popp-ART

popp heißt das pop-paradox leben
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jul-aug.doc (7)

Man harrte der Dinge im Niederschißritzer Exil. Während droben auf dem grünen Hügel der Kampf Siegfrieds gegen den Drachen & in der Innenstadt der Freiluft-Caféhäuschen gegen McDonalds & Kaviar tob­te; während Japan auf dem Bonner Weltklimagipfel einen Kompro­miß billigte, damit das Kyoto-Protokoll von der Staatengemeinschaft ohne die Zu­stimmung der Vereinigten Staaten, von deren Entschei­dung Nip­pon sich abhängig ge­macht hatte, ratifiziert werden konnte; wäh­rend die Repu­blik innerhalb kurzer Zeit von einem wei­teren radikalen Mo­dernisierungsschub erschüttert wurde, als das fast sieb­zig Jahre alte Ra­battgesetz außer Kraft trat & sogleich alles in die Geschäfte stürmte, um die mehr als drei Prozent Nachlaß zu ergattern, hatte man selbst sich in den Geräte­schuppen des Gärt­ners zurückgezog­en, von wo aus man Haus & Hof überblicken konn­te, ohne sich sofort zu verraten.

Auf einer der täglichen Kurzexkursionen in die Stadt zum Zwecke der Nahrungsbeschaffung wäre man beinahe Carola in die Arme gelau­fen, konnte sich aber beizeiten in eine ja­panische Touristengruppe einfal­zen. Sie versuchte wieder an den Festspiel­en zu verdienen, dies­mal als wandelnde Brat­wurstesse. Exotisch – solche Schnell-Freß-Buden waren hier trotz der Touristen selten zu sehen: das will zum baro­cken Klein­stadtschick nicht so recht passen.
Sie war mit den antilopigen Beinen immer noch eine, die es selbst in dieser Uniform zu einer Miss Bayern hätte schaffen können. Nun aber stach auch ihr Angemaltsein, ihre verdorrten Hoffnun­gen ins Auge...
Das war nicht die Carola vor zwölf Jah­ren, die tränen­nasse Prieste­rin von Erde & Wasser – aber auch keine Walküre oder eleusinis­che Si­bylle, ver­schleierte femme fatale. Nur eine Frau, die ver­zweifelt ihre Frugalität – den simplen Wort­schatz & das rol­lende R, wenn sie den Mund öffnete – zu verbergen, den Zauber ih­rer natürli­chen Land­schönheit zu erhalten versuchte – sich aber auch ihre Aner­kennung als Wesen jenseits davon verdienen wollte.
Sie hatte vom Papa alles bekommen & doch (oder deswegen) bis jetzt nichts erreicht; sie war in den Dreißigern & immer noch nicht aus dem Nest gekrochen, immer noch Ferienjobblerin & Prak­tikantin – & doch schon ein wenig verbraucht, kalt erwischt von dem Konjunktur­wind, der plötzlich gedreht hatte, während manch anderer schon die Sicherheit einer eigenen Hütte besaß... Sie tat ihm Leid.

Am Fünf&zwanzigsten verpaßte man die Eröffnung der Festspiel­e mit den Meistersingern von Nürnberg vor zwei­tausend Pre­mierengästen. Die Zeitungen hielten die fünf Jahre alte Inszenierung allerdings für einen lahmen Beginn.

Den Neun&neunziger Lo­hengrin am Sechs&zwanzigsten. Nichts rühr­te sich auf dem Hof.

Schließlich den Beginn der vielge­schmähten & aufpo­lierten Ringinsze­nierung aus dem letzten Jahr: Rheingold am Sieben&zwanzigsten. Auch das Trio war nicht in Sicht.
(Heute mußte man die meiste Zeit im Wald verbringen. Der einzige Mensch war aufge­taucht & hatte Rasen zu mähen & He­cken zu stut­zen be­gonnen. Hof­fentlich nichts Auffällig­es im Schuppen ge­lassen...)

Die Walküre am Acht&zwanzigsten. Der Gärtner wieder vom Acker ohne etwas zu merken. Immer noch alles ruhig im Haus.

Den Siegfried am Drei­ßigsten, der schwächste Teil & trotz Nachbesse­rung ausge­buht.

Aber man war doch über­zeugt, daß genau hier & zu die­ser Zeit eine Versamm­lung des FAF stattfinden müßte! Nur während die Massen re­gierten, würde ihre Zusammenkunft ohne Aufsehen bleiben...
Man hielt das Abwarten nicht aus, versuchte vergeblich über seine Journalisten­kontakte an eine Presse-Karte für die morgi­ge Götterdämmerung zu gelangen – wie passend, es war der Tag der ersten gleich­geschlechtlichen Eheschließung­en...
Hatte man etwas übersehen? Wechselten sie ihre Treffpunkt­e, hat­ten sie Niederschißritz 26 bereits aufgegeben? Man begann noch ein­mal das ganze Haus zu durchkämmen, gründlicher als vorher. Nichts.

Ein paar Kröten vom Konto zusammengekratzt & die Schwarzmärkte abgeklappert. Endlich eine Karte bekommen. Von ei­nem fetten Korea­ner, dessen Feilschermethode darin bestand, jedes zweite Wort nicht verstanden zu haben & ihm von seiner Familie vor­zuheulen, deren jun­ge Existenz auf dem Spiel stehe, weil sie bei der Rus­senmafia arg in der Kreide stünde (ich werde hier nicht die un­glaubliche Summe nennen, die man schließlich zu zahlen sich breitschlagen ließ).
Nun also der Abschluß des Opernreigens: die zwölf Jahre alte Insze­nierung des Parsifal am drit­ten Au­gust.

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