UNtellektuell

Jetzt auch noch das: Muss sich der UNtellektuelle von den wenigen, die ihn überhaupt noch verstehen, schon häufig den Vorwurf gefallen lassen, seine in langen, gedankendurchschwitzten Nächten mühevoll auf die Welt gezerrten Kopfgeburten seien unoriginiell (siehe hier) ereilt ihn jetzt auch noch die Schelte, mitschuldig zu sein an der allgemeinen geistigen Enge in unserer Republik. Man müsste Daniel Kehlmann Respekt für seine Kritik an den Regietheaterkollegen zollen – allein für den Mut, als eingestandener Fachfremder zwischen all den -Idioten trotzdem eine eigene Meinung zu vertreten. Leider aber war jene in der Tat, erraten: ziemlich altbacken-unoriginell; zudem naiv, gar – ich sag es jetzt mal schrumpfförmig-linksintellektuell: reaktionär. Das Echo zwischen Applaus und Schelte aus den bekannten Fraktionsecken (mit Ausnahmen wie hier) aber eben auch nicht gerade neu. In Zeiten der K-Wort-Dreifaltigkeit aus Kommerz, Kontent und Konsens zeigt man eben gern mit dem Finger auf die anderen, wenn es mal wieder heißt, medienwirksam den allgemeinen Kulturverlust zu beklagen. Fehlt nur noch, dass, sagen wir: Schlingensief zur nächsten Buchpreisverleihung (die wenigstens möchte Kehlmann zurecht abgeschafft sehen) fordert, die Herren Betriebs-Schriftsteller mögen doch bitte nicht mehr so viel Autorenliteratur schreiben, man müsse doch auch einen weltlicheren Zugang zur Welt gelten lassen, damit nicht immer Alltags-Experten wie Dieter Bohlen und andere Seichtgebiet-Surfer für all die zu unrecht Ungelesen in die Bresche der Bestsellerlisten springen müssen. Hm, obwohl: Schlingensief wäre da vielleicht doch der falsche: dessen neues
Buch verkauft sich ja ganz gut. Und okay, manche erheben den Finger auch: wie jüngst wieder im Interview Günther Grass. Aber es sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben, das sowas in unseren blühenden Medienlandschaften nur noch jene Reaktionen provoziert (pc-Empörung, Kollegen-Häme oder am Schlimmsten: müdes Ablächeln), die jede wahre Debatte im Keim erstickt. Ist die Wirklichkeit mittlerweile selbst für Heidegger- und Adorno-Komplettversteher allzu komplex geworden? Oder warum wird sich da so oft vergalloppiert und hat es manchen offenbar schon völlig die Fachsprache verhagelt bis verschlagen? Hm. Was wollte ich jetzt eigentlich schreiben? Ach so, nee, irgendwie sind die doch auch selber Schuld, ne: Ist doch dumm, wenn einer wie Kehlmann ein Plädoyer für die Vielfalt halten will, dabei aber nur wieder die alte Leier des „Früher war alles besser“ herunterkurbelt. Oder wenn die Initiatoren des Heidelberger Appells gegen die imperiale Google-Galaxis rebellieren, dazu aber einer Vorstellung von Werkherrschaft das Wort reden, die das öffentliche Interesse derer, die Kunst und Forschung mitfinanzieren und tragen, elitär unter den Tisch fallen
lässt. Kein Wunder, dass bei so viel Selbstverliebtheit und
Verteilungskampf-Panik niemand mehr Zeitung lesen mag. Und nicht ohne Ironie, dass man beherzte Einsprüche gegen Zensursula und Vorratsdatenspeicherung eben jenen Netz-Nerds überlässt, die als Avantgarde der Vernichtung sämtlicher abendländischer Errungenschaften man selbst so gerne brandmarkt. Aber was soll der UNtellektuelle auch machen, bei im Zeitalter des Digitalen immer geringer werdenden Absatzzahlen? Nein, er hat es im Moment wirklich nicht leicht. Andererseits: hatte er ja noch nie. Oder doch? Ach was weiß denn ich. Aber schön, dass wir im Sommerloch mal wieder über was Wichtiges gesprochen haben.

Kommentar (1)

  1. Neues zum Problem der UNtellektuellen gibt es hier: