popp-ART

popp heißt das pop-paradox leben
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jul-aug.doc (9)

Am Nordufer der Themse entlang flanierend, saugte man jene Luft ein, die man in Bayreuth immer so schmerzlich vermißt & bisher nur in der deutschen Hauptstadt gefunden hatte. Acht Bahnhöfe hatte die Stadt, für jede Himmelsrich­tung einen & je einen dazwischen. Hier würde es zur Ent­scheidung kommen... & man würde ihr ge­wachsen sein.
Mit ei­nem Mal, so auf das phan­tastische Ge­bäude-Ensemble der Stadt bli­ckend, erschien einem der Globus als ungeheuerlich weitrei­chend & me­lonenüppig & zugleich nur für den eigenen Verzehr be­stimmt. Seine unbezwingbare Größe war lediglich scheinbar: man brauchte nur die Hand auszu­strecken, eine Auge zuzu­kneifen – schon paßte ein Ge­bäude zwischen zwei Finger wie einen Lego-Stein.
Noch in Bayreuth hatte man der freundlichen Sekretärin tele­fonisch die Information abgerungen, daß Herr Gebhardt im Hause sei – & so hatte man, ohne erneute Hinweise auf Olivers Unabkömmlichkeit ab­zuwarten, die letzten elterli­chen Ersparnisse zu­sammengerafft, war nach Nürnberg gefahren & in den nächsten Flieger gestiegen.
Keine Zeit verlieren, den Anlauf nutzen: noch am gleichen Tag machte man sich auf zur Deutschen Bot­schaft.

Die Sekretärin sah eigentlich nett aus – & man wurde ohne Aufse­hen & Termin sofort vorge­lassen, merkwürdig:
–Roland! Was für eine Überraschung...
Viel Glas hier. Oliver erhob sich rasch von seinem Schreibtisch, der auffal­lend aufgeräumt & nur mit dem Nötigsten bestückt war (es gab keine Fotografien zum Beispiel). Er hatte es gerade noch rechtzeitig ge­schafft, etwas Rosafarbenes, Plüschiges, in die Schublade zu stopfen, als Roland eintrat. Ein Zipfel lugte noch heraus.
Oliver kam noch vorne, der Mund breit, die Stirn ein we­nig zusam­mengezogen. Man ließ es geschehen, daß er sich die Bügelfal­ten an ei­nem plattdrückte. Dann beendete man die Höflichkeiten:
–Die Täuschungsmanöver könne er sich ersparen.
–Wie der Flug gewesen wäre? überhörte er einen & winkte zu einer Sitzgruppe aus Stahlrohr, unbedarft. Man rührte sich nicht.
–Was er mit der Festplatte angestellt habe.
–Was für eine Festplatte? Einen Kaffee?
Er kam wieder zum Schreibtisch zurück um die Gegensprechanlage zu betätigen, aber man versperrte den Zugriff.
–Die er einem entwendet habe unter dem Vor­wand sie zu verbren­nen. Die er in seinem häßlichen braunen Akten­koffer herum­trage.
–Schwarz. Sein Koffer sei schwarz, deutete er auf das Ding hinter sich, ein wenig entgeistert.
–Ob er ihn mit der Spritze habe umbrin­gen wol­len?
Man hatte die Finger von der Anlage genommen & kam jetzt zu Oli­ver herüber, der sich rasch in seinen Drehstuhl fallen ließ, um den aus der Schublade herausragenden Zipfel zu verdecken, den er eben be­merkt hatte.
–Nun aber langsam, drehte er sich zu mir.
–Ob er leugne, seinen Hof der FAF zur Verfügung ge­stellt zu haben? stützt man sich auf seiner Stuhllehne auf.
–Den habe er verkauft – an ein älteres Paar mit zwei Tochterfamili­en, winkt er ab, –Er habe ja kaum Zeit sich zu kümmern, & der Gärt­ner täte es auch nicht umsonst. Für die nächste Silvesterfei­er fän­den sie bestimmt etwas anderes. Was das bedeute, FAF?
Traute sich wirklich, weiterhin den Unbedarften zu spielen.
–Man hätte es mit eigenen Augen gesehen, dank des Zweit­schlüssels.
–Ach, an den habe er gar nicht mehr gedacht! Den müsse man jetzt natür­lich zurückgeben. Moment – er sei dort gewesen?
Ihm einfach nur fest ins Gesicht sehen...
–Es freue ihn ja wirklich einen zu sehen. Aber das mit Carola sei jetzt ein halbes Jahr her...
Oliver wurde immer röter im Gesicht. Bald würde man ihn soweit ha­ben. Ihn einfach nur weiter so fixieren.
–Er verstehe. Man wäre extra gekommen, ge­flogen bis hier nach London, weil einem die Sache wirklich sehr zuset­ze... Er werde also seine Termine ver­schieben – eine kleine Knei­pen-Tour, reden, in den alten Zeiten schwelgen? Man wisse doch noch, Roland der Weise & Oliver der Küh­ne..., hieb er mir auf die Schulter.
Das ließ mich jetzt allerdings aus dem Takt geraten.
–Ja genau. Wandern. Nicht waten! fiel der Groschen.
–Also –
–Waten er habe waten gesagt, der Andere. Dabei stam­me der Spruch doch von ihren Nachtwanderun­gen... Jetzt sehe man klar!
Man ging zum Fenster hinüber & blickte hinaus auf die Stadt. Des­halb hatte Oliver ihren Streit auch mit keinem Wort erwähnt...
–Es gäbe noch einen Oliver, drehte man sich zu ihm um, –Ein Dou­ble wie das der zweiten Carola… Ihr Streit & die Trennung, das sei schon der Andere gewe­sen. Die Abweisung durch die Sekretä­rin... Eine Fang­schaltung wahrscheinlich.
–Ein zweiter... ?
Oliver war jetzt ebenfalls aufgestanden & Richtung Tür gelaufen. Während man sich von ihm abgewendet hatte, hatte er das rosa Be­weisstück verschwinden lassen.
–Nicht wahr, er sei doch homoerotisch veranlagt? zog man das Leib­chen jetzt aus seinem Versteck.
Die unerwartete Entdeckung des Beweisstücks erwischte ihn in sei­nem Rücken. Langes Schweigen, dann seine Korrektur: –Bisexueller Crossdresser...
Man hatte es geschafft – Oliver ein Häufchen Elend. Nicht mehr der Kühne, aber der echte.
–Wenn man das auch nicht verstehe, werde man sich irgendwann si­cher daran gewöhnen. Einen Beweis aber brau­che man noch.
Noch ehe Oliver Einspruch erheben konnte, war man ihm beige­sprungen & hatten die Hosenaufschläge gelüftet: Die Haut darunter war wadenweiß & von keiner Tätowierung ge­zeichnet.
–Man habe nur sicher ge­hen wollen, lachte man darüber hinweg, während Oliver sich wieder zurecht rückte –Das müsse man erst einmal verarbeiten – diese neu­en, in Be­zug auf ihr Verhält­nis zwar äußerst be­ruhigenden, aber andererseits sehr verwir­renden Erkenntnisse. Sich mal eine Aus­zeit neh­men, alles zu überden­ken. Das währe schon viel zu lan­ge. Er möge nicht böse sein, man müsse ihn nun verlassen, sofort, um ihn nicht zu gefährden. Es bleibe keine Zeit, auf ihre Freundschaft an­zustoßen. Oliver habe ja sowieso noch Termine.
Jetzt war es Oliver, der auf einen zukam & in den Sessel drängte: er krallte sich auf der ande­ren Seite in die Kante des Schreibtischs, entriß einem das Leibchen & fuchelte damit herum.
–Man komme einfach hereingeplatzt, werfe ihm einen Haufen An­schuldigungen an den Kopf, habe Doppelgän­ger-Phantasi­en, betat­sche ihm Füße & Wa­den & be­handle sein kleines Ge­heimnis wie einen chronischen Schnupfen... In welcher Welt man denn lebe! In seiner je­denfalls besäße man den Anstand, sich zu erklä­ren. Bei Roland helfe wirklich nur noch eine Roßkur. Man solle doch einmal nach Südfrank­reich kut­schieren – sich die Über­reste der ka­tharischen Hoch­kultur aus der Nähe betrachten... Viel­leicht besäße das ja heilende Wir­kung.
–Von dort käme man her, räumte man Olivers Platz, –Das sei über­haupt Grund & Anlaß von allem. Aber das könne man nachlesen – so­bald man wieder in den Be­sitz der Festplatte ge­langt sei...
Zeit, die Fliege zu machen. Olivers Augenbrauen zuckten, er öffnete einem bereits die Tür. Die Kneipentour fiel dann ja wohl aus.
–Die Kneipentour falle dann ja wohl aus.
–Er könne ja Arni kontaktieren, der wisse über manches Be­scheid & könne ihm Aufklä­rung verschaf­fen.
Olivers Blick verriet eine explosive Mischung aus Unverständnis & Wut, die nur auf die richtige Code-Eingabe wartete, um zu detonie­ren.
–Jetzt solle man aber endlich verschwinden. Sie sprächen sich wie­der, wenn man seinem Verhalten endlich ein Ende gesetzt habe.
Man war ihm nicht böse. Schließlich hielt er ein rosa Plüschleibchen in der Hand.

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