popp-ART

popp heißt das pop-paradox leben
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Albi verläßt selten einmal den Thronsaal. Man läßt ihn in der Regel in Ruhe, der Qualm bekommt einem nicht. Man hat aber noch so viele Fragen an ihn, über dem also noch je­mand steht... Wer nur verbirgt sich hinter dieser Per­son, die alles herumzudi­rigieren, die Mächte ge­geneinander auszuspielen im Stande scheint?
–Wer sind eigentlich all diese Milchbärte? wagt man einmal einen Anfang. Im Saal gerade schön frische Luft – Albi übersät von Nikotin­pflastern, trägt sie wie eine Dornenkrone zur Schau; das Leiden tropft wie Pech aus sei­nen lidhängenden Au­gen.
–Ehemalige Straßenkinder, Gettobewohner, Ausgesetzt­e, Waisen, Schulabbrecher, Vernachlässigte, Geprüg­elte, Rechtsradikale Stiefel­schwinger & linksradikale Bauchredner, Orientierungslose, aber auch ein paar Spröß­linge aus ersprießlichem Hause, die einfach einen ande­ren Lebensstil aus­probieren wollen oder bisher irgendwie irgendwo im­mer hinten anstehen mussten. Wir klauben sie auf & schen­ken ih­nen einen Sinn. Es gibt keine fleißigeren & loyaleren Ar­beiter: alle vol­ler abge­brannter Ideale.
Seine Beine baumeln nervös über dem Boden.
–Klingt nach Gehirnwäsche, Miß­brauch.
–Ach was, niemand wird hier zu etwas gezwungen – alle sind gründ­lich aufgeklärt worden über die Ziele & Mittel der Organisation. Es steht jedem frei allzeit zu gehen. Ich sag­te es bereits, wir verab­scheuen jede Form von Durch­setzung; so et­was spricht sich herum: Mittlerwei­le haben wir es nicht mehr nötig auf Rekrutierungsfahrten zu gehen – die kommen von selber, wie du. Auch Dank der Ken­tauren... die al­ten Hy­briden haben einfach ein Auge wer Potential hat. Wir haben ein Ab­kommen: Sie stellen den Kontakt her, dafür bekom­men sie von uns Kleidung & Brot.
–Chiron steht mit euch in Verbindung?
–Er war mein Trauzeuge.
–Du bist verheiratet?
–Mit Anna Tante Titania, der elfengleichen Zweimeter­frau & blas­sen Königin der Katakomben, streckte er sich.
–Du hast mich noch gar nicht vorgestellt.
–Das liegt daran, trübte sich seine Miene ein, –Daß sie eines Tages vorgab, oben Zi­garetten holen gehen zu wollen & nicht mehr wieder gekom­men ist… Wohl weil sie sich hier unten ständig den Kopf an­schlug… Ach zum Teufel damit!
Er strampelt mit den Beinen, rupft sich die Pflaster ab, zerknüllt sie zu einem Ball & schleudert den einem Ad­jutanten an die Nase.
–Meine Ascher herbei! Es will einfach nicht, geht nicht. Los­los! Wollt ihr euch noch länger an meiner Qual wei­den?
Besser ein andermal wiederkommen. Mehr war nicht herausz­uholen – über ihn, den Strippenzieher, erführe man nichts mehr. Man macht mit einem Kotau Ansatz zum Rückzug, er aber läßt mich nicht so ein­fach davonkommen: –Ich habe noch eine Überraschung für dich, hält er mich fest.
Er macht einem der Burschen ein Zeichen & der öffnet eine mir ge­genüberliegende Tür. Durch den aufquellenden Rauch hereingehum­pelt kommen Jadschudsch & Mad­schudsch, die Ge­sichter verzerrt vor Vergnügen, je die äußere Extremität vorge­streckt zur Umarmung (die anderen beiden in der Mitte baumeln lose herab) – es sieht aus als woll­te einen ein doppelhalbglatzk­öpfiger Hulk in die Mangel nehmen. Man wirft sich Ihnen dennoch entgegen, herzt & klopft Schultern.
–Ihr hier?
Madschudsch. –Zuflucht suchen –
Jadschudsch. –Anti-FAF im Kampf unterstützen, jaja –
Sie sind in Schwung von der Aufregung, man will die Rede nicht stoppen.
Madschudsch. –Wollten doch einen Tapetenwechsel vornehm­en.
Jadschudsch. –Noch weiter ins Ausland, das kam nicht in Frage. Die Hauptstadt, dachten wir dann, da sind so viele Leute, das wäre nicht blöde.
Jadschudsch. –Wir sind auf einen Kentauren gestoßen, stell dir vor.
Madschudsch. –Jaja, wir hatten gleich einen Blick füreinander.
Jadschudsch. –Der gab uns den Tip mit der AFFA.
Madschudsch. –& du?
Jadschudsch. –Wolltest uns doch auf dem Laufenden halten...
Madschudsch. –Hatten uns schon Sorgen gemacht.
Oje.
–War irgendwie schwierig noch mal Kontakt aufzun­ehmen, druckst man herum, –Die Sache hat mich so in An­spruch genommen. Ist aber alles festgehalten von Muhammadmusa.
Man klopft dem Benannten, den man hier immer mit sich herum­trägt, auf den Kunststoffdeckel.
–Wo wir gerade bei Vernachlässigungen & Vorwürf­en sind, fügt man hinzu, –Da war etwas, das ihr mir damals verheimlicht habt. Dachtet ihr, mir wäre nichts aufge­fallen?
Beide gucken sich unschlüssig an.
Madschudsch. –Nun, jaja.
Jadschudsch. –Jetzt können wir ja, was Madschudsch? Wir können ja jetzt oder?
Madschudsch. –Ja nun.
Sie zucken die Schultern & lassen Luft aus den Lungen.
–Wollten dich nicht noch mehr verwirren, begann schließlich Jad­schudsch, –Da­mals, Neun&achtzig, als wir das unabhängige Frankonia mit ausriefen, da sind wir aus Zufall auf die wahre Bedeu­tung der Tä­towierungen gestoßen.
Madschudsch. –Wir hatten immer angenommen, es handle sich um Abzeichen – Dienstgrade oder so etwas.
Jadschudsch. –Laurel & Stan jedoch hatten so etwas wie eine Fehl­funktion, die uns schließlich den Hinweis lieferte.
Madschudsch. –Ich naschte einmal in ihrer Gegenwart an ei­ner Zuckerwatte vom Rummel. Sie fuchtelten vor mir her­um & jammerten mir zänkisch was vor: »NNNDDAAAA« & »HHBB­NNN WWLLL« & dazwischen immer wieder etwas wie »NNNFFFLLL« & »MMMUU­UPPP« oder so.
Jadschudsch. –Es stellte sich heraus, daß, wenn man Ih­nen etwas Sü­ßes abgab, sie sich wieder beruhigten & während des Verzehrs so­gar auf einfache Fragen antworten konnten – mit mehr oder weniger ein­deutigen Lauten.
Madschudsch. –Je höher der Zuckerpegel, desto mehr ge­lang es ih­nen ohne Zunge zu sprechen. Zwar wa­ren sie des Schreibens unkundig. Unter Einfluß einiger Fruchtgummis, abge­füllt mit Kakao & in einem Weinbrandb­ohnen-Rausch jedoch, konnten wir ihnen den Zusammen­hang zwischen den wenigen Lauten, die zu erzeugen sie immer noch trotz fehlender Zunge im Stande wa­ren, & ih­rem maleri­schen Ab­bild als Buchstaben nahe bringen, jaja.
Jadschudsch. –Nun in der Lage uns wenigstens rudimentär mit Ihnen in Worten verständigen zu können, brauchte es nur noch einige wenige Nachforschungen um dahinter zu kommen, daß uns etwas vorgemacht worden, der Kampf für die fränkis­che Sache nur ein Ablenkungsmanö­ver ge­wesen war. Da­hinter hatte sich etwas viel Größeres verborgen: der Kampf von Nifl & Muspel.
Madschudsch. –& dies markierten eben die Waden-Brandzeichen: wer wozu gehörte...
Jadschudsch. –Mit diesem Wissen wurde es gefährlich für uns.
Madschudsch. –Trotzdem bohrten wir weiter.
Jadschudsch. –Ich wollte lieber tun, als sei nichts gewesen...
Madschudsch. –Du hast uns doch stets Ärger gemacht!
Kämpferisch verhaken die Brüder sich ineinander mit den etwas ver­bogenen Armen.
Jadschudsch. –Du wolltest es nicht auf sich beruhen lassen.
Madschudsch. –Woher willst du das wissen?
–Auseinander, das spielt doch überhaupt keine Rolle, geht man hef­tig da­zwischen, –Wie ging es weiter?
–Wir kamen hinter das Geheimnis der Akade­mie, beruhigt Jad­schudsch sich wieder, –Das sind ein paar alte Herren, angeblich um Punktpunktpunkt geschart. Wohl eine Art wissenschaftlicher Spezial-Einheit.
–Die habe ich kennengelernt. Sie sollten die Rolle der Ru­nen rekon­struieren bzw. ausfindig machen. Der Fraktur, der ich auf der Spur war.
–Dann wird dir bekannt sein, daß es Ko­pien sind, streicht sich Ma­dschudsch das Hemd glatt.
–Möglich gemacht durch den Trick mit den Drei­hundert Jahren, Ja.
Jadschudsch. –Dreihundert was?
–Später.
Madschudsch. –Für uns war diese Erfahrung ein Schock, & mehr noch – sie waren eine Beta-Blaupause, noch mit einem Pro­blem behaf­tet: das Verfallsdatum maximal sieben Jahre – deshalb schnel­le Alte­rung, Gedächtnisausf­all, schwankende Einsatzbereitschaft & Loyali­tät.
Jadschudsch. –Die Forschungen wurden vorangetrie­ben, die neben der Beseitigung der Mängel auch besseren Gehorsam bringen sollten.
Madschudsch. –Als sie sich dann an Colombo & die anderen mach­ten, waren sie schon so weit, gewünschte Eigen­schaften einfach an & wieder ausschnipsen zu können. Allerdings sind wohl manche Disposi­tionen stets an andere ge­koppelt – so wur­den auch einige nicht beab­sichtige Talente beeinflußt: Der Heiß­hunger auf Süßes zum Beispiel, die einzi­ge Schwachstelle bei Laurel & Stan, oder die Vorliebe für Spiele, Wet­ten & Marathon bei Colombo.
Jadschudsch. –Jedenfalls war für uns damit das Maß voll.
Madschudsch. –Deswegen machten wir uns aus dem Staub. Bevor die auch bei uns irgend etwas einfach an- oder abschalte­ten.

Wir feiern ausgiebig das Wiedersehen. Ich hole ausführlich nach, was ich ver­säumte: setze sie von den letzten Ereignissen in Stand – & sie vergeuden dabei an mich keinen unnötigen Rat, sind nur aufmerksame Zuhörer, die es freut, daß ich mich bei ihnen etwas entlaste.
Wir verlier­en uns je­doch bald aus den Augen. Nur selten einmal Zeit, zu­sammen mit Albi eine Mah-Jongg-Par­tie zu genießen – sie ar­beiten im kabarettistischen Kabalen-Kabi­nett (eine Wortschöp­fung Ot­tos), das mehrere Kilometer von hier entfernt un­tergebracht ist: in ei­ner leeren Ausschachtungsanlage der ehemaligen Siemens&Halske-Hochbahngesellschaft, der Kon­kurrenz zur AEG-Schnellbahn.
Ich verkneife, was mir auf der Zunge liegt…

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