Am Nordufer der Themse entlang flanierend, saugte man jene Luft ein, die man in Bayreuth immer so schmerzlich vermißt & bisher nur in der deutschen Hauptstadt gefunden hatte. Acht Bahnhöfe hatte die Stadt, für jede Himmelsrichtung einen & je einen dazwischen. Hier würde es zur Entscheidung kommen... & man würde ihr gewachsen sein.
Mit einem Mal, so auf das phantastische Gebäude-Ensemble der Stadt blickend, erschien einem der Globus als ungeheuerlich weitreichend & melonenüppig & zugleich nur für den eigenen Verzehr bestimmt. Seine unbezwingbare Größe war lediglich scheinbar: man brauchte nur die Hand auszustrecken, eine Auge zuzukneifen – schon paßte ein Gebäude zwischen zwei Finger wie einen Lego-Stein.
Noch in Bayreuth hatte man der freundlichen Sekretärin telefonisch die Information abgerungen, daß Herr Gebhardt im Hause sei – & so hatte man, ohne erneute Hinweise auf Olivers Unabkömmlichkeit abzuwarten, die letzten elterlichen Ersparnisse zusammengerafft, war nach Nürnberg gefahren & in den nächsten Flieger gestiegen.
Keine Zeit verlieren, den Anlauf nutzen: noch am gleichen Tag machte man sich auf zur Deutschen Botschaft.
Die Sekretärin sah eigentlich nett aus – & man wurde ohne Aufsehen & Termin sofort vorgelassen, merkwürdig:
–Roland! Was für eine Überraschung...
Viel Glas hier. Oliver erhob sich rasch von seinem Schreibtisch, der auffallend aufgeräumt & nur mit dem Nötigsten bestückt war (es gab keine Fotografien zum Beispiel). Er hatte es gerade noch rechtzeitig geschafft, etwas Rosafarbenes, Plüschiges, in die Schublade zu stopfen, als Roland eintrat. Ein Zipfel lugte noch heraus.
Oliver kam noch vorne, der Mund breit, die Stirn ein wenig zusammengezogen. Man ließ es geschehen, daß er sich die Bügelfalten an einem plattdrückte. Dann beendete man die Höflichkeiten:
–Die Täuschungsmanöver könne er sich ersparen.
–Wie der Flug gewesen wäre? überhörte er einen & winkte zu einer Sitzgruppe aus Stahlrohr, unbedarft. Man rührte sich nicht.
–Was er mit der Festplatte angestellt habe.
–Was für eine Festplatte? Einen Kaffee?
Er kam wieder zum Schreibtisch zurück um die Gegensprechanlage zu betätigen, aber man versperrte den Zugriff.
–Die er einem entwendet habe unter dem Vorwand sie zu verbrennen. Die er in seinem häßlichen braunen Aktenkoffer herumtrage.
–Schwarz. Sein Koffer sei schwarz, deutete er auf das Ding hinter sich, ein wenig entgeistert.
–Ob er ihn mit der Spritze habe umbringen wollen?
Man hatte die Finger von der Anlage genommen & kam jetzt zu Oliver herüber, der sich rasch in seinen Drehstuhl fallen ließ, um den aus der Schublade herausragenden Zipfel zu verdecken, den er eben bemerkt hatte.
–Nun aber langsam, drehte er sich zu mir.
–Ob er leugne, seinen Hof der FAF zur Verfügung gestellt zu haben? stützt man sich auf seiner Stuhllehne auf.
–Den habe er verkauft – an ein älteres Paar mit zwei Tochterfamilien, winkt er ab, –Er habe ja kaum Zeit sich zu kümmern, & der Gärtner täte es auch nicht umsonst. Für die nächste Silvesterfeier fänden sie bestimmt etwas anderes. Was das bedeute, FAF?
Traute sich wirklich, weiterhin den Unbedarften zu spielen.
–Man hätte es mit eigenen Augen gesehen, dank des Zweitschlüssels.
–Ach, an den habe er gar nicht mehr gedacht! Den müsse man jetzt natürlich zurückgeben. Moment – er sei dort gewesen?
Ihm einfach nur fest ins Gesicht sehen...
–Es freue ihn ja wirklich einen zu sehen. Aber das mit Carola sei jetzt ein halbes Jahr her...
Oliver wurde immer röter im Gesicht. Bald würde man ihn soweit haben. Ihn einfach nur weiter so fixieren.
–Er verstehe. Man wäre extra gekommen, geflogen bis hier nach London, weil einem die Sache wirklich sehr zusetze... Er werde also seine Termine verschieben – eine kleine Kneipen-Tour, reden, in den alten Zeiten schwelgen? Man wisse doch noch, Roland der Weise & Oliver der Kühne..., hieb er mir auf die Schulter.
Das ließ mich jetzt allerdings aus dem Takt geraten.
–Ja genau. Wandern. Nicht waten! fiel der Groschen.
–Also –
–Waten er habe waten gesagt, der Andere. Dabei stamme der Spruch doch von ihren Nachtwanderungen... Jetzt sehe man klar!
Man ging zum Fenster hinüber & blickte hinaus auf die Stadt. Deshalb hatte Oliver ihren Streit auch mit keinem Wort erwähnt...
–Es gäbe noch einen Oliver, drehte man sich zu ihm um, –Ein Double wie das der zweiten Carola… Ihr Streit & die Trennung, das sei schon der Andere gewesen. Die Abweisung durch die Sekretärin... Eine Fangschaltung wahrscheinlich.
–Ein zweiter... ?
Oliver war jetzt ebenfalls aufgestanden & Richtung Tür gelaufen. Während man sich von ihm abgewendet hatte, hatte er das rosa Beweisstück verschwinden lassen.
–Nicht wahr, er sei doch homoerotisch veranlagt? zog man das Leibchen jetzt aus seinem Versteck.
Die unerwartete Entdeckung des Beweisstücks erwischte ihn in seinem Rücken. Langes Schweigen, dann seine Korrektur: –Bisexueller Crossdresser...
Man hatte es geschafft – Oliver ein Häufchen Elend. Nicht mehr der Kühne, aber der echte.
–Wenn man das auch nicht verstehe, werde man sich irgendwann sicher daran gewöhnen. Einen Beweis aber brauche man noch.
Noch ehe Oliver Einspruch erheben konnte, war man ihm beigesprungen & hatten die Hosenaufschläge gelüftet: Die Haut darunter war wadenweiß & von keiner Tätowierung gezeichnet.
–Man habe nur sicher gehen wollen, lachte man darüber hinweg, während Oliver sich wieder zurecht rückte –Das müsse man erst einmal verarbeiten – diese neuen, in Bezug auf ihr Verhältnis zwar äußerst beruhigenden, aber andererseits sehr verwirrenden Erkenntnisse. Sich mal eine Auszeit nehmen, alles zu überdenken. Das währe schon viel zu lange. Er möge nicht böse sein, man müsse ihn nun verlassen, sofort, um ihn nicht zu gefährden. Es bleibe keine Zeit, auf ihre Freundschaft anzustoßen. Oliver habe ja sowieso noch Termine.
Jetzt war es Oliver, der auf einen zukam & in den Sessel drängte: er krallte sich auf der anderen Seite in die Kante des Schreibtischs, entriß einem das Leibchen & fuchelte damit herum.
–Man komme einfach hereingeplatzt, werfe ihm einen Haufen Anschuldigungen an den Kopf, habe Doppelgänger-Phantasien, betatsche ihm Füße & Waden & behandle sein kleines Geheimnis wie einen chronischen Schnupfen... In welcher Welt man denn lebe! In seiner jedenfalls besäße man den Anstand, sich zu erklären. Bei Roland helfe wirklich nur noch eine Roßkur. Man solle doch einmal nach Südfrankreich kutschieren – sich die Überreste der katharischen Hochkultur aus der Nähe betrachten... Vielleicht besäße das ja heilende Wirkung.
–Von dort käme man her, räumte man Olivers Platz, –Das sei überhaupt Grund & Anlaß von allem. Aber das könne man nachlesen – sobald man wieder in den Besitz der Festplatte gelangt sei...
Zeit, die Fliege zu machen. Olivers Augenbrauen zuckten, er öffnete einem bereits die Tür. Die Kneipentour fiel dann ja wohl aus.
–Die Kneipentour falle dann ja wohl aus.
–Er könne ja Arni kontaktieren, der wisse über manches Bescheid & könne ihm Aufklärung verschaffen.
Olivers Blick verriet eine explosive Mischung aus Unverständnis & Wut, die nur auf die richtige Code-Eingabe wartete, um zu detonieren.
–Jetzt solle man aber endlich verschwinden. Sie sprächen sich wieder, wenn man seinem Verhalten endlich ein Ende gesetzt habe.
Man war ihm nicht böse. Schließlich hielt er ein rosa Plüschleibchen in der Hand.