popp-ART

popp heißt das pop-paradox leben
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Der Alp des Aufhörens guckte ihm wieder über die Schulter. Das war eine Nummer zu groß. Zeit auszusteigen – länger würde man diese Ge­schichte nicht mittragen. Man war ihr so nahe ge­kommen & hatte sie doch gleich wieder verloren, sie, die sich hinter dem Kennwort Sibylle verbarg. Ihr war nicht mehr zu helfen. Das Risiko unkalkulierbar.
Nun waren neue Erkenntnisse gemacht worden, neue Faktoren ins Spiel gelangt & die gingen bei weitem über die Möglichkeiten & Pläne des FAF hin­aus. Das war etwas, wor­auf man keinen Einfluß mehr hat­te, der Kampf dieser Mächte war einer der Zeiten:
Muspelheimer: das waren alle, die versuchten, die Ord­nung zu wah­ren, das unbestimmbare Morgen heute schon fest­zuschreiben. Diesel­ben Leute, die in den Siebzigern die Grenzen des Wachstums anmahn­ten & das freiwillige Gleichge­wicht for­derten. Die nach dem Scheitern die­ser Pro­gnose die Aktien-Indi­zes zu lenken versuchten & damit wieder eine Bruchlan­dung hinlegten. Die Manipulato­ren der Konjunk­turdaten. Die Utopisten & Futurologen. Die Broker. Die Politiker. Der Deut­sche Wetterdienst. Die evangelische Kirche. Die Staat­liche Lotte­rie.
Muspel. Das ist das altdeutsche spell – Rede & Weis­sagung, & das lateinische mundus: zusammen also die Verkündung & Prophezeiung der Welt.
Niflheimer: das waren die Streuer beliebiger Information­en & spon­taner Zusammenhänge, die Wahrer des Unvorhersehb­aren im Los­schreiben des Gestern vom Heute. Die Apo­logeten des Zerfalls & Zu­falls. Dieje­nigen, die Bewegung in das Sys­tem brachten. Die Boulevard­journalisten. Die Nachrichtensprec­her. Die Acht&sechziger. Die Histo­riker. Die Chaosforscher. Die Gegner der Pille. Die katholische Kirche. Die Ther­modynamiker. Die Künstler.
Nifl. Das ist der altdeutsche Nebel. Ein Anagramm des Lebens.
Beider Kampf und Suche Anlaß für so viele Kriege, zum Beispiel die Kreuzzüge: der Versuch, Karls Geheim­nis im Orient aufzuspüren – war doch die erste Schrift überhaupt, die sumeri­sche Keilschrift, um dreitausendzweihundert v. Chr. (!) dort entstan­den, stammte das Papy­rus der Rekonstruktions-Rolle aus Byblos im heutigen Li­banon...
Man wollte nichts davon wissen. Auch nicht, wer die Akade­miker waren & woher sie kamen. Wer ihre »Eltern« & Auftrag­geber waren & warum sie sich so eigenartig verhielten; als ob ihre Gehirnströme von Interferen­zen gebeutelt würden. Es gab da Vermutungen – aber wer hätte das wahrhaben wollen…
Dennoch wollte man sich nicht von der Akademie trennen. Jetzt, wo sie sich alles von der Seele geredet hatten, wa­ren sie ruhiger geworden.
Man wollte aussteigen – wo konnte das besser gelingen, als in der Gemeinschaft dieser selbst Hilfsbedürftigen?

Man blieb also im Londoner Exil bei den Alten, lebte mit ih­nen am Ufer vom Abfall der Banker, versuchte eins mit sich selbst zu werden im Zen, alles aus dem Gedächtnis zu lö­schen.

So vergingen die Tage in Gemeinschaft mit dem Chor der Be­freiten. Ihre wahren Namen kannten sie nicht, den eigenen hatte man ihnen verschwiegen. Man wollte brechen mit der ei­genen Biographie, also hieß man sich Or­land vom Orient & wurde Teil der Akademie.

Die Londoner Freiheit hatte ihr Genie nun völlig entzündet. Die jahre­lang auf ein Ziel hin begradigte Energie grub sich ihr eige­nes schlän­gelndes Bett: Für vor­beiziehende Passanten erfanden die einen ganze Romane & Dramen zum mündlichen Vortrag, zwei sangen improvi­sierte Lieder dazu, die anderen entwarfen Vi­sualisierungs-Konzepte & man selbst lieferte gleich eine wissenschaftliche Deutung. Das war die Quelle unser­es spärlichen Einkomm­ens.
Theowulf war in der Zeit ganz erblin­det, doch das focht ihn nicht an. Er war der größte Rhapsode von al­len.

Den Kontakt mit der Heimat hielten wir einzig über die Zei­tung, die uns ein deutscher Geschäftsmann stets für ein paar spontane Aphoris­men zurückließ:
Dritter August: »Innenminister stellt Zuwanderungsgesetz vor.«
Vierter August: »Hundertster Geburtstag Queen Mums.«
Fünfter August: »Todesstrafe wegen angeblicher christlicher Missi­onsversuche: Vier&zwanzig Mitarbeiter der Hilfsorganisa­tion Shelter Now in Afghanistan gefangen genommen.«
Siebter August: »Zweihundert Paare stehen bereit: Italieni­scher Frau­enarzt will im November mit dem Ungeheuerli­chen beginnen.«
Achter August: »Bayers Börsenkurs abgestürzt: Cholesterin-Medika­ment Lipobay enthält tödliche Nebenwirkungen.«
Elfter August: »Jetzt schon sechs Lipobay Todesfälle.«
Dreizehnter August: »Vor vierzig Jahren wurde die Nation ge­trennt.«
Sechzehnter August: »Tiefster Stand des DAX seit zwei Jahren.«
Zwei&zwanzigster August: »Essential Harvest: Nato-Kontingent soll albanische Rebellen entwaffnen.«
Drei&zwanzigster August: »Wir schi­cken Fünftausend: Kabi­nett be­schließt Mazedonien-Einsatz / Weltwei­ter Verkaufsstop: Lipobay nun auch in Japan vom Markt genommen.«
Sechs&zwanzigster August: »Rotes Kreuz besucht Shelter-Now-Ge­fangene.«
Neun&zwanzigster August: »Glimpflicher Ausgang der Vertrauens­frage: Bundestag beschließt Mazedonien-Einsatz mit Vierhundertsie­ben&neunzig Stimmen – ohne Regierungs­mehrheit.«

So ließ es sich leben. Fernab des Ortes dieser Nachrichten...

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