Aurora, wer ist sie, Aurora? Rosenfingrige Göttin der Morgenröte, Schwester der Sonne – sie versteckt sich nicht vor den Menschen, Auf sie ist Verlaß: Auch jetzt wieder reitet sie mit ihren Gäulen aus der Bodenlosigkeit des Horizontes herauf, um alles in roséfarbene Pfützen zu tauchen.
Aber etwas ist anders. So ungestüm... Ist sie ihrer täglichen Wanderschaft müde? Die Wangen brennen erregt, sie hat ihre Fahrt hinauf in die Bläue derart beschleunigt, daß sie die kühle & feuchte Nachluft mit sich reißt in Wirbeln trockener Hitze & die ersten vielfarbigen Blätter von den Bäumen herunter.
Während man hier in einer Warteparzelle am Frankfurter Bahnhof herumhockt, inmitten des erstens Gewimmels geschäftiger Fußgänger, die sich nicht anmerken lassen, daß sie alle entmutigten Schweinchen gleichen, gegen deren Haus draußen der Wolf anbläst, bleut uns Aurora gnadenlos ein, daß die dritte Jahreszeit naht. Sie fegt die Stadtstreicher aus ihren Deckenecken & weht sie vom Vorplatz in die nahe gelegenen Rotlichtcafés wie Wassertropfen auf den Scheiben der Automobile.
Aurora, das ist: Morgenröte im Aufgang. & heute scheint ihr Erröten eine Folge von Zorn.
Die Briten haben die Deutsche Nationalelf geschlagen, mit fünf Toren zu eins, späte Rache für die Schmach von Sechs&sechzig, man hat es in der Zeitung im Flugzeug gelesen.
Hat da wieder jemand am Lauf der Geschichte gefummelt, Arni?
Oliver würde diese Nachricht gewiß freuen. Er findet, der Deutschen Fußball gliche der Currywurst: erstaunlich erfolgreich – aber aus der Nähe betrachtet recht schmierig, zerstückelt, plebejisch & billig.
Harmonie von Körper & Geist, Willen & Kraft, ist, was unseren Fußballern mangelt. Ihnen fehlen Grazie, Geschmack & geregeltes Maß, die sich nur einstellen, wenn zwei Pole sich annähren: die lautere Sinnlichkeit geistig & glücklich, die reine Sittlichkeit leibhaftig & lebensnah wird. Kalokagathia, so nannten Platon & Xenophon diese Lebenseinstellung. & du, Aurora, du kennst sie. & Wieland, den Zyklopen-Philosophen.
Der Menschheit eigenes Studium ist der Mensch. Unser Leben ist wie steter Krieg mit dem Teufel. Das Tier muß regiert werden. Sonst wären wir nichts als hilflose Taumler: männliche Flugameisen – nur ohne die Flügel.
Es ist der zweite September. Man weiß nicht, wie weiter. Eigentlich will man hinauf in die Hauptstadt, aber der Billig-Flug galt nur bis nach Hahn. Die einstündige Busfahrt hierher zum Frankfurter Hauptbahnhof hat man ohne Kontrollen geschafft, aber bis in den Norden würde man als Schwarzfahrer sicher entdeckt.
Das Konto überzogen, nur wenige Münzen noch übrig. Diese für einen Briefumschlag im Postladen neben dem Schnellrestaurant verbraucht & darin die CD-Rom mit der Kopie der neuesten Aufzeichnungs-Ausarbeitungen gesteckt (den letzten Schliff hatte man vorhin im Flugzeug erteilt). Dazu kritzelt man einige Zeilen auf ein fettiges Einwickelpapier aus dem Müll: Förmliche Entschuldigung bei Arni für die lange Wartezeit & die Unmöglichkeit, in nächster Zeit zusammenzukommen, bevor nicht die Sache zu Ende gebracht wäre. Er solle nicht nach mir suchen, man werde sich melden.
Die letzten Pfennige für das Porto zusammengebettelt & die Nachricht geht auf die Reise.
Der Sturm hat sich bereits etwas gelegt, als man per U-Bahn zur Universitätsbibliothek aufbricht. Muß mit den Notizen vorankommen.
Mit einem Stapel Bücher hat man es sich in einem der Studier-Separees gemütlich gemacht. Muhammadmusa II. hier mit Energie speisen.
Das Notizbuch mag weniger elegant als sein Vorgänger erscheinen – Muhammadmusa I. war schmal, kantig & chromfarben gewesen, dieses hier schwarzblau, vollschlank & plastikverschalt –, dafür verdaut es meine Eingaben viel schnellerer – & es kann schon CDs brennen! Einen Teil des alten Gehirns immerhin hatte ich bereits verpflanzt: die Festplatte. Endlich wieder Arbeiten möglich...
Muhammadmusa-weiß-mehr – deine Sprache erscheint mir so viel genauer, näher an der Verfassung des Seins. Ich beneide dich, hilf mir!
Material durchsehen & weiter beschreiben. Ausschneiden. Löschen. Verschieben. Alles auswählen &: Einfügen.
PROJEKT: ROLLE DER RUNEN (IX)
Sagte doch, die Freimauer würden eine Rolle spielen: Auch Wieland, der Kalokagathianer, einer von ihnen... Weimarer Loge Amalia wie Goethe. Der hatte ihm zu Ehren vor Logenbrüdern am achtzehnten Februar Achtzehnhundertdreizehn eine Rede gehalten – Zu brüderlichem Andenken Wielands, in der er die »sittliche Sinnlichkeit, die gemäßigte, geistreiche Lebensfreude« des Freundes betonte.
»Schon dreymahl wechselte der Tag sein herbstliches Licht,
Seit diese Freystatt sie in ihrem Schooße heget,
& beide können noch sich des Gedankens nicht
Entschlagen, daß der Greis, der sie so freundlich pfleget,
Kein wahrer Greis, daß er ein Schutzgeist ist,
Vielleicht ihr Oberon selbst, der ihres Fehls vergißt,
&, da sie schwer genug (däucht sie) dafür gebüßet,
Bald wieder glücklich sie zu machen sich entschließet.«
Das steht auf Seite Einhundertsech&sechzig im Oberon, in der drei&dreißigsten Stanze des achten Gesangs. Oberon, das ist der altfranzösische Auberon, Esclarmondes Gatte, oder der deutsche Alberon – der Zwergenkönig Alberich, Gemahl der Feenkönigin Titania & bekannte Gestalt des Nibelungenlieds.
Ganz sicher die Stelle, die die Verbindung zu Böhmes Drey Prinzipien & zur Morgenröte, Seite Sieben&sechzig herstellt:
»Unser Leben ist wie ein steter Krieg mit dem Teufel. (...) Wenn er aber überwunden ist, so gehet die Himmelspforte in meinem Geiste auf: dann siehet der Geist das Göttliche & himmlische Wesen, nicht ausser dem Leibe, sondern im Quell-Brunne des Hertzens gehet der Blitz auf in die Sinnlichkeit des Hirns, darinnen speculieret der Geist.«
Für den Theosophen Böhme, der sich mit Alchimisten, Naturmagiern, Herätikern & Kabbalisten umgab, bildet der Teufel dieselbe Realität wie das Gute... Ein Denker manichäisch-katharischer Prägung: In Gott wirken von Anbeginn die Urgegensätze von »Wille« & »Widerwille« & spiegeln sich in den Signaturen der Schöpfung. Darum das klassische Ziel, die Widersprüche des Lebens in einer übergreifenden Einheit, den Drey Prinzipien der Göttlichkeit aufgehen zu lassen & damit auch die Theodizee, die Frage nach dem Pfusch in der Welt zu klären:
»Denn der heiligen Welt Gott & der finsteren Welt Gott sind nicht zween Götter: Es ist ein einiger Gott. Er ist selber alles Wesen, Er ist Böses & Gutes, Himmel & Hölle, Licht & Finsternis, Ewigkeit & Zeit, Anfang & Ende; (...) Die Kraft im Lichte ist Gottes Liebesfeuer, & die Kraft in der Finsternis ist Gottes Zornesfeuer, & ist doch nur ein einige Feuer, teilet sich aber in zwei Prinzipia, auf daß eines im andern offenbar werde: Denn die Flamme des Zornes ist die Offenbarung der großen Liebe; in der Finsternis wird das Licht erkannt, sonst wäre es ihm nicht offenbar.«, heißt es im Mysterium Magnum, & darüberhinaus:
»Dann das Buch, da alle Heimlichkeit innen lieget, ist der Mensch selber; Er ist selber das Buch des Wesens aller Wesenheiten, dieweilen er die Gleichnis der Gottheit ist; das große ›Arcanum‹ lieget in ihme, allein das Offenbaren gehört dem Geiste Gottes.« (10,3)
Es wird heiß. Wir kommen dem Grund immer näher.
Zweiter September. Die Fälschungsversuche des FAF, die damaligen Desinformationen von Nifl, das Zementieren der Zukunft durch Muspel – eine Verschwörung der Zeichen, Literarische Lügen: der Versuch, das Buch der Zeit immer wieder neu zu beschreiben.
Gestrige Nacht unter den Brücken am Main zugebracht. Keine Hofakademie, die einen aufnimmt. Die Nachtigallen wollen einen nicht haben. Heute werde ich es mit den Treppen an der Hauptwache versuchen. Muß bald eine Lösung finden, wird kälter.
Drei, immer die drei... Nicht länger als drei Sekunden dauern alle sich ins Hirn fressenden Motive der Popmusik. In allen Sprachen der Welt haben die Zeilen der Liebesgedichte maximal zwölf Silben (Quersumme Drei), die sich in drei Sekunden aussprechen lassen – das ist die Zeit, die die Gegenwart dauert: nur solange kann unser Kurzzeitgedächtnis frische Informationen behalten.
Drei Sekunden ist die Zeit zwischen dem Abziehen & Explodieren einer Handgranate.
Drei Sekunden.
Eins.
Zwei.
Drei.
Dritter September. Man hat auf dem Bockenheimer Campus Studenten angesprochen, die einen in ihre Wohngemeinschaft aufnehmen könnten, bis man sich genug Geld verdient hätte, um nach der Hauptstadt fahren zu können.
Den ganzen Tag damit verbracht, bis sich jemand erbarmte.
Vierter September. Vorübergehende Aushilfsanstellung in der Bahnhofsbuchhandlung.
Den ganzen Tag damit verbracht, diese Almosen-Arbeit zu finden.
Fünfter September. Auf der Suche nach der nächsten Bibliothek zeigt einem Christoph, einer der jungen Leute mit Brille & lockigen Haaren, bei denen man jetzt WG-mäßig wohnt, den neuen Westend-Campus auf dem IG-Farben-Gelände am Grüneburgpark – er schlurft mit einem Richtung Fabrik, Hände in den Arschtaschen, zusammen mit seiner kleinen Clique junger Studenten, die gegen den amerikanischen Kulturimperialismus zu kämpfen versucht. BAU nennen sie sich – Büro für antiamerikanische Umtriebe...
–Es sei schon lange Zeit für eine Erweiterung der Uni gewesen, streicht er sich das Haar aus den Augen, –Platze doch alles aus den Nähten. Die Uni habe die Zusage auch erst erhalten, nachdem mehrere Unternehmen den Ankauf abgelehnt hätten, wegen der Historie halt... Die Kunst- & Gesellschaftswissenschaften wären erst vor wenigen Wochen hierher gezogen.
Man kann sich der riesigen Grünanlage & dem Gebäudekomplex nicht unbedarft nähern: Ein hoher Zaun riegelt nach außen hin ab, die Auffahrt ist majestätisch geschwungen & das leicht halbkreisförmige Hauptgebäude, verkleidet mit honiggelbem Carmstatter Travertin, wirkt in seiner Wuchtigkeit wie ein Schutzwall gegen die nahe gelegene Innenstadt. Die Anlage scheint eher für militärische Zwecke disponiert & nur notdürftig durch ein paar Sträucher, Blumenarrangements & Baumpflanzungen aufgelockert. Studentische Notwendigkeiten wie Kopierwerke, Bäckereien oder Buchhandlungen fehlen, noch immer sind Bauarbeiten im Gange. Die Vergangenheit dieses Hauses tropft durch die Fugen & Ritzen hindurch.
Leonhard, ein Freund von Christoph & Politologe im vier&zwanzigsten Semester, erzählt einem abends von interessanten Unstimmigkeiten: Vor der Übernahme durch die IG Farben habe das Gelände als Domizil eines Städtischen Irrenhauses gedient. Das Gebäude sei absichtlich von alliierten Bombenangriffen verschont worden…
–Als die siegreichen Amerikaner das Gebäude erstmals betreten hätten, ergänzt Christoph, eine Selbstgedrehte anbietend, die man lieber ablehnt, –Seien sie nur vom Hausmeister empfangen worden, während sich Direktoren & Angestellte längst in Sicherheit gebracht hätten. Dieser Mann habe als einziger wochenlang ausgeharrt... Unterhalb des Kellergeschosses würden sich noch zwei weitere Stockwerke befinden, Gewölbe, die die Amerikaner nach dem zweiten Weltkrieg hätten versiegeln lassen & vermutlich etwas enthielten – vielleicht immer noch – was die Alliierten zur Schonung des Gebäudes veranlaßt haben könnte. Sogar eine Abteilung der CIA habe hier ihre Arbeit aufgenommen. Neunzehnhundertzwei&siebzig, nach einem Anschlag der RAF, die mehreren Soldaten das Leben gekostet habe, seien schließlich die Sicherheitsvorkehrungen verschärft worden: Die Amerikaner hätten einen meterhohen Stacheldrahtzaun errichtet & das Gebäude für die Öffentlichkeit geschlossen. Dort gehe etwas vor sich, bestimmt.
Sechster September. Erster Arbeitstag. & schon ödet es an. Kein Wunder: Menschen, die dreihundert Jahre neben der Zeit liegen, machen entweder nur Ärger oder stehen einem im Weg.
Siebter September. Aurora, warst du es, dich mich hierher geführt hat? Zum Omphalos, dem Nabel der Welt, dem Nodix, Kreuzungspunkt magischer Stränge aus Kapitalenergie, Initialzündung des FAF, dieser Scheinveranstaltung, der Stadt kabbalistischer Zahlenkolonnen & ihrer Exegeten, dem neuen Rom, Verkehrsknotenpunkt des Alten Europa, Mainhatten, aufgeblasenes Babel inmitten provinzieller Gemütlichkeit?
Aurora, man wußte nicht, daß du hier einen Tempel besitzt – die Fabrik deines Mannas: das riesige Mehlwerk am Hafen im Ostend, wo oben auf den Schornsteinen dein Zeichen prangt. »Aurora mit dem Sonnenstern. Natürlich Backen! Mehr über Mehl…«
Wieso bist du hier? Willst du den neuen Göttern nicht weichen, statt dessen tapfer das Banner der Alten Welt hochhalten inmitten von Feindesland?
Wieso sind wir beide hier?
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