch unter dem Tor; plötzlich ein Dröhnen, schlägt einem der Baß in den Magen, alle die Hände nach oben, tatsächlich, die Wolken sind dem Blau & der Wärme gewichen, Triumph der Wettervorhersage gibt Anlaß zu Scherbenhaufen, die Luftballons steigen, der Umzug beginnt, man wird naß, der Vordere spült sich die Haare mit Bier, zwei Lastwagen mit Lautsprechern & daneben die Nackten – Oliver nur ein Kopf unter vielen, schon auf der Straße des Siebzehnten Juni; man dringt tiefer in die Gemeinschaft der Schrillen, später hört man: es sind Achthundertausend (weniger den je, aber dennoch zu viele); Tarnen & Täuschen – alle machen auf Guerilla: Armeehosen, Tarnhemden, Nietengürtel, nett ist von gestern, wer trägt noch türkisfarbenes Top, lila Federhut & silbernen Rock, ist das noch Oliver? Wo ist er hin, man hat ihn verloren... Irgendwo hört man ein Schreien, der erste niedergetrampelt – schon bahnen sich Malteser den Weg, man sieht seine Chance: mit ausgefahrenen Ellbogen kämpft man sich durch zu den hinteren Wagen, da bleibt man nicht unberührt, kriegt alles dreifach zurück, später wird man die Flecke kaum zählen können; es hat keinen Sinn, man muß anhalten, sich orientieren, das Ohr schon ganz taub – wo kann er nur sein? Man bremst ab & erobert ein Straßenschild, hier kann man den Taumel ganz gut überblicken: da vorne, in der Lücke zwischen zwei Wagen, das ist er, der Koffer verrät ihn – er nutzt die Aufmarschvehikel als Schutz; man springt in die Köpfe, sprengt sofort den Kreis, er sieht es, kriecht unter die Plane, die Hose rutscht hoch, auf dem Fußknöchel ein Zeichen.

Man selbst hinterher, das Brüllen & Fluchen geht unter – jetzt nur schnell handeln, die Sicherheitskraft sieht eben weg: man schlüpft unter dem schützenden Seil vorbei unter den Wagen, die Spaßmacher-Maschine aber nimmt keine Rücksicht – fast überrollt! Oliver schon auf der anderen Seite; man schiebt sich weiter, ein Ordner versucht einen zu halten: –Wohl lebensmüde, was? Man schüttelt ihn ab, denn hinter Oliver schließt sich die Menge – da stehen doch Laurel & Stan mit zwei leckeren Eistüten, bestimmt fünf, sechs massige Kugeln: sie lecken & decken den Rückzug... Schon haben sie einen bemerkt, der Spieß dreht sich um, sie kommen näher, wieso hat Stan keine Schramme? Wieder unter den Wagen – diesmal nicht bewegen, man weicht nur den Reifen; das nächste Gefährt rollt & dann noch eins, am dritten ein Griff: Festhalten möglich, lasse mich zur Siegessäule mitschleifen (quasi unmöglich sich dabei nicht den Rücken zu schürfen, etwas aufzuschneiden am gläsernen Müll); das kostet viel Kraft, lange hält mans nicht aus, aber es geht – man entkommt.
Doch Oliver ebenso.
Noch einmal zur Wohnung, nur kurz, hier ist man nicht sicher, nirgendwo ist das noch garantiert, man packt die nötigsten Sachen, kratzt Geld zusammen, Muhammadmusa ist für immer entzwei.
Ein kurzer Anruf beim Auswärtigen Amt. –Herr Gebhardt verbringe die Tage bei seiner Familie in Bayreuth.
Nur eine Möglichkeit noch: dort mußte man jetzt hin, entgegen Sibyilles Warnung – in die Heimat, die Höhle des Löwen.
Da versperrt Lala/Rascha die Tür.
Wir blicken uns an, keine Scheu vor der Kamera, wir beide Verzweifelte, –Sie habe gedacht, er hätte mich verloren, man will etwas erwidern: wieso bist du wiedergekommen, du mußt das nicht tun; man liest in ihren Augen den Ausnahmefall, den man darstellt, eine Abweichung & Abart wir beide, die Hintergründe nicht offengelegt & doch unter allem hervorleuchtend – schon wieder vereint in einem unerhörten Ereignis, daß keiner von uns wirklich begreift, der eine dem anderen eigentlich fremd; doch bevor die Vernunft einen packt & zu einem bitteren Wort drängt, verschließt er/sie einem den Mund mit der Zunge: eine kleine Tablette klebt ihr am Gaumen, er schiebt sie mir zwischen die Zähne – kurz darauf knallen die Farben, alles löst sich in organischer Schwingung, wozu sich schämen & zögern? Man schnallt den BH auf & lüftet den Rock, er/sie löst mir den Gürtel, streichelt die Warzen; wir fallen aufs Bett, auf dem Tisch noch immer die Spritze, im Eck noch immer die Trümmer, es ist uns egal, draußen der Herzschlag der Liebe, spielt uns den Takt; wir lassen uns fallen, sie meine Urischa, Esclarmonde & Königin von Saba, mein Oliver, Moritz & Arni, umhüllt mich wie das Gelb einer Flamme; ich bin das Blau; zusammen verzehren wir Äther & Stoff.
So verrinnen die Stunden, in beredtem Schweigen, die Nacht huscht unbemerkt näher; ist das die Erfüllung der Schiller-Metapher, vierzehnter Brief der Ästhetischen Erziehung: die Zeit in der Zeit aufheben?
Der Rhythmus schwillt an zum nicht länger aufschiebbaren Finale, das keiner will – mir passiert es zweimal, ihr & ihm auch mal, & so also werden wir voneinander entjungfert.
Es nutzt nichts, man muß sich verabschieden, unsere Körper noch warm, zu lange schon hier, ich weiß ja, wo ich sie finde, man käme wieder & dann... Er will mitkommen, man muß verneinen.
–Viel zu riskant, man habe da Dinge am Hals...
Freilich, es schmerzt, daß man ihn/sie wegstößt & der Wohnung entstürmt, wie vor einem Oliver. Aber man kann es nicht ändern.
