popp-ART

popp heißt das pop-paradox leben
Inhalt abgleichen
jul-aug.doc (10)

Die Dämmerung lag wie verlaufene Farbe über der Stadt, Nebel war nirgends auszumachen. Die Geschäftigen des Tages flüchte­ten in ihre Häuser & über­ließen das Territorium den Fürsten der Finsternis: den Verkäufern zwiespältiger Genüsse, Besu­chern der Kurzweil-Kaschem­men, heimlichen Hehlern, Messer-Män­nern, frivolen Frauen & herren­losen Hunden.
Man hätte nicht so überstürzt herfliegen sollen. Wo werde ich heute Nacht Obdach finden? Nichts mehr auf dem Konto, die ganze Erb­schaft verbraucht.
Was hatte das zu bedeuten, daß jetzt sogar Oliver ein Duplikat be­saß? Es war jetzt klar, daß er sie auf die Spur der Stafette gebracht hatte – Oliver Zwei, mit dem er telefoniert hatte. Aber wer hatte ihn auf einen angesetzt? Was wußten sie von einem? Wieso Roland?
Man ließ sich treiben vom Wind durch die Gelasse des Mo­lochs, an den Geldtem­peln der City vorbei zum Nordufer der Themse, dorthin, wo man den frühen Spaziergang ge­macht hat­te. Auf einer Bank, neben dem Fußgänger-Durch­laß einer der wuchernden Brückenarme Shiva-Lond­ons, man wußte nicht wel­chem, glitt einem der Kopf zur Seite & man selber sofort in tiefen Schlummer.

Wildes Durcheinanderreden rüttelte wach. An der Wand des Brücken­durchlasses hatte es sich ein Grüppchen Indivi­dualisten gemütlich ge­macht. Sechs altväterliche Männer, die sich durch unkontrollierten Haar- & Bartwuchs auszeich­neten, der Klei­dung nach aber doch keine Stadt­streicher waren – ein Ar­mani-Anzug degradierte den anderen. Eine Flasche Kirschlikör ging im Kreis herum wie ein Alther­ren-Joint, Während man lauschte.
–Was für eine harmonische Proportionalität & anmu­tige Simpli­zität seine Minuskeln besäßen...
–Die kompakte Hand­lichkeit eines Damenschenkels, ge­paart mit dem eleganten Schwung eines Infusions­schlauchs...
–Kein Vergleich zur schwer entzifferbaren gotischen Schrift...
–In der Tat hätte eine Renaissance der Antike, wie in Italien gesche­hen, ohne die Reform der Schrift nie­mals stattfinden können! behaup­tete ei­ner & ein anderer bestätigte mit der These: –Die Ausbreitung der Mi­nuskeln über das Franken­reich im neunten bis über ganz Europa im zwölften Jahrhundert habe es den Humanisten doch erst ermöglicht, ih­re Pamphlete derart unter das Volk zu streuen!
–Viele Wer­ke der Antike seien nur Dank der Ab­schrift karolingi­scher Gelehrter erhalten geblieben! ließ es sich ein Dritter nicht neh­men, den Schlußstrich zu ziehen.
In der Fremde traf man immer auf Franken... Wie ein Tragödi­en-Chor, der seinen gemeinsamen Text kennt, aber ge­rade in einzelne In­dividuen zerfällt, philosophierten diese hier über Ca­rolus Ma­gnus & seine Bedeu­tung für das Deutsche Schrift­gut. Das will man nun wirk­lich nicht hören, an keinem Ort Ru­he...
Man versucht, sich davonz­uschleichen. Schon aber hat man den Sa­lat & den Gruppenführ­er aufmerksam ge­macht.
–Was die eigene Auffassung, ob man anderer Mei­nung sei, oder et­was beizutragen habe? Andernfalls solle man lieber verschwin­den. Das sei nämlich ihr Re­vier hier.
Alle Augen auf mich. Derart an der Ehre gekratzt, unterlag man dem Reflex & ging in die Falle:
–Nun ja, für die vorgebrachte These dürfe die karolingi­sche Minus­kel nicht allein in An­spruch genommen werden. Es gelte vielmehr auch zu be­rücksichtigen, daß Karl die Bibliotheken geöffnet & von al­ten Zwängen befreit, die Be­stände erhöht, das kirch­liche Vulgär­latein ge­reinigt & zur Amtssprache erklärt & zugleich angeord­net habe, die Lehre in den Klöstern & Dom­schulen fortan nur noch in Romanisch oder Germanisch durchzuführen – bei Beachtung ei­ner allge­mein gülti­gen Grammatik. Den Winden & Mo­naten habe er germanische Namen verliehen & Harún al Raschíd, der Kalif von Bagdad, ihm einen leben­den Elefanten als An­erkennung vorführen lassen – was den Zugang zu den arabischen Abschrif­ten der antiken Kompen­dien ermöglicht habe.
Man hoffte, es ihnen gezeigt & sich die Erlaubnis zum Gehen ver­dient zu haben, hatte aber des Gegenteil damit erreicht:
–Horch, Horch, klatschte der Anführer Beifall, wäh­rend sei­ne Kum­pane mit einfielen, –Ganz wie der Kaiser es selbst formu­liert habe: »Obwohl gutes Tun besser sei als gutes Wissen, gehe das Wissen dem Tun doch voraus.« Man hät­te allerdings noch ein paar Aspekte verges­sen: Die Dreifelderwirtschaft. Die Genueser Volksversammlun­gen, de­nen man gerade jetzt, nach der Tragödie des G-Acht-Gipfels, wieder gedenken sollte. Die Bedeu­tung der sechs Erzbistü­mer Mainz, Köln, Salzburg, Trier, Hamburg-Bre­men & Mag­deburg... Man solle doch Platz neh­men. Nur für ein Viertel­stündchen. Sie schätzten es, sich ab & an neu­en Impulsen auszu­setzen.
Er sah einen mit diesem freundlichen Blick an, der keine Ausrede duldete, & machte den anderen Zeichen, ein paar Hölzer am Ufer zu­sammenzuklauben, für ein gemeinsames Feuer. Zwei setzten sich ab von der Gruppe. Man selbst zögerte noch, näher zu kommen, konn­te aber auch nicht mehr weg.
–Neue Impulse, genau! So wie Karl –, begann einer die Einladung zu bekräftigen –
–Wie Karl den Umgang mit Buchstaben gesucht habe, beendete ein anderer den Satz, –Er habe sie sogar mit ins Bett genom­men: zum Ein­prägen im Schlaf!
–Habe bekanntlich nicht viel geholfen, haha...
–Er würde es vorziehen, meinte ein likörseliger Dritter, –Das Prägen des fraulichen Fleisches im Bette noch vollzie­hen zu können. Da sei ihm ein Carolus serenissimus augustus a deo corona­tus magnificus imperator Romanorum gubernans im­perium qui est per miseri­cordiam die rex Francorum at­que Langobardum, der sei­nen müden gichtkranken Kör­per stets an die warmen Quellen nach Aachen habe expe­dieren lassen kön­nen, sowas von hunds­fottegal... Seinen Verfall könne nur ein letztes Bad in der Themse ku­rieren – aber das wäre ja auch nur et­was für Leu­te von dunklerem Gemüte.
Alle lachten & bleckten dabei ihre fauligen Zähne. Das Geräusch sprang hinaus in die Dämmerung & über den Fluß, in der Millionstadt weitere Lauscher zu finden. Doch niemand wurde Zeu­ge des folgenden Gesprächs:
–Das sei Theowulf der bald tote Gote, begann der Älteste alle vorzu­stellen, –Zwar wäre er lie­ber der Apostel Wulfila aus Gotisch-Mösien, aber das sei vor sei­ner Zeit gewe­sen... Sein Name, er deutete auf sich selbst, –Sei Al­kuin der Angelsachse. Die anderen seien Petrus von Pisa & Fra An­gilbert der Fran­ke. Gleich vom Holzholen zurück sei Pau­lus Diaconus der lange Langobarde & Mr. Ein­hard der Main­franke.
[Unnötig zu erwähnen, daß alle diese Namen nicht von mir geändert wurden – aber ich folge der Pflicht…]
Die Angesprochenen nickten augenrollend & blickten mich erwar­tungsvoll an. Als sollten die Namen etwas zum Klingen bringen bei mir.
–Die Hofakademie? versuchte man es.
Sie strahlten & strichen sich anerkennend die Bärte. Jetzt kam man näher. Zwei der Gesichter erschienen seltsam ver­traut, aber die Flecken & Falten & Filzhaare machten eine ge­nauere Identifi­zierung unmög­lich. Vermutlich ein Streich des Gedächtnisses.
–Ganz recht.
–Eigentlich wollten sie davon loskommen.
–Aber es überkäme sie immer wieder davon –
–Davon zu re­den. Von ihrem Auftrag.
–Dem Grund ihrer Gefangenschaft.
–Aus der sie hierher geflohen seien. Ja geflohen!
Sie überschlugen sich beinahe in ihren Ausführungen, fielen sich ge­genseitig in ihren gemeinsamen Text – keiner wollte dem anderen zu­ viel der Geschichte überlassen. Man versuchte, am Ball zu bleiben, von einem Filzgesicht zum anderen blickend. Sie boten ei­nem freigiebig von dem Likör an. Da durfte man nicht widerspre­chen.
–Die alte Hofakademie, startete Alkunin einen neuen Anlauf, –
–Habe ja die künftigen Äbte Bischöfe & Grafen des karolingischen Reiches erzogen..., vollendeten sofort die anderen, –
–Die fränkisch-lateinische Sprachlehre voran­getrieben...
–Die Verwaltung der Hofbibliothek besorgt...
–& Germanische Heldenlieder gesammelt...
–Das erste Sigurdlied sowie Karls eigene Verse zum Beispiel.
Sie aber, legte wieder der erste Sänger vor, –
–Die zweite Hofakademie, ein paar Jahrhunderte später –
–Hätten sich nur mit einem beschäftigen sollen: der Su­che nach der wertvollsten Schrift Karls des Großen!
Paulus & Einhard kamen mit dem Holz zurück & begannen, es in der Mitte zu einem Türmchen zu schichten, während man sich selbst in den Kreis integrierte. Alle rutschten zu­sammen, um stumm & gebannt Zeuge zu werden, wie Alkunin des Feuer entfachte. Ein wie immer ma­gischer Vorgang.
–Vom dem Bestand der Karlschen Bibliothek sei doch we­der etwas be­kannt noch erhalten, versuchte man die Aufmerksamkeit wieder vom Feuer aufs Thema zu lenken – & als hätten sie nur darauf gewartet, erntete man gleich einen donnernden Chor:
Alle. –Weia, weia! Dreimal Weia! Man sei nicht bereit für die kom­mende Zeit!
Paulus. –Zwar sei wirklich noch niemand diesem Problem beigekom­men.
Angilbert. –Zu diesem Text, jener wertvollsten Schrift eben, aber gäbe es Hinweise.
Petrus. –Für die Stunde der höchsten Not seines Volkes, so sei ih­nen gesagt worden, sollten sie den Hinweisen folgen & die Schrift rekon­struieren, damit, wenn Charlemagne –
Einhard. –Charlemagne aus dem Dunkel des Unters­berges bei Salz­burg –
Paulus. –Wo er Jahrhunderte ausgeharrt habe –
Alkuin. –Wieder herauskäme –
Theowulf. –Er sei­nem Volk in der letzten Schlacht bei­stehen könne.
Jetzt wurde es warm hier unter dem Durchlaß, vom inneren & äuße­ren Brand – das Feuer warf unsere zuckenden Schatten auf das Brücken­gemäuer. Man fragte sich, wieviel Zufall bei dieser Begegnung im Spiel war... Es mit der sokratischen Methode versuchen.
–Wie Karl dort solange habe überleben können?
Alle. –Weia, weia! Dreimal Weia! Die Zeit bricht heran & man sei nicht bereit!
Angilbert&Theowulf. –Na dank des Geheimnisses!
Petrus. –Das der Grund dafür sei, warum er, der keine gelehrte Er­ziehung ge­nossen –
Alkuin. –Noch im hohen Mannesalter das Schreiben gelernt –
Paulus. –Sein Latein & Grie­chisch zu bessern ver­sucht ha­be.
Man glotze blöd, selbst schon etwas angezwitschert, der Likör kreis­te noch immer & kreiste & kreiste...
–Das Geheimnis eben jener Schrift! insistierten Einhard & Alkunin.
Theowulf. –Die Rolle, mit deren Hilfe es ihm gelungen sei, die Ge­schichte zu ändern.
Einhard. –Das Desiderat –
Alkuin. –Das zu finden sie, die Akademie, gezeugt worden seien:
Angilbert. –Karl habe unbemerkt dreihundert Jahre länger re­giert –
Petrus. –Dank der Magie dieser Rolle Ara­bisch-Pa­pier.
Die Akademie streckte ihm mit hochgezogenen Brauen ihre Köpfe entgegen. Man war ihr wirklich in die Falle gegangen. Endlich hatte sie jemand, der ihnen zuhörte – & sie verstand... Aber langsam verlor man den Faden. Wer waren sie? Was meinten sie damit, sie wären für die Suche gezeugt worden? Wovor waren sie geflohen? Man kam sich vor wie in einer Samstag-Abend-Schau: Wetten Dass. Am laufenden Band. Einer wird gewinnen. In der Themse spiegelten sich fleckig die Sterne.
–Man habe ja schon viele Geschichten gehört. Aber die­se –
Alle. –Weia, weia! Dreimal Weia! Die Geschichte hat kein Happy-End, wenn man seine Lage verkennt!
–Ob man denn wirklich noch nie von der These gehört habe, ver­suchte Paulus es nocheinmal sanft, –Karl, von dem es so wenige Zeug­nisse gäbe, obwohl er so großes vollbracht habe –
Petrus&Paulus. –Habe nie exis­tiert!
Man schüttelte erst den Kopf, dann mußte man sich korrigieren.
Angilbert. –Eine bloße Erfindung des Heilig Römischen Reiches Deut­scher Nation...
Einhard. –Ein Gründungsmythos der Staufischen Kai­sern, die sich damit hätten selbst legitimieren wollen...
Paulus. –Gipfelnd in der Behauptung, dem Kalender seien dreihun­dert Jah­re um die Zeit Karls herum –
Theowulf. –Einfach hinzugefügt worden!
Petrus. –Eine gigantische Fälschung der Zeit...
Eine bedeutungsvolle Stille trat ein. Schatten an der Wand. Das Kreisen der Fernsehunterhaltung im Kopf. Luftho­len. Dann:
Einhard&Alkunin. –Alles Humbug! In der Tat nämlich –
Angilbert. –Läge der Fall genau anders herum.
Alkuin. –Zweihundertneun&neunzig Jahre seien bei den christlichen Kalenderreformen gestohlen worden.
Was bin Ich. Der siebte Sinn? Vielleicht Na Sowas! Die Akademiker legten Holz nach.
Paulus. –Die Zeit eben seiner verlängerten Herrschaft.
Petrus. –Denn, seiner Macht müde geworden & befürchtend –
Theowulf. –Daß jene Schriftrolle in falschen Händen allerlei Übel an­richten könnte –
Alkuin. –Habe Karls sich zurückgezogen & durch ein letztes magi­sches Wort die Erinnerung an die­se Zeit tilgen lassen.
–& niemand davon etwas bemerkt? versuchte man der Akade­mie den Wind aus den Segeln zu nehmen.
–Nicht ganz, sprang Einhard darauf an: –Da ja nicht die tatsächliche Vergangenheit zu fälschen ge­wesen sei –
Angilbert. –Sondern nur die zukünftige Erinnerung daran –
Petrus. –Seien in der Tat einige wenige dahinter gekom­men.
Theowulf. –Wenn auch nur in ihren Träumen...
Alkuin. –& ohne jemals etwas beweisen zu können...
Die Supernasen. Aber Dalli Dalli!
–Wer diese besonders Erleuchteten gewesen seien? fragte man miß­trauisch, hegte aber bereits eine Befürchtung. Das Feuer knisterte & zuckte, ver­langte ständig nach Nachschub.
Paulus. –Die Bogomilen.
Einhard. –Die slawischen »Gottesfreunde«.
Angilbert. –Eine im orthodoxen Kleinasien entstandene, auf der Bal­kanhalbinsel angesiedelte religiöse Gemein­schaft –
Theowulf. –Mit einem dem Mani­chäismus ähnlichen Glaubenssys­tem & strenger Askese.
Petrus. –Sie hätten sich nämlich nicht erst im zehnten Jahrhundert –
Einhard. –Sondern bereits viel früher gegründet –
Angilbert&Theowulf. –In Karls Ägide, jaja.
Alkuin. –Eine Abspaltung sei damals in Belgien eingewandert –
Paulus. –& diese Leute seien es schließlich gewesen –
Angilbert. –Die durch ihren Glauben & ihre fremde Kultur dort eine Verstim­mung im Welten­lauf wahrgenommen hätten. Die slawischen –
Petrus. –Die slawischen Bogomilen seien mit der tür­kischen Erobe­rung Bosniens untergegangen.
Einhard. –Während das Wissen der belgischen im Laufe der Zeit in jene Bewegung geflossen sei –
Paulus. –Die man dreihundert plus dreihundert Jahre später –
Alkuin. –Die Katharer nennen sollte...
Trommelwirbel. Gewinnt der Kandidat den Großen Preis? Werden Die drei ??? den Fall lösen? Wann wird Hans Rosenthal in die Luft springen? Es hörte nicht auf. Es hörte einfach nicht auf. Man konnte den Blick von dem Herdfeuer nicht lösen, das langsam in sich zusam­menzufallen begann, den Punkt höchster Gluthitze erreichend:
Theowulf. –Unter Karls Leuten hingegen habe es einen kleinen Kreis Initiierte ge­ben –
Einhard. –In seiner Zukunft unangetastet & mit dem Auf­trag –
Angilbert. –Das Geheimnis zwar unentdeckt, aber dennoch überlie­fert zu halten –
Alkuin. –Damit später einmal –
Paulus. –In Zeiten der Not –
Petrus. –Die Macht Karls seinen Nachfahren beistehen könn­e...
Welches Schweinderl hättens denn gern? Der Preis ist heiß. Topp, die Wette gilt… Das Feuer war jetzt nur noch Glut & die Nacht zog sich langsam zurück. Die ersten Menschen streiften unaufmerksam vor­über, schlurften zur Arbeit – noch be­vor die Sonne sie ge­weckt hatte. Man selbst hatte derweil jeglichen Widerstand aufgegeben & sich end­gültig anste­cken lassen:
–Deshalb also sei von den Katha­rern kaum et­was übrig geblieben – weder Menschen, noch schriftliche Zeug­nisse: Sie hätten begonnen, das Geheimnis der dreihundert Jahre wei­terzugeben...
Alle (aufspringend). –Jubel, jubel! Dreimal Jubel! Jetzt sei man be­reit für die kom­mende Zeit!
Darum die Inquisition & die Verfolgung nicht nur der Katharer, sondern auch der Temp­ler, die in katharischen Landen ihren eigenen Staat aufgebaut hätten, legte man jetzt selber aufgeregt los über die Lö­sung eines der größten esoterischen Rätsel, –Darum die Massen-Ver­haftung der Führungs­riege durch König Phillip IV. von Frankreich, die Aufhe­bung des Ordenssta­tus durch Papst Cle­mens V. & der bizarre Prozeß wegen angebli­cher Häresie, Homosexualität & der Anbe­tung des Ba­phomet (das gefälscht­e Beweismate­rial erlangt dank einge­schleuster Spione & erpreßter Ge­ständnisse). Die komplette Ausrot­tung des Templer-Or­dens allein wegen jenem Albigensisch-kathari­schen Wissen, das an ihn weitergeg­eben worden war…
Alkuin (alle wieder zum Hinsetzen mahnend). –Jacques de Molay, der Großmeis­ter der Templer, habe ja zuvor noch Bücher & Dokument­e des Ordens wegschaf­fen & verbren­nen lassen...

Eine magische Schrift­rolle in der Hofbiblio­thek Karls des Großen, mit deren Hilfe er der Zeit Herr & den Menschen für dreihundert Jahre ein Gott war, dann aber die Gefährlichkeit jener Macht einsah & des­halb später den Zeitbe­trug aus der Geschichte der Menschheit löschen & die Rolle – das, was alle den Gral nennen – verstecken ließ. War sie der Anfang der literaris­chen Stafette?
Zweihundertneun&neunzig Jahre... In Wirklichkeit heute also das Jahr Zweitausendreihundert! Der technische Fortschritt – für einen klei­nen Kreis ist er dreihundert Jahre voraus... Das erklärt auch die Doppel­gänger – Menschen-Kopien, in dreihundert Jahren gängige Pra­xis. So wie die Strahlenwaffe.

–Was die Schriftrolle enthalte.
–Das eben wüßten sie nicht, zuckte Alkunin die Achseln & die ande­ren ergänzten:
Angilbert. –Schließlich seien sie nicht die Gelehrten von da­mals.
Paulus. –Keine Unsterblichen.
Theowulf. –Nur ein paar Forscher.
Einhard. –Die Namen willkürlich.
Petrus. –Mit nichts in der Tasche als einigen Texten –
Angilbert. –& einer Flasche Likör...
Einhard&Alkunin. –Weit weg von der Heimat –
Alkuin. –Der zweiten Villa Aurora –
Einhard. –Ihrem Gefängnis. Ort ihrer Geburt & ihres Lebens –
Petrus&Paulus. –Grund ihres Chors wie ihrer Flucht.

Villa Aurora. War das nicht Feuchtwangers Exilanten-Anwe­sen in den Vereinigten Staaten? Schon begann sich der Himmels­rand zu ver­färben, die chemische Reaktion zweier Flüssigkeiten: Der Tag kündigte sich an.

Petrus. –Aber sie hätten da eine Theorie.
Einhard. –Es handle sich vermutlich –
Theowulf. –Vermutlich um die Schrift eines Gottes. Die erste –
Paulus. –Die erste Fraktur eines Volkes –
Angilbert. –Von einem Herren der Botschaft –
Alkuin. –Wie der griechische Apollo oder auch Her­mes & der ägyp­tische Thot –
Theowulf. –& wie sie ein Gott der Enthül­lung & des Rätsels zu­gleich –
Angilbert. –Ein Brahma der Zauberei & der Zu­kunft –
Einhard. –Der allein das chaotische Urlied des Kosmos, die vorstoff­liche Welt –
Paulus. –& ihre schöpferische Kraft in eine Schrift zu ban­nen im Stande sei:
Angilbert&Theowulf. –Wodan-Odin –
–Der Gott der Germanen..., vervollständigte man selber den Satz.
Petrus. –Genau! Um die magischen Runen aus sich zu gebären –
Theowulf. –& sich damit sämtlicher Weisheit zu be­mächtigen –
Einhard. –Habe dieser sich selbst mit dem Speer verwundet & für neun Nächte an den Weltenbaum Yggdrasil gehängt.

Alle (singend). »Ich weiß, daß ich hing
am windbewegten Baum
Neun Nächte hindurch,
Verwundet vom Speer,
Dem Odin geweiht,
Ich selber mir selbst,
An dem mächtigen Baum,
Von dem Menschen nicht wissen,
Aus welchen Wurzeln er wuchs.
Man bot mir kein Horn
Noch Brot zur Labung,
Nach unten spähte mein Auge,
Ächzend hob ich,
Hob aufwärts die Runen,
Zu Boden fiel ich alsbald.
Bestlas Bruder,
Des Bolthorn Sohn,
Lehrte mich wirksamer neun,
& den Trank erlangt ich
Des trefflichen Metes,
Aus Odrerirs Inhalt geschöpft.
Zu gedeihen begann ich
& bedacht zu werden,
Ich wuchs & fühlte mich wohl;
Ein Wort fand mir
das andere Wort,
Ein Werk das andere Werk.«

Alkuin. –Als er aber schließlich herabsank –
Paulus. –Sei Odin durch das Wissen der Runen­tafel zur tragischen Gestalt geworden –
Theowulf. –Sein Blick bis ins Morgen ge­drungen –
Petrus. –Daß er doch nicht zu ändern vermochte...
Alle in der Akademie streckten die Köpfe vor, schauten mich an.
Petrus&Paulus. –Ragnarök: Welten­brand.
Alkuin. –Einem Sterblichen Midgards jedoch –
Wieso schauen die einen so an?
Angilbert. –Könnte die Tafel vielleicht die Fähigkeit geben –
Einhard. –Die Zukunft nicht nur zu wissen –
Theowulf. –Son­dern auch zu be­stimmen.
Warum schauen die so?
–& jene mythische Runentafel, ihre Zeichen, habe die alte Akade­mie für Karl irgendwie rekonstruiert & auf einer Papyrus-Rolle niederge­legt...?
Einstimmiges Nicken.
Paulus. –Die magischen Runen seien teilweise über­liefert gewesen durch das Futhark, das alt-germanische Alphabet – das man spä­ter be­zeichnenderweise von vier&zwanzig auf drei&dreißig (!) Zeichen er­weitert habe –
Alkuin. –& natürlich die verstreuten Texte der Edda & des ur­sprünglichen Sigurdlieds
Angilbert. –Der ältesten Fassung der Sage von Siegfried dem Nibe­lungen...
Einhard. –Ihren Vorfahren sei es gelungen –
Petrus. –Die Fragmente zu sammeln & sortieren –
Alkuin. –& auf eben jene Papyrus-Rolle zu bannen.
Das war spiiitze, springt Hans Rosenthal in die Luft!
–Also gut, fasste man zusammen, –Die Schrift, besser gesagt: das ver­schriftlichte Schöpfungs-Lied eines Gottes, verstanden. Aber wieso ihre Flucht vor dem Auftrag, jene Schrift oder Rolle wiederzufinden?
Theowulf. –Das könnten sie nicht –, fingen sie zu stottern an, –
Angilbert. –Nicht so genau rekonstruieren.
Alkuin. –Schon immer hätten sie mit Mängeln zu kämpfen...
Paulus. –Wie die Tatsache ihres beschleunigten Alterns...
Alkuin. –Wohl aber erinnerten sie sich –
Theowulf. – Daß sie immer in ein englischsprachiges Land wollten.
Petrus. –Seit ihrer Geburt hätten sie nichts anderes gekannt als jene Villa, ihr süßes Gefängnis –
Einhard. –Dort aufgewachsen zu keinem anderen Zweck –
Einhard&Alkunin. –Als später einmal die Runen-Rolle zu finden –
Paulus. –Zum Wohle der Menschheit & des karolingi­schen Erbes.
Angilbert. –Dann aber habe einer von ihnen ihre Eltern belauscht.
Alkuin. –& entdeckt, daß ihr Motiv nur ein Vor­wand ge­wesen –
Angilbert. –Dahinter sich ganz andere, sogar zwei ganz verschiedene Inter­essen ver­borgen hätten, untereinander –
Petrus. –Untereinander beständig im Kampf vor dem gähnend­en Ab­grund der Schöpfung –
Einhard. –Aorgik, das Walten des Wassers die eine –
Paulus. –Negentropie, die Verfechtung von Feuer & Funke die ande­re Macht.
Alkuin. –Das hätten jedenfalls ihre Nachforschungen ergeben (dazu waren sie ja geboren...). Niflheimer & Muspelheimer hießen sich ihre An­hänger –
Theowulf. –Nach dem germanischen Vorbild der Reiche aus denen das Leben entstand: Die Riesen & Götter, die Vanen & Asen.
Petrus. –Sie suchten seit Jahrhunderten nach der Rolle der Runen –
Angilbert. –Um damit den Weltenlauf in ihrem Sinne schrei­ben zu können –
Einhard. –Als Mehrer von Wirrwarr & Wucherung...
Petrus. –Oder Konsistenz & Kontrolle...

Es war taghell & an Müdigkeit sowieso nicht mehr zu denken.

***

No responses to “jul-aug.doc (10)”