Die Dämmerung lag wie verlaufene Farbe über der Stadt, Nebel war nirgends auszumachen. Die Geschäftigen des Tages flüchteten in ihre Häuser & überließen das Territorium den Fürsten der Finsternis: den Verkäufern zwiespältiger Genüsse, Besuchern der Kurzweil-Kaschemmen, heimlichen Hehlern, Messer-Männern, frivolen Frauen & herrenlosen Hunden.
Man hätte nicht so überstürzt herfliegen sollen. Wo werde ich heute Nacht Obdach finden? Nichts mehr auf dem Konto, die ganze Erbschaft verbraucht.
Was hatte das zu bedeuten, daß jetzt sogar Oliver ein Duplikat besaß? Es war jetzt klar, daß er sie auf die Spur der Stafette gebracht hatte – Oliver Zwei, mit dem er telefoniert hatte. Aber wer hatte ihn auf einen angesetzt? Was wußten sie von einem? Wieso Roland?
Man ließ sich treiben vom Wind durch die Gelasse des Molochs, an den Geldtempeln der City vorbei zum Nordufer der Themse, dorthin, wo man den frühen Spaziergang gemacht hatte. Auf einer Bank, neben dem Fußgänger-Durchlaß einer der wuchernden Brückenarme Shiva-Londons, man wußte nicht welchem, glitt einem der Kopf zur Seite & man selber sofort in tiefen Schlummer.
Wildes Durcheinanderreden rüttelte wach. An der Wand des Brückendurchlasses hatte es sich ein Grüppchen Individualisten gemütlich gemacht. Sechs altväterliche Männer, die sich durch unkontrollierten Haar- & Bartwuchs auszeichneten, der Kleidung nach aber doch keine Stadtstreicher waren – ein Armani-Anzug degradierte den anderen. Eine Flasche Kirschlikör ging im Kreis herum wie ein Altherren-Joint, Während man lauschte.
–Was für eine harmonische Proportionalität & anmutige Simplizität seine Minuskeln besäßen...
–Die kompakte Handlichkeit eines Damenschenkels, gepaart mit dem eleganten Schwung eines Infusionsschlauchs...
–Kein Vergleich zur schwer entzifferbaren gotischen Schrift...
–In der Tat hätte eine Renaissance der Antike, wie in Italien geschehen, ohne die Reform der Schrift niemals stattfinden können! behauptete einer & ein anderer bestätigte mit der These: –Die Ausbreitung der Minuskeln über das Frankenreich im neunten bis über ganz Europa im zwölften Jahrhundert habe es den Humanisten doch erst ermöglicht, ihre Pamphlete derart unter das Volk zu streuen!
–Viele Werke der Antike seien nur Dank der Abschrift karolingischer Gelehrter erhalten geblieben! ließ es sich ein Dritter nicht nehmen, den Schlußstrich zu ziehen.
In der Fremde traf man immer auf Franken... Wie ein Tragödien-Chor, der seinen gemeinsamen Text kennt, aber gerade in einzelne Individuen zerfällt, philosophierten diese hier über Carolus Magnus & seine Bedeutung für das Deutsche Schriftgut. Das will man nun wirklich nicht hören, an keinem Ort Ruhe...
Man versucht, sich davonzuschleichen. Schon aber hat man den Salat & den Gruppenführer aufmerksam gemacht.
–Was die eigene Auffassung, ob man anderer Meinung sei, oder etwas beizutragen habe? Andernfalls solle man lieber verschwinden. Das sei nämlich ihr Revier hier.
Alle Augen auf mich. Derart an der Ehre gekratzt, unterlag man dem Reflex & ging in die Falle:
–Nun ja, für die vorgebrachte These dürfe die karolingische Minuskel nicht allein in Anspruch genommen werden. Es gelte vielmehr auch zu berücksichtigen, daß Karl die Bibliotheken geöffnet & von alten Zwängen befreit, die Bestände erhöht, das kirchliche Vulgärlatein gereinigt & zur Amtssprache erklärt & zugleich angeordnet habe, die Lehre in den Klöstern & Domschulen fortan nur noch in Romanisch oder Germanisch durchzuführen – bei Beachtung einer allgemein gültigen Grammatik. Den Winden & Monaten habe er germanische Namen verliehen & Harún al Raschíd, der Kalif von Bagdad, ihm einen lebenden Elefanten als Anerkennung vorführen lassen – was den Zugang zu den arabischen Abschriften der antiken Kompendien ermöglicht habe.
Man hoffte, es ihnen gezeigt & sich die Erlaubnis zum Gehen verdient zu haben, hatte aber des Gegenteil damit erreicht:
–Horch, Horch, klatschte der Anführer Beifall, während seine Kumpane mit einfielen, –Ganz wie der Kaiser es selbst formuliert habe: »Obwohl gutes Tun besser sei als gutes Wissen, gehe das Wissen dem Tun doch voraus.« Man hätte allerdings noch ein paar Aspekte vergessen: Die Dreifelderwirtschaft. Die Genueser Volksversammlungen, denen man gerade jetzt, nach der Tragödie des G-Acht-Gipfels, wieder gedenken sollte. Die Bedeutung der sechs Erzbistümer Mainz, Köln, Salzburg, Trier, Hamburg-Bremen & Magdeburg... Man solle doch Platz nehmen. Nur für ein Viertelstündchen. Sie schätzten es, sich ab & an neuen Impulsen auszusetzen.
Er sah einen mit diesem freundlichen Blick an, der keine Ausrede duldete, & machte den anderen Zeichen, ein paar Hölzer am Ufer zusammenzuklauben, für ein gemeinsames Feuer. Zwei setzten sich ab von der Gruppe. Man selbst zögerte noch, näher zu kommen, konnte aber auch nicht mehr weg.
–Neue Impulse, genau! So wie Karl –, begann einer die Einladung zu bekräftigen –
–Wie Karl den Umgang mit Buchstaben gesucht habe, beendete ein anderer den Satz, –Er habe sie sogar mit ins Bett genommen: zum Einprägen im Schlaf!
–Habe bekanntlich nicht viel geholfen, haha...
–Er würde es vorziehen, meinte ein likörseliger Dritter, –Das Prägen des fraulichen Fleisches im Bette noch vollziehen zu können. Da sei ihm ein Carolus serenissimus augustus a deo coronatus magnificus imperator Romanorum gubernans imperium qui est per misericordiam die rex Francorum atque Langobardum, der seinen müden gichtkranken Körper stets an die warmen Quellen nach Aachen habe expedieren lassen können, sowas von hundsfottegal... Seinen Verfall könne nur ein letztes Bad in der Themse kurieren – aber das wäre ja auch nur etwas für Leute von dunklerem Gemüte.
Alle lachten & bleckten dabei ihre fauligen Zähne. Das Geräusch sprang hinaus in die Dämmerung & über den Fluß, in der Millionstadt weitere Lauscher zu finden. Doch niemand wurde Zeuge des folgenden Gesprächs:
–Das sei Theowulf der bald tote Gote, begann der Älteste alle vorzustellen, –Zwar wäre er lieber der Apostel Wulfila aus Gotisch-Mösien, aber das sei vor seiner Zeit gewesen... Sein Name, er deutete auf sich selbst, –Sei Alkuin der Angelsachse. Die anderen seien Petrus von Pisa & Fra Angilbert der Franke. Gleich vom Holzholen zurück sei Paulus Diaconus der lange Langobarde & Mr. Einhard der Mainfranke.
[Unnötig zu erwähnen, daß alle diese Namen nicht von mir geändert wurden – aber ich folge der Pflicht…]
Die Angesprochenen nickten augenrollend & blickten mich erwartungsvoll an. Als sollten die Namen etwas zum Klingen bringen bei mir.
–Die Hofakademie? versuchte man es.
Sie strahlten & strichen sich anerkennend die Bärte. Jetzt kam man näher. Zwei der Gesichter erschienen seltsam vertraut, aber die Flecken & Falten & Filzhaare machten eine genauere Identifizierung unmöglich. Vermutlich ein Streich des Gedächtnisses.
–Ganz recht.
–Eigentlich wollten sie davon loskommen.
–Aber es überkäme sie immer wieder davon –
–Davon zu reden. Von ihrem Auftrag.
–Dem Grund ihrer Gefangenschaft.
–Aus der sie hierher geflohen seien. Ja geflohen!
Sie überschlugen sich beinahe in ihren Ausführungen, fielen sich gegenseitig in ihren gemeinsamen Text – keiner wollte dem anderen zu viel der Geschichte überlassen. Man versuchte, am Ball zu bleiben, von einem Filzgesicht zum anderen blickend. Sie boten einem freigiebig von dem Likör an. Da durfte man nicht widersprechen.
–Die alte Hofakademie, startete Alkunin einen neuen Anlauf, –
–Habe ja die künftigen Äbte Bischöfe & Grafen des karolingischen Reiches erzogen..., vollendeten sofort die anderen, –
–Die fränkisch-lateinische Sprachlehre vorangetrieben...
–Die Verwaltung der Hofbibliothek besorgt...
–& Germanische Heldenlieder gesammelt...
–Das erste Sigurdlied sowie Karls eigene Verse zum Beispiel.
–Sie aber, legte wieder der erste Sänger vor, –
–Die zweite Hofakademie, ein paar Jahrhunderte später –
–Hätten sich nur mit einem beschäftigen sollen: der Suche nach der wertvollsten Schrift Karls des Großen!
Paulus & Einhard kamen mit dem Holz zurück & begannen, es in der Mitte zu einem Türmchen zu schichten, während man sich selbst in den Kreis integrierte. Alle rutschten zusammen, um stumm & gebannt Zeuge zu werden, wie Alkunin des Feuer entfachte. Ein wie immer magischer Vorgang.
–Vom dem Bestand der Karlschen Bibliothek sei doch weder etwas bekannt noch erhalten, versuchte man die Aufmerksamkeit wieder vom Feuer aufs Thema zu lenken – & als hätten sie nur darauf gewartet, erntete man gleich einen donnernden Chor:
Alle. –Weia, weia! Dreimal Weia! Man sei nicht bereit für die kommende Zeit!
Paulus. –Zwar sei wirklich noch niemand diesem Problem beigekommen.
Angilbert. –Zu diesem Text, jener wertvollsten Schrift eben, aber gäbe es Hinweise.
Petrus. –Für die Stunde der höchsten Not seines Volkes, so sei ihnen gesagt worden, sollten sie den Hinweisen folgen & die Schrift rekonstruieren, damit, wenn Charlemagne –
Einhard. –Charlemagne aus dem Dunkel des Untersberges bei Salzburg –
Paulus. –Wo er Jahrhunderte ausgeharrt habe –
Alkuin. –Wieder herauskäme –
Theowulf. –Er seinem Volk in der letzten Schlacht beistehen könne.
Jetzt wurde es warm hier unter dem Durchlaß, vom inneren & äußeren Brand – das Feuer warf unsere zuckenden Schatten auf das Brückengemäuer. Man fragte sich, wieviel Zufall bei dieser Begegnung im Spiel war... Es mit der sokratischen Methode versuchen.
–Wie Karl dort solange habe überleben können?
Alle. –Weia, weia! Dreimal Weia! Die Zeit bricht heran & man sei nicht bereit!
Angilbert&Theowulf. –Na dank des Geheimnisses!
Petrus. –Das der Grund dafür sei, warum er, der keine gelehrte Erziehung genossen –
Alkuin. –Noch im hohen Mannesalter das Schreiben gelernt –
Paulus. –Sein Latein & Griechisch zu bessern versucht habe.
Man glotze blöd, selbst schon etwas angezwitschert, der Likör kreiste noch immer & kreiste & kreiste...
–Das Geheimnis eben jener Schrift! insistierten Einhard & Alkunin.
Theowulf. –Die Rolle, mit deren Hilfe es ihm gelungen sei, die Geschichte zu ändern.
Einhard. –Das Desiderat –
Alkuin. –Das zu finden sie, die Akademie, gezeugt worden seien:
Angilbert. –Karl habe unbemerkt dreihundert Jahre länger regiert –
Petrus. –Dank der Magie dieser Rolle Arabisch-Papier.
Die Akademie streckte ihm mit hochgezogenen Brauen ihre Köpfe entgegen. Man war ihr wirklich in die Falle gegangen. Endlich hatte sie jemand, der ihnen zuhörte – & sie verstand... Aber langsam verlor man den Faden. Wer waren sie? Was meinten sie damit, sie wären für die Suche gezeugt worden? Wovor waren sie geflohen? Man kam sich vor wie in einer Samstag-Abend-Schau: Wetten Dass. Am laufenden Band. Einer wird gewinnen. In der Themse spiegelten sich fleckig die Sterne.
–Man habe ja schon viele Geschichten gehört. Aber diese –
Alle. –Weia, weia! Dreimal Weia! Die Geschichte hat kein Happy-End, wenn man seine Lage verkennt!
–Ob man denn wirklich noch nie von der These gehört habe, versuchte Paulus es nocheinmal sanft, –Karl, von dem es so wenige Zeugnisse gäbe, obwohl er so großes vollbracht habe –
Petrus&Paulus. –Habe nie existiert!
Man schüttelte erst den Kopf, dann mußte man sich korrigieren.
Angilbert. –Eine bloße Erfindung des Heilig Römischen Reiches Deutscher Nation...
Einhard. –Ein Gründungsmythos der Staufischen Kaisern, die sich damit hätten selbst legitimieren wollen...
Paulus. –Gipfelnd in der Behauptung, dem Kalender seien dreihundert Jahre um die Zeit Karls herum –
Theowulf. –Einfach hinzugefügt worden!
Petrus. –Eine gigantische Fälschung der Zeit...
Eine bedeutungsvolle Stille trat ein. Schatten an der Wand. Das Kreisen der Fernsehunterhaltung im Kopf. Luftholen. Dann:
Einhard&Alkunin. –Alles Humbug! In der Tat nämlich –
Angilbert. –Läge der Fall genau anders herum.
Alkuin. –Zweihundertneun&neunzig Jahre seien bei den christlichen Kalenderreformen gestohlen worden.
Was bin Ich. Der siebte Sinn? Vielleicht Na Sowas! Die Akademiker legten Holz nach.
Paulus. –Die Zeit eben seiner verlängerten Herrschaft.
Petrus. –Denn, seiner Macht müde geworden & befürchtend –
Theowulf. –Daß jene Schriftrolle in falschen Händen allerlei Übel anrichten könnte –
Alkuin. –Habe Karls sich zurückgezogen & durch ein letztes magisches Wort die Erinnerung an diese Zeit tilgen lassen.
–& niemand davon etwas bemerkt? versuchte man der Akademie den Wind aus den Segeln zu nehmen.
–Nicht ganz, sprang Einhard darauf an: –Da ja nicht die tatsächliche Vergangenheit zu fälschen gewesen sei –
Angilbert. –Sondern nur die zukünftige Erinnerung daran –
Petrus. –Seien in der Tat einige wenige dahinter gekommen.
Theowulf. –Wenn auch nur in ihren Träumen...
Alkuin. –& ohne jemals etwas beweisen zu können...
Die Supernasen. Aber Dalli Dalli!
–Wer diese besonders Erleuchteten gewesen seien? fragte man mißtrauisch, hegte aber bereits eine Befürchtung. Das Feuer knisterte & zuckte, verlangte ständig nach Nachschub.
Paulus. –Die Bogomilen.
Einhard. –Die slawischen »Gottesfreunde«.
Angilbert. –Eine im orthodoxen Kleinasien entstandene, auf der Balkanhalbinsel angesiedelte religiöse Gemeinschaft –
Theowulf. –Mit einem dem Manichäismus ähnlichen Glaubenssystem & strenger Askese.
Petrus. –Sie hätten sich nämlich nicht erst im zehnten Jahrhundert –
Einhard. –Sondern bereits viel früher gegründet –
Angilbert&Theowulf. –In Karls Ägide, jaja.
Alkuin. –Eine Abspaltung sei damals in Belgien eingewandert –
Paulus. –& diese Leute seien es schließlich gewesen –
Angilbert. –Die durch ihren Glauben & ihre fremde Kultur dort eine Verstimmung im Weltenlauf wahrgenommen hätten. Die slawischen –
Petrus. –Die slawischen Bogomilen seien mit der türkischen Eroberung Bosniens untergegangen.
Einhard. –Während das Wissen der belgischen im Laufe der Zeit in jene Bewegung geflossen sei –
Paulus. –Die man dreihundert plus dreihundert Jahre später –
Alkuin. –Die Katharer nennen sollte...
Trommelwirbel. Gewinnt der Kandidat den Großen Preis? Werden Die drei ??? den Fall lösen? Wann wird Hans Rosenthal in die Luft springen? Es hörte nicht auf. Es hörte einfach nicht auf. Man konnte den Blick von dem Herdfeuer nicht lösen, das langsam in sich zusammenzufallen begann, den Punkt höchster Gluthitze erreichend:
Theowulf. –Unter Karls Leuten hingegen habe es einen kleinen Kreis Initiierte geben –
Einhard. –In seiner Zukunft unangetastet & mit dem Auftrag –
Angilbert. –Das Geheimnis zwar unentdeckt, aber dennoch überliefert zu halten –
Alkuin. –Damit später einmal –
Paulus. –In Zeiten der Not –
Petrus. –Die Macht Karls seinen Nachfahren beistehen könne...
Welches Schweinderl hättens denn gern? Der Preis ist heiß. Topp, die Wette gilt… Das Feuer war jetzt nur noch Glut & die Nacht zog sich langsam zurück. Die ersten Menschen streiften unaufmerksam vorüber, schlurften zur Arbeit – noch bevor die Sonne sie geweckt hatte. Man selbst hatte derweil jeglichen Widerstand aufgegeben & sich endgültig anstecken lassen:
–Deshalb also sei von den Katharern kaum etwas übrig geblieben – weder Menschen, noch schriftliche Zeugnisse: Sie hätten begonnen, das Geheimnis der dreihundert Jahre weiterzugeben...
Alle (aufspringend). –Jubel, jubel! Dreimal Jubel! Jetzt sei man bereit für die kommende Zeit!
–Darum die Inquisition & die Verfolgung nicht nur der Katharer, sondern auch der Templer, die in katharischen Landen ihren eigenen Staat aufgebaut hätten, legte man jetzt selber aufgeregt los über die Lösung eines der größten esoterischen Rätsel, –Darum die Massen-Verhaftung der Führungsriege durch König Phillip IV. von Frankreich, die Aufhebung des Ordensstatus durch Papst Clemens V. & der bizarre Prozeß wegen angeblicher Häresie, Homosexualität & der Anbetung des Baphomet (das gefälschte Beweismaterial erlangt dank eingeschleuster Spione & erpreßter Geständnisse). Die komplette Ausrottung des Templer-Ordens allein wegen jenem Albigensisch-katharischen Wissen, das an ihn weitergegeben worden war…
Alkuin (alle wieder zum Hinsetzen mahnend). –Jacques de Molay, der Großmeister der Templer, habe ja zuvor noch Bücher & Dokumente des Ordens wegschaffen & verbrennen lassen...
Eine magische Schriftrolle in der Hofbibliothek Karls des Großen, mit deren Hilfe er der Zeit Herr & den Menschen für dreihundert Jahre ein Gott war, dann aber die Gefährlichkeit jener Macht einsah & deshalb später den Zeitbetrug aus der Geschichte der Menschheit löschen & die Rolle – das, was alle den Gral nennen – verstecken ließ. War sie der Anfang der literarischen Stafette?
Zweihundertneun&neunzig Jahre... In Wirklichkeit heute also das Jahr Zweitausendreihundert! Der technische Fortschritt – für einen kleinen Kreis ist er dreihundert Jahre voraus... Das erklärt auch die Doppelgänger – Menschen-Kopien, in dreihundert Jahren gängige Praxis. So wie die Strahlenwaffe.
–Was die Schriftrolle enthalte.
–Das eben wüßten sie nicht, zuckte Alkunin die Achseln & die anderen ergänzten:
Angilbert. –Schließlich seien sie nicht die Gelehrten von damals.
Paulus. –Keine Unsterblichen.
Theowulf. –Nur ein paar Forscher.
Einhard. –Die Namen willkürlich.
Petrus. –Mit nichts in der Tasche als einigen Texten –
Angilbert. –& einer Flasche Likör...
Einhard&Alkunin. –Weit weg von der Heimat –
Alkuin. –Der zweiten Villa Aurora –
Einhard. –Ihrem Gefängnis. Ort ihrer Geburt & ihres Lebens –
Petrus&Paulus. –Grund ihres Chors wie ihrer Flucht.
Villa Aurora. War das nicht Feuchtwangers Exilanten-Anwesen in den Vereinigten Staaten? Schon begann sich der Himmelsrand zu verfärben, die chemische Reaktion zweier Flüssigkeiten: Der Tag kündigte sich an.
Petrus. –Aber sie hätten da eine Theorie.
Einhard. –Es handle sich vermutlich –
Theowulf. –Vermutlich um die Schrift eines Gottes. Die erste –
Paulus. –Die erste Fraktur eines Volkes –
Angilbert. –Von einem Herren der Botschaft –
Alkuin. –Wie der griechische Apollo oder auch Hermes & der ägyptische Thot –
Theowulf. –& wie sie ein Gott der Enthüllung & des Rätsels zugleich –
Angilbert. –Ein Brahma der Zauberei & der Zukunft –
Einhard. –Der allein das chaotische Urlied des Kosmos, die vorstoffliche Welt –
Paulus. –& ihre schöpferische Kraft in eine Schrift zu bannen im Stande sei:
Angilbert&Theowulf. –Wodan-Odin –
–Der Gott der Germanen..., vervollständigte man selber den Satz.
Petrus. –Genau! Um die magischen Runen aus sich zu gebären –
Theowulf. –& sich damit sämtlicher Weisheit zu bemächtigen –
Einhard. –Habe dieser sich selbst mit dem Speer verwundet & für neun Nächte an den Weltenbaum Yggdrasil gehängt.
Alle (singend). »Ich weiß, daß ich hing
am windbewegten Baum
Neun Nächte hindurch,
Verwundet vom Speer,
Dem Odin geweiht,
Ich selber mir selbst,
An dem mächtigen Baum,
Von dem Menschen nicht wissen,
Aus welchen Wurzeln er wuchs.
Man bot mir kein Horn
Noch Brot zur Labung,
Nach unten spähte mein Auge,
Ächzend hob ich,
Hob aufwärts die Runen,
Zu Boden fiel ich alsbald.
Bestlas Bruder,
Des Bolthorn Sohn,
Lehrte mich wirksamer neun,
& den Trank erlangt ich
Des trefflichen Metes,
Aus Odrerirs Inhalt geschöpft.
Zu gedeihen begann ich
& bedacht zu werden,
Ich wuchs & fühlte mich wohl;
Ein Wort fand mir
das andere Wort,
Ein Werk das andere Werk.«
Alkuin. –Als er aber schließlich herabsank –
Paulus. –Sei Odin durch das Wissen der Runentafel zur tragischen Gestalt geworden –
Theowulf. –Sein Blick bis ins Morgen gedrungen –
Petrus. –Daß er doch nicht zu ändern vermochte...
Alle in der Akademie streckten die Köpfe vor, schauten mich an.
Petrus&Paulus. –Ragnarök: Weltenbrand.
Alkuin. –Einem Sterblichen Midgards jedoch –
Wieso schauen die einen so an?
Angilbert. –Könnte die Tafel vielleicht die Fähigkeit geben –
Einhard. –Die Zukunft nicht nur zu wissen –
Theowulf. –Sondern auch zu bestimmen.
Warum schauen die so?
–& jene mythische Runentafel, ihre Zeichen, habe die alte Akademie für Karl irgendwie rekonstruiert & auf einer Papyrus-Rolle niedergelegt...?
Einstimmiges Nicken.
Paulus. –Die magischen Runen seien teilweise überliefert gewesen durch das Futhark, das alt-germanische Alphabet – das man später bezeichnenderweise von vier&zwanzig auf drei&dreißig (!) Zeichen erweitert habe –
Alkuin. –& natürlich die verstreuten Texte der Edda & des ursprünglichen Sigurdlieds –
Angilbert. –Der ältesten Fassung der Sage von Siegfried dem Nibelungen...
Einhard. –Ihren Vorfahren sei es gelungen –
Petrus. –Die Fragmente zu sammeln & sortieren –
Alkuin. –& auf eben jene Papyrus-Rolle zu bannen.
Das war spiiitze, springt Hans Rosenthal in die Luft!
–Also gut, fasste man zusammen, –Die Schrift, besser gesagt: das verschriftlichte Schöpfungs-Lied eines Gottes, verstanden. Aber wieso ihre Flucht vor dem Auftrag, jene Schrift oder Rolle wiederzufinden?
Theowulf. –Das könnten sie nicht –, fingen sie zu stottern an, –
Angilbert. –Nicht so genau rekonstruieren.
Alkuin. –Schon immer hätten sie mit Mängeln zu kämpfen...
Paulus. –Wie die Tatsache ihres beschleunigten Alterns...
Alkuin. –Wohl aber erinnerten sie sich –
Theowulf. – Daß sie immer in ein englischsprachiges Land wollten.
Petrus. –Seit ihrer Geburt hätten sie nichts anderes gekannt als jene Villa, ihr süßes Gefängnis –
Einhard. –Dort aufgewachsen zu keinem anderen Zweck –
Einhard&Alkunin. –Als später einmal die Runen-Rolle zu finden –
Paulus. –Zum Wohle der Menschheit & des karolingischen Erbes.
Angilbert. –Dann aber habe einer von ihnen ihre Eltern belauscht.
Alkuin. –& entdeckt, daß ihr Motiv nur ein Vorwand gewesen –
Angilbert. –Dahinter sich ganz andere, sogar zwei ganz verschiedene Interessen verborgen hätten, untereinander –
Petrus. –Untereinander beständig im Kampf vor dem gähnenden Abgrund der Schöpfung –
Einhard. –Aorgik, das Walten des Wassers die eine –
Paulus. –Negentropie, die Verfechtung von Feuer & Funke die andere Macht.
Alkuin. –Das hätten jedenfalls ihre Nachforschungen ergeben (dazu waren sie ja geboren...). Niflheimer & Muspelheimer hießen sich ihre Anhänger –
Theowulf. –Nach dem germanischen Vorbild der Reiche aus denen das Leben entstand: Die Riesen & Götter, die Vanen & Asen.
Petrus. –Sie suchten seit Jahrhunderten nach der Rolle der Runen –
Angilbert. –Um damit den Weltenlauf in ihrem Sinne schreiben zu können –
Einhard. –Als Mehrer von Wirrwarr & Wucherung...
Petrus. –Oder Konsistenz & Kontrolle...
Es war taghell & an Müdigkeit sowieso nicht mehr zu denken.