UNKunst

Es gab keine Parks im Stadtzentrum von Nio, Grund und Boden waren zu kostbar, sie für Annehmlichkeiten zu verschwenden. Er geriet tiefer in die breiten, glitzernden Straßen, durch die er schon so oft geführt worden war. Er kam zur Saemteneviastraße und überquerte sie hastig, da er eine Wiederholung des Alptraums vermeiden wollte. Jetzt war er im Bankenviertel. Banken, Bürogebäude, Verwaltungsgebäude. War ganz Nio Esseia so? Riesige, glänzende Kästen aus Stein und Glas, enorme, prunkvolle, überdimensionale Pakete, leer, leer.
Als er an einem Erdgeschoßfenster mit der Aufschrift Kunstgalerie vorbeikam, trat er ein, weil er glaubte, er könnte der moralischen Klaustrophobie der Straßen entkommen und Urras’ Schönheit in einem Museum wiederfinden. Aber alle Bilder in dem Museum waren mit Preisschildern an den Rahmen versehen. Er betrachtete einen kunstvoll gemalten Akt. Auf einem Schild stand 4.000 IWE. “Das ist ein Fei Feite”, sagte ein dunkler Mann, der lautlos an Sheveks Ellbogen auftauchte.”Vor einer Woche hatten wir noch fünf. Der größte Hit auf dem Kunstmarkt seit langem. Ein Fete ist eine sichere Investition, Sir.”
“Von viertausend Einheiten können in dieser Stadt zwei Familien im Jahr leben”, sagte Shevek.
Der Mann sah ihn an und sagte gedehnt: “Ja, Sir, dies ist eben Kunst.”
“Kunst? Ein Mensch macht Kunst, weil er muß. Warum wurde das gemacht?”
“Sie sind Künstler, nehme ich an”, sagte der Mann jetzt unverhohlen unverschämt.
“Nein, ein Mann, der Scheiße erkennt, wenn er sie sieht!” Der Kunsthändler wich zurück. Als er außer Sheveks Reichweite war, sagt er etwas von Polizei. Shevek verzog das Gesicht und verließ die Galerie.(Ursula K. Le Guin: Die Enteigneten. Bellheim: Phantasia Paperback, 2006, S. 194)

Siehe auch UNerklärliche Kunst.

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