popp-ART

popp heißt das pop-paradox leben
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jul-aug.doc (8)

Auf den ersten Blick war es ein Fest-Tag wie jeder ande­re, als man sich zum Gralsbezirk auf dem grünen Hügel auf­machte. Wie immer tum­melten sich hier allerlei verdiente Menschen der Öffentlichkeit & führ­ten ­ihre neuesten Kolliers & Halbgeschlitzten vor. Doch säumten die­ses Jahr deutlich weniger Schau­lustige die Auffahrt – die Zahl der Eh­rengäste war trotz des Dop­peljubiläums rückläu­fig. Be­klatscht wurden nur einige minder bedeu­tende Minister: Prominente aus Funk & Fern­sehen & den letz­ten Fürstentümern wurden schmerzlich vermißt. Man selbst hielt sich im Hin­tergrund...
Das würde sicher ein furchtbarer Abend. Die einzig sinn­volle Umset­zung Wagners wäre wahrscheinlich ein Trickfilm im Stil von Fantasia. Disney hat Bayreuth neun­zehnhundertzwei&sechzig ja einen Besuch abgestattet: Tatsächl­ich hatte er nachher eine ungekürzte Zei­chentrick-Te­tralogie der Nibelungen in Planung, mit Mickey als Sieg­fried, Daisy für Brünhild, Donald als Wotan & Goofy für Hunding. Leider kam Walt der Tod dazwischen. So klafft in der Disneyfizierung unser­es kol­lektiven Sagen- & Märchen­schatzes eine schmerzliche Lücke...

Einlaß. Pflichtgemäß ging das Spiel von Sehen & Gese­hen wer­den in die nächste Runde. Das Interieur der nie betretenen Gralsstätte bot kei­nerlei Überraschung, das kannte man schon vom Münchner Prinzre­gententheater. Sauna-Luft ver­brannte die Lungen – hier konnte man ei­gentlich nur in Shorts & Sandalen überleben. Ob neben mir ein heimli­cher FAFianer zum Sitzen kommen wird? Der Platz lag im Parkett, da käme man so schnell nicht mehr weg..
Die bei­den alten Damen, die sich dann rechts & links niederließen, be­ruhigten das Gemüt. Die erste Gefahr überstanden. Wer war noch mit im Raum? Da ging schon das Licht aus.
Der Abend ließ sich träge an. Wie Mehltau hing die kaugum­mizähe Regie über der Musik, schien die Sänger zu lähmen. Das Di­rigat ver­suchte der Behäbigkeit mit flottem Zugriff auf die Wagner­schen Tem­povorgaben entgegen zu wirken, die Mi­schung aus Religi­ösem & unge­bändigtem Se­xus mit dunklem & expressi­vem Klang einzufangen. Da­durch jedoch Probleme, dem Wech­sel der Stimmungen genug Zwi­schenräume zu gönnen: Die Übergänge abrupt, ein Aus­klingen des Vor­ausgegangenen nicht möglich. Gelegent­liche Intonationsunsicherheiten. Bestens prä­pariert aber der Festspielchor – Gesang der Frauen schön transparent, die Männer jedoch zu kehlig.
Im Zweiten Akt trat Besse­rung ein. Das Konzept des Dirigen­ten ent­faltete seine erstaunli­che Wirkung: Er ließ die General­pausen in uner­wartete Längen ausdehnen. Die Sinne ganz auf den Klang gerichtet, mied man den Blick auf die Bühne. Man war sowieso nicht des Stücks wegen gekommen, was konnte es einem schon noch ent­hüllen… So­bald sich eine Gelegenheit bot – also in der Pause vermutlich – werde ich mich davonstehlen, ver­suchen, hin­ter die Bühne zu gelangen & in die Räume dieses Theaters. Irgendw­o dort müssen sie sein.
Den Akt fast bis zum Ende durchgestanden, machte man eine uner­wartete Entdeckung:
Zwei Reihen weiter vorne. Ist Sie das? Die Haare – sie fallen wie ihre, glänzen wie ihre. Der Hals. Wenn man nur einen freien Blick hät­te! Aber die Haltung, die Neigung des Kopfes, das unangestrengte Re­gistrieren der Töne... Sie muß es sein, sie ist noch am Leben.
Wie lange noch? Neben ihr jemand Bekanntes: Colom­bo im Zwei­reiher – ist er das wirklich? Wie Kleidung die Men­schen verändert... Sieht immer wieder hinüber zu ihr, zischt ihr etwas ins Ohr; seine Ge­sellschaft scheint ihr nicht angenehm. Man ahnt es, aus der Biegung sei­nes Oberar­mes, aus der Krüm­mung ihrer Schulter läßt sich der Schluß ziehen: er drückt ihr eine Pistole ins Kreuz.
Was kann man tun, wo sind Laurel & Stan, nur sie ma­chen das Trio komplett, soll sie hier vor aller Augen exeku­tiert wer­den, innerlich ver­brannt von einer Mikrowellenka­none? Glaubt man, sie hier zurücklas­sen zu können – als eine, die wegen der fehlenden Klimatisierung ohn­mächtig wurde?
Umfassende Stille. Nicht einmal das Tropfen von Schweiß ist zu hö­ren. Die Szene, bevor Titurel sich an Amfortas wendet. Das Orchester kostet die Pausen-Fermate außerordent­lich aus – ein Spiegel der qual­vollen Stille in der Grals­burg. Da erfolgt die Ver­änderung: Co­lombos Kopf dreht sich nach vorne, der Ober­arm spannt sich. Sie senkt den Kopf, erwartet sie den Schuß? Warum schreit sie nicht? Colombo lau­ert nur auf den wieder ein­setzenden Ton...! Man muß etwas tun, das wird man nicht zulas­sen:
Man steht auf & schleudert sein Programmheft nach vor­ne.
Alle Blicke auf mich. Die Damen zerren einen entrüstet zu­rück, setz­ten schon an zur Strafpredigt. Der Wurf schlecht ge­zielt, traf nur den Nachbarn Colombos. Der aber verdächtigt den Nebenmann – er fängt an zu schimpfen. Vorzeitig verklingt die stimmlose Fermate, ein Teil des Or­chesters verpaßt seinen Ein­satz. Es braucht eine Weile, bis die Instrumente zusammenfin­den.
Der Anschlag immerhin ist vereitelt. Manche Blicke waren der Wurfrichtung entlang direkt nach vorne geglitten, andere wollen den Anlaß des Fluchenden sehen & dre­hen sich um. Co­lombo verbirgt schnell die Waffe im Anzug.

Pause. Man flüchtet vor dem Keifen der Damen, drückt sich an allen vorbei – er hat sie am Arm, will mit ihr verschwinden; man muß dran­bleiben, was hat er vor? Sie spürt meine Gegenwart, formt linkshändig Zei­chen... Man weiß keine Deutung, was soll man tun, ihn stellen? Da fängt sie einen Streit an: –Warum dürfe sie nicht auf Toilette? Schon tuscheln die Leute: –Das ist doch der eine von vor­hin... Mur­rend bringt er sie hin, steht draußen Wache, er weiß, man war ihnen ge­folgt; man muß sich ver­drücken, sonst wird man gesehen, späht um die Ecke, immer noch da, spä­ter noch einmal: nun ist er weg (sie aber auch) – schnell hinter­drein, da ist eine Tür, vermutlich zur Bühne: Unbe­fugten Zu­tritt verboten; man fragt einen der Gäste, –Ja die seien vor ei­ner Mi­nute hier durch... Man drückt auf die Klinke, verschlossen.
Dann doch noch ein Einfall. Schon schrillt das Ende der Pau­se. Egal, man ignoriert die empörten Gesichter, als man in das Damenreich ein­dringt. –Entschuldigung. Bei den Männern Verstopfung...
Man durchsucht die Kabinen. Bis man in der vorletzten entdeckt, was man sucht. Innen auf der Tür eine Nachricht, mit Lippen­stift in ge­hetzten Linien geschmiert:

»FR Kleopatra, Issos weniger 33«

Man sitzt in der Kabine, das Menetekel im Blick, da knallt es von rechts – jemand betritt die Toilette, die einzige Dame be­schwert sich über die unverfroren Männer; man lugt durch unter dem Türchen: zwei abgelaufene paar Turnschuhe, vermut­lich Laurel & Stan... schnell die Botschaft mit dem Ärmel verwischen, sie sprengen schon die Kabi­nen, wie kommt man hier raus, nur noch eine als Vorsprung; was ist das, die Trenn­wand reicht nicht bis zum Boden – bevor die Tür aus den Angeln fliegt, quetscht man sich durch in die Nachbarparzelle (ein Hoch auf Feder­scharniere: ihr Türchen ist bereits wieder geschlossen!); Laurel & Stan betreten die letzten zwei Kammern & grunzen, zwei, drei Nimmzwei-Bon­bons rieseln aus ihren Taschen, Lau­rel bückt sich zum Aufzuheben: jetzt wird man doch noch entdeckt, ein Blick zur Sei­te genügt – er aber die Augen nur ge­radeaus auf den Boden... gleich ist es vorbei, man sieht wieder Turnschuhe, dem einen sitzt die Hose zu hoch, am Ansatz des Strumpfes prangt wieder ein Zeichen.

???

Schon schepperts erneut: die Verfolger sind raus. Jetzt aber weg hier.

Im Gerätschuppen brütete man bei Öllaternenlicht über der Zei­le.
Vielleicht mit dem einfachsten beginnen. Wo lebte Kleopa­tra? In Alexandria. Was war das Besondere dort? Die Biblio­thek im Museion. FR? Erst Issos weniger Drei&dreißig: Dreidreidrei bei Issos Keilerei, drei&dreißig weniger macht Dreihundert. Drei­hundert was? FR, FR. Frust, Franken, Fraterni­tas. Nein, Freimaur­er! Das Freimauer-Muse­um. & die Dreihundert? An­gelsächsisch zu lesen, als Zeitangabe.
Die Deutung lautete: Freimauer-Museum, Drei Punkt Null Null Uhr. Gleich morgen früh also ein Treffen, zwar nicht auf Olivers Hof, dafür an dem Ort, wo man selbst sich als Ju­gendlicher häufig herumge­drückt hatte, in der Erwartung, schwarzer Messen oder Ähnlichem bei­wohnen zu können.
Daß es einem nicht früher eingefallen war: Das Deutsche Freimau­rer-Museum gehörte neben den städ­tischen Ri­chard-Wagner-, Jean-Paul- & Franz-Liszt-Museen zum vier­blättrigen Kleeblatt kostbarer Spezial­museen der Musik-, Li­teratur- & Geistesgeschichte in der Innen­stadt. Es war im Haus der Bay­reuther Freimaurerloge Eleusis zur Verschwiegenheit ein­gerichtet, die aus der markgräfli­chen Schloßloge von Sieb­zehnhundertein&vierzig hervorge­gangen war, & ent­hielt mit sechzehntausendfünfhundert Bänden die größte Sammlung Freimaurer-L­iteratur in Europa.
Natürlich. Es paßte bestens ins Bild: Neunzehnhundertdrei&dreißig wurde das Museum von den Na­tionalsozialisten vollständig geplündert & anschließend ge­schlossen. Die Bestände lagerte man zusammen mit dem Besitz anderer deutschen Logen im Reichssicherheitshaupt­amt in Ber­lin ein & verbracht sie im Laufe des Krieges nach verschiedenen Or­ten hauptsächlich im Osten. Logenabzei­chen, Medaillen, Arbeitsteppi­che, Bildwerke, Kristallgläser, Porzellane & Siegel gin­gen verloren. Rund achtzigtausend Bände jedoch gelangten nach Oberschlesien & blieben erhal­ten – sie befinden sich heute in der Universitätsbibliothek von Poznan in Polen. Schon bald nach Kriegsende bemühte man sich um den Wiederaufbau der Samm­lungen: die ame­rikanischen Besat­zungstruppen übereigne­ten dem Museum die in den NS-Einrich­tungen gefundenen Bü­cher, ebenso einige andere Logen ihre geretteten Archi­ve, um eine funktionsfähige Zentralbibliothek zu schaffen.
Nur ein ganz bestimmtes Buch blieb ver­schollen... Das Buch, das am Anfang der Stafette stand, die Schriftrolle, dem ein ganzer Schwung Li­teraten, man selbst & der FAF auf der Spur war.

Man hatte sich so sorgfältig, wie es in der Kürze der Zeit mög­lich war, vorbereitet. Dietrich & Stofftuch in der Tasche schlich man gegen ein Uhr morgens durch den Hofgarten.
Gatter & Zaun waren kein Hinder­nis. Schon setzte man an, eines der Fenster einzuschlagen. Nebenan ging ein Licht an. Zu gefährlich, die Nachbarschaft war nahe & hellhö­rig, hier war kein Durchkomm­en. Blieb nur der di­rekte Weg über die schwe­re Eingangs­tür.
Sie war nicht zu öffnen. Ist man gesehen worden? Zwar konnte man das Schloß knacken, aber offenbar lagen noch meh­rere Riegel vor. Da kam jemand! Ab ins Ge­büsch.
Nur ein einsam­er Jog­ger draußen im Hofgarten.
Was jetzt? Man richtete sich hier in der Ecke des Schup­pens ein, das ockerfarbene klassizisti­sche Anwesen immer im Blick.

Die Nacht verging ohne Offenbarung. Niemand her­aus oder herein. Mehrere Male hatte man sich an das Gebäude herangepirscht & an den Fenstern zu hor­chen ver­sucht – es war alles friedlich geblieben. Wahr­scheinlich hatten sie das Treffen aufgrund sei­ner Einlage im Parsifal kurzfristig verlegt. Vielleicht in die Eule, Sieg­fried Wagners ehemali­gem Stammlokal (laut Joseph Go­ebbels »ein furchtbarer Stinkladen!«) – hier hatte Hitler sich am ersten August Neun­zehnfünf&zwanzig ins Gästebuch eingetragen…
Egal, hier kam man nicht weiter. Die Tarnung war aufgeflogen: man ge­rät nur selbst in Gefangen­schaft, wenn man dieses Pflaster nicht ver­läßt – mußte diesen Handlungs­faden beenden. Der Doppel-Carola konnte man jetzt nicht mehr hel­fen, nur noch für Sie hof­fen.
Nur eine letzte Spur übrig: Oliver.

???

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