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Die Genrefrage: Neuer Slipstream Fabulismus oder kybernetische Lexikofiktion?

Gerade im Begriff, das letzte Kapitel meines Haus der Halluzinationen in Angriff zu nehmen, beschäftigt mich mal wieder sehr die von mir geflissentlich ignorierte Frage, welches Genre-Etikett ich ihm aufpappen könnte, um ihn besser unter die Leute bringen zu können. Alle meine Wechselwetterwolken-Romane weisen ja einen gewissen phantastischen Einschlag auf, jedoch ohne SF oder gar Fantasy zu sein (dort ist die Phantastik dominant), beschäftigen sich inhaltlich und formal mit unserem technischen Wandel und setzten sich dabei bewusst zwischen die Stühle von E- und U-Literatur. Sie sind vielleicht, um es mit der Musik zu sagen (die für jeden veränderten Sound gleich eine neue Kategorie aufmacht): Bastard-Popp – somit auf dem aktuellen deutschen Buchmarkt, der klare Labels und Kritikerscheiden braucht, schwer zu vermitteln. Abgesehen davon, dass der momentan vorherrschende Realismus Leipziger Schule eine ganze deutsche Tradition gehobener Phantastik (Wieland, Hoffman, Jean Paul, um nur die Bekanntesten zu nennen) von möglichen Nachfolgern abschneidet.

Am ehesten fühlte ich mich in Alban Nikolai Herbsts Kybernetischem Realismus zu Hause; jedoch sind meine Romane in ihrer Erzählhaltung eher konservativ, kurz: Herbst schreibt sich radikal aus der Romanform heraus auf das Netz zu, ich probiere eher den umgekehrten Weg: das Netz auf je unterschiedliche Weise mit der alten Tante Roman bekanntzumachen – und zu sehen, was passiert. Während also Herbst die Sehnen des Romans schon kybernetisch überdehnt, mache ich noch eher Lockerungsübungen. Auch bei Herbst geistert viel populär-Material durch die Texte. Aber wo bei ihm stets die hohe Form dominiert und den Pop auf seine Plätze verweist, versuche ich vielleicht eher aus dem Pop heraus zur hohen Form zu gelangen. Auch geht im KR ein Aspekt meiner Romane eher unter: das, was in Monika Schmitz-Emans Enzyklopädien des Imaginären als Lexikofiktion umschrieben wird, also das Pendeln zwischen den Lev Manovich’schen Polen „Datenbank“ und „Narration“.

Beim Schmöckern in Mamczack/Jeschkes sehr empfehlenswerten Jahrbüchern Das Science Fiction Jahr (in dem Fall 2007) stieß ich nun auf einen Artikel über Slipstream. Endlich, so frohlockte ich zunächst, das könnte passen! Slipstream, der auf einen Artikel des Cyberpunk-Autors Bruce Sterling zurückgeht, schien mir eine neue, einfachere Begriffstür aufzumachen; im Deutschen Literaturdiskurs natürlich bisher so gut wie unbekannt, weshalb man die englische Wikipedia bemühen muss:

Slipstream is a kind of fantastic or non-realistic fiction that crosses conventional genre boundaries between science fiction/fantasy and mainstream literary fiction.
The term slipstream was coined by cyberpunk author Bruce Sterling in an article originally published in SF Eye #5, July 1989. He wrote: „…this is a kind of writing which simply makes you feel very strange; the way that living in the twentieth century makes you feel, if you are a person of a certain sensibility.“ Slipstream fiction has consequently been referred to as „the fiction of strangeness,“ which is as clear a definition as any others in wide use. Science fiction authors James Patrick Kelly and John Kessel, editors of Feeling Very Strange: The Slipstream Anthology, argue that cognitive dissonance is at the heart of slipstream, and that it is not so much a genre as a literary effect, like horror or comedy.
Slipstream falls between speculative fiction and mainstream fiction.
While some slipstream novels employ elements of science fiction or fantasy, not all do. The common unifying factor of these pieces of literature is some degree of the surreal, the not-entirely-real, or the markedly anti-real.

Forscht man ein bisschen weiter, stößt man auf diverse Listen von Autoren und Werken, die sich dem Slipstream zuordenen lassen, z.B. hier und hier. Und wirklich würde ich vieles dort Genannte auch zu meinen Lieblingen oder Vorbildern rechnen: Auster, Ballard, Borges, Burroughs, Calvino, Danielweski, DeLillo, Eco, Gaddis, Gibson, Kafka, Kroker, Lethem, Murakami, Perec, Pynchon, Ruff, Rushdie, Vonnegut, Wallace uvm.

Dann stieß ich aber noch auf einen zweiten Begriff: den New Fabulism. Der soll Texte umschreiben, die eine aktualisierten, un-lateinamerikanischen Magischen Realismus pflegen. Ging es Sterling darum, Slipstream-Texte von „klassischen“ SF-Texten (also den seinen) abzugrenzen, da sie sozusagen parasitär in deren „Windschatten“ mitsurfen, definiert der New Fabulism das Feld eher aus der anderen Perspektive: Als Einbruch phantastischer Genre-/Mainstream-Autoren in das Feld „gehobener“ Belletristik.

Neu zu fabulieren gefällt mir schon sehr viel besser, als eher defizitär in irgendjemands Windschatten zu schreiben (abgesehen vielleicht eben von dem Herbstschen, allerdings kannte ich den noch gar nicht, als ich mit den Wechselwetterwolken– anfing). Denn New Fabulism könnte doch ganz einfach heißen: Es geht ums Geschichtenerzählen, also erfinden, und dafür sind alle Mittel recht, unabhängig von den Grenzen irgendeines „Realismus“. Und es geht darum, das eben „neu“ zu tun.

Aber mal ehrlich: So „neu“ ist dieses neue fabulieren ja gar nicht. Eher ein archaisches Revival in einem neuen Technikgewand. Und sowohl Slipstream als auch New Fabulism sind als Genre-Bezeichnungen verdammt unscharf. So kommt auch Eric Rosenfeld zu dem Schluss:

„Slipstream,“ „New Wave Fabulism,“ I don’t like these terms. „Slipstream“ sounds geeky, and „New Wave Fabulism“ is unwieldy and weird. More to the point, fiction doesn’t need to be pigeon-holed, and pigeon-holing only encourages parochialism, which is how we got into this mess in the first place. There’s certainly nothing wrong with communities of like-minded people, but I’m sick of all this us-and-them crap. There has always been the fantastic outside of the SF ghetto; it’s not that we need to erase the borders, it’s that the borders never really existed in the first place.

Auch Doris Lessing, so liest man im selben SF-Jahrbuch auf S. 214, hat

in vielen Interviews betont, dass sie die Phantastische Literatur für die „eigentliche Tradition der Menschheit“ hält. „Früher war >Literatur< ja das Erzählen von Geschichten, von Mythen und Märchen. Aber die realistische Tradition hat bei manchen Menschen die Vorstellungskraft begrenzt, sodass sie Metaphern und Mythen einfach nicht mehr verstehen. Sie können damit nicht umgehen.“ Beim Schreiben greife sie auf „sehr, sehr alte Symbole zurück, die in unserem Unterbewusstsein verankert sind.“

Und in eben dieser Tradition ist auch die Enzyklopädische, die Zersplitterung der großen Menschengeschichte und Wissens-/Erfahrungsansammlung in viele kleine Mythenfragmente, Möglichkeitsfelder und Autorenpositionen immer schon enthalten. Somit auch das, was ein Herbstscher Kybernetischer Realismus mit seiner Möglichkeitenpoetik heute durch das Netz zu Recht wiederauszugraben und weiterzuschreiben versucht. Ich werde also weiterhin, wenn’s schon ein Label braucht, auf dem schlichten „Phantastik“ bestehen. Auch wenn heute den wenigsten klar ist, das SF und Fantasy eigentlich nur Untergattungen bzw. Absplitterungen sind und die Begriffe synonym gebrauchen.

Man kann es aber natürlich auch einfach „Fiktion“ nennen.

Nachtrag um 18:48:

Spannend wär’s aber schon, so eine „Slipstream“-Liste wie die beiden oben nur für Deutsche Literaten/Texte zu erstellen. Wer wär dort drauf? Spontan: Dath, Herbst, Kracht, Krausser, Schmidt, Ransmayr, Klein? Und wer noch? Freu mich auf Antworten!

Nachtrag am 17.08.

„Man könnte sagen, dass die fantastische Literatur beinahe eine Tautologie ist, denn alle Literatur ist fantastisch.“ (J. L. Borges)

In jedem Fall kommt Literatur heute, in Zeiten des realexistierenden Fiktionalismus, nicht um das Phantastische herum. Denn dieses verbirgt das Fiktionale nicht, sondern macht es in seiner Inszenierung überhaupt erst durchlässig für Erkenntnis. Realismus indes macht blind für die Wahrheit.

Nachtrag am 12:11:2013

Dort spreche ich auch von Neon-romantischen Pop oder Nur relativ neuer aber irre relevanter Irrealismus. Vor allem Letzter gibt einen schönen Konter gegen den  realexistierenden Fiktionalismus ab.

Nachtrag am 02:04:2016

Vielleicht ist bei einfach nur „Fiktion“ oder „Phantastik“ zu bleiben eben doch nicht richtig. Da fehlt mir doch etwas die Präzision im Hinblick auf das, worum es mir im Hinblick auf   meine Gegnerschaft zum commercial realism/Kapitalistischen Realismus und der Debatte  um einen  neuen Realismus in Philosophie und Theater geht. Es ist kompliziert … Ich werde von daher von jetzt ab von  complifiction sprechen. Ja, bewusst der englische Ausdruck. Und was das nun meint: Dazu später mehr in einem Extra-Artikel.