popp-ART

popp heißt das pop-paradox leben
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Achtzehnter Oktober. Bin aufgespürt. Man weiß jetzt von meiner Rück­kehr, es bleibt nur eine Gnadenfrist.
Man kommt gerade vom letzten Ausflug als Späher nach Hause – da wartet einer – auf dem Sofa sitzt er einfach, vor ihm Muhammadmusa II. aufgeklappt auf dem Tisch, der Bildschirm strahlt ihm unters Kinn, dabei klopft er eine Pfeife über meinem Frühstücks­geschirr aus, er trägt einen Trenchcoat: Colombo.
–Wieder im Lande? Mutig mein Freund.
–Ich hatte früher mit Ihnen gerechnet.
–Meine Auftraggeber mögen Aufdringlich­keit nicht.
–Sicher, muß man lachen, –Wo sind Lau­rel & Stan?
–Warten unten im Wagen.
Colombo deutet mit der leeren Pfeife erst hinter sich, dann auf Mu­hammadmusa.
–Wie ich sehe haben Sie es gefunden, kam ich ihm zuvor, –Das Vor­gehen des Oliver-Doubles zuletzt war ja nicht besonders sub­til.
Colombo legt den Kopf schief & kneift die Lippen zusammen:
–Manchmal muß man einem Kind seinen Ball weg­nehmen, damit es wieder Lust zum Spielen bekommt. Ich hab es mir be­reits angese­hen. Nett, wirklich. Roland – ich darf dich doch duzen – lang­sam scheinst du zu verstehen.
–Ja. Allmählich dämmerts.
–Du machst Fortschritte.
–Bevor wir unser Geschäft ab­schließen, will man das Ganze be­schleunigen, –Wem spiele ich es in die Hände, mit welcher Seite habe ich es hier eben zu tun?
Er legt sein Knie etwas frei. Auf einem käsigen aber dunkel behaar­ten Stück Haut in der Nähe des Knöchels prangt es:

???

Ein zor­niges Haus aus Buchstaben: M. U (umgedreht). H.
Muspelheim.
–Wenn du es sagst.
–Welche Zukunft oder Vergangenheit versuchen Sie durch­zusetzen Co­lombo? Wie lautet der Plan, dem ich zuarbeite? Das, wo­für die Ru­nen mißbraucht werden sollen?
–Ich kenne nur meinen Auftrag, zuckt er mit den Schultern.
–& wahrscheinlich sind Sie völlig zufrieden mit dem, was Sie nicht wissen... Lassen Sie mich ein wenig spe­kulieren über das Kom­mende, läuft man dozierend vor ihm auf & ab, –Version I: Ra­dikale Sparpro­gramme bei weiterer Öffnung der Armuts-Schere. Autobomben explo­dieren zugleich in der Regent Street, auf dem Kur­fürstendamm & den Champs-Élysées. Hunderte von Bürgern sterben beim Einkaufsb­ummel, Tausende wer­den verletzt. Die At­tentate sind das Werk einer terroristi­schen Organisation, die die Verbrau­cher-Gleichheit zwischen Ost- & Westeuropa einfordert. Der Westen soll abgeben, der Osten marktwirt­schaftlich aufge­rüstet wer­den. Die Ironie des Geschehens besteht im westeuropäis­chen Trend, der mit Produkt-Boykott, Sabotagen & mas­senhafter Wahlenthaltung das ganze System sowieso an den Rand des Kollapses führt. Nun droht die Eskalation, Frank­reich & Deutschland er­zwingen auf einer Sonder­sitzung des EU-Rats die Entsen­dung von Bodentruppen in das Krisen­gebiet. Noch bevor die Aktion sich als eu­ropäisches Vietnam erweist, kommt es zu Revolten auf dem halben Kontinent. Auf die Stra­ße ge­hen die einen wegen des Ter­rors, die ande­ren wegen des Krieges ge­gen den Terror, die dritten wegen der Abbau­programme, die beide verschleiern. Den Menschen in Übersee ergeht es nicht anders. Ein zweiter Bürgerkrieg wird von linken Brigaden ange­zettelt, die aller­dings auf den Gebrauch von Waffengewalt lieber ver­zichten wollen, weil die Waffenlobby Ausdruck rech­ter Abhängigkeits­ideologie sei. Statt dessen setzen sie auf Psy­choterror. Mitarbeiter schie­ßen Fotos ihrer Chefs in fleischli­cher Umarmung mit ihren Praktikan­tinnen & veröffent­lichen diese im Netz oder schicken sie gleich an die Familien. Die angespuckte Elite kontert schnell & hart. Der Wider­stand wird in den Straßen New Yorks zusammengeschossen. Wäh­rend je­doch in Amerika das Pentagon Ruhe & Ordnung garan­tiert & so eine neue Militärdiktatur entsteht, droht Europa die An­archie. Demokrati­sche Parlamente stehen in Flammen, darunter der Reichstag (die Abge­ordneten fliehen ins türkische Exil). Die Schweiz erklärt sich bereit zur Aufnahme von Europa-Flücht­lingen. Ober­halb bestimmter Einkom­mensgrenzen.
–Ganz schön pragmatisch.
–Noch ein Versuch. Version II: Sanfte Re­form des Wohlfahrtsstaa­tes. UNO-Agenda für Steuern auf Kapi­tal & in­ternationale Finanztransak­tionen, Energie­verschwendung & Umwelts­chäden durch­gesetzt. Ent­lastung des Faktors Arbeit. Den Durst-Krieg abge­wendet aufgrund neu­er Möglichkeiten der Ressourcen-Erschließung, nicht zu­letzt wegen der Mitnahmeeff­ekte beim Aufschwung (Durch­bruch des Wasserstoffmot­ors). Der Westen verliert in Folge seine Ab­hängigkeit von den Ölstaat­en. Das Projekt Israel wird aufgegeben, die Ju­den wie­der in jene Staa­ten reintegriert, die sie einst los­haben woll­ten. Überall in der islamis­chen Welt, aus ökono­mischen Druck wie aus Dank­barkeit für Neu-Pa­lästina, Erstarken der Demokratisierungs­bewegungen. Erste zaghafte Versuche der Trennung von Kirche & Staat im Iran. Europa gibt sich derweil selbst eine Verfassung. Darin wird jedem Bürger das Recht zu­gesichert, mehrere Arbeitsjahre gemeinnüt­zigen Tätig­keiten widmen zu dürfen (die Türkei ist dreißigs­tes Mit­glied). Der Dollar ver­liert an Ver­trauen, als sich Ame­rika in eine Serie di­plomatischer Kon­flikte mit dem Rivalen China be­gibt. Europa steigt als Ver­mittler in das Triumvirat der Kon­tinente mit inter­nationalem Führungsanspruch auf. Die Amerika­ner kontern mit bismarck­schen Reformen, um im globalisiert­en Wohl­fahrtsboom wett­bewerbsfähig bleiben zu können. Als der letzte Thron­folger der Windsors stirbt (die Fa­milie hatte schon länger unter der schlechten Quali­tät bestimm­ter männlicher Flüssigkeiten zu leiden), wird mit ihm auch die Monarchie beerdigt. Die Staats­reform verschafft Irland die Un­abhängigkeit & der Wissenschaft neue Impulse. Nachdem die Versprechungen der Gentechnik sich allesamt als unhaltbar erwie­sen hatten, wird nun alles daran gesetzt, dem Manne wieder zu besse­rem Ejaku­lat zu verhelfen. Die Kirche unter der Führung der Päpstin Johan­na II. (auch die zweite Frau Jutte genannt), sieht den Ergebnissen der Forschungen mit Freu­den entgegen, kann sich neuerdings aber auch mit Verhütung anfreunden. Sie erhält wegen der geburtsstarken Jahr­gänge fast schon zuviel Zulauf. Aber auch weil die Menschen wieder an Wunder glau­ben. Die Renten sind sicher, die falsche Bevölkerungspyra­mide kippt, immer mehr Alte nehmen sich aus Solida­rität mit fünf&siebzig unter ärztli­cher Aufsicht das Leben. Erfül­lung des sozial­demokratischen Traums. Nur in Rußland alles beim Al­ten.
–Utopien sind aus der Mode.
–Das will mir einer erzählen, der nichts kennt als sei­nen Auftrag...
–Die Frage ist doch mein Freund: wer pro­fitiert in den beiden Sze­narien?
–Es spielt sowieso keine Rolle, stützt man sich auf den Couchtisch, –Es gibt einen Grund, daß sie den Anlaß für Ihre Taten nicht kennen. Denn wenn Sie & Ihre Auf­traggeber es wüßten, könnte die Zukunft, die Sie in die Tat setzen wollen, gar nicht mehr eintreten. Futuristische Unschärferelation! Was ich Ihnen eben erzählte, war, was auch Nifl ge­tan hätte, dem Ewiggestrigen von dem sie nicht loskommen können, auch wenn Sie auf die andere Seite gehö­ren. Sie können nicht wissen, was Sie tun wollen, weil Nifl jedes Wissen zum Nicht-Wissen macht. So wie Muspel jede Un-Tat zur Tat. Ohne Wissen kann Muspel niemals zur Tat schreiten, ohne Tat kann Nifl nichts wissen – deshalb be­wegt ihr euch nie von der Stelle.
–Ich mag es nicht an Horizont­en ent­lang zu spazieren. Kommen wir auf das hier zu­rück.
Ein Fingerzeig auf Muhammadmusa II.
–Es ist eine Permutation, eine Umprogrammierung.
–Dachtest du, das würde nicht in den Plan passen?
–Eine rhetorische Frage.
–Ganz und gar nicht. Natürlich hätte die Stafette eigentlich mit Nieblschütz´ Die Kinder der Finsternis beginnen müssen, neunzehnhund­ertneun&fünfzig, acht Jahre nach den Minima Moralia. Aber das spielt keine Rolle.
–Sarolle riet mir dazu, alles zu fälschen.
–Du meinst Sieglinde. Natürlich hat sie das.
–Das ist nur ihr Deckname nicht wahr. So wie Ihrer Colom­bo. Wie heißen Sie wirklich? Haltet ihr sie gefangen? Dachte Nifl hätte sie in seiner Gewalt...
–Nicht mehr.
–Bringen Sie mich zu Ihr.
–Träum weiter.
–Lassen Sie sie frei & ich helfe Ihnen aus mit der Wahrheit.
–Uninteressant. Nur eine Frage der Per­spektive, der De­finition. Wir verlangen keine Änderungen.
–Sie ist bereits...
–Was du nur redest. Sie lebt & du weißt auch warum.
Darauf antwortet man nicht.
–Umso mehr Grund habe ich, sie dir jetzt noch nicht an­zuvertrauen. Ich nehme alles zurück: du hast die ersten Schritte getan, aber du weißt nicht genug über das, was noch aussteht; du bist noch nicht am Hori­zont angelangt.
–Wovon reden Sie?
–Es ist zwar gefunden. Aber noch nicht be­arbeitet, abge­schlossen, wonach wir verlangen.
–Ihr besitzt die Runen­rolle doch längst! Ihr treibt ein Spiel – oder nein, die Kopie Nachahmung Fälschung, funktioniert sie nicht mehr? Hat ja auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel... Ihr wollt an das Original, die Quelle. Wie soll das gehen? Die Schrift eines Got­tes – wo­her soll ich wissen, wo man sie findet?
–Du hast keinen Schimmer.
–Ich kann es nicht, unmöglich.
–Kennst du den Unterschied zwischen Be­wegung & Still­stand? Du hast mich eben dar­über be­lehrt – naja du wirst es herausfinden.
Plötzlich lugte die Mündung einer Mikrowellenpis­tole aus seinem Mantel hervor.
–Unlogisch, was Sie da vor haben.
–Nicht im Sinne dessen, worauf ich hin­aus will.
Der Sicherungsbolzen klickte. Was konnte man tun? Noch bevor man sich zur Flucht umgewendet hätte, wäre man schon gebraten. Der Blick fiel auf das Regal & die Mah-Jongg-Schachtel.
–Eine Partie, das dürfte Ihnen gefallen: Sie ma­chen es sich doch nicht ger­ne leicht. Gewinnen Sie, drücken Sie ab; ge­winne ich, gewäh­ren Sie mir drei Tage Vor­sprung & ich brin­ge alles zu Ende.
Er lächelt. Die Idee gefällt ihm. Reizt seine Spielernatur.
–Abgemacht.

Was hatte man sich dabei gedacht? Keine Aussicht auf Er­folg, man kannte nicht einmal die Regeln. Keine Muße ge­habt, Raouls Geschenk einmal näher zu examinieren.
Es ist für vier Spieler gedacht, perfekt – jeder muß also zwei über­nehmen & das für seine Strategie zusätzlich be­denken...
Wir vereinbaren vier Runden. Er be­ginnt mit dem Ostwind.
–Nervös?
–Schon wieder rhetorisch.
–Mischt du die Ziegel?
Ich tus. Er baut eine Mauer, ich mache es nach. Wir schieben sie zu­sammen zu einem Quadrat. Er erhält dreizehn & vierzehn der Stei­ne (wegen dem Ostwind), ich sechs&zwan­zig. Die ersten Täfelchen gezo­gen, läßt man sich von dem inspirieren, was er vorgibt. Er lä­chelt, als er meinen krum­men Rücken be­merkt, steckt sich die Pfeife an.
–Entweder hast du keinerlei Übung oder eine selt­same Taktik zur Hand. Auch einen Tabak?
–Nein danke. Likör?
–Warum nicht.
Das Spiel dauert. Man liegt im Rückstand. Was be­deuten bloß all diese Zeichen? Das Kirschzeug macht es nicht einfa­cher. Aber auch Co­lombo zeigt bald ein Promille-Lä­cheln. Trotz­dem macht er das Fi­nale.
Wir müssen die nächs­te Runde auf Morgen vertagen.

Neunzehnter Oktober. Zweite & dritte Runde.
–Streng dich an. Da hätte ich auch gleich ab­drücken können...
Er hat eine neue Flasche dabei. Mir sind die Beine schwer, er schielt schon ein bißchen; trotzdem füllen wir wieder die Glä­ser.
Auch die zweite Runde an ihn.
Konzentration. Wie nennt man einen kurzen Stock. Die Din­ge nicht von sich trennen. Nicht mit & nicht ohne. So & doch nicht so. Sich von der Logik des Links & Rechts, Oben & Unten verabschieden. Sich im Raum mit Hilfe von Land­schafts-Markie­rungen, dem Berg, dem Fluß oder Wald orientieren. Es so handhaben wie die Ureinwohner der Subkont­inente, nicht ego­zentrisches cogito ergo sondern geozentri­sches sum terra. Nicht mein Schritt ist es – die Um­gebung gibt das Ziel vor, definiert den Raum & die Be­wegung.
Es geht nicht darum, den Punkt zu machen. Es geht um die Ästhetik des Zugs. Darum, wer das bessere Bild baut. Das be­deuten die Zei­chen: Nicht was sie bedeu­ten, sondern wie sie es tun – so kommt man voran.
Die Züge dauern noch länger. Denken & Saufen ist kein Beschleuni­gungs-Katalysator. Trotzdem holt man jetzt auf; nun ist es er, dem der Rücken sich krümmt. Ist auch etwas blaß im Ge­sicht – vor­hin kam eini­ges wieder nach oben, zum Glück hatte man einen Eimer parat. Man gießt nach, ist über dem to­ten Punkt, hat schon soviel im Blut, daß es wie Benzin zu wir­ken beginnt; ein Funke & die Kolben kommen in Gang: Ich werde schneller, gewitzter, verblüffe. Er ver­steht die Stoß­richtung nicht, wohl aber, daß sie einem cha­ostheoretischem Algorith­mus zu folgen scheint.
Die dritte an mich & wir müssen uns wie­der ver­tagen.

Zwanzigster Oktober. Letzte Runde.
Über Nacht ist er geblieben diesmal, schlief gleich ein auf dem Sofa. Aber keinem von uns gelang die Ruhe am Stück. Stän­dig hört man die Spülung. Wir sind zwei Kreisel, die immer wie­der gepeitscht werden; manchmal stoßen wir zusammen & wer­den gleich wieder auseinander g­eschleudert in unsere Ecken. Das gibt blaue Fle­cken.
Man hat mehr Übung mit Kirsch, er aber ist der trainierte Spieler. Gibt nicht so schnell auf, führt alles ins Feld, was ihm zur Verfügung steht, nimmt sich die nötige Zeit, bremst einen aus. Die Joker sind be­reits alle ver­braucht. Jeder Zug dauert Stunden, so scheint es. Er treibt mich in die Enge – sei­ne Kombi­nationen sehen wertvoller aus. Es steht schlecht um mich.
Denkt er. Mit diesem letzten Zug hat er niemals ge­rechnet: Er hat nicht bedacht, daß ich einen seiner abgelegten Steine für meine Sache einsetzen kann. Mah-Jongg! Ich lande im Ziel. Zwei gegen zwei in Runden gedacht – aber ein Punk­tsieg.
Verwundert starrt er auf das Brett. Jetzt, da es vorbei ist, er­kennt er für einen Moment die Schönheit des Musters. Er be­greift & lächelt. So scheint es zumindest – die Gesichts­muskeln stehen nicht mehr unter seinem Kommando.
–Also gut. Du kriegst die zehn. Zwei. Acht. Was hatten – hatten wir was ausgemacht? Was denn. Doch. Oder? Ja: Sechs Tage. Die kriegst du. Sechs. Dann will. Will ich. Sehen will ich Er­gebnisse. Von dir se­hen.
Fast scheint es, als wäre er froh, einen nicht töten zu müssen.

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