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Künstler – was die tun, kann man nicht Arbeit nennen.
Gustave Flaubert: Wörterbuch der Gemeinplätze. Zürich. Hafmans, 1998

Hallo, hier spricht der Autor! Damit ich auch mal für 15 Minuten hier vorkomme! Damit hier auch mal ein Mann vorkommt! Noch stellen wir schließlich die Mehrheit auch in der Kreativwerkbranche! Okay, eigentlich ja der Herr vom KBB. Künstlerisches Betriebsbüro. Also Verwaltung. Durch mich gehen eigentlich so alle Abläufe hindurch. Im Theater funktioniert das nämlich gar nicht anders als bei Toyota. Nur liefern wir nicht kontinuierlich Qualität wie die, warum auch immer. Aber was ich sagen wollte: Nebenbei bin ich eben auch wirklich kreativ! In der Verwaltung gehen ja eine Menge Geschichten durch mich durch. Und die gehen dann eben auch manchmal mit mir durch und werden zu was Kreativem. Sie haben sicher schon von mir gehört. Naja, eben eigentlich wahrscheinlich nicht von mir! Weil ich es irgendwie verschwitzt hab, mir den Namen an mir selbst zu sichern. Wieso hat mir das keiner gesagt, dass den einfach jeder kopieren kann! Bloß weil ein anderer schon früher einen Namen sich gemacht hat, also eben nicht irgendeinen, sondern denselben, meinen! Deshalb kann ich jetzt nicht mehr unter meinem eigenen Namen Autor sein! Wie soll ich das jetzt lösen, wenn alle heute wollen, dass man jederzeit man selber ist! Und zwar authentisch identisch. Sonst stimmen ja die ganzen Daten auch nicht mehr und man kriegt ständig die falsche Werbung! Das geht doch nicht, das bringt doch alles durcheinander! Meinen Namensraubkopierer jedenfalls, den kennen Sie bestimmt, der schreibt auch für die FAZ und so. Das hat mir irgendwer zu spät gesagt, dass man da erst einmal eine Aufmerksamkeitsschneise für den eigenen Namen schlagen muss. Also dass die sich nicht von selber schlägt, wer war das, der mir das nicht gesagt hat! Bei Toyota wär‘ ein solches Informationsmißmanagement nicht akzeptabel! AUSREDEN SIND UNNÖTIG! Leistungsschutzrecht heißt das doch: also wieso wird meine Leistung nicht von selbst geschützt, zusammen mit meinem guten Namen! Ich bin doch ein Talent, hat man mir schon oft gesagt! Wieso reicht das denn auf einmal nicht? Der Kehlmann’s Daniel z.B., der hat das auch einmal gesagt, dass der ohne die Werbung kein Bestseller geworden wär‘. Fand ich mutig. Sonst kenn ich das ja schon von den Kollegen, dass das ein jeder weiß, aber einem keiner sagt. Nur was der Kehlmann dann über’s Regietheater gesagt hat, das fanden die Kollegen dann wieder nicht so gut. Okay, das wusste er halt nicht besser. Jedenfalls hab ich herausgefunden, dass da sogar noch zwei andere mit meinem Namen unterwegs sind. Einfach so! Ein Krimiautor aus der Schweiz und ein Moderator beim Hitradio. Da hatte ich dann diese Idee, dass wir alle uns den Namen einfach teilen. Also so tun, als wär’n wir eins, aber überraschend zur selben Zeit an unterschiedlichen Orten auftauchen und damit soviel Aufmerksamkeitsschneisen schlagen, dass der Markt so richtig aufgemischt wird mit unseren Werken. SAMMLE IDEEN VON VIELEN VERSCHIEDENEN PERSONEN! Aber die wollten nicht. Ja, wieso wollten die denn meinen Namen nicht mit mir teilen! Was haben die denn für eine blöde Idee vom Individuum! Das hat es doch noch nie gegeben, das ist doch alles Lüge! Wieso haben die noch immer diese Vorstellung von ihrem Ich, jetzt, wo wir sowieso alle vernetzt sind! Okay, wenn ich das sage, bin ich natürlich nicht der Herr vom KBB. Aber der wär‘ ich gern. Weil der immer alle so gut vernetzt. Weil ohne den nix geht. Weil der schon von vorneherein im Mittelpunkt steht. Und weil der auf seinen Namen pfeift. Weil die Kreativkollegen auch so nach seiner Pfeife tanzen. Na jedenfalls: Die Zeit wird meinem Namen schon noch einholen! Oder zurückholen. Mein Name, der wird kommen! Ich arbeite einfach weiter und solange arbeitet die Zeit eindeutig für mich! Meine Werke, meine ich. Ich hätte es nur gleich wie Toyota machen sollen! Eigentlich müssten die nämlich Toyoda heißen, so wie die Firmengründer. Aber die war’n so schlau, sich einen Künstlernamen zu verpassen. Einen, der fast genauso, nur ein bisschen besser klingt. Die haben das Problem, zugleich sie selbst sein zu müssen aber nicht zu können, clever gelöst. PROBLEME SIND MÖGLICHKEITEN! Aber was ich überhaupt eigentlich hier mal sagen wollte … Also jetzt dramaturgisch, denn auf meiner Kanban-Tafel (für Nicht-Japaner: To-Do-Liste) steht, dass das an dieser Stelle unbedingt einmal gesagt werden muss: Wir Kreative dürfen uns eigentlich nicht klagen! Das waren doch immer unsere Forderungen: das mit der Authentizität Emanzipation Autonomie! Dass es jetzt nicht mehr „Darf ich?“, sondern „Kann ich?“ heißt, das ist doch unsere Errungenschaft! Kunst kommt von Können! Also das haben die 68er Lebenskünstler der ganzen Suppe eingebrockt! Ja, die schon wieder! Die haben das System wirklich verändert! Das hätten die selbst ja nicht gedacht! It’s the feedback, stupid! Und jetzt wundern sie sich, dass man mit Können allein heut‘ nix mehr verdient! Aber die sind damit ja nicht allein. Sind wir nicht alle ein bisschen retro Metro Captain Future! Auch wir gnadenlos Spätgeborenen! Das sind wir alle, alle, alle! Und jetzt will diese Suppe uns auf einmal nicht mehr schmecken? Ham‘ wir sie noch alle? Da würde ich auch nicht mehr ins Theater gehen. Da haben wir den Salat! Ehrlich, ich guck mir das ja selber kaum noch an. Was wollen wir denn nun? SUCHE EINE EINFACHE LÖSUNG, NICHT DIE PERFEKTE! Oder mal von den Werken her betrachtet, damit da nicht ständig so ein saublödes Subjekt die Sicht darauf verstellt: Nur aus der Beschränkung, sagt man ja, entsteht Kreativität. Wenn jetzt also bald alle Kreativwerker werden, dann ist doch klar, dass alle sich beschränken müssen. Eng wird es ja schon mal sowieso. Wer die Kreativgesellschaft will, der muss doch auch den flexiblen Menschen wollen! Der kann doch nicht einfach so tun, als sei das ein Riesenponyhof ein großes Zuckerschlecken die Rettung für den Standort Deutschland usw. Als der kann doch nicht ernsthaft nicht prekär sein wollen! Da wird der doch völlig unglaubwürdig, der Theatermacher. VERGISS STARRE VORSTELLUNGEN! Schlanke Produktion, schon mal gehört? So nennt das Toyota. Seit 1977, einem Jahr nach meiner Geburt. Also wenn die nicht unter Druck und Not entstehen, die Kreativwerke, dann taugen die doch nix! Woher haben wir denn die z.B. von unserem Herrn Kleist? Doch nicht, weil’s dem so gut gegangen ist!. Dann wär’n die Werke ja nur Kleister, Massenware. Dann wär’n die ja nur Handwerk, wie sie es früher schon nur waren! Handwerk, ja! Von dem wir zwar immer sagen, dass es das auch braucht, nicht nur Talent. Aber von dem wir doch eigentlich dachten, es sei schon beinah‘ ausgestorben. Also das wir doch eigentlich irgendwie verachten. Das wir doch abschaffen wollten auch irgendwie. Das kann man doch nicht ernsthaft wollen: zum Kunsthandwerk zurück! Dann wär‘ die Kreativität ja nur noch Technik! Wie kann das denn sein! WIEDERHOLE „WARUM“ 5 MAL! Kunstwerke, als so richtig kreative, und Fortschritt und Friedefreudeeierkuchen, dazwischen muss man sich vielleicht entscheiden, dass muss gesagt werden dürfen hier! Und hört mir bloß mit eurem Grundeinkommen auf! BENUTZE DEIN HIRN, NICHT DIE GELDBÖRSE! Japanische Arbeiter sind die Überstunden doch auch gewohnt! Mit ihrer Freizeit wüssten die doch gar nix anzufangen. Erzähl denen mal von der Idee! Sowieso sollten wir das Kreativwerken dann lieber gleich den Maschinen überlassen. Dann kann auch keiner mehr kommen und behaupten, 09/11 sei die größte Kunst! Dafür hätten sich die Flugzeuge dann schon selber steuern müssen! Wir sehen doch an Fukushima, was passiert, wenn wir die Technik allein dem Menschen überlassen! Also dann muss man schon konsequent sein. Deshalb gibt’s in Japan schon solche Roboter, Actroids heißen die. Die werden uns ersetzen. BESSERE FEHLER SOFOR AUS! Algorithmen schreiben die Texte, die Actroids dann performen. Und heraus kommt Turandot oder Madame Butterfly. Das ist nämlich das ganze Missverständnis: Wer kreativwerkt, arbeitet eben nicht! Nur das Werk selbst tut das. Wie wollt ihr sonst diese horrenden Preisspannen erklären! Also darf und muss man den selbsternannten Kreativhandlangern das Handwerk legen! Werke entstehen ab jetzt nur noch im Maschinenpark! Die sind dann wenigstens kein Fake. Die Autobauer können es doch auch! Und die sind doch die Einzigen, die an wirtschaftlicher Bedeutung überhaupt noch mit uns konkurrieren können. Von denen ausgerechnet lassen wir uns links überholen? Wir schaffen das auch ohne Abwrackprämie! Also ich meine, bei denen funktioniert der Wandel doch. Da wird doch alles besser. Kai-zen heißt das da so schön wie eine richtig richtig alte Weisheit: Wandel-Zum-Besseren. Und da machen alle Mitarbeiter mit! Da sagt keiner, dass er nicht mitmacht, weil er schon einen Namen hat! Und da wird unnötige Verschwendung auch einfach weggelassen! Und was ist dagegen die Philosophie der Kreativen? Entweder: Verschwende dich! Denn wer sich vergeudet, glaubt, er handle unökonomisch. Erzähl das mal unseren Ressourcen! Oder eben: Wu-wei – Handeln durch Nichthandeln, geschehen lassen, nicht eingreifen, kreative Passivität … Kein Wunder, dass man so auf der Stelle tritt, dass man so nicht hinterher kommt mit dem Fortschritt! Also, wenn man für solcherart erstellte Kreativwerke auch noch Geld verlangt, dann stimmt da doch was nicht! Wenn man sich an China und nicht an Japan orientiert. An Karōshi, dem Über-Arbeiten-Tod, stirbt man mit Wu-wei sicher nicht! In Japan sterben die ziemlich oft da dran. Eben deshalb Maschinisieren die alles, was nicht bei drei schon auf den Bäumen ist. Ja, auch die Kreativhandwerker! Müssen denn wirklich alle guten Ideen von Toyota kommen? Deutschland ist das Ideen-Land! Aber wieso denn immer nur derjenigen von gestern! Toyota-Autos begeistern mich nun schon seit 12 Jahren! Seit Neuestem fahre ich den Prius, also Voll-Hybrid. Seht ihr, da arbeiten auch zwei Motoren unter demselben Namen! Das hat mich überzeugt. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich mit meinem Öko-Vehikel nicht auch wieder nur in so einer neuen Aufmerksamkeitsschneise fahre. Aber 4,5 Liter Verbrauch und nur 103g CO2-Ausstoß, doch, das hat mich überzeugt. ES GIBT KEIN ENDE FÜR VERBESSERUNGEN! Aber in Deutschland will das Auto keiner haben! Obwohl das sogar Spracherkennung hat: Selbst an Migranten haben die gedacht! Hallo, hier spricht dein Auto, begrüßt es mich. Dann wartet es auf meine Antwort. Und bevor ich etwas Dummes sagen kann, da sagt es: Deine Zeit ist um!

[Der Text ist eine Deleted Scene aus ICH FINDE ES GUT, DASS IM THEATER ALLE UMSONST ARBEITEN. DA IST MAN DOCH GERNE DABEI.]