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UNjournalismus in „Theater Heute“

In der Ausgabe #7, Juli 2011, von Theater Heute, werde ich im leitenden Themen-Artikel „Fahrendes Volk“ von Bernd Noak – nach Statements von Bühnenverein-Präsident Klaus Zehelein zur Situation der Landesbühnen – wie folgt zitiert:

Das kann man so sagen, und ein Praktiker, Steffen Popp vom Rheinischen Landestheater Neuss, pflichtet Zehelein auch etwas angestrengt theoretisierend bei. Für ihn bedeutet „Landesbühnentätigkeit ein Stück Herkunft, also Heimat, Mut zur Provinz! Zukunft entsteht an den Rändern. In einer Zeit kulturpolitischen und aufmerksamkeitsökonomischen Fokussierung auf die Zentren sowie zunehmender Bewegungsunfähigkeit der kommunalen Haushalte sind die trotz alledem durch die Landesbühnen geschaffenen Möglichkeiten, ästhetische Erfahrungen auch in >abgelegenen< Gegenden machen zu dürfen, mehr denn je zu verteidigen.“

Das ist zwar richtig abgeschrieben, unterschlagen wird jedoch, dass ich die Landesbühnen in ihrer derzeitigen Form auch für reformbedürftig halte. Inwiefern gernau will ich hier gar nicht weiter ausführen. Sondern nur den Beleg führen für bewusste Journalismus-Schlamperei. Denn nicht nur, dass es in dieser Montage so aussieht, als hätte ich eine Art Gespräch mit Zehelein geführt. Es wird auch unterschlagen, in welcher Eigenschaft und in welchem Kontext ich diese Aussage getätigt habe: als gelegentlich an Landesbühnen inszenierender Regisseur, in dem Fall konkret schriftlich für das Programmheft des Landestheaters Detmold, das im Rahmen der Landesbühnentage von allen Eingeladenen ein schriftliches Statement angefragt hatte. Aber die Unterschlagung von „Regisseur“ und genauer Zitatherkunft und der Verbindung mit Zehelein entspricht genau der gesamten Agende des Artikels, nämlich die Landesbühnen“praktiker“ als zwar schwerst schuftende, aber namenlos-idealistische Roadies darzustellen, die sich eigentlich nach nichts mehr sehnen, als den Provinzturnhallen zu entkommen, und sich den zwar arbeitslosen, aber glamourösen Berliner Kollegen hinzugesellen zu dürfen. Von dem Bild der Landbevölkerung, die der Artikel vermittelt, mal ganz zu schweigen. Und natürlich steht den Landesbühnentätigen keine intellektuelles Theoretisieren zu. Denn dies, so möchte Noak unterstellen, soll dann ja nur dazu dienen, die arme tägliche Praxis draußen bei den Hinterwäldlern künstlich aufzuwerten. Also Anstrengung überall an den armen Landesbühnen; das, immerhin, verdient doch ein väterliches Schulterklopfen vom Gala-Blatt der deutschen Theaterszene.

Schade um die verpasste Gelegenheit, den in der Tat manchmal wenig glorreichen Landesbühnenalltag, der wirklich gelegentlich vor Publikum stattfindet, dessen Seherfahrungen irgendwo in den 60ern steckengeblieben zu sein scheint, dennoch klischeefrei und zugleich kritisch zu beleuchten. Diese Geschichte jedenfalls, liebes Theater Heute, war eher die reißerische Guido-Knopp-Version. Mit einem Stück Lonesome Cowboys auf dem Weg aus der Stadt in den staubigen Sonnenuntergang der Steppe.

Kollegen von der Landesbühne Bruchsal, auf die der Artikel sich konzentriert, berichten übrigens von teils noch dreisterer Entstellung ihrer Statements. Mal sehen ob die Theater Heute deren Leserbriefe in der nächsten Ausgabe abdruckt. Übrigens nimmt es der Autor auch mit dem Urheberrecht nicht so genau, wenn Fotos, die Kollegen aus Bruchsal zur Verfügung gestellt haben, plötzlich den Copyright-Vermerk einer Theater Heute-Fotografin tragen.

Theater Heute, leider hast du mir wieder bestätigt, warum ich dich selbsternanntes Königsblatt des Deutschen Theaters noch immer nicht abonniert habe, obwohl das in Kultiversums-Kreisen ja quasi meine Berufspflicht ist. Lesen tue ich dich von nun an allerdings noch seltener als eh schon.