Wenn Theater nur im Theater als Theater…

Das hier ist jetzt auch schon fünf Jahre alt, und heute würde ich das natürlich anders schreiben – aber vielleicht interessiert es ja noch irgendjemanden:

Bisher hieß es ja, wir lebten in einem zweiten Mittelalter. Seit mit dem Fall der Mauer das Wort vom Ende der Geschichte die Runde machte, sprach auch einiges dafür. Man denke nur an die Raubritter und Gralssucher des Internet und der Banken. An die Zersplitterung des Glaubens in unzählige lokale Lehren und Gottheiten. Die Feudalherrschaft der ersten Welt. Den Pranger im Nachmittagstalk. Die Angst vor der Y2k-Bug-Apocalypse.
Das war in den 90ern. Mittlerweile schreiben wir anno domini 2003, der Spaß scheint vorbei und vieles dafür zu sprechen, dass wir das Mittelalter hinter uns lassen – für einen zweiten Barock.
Soviel zu der These, Geschichte kenne keine Wiederholung. History strikes back – mit aller Deutlichkeit. Wie lange nicht mehr lebt der homo oeconomicus im Angesicht seiner Vergänglichkeit und in Sorge um die Zukunft. Vanitas, „Nichtigkeit“ nannte man das damals, heute stehen dafür so poetische Wortneuschöpfungen wie Haushaltskonsolidierung, Insolvenzverwalter, Reform der Reform oder Achse des Bösen. Memento mori! rufen uns 11. September und Irakkrise entgegen, Memento hori! möchte man antworten.
„Pérole bârocka“, die unregelmäßige Perle, bezeichnet den von rückwärtsgewandten Zeitgenossen damals als allzu artifiziell empfundenen Schwulst der neuen künstlerischen Prämissen. Um baroque zu sein, reicht es nämlich nicht, einfach nur Trübsal zu blasen. Wenn schon alles den Bach runtergeht, dann aber bitte mit Schmackes und bis zum Exzess. Ablenkung heißt die Devise – das ungezügelte Streben nach Pathos, Pomp und Prahlerei soll sie garantieren. Vom Theater wird nur noch gebraucht, was unsere Nichtigkeit vergessen lässt. Also weg mit den Nachwuchsfestivals, weg mit den Off-Bühnen, weg mit den Schauspielsparten am Stadttheater! Oper ist angesagt, das immerwiederkehrende Phantom, die Königskunst und Kunst der Könige!
Einige schnell reagierende Theatermacher haben aus Notwehr damit angefangen, nur noch Nicht-Schauspieler zu engagieren oder eine Sitzung des Bundestags von einfachen Bürgern synchron nachsprechen zu lassen, wie zuletzt die Gruppe „Rimini Protokoll“ mit Deutschland 2. Alle anderen üben die Selbstinszenierung in Ich-AGs, jeder seine eigene Bühne.
Eigentlich kontraproduktiv, denn es spielt nur der allgemeinen Tendenz in die Hände. Die nämlich kann sogar auf die Oper verzichten und erst recht auf die Spielstätten, da Theater ja schon längst woanders stattfindet: im Bundesrat (die CDU/CSU empört sich), im Wahlkampf (TV-Duell bei dem niemand blutet), in den Zeitungen (die Walser-Debatte, die Möllemann-Debatte) und UNO-Gremien (Amerika versucht seine guten Absichten zu beweisen). Der Weg aus der Krise der kommunalen Haushalte: Schließt alle Theater und macht Phoenix ersatzweise zum Pay-TV-Sender.
Guy Debord hat es schon vor Jahren in seinem Pamphlet „Die Gesellschaft des Spektakels“ kommen sehen: Aus dem großen Welttheater gibt es kein Entrinnen. Die Welt ist eine Bühne, aber seit Gott für tot erklärt wurde, gibt es nicht etwa keine Regie mehr, sondern unzählige Möchtegern-Inszenatoren. Der richtigen Blickwinkel auf die Ereignisse hingegen bleibt einzig den Sonnenkönigen vorbehalten, die in der Fürstenloge den Genuss der perfekt austarierten Zentralperspektive erleben dürfen.
Die umfassende Spektakularisierung aller Lebensbereiche, die Verschmelzung theatralen und gesellschaftlichen Rollenspiels war eine notwendige Selbstrechtfertigungsstrategie des heraufziehenden Absolutismus. Schließlich kann es nichts schaden, sich als Bundeskanzler mit dem Nationalschriftsteller in Talkshows zu zeigen oder mit dem Lieblingsdramatiker beim Dinner ablichten zu lassen. Politiker haben ein Herz für Künstler! Dumm nur, dass Theater in den seltensten Fällen demokratisch ist. Wen stört’s – wo der Schwerpunkt auf Schauwerte, dem ornamentierten Bild für die Masse liegt, kann so etwas schon mal zum Neben(kriegs-)schauplatz verkommen.
Noch der Renaissance galt dem Wort die zentrale Huldigung. Wo aber ist eigentlich die Renaissance der Renaissance geblieben? Scheint als hätten wir Sie ausgelassen. Immerhin: sollten wir im Zuge der allgemeinen Beschleunigung nur eine erneute Umdrehung jeder zweiten oder dritten Epoche schaffen, bleibt uns eine aufgeklärte Aufklärung und ein neues bürgerliches Trauerspiel erspart.
Freuen wir uns also auf eine zweite Romantik. Die nämlich könnte die (Er-)Lösung bringen: Entweder befreit sie uns im Zuge einer neuen Schauergeschichten- und Romanbegeisterung konsequent und endgültig von all dem Theater und lässt nur noch ein paar armselige Hinterhof-Melodramen überleben (der Erfolg von Dieter Bohlens „Nichts als die Wahrheit“ könnte schon ein erstes Anzeichen hierfür sein), oder sie beschert uns einen zweiten Kleist mit einem neuen Amphitryon, in dem wir am Ende wie Alkmene mit einem dahingehauchten „Ach!“ aus der Ohnmacht erwachen, in die wir nach all den Täuschungen gesunken waren.
Das optimistische Fazit kann nur lauten: Wenn Theater nur noch im Theater als Theater, das sich seine Zuschauer freiwillig ansehen, möglich scheint – wäre das nicht eine große Chance des Theaters?

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