Das Zuvorkommende (VII): Das UNverhoffte der Kunst

Es geht um eine Kunst, die Anfänge anzeigt, wo Nihilismus herrscht, eine Kunst, die Modelle zuvorkommender Freiheit vor Augen führt und trotz allem, was dagegen spricht, eine anfängliche Entscheidung aufruft, eine immer wieder »erste Sprechweise, eine der Frage vorausgehende, zuvorkommende Antwort, Verantwortung für den Nächsten, die durch ihr ›für-den-Anderen‹ das ganze Wunder der Gebens ermöglicht.«
Das Zuvorkommende, diese Geste der Verantwortung eines in sich zerrissenen anfänglichen Sprechens, ist das Unverhoffte der Kunst. Kunst ist eine jeder Frage zuvorkommende Antwort für den Anderen.

 

Das ist die Kunst, und einzig darin ist sie nach wie vor irreduzibel, daß heißt anders als alles andere. So schön, böse und zerrissen, so gewissenlos ethisch sie auch immer sein mag und auch sein muss, um ein zuvorkommender Anfang werden zu können, und so sehr der Anfang, den sie anzeigt, immer auch Rückkehr in ihren anfänglichen Widerstreit ist: ihr Unverhofftes ist eine nicht nur schöne, sondern auch nicht-böse Gabe befreiter Nicht-Indifferenz. Und da, wo sie ein solches Wunder des Gebens ermöglich, ist Kunst, dieses ideelle Unmenschliche des Sinnlichen, mehr als ein ästhetisches Ereignis ihres Betriebs im globalen Museum alles Möglichen – der Faktizität des Kapitals.
Wilfried Dickhoff: Das Zuvorkommende. Eine Kunstkritik. Zürich-Berlin: Diaphanes, 2009, S. 53 und 55

Siehe auch UNerklärliche Kunst und, um den Bogen zurückzuschlagen: UNkunst.

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