Man kam zurück von einem Einkauf zur Brücke – da hatten die Alten die Aufmerksamkeit eines pausierenden Nadelstreifenanzuges gewonnen. Er stand auf von der Bank & ging zu ihnen hinüber, den Ergüssen zu lauschen. Zurück blieb seine Tasche.
Man zögerte nicht, griff aus dem Gebüsch heraus nach der Beute & schlich sich davon.
Später teilte man das Gut unter den Freunden. Sie bekamen Schreibblock, Brote & Geld, man selber das elektronische Notizbuch. Die Chance nutzen – wenigstens noch das Erlebte bis hierher verschriftlichen & dann endgültig Schluß machen mit dem Projekt...
–Ob man dafür Verwendung habe, reichte einem Alkunin eine kleine Festplatte, –Die hätten sie von ihren Eltern erhalten, um sie in der Villa nach Hinweisen zur Schriftrolle zu durchsuchen. Sie hätten sie verbrennen wollen, dann aber entschieden, sie als Pfand zu behalten, sollten sie aufgespürt werden. Jetzt sei die Zeit, dieses Kapitel zu beenden & sie zu vernichten oder zu löschen & weiter zu nutzen. Sie enthielte die Aufzeichnungen eines gewissen Roland aus Bayreuth...
Es war kein Entkommen, man war wieder im Spiel, die Geschichte ließ einen nicht los. Bevor man Abschied nahm, wollte man jedoch endlich die Kopfnuß der Akademie knacken.
Wer waren sie wirklich?
Die Lösung brachte ein Besuch beim Barbier. & was kam da zum Vorschein! Als man ihnen unter viel Jaulen & Sträuben die Haare stutzen & Bärte abnehmen lies, waren ganz gut zu erkennen – die frappierende Ähnlichkeit von historischen Aufnahmen bestätigt (alten Zeitschriften entnommen, die er einigen Bibliotheken entwendet hatte): die Gesichter von Döblin & Brecht, Lubitsch & Lang, Schönberg & Weill.
Jene Kriegs-Exilanten also, die sich auf Lion Feuchtwangers Residenz im spanischen Stil, der Villa Aurora in der Berliner Partnerstadt Los Angeles getroffen hatten. Auch sie jetzt kopiert. Unwissentlich waren sie Diener des FAF, Instrumente Frankonias, das nichts weiter war, als eines der vielen Gesichter von Nifl & Muspel... Das also war es, was die Zwillinge verschwiegen hatten, der wahre Grund ihrer Flucht.
Die Villa in Pacific Palisades existiert noch – kein Problem also dort DNA-Reste zu finden. Von neunzehnhundertvierzig bis -sieben&vierzig waren auf den Hügeln zwischen Santa Monica & Beverly Hills vermutlich mehr deutsche & österreichische Schriftsteller, Komponisten, Philosophen, Regisseure & andere Künstler von Rang zusammengekommen, als irgendwo sonst auf der Welt: Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Hanns Eisler, Victor Klemperer, Fritz Lang, Ernst Lubitsch, Heinrich & Thomas Mann, Ludwig Marcuse, Arnold Schönberg, Kurt Weill. Die Liste derjenigen, die in der Nähe Hollywoods nach einem Broterwerb suchten, ließe sich mühelos verlängern.
»Gemessen an dem Zustand der übrigen Welt lebt man hier wahrscheinlich besonders friedlich & wohl auch üppig.« Die Einschätzung Feuchtwangers teilte seine Frau Marta vermutlich – sie bewohnte die Villa bis zu ihrem Tod Neunzehnhundertsieben&achtzig. Da die Südkalifornische Universität, von Feuchtwanger selbst noch als Erbe des Anwesens & der dreißigtausend-Bände-Privatbibliothek eingesetzt, sich außerstande sah, den Unterhalt des vom Hang-Abrutsch bedrohten Hauses zu sichern, übernahm eine Berliner Privatinitiative mit Geldern des Senats die Instandsetzung & Einrichtung als internationale künstlerische Begegnungsstätte: sicher weitere Agenten des Feindes...
Tränennaß klammerten die Akademiker sich an die Photographie-Reproduktionen ihrer Väter & Brüder, den einzigen Belegen ihrer Herkunft. Was die zweite Villa wäre & wo sie sich befände, konnten sie mir nicht ausführen. Ihr Gedächtnis hatte nie richtig zu funktionieren gelernt: das Menschen-Kopieren war wohl noch fehlerbehaftet.
Mit der Suche nach der Rolle der Runen übrigens waren sie nicht weiter als ich. Sie hatten sich verweigert, ihre Herren auf falsche Fährten gesetzt. Eines konnten sie jedoch aufklären: In der Tat hätte die Rolle vermutlich jahrelang in den Archiven des Freimaurer-Museums gelegen, direkt unter der Nase der Sucher. Erst mit dem Verlust ihres Bestandes im Gefolge des Krieges sei man dank den Resten einer wiederaufgetauchten historischen Inventarliste auf die (nun aber fehlende) Rolle gestoßen. Der sichere Beweis müsse allerdings erst noch erbracht werden.
Ein weiteres Puzzleteil eingesetzt, die Schriftrolle aber noch immer verschwunden... & wie sollte meine Literaten-Stafette neben der Identität jenes Textes auch seinen heutigen Aufenthaltsort preisgeben?
Theowulf-Bertold hatte den Glücks-Schock über seine Identität nicht überlebt. Aus Mangel an Möglichkeiten arrangierten wir im Hyde-Park seine willfährigen Glieder. Sicher würde ihn bald jemand finden & sich kümmern. Die anderen überlegten derweil, was sie mit ihrem kurzen Rest-Leben anfangen könnten.
Da konnte man Abhilfe schaffen: Man zog mit den Einsichtigen durch den Bücherhandel & die Musikläden an der Charing Cross Road & führte sie in ihr eigenes Werk ein.
Zum Dank deutete Alkunin-Arnold in einem deutschen Antiquariat auf zwei kleine Bändchen: Christoph Martin Wieland: Oberon & Jacob Böhme: Aurora, das ist: Morgenröte im Aufgang.
–Die sollte man vielleicht als nächstes befragen...
Abschied. Sie hatten für den Billig-Flug zusammengelegt & einem das Ticket besorgt – die Rührung war groß.
Alle. –Vorsicht, Vorsicht! Dreimal Vorsicht! Nun sei es soweit, es käme nun die Zeit!
Man ließ sich für die Konfrontation mit der Gefahr im Gegenzug noch viele große Werke von ihnen versprechen.