popp-ART

popp heißt das pop-paradox leben
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septemb.doc (3)

Zwölfter September. Verdienst geklaut, direkt am Bahnhof! Ein fremd­sprachiger Junge fragt in gebrochenem Deutsch nach Kleingeld zum Te­lefonieren. Man öffnet die Börse, ver­neint, man hätte nur noch zwei Pfennig. Der Junge schüttelt den Kopf, behauptet, er hätte das anders gemeint, tut, als ob er nicht rich­tig verstehe, nähert sich, fuchtelt wild in der Luft herum, man ist verärgert, nimmt das Pfennigstück heraus & hält ihm die leere Börse unter die Nase, er schiebt seinen Finger hinein, merkt, das nichts drin ist, zuckt mit den Schultern & trollt sich.
Später am Schalter entdeckt man: der kleine Schlaumeier hat­te ei­nem mit der anderen Hand die Scheine aus der Ge­säßtasche gezogen.
Also per Anhalter.

Dreizehnter September. Wir stehen im Stau auf der A Neun. Das Radio sagt, Transporter ins Schleudern gekommen, mittlerweile aber Gebiet fast geräumt.
Man freut sich über den Herbst. Zwar spiegelt sich die Sonne grell auf den Dächern der Automobile, doch ist sie zu schwach – der Asphalt kein Sauna-Fließband. Wir fahren so­wieso Audi mit Klima­anlage & Raumklang-Sechsfach-CD-Wechsler. Der spielt die Rolling Stones neu abge­mischt wie aus dem Stadion, damit uns & die Nach­barn bei Laune haltend, von de­nen sich einige spontan zum Stehcafé zu­sammengetan haben. Wie nützlich so eine Verkehrshem­mung doch sein kann: er läßt die Leute ihre Solidarität wiederentde­cken.
Man sinniert über die Nummernschilder & sucht nach Auffälligkei­ten – ein Spiel aus der Kindheit:
BA-MM 18. CO-CK 357. L-IP 49. M-UH 278. PR-AZ 3. K-EK 479. DN-OF 57. BAMM COCK LIP MUH PRAZ KEK DNOF!
Kein ergiebiger Tag.
Der Fahrer, Fachbesucher der Internationalen Automobilausstellung auf Heimreise, hat einen schlaffen Hautsack unter dem Kinn hängen. Er wippt be­ständig gegen den Hals, der witzig nach vorne ge­streckt scheint, gleich einem Hahn. Der Mund schließt sich nie, die Zunge ent­blößt. Das He­cheln eines Warans.
Jetzt, wo er sich nicht mehr aufs Überholen konzentrieren muß (in dieser Hinsicht war der Hahnwaran besonders sorgfält­ig gefahren), be­kommt man die ganze Lebensge­schichte zu hören: Angefangen bei der schwierigen Geburt mit der Zange über den Hörsturz bei einer Prü­gelei mit den Kreuz­berger Türken, dem verpatzten Hochschulab­schluß, der Phase des Ärmel­hochkrempelns & Es-trotzdem-zu-et­was-Bringens & dem un­gleichen Dank im Werteverlust seiner Akti­en bis zu den Maßlo­sigkeiten seiner Angetrauten, die nach dem Tod ihres Sohnes (bei einer von einem Mitschüler angezettelten Schießerei im Klassenzimmer) nicht mehr davon habe ablassen können, ihrem Mann vor dem Ein­schlafen Gute-Nacht-Ge­schichten vorlesen zu wollen.
–& da hab er sozusagebenauchdann mit ihr Schluß ma­chen müssen, weil man so was ja sozusagebenauch­dann nicht lange aushält mit so ei­ner, vor allem, wenn sie dann immer anfing, den eigenen Mann sozusa­gebenauchdann Grün & Blau zu schlagen vor Tobsucht – sein Arzt hät­te ihm ge­sagt, die Tränen­drüsen waren schon nicht mehr in der Lage, noch Wasser zu produzieren, oder irgendwie sozusagebenauch­dann, weil ihn so viel Ereignisse in seinem Leben im­mer näher daran hatten bauen lassen, am Wasser, also habe er sich sozusagebenauch­dann dazu entscheiden müssen, ja müs­sen, sich nicht länger zum Spiel­ball des Le­bens machen zu lassen, sondern das mal sozusagebenauch­dann in die eigenen Hände zu nehmen.
Als die Traurigkeiten kaum noch zu ertragen sind, driftet man ab in seine eigenen Gedanken: Wann wohl der erste Stau der Geschichte stattgefunden habe? Wer überhaupt der erste ge­wesen sei, der – ganz vorne an erster Stelle – im ersten Stau ge­standen habe? Wie es zum al­lerersten Stau gekommen sei – viel­leicht aufgrund eines Schlaglochs? Wie tief das tiefste Schlag­loch Deutschlands wäre? Ob die Vermu­tung stimme, daß man in der Hauptstadt die meisten & tiefsten Schlaglöcher antreffen könne?
Aber noch mehr: Wie das eigentlich mit den Postkut­schen- & Pfer­dewagenstaus gewesen wäre? Den Eisschuh­laufstaus? Den Taubenfüt­terstaus in Venedig? Dem stän­digen Stau an den Ufern des Acheron. Dem ersten Reform­stau?
–Was man beruflich so mache.
Die Flucht in Luftschlösser schützt nie vor der Belagerung der Wirk­lichkeit. Man nuschelt ihm etwas hin, fragt dann:
–& er?
Vielleicht bemerkt er den Gegenfrage-Trick nicht. Meistens redete man ja nur miteinander, um zu vertuschen, daß man nicht zuhörte.
–Arbeite für den BND, antwortete der Waranhahn stolz, –Seit ein paar Mona­ten, an­strengend aber wolle meinen erfolgreich.
Es wird einem heißkalt. Ist er auf einen angesetzt? Vielleicht steht man schon auf der Liste, BND, die gehören doch sicher zu Muspel, wie löst man jetzt diesen Knoten?
–Aber was man denn nun selbst sozusage­benauchdann so ma­che? ins­tistiert er.
Der Kinnsack des Waranhahns tanzt wild hin & her, das Zucken des Adamsap­fels, er erwartet nachdrücklich die Antwort, der Ballon ist ge­platzt, wie kommt man hier raus, er schaut plötzlich so komisch, oder macht das die Einbil­dung, wie­so hat man ge­genüber dem Staatsmann immer ein schlechtes Ge­wissen, sieht er in ei­nem die große Chance sich vor seinem Chef zu beweisen, ist man das letz­te Puzz­leteil für die nächste Beför­derung? Da weiß man was tun: man bittet darum, kurz austreten zu dürfen, jetzt wo man sowieso steht.
–Klar.
Die Tür aufgerissen & hinübergelaufen zu den Büschen ne­ben dem Streifen, nur keine Eile, sonst schöpft er Ver­dacht. Da­hinter, im Schutz des ganzen Grünzeugs, die Beine in die Hände ge­nommen & den Acker entlang weiterge­rannt. Die Wagenkolonne nimmt natürlich kein Ende, man läuft, bis man sicher ist, er kann einen nicht sehen, man ist über den Hügel & um eine Biegung. Wie­der hinaus auf die Autobahn, den nächsten Wagen mit dem richtigen Kennzeichen gesucht, eine Familie mit Klein­kind, Vertrauen erwe­ckend.
Sie sind bereit, einen in ihrem Kreis aufzuneh­men.
Wir warten noch eine dreiviertel Stunde, bis die Verstop­fung sich löst. Man kann den Hahnwaran im Rückspiegel ausma­chen, auf der Su­che nach dem verlorenen Begleiter zwischen den Ble­chen.
Da rollt der Konvoi schon los.

tke

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